Melissa - Frank Page - E-Book

Melissa E-Book

Frank Page

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Beschreibung

„Das ist die größte Angst von Eltern.“ Es klingt schon fast klischeehaft, aber diese Angst, sie ist real und quälend für viele Eltern. Frank und Dayle Page hatten die „perfekte“ Familie. Für Außenstehende schien es so zu sein. Frank Page war Pastor einer großen Gemeinde und später Leiter der Südlichen Baptisten, einer der größten evangelikalen Gemeindebünde in den USA. Er hatte drei liebevolle Töchter. Eine davon, Melissa, litt die meiste Zeit ihres Lebens unter Problemen und Depressionen, obwohl sie beizeiten beherzt und mitfühlend war. Melissa nahm sich ihr Leben, sie beging Selbstmord. Frank Page hat seine Erfahrungen damit in diesem Buch niedergeschrieben. Er schildert harte Lektionen, die er als Vater lernen musste, und wie echte Hoffnung sein Leben und seinen Dienst für Gott geprägt haben.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Frank Page

Melissa

Harte Lektionen über den Selbstmord meiner Tochter

Titel der Originalausgabe:

Melissa - A Father’s Lessons from a Daughter’s Suicide

published by B&H Publishing Group

© Frank Page, Nashville, Tennessee

Deutsche Übersetzung: Esther Epp/ Dr. Friedhelm Jung

Frank Page

Melissa

Harte Lektionen über den Selbstmord meiner Tochter

© Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage

Coverbild: shutterstock, artjazz, Daniel Petrescu

E-Book Erstellung:

LICHTZEICHEN Medien - www.lichtzeichen-medien.com

ISBN 978-3-86954-837-1

Bestell Nr. 548837

Inhalt

VorwortMelissaDanksagungenVorwortEinleitungKapitel 1 Du bist nicht alleinKapitel 2 Wir alle fallenKapitel 3 Das bedeutet KriegKapitel 4 FehlvorstellungenKapitel 5 Drogen und DepressionKapitel 6 Der erste SchreiKapitel 7 Sei bereit für die AuswirkungenKapitel 8 Zurück ins LebenAnhangEpilogMeinungen über Melissa

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Als junger Dozent am Bibelseminar Bonn wurde ich im Unterricht von Studenten gefragt, was ich am Grab eines Menschen predigen würde, der durch Suizid aus dem Leben geschieden ist. Meine Antwort war damals recht unbeschwert: „Ich weiß es nicht und bin dankbar, dass ich bisher vor einer solchen Situation verschont geblieben bin!“ Eine ehrliche, aber auf keinen Fall hilfreiche Antwort. Ich ahnte nicht, dass ich nur wenige Monate später am Grab einer lieben Schwester unserer Gemeinde, die aufgrund schwerster Depressionen durch einen Suizid aus dem Leben ging, predigen müsste. Und was ich noch weniger ahnen konnte war, dass es nicht die einzige Beerdigung war die ich halten musste, sogar bei Angehörigen, die durch einen Selbstmord ihrem Leben ein Ende gesetzt haben. Leider kommt es auch in christlichen Familien und Gemeinden vor. Inzwischen habe ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigen müssen und gehe darauf auch konkreter in meinem Unterricht ein, aber eine letzte Antwort auf die vielen Fragen und Nöte der Menschen fehlt mir immer noch. Die christliche Literatur zu diesem Thema ist rar.

Das Thema Tod und Trauer ist grundsätzlich ein delikates und sensibles Thema. Der Umgang mit Leid und Verlust ist für jeden Menschen emotional belastend und Menschen gehen sehr unterschiedlich damit um. Noch schwieriger ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid. Schon mit der Begrifflichkeit tun wir uns schwer. Spricht man fachsprachlich vom Suizid, moralisierend vom Selbstmord oder von der Selbsttötung oder gar euphemistisch vom Freitod? Es ist ein gewagtes Unterfangen sich zu dieser Thematik zu äußern, vor allem als Betroffener, wie es der Autor dieses Buches ist. Doch es ist an der Zeit, dass man das Schweigen bricht. Denn in zu vielen auch, und vielleicht sogar besonders, christlichen Kreisen und Gemeinden, will man diesem Thema bewusst aus dem Wege gehen. Einerseits, weil es zu viele offene Fragen gibt, andererseits wollen viele es nicht wahrhaben, dass auch Christen sich selbst das Leben nehmen können. Deshalb freut es mich, dass Frank Page als Betroffener zu Betroffenen schreibt. Er schreibt dieses Buch sehr einfühlsam als langjähriger Pastor und Seelsorger von Menschen, die er in solchen Lebensumständen begleitet hat, aber noch viel mehr schreibt er als Vater, der seine Tochter auf tragische Weise durch einen Suizid verloren hat. Beim Lesen des Buches spürt man die Last, den Schmerz, die Trauer und die Benommenheit eines Vaters, der seine Tochter innig geliebt hat. Man spürt aber auch, wie er mitleidet mit Menschen, die sich in ähnlichen Lebensumständen wie seine Tochter befinden und wie er mit dem Buch die helfende Hand ausstreckt. Dem Autor ist es gelungen nicht nur eine Lebensgeschichte zu schreiben, in der man sich wiederfinden könnte oder auch nicht, sondern durch die authentische Beschreibung der eigenen Lebenserfahrung mit allen Höhen und Tiefen auch biblisch-theologische Antworten zu geben, auf Fragen, die man sich bei dieser Thematik immer wieder stellt. Die seesorglichen Ratschläge, die aus der eigenen Erfahrung und Erkenntnis kommen, sind tröstend, ermutigend und helfend. Man wird an der einen oder anderen Stelle nachdenklich. Die eigene Meinung wird hinterfragt, vielleicht korrigiert. Dieses Buch ist eine Herausforderung für jeden Leser und ein Ratgeber für Menschen in Not. Nicht zuletzt sind die vielen Bibelworte hilfreich und wegweisend für Seelsorger und Betroffene und es zeigt einmal mehr, dass Gottes Wort ein Wegweiser in jeder Lebenslange ist.

