Meine Familie, ich und andere Katastrophen - Hans Christian Baum - E-Book

Meine Familie, ich und andere Katastrophen E-Book

Hans Christian Baum

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Beschreibung

Matthias ist 37 Jahre alt und in seiner Heimatgemeinde als Schürzenjäger bekannt. Die Frauen reißen sich regelrecht um ihn – gilt er doch als einer der reichsten und heiß begehrtesten Junggesellen im Dorf. Was niemand weiß, Matthias ist schwul und schürt nur entsprechende Gerüchte, damit er und seine Familie in der kleinen Gemeinde nicht in Verruf kommen. Schließlich trägt er eine schwere Bürde: Er ist einer der drei Söhne der örtlichen Großbäckerei. Am 95. Geburtstag seines Großvaters will Matthias endlich mit dem Theater Schluss machen und seiner Familie reinen Wein einschenken. Doch das ist nicht so einfach, wenn ihm niemand glauben will, der Tierarzt-Sohn sich unerwartet aufdrängt und sich die Probleme innerhalb der Verwandtschaft meterhoch anhäufen ...

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Seitenzahl: 607

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Baum

Inhaltsverzeichnis

Meine Familie, ich und andere Katastrophen (1)

Meine Familie, ich und andere Katastrophen (1): Mein Leben ist ein Kitschroman

Impressum

Über den Autor

Meine Familie, ich und andere Katastrophen (1): Mein Leben ist ein Kitschroman

1: Brüder und der Fluch des Internets

2: Kinder, Teenager und Erwachsene

3: Geburtstagswünsche, Familienkatastrophen und Bruderliebe

4: Geschwisterbanden, Geschwüre und der Fluch eines hübschen Gesichts

5: Dramaqueens, Gefühlsausbrüche und Diebstähle

Danksagung

Programm

Meine Familie, ich und andere Katastrophen (2): Vom Kitschroman zur Freakshow

Einfach weg – Nahrung für dein Fernweh

Holy Night – Familie zu verschenken

Winter im Frühling

Hans Christian Baum

Mein Leben ist ein Kitschroman

Teil 1

Gay Romance

Hans Christian Baum, Meine Familie, ich und andere Katastrophen: Mein Leben ist ein Kitschroman, Teil 1

© HOMO Littera Romy Leyendecker e. U.,

Am Rinnergrund 14, 8101 Gratkorn,

www.HOMOLittera.com

Email: [email protected]

Grafik und Gestaltung: Rofl Schek

Cover: Muscular model © Dmitry Kirichay by Adobe Stock

Switzerland © Ioannis Ioannidis by Pixabay

Bernese Mountain Dog © Manfred Burdich by Pixabay

Goldrahmen © MR1313 by Pixabay

Roses © Oberholster Venita by Pixabay

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages gestattet.

Handlung, Charaktere und Orte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die geschilderten Handlungen dieses E-Books sind fiktiv! Im realen Leben gilt verantwortungsbewusster Umgang miteinander und Safer Sex!

Originalausgabe: September 2019

ISBN PDF: 978-3-903238-39-8

ISBN EPUB: 978-3-903238-40-4

ISBN PRC/Mobi: 978-3-903238-41-1

ISBN Print: 978-3-903238-38-1

Über den Autor

Hans Christian Baum ist ein österreichischer Schriftsteller. Er schreibt unter einem anderen Pseudonym seit Jahren erfolgreich Horror- und Fantasygeschichten. „Survival Camp – Wild Adventure“ (erschienen in der Anthologie „Einfach weg“ bei HOMO Littera) war seine erste Kurzgeschichte im schwulen Bereich. Hans Christian lebt mit zwei Hunden und seinem Lebensgefährten in der Untersteiermark.

Veröffentlichungen bei HOMO Littera:

Einfach weg, Anthologie (2018)

Holy Night, Gay Romance (2018)

Meine Familie, ich und andere Katastrophen, Teil 1 (2019)

Meine Familie, ich und andere Katastrophen, Teil 2 (2019)

Das wahre Denkmal eines Mannes ist seine Tugend.

Aus Ägypten

Mein Leben ist ein Kitschroman

Brüder und der Fluch des Internets

1. Kapitel, in dem ich meinem kleinen Bruder einen Bären aufbinde, Alltagsgeschichten über „voll-möpsige“ Frauen lausche und unbewusst eine Katastrophe heraufbeschwöre.

Ich schlug den Kofferraum zu und verlagerte das Gewicht meiner Tasche im Arm. Stumm sah ich auf das riesige Wohnhaus vor mir. Trotz all der Umbauten im letzten Jahr sah es noch immer gleich aus. Die Baufirma hatte ganze Arbeit geleistet, als sie den Zubau auf den alten Baustil angepasst hatte. Durch Mutters grünen Daumen waren sämtliche Balkone und Fensterbänke mit Frühlingsblumen übersät. Es war Ende April und nachts war es noch viel zu kalt für die Blumenampeln, aber Mama hatte es sich nicht nehmen lassen, alle freien Kästen, Kübel und Kisten mit Grünzeug zu bepflanzen. Sobald es irgendeine Chance gab, Narzissen, Primeln, Tulpen und Co. anzusetzen, schmückte sie das Haus und den Garten damit. Logischerweise hatte sie auch den einen oder anderen Schnickschnack um das Haus angebracht. Einzelne Palmzweige steckten noch von Ostern neben der Haustür in einem Kübel. Manchmal fragte ich mich, wie sie die Zeit für all das fand – neben der Bäckerei und Konditorei.

Ich stieg die drei Stufen zum Eingang hoch und stellte meine Tasche ab, bevor ich den Klingelknopf drückte. Ein dunkles Dong-dong erklang aus dem Inneren. Normalerweise sollte Tobias von der Schule zu Hause sein. Ansonsten müsste ich vorne durch den Geschäftseingang oder durch die Konditorei ins Innere gehen – was ich immer gerne vermied. In der Konditorei herrschte freitagnachmittags reger Betrieb, die Chance, einheimischen Gesichtern zu begegnen, war ziemlich hoch – und damit auch die Wahrscheinlichkeit in ein belangloses Gespräch verwickelt zu werden.

Der Geschäftseingang zur Bäckerei wiederum führte mich direkt in die Arme meiner Eltern. Ich kannte meine Mutter, sie würde mich euphorisch über sämtliche Details meines Lebens ausquetschen – vor allem, wann ich endlich die richtige Frau fürs Leben fände. Nicht, dass sie das später nicht auch machte, aber dann hätte ich mich zumindest von der Anreise erholt. Mein Vater würde mich hingegen in die Backstube verfrachten. Kurz vor dem jährlichen Frühlingsfest war jede Hand von Nutzen.

Ungeduldig drückte ich noch einmal auf die Klingel. Es war halb vier. Tobias machte in rund einem Monat Matura1, er konnte mir nicht erzählen, dass er um diese Zeit noch in der Schule war. Wie ich ihn einschätzte, hatte er sich auf seinem Zimmer verschanzt und die Musik so laut aufgedreht, dass er die Klingel nicht hörte. Mich wunderte, dass seine Punk-Rock-Songs nicht bis nach unten in den Laden hallten und es deshalb Stunk gab.

Andererseits: Vielleicht hatte es das bereits, nur ich hatte davon nichts mitbekommen. Ich lebte in Wien, Mama und ich telefonierten zwar regelmäßig miteinander, aber ich war zu weit und vor allem schon zu lange von zu Hause weg, dass ich jedes Detail mitbekäme. Tobias war siebzehn, fast zwanzig Jahre jünger als ich, ein Nachzügler, wie man am Land sagte, dementsprechend schlecht kannte ich ihn. Ich war bereits ausgezogen und auf der Uni gewesen, als er zur Welt gekommen war.

Es tat mir leid, dass wir uns nicht näherstanden, aber sosehr ich mich auch bemühte, der große Bruder für ihn zu sein, so sehr waren wir uns fremd. Mit Max, meinem älteren Bruder, hatte ich ein besseres Verhältnis. Wir telefonierten regelmäßig miteinander, er und Michaela kamen mich mit den Zwillingen Lara und Larian auch regelmäßig besuchen. Aber Max und mich trennten nur zwei Jahre, wir hatten uns sogar eine Studentenwohnung geteilt, als wir beide auf der Uni gewesen waren. Manchmal fragte ich mich, ob Max ein besseres Verhältnis zu Tobias hatte. Obwohl noch mehr Jahre zwischen ihnen lagen, wohnte er mit Michaela und den Kids unter demselben Dach – mit ein Grund, warum letztes Jahr ausgebaut worden war. Ich hoffte für Tobias, dass Max ihm hin und wieder den Rücken freihielt, wenn er zu spät nach Hause kam. Als wir in seinem Alter gewesen waren, hatten wir uns gegenseitig gedeckt. Hoffentlich lebte Tobias nicht in einem Haus voller Erwachsener – ich wusste, seit Max selbst Vater war, war er strenger geworden.

„Mann, Tobias!“, murrte ich, schob mein Mitleid für ihn zur Seite und drückte den Klingelknopf durch.

Von drinnen erklang zum gleichmäßig hallenden Akustikton das Bellen von Rolf Rüdiger – ein sechzig Kilo schwerer Berner Sennenhund, den Tobias vor fünf Jahren nach der gleichnamigen Rattenhandpuppe des österreichischen Kinderfernsehens benannt hatte.

