Mordsfreunde - Nele Neuhaus - E-Book

Mordsfreunde E-Book

Nele Neuhaus

0,0
9,99 €

oder
Beschreibung

Der zweite Fall für Bodenstein und Kirchhoff - jetzt in der ungekürzten Originalfassung mit einem Nachwort von Nele Neuhaus

Ein Tierpfleger des Opel-Zoos im Taunus macht eine grausige Entdeckung: im Elefantengehege liegt eine menschliche Hand. Die dazu gehörige Leiche finden Kommissar Oliver von Bodenstein und seine Kollegin Pia Kirchhoff von der Hofheimer Kripo in einer frisch gemähten Wiese gegenüber dem Zoogelände. Der Tote war ein Lehrer und vehementer Umweltschützer, der wegen seines Charismas von vielen Schülern glühend verehrt wurde - und von einigen Einwohnern der Stadt ebenso sehr gehasst. Doch liegt hier das Motiv für einen Mord?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB



Das Buch

Wie kommt eine menschliche Hand ins Elefantengehege des Kronberger Opel-Zoos? Kriminalhauptkommissar Oliver von Bodenstein ist froh, dass seine Kollegin Pia Kirchhoff gleich ihren Ehemann, den Rechtsmediziner Dr. Henning Kirchhoff, zum Fundort mitbringt. Doch auch den Beteiligten ohne forensische Ausbildung erschließt sich der Zusammenhang zwischen der abgetrennten Hand und dem einzelnen Fuß, der kurz darauf im Elchgehege gefunden wird. Beide gehören zur Leiche des Lehrers Hans-Ulrich Pauly, der sich als vehementer Umweltschützer einige Feinde gemacht hatte. Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff ermitteln in den Taunusstädtchen Kelkheim und Königstein. Was haben Mareike Graf, die schöne Exfrau des Ermordeten, oder Dr. Christoph Sander, der Direktor des Opel-Zoos, mit Paulys Tod zu tun? Und welche Rolle spielen die jungen Leute im mysteriösen Internet-Café im Hinterzimmer des vegetarischen Bistros Grünzeug? Gejagt von Schatten aus ihrer Vergangenheit verstrickt sich Pia Kirchhoff persönlich in den Fall. Als ein zweiter Mord geschieht, fürchtet Bodenstein, dass seine Kollegin Teil einer mörderisch gut geplanten Inszenierung ist.

Die Autorin

Nele Neuhaus, geboren in Münster/Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus. Sie arbeitete in einer Werbeagentur und studierte Jura, Geschichte und Germanistik. Seit ihrer Heirat unterstützt sie ihren Mann im familieneigenen Betrieb und schreibt schon seit längerem nebenher Krimis und Pferdebücher. Ihre Krimiserie mit den Ermittlern Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff, die sie zunächst im Selbstverlag veröffentlichte, machten Nele Neuhaus über die Grenzen des Taunus hinweg bekannt.

Von Nele Neuhaus sind in unserem Hause außerdem erschienen:

Eine unbeliebte FrauTiefe WundenSchneewittchen muss sterbenWer Wind sätBöser Wolf (HC-Ausgabe)Unter Haien

NELE NEUHAUS

MORDSFREUNDE

Kriminalroman

List Taschenbuch

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-buchverlage.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

ISBN 978-3-8437-2205-6

Erweiterte Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch 1. Auflage Januar 2020 © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2009 Konzeption: semper smile Werbeagentur GmbH, München Umschlaggestaltung: www.zero-media.ne Titelabbildung: © FinePic®, München (Scheune); © Aaron Foster/gettyimages (Himmel)

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Donnerstag, 15. Juni 2006

Es war Viertel vor acht in der Frühe, als Hauptkommissar Oliver von Bodenstein vom Summen seines Handys um die Aussicht auf einen freien Tag gebracht wurde. Als Leiter des Dezernats für Gewaltkriminalität bei der Regionalen Kriminalinspektion in Hofheim war er seit drei Jahren für die hässliche Seite der Menschheit zwischen Main und Taunus zuständig, zuvor hatte er zwanzig Jahre lang beim K11 in Frankfurt gearbeitet. Bodenstein richtete sich auf und tastete schlaftrunken nach seinem Handy. Cosima würde den ganzen Tag am Schneidetisch verbringen, um ihren neuen Dokumentarfilm in die Endfassung für die Premiere in drei Wochen zu bringen. Lorenz und Rosalie gingen längst ihre eigenen Wege und waren nicht mehr besonders erpicht darauf, Wanderungen oder Ausflüge mit ihrem Vater zu unternehmen. Also hatte er für heute freiwillig den Bereitschaftsdienst übernommen. Er griff nach dem Handy auf dem Nachttisch. Eine unterdrückte Nummer, auch das noch.

»Oliver, hier ist Inka Hansen. Entschuldige die frühe Störung.«

Dr. Inka Hansen war Tierärztin und eine Jugendfreundin von Bodenstein. Im vergangenen Jahr hatte er in einem Mordfall ermittelt, bei dem die Ehefrau von Inkas Kollegen Dr. Kerstner ermordet worden war – und so hatten sich ihre Wege wieder gekreuzt.

»Ich bin im Opel-Zoo in Kronberg«, erklärte Inka. »Die Tierpfleger haben eben etwas gefunden, das aussieht wie eine Hand. Eine echte.«

»Ich komme sofort«, sagte Bodenstein und setzte sich auf.

»Musst du weg?«, murmelte Cosima. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht halb im Kopfkissen vergraben. Ein Anruf zu ungewöhnlicher Zeit an einem Feiertag brachte sie längst nicht mehr aus der Ruhe. Dreiundzwanzig Jahre war es her, dass sie sich quasi zu Füßen eines Selbstmörders kennengelernt hatten – Bodenstein ein junger Kriminalkommissar bei seinem ersten Toten, sie, die Fernsehreporterin, die über den spektakulären Fall des Börsenmaklers, der sich in seinem Büro erhängt hatte, berichten wollte.

»Ja, leider«, Bodenstein küsste ihre schlafwarme Wange und machte sich gähnend auf den Weg ins Badezimmer. »Im Opel-Zoo liegt etwas, das wie ein Leichenteil aussieht.«

»Ach Gott«, sie rollte sich wenig beeindruckt unter ihrer Decke zusammen und war schon wieder eingeschlafen, als Bodenstein zehn Minuten später frisch rasiert und gekleidet die Treppe hinunterging.

Als er eine Viertelstunde später über den Bahnübergang in Kelkheim fuhr, rief er seine Kollegin Pia Kirchhoff an. Vor der Eisdiele San Marco sah die Straße aus wie ein Schlachtfeld. Schräg gegenüber befand sich eine ›Public Viewing Area‹ mit einer Großleinwand für die Fußball-Weltmeisterschaft, vor der gestern Hunderte begeisterter Zuschauer den knappen 1:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Polen erlebt und danach ausgiebig gefeiert hatten. Es dauerte beinahe eine Minute, bis sich Pia Kirchhoff meldete.

»Guten Morgen, Chef«, sie klang ein wenig atemlos, »ich habe heute frei! Erinnern Sie sich?«

»Sie hatten frei«, antwortete Bodenstein. »Im Opel-Zoo haben sie eine menschliche Hand gefunden. Glauben sie zumindest. Ich sage der Spurensicherung Bescheid. Kümmern Sie sich um einen Arzt?«

»Ich habe gerade einen Fachmann in der Nähe«, sagte Pia Kirchhoff.

»Doch nicht etwa Dr. Henning Kirchhoff?« Bodenstein grinste.

»Nur damit Sie keine voreiligen Schlüsse ziehen«, Pias Stimme klang belustigt, »er hat mich heute Nacht lediglich bei der Geburtshilfe unterstützt.«

Kriminalkommissarin Pia Kirchhoff gehörte seit einem knappen Jahr zum Team des K11 der Regionalen Kriminalinspektion in Hofheim. Nach der Trennung von ihrem Ehemann Dr. Henning Kirchhoff, dem stellvertretenden Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin, hatte sie sich einen Hof mit einem großen Grundstück in Unterliederbach gekauft, wo sie mit ihren Tieren lebte, und war in ihren alten Beruf bei der Kriminalpolizei zurückgekehrt.

»Geburtshilfe?« Bodenstein ging vom Gas, um nicht von der Kamera im Starenkasten stadtauswärts geblitzt zu werden.

»Mein zweites Fohlen ist letzte Nacht gekommen. Ein kleiner Hengst. Wir haben ihn ›Neuville‹ getauft.«

»Herzlichen Glückwunsch. Wieso ›Neuville‹?«

»Sie haben wohl mit Fußball gar nichts am Hut, Chef«, Pia lachte, »Oliver Neuville hat gestern in der Nachspielzeit das entscheidende Tor geschossen.«

»Aha«, Bodenstein fuhr durch Fischbach, folgte der abknickenden Vorfahrt und bog an der Ampel rechts in Richtung Königstein auf die B455 ab, »ich brauche Sie leider trotzdem. Vielleicht dauert es ja nicht lange.«

Mitten im Wald kurz vor dem Ortseingang von Schneidhain musste Bodenstein das Tempo verlangsamen und schließlich anhalten, denn die Straße war voller Menschen. Zuerst dachte er an einen Unfall, aber dann bemerkte er auf dem Waldparkplatz auf der rechten Straßenseite Dutzende von Autos. Mehrere Leute entrollten Plakate und errichteten Schautafeln. Bodenstein versuchte zu lesen, was darauf stand, und fuhr zusammen, als zwei Mädchen von etwa fünfzehn oder sechzehn Jahren an sein Autofenster klopften und ihm bedeuteten, dasselbe herunterzulassen.

