Mit der Wut einer Mutter - Phyllis Omido - E-Book

Mit der Wut einer Mutter E-Book

Phyllis Omido

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Beschreibung

Als Phyllis Omido 2007 ihren neuen Job in der Verwaltung einer Recyclinganlage für Altbatterien nahe Mombasa antritt, stürzt sie sich mit Eifer in die Arbeit. Doch plötzlich erkrankt ihr kleiner Sohn lebensgefährlich: Der Bleigehalt in seinem Blut ist um das 37-Fache erhöht, das Kind ist hochgradig vergiftet. Als die junge Mutter recherchiert, was ihren Sohn krank gemacht hat, stößt sie auf alarmierende Ergebnisse: Seit ihre Fabrik vor Ort tätig ist, häufen sich massive Gesundheitsbeschwerden bei der Bevölkerung. Kurzerhand kündigt Phyllis ihren Job, pflegt ihr Kind und sammelt Beweise für die lebensbedrohlichen Umweltsünden ihres Arbeitgebers. Unermüdlich warnt sie vor dem bleiverseuchten Grundwasser im Umkreis der Anlage, organisiert Massenproteste und erzwingt unter Gefährdung ihres Lebens die Schließung der Metal Refinery. Als die Regierung die Fabrik erneut öffnet, wendet sich die Alleinerziehende an internationale NGOs und startet ihren Kampf gegen die Bleischmelzen in ganz Kenia. Mit der Wut einer Mutter legt sich Phyllis Omido mit internationalen Unternehmen an und verklagt sogar den kenianischen Staat auf Wiedergutmachung und das Recht auf unversehrte Gesundheit. In ihrem mit Spannung erwarteten Buch erzählt die wohl mutigste Umweltaktivistin Afrikas erstmals ihre ganze Geschichte und zeigt dabei auch globale Zusammenhänge auf: Denn ein Großteil des krank machenden Bleis stammt aus Europa, das in Afrika unter Missachtung geltender Umweltauflagen entsorgt wird.

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Seitenzahl: 267

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PHYLLIS OMIDO

ANDREA C. HOFFMANN

Mit der Wuteiner Mutter

Die Geschichte der afrikanischenErin Brockovich

1. eBook-Ausgabe 2019

© 2019 Europa Verlag GmbH & Co. KG, München

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,

unter Verwendung von Fotos von: © Tania/contrasto/laif

und © Jalan Sahba/EyeEm/Getty Images

Redaktion: Heike Gronemeier

Layout & Satz: Danai Afrati & Robert Gigler

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-281-7

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

Gewidmet den Menschen von Owino Uhuru,die an den Folgen der Bleivergiftung gestorben sind.

Inhalt

VORWORTvon John H. Knox und Daniel Magraw

KAPITEL 1:Der neue Job

KAPITEL 2:Ein Todesurteil

KAPITEL 3:Der Fluch

KAPITEL 4:Zurück im Slum

KAPITEL 5:Straßenkampf

KAPITEL 6:Auf der Flucht

KAPITEL 7:Der Tag danach

KAPITEL 8:Wir verlangen Gerechtigkeit

Vorwortvon John H. Knoxund Daniel Magraw

Phyllis Omido ist eine außergewöhnliche Frau. Die ergreifende Geschichte dieser jungen Mutter, die unbeirrt für ihr Kind und die Gemeinschaft kämpft, obwohl ihr immer wieder vehementer, teils sogar brutaler Widerstand vonseiten der Industrie und Regierung entgegenschlägt, zeugt nicht nur von Phyllis Omidos unheimlicher Stärke, ihrem Engagement und ihrer Intelligenz. Sie zeugt auch davon, dass es der Einsatz des Einzelnen sein kann, der den Unterschied macht, wenn es darum geht, gegen Umweltzerstörung vorzugehen und Menschenrechte zu schützen. Angesichts der unzähligen Hürden, die einem im Kampf um Gerechtigkeit begegnen, zeigen uns Geschichten wie die von Phyllis Omido, was man alles erreichen kann, egal wie groß die Herausforderung auch sein mag.

Phyllis’ Geschichte zeigt aber auch, dass keiner eine Insel ist – wir alle brauchen die Unterstützung anderer. Und manchmal braucht es mehr als nur ein Dorf, um gegen gefährliche Umweltsünden vorzugehen, die das Recht auf Leben und Gesundheit bedrohen. Phyllis hat diesen Kampf mit nicht mehr als ihrem unerschütterlichen Willen begonnen. Aber sie hat sich auch Unterstützung gesucht – sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres Umfelds. Ihre Verbündeten waren Taxifahrer und Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen, Umweltexperten und Dorfvorsteher, aber auch internationale Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sowie Vertreter der Vereinten Nationen. Was Betroffene in ähnlichen Situationen aus Phyllis’ Geschichte lernen können, ist klar: Es gibt oft mehr potenzielle Mitstreiter, als man denkt, man muss nur bereit sein, sie zu suchen und ihren Ratschlägen zuzuhören.