Rolf Rüdiger machte seinem Namen alle Ehre: Er war rotzfrech und faul wie ein Murmeltier. Als ich zu Weihnachten hier gewesen war, hatte ich ihn regelrecht aus dem Haus treiben müssen, damit er zumindest einen kleinen Spaziergang machte.

Ich linste durch den Glasverbau neben der Eingangstür, den Mama zum Teil mit gehäkelten Gardinen verhängt hatte. Dort, wo nichts war, erblickte ich Rolf Rüdiger, der zu mir nach draußen spähte.

„Hol Tobias!“, befahl ich und zeigte nach oben, in der Hoffnung, dass Rolf Rüdiger verstand und zu Tobias lief. Doch Rolf Rüdiger nahm Platz, legte den Kopf schief und sah mich verzückt an.

Faules Ding! Ich drückte abermals den Klingelknopf. Rolf Rüdiger erhob sich und begann wieder zu bellen. Wahrscheinlich tat ihm das sich ständig wiederholende Dong-dong in den Ohren weh.

„Aus! Rolf Rüdiger!“, hörte ich Tobias von drinnen. „Ich komme ja schon!“

Ich nahm den Finger von der Türglocke und seufzte schwer. Endlich!

Tobias sperrte auf und öffnete die Tür einen Spalt.

„Das wurde aber auch Zeit!“, meckerte ich, ohne ihn zu begrüßen, und schob ihn zur Seite. „Was hast du gemacht? Rumgeknutscht, oder wie?“

Rolf Rüdiger sprang begeistert an mir hoch und bellte aufgeregt. Ich stellte meine Tasche zu Boden und kniete mich zu ihm. Entzückt leckte er mir über das Gesicht. Ich grinste und sah zu Tobias hoch, während ich Rolf Rüdiger hinter den Ohren kraulte.

Tobias hatte den Mund aufgerissen, seine Wangenmuskeln wirkten verspannt. Farbe stieg ihm in das Gesicht. „Nein, Quatsch ...“, stotterte er, als hätte ich ihn tatsächlich beim Knutschen erwischt.

„Du hast Besuch?“ Ich drehte meinen Kopf Richtung Treppe und machte Anstalten nach oben zu laufen, um nachzusehen.

„Nein, ich bin mit ... Bernd allein. Wir ... lernen für die Matura.“ Tobias trat um mich herum – für den Fall, dass ich nach oben laufen würde, wäre er näher an der Treppe und könnte mir zuvorkommen, das war mir klar.

„Ihr lernt für die Matura? An einem Freitagnachmittag?“ Ich sah ihn grinsend an und erhob mich. „Bruderherz, diesen Bären kannst du Mama, Papa oder Oma aufbinden, aber nicht mir! Gib zu, ihr habt da oben irgendwelche unanständigen Dinge gemacht. Welches Mädchen ist es, das ihr heiß findet?“

Tobias wurde noch roter. Unsicher stieg er von einem Bein auf das andere, bevor er zu Boden blickte. „Nein, also ... ich ... wir ...“

Ich hatte ihn erwischt – eindeutig. „Ihr habt euch unanständige Dinge angesehen!“, sagte ich trocken. Tobias war siebzehn, wenn er ein wenig so war wie ich in seinem Alter, dann hatte er einen Tennisarm und war untenrum wund.

„Also ... na ja, so ähnlich ...“, murmelte er kleinlaut.

„So ähnlich!“ Ich war versucht, einen Schritt auf ihn zuzumachen, ihn in die Arme zu schließen und ihm zu sagen, dass alles okay war. Dass Jungs in seinem Alter so waren, aber ich wusste, er wurde nicht gerne umarmt. Ich konnte ihn nicht einmal ordentlich begrüßen, ohne ihn ausflippen zu lassen. Keine Ahnung, ob ich während meiner Pubertät auch so gewesen war, aber manches Mal kam es mir vor, als würde er generell keinen Körperkontakt wollen. „So ähnlich“, sagte ich noch einmal. Ich musste zugeben, dass ich über seine Ehrlichkeit erstaunt war. Das hatte er nicht von mir. Solche Dinge hatte ich bestritten, selbst wenn mich Mama mit der Hand in der Hose vor den Nackten in der Bravo erwischt hatte.

Ich verwarf die Erinnerung und musterte ihn stattdessen. Ich musste unser Gespräch in eine andere Richtung lenken, bevor er vor Scham im Boden versank. „Lass dich mal ansehen!“ Ich trat einen Schritt zurück. „Du bist wieder gewachsen, oder?“ Er war mittlerweile nur mehr einen halben Kopf kleiner als ich – und ich war eins-fünfundneunzig.

Unwissend hob er die Schultern und atmete erleichtert über den Themawechsel auf. „Möglich.“

„Wachs mir ja nicht über den Kopf! Ich schwöre dir, du bleibst kleiner als ich! Ich will nicht der Kleinste in der Familie sein.“ Max war eins-siebenundneunzig, Papa eins-achtundneunzig.

Tobias nickte unsicher.

„Mann, guck dich an! Du bist ein Riese geworden! Wo versteckt sich mein kleiner Bruder?“ Unüberlegt warf ich einen Arm um seine Schulter und zog ihn an mich. „Ich wette, die Mädchen laufen dir scharenweise hinterher, stimmt’s?“

Tobias murrte leise, zupfte an seinem Shirt und duckte sich unter meinem Arm hinweg. „Kann schon sein ...“

Kann schon sein?

Ich beobachtete ihn, schon wieder war er knallrot.

Junge, ich hoffe für dich, dass du in der Gegenwart der Frauenwelt nicht so schnell errötest!

„Was macht der Familienclan?“, fragte ich schließlich, weil Tobias sich regelrecht vor mir wand. Er wollte so schnell wie möglich zurück in sein Zimmer, das wusste ich.

„Mama und Papa sind wie immer in der Backstube, Oma ist bei Michi und den Kids – und Opa ... ja, der sitzt vermutlich in der Konditorei und feiert seinen Geburtstag.“

Ich runzelte die Stirn, nicht nur wegen Opa, sondern weil Tobias etwas geknickt wirkte. Seit Max und Michi in den Familienbetrieb eingestiegen waren, arbeiteten Mama und Paps noch mehr. Wahrscheinlich fühlte er sich manchmal einsam – obwohl das Haus voll war.

„Opa feiert jetzt schon?“, griff ich seinen letzten Kommentar auf. „Sein Geburtstag ist doch erst Sonntag.“

„Ja, schon, aber ... irgendwie will ihm die ganze Gemeinde gratulieren. Vielleicht freut er sich auch nur auf seinen Fünfundneunziger und feiert vor.“

„Das denke ich eher. Wie ich ihn kenne, ist er so stolz auf sein Alter, dass er von nichts anderem mehr redet.“

Tobias nickte. „Ja, mag sein.“ Wieder stieg er von einem Bein auf das andere und zog zeitgleich an seinem Shirt.

„Alles okay?“, rutschte mir heraus. Er wirkte heute noch fahriger als sonst.

„Was? Ja! Sicher!“ Unruhig biss er sich auf die Unterlippe. Für einen Moment überlegte er, ob er noch etwas sagen sollte, aber dann lief er los und durchquerte das Vorhaus. „Ich muss wieder ... lernen.“

„Lernen! Alles klar.“ Ich schüttelte den Kopf und griff nach meiner Tasche. Keine Ahnung, was ich machen musste, damit Tobias ein längeres Gespräch mit mir führte. Andererseits konnte ich ihm sein Verhalten nicht übel nehmen. Er war ein Teenager, ich ein erwachsener Mann, der nur zu Geburts- und Feiertagen nach Hause kam. Im Grunde wunderte mich, dass er überhaupt über den gewöhnlichen Small Talk hinaus mit mir sprach.

Ich sah zu Rolf Rüdiger, der aufgeregt mit dem Schwanz wedelte und neben mir herlief, als ich mich endlich in Bewegung setzte und die Treppen hinaufging. Mein liebes Bruderherz warf oben seine Zimmertür lautstark ins Schloss – ein eindeutiges Zeichen, dass ich seine pubertären Nerven überstrapaziert hatte. Einen Jugendlichen zu fragen, ob alles in Ordnung sei, war Irrsinn. Es war nie alles okay, er war siebzehn!

Warum fragte ich ihn solche Scheiße?

Weil er so gewirkt hatte, als hätte er etwas angestellt und bräuchte Hilfe!

Ich blieb mitten auf der Treppe stehen, was vor allem daran lag, dass Rolf Rüdiger aufgeregt vor mir auf den Stufen herumsprang.

„Ich glaube, ich habe dein Herrchen verärgert!“, erklärte ich und blickte nach oben.

Oder ich hatte ihn tatsächlich bei etwas erwischt, das niemand erfahren sollte!

Grinsend ging ich weiter und schlug, oben angelangt, an Tobias’ Zimmertür. „Bleibt anständig, ihr beiden! Macht nichts, was ich nicht auch tun würde!“

Nein, besser ihr macht es nicht!, fügte ich stumm hinzu.

Von drinnen ertönte ein lautes „Shit!“

Ich schmunzelte und ging weiter. „Hallo, Bernd!“ Kurz war ich versucht, noch einmal zurückzugehen und die Tür aufzureißen, um sie ein wenig aus der Fassung zu bringen. Aber Tobias würde sich nur künstlich aufregen – das tat er im Moment ständig, wie ich von Mama wusste. Typisch für sein Alter.

Ich lachte leise. Lernen! Er hatte zugegeben, dass sie etwas Unanständiges gemacht hatten, und dann beharrte er darauf, nur gelernt zu haben?

Anfänger!

