Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken! - Hassan Geuad - E-Book

Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken! E-Book

Hassan Geuad

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Beschreibung

Warum halten die Muslime still und demonstrieren nicht zu Hunderttausenden gegen Terroristen, die im Namen des Korans morden? Warum schauen sie tatenlos zu, wie ihre Religion von radikalen Glaubensbrüdern und -schwestern missbraucht wird? Warum gehen sie nicht gegen Rassismus auf die Straße und verteidigen lautstark ihre Rechte? Hassan Geaud gründete die Initiative "12thMemoRise", um mit spektakulären Aktionen Antworten auf diese Fragen zu provozieren, und landete zwischen allen Stühlen. Denn Kritik von Muslimen an Muslimen ist in der islamischen Community noch immer tabu. Er erhielt Morddrohungen und seine Verlobte trennte sich auf Druck ihrer Familie von ihm. In seinem Buch berichtet er von seinem Kampf für einen modernen Islam und eine offene Gesellschaft.

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Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ebook Edition

Hassan Geuad

Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken!

Warum ein Muslim für Vielfalt, Toleranz und Freiheit kämpft

In Zusammenarbeit mit Muhammed Geuad

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-799-3

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2021

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Redaktion: Johannes Bröckers

Fotos: © Hassan Geuad

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Titel
Inhalt
Freiheit ist manchmal wichtiger als Essen
Religion als Hassobjekt
Terror 3.0
Die Hinrichtung
Drohungen, Gewalt und das Ende einer Verlobung
Zwischen allen Stühlen
Alleine geht gemeinsam nicht
Fehlt uns Muslimen ein Papst?
Fatima oder Maria?
Zurück zum Anfang
Dank
Fussnoten

Dieses Buch ist allen Terroropfern auf der Welt und insbesondere den Opfern des IS-Terrors gewidmet. Allen, die großes Leid erfahren, die ihre Heimat verlassen oder den Tod lieber Menschen betrauern mussten.

Gegenüber eurem Leid und euren Opfern sind unsere Bemühungen sehr bescheiden.

Freiheit ist manchmal wichtiger als Essen

»Würdest du in deine Heimat zurückkehren?«, fragte mich einst ein alter Herr in der Bahn von Düsseldorf nach Köln. Er sprach mich zuvor ganz höflich an, ob er mit mir reden dürfe, weil der Weg noch etwas andauern würde. Ich hatte nichts dagegen, legte mein Handy beiseite und signalisierte Gesprächsbereitschaft. »Würdest du in deine Heimat zurückkehren?«, fragte er mich so unerwartet, dass ich diesen Satz zunächst nicht einordnen konnte. Ich verstummte nachdenklich. Mich beschäftigt seit vielen Jahren eine ganz andere Frage, nämlich die, was für mich Heimat überhaupt ist. Wenn ich über diesen Begriff nachdenke oder darauf angesprochen werde, weiß ich – wie wahrscheinlich auch viele andere Migrantenkinder – nicht genau, was ich fühle.

Ich bin 1990 in Bagdad geboren, vier Monate vor Beginn des Zweiten Golfkriegs, und als ich den Irak neun Jahre später verlassen musste, war es für mich so, als hätte ich meine Mutter verloren. Natürlich denkt man als Neunjähriger nicht über einen Begriff wie Heimat nach, aber ich kann mich sehr genau an das intensive Gefühl erinnern, an die starke Abneigung, die ich an jedem anderen Ort empfunden habe. So, als wäre dieser neue Ort die böse Stiefmutter, die sich immer unbeliebt macht, egal wie viel Gutes sie tut. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich Deutschland, als ich hier ankam, gehasst. Wie sollte es auch anders sein, wenn man als kleiner Junge in ein neues Land kommt, dessen Sprache man nicht spricht, in dem alles fremd ist und wo man keine Freunde hat? Da fällt es erst einmal schwer, eine Bindung aufbauen oder gar so etwas wie ein Heimatgefühl zu entwickeln. Man muss sich das doch nur einmal umgekehrt vorstellen: Ein neunjähriger Junge aus Deutschland zieht mit seinen Eltern nach Bagdad, landet in einem völlig anderen Kulturkreis, spricht die Sprache nicht und muss alles bisher Bekannte zurücklassen. Verwundert es da wirklich, wenn dieser kleine Junge verwirrt ist, in manchen Momenten verzweifelt, sich verweigert und erst einmal alles ablehnt, was ihm an diesem neuen Ort begegnet? Heute kann ich sagen, ich wurde ins kalte Wasser geworfen und habe sehr schnell schwimmen gelernt. Aber damals wusste ich ja noch nicht mal genau, warum wir Bagdad, meine große Familie und alle meine Freunde verlassen mussten. Ich kann hier deshalb auch nur für mich sprechen. Für meinen Vater beispielsweise war das sicher ein völlig anderes Gefühl. Als wir endlich alle zusammen in Deutschland waren, war er so dankbar, dass er hier endlich das gefunden hatte, was er sich für seine Familie gewünscht hatte. Ein Leben in Frieden, in Sicherheit und Freiheit. Er hatte aus guten Gründen die Entscheidung getroffen, den Irak zu verlassen. Er hatte eine Wahl getroffen – ich wurde damals nicht gefragt. Mein Vater fühlte sich hier in Deutschland willkommen und er sah auch die vielen Chancen und Möglichkeiten, gerade für uns Kinder. Ich aber fühlte nur den Verlust von fast allem, was mir lieb und wichtig gewesen war. In meinen Augen betrachtete er dieses neue Land, diese neue Stiefmutter, mit einer rosaroten Brille, aber mein Herz machte da nicht mit. Zu stark war die traurige Erinnerung an den Tag, an dem ich meine Kindheit verloren hatte.