»Was ist denn hier los?«, fragte Bodenstein.

»Eine Gemeinschaftsaktion vom BUNTE, der ALK und ULK«, sagte das eine Mädchen, eine langhaarige Brünette mit sorgfältig geschminkten Augen und makellos manikürten Acrylfingernägeln. »Wussten Sie, dass die Trasse der B8- Westumgehung vierspurig genau hier entlang führen soll?«

Sie wedelte mit einem Flugblatt vor seiner Nase herum.

Bodenstein beobachtete zwei Frauen, die ein Transparent entrollten. »DIE B8 ZERSTÖRT DIESEN WALD«, las er.

»Es werden dafür Tausende von Bäumen gefällt«, das zweite Mädchen war blond und trug zum bauchfreien »KEINE B8«-T-Shirt eine Jeans mit einem Gürtel mit Glitzerschnalle. »Wertvolle Biotope und intakte Wälder werden durchschnitten. Die Lärm- und Schadstoffbelastung für die Menschen in Königstein wird beträchtlich ansteigen.«

Bodenstein hörte mit einem Ohr zu, was ihm die Mädchen mit missionarischem Eifer erzählten. Er kannte die Argumente der B8-Gegner, hielt sich selbst aber weder für einen Gegner noch für einen Befürworter der geplanten »Taunus-Autobahn«.

Die Mädchen fuhren fort, ihn mit Zahlen und Fakten zu bombardieren.

»Ich habe es eilig«, unterbrach Bodenstein sie, »tut mir leid.«

»Klar, Ihnen ist unser Wald hier total egal!«, rief ihm die Brünette verächtlich nach. »Hauptsache, Sie können mit Ihrem fetten BMW richtig Gas geben!«

»Na los, verpesten Sie die Luft ordentlich mit Kohlenmonoxid!«, ergänzte die Blonde. Bodenstein musste grinsen. Zu seiner Zeit waren jugendliche Naturschützer im Bundeswehrparka herumgelaufen, hatten sich Palästinensertücher um den Hals gebunden und mit Absicht tagelang die Haare nicht gewaschen. Die zwei bauchfreien Taunus-Törtchen, wie sein Sohn die Töchter gutsituierter Eltern aus Königstein und Umgebung spöttisch zu nennen pflegte, sahen aus, als hätten sie sich heute Morgen eine Stunde vor dem Spiegel für ihren Einsatz zurechtgemacht. Wahrscheinlich hatte die Mami sie mit ihrem blankpolierten Touareg oder Cayenne hergefahren. So änderten sich die Zeiten.

Hätte nicht im Opel-Zoo eine Hand auf ihn gewartet, so hätte er sich die Zeit genommen und den Gören erklärt, dass ihm die Zerstörung der Wälder keineswegs gleichgültig war. Kaum jemand kannte die Gegend besser als er, schließlich war er auf dem historischen Hofgut, das im Tal zwischen Ruppertshain, Fischbach und Schneidhain lag, aufgewachsen. Nachdem er selbst ein Jurastudium und später eine Karriere bei der Kriminalpolizei vorgezogen hatte, war es nun sein jüngerer Bruder Quentin, der die Familientradition fortsetzte und aus dem jahrhundertealten Gutshof ein beliebtes Ausflugsziel gemacht hatte. Und Quentin war von den wieder aktuellen Ausbauplänen der B8 nicht besonders angetan, sollte die neue Straße doch keine hundert Meter an Hofgut Bodenstein vorbeiführen.

Drei Minuten später hatte Bodenstein den Königsteiner Kreisel erreicht. Die großangelegten Umbauarbeiten waren für die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft ausgesetzt worden. An den Fahnenstangen rings um den Springbrunnen flatterten brasilianische Flaggen. Das ganze Städtchen Königstein war vor Freude außer sich gewesen, als sich die Nachricht verbreitet hatte, dass ausgerechnet die Weltstars der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft im Hotel Kempinski in Falkenstein Quartier beziehen würden. Jetzt war in ganz Königstein die Enttäuschung groß, weil sich keiner der südamerikanischen Fußballgötter irgendwo blicken ließ.

Dr. Christoph Sander, der Direktor des Opel-Zoos, war ungefähr Mitte vierzig, mittelgroß, kräftig, aber nicht dick. Sein Händedruck war fest, sein Blick direkt. In seinen dunklen Augen lag ein Ausdruck der Besorgnis.

»Ich hoffe, ich irre mich«, er deutete auf einen der Grashaufen in der Nähe, »aber ich fürchte, das Ding da ist wirklich eine Hand.«

Dr. Henning Kirchhoff zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche, streifte sie über und ging in die Hocke.

»Sie haben sich nicht geirrt«, sagte er nur Sekunden später zum Zoodirektor. »Das ist zweifellos die linke Hand eines Menschen. Sie wurde kurz oberhalb des Handgelenks abgetrennt. Und das nicht unbedingt mit chirurgischer Präzision.«

Kirchhoff fischte die Hand aus dem Gras und betrachtete sie genauer.

»Wer hat die Hand gefunden?«, fragte Bodenstein.

»Der Elefantenpfleger«, erwiderte Sander. »Er hat die Tiere wie jeden Morgen aus dem Stall ins Gehege gelassen, nachdem er das Gras verteilt hatte. Dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, hat er erst gemerkt, als die Elefanten unruhig wurden.«

»Was meinen Sie«, wandte Bodenstein sich an Dr. Kirchhoff, »wie lange …«

»Ich hoffe, Sie fragen mich jetzt nicht nach einem exakten Todeszeitpunkt«, unterbrach der Rechtsmediziner ihn und betrachtete nachdenklich den Stumpf, an dem die Hand über dem Handgelenk abgetrennt worden war.

»Gehörte die Hand zu einem Mann oder zu einer Frau?«

»Eindeutig männlicher Herkunft.«

Bodenstein drehte sich beinahe der Magen um, als er sah, wie Kirchhoff mit dem Leichenteil umging, daran schnupperte und tastete. Er warf seiner Kollegin einen raschen Blick zu, aber Pia Kirchhoff betrachtete zu seiner Überraschung weder die abgetrennte Hand noch ihren Ehemann, sondern Zoodirektor Sander, der mit verschränkten Armen dastand und aussah, als kämpfe er mit einem Brechreiz.

»Wie lange werden Sie hier brauchen?«, wollte Sander wissen. »Um neun kommen die ersten Besucher, außerdem erwarten wir ein Team vom Fernsehen.«

»Die Spurensicherung müsste in ein paar Minuten da sein«, antwortete Bodenstein. »Wie kann die Hand hier in das Gehege gelangt sein?«

»Keine Ahnung«, der Zoodirektor zuckte die Schultern, »vielleicht mit dem Gras. Wir mähen jeden Morgen frisches Gras auf der Wiese oberhalb der Straße.«

»Das könnte eine Erklärung sein«, Bodenstein nickte nachdenklich. »Aber das würde auch bedeuten, dass es noch weitere Leichenteile geben könnte. Am besten, Sie lassen alle Grashaufen im Zoo von Ihren Leuten untersuchen.«

Sander nickte grimmig und marschierte wenig später in Begleitung von Kirchhoff und der Hand davon.

Um Punkt neun Uhr öffnete der Zoo seine Pforten, und die ersten Besucher strömten herein, vorwiegend Familien mit Unmengen kleiner Kinder im Schlepptau. Bodenstein und Pia blieben am Restaurant Sambesi zurück. Inka Hansen hatte ihn nur zu Sander geführt und sich dann zu Bodensteins Erleichterung ohne eine Anspielung auf das, was im letzten Sommer geschehen war, verabschiedet. Seit ihrer letzten Begegnung waren knapp neun Monate vergangen. Heute konnte er nicht mehr verstehen, welcher Teufel ihn damals geritten hatte, aber er hätte Cosima zweifellos mit ihr betrogen, wenn Inka ihn nicht zurückgewiesen hätte. Er beobachtete die lange Menschenschlange, die sich vor dem Kassenhäuschen gebildet hatte, und fühlte sich um zehn Jahre zurückversetzt. Damals hatte er mit seinen Kindern gerne und häufig Ausflüge in den Opel-Zoo unternommen. In dem Moment summte sein Handy.

»Wir haben einen Fuß gefunden«, verkündete der Zoodirektor missvergnügt, »bei den Elchen. Rechts am Elefantengehege vorbei, dann links Richtung Waldlehrpfad. Ich warte auf Sie.«

»Ich bin das erste Mal im Opel-Zoo«, sagte Henning Kirchhoff, als er den Fuß in Augenschein nahm. »Das ist ja ein riesiges Gelände!«

»Zweihundertsiebzigtausend Quadratmeter«, Sander stemmte grimmig die Arme in die Seiten, »und überall können Leichenteile herumliegen. Ich habe den Streichelzoo sperren lassen. Es wäre ein Alptraum, wenn ein Kind den Kopf finden würde.«

Der Fuß steckte in einem abgetragenen braunen Lederslipper der Marke »Camel active«, Größe 44, und war oberhalb des Knöchels abgetrennt.

»Der Fuß wie auch der Arm wurden nicht mit einem glatten Schnitt abgetrennt, sondern eher abgerissen«, sagte Kirchhoff und betrachtete den abgetrennten Fuß genau, dann hob er den Kopf. »Kann ich mir das Mähwerk mal ansehen?«

»Ja, natürlich«, Dr. Sander blickte sich um. Die Zoobesucher strömten durch die Wege wie Blut durch die Adern eines menschlichen Körpers. In Kürze würden sie überall auf dem Gelände unterwegs sein, an den Tiergehegen, auf dem Waldlehrpfad, den Grill- und Rastplätzen, der Kamelreitbahn, in den Toiletten. Nicht auszudenken, was geschah, wenn tatsächlich jemand ein Leichenteil fand! Sein Handy klingelte mit einer melodiösen Tonfolge.