Entweder sie hatten heimlich zwei Mädchen bei sich, oder sie blätterten durch irgendein nicht jugendfreies Magazin, von dem Mama nichts wusste. Ersteres schloss ich aus, weil Mädchen in diesem Alter die ungute Angewohnheit hatten, in jeder x-beliebigen Situation zu kichern. Ich hätte sie gehört. Das nicht jugendfreie Magazin traf es wohl eher – oder sie surften auf Achtzehn-plus-Seiten durchs Internet – heute ging das ja einfach.

Ich lächelte bei der Vorstellung und eilte in mein Zimmer. Rolf Rüdiger lief an mir vorbei, sprang auf das Bett und ließ sich fallen. Freudig hechelnd blickte er mich an.

„Na, du?“ Ich trat mit dem Fuß die Tür zu, ließ die Tasche zu Boden sinken und warf mich neben ihm aufs Bett. Müde starrte ich auf die Zimmerdecke, während er über mein Gesicht leckte.

Ich streichelte ihn, mein Blick hing aber auf dem riesigen Poster von Carmen Electra am Plafond2. Ich war ihr größter Fan gewesen, damals zu Baywatch-Zeiten – ich hatte keine Folge verpasst. Abends hatte ich mir unter der Bettdecke erträumt, wie es wäre, sie als Freundin zu haben. Sie – oder Pamela Anderson. Manchmal betrog ich Carmen mit Pam, das musste ich zugeben.

Das war noch vor meiner Matura gewesen, noch vor der Zeit, als ich nach Wien zog, um Ernährungswissenschaften zu studieren. Noch bevor ich merkte, dass ich mein Augenmerk vielleicht eher auf Jaason Simmons oder David Chokachi aus Baywatch hätte lenken sollen. Noch vor dem Versehen betrunken mit einem Mann im Bett gelandet zu sein.

Ob Max etwas ahnte? Ich war mir nicht sicher, ich hatte ihm nie direkt davon erzählt, aber manchmal kam es mir vor, als würde er es wissen. Erst zu Weihnachten hatte er mir ohne Grund gesagt, dass ich ihm alles anvertrauen könne, egal, was es sei, ich würde immer sein Bruder bleiben. Ich war kurz davor gewesen, einzuknicken und zuzugeben, dass ich auf Männer stand. Dann hätte die ganze Heuchelei ein Ende gehabt. Immerhin war ich siebenunddreißig und gab im Familienkreis vor hetero zu sein. Selbst die kleinen Neckereien Tobias gegenüber waren nichts anderes, als meine Lügen zu überspielen. Ich täuschte alle, seit rund fünfzehn Jahren – der Zeitpunkt, als ich mit einem Kerl ins Bett ging. Was als harmloses Spiel damals begann, endete in bitterem Ernst. Von einem Moment auf den anderen wurde mir klar, warum ich ständig die Frauen wechselte, warum ich keine halten oder eine ernsthafte Beziehung führen wollte. Warum ich an Pornos dachte, damit ich ihn hochbekam.

Ich stand auf Männer!

Mich geilte nicht der Porno auf, sondern der Kerl darin.

Keine Ahnung, warum ich erst mit zweiundzwanzig dahinterkam, warum nicht schon als Teenager, aber wahrscheinlich lag es daran, dass es gar nie zur Debatte gestanden hatte. Ich hatte nie darüber nachgedacht, zu Hause hatten wir über das Thema nie gesprochen. Ich schlief mit Frauen, weil es gar nichts anderes gab, weil nichts anderes möglich war!

Bis zu besagtem Tag hatte ich auch nie über Homosexualität nachgedacht. Ich hatte den einen oder anderen schwulen Studienkollegen, das war okay, aber um ehrlich zu sein, hatte ich mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht.

Bis ich dahinterkam, selbst schwul zu sein. Mein Leben stellte sich komplett auf den Kopf. Ich musste mich neu kennenlernen, während ich es nicht über mich brachte, Mama davon zu erzählen. Nicht mal Max sagte ich etwas, obwohl wir gemeinsam in einer Wohnung in Wien lebten. Stattdessen ließ ich auf Studentenfeiern den Heteromacker heraushängen, sobald wir zu zweit unterwegs waren. Ich schleppte sogar die eine oder andere Studentin ab, nur um nicht aufzufallen. Warum ich die Sache verheimlichte, wusste ich nicht. Ich hatte auch keine Ahnung, was meine Eltern oder Großeltern über Homosexualität im Allgemeinen dachten, wir hatten nie über das Thema geredet. Wahrscheinlich, weil keiner von uns jemals gedacht hätte, näher damit konfrontiert zu werden.

Ich erinnerte mich daran, als vor einigen Jahren Conchita Wurst den Song Contest gewann – Mama und Papa hatten über den Auftritt geschmunzelt, obwohl sie zugaben, dass ihnen der Song gefallen hatte. Oma und Opa verstanden hingegen bis zum Ende nicht, ob Conchita eine Frau oder ein Mann war. Es war im Prinzip auch egal, Österreich hatte gesiegt, das war das Einzige, was Oma und Opa interessierte.

Ich kraulte Rolf Rüdiger und blickte zu ihm. „Denkst du, ich sollte es am Sonntag zur Sprache bringen? Oder versaue ich damit Opas Geburtstag?“ Er leckte mir über das Gesicht und ließ darauf seinen Kopf auf meine Brust fallen. „Hm, ja, wahrscheinlich sollte ich warten. Vielleicht sollte ich zumindest bis nächste Woche warten. Das Frühlingsfest wäre wieder ein guter Tag. Am besten schon am Samstag während des Spektakels. Mama und Paps haben da sicher schon ein paar Schnäpschen3 intus.“ Rolf Rüdiger winselte leise, bevor er seine Schnauze unter meine Hand steckte. „Nicht gut? Vielleicht doch erst am Montag, bevor ich abreise? Da könnte ich notfalls flüchten, sollten sie es schlecht auffassen.“

Scheiße! Ich hoffte, sie würden es nicht negativ aufnehmen. Obwohl ich nicht oft zu Hause war, schätzte ich meine Familie. Sie zu verlieren, würde mich sehr verletzen.

Rolf Rüdiger streckte sich neben mir aus und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Ich küsste seine Nasenspitze. „Wenn ich es erst am Montag zur Sprache bringe, muss ich die ganze Woche so tun, als hätte ich den richtigen Deckel noch immer nicht gefunden ... Am besten wäre der Sonntag, an Opas Geburtstag, da ist die ganze Familie zusammen, da kann ich es erwähnen – so nebenbei. Da hätten wir auch eine Woche, um darüber zu reden – falls es etwas zu bereden gibt. Ach, scheiße!“ Ich seufzte laut, Rolf Rüdiger leckte mir abermals über den Hals. „Ja, ich sollte mir vermutlich keine Gedanken machen. Sonntag ist sicher ein guter Tag dafür.“

Obwohl, wenn ich es recht bedachte, war nie ein guter Tag dafür. Wir lebten am Land, die Leute würden sich das Maul zerreißen, wenn sie erfuhren, dass einer der Söhne der Struz-Petersen-Bäckerei auf Kerle stand! Wenn es ganz blöd lief, mieden die Einheimischen das Geschäft, und ich trieb mit meinem Outing meine Familie in den Ruin. Andererseits, warum sollte es jemand erfahren? Mama würde es wohl kaum auf die Tageskarte der Konditorei schreiben.

Ich streichelte über Rolf Rüdigers Kopf, bevor ich ihn zur Seite schob und mich aufsetzte. „Wirst du mich noch lieb haben, wenn ich die Familie zerstört habe?“ Rolf Rüdiger legte den Kopf schief und musterte mich, dann streckte er die feuchte Nase nach mir aus. „Wirst du, ich weiß!“ Ich drückte ihn an mich und küsste seine Stirn. „Ich hoffe, die anderen sehen das ähnlich locker wie du ... Hast du eigentlich auch Hunger?“ Ich sah ihn fragend an. Er spitzte die Ohren. Aus Erfahrung wusste ich, dass er immer fressen konnte. „Sollen wir nach unten gehen und nachsehen, was es Gutes gibt?“ Er leckte sich über das Maul und hockte sich auf. Er würde noch vor mir an der Tür sein, sobald ich mich bewegte.

Sein Leben erschien mir plötzlich so leicht. Er konnte fressen und schlafen, wann er wollte. Er wurde gekrault und geknuddelt – und er konnte mit jedem Hund um die Häuser ziehen, ohne fragen zu müssen, ob es richtig wäre. Tiere waren da einfach gestrickt. Die Sexualität war ihnen schnuppe. Ich hoffte, meine Familie war ähnlich.

„Na, komm, lass uns den Kühlschrank plündern.“ Ich ging zur Tür und öffnete sie, als Rolf Rüdiger schon aus meinem Zimmer stürmte und Richtung Treppe lief.

Als ich an Tobias’ Zimmertür vorbeikam, hörte ich leises Getuschel.

Ich grinste, dann schlug ich mit der Faust gegen die Tür. „Habt ihr Hunger?“

„Shit!“, ertönte es sofort von drinnen, bevor eine kleine Pause entstand. Dann zischte Tobias gereizt: „Nein, haben wir nicht!“

„Sicher? Vielleicht möchte Bernd für sich selbst antworten!“ Ich wusste, das war unfair, aber Tobias’ Ton stichelte mich an, weiterzumachen. „Bernd?“

„Nein, danke!“ Seine Worte klangen leise, fast ein wenig erschrocken.

