Midlife-Crisis - Kieran Setiya - E-Book

Midlife-Crisis E-Book

Kieran Setiya

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Beschreibung

Die Midlife-Crisis – fast jeder kennt dieses Gefühl der Unsicherheit, das in der Mitte des Lebens auftritt: eine Mischung aus Nostalgie, Bedauern, Leere und der quälenden Frage, ob man das Beste versäumt hat. Selbst auf dem Höhepunkt einer erfolgreichen Karriere spürt man plötzlich die unerklärliche Angst vor der eigenen Vergänglichkeit.

Midlife-Crisis verstehen und meistern: Ein philosophischer Begleiter

In diesem tiefgründigen, leicht verständlichen Buch geht der Moralphilosoph Kieran Setiya, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), dem Phänomen der Midlife-Crisis auf den Grund. Mit Philosophen wie Aristoteles, Epikur und Schopenhauer sowie literarischen Stimmen wie Virginia Woolf und Richard Ford analysiert er die Symptome und den Umgang mit der Midlife Crisis.

Praxisnahe Lebenshilfe: Praktische Tipps, wie man die Sinnsuche in der Lebensmitte souverän meistert und neue Perspektiven findet.
Philosophie trifft Alltag: Tiefgründige Gedanken von Aristoteles bis Schopenhauer verbunden mit humorvollen Lebensweisheiten.
Leicht verständlich & unterhaltsam: Eine unangestrengt und witzig geschriebene Gebrauchsanweisung.
Orientierung für die Lebensmitte: Ein inspirierender Leitfaden für alle, die sich fragen: »Habe ich das Beste verpasst?«

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kieran Setiya

Midlife-Crisis

Eine philosophische Gebrauchsanweisung

Aus dem Englischen von Volker Oldenburg

Insel Verlag

Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?

Wenn ich aber nur für mich bin, was bin ich?

Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Rabbi Hillel

Inhalt

Einleitung

1 Eine kurze Geschichte der Midlife-Crisis

Aufstieg und Fall

Mit vierzig fängt das Leben an

Traurig und philosophisch

2 Soll das alles sein?

Nur für mich

Sich unsterblich machen

Die Schatten des Gefängnisses

3 So viel verpasst

Das Leben eines Polypen

Männer im Untergrund

Trostpflaster

4 Rückschau

Ein vorübergehender Zustand

An Stelle eines Kindes

Ist Unwissenheit ein Segen?

5 Etwas, worauf man sich freuen kann

Geht uns der Tod nichts an?

Der Mann im Spiegel

Zu viel des Guten?

Das bittere Ende

6 Leben im Hier und Jetzt

Womit Schopenhauer richtiglag

Worin sich Schopenhauer irrt

Was ich ganz sicher weiß

Schluss

Dank

Anmerkungen

Einleitung

Eine Geschichte aus dem 1. Jahrhundert v. ‌Chr. handelt von zwei großen Rabbinern. Schammai ist streng, dogmatisch, unnahbar. Sein Gegenspieler Hillel ist genau das Gegenteil: sanft, offen, den Menschen zugewandt. In der Geschichte kommt ein Nichtjude zu Schammai und sagt: »Ich möchte Jude werden, aber unter einer Bedingung: Lehre mich die ganze Tora, während ich auf einem Bein stehe.« Nachdem Schammai ihn erbost aus der Synagoge gejagt hat, geht der Mann zu Hillel. Dieser willigt mit den Worten ein: »Was dir zuwider ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora; alles andere ist Auslegung. Nun gehe hin und lerne.«1

Dieses Buch ist in Hillels Geist geschrieben, und das Motto stammt von ihm. Wie der Talmud ist die Philosophie oft rätselhaft und abweisend. Das ist nicht neu: Versuchen Sie mal, Kant oder Aristoteles zu lesen. Und daran ist auch nichts Schlechtes. Hillel ist kein Gegner gründlichen Studierens: Seine Rede endet mit der Aufforderung zu lernen. Aber er glaubt fest daran, dass die Botschaft des Judentums einfach zu vermitteln ist, und diese Botschaft ist ihm so wichtig, dass er es in Kauf nimmt, als naiv dazustehen.

Genauso sehe ich die Philosophie. Sie könnte nicht fortbestehen ohne Philosophen, die sich mit Leidenschaft den Kopf über die verzwicktesten Probleme zerbrechen. Die akademische Philosophie ist geprägt von Debatten, kritischer Reflexion und komplizierten Fragestellungen. Dennoch hat sie fast allen, die sich in der Lebensmitte fragen, wie sie leben sollen und was ein gutes Leben ausmacht, eine Menge zu bieten.

Mein Interesse an diesem Thema ist persönlich, und das nicht nur, weil ich mit der Philosophie meinen Lebensunterhalt verdiene. Vor ungefähr sechs Jahren, im zarten Alter von fünfunddreißig, dachte ich zum ersten Mal über die Mitte des Lebens nach. Nach außen hin lief alles bestens. Ich hatte Frau und Kind und eine feste Stellung. Ich war Professor an einer guten Fakultät in einer schönen Stadt im Mittleren Westen der USA. Mir war bewusst, dass ich mich glücklich schätzen konnte, das zu tun, was mir Freude bereitete. Trotzdem hinterließ die Aussicht, dass es immer so weitergehen würde, dass mein Leben einem vorgezeichneten Weg folgte, an dessen Ende Ruhestand, Verfall und Tod warteten, ein schales Gefühl in mir. Als ich mich hinsetzte und gründlich über das Leben nachdachte, das ich mir mit viel Fleiß und Mühe aufgebaut hatte, empfand ich eine beunruhigende Mischung aus Wehmut, Bedauern, Enge, Leere und Furcht. War ich etwa in der Midlife-Crisis?