So unterschiedlich jeder einzelne Fall im Kampf um Menschenrechte und Umweltschutz gelagert sein mag, so sehr ähneln sich die Strategien, die am Ende zum Erfolg führen: Zunächst muss nicht nur erkannt werden, dass ein Problem vorliegt, sondern auch sorgfältig untersucht werden, wo genau das Problem liegt und wodurch es hervorgerufen wird; dann müssen Lösungsansätze identifiziert und Unterstützer für die eigene Sache gefunden werden; es gilt, wichtige Akteure davon zu überzeugen, dass gehandelt werden muss; und am Ende muss die Umsetzung der nötigen Maßnahmen genau überwacht werden. Phyllis hat all das getan. Uns die Schritte ihres Kampfes zu vergegenwärtigen, sensibilisiert uns für die Schwierigkeiten und Sorgen anderer und hilft uns, Wege zu finden, um ihnen zu helfen.

Phyllis’ Geschichte ist nicht nur faszinierend, weil sie zeigt, wie man auf lokaler Ebene erfolgreich für Umweltschutz und Menschenrechte kämpfen kann. Sie ist auch deshalb so wertvoll, weil sie von den großen persönlichen Herausforderungen erzählt, vor denen Phyllis immer wieder steht, und dem ungeheuren Mut, den sie dabei aufbringen muss. Ihre Geschichte kann uns alle inspirieren, Gutes zu tun und selbst dann weiterzumachen, wenn wir vor scheinbar unüberwindbaren Hindernissen stehen.

Bemerkenswert ist auch Phyllis’ Bescheidenheit. Denn was in ihrem Buch nicht ausreichend deutlich wird, ist, wie sehr ihr unermüdlicher Einsatz und ihr Wissen dazu beigetragen haben, den Themen Umweltschutz und Menschenrechte weltweit mehr Beachtung zu schenken. Phyllis’ herausragende Beiträge bei Veranstaltungen des UN-Menschenschenrechtsrats oder des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi, Genf und andernorts haben internationalen Organisationen wie der UN dabei geholfen, die Arbeit von Menschenrechtsaktivisten im Umweltbereich besser verstehen und unterstützen zu können. Phyllis’ Geschichte steht symbolisch für die Situation Tausender Männer und Frauen weltweit, die mit den Folgen von umweltzerstörendem Handeln zu kämpfen haben, wenn machtvolle Global Player für den schnellen Profit Wasser, Boden und Luft verseuchen, Ressourcen und Wälder plündern oder ihren Giftmüll entsorgen. Es sind Menschen wie sie, die an vorderster Front für den Schutz der Umwelt und die damit verbundenen Menschenrechte kämpfen. Und am Ende kämpfen sie auch für uns, da wir alle Teil der Weltgemeinschaft sind.

Ihr Kampf ist jedoch ein gefährlicher, wie auch Phyllis’ Geschichte zeigt. Recherchen der internationalen Menschenrechtsorganisation Global Witness zufolge, werden jedes Jahr rund 200 Menschenrechtsaktivisten weltweit ermordet – das sind im Durchschnitt vier Personen pro Woche. Vielerorts werden Aktivisten zudem massiv bedroht, erleiden physische Gewalt oder werden unrechtmäßig inhaftiert. Wie der Fall von Phyllis und ihren Kollegen zeigt, wird dabei oft die gesamte Familie bedroht, sei es durch die Entführung von Angehörigen oder andere Formen der Einschüchterung und Gewalt.

Indem Phyllis so offen und eloquent von ihrem Kampf berichtet, hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dem Thema Menschenrechte und Umwelt international Gehör zu verschaffen und bessere Handlungsstrategien zu entwickeln. Ihre großartige Autobiografie hilft uns zu begreifen, wie wichtig die Arbeit von Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten ist, um unseren Planeten – und damit unser aller Lebensgrundlage – zu bewahren.

JOHN H. KNOX,

UN-Sonderberichterstatter

für Menschenrechte und Umwelt

DANIEL MAGRAW,

Professor für Völkerrecht, Johns Hopkins School of

Advanced International Studies, Washington D.C.

KAPITEL 1

Der neue Job

Die auf Hochglanz polierte Schuhspitze des Notars wippt gemächlich im Takt seiner Worte auf und ab. In einschläferndem Singsang leiert er den Text des Kaufvertrags herunter, während ich krampfhaft versuche, nicht auf die Uhr zu schauen. Ich kenne den Text so gut wie auswendig. In den vergangenen Wochen bin ich ihn immer wieder durchgegangen, habe mit meinem Boss Änderungen besprochen und diese an den Notar weitergeleitet. Jetzt warte ich eigentlich nur noch darauf, das Dokument stellvertretend für meinen Chef zu unterzeichnen. Doch wenn der Notar in diesem Tempo weiterliest, sitzen wir morgen noch hier.

»Haben Sie diese Passage verstanden, Frau Omido?«, erkundigt er sich zum wiederholten Mal.

»Ja, natürlich.«

Ich habe Mühe, meine Ungeduld zu verbergen. Der Notar weiß doch, dass der indische Immobilienhändler, für den ich arbeite, mir quasi das gesamte Mikromanagement seiner Liegenschaften überlässt, wenn er auf Reisen ist: Ich kümmere mich um die Vermietung seiner Büro- und Gewerbeflächen in Mombasa, besichtige neue Objekte und handele Deals für ihn aus. Er vertraut mir blind. Wenn es um eine Kauf- oder eine Verkaufsentscheidung geht, bin ich diejenige, die den Daumen hebt oder senkt; ich besitze auch eine Vollmacht, um Verträge zu zeichnen.