Heinrich Derksen

Schulleiter am Bibelseminar Bonn

Melissa

Was ein Vater aus dem Selbstmord seiner Tochter gelernt hat

Widmung

Meine Familie und ich möchten dieses Buch Lesern widmen, die mit Selbstmordgedanken zu kämpfen haben. Wir beten und hoffen, dass irgendetwas in diesem Buch dir helfen kann, einige Dinge zu verstehen:

Dass die Folgen von Selbstmord viel weiter reichen als alles, was du dir je vorgestellt hast, Beziehungen beeinflusst und die Leben derer, die du zurücklässt, verändert werden.

Dass Selbstmord im Leben einer Familie oft zu Zerfall und Zerstörung von Ehen, Plänen für die Zukunft, Träumen für viele andere Geschwister, Eltern, Kinder, Enkelkinder und andere führt.

Dass es Hoffnung gibt, selbst wenn du es nicht fühlen oder verstehen kannst.

Dass es Menschen gibt, die sich wirklich um dich sorgen, selbst wenn das Böse versucht hat, dich davon zu überzeugen, dass du allein, ungeliebt und wertlos bist.

Wir beten, dass du durch die Seiten dieses Buches die Stimme des Herrn hören wirst. Wir hoffen, dass du erkennst, dass Gottes Gnade genügt, um dir durch deine Zeit größter Bedürftigkeit zu helfen. Wir widmen dir dieses Buch und beten, dass das Leben und der Tod unserer Tochter etwas in deinem Leben bewirken. Erinnere dich an die Worte unseres Herrn Jesus: „Ein Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ (Johannes 10,10)

Wir widmen dieses Buch denen, die das Leben wählen, die Licht anstelle von Dunkelheit wählen, die Sieg anstelle einer Niederlage wählen.

Danksagungen

Der Versuch, mich für die Hilfe bei diesem Projekt zu bedanken, ist in und für sich eine beängstigende Aufgabe, da viele eine große Unterstützung gewesen sind. Zuerst muss ich meiner Frau Dayle und meinen Töchtern Laura und Allison danken, die diese Reise mit mir unternommen haben und eine große Hilfe beim Schreiben dieses Buches gewesen sind. Diese wertvollen Frauen wünschen sich alle, dass dieses Werk – auch wenn es sehr ehrlich und manchmal sehr schmerzhaft ist – nicht nur unsere Melissa würdigt, sondern auch anderen in den dunklen Zeiten des Lebens hilft.

Ich möchte mich auch bei allen Freunden bedanken, die gebetet und mich ermutigt haben, dieses Buch zu schreiben. Ich kann unmöglich alle Namen erwähnen, da ich unter keinen Umständen irgendjemand vergessen wollen würde. Aber meine Freunde wissen, wer sie sind, und sie wissen, dass sie in diesem schwierigen Prozess eine große Ermutigung für mich gewesen sind.

Ich möchte vielen Betern in vielen Gemeinden danken, in denen ich Pastor war, und selbst in denen, wo ich als vorläufiger Pastor (Interim) gedient habe. Sie sind beständig in ihrer Ermutigung, Liebe und Unterstützung gewesen.

Ich möchte auch Worte der Dankbarkeit an Thom Rainer, Selma Wilson, Lawrence Kimbrough, Jedidiah Coppenger und das überaus kompetente Team von B&H dafür aussprechen, dass sie während dem Prozess, dieses Buch auf die Beine zu stellen, so viel Leidenschaft und Energie investiert haben. Es ist großartig, mit einer so ermutigenden Gruppe von Menschen zusammenzuarbeiten. Mein Co-Autor, Lawrence Kimbrough, hätte während der Durchführung nicht einfühlsamer und kompetenter sein können.

Am allermeisten danke meinem Herrn für Seine Gnade, die immer genügt. Ich gestehe, dass dies eine der schwersten Aufgaben war, die ich je in Angriff genommen habe. Aber es ist zu Seiner Verherrlichung, Seiner Ehre und dafür, Seinen Kindern zu dienen.

Vorwort

„So etwas sollte nicht der Familie von Frank Page passieren.“ Diese Aussage direkt aus seiner fesselnden und zutiefst persönlichen Geschichte über den Selbstmord seiner eigenen Tochter, fasst die Reaktionen der meisten Menschen auf den Tod seiner ältesten Tochter, Melissa, treffend zusammen. Aber die Wahrheit ist, solche Dinge passieren der Familie von Frank Page. Sie passieren natürlich in allen möglichen Familien, aber Selbstmord kann selbst in die Leben von gottesfürchtigen, Gemeinde-fokussierten, Bibel-gläubigen Familien einbrechen. Es ist der Familie von Frank Page passiert.