Sie denken jetzt sicher, dass ich für eine Midlife-Crisis damals noch zu jung war (und vielleicht immer noch bin). Ich verstehe Ihren Einwand, doch machen Sie sich schon mal auf Kapitel zwei gefasst. Und schlussendlich bin ich anderer Meinung. Was mir zu schaffen machte, waren die existenziellen Fragen, die in der Lebensmitte auftauchen, und für die ist man auch mit fünfunddreißig nicht zu jung. Man kann sich diese Fragen mit zwanzig oder auch mit siebzig stellen, aber ich glaube, dass sie vor allem Menschen meiner Altersgruppe betreffen. Dabei geht es um Verlust und Bedauern, Erfolge und Niederlagen, um das Leben, das man sich gewünscht hat, und das Leben, das man führt. Es geht um Tod und Endlichkeit und um das Gefühl von Sinnlosigkeit, das sich beim Umsetzen von Vorhaben gleich welcher Art einstellt. Dieses Buch richtet sich nicht nur an Leser und Leserinnen mittleren Alters, sondern an alle, die mit der Irreversibilität der Zeit zu kämpfen haben.

Dieses Buch ist ein Versuch in angewandter Philosophie: Es erkundet mittels philosophischer Reflexion die Herausforderungen in der Mitte des Lebens. Und es kommt in Gestalt eines Selbsthilfe-Ratgebers daher. Die spezifischen Probleme der mittleren Lebensphase wurden von der Philosophie bislang vernachlässigt, dabei sind sie aus philosophischer Sicht hochinteressant und lassen sich mit den Mitteln, die uns Philosophen zur Verfügung stehen, durchaus wirksam behandeln. Bis ins 18. Jahrhundert hinein gab es keine klare Grenze zwischen Moralphilosophie und Selbsthilfe.2 Philosophen waren sich einig, dass die Reflexion über das gute Leben den Zweck erfüllen sollte, unsere eigenen Leben besser zu machen. Die Trennung dieser beiden Ebenen ist eine Entwicklung neuerer Zeit. Heute schreiben nur noch wenige Philosophen Lebensratgeber. Und wenn doch, berufen sich die meisten auf die römischen Stoiker Cicero, Seneca und Epiktet oder andere antike Philosophen, so als hätte die Philosophie ihre Lebensrelevanz vor zweitausend Jahren verloren. Ich gehe nicht historisch vor. Auch ich lasse antike und moderne Philosophen zu Wort kommen, aber sie dienen mir nicht als Quellen unfehlbarer Weisheit, sondern als Gesprächspartner bei der Bewältigung meiner – und hoffentlich auch Ihrer – Probleme.

Dieses Buch unterscheidet sich von einem üblichen Ratgeber, weil es darin weniger um konkrete Veränderungen als um die grundlegende Frage geht, wie wir mit dem Leben umgehen, das wir haben. Für die meisten von uns ist es in der Mitte des Lebens noch nicht zu spät, etwas Neues anzufangen, auch wenn es sich oft anders anfühlt. Lassen Sie sich nicht davon täuschen, dass die Zeit in der Lebensmitte drängt. Es bleibt Ihnen mehr, als Sie glauben. Davon abgesehen gibt es jede Menge Ratgeber mit praktischen Tipps zur beruflichen Neuorientierung mit fünfzig oder zur Partnersuche mit fünfundvierzig. Mit solchen Ratschlägen kann ich nicht dienen. Dafür werde ich Ihnen verschiedene philosophisch begründete Methoden näherbringen, die Ihnen dabei helfen, sich an die mittlere Lebensphase anzupassen. Ist die Methode bekannt, erkunde ich die Philosophie, die dahintersteht. Ist sie neu, erläutere ich ihren Nutzen.