Dieses Vertrauen kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren bin ich für ihn da, wann immer er mich braucht, selbst Nachtschichten habe ich für ihn geschoben. Doch seit ich meinen kleinen Jungen habe, kann ich nicht mehr frei über meine Zeit verfügen. So gerne ich mit hundertprozentigem Einsatz weiterarbeiten würde – als alleinerziehende Mutter ist mir das nicht länger möglich. Und die einzige Lösung, die uns beiden helfen würde, erlaubt mein Boss nicht. »Ein Kind hat bei der Arbeit nichts zu suchen, Phyllis. Besorg dir eine Kinderfrau«, mit diesen Worten schmettert er meine regelmäßigen Bitten, meinen Sohn King mit zur Arbeit bringen zu dürfen, ab. Und deshalb sitze ich jetzt hier auf glühenden Kohlen, meine übervollen Brüste schmerzen, und ich platze schier vor Ungeduld. Noch fünf Seiten. In einer halben Stunde erwartet mich zu Hause die Babysitterin. Als der Notar endlich zum Ende kommt, setze ich hastig meine Unterschrift unter den Vertrag.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagt der Notar und schüttelt zuerst die Hand des Verkäufers, dann meine. Sonst fühle ich mich nach so einer Unterschrift fast immer selbst ein bisschen wie die neue Besitzerin der Grundstücke, doch heute will ich nur noch weg. Aber mit meinem eng anliegenden Businesskostüm und den High Heels kann ich die Treppe nur langsam hinunterstaksen. Vor dem Bürogebäude parkt der Wagen meines Chefs, den ich als Dienstwagen benutzen darf, wenn er außer Landes ist: ein schicker weißer Toyota. Auch in ihm darf ich meinen Sohn nicht transportieren, da er die weißen Ledersitze ruinieren könnte. Nicht ganz zu Unrecht, wenn ich ehrlich bin. Ich streife die unbequemen Schuhe ab, schlüpfe in ein Paar Sneaker und trete das Gaspedal durch. Es ist 13:45 Uhr, höchste Zeit, dass ich nach Hause komme, in mein anderes Leben.

Dieses andere Leben ist weit weniger elegant. In meiner Wohngegend, einem unspektakulären Außenbezirk von Mombasa, besitzen die meisten Nachbarn jedenfalls kein Auto – und der Toyota fällt immer ziemlich auf, wenn ich ihn vor unserem Mehrfamilienhaus parke. Dort habe ich im ersten Stock eine Zweizimmerwohnung gemietet, die ich mir mit meinem Sohn und mit meinem jüngeren Bruder Silas teile. Silas ist 24 Jahre alt und studiert Maschinenbau. Wenn es sich einrichten lässt, hilft er mir, auf King aufzupassen. Aber diese Woche hat er von morgens bis abends Prüfungen. Also habe ich eine Babysitterin angeheuert, ein Mädchen vom Land. Sie ist erst kürzlich zu ihren Verwandten in die Stadt gezogen, um hier Geld zu verdienen. Ich kenne sie kaum. Auch deshalb habe ich ein mulmiges Gefühl, als ich zurück nach Hause fahre. Es ist emotional nicht leicht, sein Kind in der Obhut von Fremden zu lassen. Andererseits bleibt mir nichts anderes übrig: Ich kann es mir nicht leisten, meinen Job aufzugeben, denn ich bin die Alleinverdienerin für meinen Sohn, meinen Bruder und mich selbst. Kings Vater hat mich bereits während der Schwangerschaft verlassen.

Als ich die Tür zur Wohnung öffne, fällt mir als Erstes der eigentümlich süßliche Geruch auf.

»Wo ist King?«, frage ich das Mädchen, das mir auf dem Flur entgegenkommt.

»Er schläft«, behauptet sie.

»Um diese Zeit?« Das macht er sonst nie! Gerade jetzt, gegen Mittag, wenn er noch nichts zu essen bekommen hat, ist der Junge normalerweise hellwach. Er wird doch nicht krank sein? Besorgt eile ich ins Schlafzimmer. Aber Kings Bettchen ist leer.

»Wo ist er?«, frage ich das Mädchen, das mir gefolgt ist.

»In der Küche.«

»Er schläft in der Küche?«

Dort finde ich King mit dem Kopf auf der Tischplatte. »King!«, schreie ich. »King!«

Er rührt sich nicht. Jetzt erst vernehme ich das leise Zischen im Raum. In diesem Moment wird klar, was passiert ist. Ich hechte zum Herd, drehe den Gashahn zu, reiße das Küchenfenster weit auf und herrsche das Mädchen an, die restlichen Fenster in der Wohnung ebenfalls zu öffnen. Dann nehme ich King hoch und versuche, ihn zurück zu Bewusstsein zu bringen. Doch erst als ich ihm etwas Wasser über den Kopf kippe, flattern seine Augenlider leicht.

»King, mein Kleiner! Gott sei Dank.« Ich bedecke sein nasses Gesicht mit Küssen. King sieht mich benommen an. »Alles ist gut, King, Mami ist da«, beruhige ich ihn und wiege ihn in meinen Armen.

Nachdem ich King versorgt und ihm etwas Frisches angezogen habe, knöpfe ich mir das Mädchen vor: »Was hast du nur getan? Der Junge hätte tot sein können! Du übrigens auch, du dumme Gans!«

»Ja, aber … Was habe ich denn getan?«, fragt sie unter Tränen. »Ich wollte doch nur Wasser warm machen. Aber das Feuer ging nicht an.«

Offenbar hat sie keine Ahnung, wie ein Gasherd funktioniert. Wahrscheinlich kocht man in ihrem Dorf noch über dem offenen Feuer. Am liebsten würde ich sie sofort feuern. Aber ich muss am Nachmittag zurück ins Büro. Wenn ich King nur mitnehmen könnte! Dann wären alle meine Probleme gelöst.