„Okay, dann gehe ich mit Rolf Rüdiger allein etwas essen.“ Ich überlegte kurz. „Tobias?“

„Waaasss!“

Jetzt hatte ich den Bogen endgültig überspannt. Ich schmunzelte schelmisch. „Du weißt, dass Mama Max dazu verdonnert hat, über eine Firewall zu protokollieren, welche Seiten du im Internet besuchst?“ Beinahe hätte ich laut aufgelacht, weil es für Sekunden hinter der Tür mucksmäuschenstill war. Dann riss Tobias seine Zimmertür auf und steckte den Kopf heraus.

„Ehrlich?“ Rote Flecken bildeten sich auf seinen Wangen.

„Ja! Schon seit Weihnachten, soweit ich weiß.“

„Shit!“, ertönte es hinter ihm – schon wieder.

Tobias sah sich kurz um, bevor er erneut zu mir schaute. „Kennst du das Passwort?“

„Welches Passwort?“

„Das von der Firewall!“

„Nein, keine Ahnung ...“ Ich runzelte die Stirn, tat so, als würde ich überlegen, obwohl ich kurz davor war, vor Lachen loszubrechen. „Was hast du dir ... was habt ihr euch im Internet angesehen, dass du das Passwort für die Firewall brauchst?“

„Nichts!“, murrte Tobias und schluckte unruhig. „Und Mama kontrolliert das regelmäßig? Ich meine, sie sieht sich an, welche Seiten ich ... wir aufrufen?“

„Ich weiß nicht, ob sie das regelmäßig tut. Du kannst notfalls ja behaupten, Papa hätte sich auf die Seiten verirrt.“ Ich zwinkerte, dann latschte ich Richtung Treppe, wo Rolf Rüdiger aufgeregt auf mich wartete.

Tobias stand noch immer an der Zimmertür, als ich bereits nach unten ging. Ich wettete um meinen Wagen, dass Bernd in den nächsten zehn Minuten nach Hause musste – und ich mochte mein Auto, es war die einzige Konstante in meinem Leben. Zuverlässig, groß und allzeit bereit.

In der Küche durchsuchte ich den Kühlschrank, erspähte eine Stange Extrawurst und zeigte sie Rolf Rüdiger, der sich über das Maul leckte. „Na, mal sehen, ob die beiden da oben doch noch Hunger bekommen.“ Ich griff nach einem Messer, schälte die Wurst und schnitt eine dicke Scheibe ab. Lachend reichte ich sie Rolf Rüdiger. „Ich wette, dein Herrchen und sein Schulfreund überlegen gerade, wie man diese Firewall hackt.“

„Matthias?“, erklang es im selben Moment von oben.

Bingo!

„Ja-a?“ Ich schnitt eine weitere Scheibe Wurst herunter.

„Ist Max im Büro?“, fragte Tobias kleinlaut.

„Keine Ahnung! Wieso fragst du?“ Ich schob Rolf Rüdiger die Scheibe in das sabbernde Maul.

„Nur so ...“

„Ich glaube, Michi ist im Büro. Hast du nicht gesagt, Oma ist bei ihr?“ Ich schälte die Wurst weiter ab, schnitt sie in Scheiben und warf sie in den Hundenapf. Grinsend packte ich den Rest wieder weg, bevor ich den Kühlschrank abermals durchsuchte. Mama würde erst spät aus der Backstube kommen, Oma kochte nicht mehr so gerne, seit sie kurz vor Weihnachten die Küche abgefackelt hatte, und Michi saß vermutlich bis spät nachts vor dem Computer und nahm Bestellungen entgegen. Zeitgleich musste sie die Zwillinge versorgen. Wenn ich mich also vor der Backstube beziehungsweise der Konditorei drückte, sollte ich zumindest für alle kochen. Wenn Mama und Paps nachts in die Küche gingen, fänden sie etwas Richtiges zu essen vor, und Tobias war noch im Wachstum. Wenn ich nichts Anständiges kochte, würde er sich nur Snacks und fettes Zeug reinwerfen.

Ich ging an der Küchenzeile vorbei und trat in die Speisekammer. Ein intensiver Geruch nach Schinken, Geselchtem und Eiern schlug mir entgegen. Mama und Oma waren anscheinend schon für Opas Geburtstag fleißig gewesen – oder sie wollten Ostern mit mir nachfeiern. Ich war heuer nicht nach Hause gekommen, da ich in der Praxis ein paar Termine gehabt hatte. Außerdem hatte ich Zeit gebraucht, um zu mir selbst zu finden, da hätte meine Familie nur gestört.

Ich durchsuchte die Regale nach Lasagneblättern, als ich Schritte hörte.

„Gehst du schon, Bernd?“ Grinsend kehrte ich in die Küche zurück und linste in den Vorraum.

Bernd schlüpfte in seine Schuhe und nickte hastig. Er wurde rot wie eine Tomate, als er mich erblickte. Unsicher sah er zu Tobias, der laut polternd die Treppe herunterlief. „Ja, ich muss ... also ... meine Eltern warten sicher schon auf mich.“

„Natürlich.“

Bernds Eltern besaßen eine Tischlerei. Sie vermissten ihren pubertierenden Sohn sicher nicht vor achtzehn Uhr, wenn sie die Tischlerei schlossen. Wenn er später käme, wären sie wahrscheinlich froh, eine Verschnaufpause von ihm zu haben.

„Ich melde mich“, murmelte Bernd zu Tobias, der übereilt nickte.

„Beeil dich aber!“, nuschelte er, als Bernd durch die Tür ins Freie schlüpfte.

„Tschüss!“, rief ich und drehte mich lachend zu der Theke um.

Tobias folgte mir argwöhnisch.

„Ich mach’ uns frische Lasagne, dauert aber etwas. Wie läuft’s in der Schule?“ Ich sah kurz zu ihm, während ich mir alle Zutaten für einen Nudelteig zusammensuchte. Es hätte mich gewundert, dass Mama Lasagneblätter zu Hause gehabt hätte. Bei uns wurde noch immer gute alte Hausmannskost gekocht, Italienisches kam nicht infrage! Spaghetti waren schon ein hartes Vergehen.

„Gut.“ Tobias setzte sich an den Tresen und beobachtete mich. Nervös kaute er an seinen Nägeln.

Mich wunderte, dass er freiwillig bei mir in der Küche blieb. „Schon Maturastress?“

Er schüttelte den Kopf, während die Nagelhaut seines Zeigefingers daran glauben musste.

„Und Maturareise? Schon gebucht? Wo soll es hingehen?“

Tobias nahm endlich die Finger aus dem Mund. Ich linste auf seine Hände. Die Nägel waren bis zum Fleisch abgekaut, an manchen Stellen war eingetrocknetes Blut.

Scheiße, was trieb ihn denn dazu?

Sofort bereute ich meinen Scherz mit der Firewall. Nicht, dass er sich deshalb noch einen Teil seiner Finger abbiss!

„Nach Italien. Summer Splash Lignano.“

Ich hielt inne. „Echt? Summer Splash? Und Mama lässt dich mitfahren?“

Tobias machte große Augen, dann nickte er zögernd. „Schon ...“

„Dann erklär ihr am besten nicht, was Summer Splash bedeutet. Wüsste sie es nämlich, würdest du auf keinen Fall mitfahren.“

Tobias schluckte unruhig. „Wieso nicht?“

„Wieso nicht?“, wiederholte ich, warf die Zutaten für den Teig in die Küchenmaschine und schaltete sie ein. Danach holte ich mir Speck und Schinken aus dem Kühlschrank. Rolf Rüdiger setzte sich neben mich und wartete geduldig, ob er etwas abbekam. „Weil sie ihren Jüngsten sicher nicht zu einem Saufgelage fahren lässt.“

„Du und Max, ihr wart doch auch auf Maturareise!“, konterte er.

„Schon, aber das damals hatte noch nichts mit dem heutigen Summer Splash zu tun ... Obwohl ich zugeben muss, dass auch wir getrunken haben.“ Ich schnitt den Speck in kleine Würfel. „Max hat auf der Maturareise seine Unschuld verloren.“ Ich grinste. „Der Spätzünder! Da war ich schneller.“ Ich linste zu Tobias, während ich ein Stück Speck an Rolf Rüdiger weiterreichte. Tobias war schon wieder knallrot. „Ich war fünfzehn, obwohl Mama denkt, ich hätte erst auf der Uni zum ersten Mal Sex gehabt ...“ Neugierig sah ich Tobias an, doch er schwieg. Mein Plan, mir zu erzählen, ob er schon Sex hatte, ging nicht auf. Er war so verschlossen wie eh und je. Hätte mich auch gewundert ... „Na ja, sag Mama auf alle Fälle nicht, was Summer Splash heißt. Sonst kannst du deine Maturareise knicken und fährst stattdessen mit ihr und Papa auf Wander- und Badeurlaub. Kärnten, Wörthersee oder so.“

Tobias schluckte erneut, dann wechselte er abrupt das Thema und zeigte auf den Speck am Brett. „Gibst du den in die Lasagne?“

Ich nickte. „Spezialrezept von mir. Schmeckt aber lecker.“

„Mag sein“, murmelte er und zwickte an seiner Nagelhaut herum. „Es ist nur ... Ich esse kein Fleisch mehr.“

Ich stoppte meine Schneiderei und blickte zu ihm. „Wie – du isst kein Fleisch mehr ...“

„Seit Jänner4. Ich bin jetzt Vegetarier.“

Seit Jänner war er Vegetarier? Verwirrt schaute ich ihn an. Mama hatte davon nichts erzählt, obwohl sie Tobias’ Flausen immer erwähnte. Oder hatte ich nicht richtig zugehört?