Sie benötigen für die Lektüre keinerlei Vorkenntnisse. Ich habe mich bemüht, ein Buch zu schreiben, das Sie lesen können, während Sie auf einem Bein stehen: Ich habe Kürze den Vorzug gegenüber Vollständigkeit gegeben und unnötige Details weggelassen. In den folgenden Kapiteln beschäftige ich mich nur mit einigen wenigen Formen der Midlife-Crisis. Viele Menschen leiden unter den Anforderungen, die das tägliche Leben an sie stellt, und fühlen sich überfordert; darum geht es im zweiten Kapitel. Um diese Probleme zu lösen, befassen wir uns mit verschiedenen Auffassungen von Vernunft, Wert und dem guten Leben, die alle auf Aristoteles zurückgehen. Außerdem werden wir lernen, wie wichtig es ist, Dinge zu tun, die man nicht unbedingt tun muss. Manche fühlen sich von ihrem gegenwärtigen Leben, so glücklich es auch sein mag, eingeengt und trauern verpassten Möglichkeiten nach. Damit beschäftigen wir uns im dritten Kapitel. Wir werden gemeinsam herausfinden, dass das Vorhandensein von Wahlmöglichkeiten häufig überschätzt wird und dass es auch sein Gutes haben kann, etwas zu verpassen. Im vierten Kapitel erfahren wir, wie wir mit begangenen Fehlern umgehen und uns damit abfinden, dass die Zeit sich nicht zurückdrehen lässt. Des Weiteren erkunden wir, wann und warum wir uns darüber freuen sollten, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Im fünften Kapitel beschäftigen wir uns mit der vergangenen Zeit, der dahineilenden Zeit und dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Darüber hinaus werden wir uns anhand von philosophischen Überlegungen mit unserer Angst vor dem Tod auseinandersetzen. Im sechsten Kapitel geht es schließlich um das Gefühl von Wiederholung und Ermüdung, das sich einstellt, wenn wir tagein, tagaus, jahrein, jahraus ein Projekt nach dem anderen durchführen. Wir werden dahinterkommen, was es heißt, im Hier und Jetzt zu leben, wie man dadurch seine Midlife-Crisis überwinden kann und warum Meditieren dabei hilft.

Bevor wir uns jedoch auf die Suche nach Antworten machen, betrachten wir die Lebensmitte aus historischer Sicht. Im ersten Kapitel untersuchen wir das Stereotyp von der Mitte des Lebens als Zeit der Krise und zeigen auf, dass sich diese Sichtweise erst in jüngerer Vergangenheit herausgebildet hat. Wir verfolgen die gegenwärtige Entwicklung der Midlife-Crisis vom schwindelerregenden psychischen Trauma zur vorübergehenden Phase relativer Unzufriedenheit. Zeitgenössische Philosophen beschäftigen sich viel zu wenig mit dem Älterwerden und auch mit den physischen und psychischen Besonderheiten der Kindheit, der Lebensmitte und des Alters. Es wird Zeit, das zu ändern.

1

Eine kurze Geschichte der Midlife-Crisis

»Geschlechtsverkehr begann / Neunzehnhundertdreiundsechzig / (was für mich recht spät war)«, schrieb der britische Dichter und Bibliothekar Philip Larkin.1 Die Geburt der Midlife-Crisis lässt sich ebenso genau datieren. 1965 veröffentlichte der Psychoanalytiker Elliott Jaques einen Aufsatz mit dem begriffsprägenden Titel: »Death and the Mid-Life Crisis«.2 Darin zitiert Jaques einen Patienten Mitte dreißig:

»Bislang«, sagte er, »schien es in meinem Leben stetig bergauf zu gehen, und vor mir lag nur der ferne Horizont. Jetzt aber habe ich plötzlich das Gefühl, ich sei auf dem Gipfel angekommen. Vor mir liegt nur der steile Weg hinunter, und am Ende – noch weit genug entfernt, aber deutlich zu sehen – wartet der Tod.«3

Wenn Sie zu diesem Buch gegriffen haben, können Sie mit dieser Beschreibung sehr wahrscheinlich etwas anfangen. Sie wissen, wie sich dieser Zustand anfühlt, auch wenn Sie ihn vielleicht nicht so dramatisch empfinden. Sie leben lange genug, um sich manchmal zu fragen: »Soll das alles sein?« Sie haben bereits einige folgenschwere Fehler gemacht, sehen mit Stolz auf Siege und mit Bedauern auf Niederlagen zurück, blicken seitwärts zu den verpassten Möglichkeiten und den Leben, die Sie nicht gewählt haben und jetzt nicht mehr führen können, und richten die Augen nach vorn auf das Ende Ihres Lebens, das noch nicht naht, aber auch nicht mehr unendlich weit weg ist, und plötzlich geht Ihnen ein Licht auf: Wenn Sie Glück haben, bleiben Ihnen noch vierzig Jahre.

Da sind Sie nicht der Erste. Es gibt aktuelle Vorbilder wie Lester Burnham in American Beauty, der seinen Job hinschmeißt, sich ein schnelles Auto kauft und der verführerischen Freundin seiner sechzehnjährigen Tochter nachstellt.4 Aber es gibt auch deutlich ältere. Da wäre zum Beispiel der Titelheld aus John Williams' brillantem Roman Stoner von 1965, der, deprimiert über seine gescheiterte Ehe und die stagnierende Karriere, mit zweiundvierzig »nichts vor sich sah, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich gern erinnerte«.5 Kein Wunder, dass er zum altbewährten Mittel greift und sich in ein Liebesabenteuer stürzt. Oder der absurde Mensch in Albert Camus' Essay Der Mythos des Sisyphos aus dem Jahr 1942, dessen Existenzkrise nicht zeitunabhängig ist, sondern in dem Moment beginnt, »da der Mensch feststellt oder sagt, dass er dreißig ist«.