Von heute aus betrachtet, verstehe ich meinen Vater, wenn er sagt: »Es ging uns in Bagdad rein ökonomisch betrachtet nicht schlecht, aber manchmal ist Freiheit wichtiger als Essen.« Wir gehörten damals zur oberen Mittelschicht. Mein Vater arbeitete als Ingenieur für Elektrotechnik und meine Mutter war Lehrerin an unserer Schule. Irgendwann bekam mein Vater die Anfrage, bei der Instandsetzung von Kriegswaffen für die Rüstungsindustrie zu arbeiten. Eine solche Anfrage war in den Zeiten des diktatorischen Regimes von Saddam Hussein eher als Befehl zu verstehen. Doch aus moralischen und religiösen Gründen wollte und konnte mein Vater dieses Projekt nicht mit seinem Know-how unterstützen. Die Konsequenz aus dieser Befehlsverweigerung war eine »Einladung« zum Gespräch in der Sicherheitsbehörde. Jeder Mensch in Bagdad wusste, wer von dieser Behörde eingeladen wird, muss mit Folter, Gefängnis und im schlimmsten Fall mit dem Tod rechnen. Also beschloss mein Vater, der in der Zwischenzeit auch als Dozent in Libyen gearbeitet hatte, 1997 schweren Herzens den Irak zu verlassen, um für uns ein besseres Leben zu finden, in Frieden und Freiheit.

Vielleicht ist es schwer verständlich, warum ein kleiner Junge, der die ersten neun Jahre seines Lebens den Zweiten Golfkrieg und dessen Folgen erlebt hat und der mit viel Leid und Zerstörung aufgewachsen ist, keine Freude darüber empfinden kann, endlich in einem sicheren und friedlichen Land angekommen zu sein und hier leben zu dürfen. Nicht nur meine Eltern, sondern auch meine Geschwister und ich waren untrennbar mit dem Begriff »Krieg« verbunden. Mein ältester Bruder Mustafa wurde 1985 während des Ersten Golfkriegs zwischen Irak und Iran geboren. Mein Bruder Muhammed kam 1989 zur Welt, genau zwischen den beiden Kriegen. Und selbst meine kleine Schwester Budoor, die 1997 geboren wurde, konnte dem Krieg nicht entkommen. Denn als die Spannung zwischen den USA und Irak eskalierte, begann 1998 die Operation »Desert Fox«. Das war der Codename einer Militäroperation durch Streitkräfte der USA und Großbritanniens, die zwischen dem 16. und 20. Dezember 1998 mit ihren Bomben und Marschflugkörpern »ausgewählte Ziele« im Irak angriffen, um Saddam Hussein an der Produktion von Massenvernichtungswaffen zu hindern.

Wenn man als kleines Kind die Todesangst in den Augen deiner Mutter liest, dann prägt das einen. Noch heute richtet sich mein Blick unweigerlich in den Himmel, wenn in Düsseldorf, wo ich jetzt wohne, die Sirenen heulen, um vor dem steigenden Rheinhochwasser zu warnen. Wenn im Irak die Sirenen losheulten, waren amerikanische Kampfjets mit ihrer Bombenfracht im Anflug. Meine Eltern erzählten mir, dass sie uns Kinder bei Fliegeralarm mit allen anderen Cousins und Cousinen, Tanten und Onkels, die mit uns in unserem großen Haus lebten, in einem einzigen Raum versammelt haben. Dieser Raum wurde von meinem Großvater für solche Tage vorbereitet. Das Zimmer und das Zusammensein haben uns gegenseitig mehr Kraft gegeben. Es war psychisch und emotional eine große Stütze, faktisch jedoch bot es keinen Schutz und eine einzige Rakete hätte das komplette Haus dem Erdboden gleichgemacht. Glücklicherweise ist keiner von uns gestorben.