„Okay ...“ Ich sah auf den Speck und dann zu Rolf Rüdiger. „Möchtest du Nachschlag?“ Rolf Rüdiger leckte sich über das Maul und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. „Gut, aber verrate Mama nicht, dass ich dir einen sauteuren Speck verfüttert habe.“ Ich schob die Speckwürfel in die Hundeschale, Rolf Rüdiger machte sich sofort schmatzend darüber her.

Nachdenklich beobachtete ich Tobias. Er saß noch immer am Tresen und kaute schon wieder an seinen Nägeln. Nach wie vor machte er keine Anstalten in sein Zimmer zu laufen. Sollte mir das seltsam erscheinen? Seit wann suchte er freiwillig meine Nähe?

„Gut, dann mache ich eben vegetarische Lasagne“, murmelte ich, um die Stille zwischen uns zu überbrücken. Ich räumte den Schinken zurück in den Kühlschrank und begutachtete den Inhalt. Frischer Brokkoli, Karfiol5 und Tomaten waren lagernd. In der Speis6 hatte ich Zucchini und Melanzani7 gesehen. Erbsen und Mais gab es sicher in Dosen. Ich sah zu Tobias. „Aber du isst Käse, oder? Du bist kein Veganer.“

Er schaute mich überrascht an, vermutlich, weil ich in meinem Alter den Unterschied zwischen Veganer und Vegetarier kannte.

Ein Ex, hätte ich ihm beinahe erklärt, stattdessen biss ich mir auf die Zunge und korrigierte mich. „Eine Ex-Freundin war Vegetarierin.“

Er nickte, sagte aber nichts weiter darauf.

Ich schwor mir, am Sonntag endlich Schluss mit dem Theater zu machen, dann würde vieles einfacher werden. Vielleicht sollte ich Tobias testen, wie er zu dem Thema stand. Seine Generation war Homosexuellen normalerweise relativ aufgeschlossen. Außerdem konnte ich ihn so ein wenig aus der Reserve locken. Aber wie sollte ich die Sache beginnen, ohne aufzufliegen?

„Isst du nun Käse?“ Fragend sah ich ihn an. Wie kam ich von Käse auf Homosexualität?

Er nickte erneut, bevor er leise murmelte: „Sorry, für die Umstände.“

Ich zog die Brauen hoch. „Das sind keine Umstände, ich wusste es nur nicht ...“ Ich legte den Brokkoli- und Karfiolkopf auf die Anrichte, ebenso Tomaten, bevor ich kurz in die Speisekammer eilte und mir die Melanzani und Zucchini holte. „Ich kann Lasagne auch ohne Fleisch machen.“

„Danke“, hauchte er so leise, dass ich es beinahe überhört hätte.

Es brachte mich so aus dem Konzept, dass ich ihn für Sekunden anstarrte. Als er unsicher auf die Anrichte glotzte, riss ich mich von ihm los und zerlegte den Brokkoli in kleine Röschen. Irgendetwas war seltsam. Zuerst blieb er freiwillig bei mir in der Küche, und jetzt bedankte er sich bei mir?

Komisch, sehr komisch.

Ich war in seinem Alter nur freundlich gewesen, wenn ich etwas angestellt hatte oder etwas haben wollte. Beides wäre in Tobias’ Fall möglich.

Hm, vielleicht würde er offener werden, wenn ich ihm etwas von mir erzählte. Es wäre die Gelegenheit ihn bezüglich seiner Meinung über Schwule auszuhorchen. „Hast du eine Freundin?“, fragte ich zögernd, weil ich mir nicht sicher war, ob ich ihn damit nicht erschreckte.

Er schüttelte den Kopf, lief rot an und steckte sich sogleich einen Finger in den Mund. Nervös kaute er darauf herum. Sein Blick war fest auf das Gemüse gerichtet.

„Ich auch nicht. Mit meiner letzten Beziehung war es schwierig ...“, gestand ich und beobachtete ihn skeptisch.

„Ist das die, von der du zu Weihnachten erzählt hast?“

Ich überlegte angestrengt. Was hatte ich zu Weihnachten erzählt?

Scheiße, wegen all der Lügen merkte ich mir meine eigenen Geschichten nicht mehr. „Nein, das ... war eine andere“, schwindelte ich erneut.

Tobias nickte abermals, dann nahm er endlich die Finger aus dem Mund und griff stattdessen nach einer Tomate.

„Schon Hunger, hm?“ Vermutlich hatte er nichts zu Mittag gegessen.

Er zuckte als Antwort mit den Schultern, rieb die Tomate an seinem Hoody ab und biss dann hinein. Langsam kaute er. Fast war es, als würde er jedes Stück mindestens dreißig Mal zerbeißen.

„Hat Mama mittags nicht zumindest Kuchen oder so vom Laden gebracht?“

„Doch schon ...“ Er zeigte Richtung Speisekammer. „Aber das gibt es ständig.“

Ich nickte. Wenn man jeden Tag Nussschnecken8, Kuchen und Topfengolatschen9 haben konnte, schmeckte es irgendwann nicht mehr. „Es dauert ein wenig, aber ich werde mich bemühen, so schnell wie möglich zu arbeiten ... Sonst alles okay? Irgendwelche Neuigkeiten?“ Ich versuchte das Thema von vorhin wieder anzuschneiden, obwohl ich nicht recht wusste, wie ich die Kurve Richtung Homosexualität bekommen sollte. Tobias hatte noch nie so viel auf einmal mit mir gesprochen, er hatte auch noch nie zugegeben, dass ihm Mama viel zu viele Mehlspeisen aus der Bäckerei und Konditorei vorsetzte. „Alles okay bei dir?“

Er hob den Kopf an und sah mich mit erschrockenen Augen an, als hätte ich ihn bei etwas erwischt. „Was meinst du?“ Die Tomate schwebte vor seinem Mund, er biss nicht hinein.

„Keine Ahnung!“ Ich stellte einen Topf mit heißem Wasser auf und wusch danach den Brokkoli. „Ich bin neugierig. Weißt du schon, was du nach der Schule machen willst?“ So ruhig wie möglich, warf ich den Brokkoli ins Wasser, in Wirklichkeit war ich angespannt wie nie zuvor.

„Ich würde gerne Veterinärmedizin studieren, aber ... Papa ist nicht so begeistert davon.“

„Veterinärmedizin?“ Ich hielt in der Bewegung inne und blickte ihn erstaunt an. „Wow! Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“ Ich griff nach dem Karfiol und zerlegte ihn ebenfalls. „Gibt es dafür nicht eine Aufnahmeprüfung mittlerweile?“

„Ja, Mitte Juli.“ Er stieg nicht darauf ein, dass ich ihm Veterinärmedizin nicht zugetraut hätte.

Wenn ich ehrlich war, hatte ich Tobias eher in einem geisteswissenschaftlichen Fach gesehen. Er hatte seine Nase schon als Kind in Bücher gesteckt.

„Mitte Juli“, wiederholte ich. Anscheinend hatte er sich bereits schlaugemacht. Ich linste zu Rolf Rüdiger, der schon wieder vor seinem leeren Napf saß und mit schräg gelegtem Kopf zu mir blickte. „Dann wird Tobias Onkel Doktor und kann dich gesund machen, wenn du krank bist!“ Rolf Rüdiger lief zu mir, ich streichelte ihm über den Kopf und lächelte, weil er mir die Pfote reichte.

„Ich bin noch nicht einmal angenommen worden“, mischte sich Tobias ein und aß endlich seine Tomate zu Ende.

„Ach, das wirst du schon schaffen ...“ Ich warf den Karfiol ins Wasser und schnitt dann die Zucchini und Melanzani in Scheiben. Rolf Rüdiger setzte sich wieder neben seinen Futternapf. „Und wegen Paps mach dir keine Gedanken. Er war auch nicht begeistert, als Max und ich nicht in den Betrieb einsteigen wollten.“

„Max ist mittlerweile eingestiegen“, erklärte Tobias trocken und beobachtete jeden meiner Handgriffe.

Ich stellte die Gemüsescheiben zur Seite, holte Mais und Erbsen aus der Speis und machte mich dann über den Teig her.

„Na ja, er hat BWL studiert, Michi ebenso, die beiden ergänzen die Bäckerei wunderbar. Dadurch ist die Bäckerei online und die Leute können bestellen. Max wollte vermutlich auch seine Kinder nicht in der Stadt aufwachsen lassen. Da kam ihm die Bäckerei sicher recht ... Auch wenn ich die Stadt liebe, für Kinder ist es am Land zum Spielen schöner. Oder denkst du nicht?“

Tobias hob unwissend die Schultern. „Mag sein ... Aber bei uns weiß auch jeder alles. Und wegen jeder Kleinigkeit zerreißen sich die Nachbarn den Mund.“ Er überlegte kurz, dann meinte er: „Kann ich was helfen?“

Ich musterte ihn verwirrt. Jetzt wollte er mir auch noch helfen?

Scheiße, was hatte er ausgefressen?

„Du kannst die Tomaten in Würfel schneiden, für die Tomatensauce.“ Skeptisch reichte ich ihm ein Brett und ein Messer.

Er griff danach und begann die Tomaten klein zu schneiden. „In der Stadt ist man anonymer“, nahm er das Thema von vorhin wieder auf.

„Ja, das schon ...“ Ich schaute ihm nachdenklich zu. Er hatte recht. In Wien konnte ich anonymen Sex haben, ohne dass sich meine Nachbarn darüber aufregten.