Er erkennt an, sich an einem bestimmten Punkt einer Kurve zu befinden, die er eingestandenermaßen durchlaufen muss. Er gehört der Zeit, und bei jenem Grauen, das ihn dabei packt, erkennt er in ihr seinen schlimmsten Feind. Morgen erst, wünschte er sich, morgen, während doch sein ganzes Selbst sich dem widersetzen sollte. Dieses Aufbegehren des Fleisches ist das Absurde.6

Gleichfalls zu nennen wäre Mr. Polly steigt aus, H. ‌G. Wells' tragikomischer Roman über einen gelangweilten Ladenbesitzer, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch, bei dem er das Feuer löscht, das er selbst gelegt hat, als Held gefeiert wird und daraufhin ein neues Leben anfängt.7 Der Roman erschien erstmals 1910.

Wie weit lässt sich die Midlife-Crisis zurückverfolgen, wenn sie schon lange, bevor sie 1965 ihren Namen bekam, ein literarischer Topos war? Überraschenderweise stammen die meisten Beispiele, die Jaques in seinem Aufsatz anführt, nicht von seinen Patienten, sondern aus dem Leben großer Künstler. Ihm war aufgefallen, dass viele Künstler zwischen Mitte und Ende dreißig entweder kreativ verstummen oder ganz neue Wege beschreiten. Mit siebenunddreißig hatte Gioachino Rossini (1792-1868) vom Barbier von Sevilla bis zu Wilhelm Tell seine berühmtesten Opern geschaffen; in den restlichen vierzig Jahren seines Lebens komponierte er hingegen kaum noch. Im gleichen Alter begab sich Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) auf eine zweijährige Italienreise. Seine bedeutendsten Werke, darunter der Faust, entstanden hinterher und waren vom Geist der Antike geprägt. Sogar Michelangelo (1475-1564) legte in der Mitte seines Lebens eine Schaffenspause ein. Zwischen vierzig und fünfundvierzig malte er praktisch nichts, dann schuf er die Medici-Grabmäler und das Jüngste Gericht.

Es mag Ihnen gewagt erscheinen, über die Psyche von Künstlern zu spekulieren, die seit Jahrhunderten tot sind. Aber es geht noch weiter zurück. Der Historiker Philippe Ariès, der vor steilen Thesen nie zurückschreckte und unter anderem gezeigt hat, dass unser Bild von der Kindheit eine Erfindung der Moderne ist, führt das Gefühl des persönlichen Versagens, das sich in der Lebensmitte einstellt, auf die Erfahrung des »reichen, mächtigen oder gebildeten Menschen im späten Mittelalter« zurück, der das Privileg besaß, sich Ziele zu setzen, die den Angehörigen traditioneller Gesellschaften verwehrt waren.8 Denken Sie nur an den fünfunddreißigjährigen Dante: »Auf der Hälfte des Weges unseres Lebens fand ich mich in einem finsteren Walde wieder, denn der gerade Weg war verloren.«9

Die Mediävistin Mary Dove zeichnet in The Perfect Age of Man's Life ein ganz anderes Bild. Dove beruft sich auf die mittelenglischen Erzählungen Piers Plowman und Sir Gawain und der grüne Ritter, in denen die mittlere Lebensphase ganz im Geiste Aristoteles' als Blütezeit des Lebens dargestellt wird: Laut Aristoteles erreicht der Körper den Höhepunkt seiner Entwicklung zwischen dreißig und fünfunddreißig und der Geist mit neunundvierzig.10 Andere Autoren wiederum sind der Ansicht, Ariès sei nicht weit genug zurückgegangen. In ihrem 2002 erschienenen Buch Regeneration untersucht die Psychotherapeutin Jane Polden die Midlife-Crisis am Beispiel von Homers Odyssee.11 Der irrfahrende Held erlebt eine Midlife-Crisis, die sich gewaschen hat! Untreue, Alkoholexzesse, der Tod der geliebten Mutter, und am Ende hilft nur noch intensive Familientherapie. Fairerweise muss gesagt werden, dass Polden all das nur metaphorisch meint. Der früheste Text, in dem es um eine Vorform der Midlife-Crisis geht, stammt aus der 12. ägyptischen Dynastie und wurde etwa 2000 v. ‌Chr. geschrieben. Es handelt sich um einen Dialog zwischen einem lebensüberdrüssigen Mann und seiner Seele – soweit ich es beurteilen kann, leidet er allerdings eher unter der Ungerechtigkeit seiner Umwelt als unter der Unzulänglichkeit des eigenen Lebens.12

Dieser kurze historische Rückblick zeigt uns weniger die Zeitlosigkeit der Midlife-Crisis als vielmehr ihren prägenden Einfluss auf unsere Phantasie. Allzu leichtfertig projizieren wir unser Bild von der Krise auf vergangene Leben, die mit unseren äußerst wenig zu tun haben. Darum erzähle ich in diesem Kapitel nicht die mehr oder weniger fiktive Geschichte der Midlife-Crisis seit Anbeginn der Menschheit, sondern beschränke mich darauf, ihre Entwicklung von der Begriffsprägung 1965 bis in die Gegenwart nachzuzeichnen. Trotz ihrer ungebrochenen Popularität muss sich die Midlife-Crisis bis heute den Vorwurf gefallen lassen, dass sie reine Projektion ist und in Wahrheit gar nicht existiert.