Der Gedanke lässt mich auch in den folgenden Tagen nicht mehr los. Es gibt doch bestimmt Arbeitgeber, die in der Kinderfrage offener sind als mein Boss. Ich muss sie nur finden und gleich bei der Einstellung die Konditionen entsprechend verhandeln. Noch einmal riskiere ich es bestimmt nicht, dass eine Landpomeranze mein Kind fast umbringt.

Beim Grübeln über einen Ausweg aus dieser vertrackten Situation kommt mir eine Idee: Meine Freundin Savanna, die ich noch vom Business-College her kenne, arbeitet für eine Behörde, die ausländische Investoren nach Kenia lockt und ihnen Produktionslizenzen ausstellt, die »Export Processing Zone Authority« (EPZ). Sie ist immer bestens informiert darüber, welche internationalen Firmen auf dem Weg in unser Land sind. Vielleicht kann Savanna mir helfen? Spontan lade ich sie zu mir zum Lunch ein. Früher sind wir oft zusammen in ein Fast-Food-Restaurant gegangen, aber mit meinem Sohn ist es daheim entspannter.

Mein Bruder Silas erwartet uns bereits in der Tür, weil er gleich eine Vorlesung hat – er hasst es, zu spät zu kommen. Mein ruhiger, gewissenhafter Bruder ist ein richtiger Streber, was sein Studium angeht. Ich finde das gut, denn ich will ja, dass er Erfolg hat. Meine Mutter wäre riesig stolz, wenn sie noch erleben könnte, wie er seinen Abschluss als Ingenieur macht. Deshalb nehme ich es Silas nicht übel, dass er sich so kurz angebunden von mir verabschiedet, als ich mit Savanna im Treppenhaus auftauche. Glücklicherweise habe ich den Rest des Tages keine Termine mehr.

Kaum betreten wir die Wohnung, beansprucht King meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Dass ich eine Freundin im Schlepptau habe, ist ihm völlig egal: Wenn seine Mami nach Hause kommt, hat sie sich um ihn zu kümmern. Als er an meiner Bluse zupft, weiß ich genau, was er will. Aber zuerst schiebe ich für Savanna und mich die Pizza in den Ofen. Dann setze ich mich an den Küchentisch, hebe ihn auf meinen Schoß, öffne meine Bluse und gebe ihm die Brust. Jetzt ist er zufrieden.

Später, als Savanna und ich unsere Pizza verspeisen, erfahre ich von ihr die aktuellen Neuigkeiten aus der EPZ-Welt: Sie erzählt mir von zwei Indern, die vorhätten, eine Firma für Metallverarbeitung in Kenia zu gründen. »Die ›Metal Refinery‹, so heißt die Firma, ist derzeit in der Phase der Testläufe«, erzählt sie. »Bis sie die Produktion aufnehmen kann, dauert es aber noch, denn sie hat noch nicht alle Genehmigungen beisammen.«

»Dabei könnten die Inder sicher gut Hilfe gebrauchen«, sage ich, während ich von meiner Pizza kleine Stückchen abschneide und sie für King mundgerecht zubereite.

»Das denke ich auch«, meint Savanna, die weiß, dass ich über viel Erfahrung auf diesem Gebiet verfüge. »Sie werden ewig brauchen, wenn sie nicht jemanden anheuern, der sich mit den hiesigen Behörden auskennt.«

»Könntest du nicht ein Treffen arrangieren?«

»Das ist ein bisschen zu offensichtlich. Aber ich weiß, wie wir es machen. Ich gebe dir Bescheid, wenn sie das nächste Mal einen Termin bei uns haben, und du kommst dann einfach zufällig vorbei, um mir irgendwelche Papiere zu bringen.«

Eine Woche später ruft sie mich morgens an. Ich bin gerade dabei, King anzuziehen, der heute den Tag bei meiner Schwester Susan verbringen soll: Susan, die ein paar Jahre jünger als ich ist, hat selbst eine vierjährige Tochter.

Ich hatte eigentlich Behördengänge geplant. Aber als Savannas Anruf kommt, werfe ich meinen gesamten Zeitplan über den Haufen.

»Wann soll ich da sein?«

»So bald wie möglich. Die beiden können jede Minute hier aufkreuzen.«

Etwas unentschlossen stehe ich vor meinem Kleiderschrank. Am Ende wähle ich einen eleganten, langen Rock, eine weiße Bluse und die Pumps, die ich mir zu meinem 28. Geburtstag geschenkt habe. Zum Schluss trage ich noch eine dicke Schicht Lippenstift auf.

»Du hast dich ja ganz schön in Schale geschmissen«, bemerkt Susan, als sie wenig später an der Tür klingelt. Und auch Angel, die an diesem Tag hübsche kleine Zöpfchen trägt, starrt mich neugierig an.

»Was hast du denn vor?«

»Nichts Besonderes«, behaupte ich und überlege, ob mein Outfit nicht doch einen Tick zu aggressiv ist. Ach, was! »Ich treffe nur ein paar Leute, die vielleicht einen Job für mich haben.«

»Na, da drücke ich dir die Daumen!«

Mit dem Wagen ihres Mannes fährt Susan mich zum EPZ-Gebäude, das sich in der Einfahrt zum Containerhafen befindet.