Heute ist dieser Satz leicht gesagt, damals traute man sich kaum, ihn nur zu denken. Für uns Kinder gab es jedoch nicht nur den Krieg. Es gab eben auch diese unendlich schönen Erinnerungen an unser Zuhause in Bagdad, an dieses große Haus mit zwei Etagen, das die Form eines Hufeisens hatte und in der Mitte einen großen Garten. Hier wohnten wir alle zusammen. Im oberen Stockwerk drei meiner Onkel mit ihren Familien, im Erdgeschoss meine Eltern und wir, meine Tante, meine Oma sowie zwei weitere Onkel, die jeweils ihre Zimmer hatten. Insgesamt 21 Personen, alles vertraute und bekannte Gesichter und auch später, als die Familien noch weiteren Nachwuchs bekamen, war dennoch genügend Platz. Nie wieder in meinem Leben habe ich ein so lebendiges Haus betreten, für uns Kinder war es ein kleines Paradies. Im Garten fand man immer jemanden zum Spielen oder Reden und es war für uns Kinder nie langweilig, selbst beim Essen nicht. Bei uns war es üblich, dass, wenn ein Haushalt etwas zum Mittagessen gekocht hatte, eines von uns Kindern mit einem Probierteller zu den anderen Bewohnern und Familien geschickt wurde. Und weil es unhöflich war, uns mit leeren Händen zurückzuschicken, bekamen auch wir immer eine meist köstliche Kleinigkeit zurück. Zur Mittagszeit haben sehr selten alle Familien gemeinsam gegessen, da diese Zeit auch gleichzeitig eine Ruhe- oder Siesta-Zeit war, so wie in vielen südlichen Ländern. Die Kinder kamen von der Schule zurück, die Mütter, die meist nur einen halben Tag zur Arbeit gingen, verschwanden sofort in die Küche. Außerdem war es oft viel zu heiß, um sich draußen oder im Garten aufzuhalten. Erst zum späten Nachmittag ging der Tag weiter. Man traf sich oft zum Teetrinken im Garten, wir Kinder rannten wieder mit voller Energie auf die Straße und spielten, meistens Fußball, Verstecken oder Fangen. Aber es gab auch besondere Spiele, die von der speziellen Jahreszeit abhingen. Im Herbst zum Beispiel, wenn das Wetter windig war, kam die Zeit der Drachen, die wir aus Palmästen bauten und fliegen ließen. Im Winter hatten die Beyblades ihre Saison, die kleinen, sich drehenden Kreisel. Und im Frühling freuten wir uns darauf, endlich wieder unsere Murmeln auszupacken. Mein Bruder Muhammed hatte Tausende davon. Er war wirklich der beste Murmelspieler in der Gegend, denn er hatte die nötige Ruhe und gewann immer wieder neue dazu. Ich dagegen war viel zu emotional und hektisch, weshalb ich meine Murmeln oft sehr schnell verspielte.

Wenn ich ein Spiel nicht gut konnte oder es mir keinen Spaß mehr machte, verzog ich mich häufig zu meinen Hühnern im Garten. Ich habe diese Hühner so sehr geliebt, dass ich eine Zeit lang tatsächlich versucht habe, ihnen das Sprechen beizubringen, ohne Erfolg natürlich. So vergingen für uns Kinder die unbeschwerten Tage bis zum Sonnenuntergang. Dann mussten wir nach Hause kommen – oft ungewollt. Zuhause haben wir uns zunächst gewaschen und mussten uns die Steinsplitter aus den Füßen entfernen, da wir meistens barfuß Fußball gespielt haben. Danach haben wir uns auf das Beten und später zum Abendessen vorbereitet. Wir haben früh das Beten gelernt. Es war für uns Kinder auch wie ein kleiner Wettbewerb, wer von uns schneller beten oder den Koran auswendig konnte. Nach dem Abendessen haben wir uns dann wieder alle im Garten zum Tee und Plaudern getroffen. Wir Kinder durften dann nur noch Gesellschaftsspiele spielen oder waren an unserem PC. Ja, wir hatten tatsächlich den ersten Computer in unserem Viertel, mein Vater hatte ihn aus seiner Firma mitgebracht. Selten saß jemand alleine am PC, denn wir alle waren davon fasziniert. Es kamen häufig sogar Nachbarskinder zu uns, um mitzuspielen, dabei hatten wir nur ein einziges Spiel – Prince of Persia, damals noch auf einer 5,25-Zoll-Diskette. Mein ältester Bruder Mustafa hatte von meinem Vater auch einmal ein Monopoly-Spiel geschenkt bekommen. Auch Kinder in Bagdad haben mit Begeisterung Monopoly gespielt.

1997, Bagdad, Irak: Meine Brüder und ich vor unserem ersten Computer. Im Kinderwagen meine neugeborene Schwester Budoor.

Während der Kriegszeiten kam es auch häufiger zu Stromausfällen und es gehörte fast zur Normalität, dass die Stadt am Abend für einige Stunden dunkel war. Dann trafen sich die Menschen zum Tee vor ihren Häusern und wir Kinder hatten eine Menge Spaß, denn wir durften uns dann sogar am Abend mit den Nachbarskindern treffen und wann konnte man wohl besser Verstecken spielen als bei einem totalen Stromausfall? Wenn wir nicht nach draußen durften, versammelten wir uns um die Erwachsenen und lauschten ihren merkwürdigen Gesprächen. Vieles haben wir nicht verstanden, doch wir fanden es ungeheuer spannend und hatten am nächsten Tag dann wieder tolle Geschichten, die wir unseren Freunden erzählen konnten. Während des Winters fanden diese Zusammenkünfte im großen Wohnzimmer statt. Wir haben uns dann alle immer um meine Oma und den alten Öl-Heizkörper in der Mitte versammelt. Beide waren unsere Wärmequellen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es war, als meine Oma verstarb: Es schien wirklich so, als hätte das Haus einen Teil seiner Wärme verloren. Wir haben uns dann immer seltener in großer Runde zusammengefunden. Meine Mutter erzählte mir, dass es auch so gewesen war, als mein Opa gestorben ist.