Aufstieg und Fall

Auch wenn es schon vorher namhafte Publikationen zum Thema gab – unter anderem Edmund Berglers 1954 veröffentlichte psychoanalytische Studie über außereheliche Affären, Die Revolte der Fünfzigjährigen13 –, kam die Midlife-Crisis wie gesagt 1965 zur Welt. Ihre Kindheit verlief ausgesprochen hoffnungsvoll, und sie entwickelte sich prächtig.

1966 führte Daniel J. Levinson, Psychologieprofessor in Yale, Interviews mit vierzig Männern im Alter zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig Jahren. Levinson verspürte eine große Unzufriedenheit mit seinem Leben und wollte herausfinden, ob es anderen Männern seiner Altersgruppe ähnlich ging. Basierend auf den Interviews teilte er das Erwachsenenalter in drei Entwicklungsstufen ein und veröffentlichte seine Studie 1978 unter dem Titel Das Leben des Mannes.14 Im gleichen Jahr publizierte der an der UCLA lehrende Psychiater Roger L. Gould sein Buch Lebensstufen: Ein psychologischer Ratgeber für Erwachsene.15 Auch Goulds Beschäftigung mit dem Thema war durch eine persönliche Krise motiviert: Seine Frau und er hatten sich in Los Angeles ein Haus gekauft, und die Erfüllung dieses langgehegten Wunsches löste bei ihm völlig überraschend eine Depression aus. Warum aber machte dieser Hauskauf ihn so unglücklich? Um das herauszufinden, griff er zu sozialwissenschaftlichen Methoden: Im Rahmen einer Studie befragte er fünfhundertvierundzwanzig Männer und Frauen im Alter zwischen sechzehn und fünfzig Jahren. Wie Levinson teilte Gould das Leben in unterschiedliche Stadien der Weiterentwicklung und Persönlichkeitsentfaltung ein. Ein Stadium war die krisenhafte Zeit in der Lebensmitte.

Aber erst 1976 wurde die Midlife-Crisis erwachsen. Zwei Jahre zuvor hatte die Journalistin Gail Sheehy Levinson und Gould für einen Artikel im New York Magazine interviewt. Und während die beiden Wissenschaftler noch mit der Auswertung ihrer Studien beschäftigt waren, schrieb Sheehy den Wälzer In der Mitte des Lebens: Die Bewältigung vorhersehbarer Krisen. Ihre Erkenntnisse beruhten unter anderem auf eigenen Interviews, die sie mit Erwachsenen zwischen Anfang zwanzig und Ende vierzig geführt hatte.16 Das Buch wurde ein gigantischer Bestseller. Seit der Veröffentlichung hat es sich in achtundzwanzig Sprachen über fünf Millionen Mal verkauft. Bei einer Leserumfrage der Library of Congress 1991 gehörte es zu den Top Ten der wichtigsten Bücher unserer Zeit.

Sheehy bezog sich hauptsächlich auf den deutschen Psychoanalytiker Erik H. Erikson, der in seinem 1950 erschienenen Buch Kindheit und Gesellschaft als einer der Ersten den Versuch unternommen hatte, die Entwicklung des Menschen vom Kleinkind bis ins reife Erwachsenenalter als Zyklus aus unterschiedlichen, klar umrissenen Lebensphasen darzustellen.17 Eriksons Stufenmodell besteht aus acht universellen Stadien, die durch spezifische Konflikte geprägt sind: Urvertrauen versus Urmisstrauen in der Kindheit, Intimität versus Isolation im frühen Erwachsenenalter, und im mittleren Erwachsenenalter – zwischen fünfunddreißig und vierundsechzig – Generativität versus Stagnation. (Unter »Generativität« verstand Erikson die Sorge um zukünftige Generationen.) Dass Sheehy sich in ihrem Buch auch auf Levinson und Gould berief, sorgte unterdes für Streit. Gould beschuldigte Sheehy des Ideenklaus und zog 1975 vor Gericht, um die Veröffentlichung von In der Mitte des Lebens zu verhindern. Es kam zu einem Vergleich, und Gould erhielt zehntausend Dollar Schadensersatz plus zehn Prozent der Tantiemen. Ein guter Deal angesichts der Auflagenhöhe. Aber Sheehys Buch war nicht nur so erfolgreich, weil es zuerst erschien. Ihr Talent für knackige Überschriften – »Die bewegten Zwanziger«, »Dreißig, mein Gott«, »Das Torschlussjahrzehnt« – und ihr Mut zur Verallgemeinerung sorgen dafür, dass sich In der Mitte des Lebens noch immer liest wie eine Momentaufnahme amerikanischer Befindlichkeit.

Die Midlife-Crisis spielt darin eine wichtige Rolle. Wenn wir die Lebensmitte erreichen, schreibt Sheehy, haben wir das Gefühl, dass uns die Zeit davonläuft. Für Frauen, so Sheehy, bedeuten die Dreißiger und Vierziger einen Wendepunkt. Damals hatten nur wenige Frauen dieser Altersgruppe einen Hochschulabschluss; ihre Kinder wurden erwachsen und verließen das Elternhaus. Sie mussten sich etwas einfallen lassen und sich ein neues Leben aufbauen. Männer hingegen trifft die Krise mit vierzig: Sie müssen sich von unrealistischen Träumen verabschieden, den Ehrgeiz ihrer Jugend bändigen und in neue Bahnen lenken. So undifferenziert diese Darstellung auch sein mag, das Narrativ von der Krise setzte sich durch und hat seine Gültigkeit trotz zahlreicher gesellschaftlicher Veränderungen bewahrt. War die Midlife-Crisis in den siebziger Jahren noch ausschließlich Männern vorbehalten, werden die von Sheehy beschriebenen Stereotype im Zuge der Gleichberechtigung heute auch von Frauen besetzt: Karrierestillstand, Verlust der Jugend, Langeweile in der Partnerschaft.