Das war die Gelegenheit! Jetzt oder nie. Ich konnte Tobias auf Schwule lenken, eine bessere Gelegenheit würde sich nicht ergeben. „Das ist eigentlich auch der Grund, warum ich ...

„Da bin ich auf der Suche nach meinen beiden Brüdern, und wo finde ich sie? In der Küche – beim Kochen! Geht es euch gut, oder seid ihr krank?“ Max trat just in diesem Moment in den Raum. Grinsend legte er einen Arm um Tobias’ Schulter und schaute ihn fragend an.

Doch Tobias schüttelte ihn ab und schnitt stumm die Tomaten weiter.

Max zog die Stirn kraus. Ich wusste, er fragte sich wie ich, warum Tobias bei mir in der Küche saß und mir beim Kochen half. Doch er war so klug, nichts zu sagen. Stattdessen lächelte er breit, ging um den Tresen herum und breitete die Arme aus. „Brüderchen, komm an meine Brust.“

Ich lachte, wusch mir den Teig von den Händen und umarmte ihn. Im Gegensatz zu Tobias hatten Max und ich nie Hemmungen gehabt, uns zu umarmen. Keine Ahnung, warum Tobias so schüchtern war. Wir hatten dieselbe Erziehung erhalten, aber vielleicht gehörte er einfach einer anderen Generation an.

„Wie geht’s dir?“ Er ließ mich los, schmunzelte und ging zu Tobias zurück, um sich auf einem Küchenhocker niederzulassen. Gierig schnappte er nach einer Scheibe Zucchini und stopfte sie sich in den Mund. Rolf Rüdiger wedelte aufgeregt mit dem Schwanz – vermutlich in der Hoffnung, dass er etwas abbekam. Im Gegensatz zu anderen Hunden fraß er auch Gemüse. Er fraß eigentlich alles, was er zwischen die Kiefer bekam.

Max schnappte eine Scheibe und warf sie ihm zu. Rolf Rüdiger fing sie gekonnt auf und kaute zufrieden.

„Gut, danke“, antwortete ich. „Die Fahrt war anstrengend, vor allem, weil ich bis Mittag gearbeitet habe, aber jetzt bin ich hier, und ich freu mich auf eineinhalb Wochen im Kreise der Familie.“

Max lachte auf. „Natürlich! Als wären unsere Familienfeiern erholsam! Hey, Mama ist nicht da, du kannst zugeben, dass du froh bist, wenn das Spektakel vorüber ist.“

„Schwachsinn! Ich freue mich tatsächlich.“

„Ja?“ Max musterte mich skeptisch. „Warst du schon bei Mama?“

Ich schüttelte den Kopf und rollte endlich den Nudelteig aus. „Tobias hat mich hinten reingelassen. Ich wollte nicht unbedingt durch den Laden. Ich wäre nie hier angelangt, du kennst Papa, er hätte mich sofort in die Backstube verfrachtet.“

Max verdrehte die Augen. „Ich weiß. Wenn ich nicht schnell genug bin, stellt er mich mit Anzug vor den Teig. Selbst wenn ich noch so einen wichtigen Termin habe, er versucht es immer wieder, mich für seine Brötchen zu begeistern.“

„Tja, genau deshalb bin ich hinten rein.“

Max nickte und sah zu Tobias, der Tomaten schnitt. Er musterte ihn, dann zog er die Brauen hoch und warf mir einen fragenden Blick zu.

Ich hob unwissend die Schultern. Das war das Schöne an uns, wir brauchten nichts zu sagen, wir konnten stumm miteinander kommunizieren. Eine Eigenschaft, die Mama oftmals in den Wahnsinn getrieben hatte.

„Da hattest du aber Glück, manchmal hört Tobias nämlich schlecht und öffnet nicht.“ Max sah ihn herausfordernd an, doch Tobias biss die Zähne aufeinander und schwieg. Max sah erneut fragend zu mir.

Sanft schüttelte ich den Kopf. Ich hatte keine Ahnung, was los war, ich wollte Tobias auch nicht reizen und ihn verscheuchen. Wenn er schon freiwillig in der Küche war und mir beim Kochen half, würde ich das stumm hinnehmen – vorübergehend verstand sich. Vielleicht rückte er ja irgendwann mit der Sprache raus, was er ausgefressen hatte.

„Wie auch immer“, murrte Max und gab ebenfalls nach. „Ich muss gleich wieder in den Laden. Michi klagte vorhin, dass die Zwillinge keine Ruhe geben und Oma ständig fragt, warum Opa vor ihr den Fünfundneunziger feiert. Angeblich hätte er dazu kein Recht, schließlich hätte sie jeden Groschen10 zusammengehalten, damit die Firma seine Schlamperei überstehe.“

Ich lachte und legte das Nudelholz zur Seite. „Echt jetzt? Scheiße! Wie kann Opa es wagen, vor ihr fünfundneunzig zu werden? Dieser Schuft!“

Tobias grinste zögerlich, bevor auch er zu lachen begann.

Max schaute zu ihm, dann wieder zu mir, bis auch er grinste. „Ganz ehrlich? Das wird die verrückteste Geburtstagsfeier, die wir jemals hatten. Oma hat in den letzten Wochen geistig massiv abgebaut, was mir natürlich für sie leidtut, aber manchmal schiebt sie Meldungen, dass wir uns alle zurückhalten müssen, um nicht loszubrüllen.“

„Kann ich mir vorstellen.“ Grinsend holte ich die große Auflaufform und einen Topf aus dem Schrank. „Und wie geht es Opa?“

„Eigentlich ganz gut. Er ist geistig total fit, deshalb findet er Omas Demenz nicht so witzig. Vor drei Wochen sind sie bei einem Pensionistenausflug11 mitgewesen. Opa war stocksauer, als sie heimkamen, weil Oma während der Fahrt vergaß, dass sie verheiratet ist. Er meinte, er würde sie nie wieder mitnehmen, weil er sich in Grund und Boden schämen musste, um sie wieder in den Bus zu bekommen.“

„Wieso?“ Ich stellte den Topf auf das Cerankochfeld und machte mich daran, die Zwiebel klein zu hacken.

Tobias lachte leise, dann meinte er: „Weil sie anscheinend zu ihm sagte, sie kenne ihn nicht, und dann eine fremde Frau um Hilfe bat, diesen Verrückten von ihr zu entfernen. Sie nannte ihn einen Hallodri12, der ihr nur unter den Rock sehen wolle.“

Ich hielt kurz die Luft an, Max warf mir erneut einen fragenden Blick zu, weil Tobias sich sogar in unser Gespräch einmischte, bevor ich zu lachen begann. „Ernsthaft?“

Max nickte. „Er war so fuchsteufelswild, dass er in deinem Zimmer schlief statt bei Oma im Bett.“

„In meinem Zimmer?“ Ich legte das Messer zur Seite und brach endgültig in Gelächter aus. „Sie weiß, welches Poster an meiner Decke hängt?“

„Nein, an das erinnerte sie sich erst am nächsten Morgen. Da fragte sie nämlich beim Frühstück, wo Opa sei, weil er nicht neben ihr lag, als sie wach wurde.“ Max seufzte. „Sie wusste nicht mehr, dass sie am Vortag bei einem Ausflug war ...“

Ich wurde ernst. „Scheiße, so schlimm?“

Max nickte erneut. „Leider ...“ Für Sekunden beobachtete er Tobias, der noch immer die Tomaten schnitt, bevor er unerwartet zu lachen begann. „Als wir ihr erzählten, dass Opa in deinem Zimmer geschlafen hätte, brauchten wir nichts weiter zu sagen. Sie warf das Geschirrtuch zur Seite, sprang hoch und sprintete förmlich die Treppe hoch. Ich sage dir, so schnell ist sie schon lange nicht mehr gelaufen. Auf jeden Fall rannte sie in dein Zimmer, riss die Tür auf und beschimpfte Opa einen alten Ochsen, der sich voll-möpsige Weiber ansehe!“

Tobias lachte los, Max tat es ihm gleich.

„Voll-was?“, wiederholte ich und wartete geduldig, bis sich einer der beiden beruhigt hatte. Lächelnd hackte ich die Zwiebeln fertig und warf sie in den Topf.

„Voll-möpsig!“, wiederholte Max.

„Voll-möpsig?“ Ich lachte ebenfalls. „Wie kommt sie auf das Wort?“

„Keine Ahnung ... Jedenfalls hat sie Opas Gürtel aus der Hose gezogen, die er irgendwo in deinem Zimmer ausgezogen hatte, und geschrien: Dir alten Ziegenbock werd’ ich das Rammeln austreiben!“

Ich starrte Max mit offenem Mund an. „Nein, nicht wirklich!“

„Doch. Papa musste eingreifen, sonst hätte sie Opa ernsthaft verletzt.“

Ich hielt mir die Hand vor den Mund, für Sekunden war es mucksmäuschenstill, dann prusteten wir zeitgleich los. Es war im Grunde nicht witzig, aber wir konnten nicht anders. Wir bogen uns regelrecht vor Lachen und bekamen uns nicht mehr ein. Sobald einer von uns aufhörte, begann der andere von vorne. Ich musste sogar den Topf vom Herd nehmen, damit die Zwiebeln nicht anbrannten. Hätten Mama oder Paps uns so gesehen, hätten sie uns für alberne Kinder gehalten.