Aber auch für Kinder im Irak besteht das Leben nicht nur aus Fußball und Verstecken spielen. Auch wir mussten zur Schule. Meine Grundschule hieß Al-Rahma, was auf Deutsch übersetzt »Barmherzigkeit« bedeutet. Ich ging mit meinem Bruder Muhammed und meinem Cousin Nour gemeinsam zu dieser Schule und dort war auch meine Mutter Lehrerin. Das frühe Aufstehen fiel mir immer schwer, aber noch schwerer wäre es gewesen, zu spät zu kommen oder gar einen ganzen Tag zu schwänzen, mit meiner Mutter als Klassenlehrerin. Sie zu überzeugen, zu Hause bleiben zu dürfen, oder gar eine Krankheit vorzutäuschen, war unmöglich. Und selbst wenn das geklappt hätte, wie hätte ich dann auch Muhammed und meinen Cousin davon überzeugen können, mit mir zuhause zu bleiben? Denn ohne sie wäre es sehr langweilig gewesen. Unser Tag begann um sieben Uhr. Aufstehen, waschen, Zähne putzen, frühstücken, anziehen und im Garten auf die anderen warten.

Gegen halb acht machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur Schule, der für uns voller Abenteuer war. Meine Mutter ging immer vor, weil sie früher dort sein musste und auch weil sie uns auf dem Schulweg die ungestörte Zeit mit unseren Freunden und Klassenkameraden nicht nehmen wollte.

Ich denke, unser Schulweg an sich hat sich nicht allzu sehr von einem Schulweg in Deutschland unterschieden. Erst an der Türschwelle zur Schule ändert sich sehr vieles und es gibt große Unterschiede zu den Schulen hier in Deutschland. Das beginnt schon bei der Bauweise der Gebäude und geht über die Unterrichtsinhalte und Lehrformen bis zum Umgang der Lehrer mit den Schülern weiter. Die Schulen im Irak haben eine geschlossene Form, das heißt, dass eine Mauer den kompletten Schulhof und die Unterrichtsräume umgibt. Hinzu kommt die Schuluniform. Weißes Hemd und dunkle Hose für die Jungs, weißes Hemd und dunkler Rock für die Mädchen. Unser Schultag begann mit der Morgenzeremonie. Dafür versammelten sich alle Schüler im Schulhof und mussten sich in Zweierreihen aufstellen. Dann wurde die irakische Flagge gehisst und die Nationalhymne gesungen. An nationalen Feiertagen kamen zusätzliche Aktivitäten hinzu. Ich erinnere mich, dass mein älterer Bruder Mustafa einmal zum »Tag der Märtyrer« (einem Gedenktag für die gefallenen Soldaten des Saddam-Hussein-Regimes) Verse aus dem Heiligen Koran zitierte. Auch ich durfte einmal zum Lehrertag ein Gedicht vor der ganzen Schule vortragen.

Der Unterricht selbst läuft zwar ganz ähnlich wie Deutschland ab, aber es gab neben Fächern wie Mathematik, Arabisch, Religionsunterricht oder Sport auch Unterricht in Nationalkunde. Das war mehr oder weniger eine politisch-ideologische Unterrichtseinheit über die Lehren der damals regierenden Baath-Partei. Die Nationalkunde, die Morgenzeremonie, die gehisste Flagge mit der gesungenen Nationalhymne – wenn ich an diese Dinge zurückdenke, kommt mir meine irakische Grundschule eher wie eine stark disziplinierte, politische Bildungsanstalt vor. Diese Vorstellung wurde besonders verstärkt durch die Rolle der Lehrer. Die Lehrer oder Lehrerinnen wurden von uns als Führerfiguren wahrgenommen. Im Volksmund bezeichnet man die Lehrer im Irak auch als »Zweiten Vater« oder »Zweite Mutter«. Das ist schon eine wunderschöne Bezeichnung, aus der viel Respekt für die Pädagogen spricht, die wir zu Beginn des Unterrichts stets stehend begrüßt haben. Auch wenn wir etwas gefragt wurden oder etwas sagen wollten, mussten wir aufstehen. Ich finde es ja nicht falsch, wenn man schon in frühen Jahren Werte wie Respekt vermittelt bekommt und eine gewisse Disziplin. Aber leider war das nicht selten auch mit einer großen Strenge verbunden und ich glaube, dass wir so manchen Lehrer mehr gefürchtet als wirklich respektiert haben. Besonders jene, die uns mit dem Lineal auf die Finger schlugen, wenn wir mal unsere Hausaufgaben vergessen oder im Unterricht nicht aufgepasst haben. In Deutschland würde so ein Lehrer heute wahrscheinlich der Schule verwiesen oder wegen Kindesmisshandlung angezeigt. Im Irak hat sich darüber niemand beschwert. Im Gegenteil: Nicht wenige hielten diese Art der Erziehung für besonders effizient. Diese Strenge wirkte sogar noch außerhalb der Mauern der Schule nach. Wir respektierten nicht nur unsere Lehrer und Lehrerinnen, sondern achteten intuitiv auch auf unser Verhalten, wenn wir beispielsweise durch eine Straße gingen, in der einer von ihnen wohnte. Jetzt bloß keine falsche Bewegung, am besten wir schauen uns nicht um oder, noch besser, wir vermeiden den Weg durch diese Straße. Was soll ich sagen? Die Schule im Irak war streng, aber diese Zeit war auch sehr schön für mich.