Sheehy schweigt sich darüber aus, wie viele Menschen von der Midlife-Crisis betroffen sind, aber sie schreibt sehr allgemein und legt es eindeutig darauf an, dass die Leser sich mit ihren Interviewpartnern identifizieren. Andere Autoren waren nicht so zurückhaltend. In seinem Vorwort zu Barbara Frieds The Middle-Age Crisis, einem zu wenig beachteten Klassiker über die Mythen des mittleren Lebensabschnitts, schreibt der Psychologieprofessor Morris Stein, die Krise sei omnipräsent:

Jeder von uns erlebt sie, mehr oder weniger intensiv, auf seine eigene Weise und ist am Ende mehr oder weniger versöhnt mit den Jahren, die noch kommen. Es ist eine »natürliche« Entwicklungskrise, und sie geht an niemandem vorbei.18

Stein zeichnet hier – trotz Anführungszeichen – das Bild eines geschlechtsunabhängigen sozialen oder biologischen Schicksals. Unsere Midlife-Crisis ist vorprogrammiert, und die Frage ist nicht, ob sie uns trifft, sondern wann. Wir sollten also gewappnet sein.

1980 brummte die Midlife-Crisis, und sie hatte ihren festen Platz in der Popkultur. Jeder konnte mit dem Begriff etwas anfangen, und man kommentierte sie mit trockenem Humor oder wissenden Bemerkungen. Wer selbst nicht gerade mitten in der Midlife-Crisis steckte, konnte zahllose Romane darüber lesen, zum Beispiel Joseph Hellers Was geschah mit Slocum? oder Doris Lessings Der Sommer vor der Dunkelheit.19 1982 kam sogar ein Brettspiel namens Midlife-Crisis auf den Markt. Ziel des Spieles war, glücklich, stressfrei und ohne Geldprobleme durch die mittleren Lebensjahre zu kommen und die anderen Spieler in eine Midlife-Crisis zu stürzen – inklusive Bankrott, Scheidung und psychischem Zusammenbruch.

So viel zur medialen Darstellung. Aber wie sah es im wirklichen Leben aus? Ehrlich gesagt lässt sich das nur schwer feststellen. Wir haben die Studien von Levinson, Gould und Sheehy, aber kaum verlässliche Daten. Persönliche Berichte über die Midlife-Crisis bekommt man reichlich, wenn man sich umhört, aber diese sind unwissenschaftlich und zweifellos verfälscht, da die Menschen bekanntermaßen gern zu vorgefertigten Begriffen greifen, wenn sie über ihre Befindlichkeit sprechen. Das Wort Midlife-Crisis ist schnell zur Hand, ein praktisches Mittel, um sich anderen gegenüber zu erklären, und vor allem deshalb attraktiv, weil man sie jederzeit als Ausrede für sein unmögliches Verhalten benutzen kann. »Was erwartest du? Ich bin in der Midlife-Crisis!«

Als die MacArthur Foundation 1989 das Research Network on Successful Midlife Development gründete, erhielt das Narrativ von der Midlife-Crisis zum ersten Mal massiven Gegenwind. Das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk unter Leitung des Sozialpsychologen Orville Gilbert Brim bestand aus dreizehn Wissenschaftlern aus den Bereichen Psychologie, Soziologie, Anthropologie und Medizin. Die wichtigste Arbeit der Gruppe war »MIDUS« – Midlife in the United States –, eine umfangreiche Studie aus dem Jahr 1995. Für die MIDUS-Studie wurden mittels eines dreiviertelstündigen Telefoninterviews und eines ellenlangen Fragebogens über siebentausend Amerikaner zwischen fünfundzwanzig und vierundsiebzig befragt. Die Auswertung der Daten erfolgte anhand von sage und schreibe elfhundert Analysekategorien. Trotz einiger banaler Feststellungen – ein Ergebnis war zum Beispiel, dass die körperliche Gesundheit in der mittleren Lebensphase allgemein als schlechter als in jungen Jahren wahrgenommen wird; wer hätte das gedacht? – brach die MIDUS-Studie radikal mit der in den Sozialwissenschaften vorherrschenden Lehrmeinung. Und so kam die Midlife-Crisis zur Jahrtausendwende im passenden Alter von fünfunddreißig in die Midlife-Crisis.