Wenn ich ehrlich war, hatte ich lange nicht mehr so ausgelassen gelacht. Ich vermisste die Zeit mit Max an der Uni, auch die Zeit, als er bereits gearbeitet hatte, während ich noch studierte. Das war lange, bevor er Michi kennenlernte und wieder zurück aufs Land zog.

Dass Tobias mit von der Partie war, war neu, aber es gefiel mir, dass er sich uns anschloss. Vielleicht hatte ich ihn unterschätzt, vielleicht war er gar kein Pubertierender mehr, sondern längst ein Stück erwachsen. In diesem Moment kam er mir zumindest genauso erwachsen vor wie Max und ich.

Kinder, Teenager und Erwachsene

2. Kapitel, in dem ich keinen meiner Brüder wiedererkenne, Oma am liebsten auf den Mond schießen würde und den einzigen Schwulen im Dorf, den ich kenne, gegen mich aufbringe.

Ich rollte mich auf den Rücken und blinzelte. Carmen Electra lächelte von oben ihr Zahnpastalächeln und streckte die Brust heraus.

Mensch, Carmen, nach all den Jahren lächelst du noch immer, als hätte ich dich nie mit Dutzenden von Männern betrogen.

Ich gähnte und lauschte dann angestrengt. Draußen im Flur herrschte bereits der allmorgendliche Tumult. So war das schon gewesen, als ich noch zu Hause gewohnt hatte. Damals hatte es nur drei Generationen unter einem Dach gegeben. Heute waren es vier – und alle kämpften um die Vorrechte im Badezimmer.

Obwohl ich die Tage zu Hause genoss, vermisste ich das Chaos am Morgen keine Sekunde. Da lobte ich mir meinen Singlehaushalt, wo ich aufs Klo konnte, wann ich wollte. Niemand hetzte mich aus der Dusche, auch wenn ich schon zwanzig Minuten darunter stand, und keiner benutzte meine Sachen oder räumte sie weg. Selbst wenn ich in einer Beziehung war, gab es nie so viel Ärger.

Keine Ahnung, entweder war meine Familie etwas Besonderes, oder die Badezimmerproblematik war ein negativer Nebeneffekt einer Großfamilie.

Verschlafen blickte ich zu Rolf Rüdiger, der die Nacht bei mir verbracht hatte. „Heute schläfst du wieder bei Tobias, da kannst du dich breitmachen, so viel du willst.“ Er hatte sich beim Schlafengehen nicht abwimmeln lassen. Deshalb hatte ich brüderlich mit ihm mein Bett geteilt, dummerweise verstand er darunter etwas anderes als ich. Er hatte rund zwei Drittel meines Doppelbettes eingenommen und sich keinen Zentimeter bewegt, auch wenn ich versucht hatte, ihn wegzuschieben. „Tu nicht so, als würdest du schlafen, du kleiner Mistkerl!“ Er hatte mir bereits vor über einer halben Stunde die feuchte Nase gegen den Hals gedrückt.

Ich blickte wieder zu Carmen hoch. Sie lächelte noch immer, aber ich musste sie enttäuschen. Das wurde nichts mehr mit uns, auch wenn sie es noch so sehr versuchte.

„Tut mir leid, Schätzchen“, murmelte ich. „Vielleicht hast du bei Opa mehr Glück.“

Ich rollte mich zur Seite und stand auf. Bei dem Lärm im Flur hatte ich ohnehin keine Chance mehr, noch einmal einzuschlafen. Außerdem gab es genug für Opas Geburtstag und für das Frühlingsfest zu tun.

Ich latschte zu meiner Tasche, die ich nach wie vor nicht ausgepackt hatte, und kramte darin herum. Ich brauchte frische Pants und meine Zahnbürste, den Rest würde ich mir wie immer, wenn ich zu Hause war, schnorren.

Müde trat ich aus meinem Zimmer und starrte auf die Schlange vor dem Badezimmer. Sowohl Papa, Max als auch Opa warteten vor der verschlossenen Tür.

„Muss ich irgendwo eine Nummer ziehen, damit ich an die Reihe komme?“, fragte ich schmunzelnd und ging auf sie zu.

Max blickte zu mir zurück und schnaubte laut. „Vergiss es. Selbst wenn, würde sich Tobias nicht daran halten.“

Okay, der Pubertierende blockierte also das Badezimmer.

„Ich muss ziemlich dringend“, raunte Opa zu Papa, der direkt an der Tür stand.

„Ja, was soll ich denn machen?“, murrte Paps. „Er hat abgeschlossen.“

„Aber warum denn?“ Opa sah ihn entgeistert an. „Ich könnte doch aufs Klo, während er sich wäscht. Das würde uns viel Zeit sparen.“

Ich schmunzelte. Klar, und dann würdest du all deine Abgase loswerden ...

Ich lehnte mich hinter Max gegen die Wand, überkreuzte die Füße und meinte gelassen: „Warum bist du eigentlich hier? Du hast doch dein eigenes Badezimmer in deiner Wohnung.“ Er hatte extra das Haus ausgebaut, damit Michaela, die Kids und er eine eigene Wohnung im Haus hatten. Getrennte Küchen, getrennte Badezimmer, getrennte WCs – das sollte das Zusammenleben doch etwas erleichtern.

Max verdrehte die Augen. „Ja, aber das besetzt Michaela mit den Kindern. Da bin ich hier schneller fertig.“

„Ach ...“ Grinsend blickte ich an ihm vorbei. „Und Opa? Besetzt bei ihm Oma das Bad?“ Opa und Oma hatten mittlerweile ebenfalls ihr eigenes Badezimmer. Es wurde für sie umgebaut, als sie älter und damit auch gebrechlicher wurden.

„Keine Ahnung, manchmal strickt sie morgens auf der Toilette und lässt ihn Stunden nicht rein ...“

„Weil sie vergisst, wo sie ist?“ Ich meinte meine Frage ernst, obwohl mich die Vorstellung von Oma strickend auf dem WC erheiterte.

„Nein, ich denke eher, sie vergisst, dass Opa auch da ist.“

Ich versuchte ernst zu bleiben, konnte mir ein Schmunzeln aber nicht verkneifen. Das Bild von Oma, wie sie mit heruntergelassener Strumpfhose und hochgeschobenem Schürzenkleid auf dem WC hockte und strickte, während sie ein Liedchen sang, tauchte vor meinem geistigen Auge auf.

„Das ist nicht witzig!“, knurrte Max. „Nicht, wenn sich hier eine Schlange bildet.“

Natürlich war es nicht witzig, aber die Situation glich dennoch einer Komödie.

„Und warum benutzt niemand das Bad oder Klo unten? Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht genügend im Haus.“ Ich zog fragend die Brauen hoch. Als Max und ich noch Teenager gewesen waren, da hatte es tatsächlich oben nur ein Badezimmer gegeben, ebenso im unteren Stockwerk. Bei drei Generationen war es da manches Mal wirklich zum Gedränge gekommen. Aber jetzt gab es oben drei Badezimmer, und unten ebenfalls zwei.

Gut, ich musste zugeben, dass unten eines von Mama als Waschküche verwendet wurde, da dort auch die zwei Waschmaschinen und der Trockner standen. Außerdem gab es ausreichend Platz, um die Wäsche aufzuhängen. Aber das andere Bad unten war unbenutzt. Bei vier freien Bädern im Haus sollte man doch annehmen, dass vier Generationen sich so weit organisieren konnten, damit kein Morgenstress entstand.

„Weil das unpraktisch ist!“, entgegnete Max gereizt, lief an Opa und Papa vorbei und schlug gegen die Tür. „Tobias! Mann! Jetzt beeil dich! Wegen dir komme ich zu spät zu meinem Termin!“

Ich hatte Max noch nie so wütend gesehen. War er zu Weihnachten auch schon so aufbrausend gewesen? Hatte ich es nur nicht mitbekommen? Oder war heute einfach nicht sein Tag?

„Tobias!“ Max hämmerte erneut gegen die Tür.

„Ja, doch“, zischte Tobias von drinnen.

Ich hörte ihn herumhantieren, bevor er Sekunden später die Tür öffnete. Mit stoischem Blick stand er sämtlichen Männern des Hauses gegenüber.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich morgens mehr beeilen musst!“, fiel Max ihn an, während Opa an ihm vorbeihuschte und die Tür hinter sich zuschob.

„Papa!“, rief Paps. „Ich war vor dir dran! Ich müsste längst in der Bäckerei sein. Ich muss doch Maria ablösen. Sie steht seit drei Uhr in der Backstube!“

„Gleich!“, schrie Opa hysterisch. „Ich habe morgen Geburtstag, da werde ich doch als Erster aufs Klo dürfen! Ich muss mich ja auch noch herrichten.“

„Dafür ist doch Zeit. Du hast den ganzen Tag Zeit!“, konterte Papa.

„Leute, ich komme zu spät zu meinem Termin“, mischte sich jetzt wieder Max ein und zeigte auf seine Armbanduhr. Einzelne Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

Mann, er war wirklich unausgeglichen. Wenn er so weitermachte, bekam er spätestens mit fünfzig einen Herzinfarkt. Wo war der alte Max hin verschwunden? Der Coole von der Uni, der schon um halb sechs Uhr morgens stoned gewesen war?

In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich, dass ich eine Tüte Gras in meiner Tasche hatte. Wenn ich mir das Chaos vor mir so anschaute, brauchte ich nachher dringend einen Joint.

„Mensch, Opa!“, murrte Max und schnaubte laut.

Ich war versucht, ob der Tragik erneut zu lachen, unterdrückte es jedoch. Stattdessen musterte ich Tobias, der mit gesenktem Kopf an mir vorbeischlich.