Das Einfachste für eine der bekanntesten, herausragenden Personen im riesigen Bund der Südlichen Baptisten wäre es, gar nicht darüber zu sprechen, oder darüber in hochtrabenden, geistlichen Worten zu sprechen, die ihre Tat vom Rest der Familie trennen und abgrenzen. Die Tatsache, dass er die Geschichte mit einer Offenheit erzählt, die für jemand in einer so öffentlichen Position nicht selbstverständlich ist, bietet jedem Elternteil und jedem Pastor die Möglichkeit für eine Reise in die tiefen Gänge persönlichen Leides.

Frank ist mein Freund, und seit ich ihn das erste Mal getroffen habe, mochte ich ihn. Er war gerade zum Präsidenten des Bundes der Südlichen Baptisten gewählt worden, und trotzdem war da nicht diese Ausstrahlung in ihm, die man oft bei Menschen beobachtet, die plötzlich in eine Position von Ehre und Ansehen aufgestiegen sind. Stattdessen war da eine ruhige, erfrischende Demut in seinem Geist und seinen Worten, die das wahre Herz eines Dieners offenbarte. Ihm wurde ein Titel gegeben, der aber nur beschrieb, was er tat, nicht, wer er war.

Als ich vom Tod seiner Tochter hörte, brach mein Herz für ihn. Ich hatte Melissa nie kennengelernt. Ich habe sie zumindest im Leben nie getroffen. Aber jetzt kenne ich sie. Franks brutale Ehrlichkeit über ihr Leben und ihren Tod ist eine gewaltige Erzählung über die Liebe eines Vaters und das Herz eines Pastors, gezwungen Undenkbares auszuhalten – den Tod eines Kindes durch seine eigene Hand.

In all seinen Jahren vorbildlicher Leiterschaft in örtlichen Gemeinden und in der größten evangelikalen Denomination unserer Nation hat er niemals einen so wirksamen Dienst verrichtet, wie in dieser aufrichtigen Erzählung von Melissas Leben. Glücklicherweise versucht er nicht, todsichere Antworten auf alle „Warum“-Fragen zu geben, und er weist die Weisheit und Reife auf zu erkennen, dass selbst wenn ein unendlicher Gott sie offenbaren würde, unser endliches Denken diese nicht erfassen könnte.

Wenn du ein Elternteil oder ein Großelternteil bist, wird dieses Buch dich ansprechen, egal, ob eins deiner Kinder von der Verzweiflung in den Selbstmord getrieben wurde oder nicht. Wenn du eine liebe Person hast, die Selbstmord begangen hat, wird dieses Buch wie eine Kerze in einem dunklen Raum sein, Wärme an einem kalten Ort und Wasser für eine ausgetrocknete Kehle. Wenn du ein Pastor bist, hast du schon oder wirst du noch in deinem Dienst diesem Thema gegenüberstehen, und du hältst das nützlichste Werkzeug, das ich gesehen habe, in deinen Händen, um dir zu helfen, denen in deiner Herde dabei zu helfen, eine schwierige Situation in ihrem Leben zu meistern.

Frank Page behält nichts für sich. Er öffnet seine Seele und erzählt dir von der Tiefe seines Schmerzes und seiner Trauer. Seine Offenheit wird dich tief im Innern treffen und dir Erkenntnisse geben, die keine nutzlosen Zuckerpillen oder sinnlose Vorschläge sind. Dies ist Leben. Das echte Zeug. Es ist das, was Menschen tatsächlich fühlen und erleben. Und Gott spricht durch Frank Page wie nie zuvor mit einer Botschaft des Schmerzes, die der Hoffnung Platz macht.

Mike Huckabee

Einleitung

Vom Herzen eines Vaters

Letzte Nacht habe ich wieder von ihr geträumt.

Genauso wie jede dritte oder vierte Nacht.

Plötzlich ist sie da. Meine kleine Melissa. Sie sieht sehr lebendig aus, genau wie ich sie in Erinnerung habe. Plaudernd. Lachend. Vielleicht jammernd oder ärgerlich. Oder wütend. Froh, mich zu sehen. In einer lautstarken Diskussion mit mir.

Es kommt auf die Nacht an. Ich kann sie traurig oder fröhlich vorfinden. Oder vielleicht auch, wenn sie gerade etwas im Schilde führt. Das kann gut oder schlecht sein – eine Überraschung ist genauso wahrscheinlich wie etwas, was einen absolut zur Verzweiflung treibt. Sie konnte beides gut. 98 magere Pfunde, und sie hat selten auch nur einem davon den Nachmittag frei gegeben. Jedes Gramm war an jeder Emotion beteiligt.

Das war Melissa.

Trotz allem hilft es, sie zu sehen. Es tut weh, sie zu sehen. Es ist schwer, wenn mir langsam klar wird – egal ob um zwei Uhr morgens oder bei Anbruch des Tages – dass ich immer noch im selben Zimmer bin, dass sie nicht wirklich da ist, dass ihr Name, auch wenn sie morgen oder in der darauffolgenden Nacht wieder in meinen Träumen auftaucht, nie wieder auf meinem Telefondisplay erscheinen wird, wenn sie anruft, um mich etwas zu fragen, wenn sie anruft, um wieder einmal einer ihrer heftigen Frustrationen Ausdruck zu geben, wenn sie anruft, einfach um anzurufen.

Sie hatte immer so viel zu sagen.

Melissa.

Oh, wie ich dich vermisse, Melissa.