All diese Erinnerungen an meine wunderschöne Kindheit endeten an einem einzigen Tag. Bagdad, 27. August 1999. Es war ein heißer Mittag, die Sonne brannte vom Himmel. Normalerweise durften wir Kinder um diese Uhrzeit nicht aus dem Haus. Die komplette Stadt zieht sich zu dieser Tageszeit zurück. Mir wurde als Kind oft gesagt, dass sich um diese Zeit nur Diebe auf der Straße aufhalten. Doch an diesem Tag war alles anders. In unserem großen Haus war Hektik ausgebrochen. Meine Tanten wuselten hin und her, meine Onkel waren mit unseren Koffern beschäftigt und meine Cousins und Cousinen haben sich alle in unserem Wohnzimmer versammelt. Es herrschte große Unruhe und noch nie hatte ich unser Haus so belebt gesehen. Gleichzeitig war da aber eine merkwürdig bedrückende Stille. Es wurde kein Wort gesprochen und ich hörte nur das Summen der Ventilatoren an der Decke. Auch ich und meine Brüder waren damit beschäftigt, unsere Koffer zu packen. Muhammed nahm sich die Zeit, seine Spielkarten und Murmeln zu sortieren, ich war in Gedanken immer wieder und wieder bei meinen Hühnern und Mustafa, mein ältester Bruder, versuchte seine Sachen in seinem großen und mysteriösen Schrank abzuschließen und nahm nur ein paar kleine Sticker mit, die ihm der einzige Freund geschenkt hatte, der von unserer Reise wusste und das Gefühl hatte, dass er uns vielleicht nie wieder sehen wird. Und dann war da noch meine kleine Schwester, die gerade mal zwei Jahre alt war. Sie klebte an meiner Mutter und hatte es eigentlich gut, da sie noch keine Dinge besaß, die sie hätte auswählen oder zurücklassen müssen. Sie war die Einzige von uns, die sich an diesem Tag vermutlich von nichts verabschieden musste.

Plötzlich hupte draußen vor der Tür ein Auto. Und als wäre es nicht schon hektisch genug gewesen, kam jetzt mein Onkel aufgeregt hereingerannt und rief: »Los, los jetzt, der Fahrer ist da!« In diesem Moment war ich ratlos. Ich wusste nicht wirklich, was ich tun oder wie ich mich richtig verhalten sollte. Was wäre überhaupt richtig in solchen Momenten? Das Einzige, was ich wusste, war, wir würden unseren Vater wiedersehen. Das war doch eigentlich ein Grund zur Freude, schließlich hatten wir ihn zwei Jahre lang nicht gesehen und vermissten ihn sehr. Warum aber wurden dann jetzt so viele Tränen vergossen? Lange Umarmungen, viele Küsse und immer wieder Tränen. »Passt gut auf euch auf und Haifa [so heißt meine Mutter], lass die Kinder niemals von deiner Hand!«, sagte meine Tante Amira zu ihr und drückte sie noch einmal lange. »Wir werden euch bestimmt besuchen kommen«, sagte eine andere Tante. Besuchen kommen? Wo denn? Würden wir denn nicht mehr zurück nach Hause kommen? Ich traute mich nicht, diese Fragen zu stellen. Also schob ich diesen unaussprechlichen Gedanken zur Seite, denn ich musste mich schließlich noch von meinen Cousins und Cousinen verabschieden. Immerhin konnten wir uns verabschieden. Mit meinen Freunden war mir das nicht vergönnt. Sie durften von unserer Abreise nichts wissen, das hatte man uns eingeschärft, auch wenn ich damals nicht verstand warum. Aber vielleicht war es auch gut so, denn ich hatte wirklich keine Lust auf weitere traurige Abschiedsmomente. Ich trug meinen Rucksack zum Auto, wo mein Onkel gerade unsere Koffer einpackte. Plötzlich erinnerte ich mich an meine Lieblingstante Rabab, die ich in dem ganzen Durcheinander nicht gesehen hatte. Wo war sie bloß? An so einem wichtigen Tag musste sie doch hier sein? Ich rannte zurück und traf auf meine Mutter, die noch einen letzten Blick auf das Haus warf. »Wieso kommst du zurück, Hassan? Wir sind spät dran. Komm jetzt sofort mit mir zum Auto!« »Aber Mama, wo ist denn Tante Rabab? Ich habe sie nicht gesehen und mich von ihr verabschiedet!« »Nicht jetzt, Hassan, sie hat sich versteckt, sie mag einfach keine Abschiede. Lass uns jetzt fahren, wir werden sie bestimmt wiedersehen.« Sie nahm meine Hand und wir gingen zusammen zurück zum Auto. Ich durfte am Fenster sitzen. Es roch sehr stark nach Zigaretten, weil mein Onkel vor lauter Aufregung viel geraucht hatte. »Sind jetzt alle da?«, fragte der Fahrer, »Können wir losfahren?« »Ja, ja, fahren Sie los. Wir sind vollzählig«, antwortete meine Mutter.

