Mord in der Backstube - Eveline Schulze - E-Book
Beschreibung

Die Görlitzerin legt erneut drei authentische Kriminalfälle aus ihrer Stadt vor, die - spannend erzählt - nicht nur einiges über Täter und Opfer vermitteln, sondern auch den gesellschaftlichen Hintergrund ausleuchten. Sie berichtet unter anderem über einen Bäcker, der Ende der 50er Jahre seine Frau ermordete und der Nachbarschaft glauben machte, sie sei "nach drüben" gegangen, zu Verwandten. Die Leiche der Bäckersfrau fand die Polizei im Keller in einer Tiefkühltruhe ... Ironie der Geschichte: Die Bäckerei befindet sich keine hundert Meter von der heutigen Arbeitsstelle der Autorin.

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Seitenzahl:214

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Impressum

ISBN eBook 978-3-360-50024-3

ISBN Print 978-3-360-02154-0

© 2012 Verlag Das Neue Berlin, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin,

unter Verwendung eines Motivs von ullstein-Heritage Images/IBL Bildbyra

Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Neue Grünstr. 18, 10179 Berlin

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlin

erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel-verlagsgruppe.de

 

Eveline Schulze

Mord in der Backstube

Authentische Kriminalfälle aus der DDR

Das Neue Berlin

Asche zu Asche

Die Nasenflügel kräuseln sich merklich. Geräuschvoll zieht die hagere Frau die Luft ein, als würde sie Tabak schnupfen. Der Bäcker hinterm Tisch mustert die Kundin aus der Nachbarschaft ein wenig irritiert und schiebt sich das Käppi mit der mehlbestäubten Hand aus der Stirn.

»Ist was?«

»Riechen Sie nichts?«

Was sollte Müller riechen? An den Duft von frischem Brot hat er sich gewöhnt, seit er in der Lehre war, und das war noch unterm Kaiser. Noch immer hat er diesen Geruch gern in der Nase. Kaum ein Gewerbe, Tischler vielleicht ausgenommen, wo es so gut riecht wie in einer Backstube. Sobald die Ofenklappe sich öffnet, fährt einem der Duft der dampfenden braunen Laibe in die Nase. Er flutet die ganze Backstube und schließt mit dem Geruch von Mehl und Hefe und dem gärenden Sauerteig ein Bündnis. Mit dem langen Holzschieber holt der Bäcker sodann die Laibe aus der letzten Ecke des Ofens und legt sie auf dem Brett ab, das der Lehrling nach vorn in den Laden trägt. Die ewig gleichen Rituale und Geruchsgenüsse …

»Was meinen Sie? Stört Sie der Backgeruch? Ich bitte Sie, nichts duftet angenehmer als frisches Backwerk. Wollen Sie einen Zweipfünder? Dann geben Sie mir bitte Ihre Brotmarken.«

Während des Krieges, als alles knapp und darum rationiert wurde, führte man die Brotmarken ein: für ein Zweipfundbrot brauchte man 20 Marken à 50 Gramm. Allabendlich, nach dem Tagwerk, klebte Müllers Frau mit Mehlkleister die Marken auf Papierbögen, um der Obrigkeit nachzuweisen, dass keine Scheibe Brot verschoben worden oder »unter den Tisch gefallen« war. Das Ende des Krieges bedeutete keineswegs das Ende der Rationierung, zudem fing der große Hunger erst richtig an. So wie Mehl reinkam, wurde es verbacken, egal, wie schlecht es gemahlen und mit Kleie gestreckt worden war. In den ersten Nachkriegsjahren hatten die Russen dafür gesorgt, dass er backen konnte. Dann beschlossen sie im fernen Berlin, das war noch gar nicht so lange her, die Russenzone zur Republik zu erklären, obwohl die Soldaten blieben und noch immer das Sagen hatten. Seither hatte Müller aber weniger Mehl und auch weniger Kunden. Die Neiße, die mitten durch das fast neunhundertjährige Görlitz floss, war nun Grenze. Der Ostteil hieß Zgorzelec, und das klang so wie »Gerltsch«. So nannten die Hiesigen ihr Görlitz, das nun plötzlich die östlichste Stadt Deutschlands war. Viele von Müllers Kunden blieben zwangsweise weg. Und jene Deutschen, die die Polen rausgeworfen hatten, waren weiter nach Westen gezogen.

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