»Ja?«, meldete er sich, dann hörte er einen Moment zu. Bodenstein beobachtete, wie sich Sanders Gesicht verdüsterte.

»Was gibt’s?«, fragte er.

»So eine verdammte Scheiße!«, sagte der Zoodirektor aus tiefster Seele. »Ich glaube, ich lasse den Zoo räumen und sage dem Fernsehteam ab. Im Mufflongehege liegt auch etwas.«

Um halb elf wurde der inzwischen eingetroffene Leichenspürhund auf der Wiese oberhalb der B 455 fündig. Bodenstein und Pia drängten sich durch die Menschenmenge, die vom Fußweg unterhalb der Wiese neugierig zugesehen hatte, wie eine Hundertschaft der Polizei Quadratmeter um Quadratmeter absuchte. Der Einsatzleiter erwartete sie mit dem Hundeführer nicht weit vom unteren Parkplatz entfernt.

»Eine männliche Leiche«, sagte er. »Und ein Fahrrad. Hier vorne, keine drei Meter von der Böschung zum Parkplatz entfernt.«

Es duftete würzig nach frisch gemähtem Gras. Stahlblau wölbte sich der Himmel über den dichten Mischwäldern des Taunus. Von der Wiese aus hatte man einen herrlichen Blick über die Kronberger Burg bis zu der in der Ferne glitzernden Skyline von Frankfurt. Ein friedlicher, schöner Junimorgen, viel zu schön, um eine verstümmelte Leiche anzuschauen. Bodenstein zog sich Latexhandschuhe an und trat zu der Leiche hin. Der Mann lag auf dem Bauch, zur Hälfte im hohen Gras. Er war mit einem khakifarbenen T-Shirt und Boxershorts bekleidet. Erwartungsgemäß fehlten der linke Arm bis zum Ellbogen und das linke Bein bis zum Knie, aber es war kein Blut zu sehen. Der Fotograf schoss Bilder aus allen Perspektiven, die Männer von der Spurensicherung suchten die Gegend um den Fundort nach verwertbaren Spuren ab.

»So wie es aussieht, werden Sie keine weiteren Teile in Ihrem Zoo finden«, sagte Dr. Kirchhoff zum Zoodirektor, der mit versteinerter Miene ein wenig abseits stand, »sonst scheint noch alles an ihm dran zu sein.«

»Da bin ich aber froh«, gab Sander sarkastisch zurück.

»Sollen wir ihn jetzt umdrehen?«, fragte einer der Männer von der Spurensicherung. Bodenstein nickte und hielt unwillkürlich die Luft an. Der Anblick des Toten war nichts für schwache Nerven. Die Hitze hatte den Verwesungsprozess begünstigt, Gesichtszüge waren kaum noch zu erkennen, Insekten und Ameisen hatten schon damit begonnen, das tote Gewebe zu besiedeln.

»Jesusmariaundjosef«, der Zoodirektor wandte sich ab und übergab sich in den Graben zwischen Wiese und Parkplatz. Bodenstein hatte das stabile Nervenkostüm und die Souveränität von Sander bisher bewundert. Der Mann hatte seine Mitarbeiter, den Zoo und sich selbst in einer Ausnahmesituation wie dieser gut im Griff. Im Fach Krisenmanagement hatte er fraglos eine Eins mit Sternchen verdient.

»Er hatte keine Papiere bei sich«, ließ sich Kirchhoff vernehmen, nachdem er die spärliche Bekleidung des Toten untersucht hatte. »Und die Leichenflecke lassen sich noch ein wenig wegdrücken, aber kaum noch.«

»Was bedeutet das?« Bodenstein drang süßlicher Verwesungsgeruch in die Nase, und er trat einen Schritt zurück.

»Er ist nicht länger als sechsunddreißig Stunden tot. Aber auch nicht viel weniger.«

Bodenstein rechnete nach.

»Das wäre irgendwann Dienstagabend gewesen«, sagte er.

»Geht es Ihnen gut?« Pia Kirchhoff sah den Zoodirektor besorgt an. Sander holte tief Luft und atmete wieder aus. Er war schneeweiß im Gesicht.

»Ich kenne den Mann«, sagte er mit gepresster Stimme und flüchtete im Sturmschritt von der Wiese über den Parkplatz. Pia holte ihn ein und erwischte gerade noch rechtzeitig seinen Arm, als er ohne nach rechts oder links zu schauen die stark befahrene Bundesstraße überqueren wollte. Sie riss ihn unsanft zurück. Ein silberner BMW rauschte nur wenige Zentimeter an ihnen vorbei, der Fahrer drückte auf die Hupe und zeigte ihnen einen Vogel.

»Jetzt beruhigen Sie sich erst mal«, sagte Pia. Sander atmete tief durch.

»Ich bin eigentlich nicht besonders zart besaitet«, sagte er dann, »aber das hat mich jetzt doch umgehauen.«

»Das verstehe ich.« Pia nickte verständnisvoll. »Wer ist der Mann?«

»Hans-Ulrich Pauly. Lassen Sie uns in mein Büro gehen, dann erzähle ich Ihnen mehr.«

Kurz bevor sie den Container erreicht hatten, in dem während der derzeit laufenden umfangreichen Bauarbeiten die provisorischen Büros der Zooleitung untergebracht waren, kam ihnen ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren im Schlenderschritt entgegen. Er trug eine grüne Hose, derbe Arbeitsschuhe und ein weißes T-Shirt, wie alle Tierpfleger des Zoos.

»Was ist denn da oben auf der Wiese los?«, fragte er den Zoodirektor. »Hab ich was verpasst?«

Sander blieb stehen.

»Wo kommst du denn jetzt her?«, fuhr er den jungen Mann an. »Um sieben Uhr geht’s bei uns los und nicht erst, wenn du ausgeschlafen hast! Ich dachte, wir waren uns darüber einig, dass du hier keinen Sonderstatus hast.«

Der Junge tat zerknirscht.

»Kommt nicht wieder vor, Chef. Sorry.«

Pia starrte ihn an. Er hatte ein bemerkenswert hübsches Gesicht, schulterlange dunkelblonde Haare, ungewöhnlich grüne Augen und eine Haut, um die ihn jedes Mädchen beneidet hätte. Sander erinnerte sich wohl in diesem Moment daran, dass er nicht alleine war.

»Das ist Lukas van den Berg«, erklärte er Pia, »unser Praktikant. Lukas, das ist Kriminalkommissarin …«

»… Pia Kirchhoff«, ergänzte Pia.

»Hallo«, Lukas van den Berg lächelte mit schneeweißen Zähnen.

»Auf der Wiese oben wurde die Leiche von diesem Tierschützer gefunden«, sagte Sander nun, »diesem Pauly.«

Das Lächeln verschwand mit einem Schlag aus dem Gesicht des Jungen. Er wirkte, als habe ihm jemand einen Fausthieb in den Magen versetzt.

»Was? Ulli Pauly?«, fragte er sichtlich betroffen.

»Ja, genau der. Mausetot«, der Zoodirektor ging weiter. »Hat uns mal wieder jede Menge Aufregung beschert.«

»O Mann, das gibt’s doch nicht«, Lukas war blass geworden. »Ich hab ihn vorgestern noch gesehen. Ich … ich meine … ach du Scheiße …«

Sander blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich um.

»Was soll das heißen: Du hast ihn vorgestern gesehen?«, fragte er.

»Das kann nicht wahr sein«, der Junge legte in einer Geste des Entsetzens die Hände über Mund und Nase und schüttelte ein paar Mal den Kopf.

»Hallo«, Sander ergriff ihn unsanft an der Schulter, »ich hab dich was gefragt! Wo hast du diesen Kerl gesehen? War er hier im Zoo?«

»Nein, ich … ach, Mann … ich konnte es Ihnen ja nicht sagen, sonst wären Sie gleich zu meinem Vater gerannt«, Lukas’ Stimme klang mit einem Mal trotzig, »ich find den Job hier ja ganz okay, aber ich brauch ein bisschen mehr Kohle, als ich hier kriege.«

Sander ließ den jungen Mann los, als habe er sich die Finger verbrannt.

»Ich glaub’s ja nicht«, sagte er mit mühsamer Beherrschung. »Du arbeitest also immer noch in dieser … dieser Öko-Kneipe! Und vielleicht programmierst du nachts auch noch die Webseiten mit den Hetzkampagnen für diesen Psychopathen! Kein Wunder, dass du morgens nicht aus dem Bett kommst!«

»Ich krieg von meinem Vater keinen Cent!«, begehrte Lukas auf. »Und hier verdien ich auch nur ein Taschengeld! Was sollte ich denn machen? Ulli hatte nichts dagegen, dass ich hier arbeite …«

»Aber ich hatte etwas dagegen, dass du für diesen Typen arbeitest!«, schrie Sander so unvermittelt, als ob die Anspannung der letzten Stunden endlich ein Ventil gefunden hätte. »Du hast mir hoch und heilig versprochen, dass du nichts mehr mit ihm zu tun hast! Du hast mich angelogen!«

»Ich wollte es Ihnen längst sagen!«, schrie Lukas zurück. »Aber Sie rasten ja immer gleich aus, wenn es um Ulli geht!«

»Kannst du mir das etwa verdenken, nach all den Scherereien, die ich wegen dieses Typen hatte?«

Pia stand neben den beiden Männern und drehte den Kopf wie eine Zuschauerin bei einem Tennismatch. Die vorbeigehenden Zoobesucher blickten neugierig herüber.

