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Städte sind natürliche Biotope unterschiedlichster Lebensentwürfe auf engstem Raum. Sie spiegeln den gesättigt modernen Zeitgeist und sind gleichzeitig Keimzellen der Subversion. Aber ist die Stadt heute noch in der Lage, waschechte Revolten hervorzubringen, oder handelt es sich nurmehr um Revöltchen? Um Einzelkämpfer statt Massenbewegung, pragmatisch leise statt symbolisch laut, Strohfeuer statt Flächenbrand? Um Stadtwohl statt Revolte? Eine Suchbewegung in Berlin.
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Seitenzahl: 19
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Inhalt
Anja DilkMolliRevolte vor Ort: Berlin
Die Autorin
Impressum
Anja DilkMolli Revolte vor Ort: Berlin
Breitbeinig steht die junge Frau auf der Bühne. Das Mikro in der Hand, die braunen Haare vom feuchten Oktoberwind zerzaust, das Brandenburger Tor hinter sich. »Fuck Brexit« steht auf einem orangefarbenen Sticker, festgepinnt an ihrem Europahoody. Sie ruft: »We’ll remain.« Und: »Britain needs EU.« Yeah, echoen die Zuschauer, um die 70 sind es vielleicht. Europafahnen flattern im Wind, aus den Boxen dröhnt ein Anti-Brexit-Song. Ein Kameramann nimmt einen letzten Take.
Jan und Martin und Paula nicken zufrieden. Das Zeichen der Solidarität mit den Briten ist gesetzt. Zeit für eine Demonstrantenumfrage auf dem Platz. Sie wollen wissen: »Wenn du einen Tag König von Berlin wärst, was würdest du ändern?« Jan und Martin und Paula schnappen sich Fragebogen, Klemmbrett und Stift und schwärmen aus zur »Listening-Tour«. Die drei sind leicht zu erkennen in ihren violetten T-Shirts mit dem dicken, weißen Schriftzug: Volt.
Seit zwei Jahren sind sie fast überall zu sehen, wenn es in Berlin politisch wird: Menschen in lilafarbenen Shirts. Lautstark lässig und auffällig fröhlich beziehen sie auf den Straßen und Plätzen der Stadt Position für ein vereintes Europa, für Freiheit und Vielfalt. Auf dem Christopher Street Day liefen sie in regenbogenfarbenen römischen Gewändern mit Schildern wie »Vielfalt statt Einfalt« mit, bei Fridays for Future machen sie klar: In Sachen Klima geht nichts ohne Europa. Sie nennen sich Volt wie die Maßeinheit für Elektrizität, denn sie wollen Europa mit neuer Energie aufladen. Schnell, kraftvoll, effizient, jung.
Volt ist die erste paneuropäische Partei, es gibt sie in sechs Ländern der EU, überall tritt sie an mit demselben Programm, der gleichen Struktur, dem gleichen Gesicht. Gegründet im März 2017 vom Italiener Andrea Venzon, der Französin Colombe Cahen-Salvador und dem Berliner Damian Boeselager als Reaktion auf Donald Trump, den Brexit und den wachsenden Populismus weltweit ist sie ein neues Phänomen in der politischen Landschaft. Nicht nur Partei, sondern auch Bewegung. Nicht nur Repräsentation, sondern auch zivilgesellschaftliche Partizipation. Politik neu gedacht.