Was sagte die MIDUS-Studie aus? Eine detaillierte Zusammenfassung der Ergebnisse findet sich in dem Sammelband How Healthy Are We?, den Brim 2004 gemeinsam mit der Psychologieprofessorin Carol D. Ryff und Ronald C. Kessler, Professor für Gesundheitswesen an der Harvard Medical School, herausgab. Die Aussichten waren rosig. »Im Großen und Ganzen«, ist darin zu lesen, »ergibt sich ein positives Bild vom Älterwerden: Ältere Erwachsene berichten von einem höheren Maß an Wohlbefinden und verzeichnen zudem weniger negative Affekte als junge und mittelalte Erwachsene«.20 Es kommt noch besser: »Es besteht eine negative Korrelation zwischen Lebensalter und einer schweren Depression; bei älteren Erwachsenen sinkt die Wahrscheinlichkeit, an dieser psychischen Störung zu erkranken.«21 Die Studie erzählt von seelischer Ausgeglichenheit und wachsender Zufriedenheit von der Jugend bis ins mittlere Alter und darüber hinaus. Als die Ergebnisse 1999 erstmals veröffentlicht wurden, erschien in der Washington Post ein Sonderteil mit dem Titel: »Midlife without the Crisis.« Die New York Times titelte: »Neue Studie zeigt: Die mittleren Jahre sind die besten.«

Eine von der Soziologieprofessorin Elaine Wethington geleitete Folgestudie, an der siebenhundertvierundzwanzig der ursprünglichen Probanden teilnahmen, konzentrierte sich auf seelische Krisen in der Lebensmitte. Nur sechsundzwanzig Prozent der über Vierzigjährigen gaben an, unter einer Midlife-Crisis zu leiden, wobei Männer und Frauen in etwa gleich häufig betroffen waren.22 Da lässt sich kaum von einem allgegenwärtigen Phänomen sprechen. Und selbst die sechsundzwanzig Prozent erschienen manchen noch zu hoch gegriffen. Die genauere Analyse ergab, dass die Studienteilnehmer den Begriff Midlife-Crisis sehr dehnbar interpretierten und ihn für alle schwierigen Phasen im relevanten Lebensabschnitt verwendeten. Mit anderen Worten: In der Lebensmitte hat man Probleme mit den Kindern und den Eltern, mit der Karriere und der Gesundheit. Wenn man all das als Midlife-Crisis bezeichnet, bloß weil der Begriff sich anbietet, dann leidet gut ein Viertel aller Amerikaner unter einer Midlife-Crisis. Aber schwierige Lebensphasen haben nicht unbedingt damit zu tun, dass wir uns unserer Sterblichkeit und der Endlichkeit des Lebens bewusst werden oder der Vergangenheit, unseren verpassten Möglichkeiten und nicht erreichten Zielen nachtrauern – und erst recht nicht mit dem Lebensalter.

Andere Studien bestätigten das Fazit von MIDUS. 2001 gab Margie E. Lachman, Psychologieprofessorin an der Brandeis University, den dicken Wälzer Handbook of Midlife Development heraus. In einem der darin enthaltenen Aufsätze heißt es: »In Umfragen zeigt sich regelmäßig, dass Menschen in der mittleren Lebensphase seltener unter psychischen Problemen leiden[,] […] harmonischere Ehen führen, zufriedener mit ihrem Leben sind und es besser meistern […] als junge Menschen. Darüber hinaus sind sie im Allgemeinen vergleichsweise gesund.«23 Eine andere Autorin in dem Band schreibt: »Eines der faszinierendsten Rätsel in der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne ist der Mythos der Midlife-Crisis.«24 Es entstand ein neuer Konsens, ein positiver Blick auf den mittleren Lebensabschnitt als Phase der Weiterentwicklung und des inneren Wachstums. Susan Krauss Whitbourne, eine scharfe Kritikerin der alten Klischees aus den 1970ern, widmete der Midlife-Crisis in ihrem 2010 erschienenen Buch The Search for Fulfillment sogar ein ganzes Kapitel. Sein Titel: »Die Mär von der Midlife-Crisis«.25

Zum Teil war dieser Backlash gegen die Midlife-Crisis eine Überreaktion auf ein Zerrbild. Bei vielen weckte der Begriff rein negative Assoziationen: Krise gleich Katastrophe. Außerdem waren Aussagen wie die des oben zitierten Morris Stein, die Midlife-Crisis sei ein omnipräsentes Phänomen, völlig aus der Luft gegriffen und empirisch nicht zu belegen. Die Ende der 1990er gewonnenen Erkenntnisse sprachen jedenfalls eindeutig gegen die These vom bevölkerungsübergreifenden Trauma. Dem muss allerdings entgegengehalten werden, dass die Entdecker der Midlife-Crisis diese nie als rein negativ betrachteten. Elliott Jaques hatte die Krise von Anfang an als Möglichkeit zur Veränderung und zum kreativen Neuanfang dargestellt. Mit seinem Aufsatz wandte er sich entschieden gegen George Miller Beard, der 1881 in seinem Buch American Nervousness die »Neurasthenie« zum Leiden des Bildungsbürgertums erklärt und behauptet hatte, die Schaffenskraft würde ab dem neununddreißigsten Lebensjahr rapide nachlassen.26 Auch Sheehy sah den mittleren Lebensabschnitt als Chance für positive Veränderungen. Für Jaques und Sheehy war die Krise kein biologisches, rein altersbedingtes Phänomen, sondern das Produkt sich wandelnder Lebensumstände in der mittleren Lebensphase. Sie nannten die Krise auch nicht universell oder behaupteten, sie müsse jeden treffen, um real zu sein. Wenn die Krise, sagen wir, zehn Prozent der Erwachsenen zwischen vierzig und sechzig betrifft, lohnt es sich, über sie nachzudenken.