»Geht das auch in einer zivilisierten Lautstärke?«, mischte sie sich ein. »Wir können im Büro weiterreden, ohne dass es jeder mitbekommt.«

»Bitte lassen Sie mich mit ihm reden«, bat Pia den aufgebrachten Zoodirektor, als die Tür des Containers ins Schloss gefallen war. Sander musterte sie, dann stieß er einen Seufzer aus und nickte. Lukas hatte sich unterdessen auf einen Stuhl vor den Schreibtisch des Zoodirektors gesetzt, das Gesicht in den Händen vergraben. Pia setzte sich auf den zweiten Stuhl.

»Vielleicht haben Sie sich ja auch nur geirrt«, murmelte der Junge und blickte Pia aus grasgrünen Augen verunsichert an, »und es ist gar nicht Ulli.«

»Woher kanntest du Herrn Pauly?«, fragte Pia. Lukas schluckte und vermied es, Sander anzusehen.

»Ich arbeite im Grünzeug«, sagte er tonlos und schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Das ist das vegetarische Bistro in Kelkheim, das Ulli und Esther gehört.«

»Wann hast du ihn vorgestern gesehen?«, erkundigte Pia sich.

»Weiß nicht genau«, der Junge überlegte eine Weile, »am frühen Abend irgendwann. Im Bistro war eine Besprechung, wegen der Info-Veranstaltung heute.«

»Pauly hat sich unter anderem auch gegen den Ausbau der B8-Westumgehung engagiert«, meldete sich Sander aus dem Hintergrund. »Die Umweltverbände von Königstein und Kelkheim organisieren zurzeit regelmäßig Info-Veranstaltungen gegen den Straßenausbau.«

»Genau«, Lukas nickte, »heute soll es eine Trassenbegehung in Schneidhain und am Naturfreundehaus geben … ich kann’s echt nicht fassen. Ich hab Ulli schon ewig gekannt. Er war mal mein Biolehrer.«

»An welcher Schule?«, fragte Pia neugierig.

»FSG«, sagte Lukas und ergänzte: »Friedrich-Schiller-Gymnasium. In Kelkheim. Er ist ein supercooler …«

Er brach ab.

»Ich meine, er war … ein supercooler Typ«, murmelte der Junge, »der hatte es voll drauf. Ehrlich. Hat immer Zeit für einen gehabt und ein offenes Ohr. Wir waren oft bei ihm zu Hause, haben mit ihm gequatscht. Der Ulli hatte voll vernünftige Ansichten.«

Lukas blickte zu Sander hinüber.

»Auch wenn Sie das nicht glauben«, fügte er mit einem aggressiven Unterton hinzu. Der Zoodirektor stand mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtischsessel, betrachtete Lukas mitleidig und schwieg.

Zehn Minuten später war Pia allein mit Sander im Bürocontainer, in dem es schon jetzt, am Vormittag, erstickend heiß war.

»Sie scheinen ein ziemlich persönliches Verhältnis zu Ihrem Mitarbeiter zu haben«, sagte Pia. »Sie mögen ihn, nicht wahr?«

»Ja, ich mag ihn. Und er tut mir leid«, gab Sander zu.

»Warum denn das?«

»Er hat es nicht einfach«, der Zoodirektor hielt sich bedeckt. »Lukas’ Vater übt starken Druck auf den Jungen aus. Er ist im Vorstand einer großen Bank und erwartet von seinem Sohn, dass er denselben Weg einschlägt.«

Sander lehnte sich an das Fenster und verschränkte die Arme.

»Lukas ist hochintelligent und hat sich in der Schule nur gelangweilt. In der zehnten Klasse ist er von der Bischof-Neumann-Schule geflogen, dann war er ein halbes Jahr auf einem Internat. Da musste sein Vater ihn wieder abholen. Anderthalb Jahre hat er gar nichts gemacht, dann lernte er diesen Pauly kennen. Der hat irgendwie Zugang zu Lukas gefunden und ihn davon überzeugt, wenigstens die Schule fertig zu machen.«

Pia nickte.

»Lukas ist hier nicht nur ein einfacher Praktikant, oder?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Sie haben vorhin zu ihm gesagt, er hätte hier keinen Sonderstatus. Wie haben Sie das gemeint?«

Der Zoodirektor schien verblüfft über Pias gutes Gedächtnis.

»Sein Vater ist einer unserer Stiftungsräte«, erklärte er. »Er hat mich gebeten, Lukas für ein paar Monate als Praktikanten einzustellen.«

Sander zuckte die Schultern.

»Zuerst fand er den Einfluss, den Pauly auf seinen Sohn hatte, gar nicht so schlecht. Lukas entwickelte plötzlich Ehrgeiz und machte letztes Jahr ein gutes Abitur, alles war gut.«

»Aber?«

»Die Paulyitis nahm Ausmaße an, die Lukas’ Vater nicht gefielen«, fuhr Sander fort. »Er hatte das Konto, das sein Vater für ihn eingerichtet hatte, bis auf den letzten Cent geplündert und angeblich Pauly das Geld für seine ›Projekte‹ geschenkt. Da hat sein Vater ihm alle Bezüge gestrichen. Daraufhin nahm Lukas diesen Kellnerjob in Paulys Ökokneipe an, tauchte nicht mehr zu Hause auf und ließ nach einer Woche die Banklehre sausen. Im letzten Herbst wurde er verhaftet, weil er mit anderen jungen Leuten in die Büros eines Pharmakonzerns eingebrochen war, um gegen Tierversuche zu demonstrieren. Damals hat Heinrich van den Berg seinem Sohn den Umgang mit Pauly verboten und mich um Rat gefragt.«

»Wieso ausgerechnet Sie?«, wollte Pia wissen.

»Wir sind quasi Nachbarn. Lukas war mit meiner mittleren Tochter in einer Klasse, er geht bei uns praktisch ein und aus.«

»Dann ist sein Praktikum hier also eine Art Bewährungsstrafe.«

»Ich denke, Lukas’ Vater sieht das so«, Sander nickte. »Er wollte die Verantwortung für den Jungen auf jemand anderen abwälzen. In diesem Fall auf mich. Na ja.«

Er stieß sich vom Fensterbrett ab, öffnete einen Schrank und suchte eine Weile darin herum.

»Nichts mehr zu trinken da«, stellte er schließlich fest. »Soll ich uns Kaffee aus dem Restaurant holen?«

»Für mich nicht«, lehnte Pia dankend ab. »Ich habe heute Nacht sicher eine ganze Kanne getrunken.«

»Warum denn das? Hatten Sie heute Nacht etwa schon eine Leiche?«

»Nein, nein«, Pia lächelte, »ich hatte einen erfreulicheren Grund, nicht zu schlafen. Eine Fohlengeburt.«

»Ach«, Sander setzte sich hinter den Schreibtisch und musterte Pia so neugierig, als ob sie sich vor seinen Augen in ein seltenes Tier verwandelt hätte. Und zum ersten Mal an diesem Tag lächelte Dr. Sander. Ein freundliches, wohlwollendes Lächeln, das sein ernstes Gesicht unvermittelt aufstrahlen ließ und völlig veränderte.

»Pferde als Ausgleich zu Ihrer Arbeit mit Toten und Mördern«, Sander betrachtete sie prüfend, als sei er sich noch nicht ganz im Klaren darüber, wie er sie einschätzen sollte.

»Genau«, Pia lächelte zurück. »Ich lebe mit meinen Pferden Tür an Tür.«

»Sie leben mit Ihren Pferden Tür an Tür?«, fragte Sander. Das Gespräch drohte in eine ziemlich private Richtung abzudriften. Nicht, dass es Pia unangenehm gewesen wäre, Sander war ihr sympathisch, aber sie hatte leider keine Zeit zum Plaudern.

»Sie wollten mir mehr über den Toten erzählen. Woher kannten Sie ihn?«

Sanders Lächeln verschwand augenblicklich.

»Pauly hat vor ein paar Jahren eine Interessengemeinschaft gegen die Tierhaltung in Zoos gegründet und in Leserbriefen und Internetforen unsachliche Hetzkampagnen gegen Zoos im Allgemeinen und im Besonderen angezettelt«, erwiderte er. »Unter anderem auch gegen uns. Ich bin ihm das erste Mal vor zwei Jahren begegnet, als er vor dem Zoo mit ein paar jungen Leuten Flugblätter verteilt und gegen die Elefantenhaltung demonstriert hat. Lehrer haben offenbar jede Menge Zeit.«

Das klang abfällig.

»Wir haben in den letzten Jahren sehr viel für die Verbesserung der Haltungsbedingungen unserer Tiere getan«, fuhr der Zoodirektor fort. »Diesem Pauly war das alles nicht genug. Er war der Meinung, dass es überhaupt keine Zoos geben dürfe. Und mit seiner Meinung hat er nie hinter dem Berg gehalten. Er hat gerne große Reden geschwungen, viel Wind gemacht und Leute beschimpft.«

»Hat er Ihnen Probleme gemacht?«, erkundigte Pia sich.

»Er hat keine Tiere befreit oder Parolen an die Gehege geschmiert, wenn Sie so etwas meinen«, Sander runzelte die Stirn. »Aber er hat eben ständig gegen irgendetwas protestiert, via Internet oder hier vor Ort Unruhe gestiftet, am liebsten dann, wenn im Zoo richtig viel los war.«

Sander machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich habe öfter mit ihm diskutiert, ihn sogar hierher eingeladen, ihm erklärt, was wir tun und weshalb wir das tun. Reine Zeitverschwendung. Ich kann mit berechtigter Kritik umgehen, aber nicht mit Polemik. Und ich kann es nicht leiden, wie dieser Pauly die Menschen aufgehetzt hat. Er war unsachlich. Kompromisslos in seinen Ansichten. Jugendliche finden das toll. Cool. Sie haben Lukas ja eben gehört. Ich finde es gefährlich. Im Leben ist nicht alles nur schwarz oder weiß.«

»Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?«, wollte Pia wissen.