„Was machst du um diese Zeit eigentlich auf?“, fragte ich ihn. „Es ist Samstag!“ Ich hatte in seinem Alter bis zu Mittag geschlafen.

„Ich will mich mit Bernd treffen ... Wir wollen uns wegen der Aufnahmeprüfung an der Uni schlaumachen.“

Ich nickte beeindruckt. So viel Disziplin hatte ich ihm nicht zugetraut – nicht am Wochenende. Ihm schien die Sache sehr ernst zu sein. „Bernd will auch Tierarzt werden?“

„Nein, er will Biologie studieren, aber wir würden gerne zusammen in eine Studentenwohnung – wenn das geht. Es gibt ja dieses Vet-Heim, keine Ahnung, ob die auch Bio-Studenten aufnehmen.“

„Hm!“ Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich lebte in Wien, mein Mietshaus war zwar für Singles eingerichtet, aber nicht klein. Dennoch kam Tobias nicht auf die Idee mich zu fragen, ob er einziehen könnte. Das schmerzte, andererseits konnte ich keinen Teenager in meinem Leben gebrauchen. Wie sollte ich ihm meine Männerbesuche erklären?

Indem ich morgen allen reinen Wein einschenkte, fügte ich stumm an. Dann wären alle Männerbesuche in Ordnung.

Aber würde Tobias das akzeptieren? Wäre es ihm egal, bei seinem großen schwulen Bruder zu wohnen? Oder wäre ich ihm peinlich?

Ich wusste es nicht. Ich wollte ihm aber kein Angebot machen, bevor ich mir nicht sicher war, dass nach meinem Outing alles gut war zwischen uns.

„Mensch, Opa!“, rief Max abermals und schlug gegen die Tür.

Ich sah an Tobias vorbei und zog die Brauen hoch. Vielleicht sollte ich Max auch eine Zigarette drehen, damit er etwas ruhiger wurde. Zu Studentenzeiten hätte er sich wie ich lässig an die Wand gelehnt und das Schauspiel grinsend beobachtet.

Max fuhr herum und fixierte Tobias. „Wenn ich zu meinem Termin zu spät komme, dann setzt es was!“

„Warum gibst du mir die Schuld? Was kann ich dafür, wenn du zu spät kommst?“, motzte Tobias in seinem allgemein gereizten Umgangston.

„Weil du jeden Morgen das Badezimmer besetzt!“

„Du hast doch dein eigenes, was willst du ständig bei uns?“

„Jetzt werd’ nicht frech!“ Max kam näher und baute sich vor ihm auf.

„Ach, leck mich doch!“ Tobias marschierte in Richtung seines Zimmers.

„Wie bitte?“, brüllte Max und machte sich noch größer. „Überspann den Bogen ja nicht!“

Tobias hob die Hand und zeigte ihm den Mittelfinger, Sekunden später knallte er die Tür ins Schloss.

Max’ Gesichtsmuskeln verspannten sich, er biss die Kiefer aufeinander. „Er reizt mich“, knurrte er und starrte auf die geschlossene Tür, hinter der ein Rocksong erklang. Natürlich in einer Lautstärke, die jedes Gebrüll aus Tobias’ Zimmer ausschloss. „Ehrlich, manchmal bin ich kurz davor, die Nerven zu verlieren.“ Er sah zu mir. „Was macht er nur so lange im Bad?“

„Na, was wohl“, gab ich grinsend zurück. „Du wirst wohl noch wissen, was du mit siebzehn unter der Dusche gemacht hast.“

Max musterte mich, dann rollte er mit den Augen. „Er sollte lieber etwas Vernünftigeres mit seiner Zeit anstellen.“

Ich schaute ihn verblüfft an. „Etwas Vernünftigeres? Ich erinnere dich: Als wir auf der Uni waren, da haben wir gemeinsam mit anderen Studienkollegen im Kreis sitzend auf ein Playboy-Magazin gewichst. War das unvernünftig?“

„Ach, damals ... das ist lange her.“ Max’ Blick schweifte in die Ferne. Fast war es, als würde er in der Vergangenheit schwelgen. Deshalb erwartete ich ein Grinsen oder irgendeine Reaktion, die mir zeigte, dass er noch immer der coole, lässige Student von früher war. Dass das eben nur ein kleiner Ausrutscher gewesen war. Doch Max verfinsterte seine Miene und meinte trocken: „Das geht schon seit Wochen so! Ich bin kurz davor, die Geduld mit ihm zu verlieren!“ Er zeigte in Richtung Tobias’ Zimmer.

„Junge! Komm runter! Wir waren in seinem Alter ähnlich!“

„Nein, ich war nie so ... frech, unfreundlich ... aufmüpfig.“

Ich lachte laut. „Hallo? Wer sind Sie?“ Ich machte eine kurze Pause. „Seit wann bist du ein Spießer? Was ist nur los mit dir?“

Max sah sich zu Paps um, der schon wieder gegen die Tür klopfte, dann meinte er ernst zu mir: „Ich bin erwachsen geworden, Matthias. Ich habe keine Zeit für solchen Schweinekram.“

Mir fiel die Kinnlade nach unten. „Schweinekram?“ Den Satz mit dem Erwachsenwerden ignorierte ich. „Als wärst du heilig! Wichst du nie unter der Dusche, oder was? Oder lässt Michi dich nicht?“

Max biss erneut die Kiefer aufeinander. Überrascht musterte er mich, bevor er abermals zu Tobias’ Zimmertür starrte.

Scheiße, ernsthaft? Das war nur ein Witz gewesen. „Du darfst nicht in eurem Bad wichsen?“ Ich lachte laut auf.

Max murrte, für Sekunden fixierte er mich erneut, dann blickte er auf seine Armbanduhr, rollte mit den Augen und stapfte wütend zur Treppe. „Ich gehe unten ins Bad, das dauert mir jetzt zu lange.“

„Ernsthaft?“, rief ich ihm hinterher und lachte noch immer. „Das ist tatsächlich der Grund?“

Max hob wie Tobias Minuten zuvor seine Hand und zeigte mir den Mittelfinger. „Werde erwachsen, Matthias!“

***

Wie schön konnte ein Frühlingstag sein, wenn die Sonne vom Himmel schien, die Vögel zwitscherten – und zwischen meinen Fingern ein selbst gebastelter Joint steckte.

Ich blies den Rauch in die kühle Vormittagsluft, streckte meine Beine aus und lehnte mich gegen die Glastür. Rolf Rüdiger lag neben mir am Fußabstreifer vor der Terrassentür zum Esszimmer.

Die Welt sah viel besser aus, wenn man ein wenig tiefenentspannte – nach drei Zügen war mir sogar Max’ Vorwurf, endlich erwachsen zu werden, egal.

Ich war erwachsen – sicherlich erwachsener als er. Schließlich schrie ich nicht frühmorgens meine Familie an, nur weil es einen Badezimmerstau gab. Ich hatte auch keine Frau, die mir verbot, unter der Dusche an mir Hand anzulegen. Dass er sich Michis Vorschreibungen fügte, war das Beste daran – und der größte Witz: dass er nun unser Bad benutzte und hier wichste. Sehr erwachsen – und vor allem so konfliktlösend!

„Matthias?“

Ich riss den Kopf herum und blickte mich um. Tobias stand an der Tür des Wohnzimmers.

„Hm?“

Er schaute ins Innere, dann trat er mit Socken auf die Terrassenfliesen, schloss die Glastür hinter sich und kam zu mir. Unsicher sah er noch einmal zurück.

Ich hatte keine Ahnung, was er wollte, aber so bekifft konnte ich gar nicht sein, dass mir nicht auffiel, wie penibel genau er darauf achtete, ob wir beobachtet wurden.

Na ja, take it easy! Vielleicht wollte er nur das Gespräch von gestern fortsetzen ...

„Seit wann rauchst du?“, fragte er unerwartet, und ich versuchte mich auf ihn zu konzentrieren.

Ich sah auf die Zigarette zwischen meinen Fingern und überlegte. „Ich rauche gar nicht.“

„Nein? Sieht aber so aus.“

„Das ist ...“ Scheiße, was sollte ich ihm sagen? Das ist ein Joint? Ein Zigarettchen für zwischendurch? Eine Kräuterzigarre? So dumm war nicht einmal er. Wenn er nur eine Spur Ahnung von Zigaretten hatte, erkannte er am Geruch, dass ich Gras rauchte. „Hin und wieder rauche ich eine.“

Tobias runzelte die Stirn und fixierte meine Finger. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, seine Nasenflügel bewegten sich, als würde er schnüffeln. Vielleicht irrte ich mich auch. Was wusste ich schon, ich war high.

„Darf ich mal probieren?“

„Was? Nein!“ Mama brachte mich um, wenn ich ihm einen Joint gab.

„Warum nicht?“

„Weil das nicht gesund ist?“

„Aber du rauchst doch auch!“ Tobias schaute mich trotzig an.

Ja, du kleiner Scheißer, ich bin aber siebenunddreißig und geübt!

Das sagte ich ihm natürlich nicht. Stattdessen stotterte ich dumm herum: „Ja, schon ... nur ... das ist ... die ist ziemlich stark!“ Ich zeigte mit der Hand auf meine Selbstgedrehte.

„Ich will doch nur probieren!“ Er verschränke die Arme.

Mann, was konnte der Kleine bockig schauen! Oder irrte ich mich? War ich womöglich so stoned, dass ich mir seinen Blick einbildete?

„Bitte!“