Auf gewisse Weise ist natürlich dieses Gefühl – dieses Vakuum, dieses nie aufhörende Gefühl, dass jemand fehlt, der hier sein sollte – etwas, was jede Art von Tod in einem zurück gebliebenen Familienmitglied bewirkt. Ich habe einige davon selbst erlebt. Tanten und Onkels. Alle vier meiner Großeltern. Sogar meine Mutter, die knapp sechs Monate vor Melissa gestorben ist. Diese Verluste können natürlich wehtun, sogar dann, wenn sie bereits zu erwarten waren.

Aber es gibt nichts wie das hier. Nichts.

Und wenn dir das passiert ist – wenn du an jenem ersten grauen Morgen ohne deinen Sohn oder deine Tochter in deinem Leben aufwachen musstest, weil sie deiner sterblichen Existenz durch ihre eigene Hand entrissen wurden – dann weißt du, wovon ich spreche. Auch wenn die Person, die du verloren hast, ein Enkel war, eine Nichte oder ein Neffe, ein Elternteil vielleicht, ein Ehepartner, ein enger Freund, dann können wir einander in die Augen schauen und über eine gewisse raue Tiefe des Schmerzes sprechen, ohne je ein Wort zu sprechen. Wir verstehen uns. Wir haben etwas gemeinsam. Etwas Schreckliches.

Ich kenne das. Ich habe es erlebt.

Ich erlebe es.

Und, nein, das macht mich nicht zu einem Experten für alle Ursachen, Zusammenwirkungen und Folgen von Selbstmord. Ich gebe nicht vor, klinisch in allen betroffenen Bereichen ausgebildet zu sein. Selbst mit einem Bachelor-Abschluss in Psychologie, selbst mit umfassenden theologischen Studien – einem Doktor-Titel – selbst mit mehr als dreißig Jahren Erfahrung als Pastor in der Seelsorge mit Familien und Einzelpersonen, als geistliche Autoritätsfigur, behaupte ich nicht, dass ich die perfekte Antwort auf jede Frage habe. Ich wünschte, ich hätte das.

Aber ich weiß, was ich durch das Überleben dieser Feuerprobe gelernt habe. Ich weiß, was meine Frau und unsere anderen Kinder durchgemacht haben und wie sehr sie sich bemüht haben – jede auf ihre eigene Art – mit dem Schmerz und den Erinnerungen fertig zu werden. Noch viel wichtiger ist, dass ich weiß, was ich Gott tun gesehen habe, aus der Nähe, direkt hier in meiner eigenen Familie. Ich habe gesehen, wie Er uns getröstet hat, leise, in den dunkelsten Momenten, die so düster und erstickend waren, in Momenten, von denen ich nicht wusste, dass sie auf der Erde existieren, und wenn doch, wie man sie wohl ertragen kann.

Ich bin über Melissas Tod nicht hinweg. Das gebe ich zu. Ich werde darüber nie hinweg kommen. Jener siebenundzwanzigste Tag im November hat alles verändert. Die Erde hat sich unter meinen Füßen verschoben. Der Nebel verbreitete sich und löste sich nicht mehr. Selbst die einfachsten, alltäglichen Aufgaben erforderten plötzlich große Anstrengung und Entschlossenheit. Aber eins kann ich sagen: Ich bin auf dem Weg durch das alles und ich existiere immer noch als ein Ganzes. Und der „Friede Gottes, der höher ist als jede Vernunft“ kann – ich bezeuge es dir, es ist wirklich möglich – „eure Herzen und Sinne in Christus Jesus [bewahren]“ (Phil. 4,7), genauso wie die Bibel es sagt. Wenn ich das vorher nicht wusste, dann weiß ich es jetzt ganz sicher.

Und es ist die Zuversicht, die Er gibt, mit der ich auf diesen Seiten zu dir komme, und ich hoffe, dass ich deinen bestimmten Schmerz in Worte fassen kann, ich hoffe, dass du und ich dadurch, dass wir einige Stunden gemeinsam als Weggefährten auf dieser ungewollten Reise verbringen, beide am Ende zurück schauen werden und erkennen, dass wir im Heilungsprozess ein paar große Schritte vorwärts gekommen sind.

Wir können es schaffen.

Gemeinsam können wir es schaffen.

Vielleicht bist du nicht jemand, der von den Nachwirkungen eines Selbstmords erschüttert ist. Jedenfalls noch nicht. Aber wenn die Dinge so weitergehen wie bisher, wenn dein Kind oder Ehepartner weiterhin das Leben so sieht, als würde es um ihn oder sie zerfallen, befürchtest du langsam das Schlimmste. Vielleicht hat es oder sie es schon angedroht. Vielleicht hat er oder sie es schon seit langem angedroht. Und der Stress, mit ihren Launen und Emotionen fertig zu werden, zu versuchen, gegen die Schwerkraft ihrer Depression für sie stark und positiv zu sein, zieht dich langsam auch runter.

Glaub mir, ich verstehe deine Gefühle sehr gut. In gewisser Weise willst du vielleicht gar nichts von einem hören, dessen Tochter letztendlich so eine Entscheidung getroffen hat, eine Entscheidung für die Art von Tod, die du für einen Menschen, den du liebst, mit aller Kraft vermeiden willst. Aber ich bete, dass irgendwas von dem, was du hier liest – vielleicht über eine gesunde Ehe, über den Umgang mit verurteilenden Meinungen anderer, über das Aufklären von Missverständnissen in der Bibel, über geistliche Kämpfe, über die Veränderung des Denkens durch die Bibel – dir nicht nur Rat und Trost gibt, sondern auch die Zuversicht, dass Gott immer noch Leben verändern und Wunder tun kann. Er tut es die ganze Zeit.