»Am Sonntag«, antwortete der Zoodirektor. »Dieser Kerl tauchte mit einer Abordnung seiner Jünger auf und fing wieder an zu stänkern. Da ist mir der Kragen geplatzt.«

Pia konnte sich lebhaft vorstellen, was passierte, wenn Dr. Christoph Sander der Kragen platzte. Nach ihrem ersten Eindruck von der Leiche war Pauly ein eher schmächtiger Mann gewesen – kein Gegner für den vor Vitalität strotzenden Zoodirektor.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Es gab eine Diskussion«, erwiderte Sander vage. »Der Kerl fing an, mir die Worte im Mund herumzudrehen. Irgendwann wurde es mir zu dumm. Ich habe ihn rausgeworfen und ihm Hausverbot erteilt.«

Pia legte den Kopf schief.

»Jetzt ist er keine fünfzig Meter vom Zoo entfernt tot aufgefunden worden.«

»Und er hat es noch im Tod fertiggebracht, gegen mein Hausverbot zu verstoßen«, Sander lächelte mit bitterer Belustigung. »Zumindest … teilweise.«

»Könnte der Zoodirektor etwas mit dem Tod von Pauly zu tun haben?«, fragte Bodenstein seine Kollegin, nachdem sie ihm von ihrem Gespräch und Sanders Schlagabtausch mit Lukas van den Berg erzählt hatte.

»Nein, das glaube ich nicht«, Pia schüttelte den Kopf.

»Der Junge ist noch zum Leichenfundort gekommen und wollte Pauly sehen«, erzählte Bodenstein. »Er wirkte sehr betroffen und machte sich Sorgen um Paulys Lebensgefährtin. Ich hatte den Eindruck, er mochte die beiden.«

Pia pflichtete ihrem Chef bei. »Er arbeitet in dem Bistro, das Pauly und seiner Lebensgefährtin gehört. Und da hat er Pauly das letzte Mal am Dienstagabend gesehen.«

Bodenstein drückte auf die Fernbedienung seines Autoschlüssels, und der BMW antwortete mit einem zweifachen Blinken.

»Ihr Mann ist schon nach Frankfurt ins Institut gefahren. Sie müssen meine Dienste als Chauffeur in Anspruch nehmen.«

»Auch das noch«, grinste Pia. »Aber sagen Sie, hat Lukas, ich meine, haben Sie dem Jungen die Leiche –«

Bodenstein zog die Augenbrauen hoch. »Wo denken Sie hin!«

Galant öffnete er Pia die Beifahrertür. »Ich habe Ostermann und Frau Fachinger ins Büro beordert. Nur Behnke ist nicht erreichbar.«

»Er hatte doch Karten für das Spiel in Dortmund gestern Abend«, erinnerte Pia ihren Chef. Ihr Kollege Frank Behnke hatte Glück beim komplizierten Kartenverkauf der FIFA gehabt, nur der Tod hätte ihn von der Fahrt nach Dortmund abhalten können.

Das Haus von Hans-Ulrich Pauly war das letzte Haus vor dem Wendehammer am Ende des Rohrwiesenwegs in Kelkheim-Münster, dahinter erstreckten sich nur noch Wiesen und Felder bis zum Wald, hinter dem der Gutshof »Hof Hausen vor der Sonne« mit seinem Golfplatz lag. Bodenstein und Pia stiegen vor dem von Efeu überwucherten Haus mit Butzenscheiben und Schlagläden zwischen einem mächtigen Walnussbaum und drei großen Fichten aus. Pia drückte auf die Klingel, die an einem altersschwachen Jägerzaun angebracht war. Hinter dem Haus erhob sich vielstimmiges Hundegebell. Die von Unkraut bedeckten Waschbetonplatten, die zur Haustür führten, ließen darauf schließen, dass der Haupteingang wenig benutzt wurde.

»Keiner da«, stellte Bodenstein fest, »gehen wir hintenherum.«

Er ging zum Tor und drückte dagegen. Es war offen. Sie betraten einen Hof. Überall wuchsen üppige Pflanzen in großen Kübeln, Hängegeranien und Petunien blühten in Ampeln verschiedener Größe. Auf Tapeziertischen an der Hauswand standen unzählige Blumentöpfe mit Pflanzen in allen Wachstumsstadien, daneben lagen Gärtnerwerkzeug und Säcke mit Blumenerde. Weiter hinten erstreckte sich ein großer, verwilderter Garten mit einem Teich und mehreren Gewächshäusern. Bodenstein zuckte zusammen, als eine ganze Hundemeute um die Hausecke bog, allen voran eine undefinierbare Mischung aus Wolfshund, Husky und Schäferhund mit hellblauen Augen. Ihm folgten ein Rhodesian Ridgeback und zwei kleinere Mischlingshunde, die so aussahen, als seien sie im Tierheim die Hässlichsten gewesen. Alle vier wedelten heftig mit dem Schwanz und schienen sich über den unerwarteten Besuch zu freuen.

»Wachhunde sind das aber nicht«, Pia lächelte und ließ die Hunde an sich schnuppern. »Seid ihr ganz alleine zu Hause?«

»Passen Sie bloß auf«, warnte Bodenstein seine Kollegin, »der Graue sieht gefährlich aus.«

»Ach was«, Pia kraulte den großen Hund hinter den Ohren, »hm, du bist ganz lieb, was? Dich würde ich auf der Stelle mitnehmen.«

»Aber nicht in meinem Auto«, Bodenstein bemerkte eine offen stehende Tür. Er ging die beiden Stufen hoch und blickte in eine große Küche. Offenbar war dies der eigentliche Haupteingang. Auf den Treppenstufen standen mehrere Schuhpaare, leere Blumentöpfe und allerhand Krimskrams.

»Hallo?«, rief Bodenstein ins Hausinnere. Pia quetschte sich an ihrem Chef vorbei und blickte sich in der Küche um. Der geflieste Boden war mit Abdrücken von Hundepfoten übersät, auf der Arbeitsplatte benutzte Teller und Töpfe, auf dem Tisch zwei Einkaufstüten, die noch nicht ausgepackt waren. Pia öffnete die Tür. Im Wohnzimmer herrschte das blanke Chaos. Bücher waren aus den Regalen an den Wänden gezogen und auf dem Boden verstreut worden, Sessel waren umgekippt, Bilder von den Wänden gerissen und die Glastür, die auf die Terrasse und in den Garten führte, stand sperrangelweit offen.

»Ich rufe die Spurensicherung an«, Bodenstein angelte sein Handy aus seiner Tasche. Pia ging weiter und zog sich dabei Latexhandschuhe an. Der Raum neben dem Wohnzimmer schien das Arbeitszimmer Paulys gewesen zu sein. Auch hier sah es aus wie nach einem Bombenanschlag. Der Inhalt aller Regale und Aktenschränke befand sich auf dem Fußboden, die Schubladen des wuchtigen Holzschreibtisches waren herausgezogen und ausgeleert worden. Die Plakate an den Wänden ließen Rückschlüsse auf die politische Einstellung der Hausbewohner zu. Verblichene Aufrufe zu längst marschierten Demonstrationen gegen Atomkraftwerke, die Startbahn West und Castor-Transporte, ein Poster von Greenpeace und Ähnliches mehr. Ein Flachbildschirm lag zertrümmert in einer Ecke des Raumes, dazwischen ein Tintenstrahldrucker und ein brutal misshandelter Laptop.

»Chef«, Pia arbeitete sich vorsichtig Richtung Tür, um keine Spuren zu zerstören, »das war kein Einbruch. Hier ist …«

Sie zuckte zusammen, als Bodenstein direkt vor ihr auftauchte.

»Schreien Sie nicht so«, er grinste, »ich höre noch ganz gut.«

»Wie können Sie mich so erschrecken!« Pia verstummte, weil irgendwo im Haus ein Telefon zu klingeln begann. Sie folgten dem Läuten die Treppe hinauf in den ersten Stock. Die Vandalen hatten die Zimmer oben verschont. Im Badezimmer brannten alle Lampen, vor der Dusche lag ein Handtuch auf dem Boden, daneben verstreut ein Paar Jeans, ein Hemd und benutzte Unterwäsche. Pia fühlte sich nie wohl dabei, wenn sie in die intimste Privatsphäre fremder Menschen eindrang, aber es gehörte eben dazu, wenn man mehr über das Umfeld eines Toten erfahren musste. Wo mochte wohl Paulys Lebensgefährtin sein? Der Kleiderschrank im Schlafzimmer war geöffnet, einige Kleidungsstücke lagen auf dem Bett. Das Telefon war verstummt.

»Sieht so aus, als hätte Pauly geduscht und wollte sich gerade umziehen«, sagte Pia, »dafür spricht, dass er quasi nur mit Unterwäsche bekleidet war.«

Bodenstein nickte.

»Da liegt das Telefon«, er ergriff das tragbare Siemens-Telefon, das achtlos hingeworfen zwischen frischen Hemden und Jeans auf dem Bett lag, und drückte auf die hektisch blinkende Taste.