Im Auto saßen meine Mutter und ich, meine kleine Schwester, meine zwei Brüder und mein Onkel, der uns begleiten wollte. Wir fuhren langsam los und ich schaute aus dem Fenster ein letztes Mal zurück auf unser Haus, das mir erst so groß erschien und dann immer kleiner wurde, je weiter wir uns entfernten. Und plötzlich entdeckte ich meine Lieblingstante Rabab, sie schaute uns aus der einen Spalt weit geöffneten Tür nach. Ich konnte irgendwie nichts fühlen, ihr nichts zurufen oder etwas sagen. Ich schaute einfach nur, wie sie dastand. Plötzlich öffnete sie die Tür und goss aus einer Karaffe Wasser auf die Straße. Das ist im Irak ein üblicher Brauch: Hinter einem Reisenden Wasser auf die Straße zu gießen, gilt als Segen und als ein Zeichen für die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Vermutlich hatte sie auch einen grünen Zweig auf unsere Betten gelegt, was ebenfalls Tradition ist. Ich wünschte, ich hätte das noch gesehen, ich wünschte, ich hätte gesehen, ob auch sie weinen musste. Doch ich konnte es nicht mehr sehen. Aber dieser Tag und dieser Augenblick sind in meiner Erinnerung fest eingebrannt.

Den Weg bis nach Mossul im Nordirak, das an der Grenze zur autonomen kurdischen Region liegt, habe ich nicht wirklich wahrgenommen. Erst am Kontrollpunkt erinnere ich mich an die Worte meines Onkels. »So, nun sind wir am gefährlichsten Schritt unserer Reise angekommen! Seid nicht hektisch, alles wird gut gehen, inschallah [übersetzt: »wenn Allah will«]. Nach diesem Kontrollpunkt seid ihr an einem sicheren Ort. Und dann geht es ab nach Erbil.« Er flüsterte dem Fahrer etwas ins Ohr, blickte zu meiner Mutter und kommunizierte etwas mit den Augen, was ich nicht verstand. Daraufhin nahm sie mich zu sich. Ich fühlte, dass etwas nicht normal war. »Wir müssten jetzt aussteigen und zur Kontrolle gehen! Muhammed und Mustafa, ihr bleibt bei mir! Hassan, du gehst mit deinem Onkel« Wir treffen uns gleich nach dem Kontrollpunkt«, sagte meine Mutter. Hier haben wir uns also getrennt, mein Onkel und ich taten so, als wären wir zusammen unterwegs. Meine Mutter und meine Geschwister bildeten eine eigene Reisegruppe. »Wohin geht ihr?«, fragte der Grenzposten meinen Onkel. »Ich habe meinem Neffen einen Urlaub im Nordirak versprochen«, antwortete dieser, »wir verbringen einige Tage in Mossul.« Nachdem der Grenzposten unser Gepäck inspiziert hatte, winkte er uns durch und ich sah, dass auch meine Mutter und meine Geschwister die Grenze passieren durften. Die Erleichterung war in Ihren Augen zu sehen und ich wollte ihnen schon entgegenlaufen, doch mein Onkel zog mich zu sich und flüsterte mir ins Ohr, dass ich so tun müsste, als würden wir uns nicht kennen. Wir warteten etwas abseits, bis sie wieder ins Auto eingestiegen waren, um etwas später selbst zuzusteigen. Dann fuhren wir weiter. Meine Mutter war erleichtert, dass die Grenze zum Nordirak hinter uns lag. Sie nahm uns alle in ihre Arme und drückte uns inniglich.

Erst jetzt konnten wir alle entspannt die Augen schließen und uns ausruhen. Ich schlief so tief ein, dass ich erst vor unserem Hotel in Mossul aufgeweckt wurde. Mossul war belebt, etwas kühler als Bagdad und es war schon dunkel geworden – das waren meine ersten Wahrnehmungen der Stadt, die später von ISIS eingenommen wurde und heute kaum noch wiederzuerkennen ist. In Mossul sollten wir eine Nacht bleiben und danach mit einem anderen Fahrer weiter nach Erbil reisen. Es war meine erste Nacht in einem Hotel und die erste Nacht ohne den Rest meiner Familie. Wir lagen alle todmüde in unseren Betten, keiner sagte etwas und ich wusste nicht, ob alle schon eingeschlafen oder noch wach waren. Ich hörte nur, wie meine Mutter mehrmals leise schluchzte.