In Savannas Büro sind die Inder bereits damit beschäftigt, Formulare auszufüllen. Sehr gut, denke ich: Meine Freundin hat ihnen also schon schwierige Hausaufgaben gegeben. »Guten Morgen!«, flöte ich und frage nach der Genehmigung für meinen Chef.

»Guten Morgen, Phyllis!«, begrüßt mich Savanna augenzwinkernd und händigt mir zum Schein irgendwelche Papiere aus. »Wie immer hast du alles perfekt ausgefüllt«, lobt Savanna. »Dein Chef kann froh sein, dass er dich hat. Du musst nur noch ein paar Unterschriften leisten.« Damit setze ich mich an den Tisch zu den Indern. »Es ist wirklich manchmal zum Verrücktwerden mit unserer Gesetzgebung und dem ganzen Papierkram hier in Kenia«, plappere ich drauflos.

»Allerdings«, antworten sie und mustern mich neugierig. Die beiden wirken überhaupt nicht wie erfahrene Firmenbosse: Es sind coole, junge Typen mit halblangem Haar und ungefähr in meinem Alter, also Mitte bis Ende zwanzig. Einzig ihre teuren Markenklamotten verraten, dass sie Geld haben. Wir kommen leicht ins Gespräch.

Die Männer heißen Kumar Vorq und Viresh Bhatavea. Sie sind aus der indischen Stadt Mumbai und erzählen mir, dass sie in Kenia Metall verarbeiten wollen. Eine Produktionsstätte vor den Toren Mombasas haben sie bereits – und jetzt kann es losgehen. Ich höre mir ihre Pläne an, lasse sie ein bisschen damit prahlen und bestaune andächtig ihren Unternehmergeist. Außerdem helfe ich ihnen, ihre Papiere auszufüllen. Ganz beiläufig erwähne ich dabei, dass mein jetziger Chef ebenfalls Inder ist und ich ihn und andere Ausländer seit Jahren als Expertin durch den kenianischen Behörden-Dschungel lotse. »Ohne einheimische Hilfe kommt man hier kaum vorwärts«, behaupte ich.

Die beiden spitzen interessiert die Ohren. Als wir alles erledigt haben, fragen sie mich, ob ich mir vorstellen könnte, auch für sie tätig zu sein: Sie würden in Kürze eine Stelle ausschreiben.

»Warum nicht? Geben Sie mir ruhig Bescheid«, antworte ich betont gelassen und werfe Savanna verstohlen einen verschwörerischen Blick zu: Unsere Strategie ist aufgegangen, sie haben den Köder geschluckt.

Ungeduldig warte ich darauf, von den Indern zu hören. Aber zunächst tut sich überhaupt nichts. Tag für Tag muss ich mit Kings Betreuung improvisieren. Eine neue Babysitterin habe ich noch nicht gefunden. Zwar haben sich schon etliche Mädchen vorgestellt, aber nach dem Unfall mit dem Gasherd bin ich misstrauisch geworden. Es muss schon eine Person sein, der ich wirklich vertrauen kann. Oft bitte ich deshalb meine Schwester, King zu beaufsichtigen. Aber da sie und ihr Mann derzeit Eheprobleme haben und sich oft anschreien, geht King nicht gerne zu ihr. Wenn er zurückkommt, ist er immer unausgeglichen und quengelig. Meist trifft es deshalb meinen Bruder Silas. Dass er dafür regelmäßig die Uni sausen lässt, bereitet mir Gewissensbisse. Aber er und ich sitzen in einem Boot: Er muss mir den Rücken freihalten, da mein Job sein Studium finanziert.

Als ich das arrangierte Treffen in Savannas Büro schon fast wieder vergessen habe, erhalte ich von meiner Freundin eine Mail. »Kumar Vorq und Viresh Bhatavea waren heute erneut bei mir und lassen dir schöne Grüße bestellen«, schreibt sie, »und das hier soll ich dir schicken.« Neugierig klicke ich auf den Anhang – und finde ein Inserat, das soeben in der Daily Nation erschienen ist. Die »Metal Refinery« suche eine Person für ihre Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit und Personalführung, heißt es da. Ich muss lachen.

»Scheinbar suchen sie jemanden, der alles kann«, sage ich später zu Savanna am Telefon.

»Das ist doch dein Spezialgebiet.«

»Da hast du allerdings recht.«

Mit äußerster Sorgfalt bereite ich meine Bewerbungsunterlagen vor: Ich peppe meinen Lebenslauf auf, preise in den höchsten Tönen meine Qualifikationen an und nenne mehrere Personen aus der Import-Export-Branche als Referenzen. Auch ein EPZ-Empfehlungsschreiben, das Savanna mir über ihre Kontakte organisiert hat, lege ich bei.

Wenige Tage nachdem ich die Unterlagen in den Briefkasten geworfen habe, erhalte ich einen Anruf von einem Mann, der sich als Herr Shah vorstellt und mit indischem Akzent spricht. Er ist der Manager der Metal Refinery. »Ihre Referenzen sind exzellent. Wir würden Sie sehr gerne einstellen«, erklärt er ohne Umschweife. Innerlich mache ich einen Freudensprung, nach außen bleibe ich ganz sachlich.