»Sie haben vierunddreißig neue Nachrichten«, verkündete die Computerstimme. »Nachricht eins, Dienstag, 13. Juni, 15:32 Uhr.«

»Ulli, ich weiß genau, dass du da bist«, sagte eine Frauenstimme, »ich hab’s satt mit deiner Hinhaltetaktik. Ich habe wahrhaftig alles versucht, um mich gütlich mit dir zu einigen, aber du bist ja so was von stur! Nur damit du’s weißt: Es ist mir egal, wenn du jetzt mit dieser Aufnahme zu deinem Anwalt rennst, ich kriege sowieso wieder recht. Ich gebe dir noch eine letzte Chance: Um halb neun bin ich bei dir. Wenn du nicht da sein solltest oder wieder den Stolzen spielst, dann passiert was, das schwör ich dir.«

Es piepste, dann folgten vier Anrufe, bei denen weder eine Nummer angesagt noch aufs Band gesprochen worden war. Ein Anruf um kurz vor 17:00 Uhr war scheinbar entgegengenommen wurden, denn er brach ab, nachdem ein Mann »Hallo, Herr …«, gesagt hatte. Um 20:13 Uhr hatte wieder ein Mann aufs Band gesprochen.

»Hier spricht Carsten Bock«, sagte eine tiefe Männerstimme, »mir ist zu Ohren gekommen, welche Unverschämtheiten Sie am Montag in aller Öffentlichkeit von sich gegeben haben. Das ist Rufmord und üble Nachrede. Ich habe bereits juristische Schritte gegen Sie eingeleitet, und ich erwarte umgehend eine schriftliche Entschuldigung von Ihnen und eine öffentliche Richtigstellung der Sachverhalte in der Zeitung.«

Bodenstein und Pia wechselten einen raschen Blick. In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch hatte es noch zwei Anrufe ohne Nummer gegeben, am Mittwochabend hatte erneut ein Mann angerufen.

»Hey, Ulli, ich bin’s, Tarek. Du solltest dir echt mal ein Handy anschaffen, Mann! Ich bin jetzt wieder im Lande. Wir haben die Präsentation fertig und auf die Seite geladen. Kannst dir’s ja mal anschauen. Bis später.«

Alle weiteren Anrufe stammten von Paulys Lebensgefährtin Esther, die ein Dutzend Mal aufs Band gesprochen hatte, erst fragend, dann besorgt, schließlich wütend. In dem Moment fuhr unten ein Taxi vor und die Hunde stimmten ein wildes Begrüßungsgebell an.

Esther Schmitt begrüßte im Hof ihre Hunde, die aufgeregt jaulend und bellend um sie herumtanzten, dann betrat sie das Haus durch die Küchentür, eine Reisetasche in der Hand und eine Laptoptasche über der Schulter. Sie war eine zierliche Frau um die vierzig, mit einem blassen, sommersprossigen Gesicht und rotblondem Haar, das sie zu einem lockeren Zopf geflochten hatte.

»Wie sieht’s denn hier aus?«, sagte sie, »kaum ist man mal drei Tage weg …«

»Nicht erschrecken«, sagte Bodenstein. Esther Schmitt zuckte trotz der Warnung erschrocken zusammen. Mit einem Knall ließ sie die Reisetasche fallen und wich einen Schritt zurück.

»Wer sind Sie?«, fragte sie mit weit aufgerissenen Augen. »Was tun Sie hier?«

»Mein Name ist Bodenstein. Das ist meine Kollegin Frau Kirchhoff«, Bodenstein hielt seine Marke hoch. »Kriminalpolizei Hofheim.«

»Kriminalpolizei?« Die Frau schien verwirrt.

»Sind Sie Frau Esther Schmitt?«, fragte Bodenstein.

»Ja. Was ist denn eigentlich hier los?« Sie drängte sich an Pia und Bodenstein vorbei und zog scharf die Luft ein, als sie das verwüstete Wohnzimmer sah. Sie wandte sich um, streifte die Tasche mit dem Laptop von der Schulter und legte sie achtlos auf den klebrigen Küchentisch. Über einem zerknitterten Leinenrock trug sie ein gemustertes Tunikakleid, die nackten Füße mit schmutzigen Zehen steckten in Ledersandalen, die bequem, aber wenig elegant aussahen.

»Wir müssen Ihnen eine traurige Mitteilung machen«, sagte Bodenstein. »Heute Morgen haben wir die Leiche Ihres Lebensgefährten gefunden. Es tut mir sehr leid.«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis seine Worte Esther Schmitts Gehirn erreichten.

»Ulli ist tot? O Gott«, sie starrte Bodenstein ungläubig an, dann setzte sie sich auf die Kante eines Küchenstuhls. »Wie ist er … gestorben?«

»Das wissen wir noch nicht genau«, antwortete Bodenstein. »Wann haben Sie das letzte Mal mit Herrn Pauly gesprochen?« Die Frau verschränkte die Arme vor der Brust.

»Am Dienstagabend«, ihre Stimme klang tonlos. »Ich war seit Montag in Alicante auf einem Vegetarier-Kongress.«

»Gegen wie viel Uhr haben Sie am Dienstag mit Herrn Pauly telefoniert?«

»Spät. Es war ungefähr zehn. Ulli wollte am Computer noch die Flyer für die Trassenbegehung fertig machen, aber kurz vor meinem Anruf hatte er mal wieder Besuch von seiner Exfrau.«

Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, aber sie gestattete sich keine Träne.

»Sollen wir jemanden anrufen?«, fragte Pia.

»Nein«, Esther Schmitt erhob sich und blickte sich um. »Ich komm schon klar. Wann kann ich hier aufräumen?«

»Wenn die Spurensicherung alles untersucht hat«, erwiderte Bodenstein. »Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie uns mitteilen könnten, ob irgendetwas fehlt.«

»Wieso?«

»Vielleicht hat dieses Durcheinander gar nichts mit dem Tod Ihres Lebensgefährten zu tun«, gab Bodenstein zu bedenken. »Wir vermuten, dass er am späten Dienstagabend starb. Danach wird das Haus einen ganzen Tag lang offen gestanden haben.«

Die Hunde bellten im Hof. Autotüren schlugen zu, wenig später erschienen die Beamten der Spurensicherung in der Küchentür.

»Ich verstehe«, Esther Schmitt blickte ihn aus geröteten Augen an, dann zuckte sie die Schultern. »Ja, ich sage Ihnen Bescheid. Sonst noch etwas?«

»Uns würde interessieren, mit wem Ihr Lebensgefährte in der letzten Zeit Ärger oder Probleme hatte«, Bodenstein reichte Esther Schmitt seine Visitenkarte. Sie warf einen flüchtigen Blick darauf, dann hob sie den Kopf.

»Es war kein Unfall, nicht wahr?«, fragte sie.

»Nein«, erwiderte Bodenstein, »wahrscheinlich nicht.«

Pia erreichte die Villa an der Kennedyallee in Sachsenhausen, in der das Rechtsmedizinische Institut untergebracht war, um halb drei. Das Innere des Gebäudes war ihr vertraut. In den sechzehn Jahren ihrer Ehe hatte sie unzählige Stunden in den Sektionsräumen im Keller des Instituts zugebracht, denn Henning gehörte zu der Sorte Wissenschaftler, die sich ganz und gar ihrem Beruf und ihren Forschungen verschreiben. Staatsanwältin Valerie Löblich war kurz vor Pia eingetroffen. Die Leiche von Pauly lag entkleidet unter der hellen Lampe auf dem Metalltisch, die abgetrennten Körperteile hatte Hennings Assistent Ronnie Böhme anatomisch korrekt dazugelegt. Der Verwesungsgeruch war atemberaubend.

»Wurden die Gliedmaßen von dem Mähwerk abgetrennt?«, erkundigte Pia sich, nachdem sie Kittel und Mundschutz angezogen hatte

»Ja, eindeutig«, Kirchhoff beugte sich über die Leiche und begutachtete die Haut Zentimeter um Zentimeter durch ein Vergrößerungsglas. »Er war allerdings schon eine Weile tot, bevor das passiert ist. Nach einer ersten oberflächlichen Untersuchung bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Leiche innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden mindestens einmal umgelagert wurde. Todesursächlich waren sicherlich die Kopfverletzungen. Da drüben sind die Röntgenbilder.«

Er nickte zum Leuchtkasten hinüber.

»Könnte er mit dem Fahrrad gestürzt sein?«, fragte die Staatsanwältin, eine attraktive Brünette in den frühen Dreißigern. Trotz der Hitze draußen trug sie einen schicken Blazer, einen superkurzen, engen Rock und Seidenstrümpfe.

»Hören Sie mir eigentlich zu? Ich habe doch gerade gesagt, dass die Leiche umgelagert wurde«, Kirchhoffs Stimme hatte einen gereizten Unterton. »Wie soll er denn das nach einem tödlichen Fahrradunfall wohl selber fertiggebracht haben?«

Pia und Ronnie wechselten einen vielsagenden Blick. Jeder von ihnen hatte früher gelegentlich unbedarfte Fragen gestellt und dafür bissige Kommentare einstecken müssen. Henning Kirchhoff war ein brillanter Rechtsmediziner, aber ein wenig umgänglicher Mensch. Staatsanwältin Löblich ließ sich allerdings nicht so leicht beeindrucken.

»Ich hatte nicht gefragt, ob er beim Sturz vom Fahrrad gestorben ist«, erwiderte sie unbeirrt, »sondern nur, ob er gestürzt sein könnte.«

Dr. Henning Kirchhoff blickte auf.