Er weiß, wo du stehst, und versteht, was du durchmachst. Er liebt dich und deine Familie. Und Er kann das tun, was du nicht kannst.

Komm mit mir, ich werde es dir zeigen.

Mir ist auch klar, dass ein Buch dieser Art nicht nur Menschen anspricht, die jemanden verloren haben, oder die den Eindruck haben, jemanden an einen so brutalen Dieb wie Selbstmord zu verlieren. Vielleicht bist du aus einem anderen Grund auf dieses Buch aufmerksam geworden: du hast selbst schon über Selbstmord nachgedacht. Manchmal konntest du entgegen jeder Vernunft die beklemmende, hartnäckige Ahnung nicht abschütteln, dass es für deinen Schmerz keine andere Lösung gibt, dass der Tod der einzige Ausweg ist – oder zumindest, dass das besser wäre als mit diesen Problemen weiterzuleben, mit diesen Sorgen, mit so viel Schuld, mit Dingen, die so zerbrochen sind, dass man sie scheinbar nicht mehr reparieren kann. So undenkbar es einst auch gewesen sein mag, jetzt gibt es viele Tage, an denen Selbstmord das einzige ist, was überhaupt noch Sinn macht. Das Leben ist vorbei. Die Verzweiflung hat gewonnen. Du hast es versucht; du hast verloren. Was ist noch übrig, für das es sich wirklich zu leben lohnt?

Du sollst wissen: Ich bin froh, dass du hier mit mir bist. Ich habe dafür gebetet, dass du kommst. Bevor du eine tragische Entscheidung triffst, die du nicht mehr rückgängig machen kannst, möchte ich dich bitten, dein Herz noch einmal zu öffnen, vielleicht nur einen kleinen Spalt, um zu hören, was ich zu sagen habe.

Ich verstehe, dass dir wahrscheinlich nicht nach viel Lesen zumute ist. Deshalb habe ich am Ende von jedem Kapitel einen kurzen Brief speziell an dich geschrieben – an dich und an andere, die von einer Wolke derselben Gedanken von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die auch du fühlst, umgeben sind. Wenn du nichts anderes in diesem Buch liest als nur die kurzen abschließenden Sätze an verschiedenen Stellen, dann denke daran, dass ich diese Worte mit Sorgfalt und Gedanken an dich formuliert habe. Ich versuche, dich zu erreichen, weil ich mir Sorgen mache, genauso wie viele andere Menschen. Es sind mehr, als du dir vorstellen kannst – Menschen um dich herum, die die bodenlose Tiefe und Schwere deiner persönlichen Leiden vielleicht nicht wahrnehmen. Wenn sie es täten, wären sie mit Sicherheit da. Um zuzuhören. Um zu helfen. Ich bitte dich, versuche so viel Mut aufzubringen, ihnen zu erzählen, was los ist, damit sie dich in Liebe unterstützen und in deiner Traurigkeit bei dir sein können.

Du sollst auch wissen, dass, wenn du anfängst weiterzublättern und das Buch so zu lesen, wie ich es gerade beschrieben habe, die vielen Seiten, die du überspringst – während die Wörter an dir vorbeipurzeln, viel schwerer als sie aussehen – nur einen Bruchteil der Not und des Schmerzes der Menschen widerspiegeln, die sich in meiner Situation befinden. Diese Seiten gleichen in etwa den ersten zwei Abbiegungen aus deiner Siedlung heraus am Anfang einer zweitausend Meilen langen Reise. Tropfen im Ozean. Kieselsteine am Fuß eines Berges. Es braucht all diese Tinte – und viel, viel mehr – nur um anzufangen, in die Umhüllung des Verlusts, der Qual und der Verwirrung einzudringen, die von lieben Menschen zurückbleibt, Menschen, die einmal, wie du, alleine in der Dunkelheit saßen und dachten, die Welt wäre ein besserer Ort ohne sie.

Glaub mir, dem ist nicht so.

Es gibt nicht genug fetten, kursiven Druck in allen Druckern der ganzen Welt, um diese Aussage so zu betonen, wie ich sie meine.

Selbst meine fröhlichsten Erinnerungen an Melissa machen mich traurig. Nicht gerade schwermütig, aber es ist immer noch süßsauer . Ich denke an ihr kindliches Kichern und mein Herz wird ergriffen. Ich öffne meine Geburtstagskarten und merke, wie immer deutlich, dass eine fehlt. Ich schaue mir Bilder von ihr und meinen anderen Töchtern an, die auf den Fensterbänken in meinem Büro stehen, und ein gebündeltes Paket von Schnappschüssen in meiner obersten Schreibtischschublade, und während ich anfange zu lächeln, fühle ich gleichzeitig einen stechenden Schmerz.

Aber genauso, wie es für mich Hoffnung gibt, für uns, für alle trauernden Hinterbliebenen, nach diesem wuchtigen Schlag ins Herz zu heilen, gibt es auch Hoffnung für dich. Ich verspreche es dir. Es gibt einen besseren Weg als den Weg aus dem Leben heraus. Ich bitte dich, lass dich darauf ein, mit mir hier darüber nachzudenken.

Machst du das?