»Wie sind denn Ihre Konditionen?«, frage ich. »Wie Sie wissen, habe ich derzeit eine sehr gute Position. Damit ich diese aufgebe, müssten Sie mir schon etwas bieten.«

»Selbstverständlich«, sagt Herr Shah und verspricht mir ein Gehalt von 600 Euro im Monat. Da ich bislang ein Drittel weniger bekommen habe, finde ich das schon mal ziemlich gut. Trotzdem muss ich jetzt hoch pokern.

»Ich bräuchte auch einen Dienstwagen für die Behördengänge. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber habe ich einen.« Das stimmt zwar nicht ganz, aber das muss ich Herrn Shah ja nicht gleich auf die Nase binden.

»Das ließe sich vielleicht einrichten«, antwortet er unbestimmt.

»Und außerdem …«, rücke ich schließlich mit meiner wichtigsten Forderung heraus, »… außerdem wäre es für mich wichtig, dass ich meinen Sohn hin und wieder mit ins Büro bringen kann. Er ist zwei Jahre alt und ein sehr unkompliziertes Kind. Er wird niemanden stören.«

»Hm«, höre ich Herrn Shah brummen.

»Das ist meine Bedingung«, schiebe ich entschlossen nach. »Darauf bestehe ich. Auf den Firmenwagen könnte ich notfalls verzichten, aber das ist absolut essenziell.«

»Ich verstehe. Ich werde mit den Eigentümern darüber reden.«

Tags darauf ruft mich Herr Shah erneut an, um mir mitzuteilen, dass die Besitzer der Metal Refinery meine Forderung akzeptiert hätten. »Gratulation«, sagt er. »Wir freuen uns darauf, Sie und Ihren Sohn so bald wie möglich bei uns zu begrüßen.«

Ich kann mein Glück kaum fassen!

Für unseren ersten Tag bei der Metal Refinery putze ich uns beide sorgfältig heraus. King trägt sein knallrotes Lieblings-T-Shirt, ich ein violettes Business-Kostüm, das ich mir bei meiner Nachbarin Dorkas geliehen habe. Sie ist ebenfalls alleinerziehend und hat mir, insbesondere als King noch ein Säugling war, schon oft geholfen. Und da sie weiß, wie wichtig der neue Job für mich ist, fährt sie uns zur Feier des Tages mit ihrem Auto zu meinem neuen Arbeitsplatz.

Wir rollen stadtauswärts und erreichen den Highway, der die Küstenstadt Mombasa mit der kenianischen Hauptstadt Nairobi verbindet. Die Metal Refinery liegt auf einer Anhöhe inmitten von anderen Industrieanlagen, die aufgrund der Nähe zum Hafen hier errichtet wurden.

Schon von Weitem sehen wir die beiden hohen Schornsteine der Fabrik. Doch als wir den Highway verlassen, führt unser weiterer Weg zu meiner Überraschung zunächst in eine Wohngegend: Rund um das Werk liegt eine Vielzahl kleiner Hütten und Häuschen. Die Behausungen schmiegen sich dicht an dicht an den Hügel, dazwischen ein Wirrwarr an steilen und engen Gassen. Aus dem Fenster des Wagens sehe ich ärmlich gekleidete Menschen, die in Grüppchen zusammenstehen, sich unterhalten, rauchen, ein paar Waren verkaufen oder unter freiem Himmel Reparaturdienste anbieten. Unmittelbar hinter der Siedlung erhebt sich die hohe Mauer, die die Metal Refinery umschließt.

Dorkas hält vor dem großen Metalltor und hupt. Ein hübscher junger Mann erscheint, ein schlaksiger Bursche von höchstens 18 Jahren mit wilder Lockenmähne. »Wollen Sie reinfahren?«, fragt er.

»Nein, vielen Dank, nicht nötig!«

King und ich steigen aus. Der junge Mann hält uns das Tor auf: »Willkommen in der Metal Refinery!«, sagt er freundlich. »Ich bin Karisa, der Wachmann. Und wer bist du?« Die Frage gilt meinem Sohn, der sich schüchtern hinter meinem Rücken versteckt.

»Das ist King!«, antworte ich an seiner Stelle.

»Arbeitest du jetzt bei uns?«, wendet sich Karisa erneut an ihn. »Wenn ich deine Mama zu Herrn Shah gebracht habe, können wir ja ein bisschen miteinander spielen. Hast du Lust?«

Kings Augen leuchten. Und ich bin fast noch glücklicher als er: Was für ein Unterschied zu meinem früheren Arbeitsplatz! Hier wird King mit offenen Armen empfangen. Ich kann ihn beruhigt in der Obhut des Wachmanns lassen, während ich mich bei meinem neuen Arbeitgeber vorstelle.

Wir gehen über einen großen freien Platz, an dessen Ende sich die Werkshalle sowie einige Bürogebäude und Container befinden. Alles wirkt neu und unbenutzt. Ein kaum wahrnehmbarer, leicht unangenehmer Geruch nach faulen Eiern hängt in der Luft. Im Büro werde ich von Herrn Shah erwartet, einem elegant gekleideten Inder mit heller Haut und sehr feinen Händen. Man sieht ihm an, dass er aus der indischen Oberschicht stammt und noch nie in seinem Leben körperlich gearbeitet hat. »Schön, dass Sie bei uns sind«, begrüßt er mich freundlich, aber distanziert.