»Stimmt«, erkannte er an. »Er ist nicht gestürzt, sonst hätte er Abschürfungen an den Fingerknöcheln und den unteren Gliedmaßen. Hat er aber nicht.«

»Danke. Sehr freundlich, Herr Dr. Kirchhoff.«

Pia beobachtete, wie Henning den Brustkorb der Leiche geschickt und rasch mit einem Y-Schnitt öffnete, die Rippen mit der Rippenschere durchzwickte, um an die inneren Organe zu gelangen. Sie kannte den Ablauf, der einem strengen Protokoll folgte. Jeden seiner Handgriffe und jeden Befund sprach Henning in das Mikrophon, das er um den Hals trug. Die Sekretärin würde später den Obduktionsbericht nach Band abtippen. Ronnie wog und vermaß die entnommenen Organe, notierte jeden festgestellten Wert.

»Steatosis hepatis – und das als Vegetarier«, stellte Henning fest und hielt der Staatsanwältin das Organ mit einem spöttischen Lächeln unter die Nase. »Wissen Sie, was das heißt?«

»Fettleber«, Staatsanwältin Löblich lächelte ungerührt. »Geben Sie sich keine Mühe, Dr. Kirchhoff. Ich werde Ihnen nicht die Freude machen, in Ohnmacht zu fallen.«

Mit einer Lupe begutachtete der Rechtsmediziner jeden Millimeter des sorgfältig rasierten Schädels, zog mit der Pinzette winzige Partikel aus der Wunde und legte sie für die Untersuchung im Labor in Plastikbecher, die Ronnie augenblicklich beschriftete.

»Man hat ihm mit einem stumpfen Gegenstand den Schädel eingeschlagen«, sagte er schließlich. »In der Wunde an der Schädelvorderseite finden sich Spuren von Metall und Rost. Die hintere Wunde stammt vom Sturz.«

Mit seinem Skalpell machte er einen Schnitt in die Haut der hinteren Schädelhälfte, zog die Kopfhaut nach vorne über das Gesicht des Toten und untersuchte die Schädelknochen.

»Wir haben hier ein ganz charakteristisches Bild von zwei Bruchsystemen«, kommentierte Kirchhoff. »Zuerst erfolgte der Schlag, dann der Bruch des Schädelknochens durch den Sturz.«

»Ist das schon tödlich?«, wagte Pia zu fragen.

»Nicht unbedingt«, Kirchhoff griff zur elektrischen Säge, mit der er den Schädelknochen öffnete. »Häufig kommt es nach Verletzungen dieser Art zu interkraniellen Blutungen, es entwickelt sich eine fortschreitende Hirnschwellung. Der zunehmende Hirndruck führt zu einer Atemlähmung, dann zum Kreislaufstillstand und infolgedessen zum klinischen Tod. Das kann relativ schnell gehen oder Stunden dauern.«

»Das bedeutet, dass er noch eine ganze Weile gelebt haben kann.«

Henning nahm das Gehirn aus der Schädelhöhle, betrachtete es kritisch und zerschnitt es in schmale Scheiben.

»Keine Blutungen«, sagte er schließlich, reichte das Gehirn an Ronnie weiter, beugte sich vor und untersuchte den Schädel von innen. Dann drehte er den Kopf der Leiche zur Seite, ging zum Leuchtkasten hinüber und studierte noch einmal die Röntgenbilder.

»Bei ihm ist es schnell gegangen«, sagte er schließlich. »Durch den Sturz ist die Halswirbelsäule von der Schädelbasis abgerissen und gebrochen. Er war sofort tot.«

Die Beamten von der Spurensicherung arbeiteten gerade in der Küche und im Arbeitszimmer, als Esther Schmitt bereit war, einige Fragen zu beantworten. Es erschien Bodenstein immer unfair, Menschen zu befragen, die gerade einen schmerzlichen Verlust erlitten hatten und noch unter Schock standen, aber aus langer Erfahrung wusste er, dass er bei diesen ersten Gesprächen das meiste erfuhr.

»Wo haben Sie Ulli gefunden?«, fragte Esther Schmitt.

»In der Nähe des Opel-Zoos in Kronberg«, erwiderte Bodenstein und sah, wie sich die Augen der Frau ungläubig weiteten.

»Am Opel-Zoo? Dann hat sicher dieser Zoodirektor etwas damit zu tun! Er hat Ulli gehasst, weil der ihm immer wieder unter die Nase gerieben hat, was für eine Tierquälerei die Zootierhaltung ist. Vor ein paar Wochen hat dieser Kerl mich beinahe überfahren, mit voller Absicht!«, sagte sie grimmig. »Wir haben auf dem Parkplatz vor dem Zoo Flyer verteilt, da kam er mit seinem Geländewagen angerast. Er hat uns gedroht, er würde jeden von uns mit eigenen Händen in kleine Stücke zerlegen und an seine Wölfe verfüttern, wenn wir nicht in zehn Sekunden vom Parkplatz verschwunden wären.«

Bodenstein hörte aufmerksam zu.

»Erst letzten Sonntag hat er Ulli Hausverbot erteilt«, fuhr Esther Schmitt fort. »Ich sage Ihnen, der Mann ist zu allem fähig.«

Das sah Bodenstein anders. Sander mochte temperamentvoll und impulsiv sein, aber deswegen nicht unbedingt gleich ein Mörder.

»Eine Frau hatte auf dem Anrufbeantworter eine ziemlich unfreundliche Nachricht hinterlassen«, sagte er. »Wer kann das gewesen sein?«

»Wahrscheinlich Ullis Ex, die Mareike«, antwortete Esther Schmitt abfällig. »Die hat gleich nach der Scheidung wieder geheiratet, einen Architekten aus Bad Soden. Sie und ihr Mann stampfen diese Wohnbunker aus dem Boden, einer wie der andere. Die ganze Straße hier haben sie schon damit zugepflastert, und jetzt sind sie scharf auf dieses Grundstück.«

»Für mich hörte es sich so an, als hätte sie Herrn Pauly gedroht«, forschte Bodenstein, »sie erwähnte einen Anwalt.«

»Ulli und sie haben das Grundstück mit dem Haus zu gleichen Teilen geerbt«, bestätigte Esther Schmitt. »Als Mareike auszog, hat sie Ulli das Haus überlassen. Das hat sie schnell bereut. Jetzt möchte sie es wiederhaben. Deshalb gibt es seit Jahren einen Rechtsstreit.«

»Sie hat Herrn Pauly ein Ultimatum gestellt und damit gedroht, dass etwas passiert«, Bodenstein beobachtete die Frau aufmerksam. »Halten Sie die Exfrau Ihres Lebensgefährten für fähig, dass sie …«

»Der traue ich alles zu«, unterbrach Esther Schmitt ihn schroff. »Sie und ihr Mann wollen sechs Doppelhaushälften auf dieses Grundstück bauen. Da geht es um richtig viel Geld.«

»Mit wem lag Ihr Lebensgefährte noch im Streit?«

»Er war vielen Leuten unbequem. Ulli hat oft Missstände aufgedeckt und kein Blatt vor den Mund genommen.«

In diesem Augenblick ratterte ein großer Traktor mit zwei Anhängern voller Heuballen am Haus vorbei. Der Fahrer, ein weißhaariger Hüne in einem schmutzigen Unterhemd, starrte neugierig in den Hof.

»Der da stand mit Ulli auch auf Kriegsfuß«, sagte Esther Schmitt, »Erwin Schwarz von gegenüber. Er ist im Magistrat und glaubt, er kann sich alles erlauben.«

Bodenstein wusste als Kelkheimer Bürger, dass Erwin Schwarz ein entschiedener Befürworter der B8-Westumgehung und ein enger Freund von Bürgermeister Funke war, und nahm sich vor, dem Nachbarn von Pauly später einen Besuch abzustatten.

»… genauso, wie dieser widerliche Conradi«, Esther Schmitt presste die Lippen zusammen, eine steile Unmutsfalte erschien zwischen ihren Augenbrauen. »Der hat erst neulich einen Hund von uns erschossen. Angeblich, weil er gewildert hat. Aber das stimmt nicht. Chaco war schon vierzehn und fast blind. Conradi hat hier die Jagd gepachtet und nur einen Grund gesucht, uns eins auszuwischen.«

»Meinen Sie den Metzger Conradi aus der Bahnstraße?«, vergewisserte sich Bodenstein.

»Ja, genau der. Ulli hat ihn mal angezeigt, weil er nicht beschautes Wildschweinfleisch zu Steaks verarbeitet hat.«

»Und welchen Grund hatte Bauer Schwarz, Ihren Lebensgefährten nicht zu mögen?«

»Der Schwarz ist ein ganz übler Umweltsünder. Ulli hat öffentlich gemacht, dass er seine Wiesen und Äcker als Müllkippe benutzt und Düngemittel in den Liederbach entsorgt. Natürlich konnte Schwarz das mit seinen Beziehungen irgendwie vertuschen, aber er hat Ulli dafür gehasst.«

Die Beamten von der Spurensicherung in ihren weißen Papieranzügen arbeiteten an den Treppenstufen, die in die Küche führten. Einer von ihnen wandte sich um.

»Wir haben hier was gefunden«, sagte er zu Bodenstein. »Das sollten Sie sich mal ansehen.«

»Ich komme«, erwiderte Bodenstein und bedankte sich bei Esther Schmitt. Dann fiel ihm noch etwas ein.

»Kennen Sie jemanden namens Tarek?«, fragte er.

»Ja«, die Frau nickte, »er kümmert sich im Bistro um den Computerkram.«

»Und Lukas van den Berg?«

»Den kenne ich auch, natürlich. Er arbeitet im Grünzeug an der Bar. Wieso fragen Sie?«

»Nur so«, Bodenstein wandte sich zum Gehen, »vielen Dank.«

Esther Schmitt zuckte die Schultern und verschwand mit den Hunden grußlos im Garten. Bodenstein trat zu den Beamten der Spurensicherung.

»Was habt ihr?«, erkundigte er sich.