Am nächsten Morgen ging es dann hastig weiter. Dieses Mal waren es zu meiner Verwunderung aber zwei Autos, die vor dem Hotel auf uns warteten. Meine Mutter drückte mich und sagte: »Hassan, du musst wieder mit deinem Onkel fahren. Hab keine Angst, es dauert nicht lange und wir treffen uns in Erbil.« Ich habe wieder nicht genau verstanden, was das bedeutete, und war den Tränen nahe. Getrennt voneinander zu sein, war damals etwas komplett anderes als heute. Wir hatten keine Handys, um mal kurz anzurufen, und auch kein Internet, um uns zu schreiben. Man musste sich auf das gesprochene Wort verlassen, und auf das Schicksal. Und ich war erst neun, somit war die Ungewissheit, ob ich meine Mutter wiedersehe, einfach unerträglich. Also klammerte ich mich an ihr Versprechen. Mein Onkel hatte uns Simit für die Fahrt gekauft, diese sehr leckeren, ringförmigen Brötchen mit Sesam. Und wieder waren wir unterwegs, aber dieses Mal auf eher ländlichen und selten befahrenen Pisten, die man nicht wirklich als Straßen bezeichnen konnte. Es dauerte viele Stunden, aber ich erinnere mich kaum an diese Fahrt. Wahrscheinlich wollte ich mich an nichts erinnern und habe es verdrängt. Ich glaube nicht, dass in diesen Momenten überhaupt jemand wusste, was mit uns passieren würde. Natürlich hatten meine Mutter und mein Onkel einen Plan. Den hatten sie einer der Tonbandkassetten entnommen, die mein Vater, seit er das Land verlassen hatte, aufgenommen und in regelmäßigen Abständen zu uns geschickt hatte. Das war damals einfacher, als Briefe zu schreiben, und wir konnten seine Stimme hören. Man kann sich das heute wie einen Podcast vorstellen. Er erzählte, wo er gerade war und wie es ihm ging, und es waren versteckte Hinweise über unsere bevorstehende Reise enthalten. Offen und eindeutig konnte er nicht reden, unter dem diktatorischen Regime von Saddam Hussein war es eine Straftat, sich in den kurdischen Nordirak abzusetzen oder gar dauerhaft das Land zu verlassen. Daher musste alles unauffällig ablaufen und unser Reiseplan war in gewisser Weise auch reine Interpretationssache.

Irgendwann erreichten wir Erbil. Es war ein unvergesslicher Anblick, als ich meine Mutter erblickte, die am verabredeten Treffpunkt auf uns wartete. Das war ein Sammelort und Umsteigeplatz, an dem die Autos von anderen Städten ankamen oder zu anderen Städten losfuhren, quasi wie ein Busbahnhof, aber für Linienautos. Und da saß nun meine Mutter mit meinen Geschwistern. Auch sie hatten ja ohne jegliche Information oder Gewissheit warten müssen, ob wir unser Ziel erreichen und wir uns wiederfinden würden. Auch sie hatte nur die Hoffnung gehabt, um sich daran zu klammern. Man kann sich also vorstellen, wie groß ihre Freude war, als sie uns von weitem kommen sah und erst jetzt nahm ich meine Umgebung wahr, die mir noch fremder erschien als Mossul. Ich verstand die Menschen um mich herum nicht, da sie kurdisch sprachen. Die Schrift konnte ich zwar lesen, doch die Worte nicht verstehen. Trotzdem waren wir alle glücklich. Wir waren an einem sicheren Ort angekommen. Wir waren nicht mehr unter Saddams Regierung, sondern in der autonomen Region Kurdistan.

Als wir in unserem Hotelzimmer ankamen, sagte meine Mutter zu mir: »Hassan, zieh mal deine Hose aus und gib sie mir.« Ich habe nicht wirklich verstanden wieso, aber es war andererseits auch üblich bei uns, dass wir sofort nach dem Ankommen Hauskleidung anzogen. Als ich ihr meine Hose überreichte, begann sie plötzlich den Stoff am Hosenbund auseinanderzureißen. »Mama, wieso machst du meine Hose kaputt?«, fragte ich sie schockiert. »Das siehst du gleich,« antwortete sie mir lächelnd. Sie trennte die komplette Naht um den Gürtelbereich auf und holte einige eng zusammengedrehte Geldrollen heraus. Überrascht schaute ich zu ihr und verstand nun plötzlich, wieso wir uns an dem Grenzkontrollpunkt und auf der Weiterreise getrennt hatten, und registrierte, welch wertvolle Fracht ich bei mir getragen hatte. Wir grinsten alle, während meine Mutter die Geldscheine glättete. Mir gingen jedoch plötzlich ganz andere Dinge durch den Kopf: Was wäre eigentlich passiert, wenn die Offiziere am Kontrollpunkt mich mit dem Geld erwischt hätten? Was hätten sie mit mir und meinem Onkel gemacht? Und wären meine Mutter und meine Geschwister ohne uns weitergefahren? Hätte ich meine Familie jemals wiedergesehen? Das traute ich mich aber nicht zu fragen und wischte diese Gedanken auch schnell wieder beiseite. Insgesamt war ich froh, dass ich von dem Bargeld nichts gewusst hatte, als wir die Grenze passierten. Dieses Geld war jetzt das einzige Vermögen, das wir noch besaßen und für unsere Reise aufgehoben hatten. Damit konnten wir unsere Reiseausgaben decken. Während wir uns nun in einem Hotel in Erbil ein wenig ausruhten, besuchte mein Onkel einen alten Freund, den er aus der Kriegszeit kannte, und organisierte für uns einen Unterschlupf. Es war ein noch nicht zu Ende gebautes Haus, eher ein Rohbau, der außer Wänden und der Decke noch völlig unfertig war. Die Eigentümer ließen uns sozusagen als Wachposten dort wohnen.