Ich habe dieses Buch um einige zentrale Wahrheiten und Beobachtungen herum geschrieben, die mir dabei geholfen haben, in meinem Heilungsprozess so weit zu kommen. Viele dieser Dinge wusste ich bereits, aber die Erschütterung durch den Schmerz bis ins Innerste hat sie jetzt verfestigt, zu reinem Grundgestein gemacht. Andere hatte ich bereits in anderen Menschen gesehen, die durch ihre eigenen Vulkanausbrüche des Schmerzes gegangen sind; und jetzt hat Gott mir ihre Wahrheit mit solch einer persönlichen Intensität in meinem eigenen Leben bewiesen, dass mein Herz Feuer und Flamme ist, sie zu deinen Gunsten und zu Seiner Ehre mitzuteilen.

Der Prediger in mir könnte anfangen, diese Prinzipien Punkt für Punkt zu erläutern und die Informationen so zu organisieren, dass es sich wie eine Bedienungsanleitung liest. „Tu dies. Versuch jenes. Hast du schon über diesen Weg nachgedacht?“ Aber der langsame, stetige Prozess der Erholung von einer so tiefen Wunde braucht oft (das habe ich gelernt!) mehr Zeit als Information. Es ist eine Reise von Erfahrung zu Erfahrung, die normalerweise von reichlich Gelegenheit für Abstand und Ruhe profitiert, nicht von einer stramm geplanten Gruppenführung, die jedes Ziel des Tages erreichen muss.

Aus diesem und anderen Gründen habe ich beschlossen, diese verschiedenen, angesammelten Erkenntnisse mit einigen der besonders unvergesslichen Szenen aus Melissas Leben zu verflechten: ihre persönlichen Kämpfe, ihr feuriges Temperament, die verschiedenen Widrigkeiten, die jeder von uns beim Versuch, sie zu leiten und ihr zu helfen, durchgestanden hat. Ich hielt es nicht für sinnvoll, diese Lektionen von der Schule des Lebens zu trennen, in der wir – meine Frau Dayle und meine anderen Töchter – sie gelernt haben, und ich denke, es wird dir leichter fallen, sie in deinem eigenen Herzen und deiner Situation anzuwenden, wenn du sie im Kontext siehst.

Die Bibel ermutigt uns, andere zu trösten, „die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott“ (2. Kor. 1,4). Das hoffe ich zu tun. Und ich hoffe, dass du durch unsere Begegnung hier an diesem von Gott arrangierten Treffpunkt getröstet und gestärkt wirst.

Ich gebe zu, als Melissas Vater ist ein Teil meiner Motivation, dieses Buch zu schreiben, einfach mein Wunsch, dass du sie kennenlernst. Ich will nicht, dass sie vergessen wird. Sie war reizend. Sie war schwierig. Ich bin mir sicher, du kennst das, wenn zwei gegensätzliche Charakterzüge wie diese manchmal ein- und dieselbe Person beschreiben können. Aber ich erzähle auch Teile ihrer Geschichte in der Hoffnung, dass es dir leichter fällt, Erinnerungen an deine eigene außergewöhnliche liebe Person mit mir zu teilen, und die Lektionen, die du gelernt hast, während du versucht hast, ihr zu kurzes Leben auf dieser Welt zu verstehen. Merk dir diese extra eröffnete Website (frankpage.org) – die ich am Ende des Buches mit anderen Informationen nochmal erwähnen werde – damit wir im Gespräch bleiben können. Das würde mich sehr freuen.

Ich lade dich nun ein, nicht durch diese Seiten zu hetzen, um das Ende zu erreichen, sondern dir vielmehr, während du liest, für deine Gedanken und Reaktionen Zeit zu nehmen – zu genießen, zu empfangen, aufzunehmen. Und ich bete, dass du durch das, was du entdeckst, gesegnet wirst, durch das, was Gott auf dem Weg zu deinem Geist sagt, und durch die Art, wie Er seinen Pinsel in die blutrot getönte Farbe deines Herzens taucht und, wie nur Er es kann, tiefere Töne der Freude schafft.

Frank Page

Nashville, Tennessee

Sommer 2013

Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt, und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll ihr Werk tun bis ans Ende, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei.

Jakobus 1,2-4

Kapitel 1

Du bist nicht allein

Ich war in meiner Gartenarbeitskleidung, als der Anruf kam. Es war ein Freitagmorgen. Der Tag nach Thanksgiving (Erntedankfest). Zehn Minuten später wäre ich wahrscheinlich auf dem Rasenmäher gewesen, um das Gras zu mähen und das Haus zum Verkauf vorzubereiten. Wäre das der Fall gewesen, habe ich keine Ahnung, wie ich die Neuigkeit erfahren hätte. Vielleicht durch einen Nachbar, der in Panik von der Terrasse gewinkt hätte und zuerst zu mir und dann zum Telefon gezeigt hätte, hin und her, verzweifelt nach mir rufend. Vielleicht durch das Auto eines Freundes, das mit quietschenden Reifen in unserer Einfahrt gehalten hätte, bei laufendem Motor wäre die Tür aufgeflogen: „Komm schnell! Es ist Melissa!“

Aber meine erste Bestätigung, dass etwas Tragisches passiert war, kam durch einen Anruf, vielleicht genau wie bei dir. Einer unserer Gemeindemitglieder hatte die Feuerwehrautos und den Krankenwagen die Straße entlang heulen gehört und beobachtet, wie sie alle in Eile vor Melissas Tür hielten und das Rettungsteam ins Haus stürzte.