»Blutspritzer«, einer der Beamten zog seinen Mundschutz herunter und wies auf die Hauswand neben der Küchentür. »An der Wand, den Schuhen und den Blumen. Es ist denkbar, dass es menschliches Blut ist.«

Bodenstein ging in die Hocke und begutachtete die Spritzer, die auf den ersten, flüchtigen Blick wie Blattläuse aussahen.

»Die Hunde hatten Blut an den Pfoten«, fuhr der Beamte fort. »Wir haben in der Küche blutige Pfotenabdrücke gefunden. Es kann sein, dass die Hunde das Blut von den Stufen abgeleckt haben. Und am Tor haben wir einen blutigen Handabdruck gefunden. Allerdings müssen wir warten, bis es dunkel ist, bevor wir mit Luminol arbeiten können.«

Er bückte sich und hielt Bodenstein einen Beutel mit einem rostigen Hufeisen entgegen.

»Das lag vor der Treppe«, er deutete auf einen Nagel neben der Küchentür, »da hat es ursprünglich wohl mal gehangen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist Blut an dem Hufeisen. Wahrscheinlich ist das die Mordwaffe, und der Mann wurde genau hier getötet.«

Bodenstein betrachtete das Hufeisen in dem Plastikbeutel. Es war so verrostet, dass es schwer bis unmöglich sein würde, brauchbare Fingerabdrücke zu finden.

»Sehr gut«, sagte er, »vielleicht haben wir Glück und der Handabdruck am Tor stammt vom Mörder.«

»Wir werden den Abdruck mal durch die AFIS-Datenbank jagen«, erwiderte der Beamte. »Vielleicht kommt was dabei heraus.«

Die Staatsanwältin stand noch in der offenen Tür und sprach leise mit Henning. Ihre Körpersprache drückte aus, was Pia schon während der ganzen Obduktion nicht verborgen geblieben war: Valerie Löblich war scharf auf Henning. Immer wieder hatte sie Fragen gestellt und sich mit ihrem tiefen Dekolleté über den Sektionstisch gelehnt. Natürlich hatte Henning nichts bemerkt. Wenn vor ihm eine Leiche lag, hätte Angelina Jolie nackt neben ihm stehen können, er hätte sie wahrscheinlich nicht einmal angesehen. Aber nun war die Obduktion vorbei, und ihm schien zu dämmern, dass sich das Interesse der schönen Staatsanwältin ganz und gar nicht nur auf Paulys sterbliche Überreste beschränkte. Er lachte über irgendetwas, was sie gesagt hatte, und sie kicherte albern. Ronnie Böhme legte die entnommenen Organe samt Gehirn zurück in die Körperhöhle, um den Y-Schnitt danach zuzunähen. Sein Blick begegnete dem von Pia, er hob die Augenbrauen und rollte die Augen. Als Antwort zuckte sie nur die Schultern. Henning war ein attraktiver Mann mit einem beeindruckenden Ruf. Eigentlich war es verwunderlich, dass er nicht schon längst eine Neue hatte. Obwohl sie es war, die sich von ihm getrennt hatte, verspürte Pia doch einen Stich, der sich wie Eifersucht anfühlte. Schließlich verabschiedete sich die Staatsanwältin, und Pia folgte Henning hinauf in sein Büro im Erdgeschoss.

»Läuft da was zwischen dir und der Löblich?«, erkundigte sie sich beiläufig. Henning blieb stehen und musterte Pia aufmerksam.

»Würde es dich stören, wenn es so wäre?«

Das war eine Frage, über die sie bisher wenig nachgedacht hatte. In ihrer Vorstellung lebte er seit ihrer Trennung im Zölibat, wie sie selbst auch. Allein der Gedanke, dass es nicht so sein könnte, störte sie tatsächlich.

»Nein«, log Pia, »es würde mich nicht stören.«

Er hob die Augenbrauen.

»Schade«, sagte er dann. In diesem Augenblick summte Pias Handy.

»Entschuldige«, beinahe erleichtert kramte sie das Telefon hervor und berichtete ihrem Chef in knappen Worten vom Ergebnis der Obduktion. Henning wartete, bis sie das Gespräch beendet hatte.

»Wann kriege ich den Obduktionsbericht?«, fragte Pia.

»Morgen früh«, antwortete Henning.

Sie blickten sich an.

»Was machst du heute Abend?«, fragte er. »Ich würde gern bei dir vorbeikommen und nach dem Fohlen schauen. Ich bringe auch ein Fläschchen Wein mit …«

»Ich weiß nicht, wie lange ich heute noch zu tun haben werde«, wich Pia aus und steckte ihr Handy ein. Sie war sich nicht sicher, ob sie einen Fehler machte, wenn sie ihm gestattete, wieder auf den Birkenhof zu kommen, aber dann zuckte sie die Schultern.

»Okay«, sagte sie, »heute Abend bei mir. Aber ich weiß nicht, wann ich nach Hause komme.«

»Kein Problem«, sagte er. »Ich kann warten.«

Im Hof gegenüber von Paulys Haus herrschte rege Betriebsamkeit. Wie alle Landwirte auf der Welt lebte auch Erwin Schwarz weniger nach dem Kalender als nach dem Wetter, und die anhaltende Hitze der vergangenen Tage hatte perfekte Bedingungen für die Heuernte geschaffen. Schwarz war einer der letzten Kelkheimer Landwirte, allerdings waren die Äcker, die er bewirtschaftete, weniger geworden. Für stillgelegte Flächen gab es mehr Geld vom Staat, als er mit Raps oder Weizen hätte verdienen können. Bodenstein klopfte an eine offen stehende Tür.

»Komme Se rin!«, rief jemand von innen. Bodenstein betrat eine große Bauernküche. Im Innern des Hauses war es dämmerig und angenehm kühl, verglichen mit den Temperaturen draußen. Eine Standuhr tickte laut, es roch säuerlich. Als sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erblickte Bodenstein den großen Mann in blauer Latzhose und einem schweißfleckigen Unterhemd, der vorhin auf dem Traktor an ihm vorbeigefahren war. Er saß auf der Eckbank am Tisch, vor ihm, auf der gewürfelten Plastiktischdecke, standen eine Flasche Wasser und ein Glas mit eingelegten Essiggurken. Bodenstein kannte Erwin Schwarz nur von Fotos aus der Kelkheimer Zeitung, auf denen er immer vorteilhaft in Anzug und Krawatte abgebildet war, wenn er offiziell als Stadtverordneter in Aktion war.

»Mein Name ist Bodenstein von der Kripo Hofheim«, stellte er sich vor. Schwarz warf ihm einen Blick aus wässrigen Augen zu.

»Habbe Sie net grad da drübbe vorm Schmitte-Schorsch seim Haus gestanne? Was isn da los?« Schwarz trank einen Schluck Wasser. Bodenstein war zwar selbst der hessischen Mundart nicht mächtig, aber er verstand sie mühelos.

»Wir haben heute Morgen die Leiche von Herrn Pauly gefunden«, antwortete er.

»Ach«, Landwirt Schwarz riss erstaunt die Augen auf.

»Wir vermuten, dass Herr Pauly am späten Dienstagabend vor der Tür zu seiner Küche erschlagen worden ist. Ich möchte gerne wissen, ob Sie irgendetwas gehört oder gesehen haben.«

Erwin Schwarz kratzte sich nachdenklich die schweißfeuchten Haarsträhnen über seiner sonnenverbrannten Glatze.

»Dienstaachabend«, murmelte er, »da war isch net dahaam. Da war isch beim Stammtisch, beim Lehnert gewese, bis um drei viertel zwölf ungefähr.«

Der »Lehnert« war eine beliebte Traditionsgaststätte in Münster schräg gegenüber vom alten Rathaus und hieß in Wirklichkeit Zum Goldenen Löwen. Von dort aus waren es bis in den Rohrwiesenweg etwa fünf Minuten mit dem Auto.

»Ist Ihnen vielleicht etwas aufgefallen, als Sie vorbeigefahren sind?«, fragte Bodenstein. »Als wir heute in das Haus gekommen sind, standen alle Türen offen, und alles war verwüstet.«

»Des tät mir net uffalle«, erwiderte Erwin Schwarz in einem verächtlichen Tonfall. »Wisse Se, was bei dene tachtäschlisch fürn Zerkus is? Da is als was annerst. Die junge Leut komme mit ihrne Mopeds und Audos, die lache un kreische, als wärn se allaans uff der Welt. Und dann die Köder von dem Pauly, die laafe überall rum und scheiße alles voll. Der Kerl is Lehrer, der soll unsere Kinner erziehe. Des muss mer sisch mal vorstelle!«

»Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Nachbarn?«, erkundigte Bodenstein sich.

»Mer warn kei Freunde«, Schwarz kratzte nun den Pelz auf seiner speckigen Brust. »Der Pauly war’n unangenehmer Zeitgenosse, der hatte als was zu meckern. Des hat nix dademit zu due, dass mer polidisch net aaner Meinung warn.«

»Womit dann?«

»Der war’n falscher Fuffzischer«, sagte Erwin Schwarz. »Dem sei Exfraa, dem Schmitte-Schorsch sei aa Enkelin, die Mareike, die hat des Haus geerbt, net der. Als se nach der Trennung ausgezooche is, is der Pauly im Haus geblibbe. Dabei isses em gar net. Am Dienstaach war die Mareike wieder mal da, da habbe se gestridde wie die Kesselfligger. Des hat mir die Matthes-Else von geescheübber erzählt.«

Im Türrahmen erschien ein junger Mann.

»Die Press geht wieder, Vadder«, sagte er, ohne Bodenstein zu beachten. »Soll ich erst die groß Wies am Wald übbe mache oder die obbe am Kloster?«