Ich kann bis heute nicht die Angst vergessen, die wir dort jede Nacht verspürten, wenn wir zum Beispiel mal zur Toilette mussten. Ohne Strom, stockdunkel, in einer fremden Region, in einem unbekannten Haus. Gerade in der Nacht kamen auch die Erinnerungen an unser früheres Leben zurück. In diesen Augenblicken habe ich mich manchmal sogar gefreut, wenn meine kleine Schwester weinen musste, weil ich dann auch heimlich und unbemerkt meine Tränen fließen lassen konnte. Ich glaube nicht, dass es nur mir so ging. Wir alle hatten in dieser Zeit sehr nahe am Wasser gebaut. Anfangs waren aber auch die Tage nicht viel besser. Wir trauten uns kaum aus dem Haus zu gehen. Und wenn wir Kinder es doch taten und versuchten, Anschluss zu finden, wurden wir ausgelacht, weil wir die Sprache nicht verstanden, und rannten frustriert und traurig wieder nach Hause zurück. Die Fremde ist zuweilen erbarmungslos, und wenn sich die Freunde meines Onkels nicht so rührend um uns gekümmert hätten, dann wäre das alles unerträglich gewesen. Diese Freunde sprachen Arabisch und hatten auch zwei Kinder, ein fünfjähriges Mädchen und einen siebenjährigen Jungen. Meine zwei älteren Brüder und ich hatten plötzlich zum ersten Mal dieselben Freunde, nicht wirklich freiwillig, aber es waren die einzigen Kinder, die uns verstehen konnten.

Nach einigen Wochen konnte uns dann endlich auch für kurze Zeit mein Vater besuchen, um mit meiner Mutter unsere Weiterreise zu planen. Das war die größte Freude und Hoffnung, die uns allen neue Kraft und Zuversicht schenkte. Auch wir Kinder wurden etwas mutiger. Wir hatten inzwischen einige kurdische Worte gelernt und suchten den Kontakt zu den Kindern in der Nachbarschaft. Dafür reichten schon wenige Wörter aus. »Spielen«, »Ich«, »Du«, »Wie heißt du?«. Und ganz wichtig: »Ich kann kein Kurdisch.« Zu den Sprachschwierigkeiten kamen weitere Hürden, denn vieles war für uns sehr ungewohnt. Zum Beispiel war eines der Lieblingsspiele dieser Kinder dort, Mäuse zu jagen, sie zu töten, sie auf einem kleinen Hügel zu platzieren und sich zu verstecken, um zu beobachteten, wie sich ein Falke diese Mäuse holte. Anfangs habe ich nicht verstanden, was daran Spaß machen konnte. Erst als ich selber das erste Mal bei der Verfolgungsjagd auf eine Maus dabei sein durfte und die von mir auf dem Hügel abgelegte Maus von einem Falken geschnappt wurde, konnte ich diese merkwürdige Freude nachvollziehen.

Kinder sind in der Regel große Anpassungskünstler. Doch als wir Kinder in Erbil gerade erste Freundschaften geschlossen hatten und uns ein wenig besser zurechtfanden, mussten wir den Ort auch schon wieder verlassen. Jetzt war es an der Zeit, den nächsten Schritt unserer Reise nach Syrien zu wagen. Also hieß es erneut Abschied nehmen, wieder Tränen, Küsse, lange Umarmungen und auch wieder jede Menge Ungewissheit. Wir fuhren zunächst nach Dohuk nahe an der syrischen Grenze, um von dort mit einem kleinen Schiff über den Tigris zu setzen und weiter ins syrische Qamischli zu reisen, wo wir erneut meinen Vater treffen sollten, der uns nach wenigen gemeinsamen Tagen in Erbil wieder verlassen musste. Dieser Weg war offensichtlich eine sehr frequentierte Flüchtlingsroute, denn es warteten hier Menschen in Massen, um nach Syrien zu gelangen. Es kam mir so vor, als wäre es das Normalste der Welt. Später wurde dieses Grenzgebiet zwischen Irak, Syrien und der Türkei im Volksmund das »Tödliche Dreieck« genannt. Hier hat der IS