Doch mit der gesellschaftswissenschaftlichen Karriere der Midlife-Crisis ging es steil bergab. Für viele Forscher war sie keine psychologische Realität, sondern eine Medienlegende, ein moderner Mythos. Wenn die Midlife-Crisis sich zu neuer Popularität aufschwingen wollte, musste sie sich neu erfinden. Sie musste sich von der Psychologie trennen und die Fachrichtung wechseln. Und so kam es auch. Auf der Suche nach einem Neuanfang begegnete die Midlife-Crisis den Wirtschaftswissenschaften und der neuen Lehre vom Wohlbefinden.

Mit vierzig fängt das Leben an

In der Entwicklungsökonomie hat sich in den letzten Jahrzehnten ein hochinteressanter Wandel vollzogen. Wurde der Wohlstand eines Landes früher fast ausschließlich anhand des Bruttoinlandsprodukts oder des Bruttonationaleinkommens bemessen, greifen nationale Regierungen, die Vereinten Nationen und die Weltbank heute auf eine Vielzahl von Wohlstandsindikatoren zurück. Leider ist hier nicht der richtige Ort, um diese spannende Geschichte zu erzählen. Ein Highlight für unsere Zwecke ist die Arbeit des in Harvard lehrenden Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Amartya Sen, der in den 1980ern maßgeblich zur Etablierung des Index der menschlichen Entwicklung (HDI) beitrug, der regelmäßig vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen erstellt wird. Sen plädierte erfolgreich dafür, Wohlstand nicht nur am Wert von Gütern zu messen, sondern auch die Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensverhältnisse und der menschlichen Entwicklung zu berücksichtigen. Der erstmals 1990 veröffentlichte HDI ist in dieser Hinsicht ein recht grobes Instrument, denn aus dem Bruttonationaleinkommen, der Lebenserwartung und der Dauer der Ausbildung wird für jedes Land ein Durchschnittswert ermittelt. In den folgenden zwei Jahrzehnten boomte die Forschung zum Thema Wohlbefinden, und es wurden in allen möglichen gesellschaftlichen und demographischen Zusammenhängen Studien zum momentanen Glücksempfinden und zur allgemeinen Lebenszufriedenheit durchgeführt. In den Wirtschaftswissenschaften zählte nicht mehr nur der finanzielle Wohlstand.

Insbesondere eine Studie veränderte das Schicksal der Midlife-Crisis und vielleicht auch ihre Bedeutung. 2008 veröffentlichten die Wirtschaftswissenschaftler David Blanchflower vom Dartmouth College und Andrew Oswald von der University of Warwick einen Artikel mit dem Titel: »Is Well-Being U-Shaped over the Life Cycle?«.27 Darin stützten sich die beiden auf eine große internationale Studie, in der Erwachsene aller Altersgruppen folgende Frage beantworten sollten: »Wie zufrieden sind Sie heute alles in allem mit Ihrem Leben?« Blanchflower und Oswald fanden heraus, dass die altersbezogene Glückskurve, unabhängig von Einkommen, familiärer und beruflicher Situation, die Form eines sanft geschwungenen U aufweist: Bei jungen Erwachsenen und alten Menschen war die Lebenszufriedenheit hoch und erreichte im Schnitt im Alter von sechsundvierzig ihren Tiefpunkt. Das Muster zeigte sich in zweiundsiebzig Ländern, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Der Stressfaktor Kindererziehung konnte in der Regressionsanalyse als Ursache ausgeschlossen werden. Die U-Kurve war allgegenwärtig, formstabil und eine psychische Realität. Mit dreiundvierzig erlebte die Midlife-Crisis ein Comeback.

Natürlich gab es auch Kritiker. Die Studie, so der Haupteinwand, sei eine querschnitthafte Momentaufnahme und nicht in der Lage, das »Kohorten-Argument« zu entkräften, das die U-Kurve nicht auf das Alter und seine Begleiterscheinungen zurückführt, sondern dadurch erklärt, dass die Lebenswege von ungefähr zur selben Zeit geborenen Menschen relativ ähnlich verlaufen. So könne man zum Beispiel davon ausgehen, dass die Midlife-Crisis in den 1960ern dadurch geprägt war, dass die Betroffenen die mittlere Lebensphase in einer Zeit extremen kulturellen Wandels erlebten und in der neuen Gesellschaft keinen Platz mehr für sich sahen. Die heutige Midlife-Crisis sei hingegen von wachsender sozialer Ungleichheit, Rezession und Jobschwund auf dem Arbeitsmarkt gekennzeichnet. Gesellschaftliche Faktoren, so die Kritiker, spielen also eine Rolle. Aber die hatten Blanchflower und Oswald berücksichtigt. Außerdem hat eine umfangreiche Langzeitstudie, in der jedes Jahr dieselben Probanden befragt wurden, die U-Kurve bestätigt.28 Ursache für die U-Kurve ist nicht das Geburtsjahr oder der Zustand der Gesellschaft, sondern das, was mit uns geschieht, wenn wir älter werden.

Die wohl skurrilste Bestätigung lieferte eine 2012 von Primatenforschern durchgeführte Studie mit Menschenaffen.29