Herr Shah zeigt mir mein Büro, das im ersten Stock gegenüber dem Fabrikeingang liegt. Der Raum ist modern eingerichtet, wirkt aber noch ein wenig steril. Mit gefällt vor allem, dass ich von hier aus den gesamten Hof überblicken kann, in dem King gerade mit Karisa Fangen spielt. Der junge Wachmann scheint recht froh über die Ablenkung zu sein.

Herr Shah erklärt mir, dass es die oberste Priorität der Werksleitung sei, so schnell wie möglich mit der Produktion zu beginnen. Man habe bereits Testläufe durchgeführt, die allesamt positiv verlaufen seien. Es fehle also nur noch die Erlaubnis der Behörden. »Wir hoffen, dass Sie diesen Prozess beschleunigen können«, sagt er.

»Ich werde mein Bestes geben«, versichere ich ihm. Da ich mich bereits in die Materie eingearbeitet habe, weiß ich, dass wir die Genehmigungen von insgesamt acht Ämtern brauchen, darunter auch die der NEMA, einer Regierungsbehörde mit Sitz in Nairobi, die für die Einhaltung von Umweltauflagen zuständig ist. »Sobald wir alle nötigen Unterlagen abgeliefert haben, erteilt die jeweilige Behörde die Genehmigung und stellt uns eine Plakette aus. Die müssen wir dann an der Außenwand der Metal Refinery befestigen. So erleichtern wir der Polizei und der EPZ die Kontrollen«, erkläre ich.

Herr Shah überlegt einen Moment und sagt dann: »Ich glaube, eine dieser Plaketten haben wir bereits.«

»Ach, wirklich? Welche denn?«

»Die für den Umweltschutz. Sie müsste in einem der Aktenschänke liegen.« Mit diesem Hinweis lässt mich Herr Shah allein, er habe zu tun.

Nach einigem Suchen ist die Plakette gefunden. Das Metall-Schild hat ein ordentliches amtliches Siegel. Wunderbar, diese Hürde ist also bereits genommen. Vielleicht kann mir Karisa gleich heute Nachmittag dabei helfen, das Schild an der Mauer zu befestigen, überlege ich. Zuvor werde ich aber noch einen Ordner über den Vorgang anlegen. Ich suche nach den Unterlagen zu dem Genehmigungsverfahren und den schriftlichen Einverständniserklärungen der Anwohner zur Errichtung der Industrieanlage, kann sie aber nirgends finden. Ich muss Herrn Shah unbedingt später fragen, wo er die Dokumente abgelegt hat.

Den Rest meines ersten Tages verbringe ich damit, weitere Unterlagen zu studieren und mich in sämtliche Genehmigungsverfahren der Metal Refinery einzulesen. Zwischendurch teile ich unser mitgebrachtes Mittagessen mit Karisa – ich muss morgen dringend die doppelte Portion einpacken – und bette King zum Nachmittagsschlaf auf eine Decke am Boden in meinem Büro. Kann arbeiten entspannt sein! Am Abend schwirrt mir zwar der Kopf, aber King und ich sind beide bei bester Laune.

»Und, wie war es?«, erkundigt sich Dorkas, die ich zusammen mit ihrer achtjährigen Tochter Claire zum Abendessen eingeladen habe. Es gibt Huhn mit Risotto.

»King hat einen neuen Freund gefunden«, verrate ich strahlend. »Er heißt Karisa und arbeitet als Wachmann.«

»Na, das klingt ja schon mal gut«, findet Dorkas. »Und wie ist es dir ergangen?«

»Ich habe ein sehr schönes Büro. Und jede Menge Arbeit: All diese Genehmigungen zu bekommen wird nicht einfach werden. Nachschlag?«

»Ja, gerne«, sagt Dorkas und nimmt noch eine Portion Risotto. Den Rest stelle ich in den Kühlschrank für Silas, der erst später nach Hause kommen wird.

»Außerdem scheint die Werksleitung es ziemlich eilig zu haben«, fahre ich mit meinem Bericht fort. »Ich bin ja wirklich schnell beim Arbeiten, aber ob ich wirklich alles in der kurzen Zeit organisieren kann, wie die es sich vorstellen …«

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigt mich Dorkas. »Du machst einfach eines nach dem anderen. Mehr kann keiner von dir verlangen.«

Die nächsten Tage stürze ich mich mit Elan in die Arbeit. Ich will unbedingt, dass die Werksleitung zufrieden mit mir ist. Deshalb arbeite ich auf Hochtouren daran, dass die Fabrik so schnell wie möglich ihren Betrieb aufnehmen kann. Tatsächlich komme ich sehr gut voran, nur die Sache mit der Umweltplakette bereitet mir Sorgen. Als sich endlich die Gelegenheit ergibt, spreche ich Herrn Shah auf die fehlenden Unterlagen an. »Es kann nicht sein, dass die NEMA die Zulassung für den Betrieb einer Fabrik vergibt, ohne vorher die Zustimmung der Anwohner einzuholen«, erkläre ich. »Es muss Interviews und einen Bericht gegeben haben. Wer außer Ihnen könnte denn wissen, wo diese Papiere abgelegt wurden? Wir brauchen sie auch für spätere Kontrollen.«

»Eine Zustimmung der Anwohner?«, fragt Shah irritiert. »Welche Anwohner sollen das denn sein? Etwa die Menschen aus dem Slum?«

»Ja, sicher. Jeder einzelne von ihnen muss unterschreiben, dass er der Errichtung der Industrieanlage zustimmt.«

Herr Shah sieht mich entgeistert an, verspricht mir aber, die Eigentümer nach dem Genehmigungsverfahren zu fragen. Die beiden kommen nur sporadisch ins Werk. Bei ihrem nächsten Besuch treffen wir uns im Konferenzraum. Vorq und Bhatavea betonen, wie froh sie seien, dass ich nun für sie arbeite. Und wie sehr sie hofften, dass ich den Prozess der Inbetriebnahme beschleunigen könne.

»Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht«, beteuere ich. »Bei einer Sache, die vor meiner Zeit hier abgewickelt wurde, bräuchte ich bitte noch Informationen von Ihnen. Leider kann ich die Unterlagen zur Umweltplakette nirgendwo finden. Können Sie mir sagen, wo die Papiere zur Anwohnerbefragung abgelegt wurden?«

Die beiden sehen sich vielsagend an. Offenbar ist nicht ganz klar, wie viel Information sie mir über den Vorgang geben wollen. »Bitte, ich muss darüber Bescheid wissen«, dränge ich.

»Das ist eine vorläufige Plakette, die wir zum Durchführen der Testläufe erhalten haben«, erklärt Vorq mir schließlich.

»Ach, eine vorläufige Plakette«, wiederhole ich verwundert. »Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Dann muss ich mich als Erstes um eine permanente Lizenz kümmern.«

»Nein, nicht nötig«, entgegnet er. »Wir können die Plakette, die wir bereits haben, einfach weiterverwenden.«

»Ich fürchte, das wird nicht gehen. Das ist nicht der korrekte Weg.«

Die beiden wechseln erneut einen Blick. »Wir haben keine Zeit für Korrektheit: In wenigen Tagen erwarten wir die erste Lieferung. Da muss irgendetwas da draußen hängen.«

»In wenigen Tagen schon? Das ist nicht zu schaffen. Wenn wir versuchen zu tricksen, werden wir uns jede Menge Ärger einhandeln«, warne ich.

»Wenn jemand Ärger macht, regeln wir das mit Geld«, antwortet Vorq unbekümmert. »Wir sind doch nicht nach Kenia gekommen, um Gesetze zu befolgen.«

Ich sehe die beiden mit offenem Mund an und kann kaum glauben, wie abgebrüht sie sind. Scheinbar interessiert es sie überhaupt nicht, sich an irgendwelche Regeln zu halten. Wozu brauchen sie mich dann, wenn sie meine Erfahrung und meinen Rat in den Wind schießen? Ich bin ehrlich schockiert.

Da die beiden Ausländer sind, wird es unweigerlich auf mich zurückfallen, wenn sie Fehler begehen. Denn es ist ja gewissermaßen mein Job, sie durch den Dschungel der Vorschriften zu lotsen. Wenn später etwas schiefgeht, wird es heißen, ich hätte sie nicht richtig beraten. Dann kann ich beruflich einpacken. Ich rede also auf die beiden ein und versuche, sie zu überzeugen, dass ein ordentlicher Genehmigungsprozess nicht mit viel Mehraufwand verbunden wäre. »Wir müssen lediglich mit den Anwohnern sprechen und einen Umweltexperten damit beauftragen, das Gesundheitsrisiko zu bewerten.«

»Welches Gesundheitsrisiko?«

»Wahrscheinlich gibt es gar keine Risiken«, beteuere ich schnell. »Aber das muss uns ein Experte bestätigen, der einen ordentlichen Bericht schreibt. Das kann ich gleich organisieren.«

Vorq und Bhatavea sehen nicht sehr überzeugt aus. Sie wechseln ein paar Worte in ihrer Muttersprache. »Wenn wir die Sache jetzt korrekt machen, wird das am Ende billiger für Sie sein«, beschwöre ich sie.

Mit diesem Argument kann ich sie endlich überzeugen. »Na gut, dann beauftragen wir eben diesen Experten. Das können wir ja parallel machen. Aber wir akzeptieren nicht, dass es deswegen zu weiteren Verzögerungen kommt.«

Ich lasse also Karisa die vorläufige Plakette an der Außenmauer montieren, und bereits wenige Tage später donnert ein Dutzend Lastwagen über den Highway und durch die Gassen von Owino Uhuru bis zum Haupttor der Fabrik. Von meinem Schreibtisch aus beobachte ich, wie Karisa sie hineinlotst und ihnen ihre jeweilige Parkposition zuweist, während King hinter seinem neuen Freund steht und dessen Gesten nachmacht. Ein kleiner und ein großer Junge in ihrem Element. Es ist wirklich eine Freude zu sehen, wie selbstverständlich alle, auch die Fahrer der Lkw, mit meinem Sohn umgehen.

Neben mir steht der Umweltexperte, den ich unmittelbar im Anschluss an meine Diskussion mit Vorq und Bhatavea kontaktiert habe: Fred Owiti, ein grauhaariger Herr mit Brille, lehrt an der Universität von Nairobi und berät zudem auf Honorarbasis verschiedene Firmen in Sachen Umweltauflagen. Er hat sich bereit erklärt, die Interviews mit den Anwohnern zu führen und den Bericht zu verfassen.

»Wissen Sie, was da geliefert wird?«, fragt er mich, während wir in den Innenhof schauen.