Ich wollte in meinen Gedanken über Melissa niemals so weit gehen. Ja, sie hatte Probleme ... jahrelang. Worte können kaum beschreiben, was sie und was wir alle über zwei Jahrzehnte oder länger durchgemacht hatten. Aber, anders als andere, hatte sie nicht ein einziges Mal mit Selbstmord gedroht – zumindest nicht, dass ich wüsste – und ich kenne sie besser als sonst irgendjemand. Daher schien der Gedanke, dass sie sich ihr Leben nehmen könnte, niemals eine drohende Gefahr zu sein, obwohl Verzweiflung und Melissa selten weit voneinander entfernt waren. Offensichtlich war das falsch gedacht. Wir wussten, dass es schlimm gewesen war, besonders in der letzten Zeit. Wir wussten von einigen neuen, eskalierenden Schwierigkeiten. Aber wir hatten sie gerade am Tag vorher gesehen. Sie war bei uns zuhause zum Thanksgiving-Festessen gewesen. Auffällig unnatürlich und bedrückt, das ja, aber nichts, was uns dies vermuten ließ.

Wie beschreibt man das Gefühl, das nach so einem Anruf kommt? Erzähl mir, welche Worte du benutzt, wenn du dich erinnerst. Verstört? Wie aus heiterem Himmel vom Blitz getroffen? Fassungslos? Schwindelig? Taub? Verloren? Am Boden zerstört? Körperlich krank?

Alles, was ich weiß, ist, dass ich so etwas in meinem Leben vorher noch nie erlebt hatte. Du bist einfach nicht darauf vorbereitet. Fünfzig aufeinanderprallende Gedanken, jeder verbunden mit einer direkten Handlung/ Reaktion, und du stolperst einfach nur vorwärts zu deinem Kind, wo auch immer es ist.

Und damit fängt das Leben auf einem völlig neuen Level an, eine von Schmerz durchzogene Irrfahrt durch Kummer, Reue und Trauer und das dich einhüllende Gefühl, dass du plötzlich, komischerweise, brutal ganz alleine gelassen bist.

Ich habe von vielen Leuten folgende Beschreibung für die Zeit nach dem Selbstmord eines Lieben gehört: eine Einsamkeit – als ob wir jetzt eine Ansammlung von Erfahrungen besitzen, die sich rapide weiter vermehren und die niemand sonst irgendwie verstehen könnte. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit uns selbst auszuhandeln, das gutgemeinte Mitleid der anderen anzunehmen. Wir müssen die ungeschickten Antworten und das kaum weniger unangenehme Schweigen von Menschen, die mehr wissen wollen, aber wissen, dass sie nicht fragen sollten, akzeptieren. Wir sehen, wie ihre Augen kreisen, wie sie versuchen, ihre Gedanken zu sortieren, wie ihr gesamtes Verhalten zeigt, dass sie sich von uns und diesem unbequemen Thema wegwünschen. Und wir wissen, dass sie, nachdem dieses flüchtige Gespräch vorbei ist, zurück zu ihrem normalen Leben gehen können, zu ihren normalen Familien, in die normale Gesellschaft, die das nicht verstehen kann – nicht uns, nicht das hier, nicht Selbstmord.

Was für ein skandalös einsames Wort.

Die Wirklichkeit zeigt aber etwas anderes. Selbstmord, Selbstmordgedanken und Selbstmordversuche kommen tragischerweise immer häufiger vor und die Zahlen steigen rapide. Selbstmord ist heute die zweit- bis dritthäufigste Todesursache unter den 15- bis 24-jährigen – er ist weit verbreitet unter Senioren, weit verbreitet unter Menschen mittleren Alters. Die Suizidrate erreicht sogar seit kurzem ihren Höhepunkt unter jungen Frauen im Alter von 25 bis 39 Jahren (genau die Altersgruppe von unserer Melissa). Keiner weiß genau, warum.

In den Vereinigten Staaten begeht 91 Mal pro Tag jemand Suizid – ungefähr alle fünfzehn Minuten ein Mensch. Nimmt man den ganzen Globus in den Blick, ist es sogar alle 40 Sekunden ein Mensch, einschließlich des erstaunlich hohen Prozentsatzes von Menschen in stark bevölkerten asiatischen Ländern wie Japan und China. Und auf jede Person, die sich erfolgreich umbringt, vermuten verschiedene berichterstattende Ämter, dass es ungefähr zehn bis fünfundzwanzig weitere Personen versucht und (Gott sei Dank) nicht geschafft haben.

Hohe Zahlen. Jüngste Veröffentlichungen des Pentagon weisen darauf hin, dass mehr Soldaten, die im Einsatz sind, an selbstverschuldeten Ursachen sterben, als im Kampf – laut neusten Statistiken geschieht dort ein Selbstmord pro Tag. Mein Freund, General Doug Carver, ehemaliger Hauptgeistlicher der US Armee und jetzt Direktor für geistliche Ämter im Militär des Nordamerikanischen Missionswerks unserer Denomination, bestätigt diese beunruhigenden Feststellungen, was auf die tiefe geistliche Not derer hinweist, die die Freiheit unserer Nation verteidigen. Viele andere kommen mit so großen emotionalen Narben zurück – ganz abgesehen von den zerbrochenen Beziehungen, Unsicherheiten im Job und finanziellen Nöten – dass die Selbstmordrate unter den Kriegsveteranen auch erschreckend hoch ist. Eine Zeitschrift über Themen, die ehemalige Kriegsdiener betreffen, setzt die Zahl bei 18 pro Tag fest, wenn alle Altersgruppen miteinbezogen werden. Wenn man diejenigen, die wegen zu hoher Fahrgeschwindigkeit, einfachen Unfällen oder beim Fahren unter Alkoholeinfluss sterben, dazu zählt – Auto“unfälle“, die oft mit einem Schuss Selbstmordabsicht angereichert sind – dann steigen die Zahlen sogar noch mehr an.

Statistiken sind Statistiken, ich weiß. Und obwohl sie echte Menschenleben und Familien, die mit gebrochenen Herzen zurückbleiben, repräsentieren, können wir kaum anders, als uns ein wenig von diesen unverarbeiteten Prozentzahlen im Zeitungsdruck zu distanzieren. Es gibt nur wenig Trost zu wissen, dass irgendwelche Unbekannten irgendwo, die du niemals treffen wirst, vielleicht verständnisvoll mit dir über das sprechen könnten, was du durchmachst, wenn sie nur in demselben Gebäude wie du arbeiten oder in deine Kirche gehen würden.

Aber ich sage dir, das tun sie.

Eine junge Frau, die ich vor einigen Jahren in der Kirche kennenlernte, rief mich kürzlich an. Sie sagte, dass ihr zehnjähriger Sohn beinahe jedes Mal, wenn eine stressige Situation zuhause oder in der Schule entsteht, damit droht, sich selbst umzubringen. Es ist noch nicht lange her, dass ich von einem jungen Teenager in einer Gemeinde, wo ich Pastor war, gehört habe, dessen Vater nach einem moralischen Fehltritt Selbstmord begangen hat. Und es sind nicht immer die Art Menschen, von denen du es erwartest – die Einsamen, die Drogenabhängigen, die schwer Depressiven – die sich das Leben nehmen. Ich las in den letzten paar Monaten von einem erfolgreichen Sportler, der einen Vertrag für ein herausragendes Hochschul-Baseball-Programm unterschrieben hatte, aber nach vermeintlichem Selbstmord tot am Rande einer Landstraße aufgefunden wurde. Ein anderer Fall aus den Schlagzeilen der letzten Zeit erzählt von einem Spieler des NFL Football Teams unserer Stadt, der zum Trainingscamp nicht auftauchte – er wurde in seinem Auto vor seiner alten High School tot aufgefunden, mit einer selbst zugefügten Schusswunde.

Dies ist kein isoliertes Problem, das nur in bestimmten Gegenden oder einer sehr geringen Bevölkerungsschicht passiert. Selbstmord ist nicht begrenzt auf bestimmte Rassen, Gesellschaftsschichten oder Familiendynamiken. Die Möglichkeit und die tatsächliche Umsetzung in die Tat findet man fast überall.

Ich weiß, dass du dich allein fühlen kannst, „allein gelassen“ mit dem Loch, das dieses Kind, dieser Freund, dieses Familienmitglied gerissen hat. Ich weiß, dass du dich abgeschieden fühlen kannst, mitten in einer gesprächigen, freundlichen, nach Prominenzen jagenden Gesellschaft von Menschen, die das, was sie tun, nicht lange genug unterbrechen wollen, um sich um deinen Schmerz zu kümmern oder deine Bedürfnisse zu verstehen. Aber das durchdringende Schreckgespenst des Selbstmordes – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – existiert ziemlich sicher, möglicherweise unsichtbar, auch in deiner direkten Umgebung. Fast jeder hat eine entfernte Erfahrung in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis, vielleicht sogar im engeren Kreis, mit Selbstmord gemacht.

Vielleicht kann daher die hoffentlich befreiende Erinnerung daran, dass du nicht so allein bist, wie du dich fühlst, einen Teil dazu beitragen, dir behutsam dazu verhelfen, im Umgang mit deiner Traurigkeit und deinem Schmerz voranzuschreiten. Es gibt Menschen, an denen du im Supermarkt vorbeiläufst, die auch deine besondere Marke persönlichen Schmerzes tragen. Heute Nachmittag könnte ein Autofahrer hinter dir an der Ampel stehen, der, genau wie du, heute etwas gesehen hat, was ihn an eine Szene aus dem verkürzten Leben seines Kindes erinnert hat.

In einem Haus nicht weit von deinem entfernt ist eine verschlossene Schlafzimmertür, in dem ein einsamer Teenager oder junger Erwachsener gerade jetzt, während wir reden, in Gedanken seine oder ihre Alternativen durchgeht.

Wir sind nicht allein. Wir sind es einfach nicht.

Und jedes Mal, wenn du den Verlust deines lieben Menschen am heftigsten fühlst, jedes Mal, wenn eine quälende Erinnerung einen unerwarteten Ausbruch von Schluchzern hervorruft, jedes Mal, wenn du nicht sicher bist, dass du deinen Körper morgens aus dem Bett bewegen kannst, drücken diese schweren Gefühle mehr Menschen nieder, als du dir vorstellen kannst, selbst wenn sie diese mit einem steif gebügelten Hemd und einem mutigen Gesicht schön verkleiden (wie die meisten von uns es oft tun) und dann ihren öffentlichen Pflichten nachgehen. Lass dich nicht dazu verführen, etwas anderes zu glauben.

Du bist nicht allein.

Wenn es in unserer Familie passieren kann...