Morgarten - Silvia Hess - E-Book

Morgarten E-Book

Silvia Hess

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Beschreibung

Die Schlacht am Morgarten ist nicht wegzudenken aus dem eidgenössischen Festkalender, obwohl kaum etwas über das Treffen zwischen den Habsburgern und den Schwyzern bekannt ist. Nicht einmal der genaue Ort der Schlacht ist mit Sicherheit verbürgt. Die Ortschaft wird seit 1800 als "klassische Stelle" oder "historische Stätte" von Reisenden gesucht, besucht und beschrieben. Die Feierlichkeiten zum 700. Jahrestag der Schlacht am Morgarten im Jahr 2015 waren der Ausgangspunkt für dieses Buch. Silvia Hess untersucht darin nicht nur den politischen Gebrauch von Geschichte, sondern erstmals auch Morgarten als Fremdenverkehrsattraktion. Ein Besuch vor Ort wurde seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit Angeboten verknüpft, das historische Geschehen der Schlacht zu "sehen" und zu "fühlen", bis hin zur "Möblierung" der Landschaft zum Jubiläumsjahr 2015.

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Silvia Hess

MorgartenDie Inszenierung eines Ortes

HIER UND JETZT

Inhalt

Prolog

Ortstermine Morgarten, 2015

Einleitung

«Wie eine lebendige Urkunde» – Fragestellung

Geschichtsgebrauch vor Ort

Merkwürdige Schweizer Geschichte, 1780–1830

Reiseführer, Reiseberichte und Anleitungen, wie man richtig reist

Klassische Stelle Morgarten

Eine Fahne und ihre Inszenierungen

Fazit

Gasthaus Morgarten, 1880–1908

Die Herstellung des Orts Morgarten

«Gruss aus Morgarten»

Feste, lebende Bilder und ein Fassadenbild

Fazit

«Hier wohnt das Erbe der Väter», 1915–1945

Tourismus im Ersten Weltkrieg

Zentenarfeier 1915: Gedenken in Zeiten des Kriegs

Der Wille zur historischen Stätte

Tourismus und Morgarten im Zweiten Weltkrieg

Fazit

Schulreise nach Morgarten, 1965

Die Schuljugend und die Schauplätze der Geschichte

Der Sternmarsch im Fernsehen

Rückblick: Die junge Nation am Morgarten

Anything goes? 1991–2014

Fazit

Schluss

Von der «klassischen Stelle» zum «Originalschauplatz»

Touristischer Geschichtsgebrauch: Thesen

Steine, Hellebarden und Hirtenhemden: Konjunkturen dreier Zeichen

Epilog

Das Morgartenspektakel 2015

Anhang

Quellen

Sekundärliteratur

Bildnachweis

Dank

Prolog: Ortstermine Morgarten, 2015

24. Januar 2015. Das Gedenkjahr zum 700-sten Jahrestag der Schlacht am Morgarten wird mit einer Fachtagung des Historischen Vereins der Zentralschweiz in Goldau eröffnet. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt – ungefähr 250 Personen hören den Aufruf des Eröffnungsredners, sich vor vermeintlichen Wahrheiten über Morgarten zu hüten. Aus Zeitgründen können keine Fragen gestellt werden. Ich überlege mir, was in den Köpfen des Publikums vor sich geht. Der ältere Herr neben mir mustert mich misstrauisch: «Sind Sie von der Presse?»

18. Juni 2015. Die Boulevardzeitung Blick erscheint mit einem grossen Aufmacher: «Die Schlacht am Morgarten ist bewiesen». Sondengänger hätten bereits im Frühjahr im Auftrag der Kantone Schwyz und Zug im Gebiet Schornen mit Metalldetektoren nach Überbleibseln der Schlacht am Morgarten gesucht und dabei zwei Dolche und zwei Pfeilspitzen gefunden, die aus der Zeit um 1315 stammen. Der Blick präsentiert die Funde als «Sensation». Ein Online-Kommentar zum Artikel klagt, Historiker seien elitäre «Nestbeschmutzer», die die Archäologie vernachlässigen würden – 1383 Likes.

19. Juni 2015. Die ehrenamtliche Helferin am «Volksfest für alle», bei der ich mein Eintrittsticket bezahle, trägt ein weisses Hirtenhemd, bestickt mit dem Festlogo und mit Sponsorenschriftzügen. 50000 Personen besuchen an diesem regnerisch-kühlen Wochenende das dreitägige Volksfest im Ägerital. Ein Mittelaltermarkt bietet Handwerkskunst, Bogenschiessen, Geissen und Met-Ausschank. Am Eingang zum Festgelände stecken Holzhellebarden im Gras, von Schülern farbig bemalt. Darüber donnern F/A-18 Kampfflugzeuge in Schauformation. Die Armee ist auch zu Boden präsent: Im Ausstellungszelt der Armee, wo diese ihre Berufe und Lehrstellen vorstellt, klettern Kinder auf Panzern herum. In der Mitte des Festgeländes sind grosse Holzfiguren dreier bärtiger Männer aufgestellt. Diese «Helden von Morgarten» seien, wie ein Schild zu ihren Füssen verkündet, an den Meistbietenden zu verkaufen.

19. Juni 2015, nachmittags. Im Weiler Schornen wird das «älteste Holzhaus Europas», 2001 in Schwyz abgerissen, als Zeuge des 14. Jahrhunderts neu aufgebaut. Es ermögliche, ins Mittelalter einzutauchen, lese ich auf der Schautafel. Machen das «Schwyzerhaus» und das neue «Informationszentrum Morgarten» das Schlachtgelände, das bisher ohne materielle Überreste auskommen musste, zum Original-Schauplatz, auf dem sie sozusagen die «Möblierung» darstellen?

Abb. 1: Das Gedenkjahr erhöht die Nachfrage nach Überresten und nach wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Fotografie zeigt eine Auswahl aus den Fundstücken, die 2015 im Gebiet Schornen archäologisch ausgegraben und dem Mittelalter zugeordnet wurden (von links oben): ein Kästchenbeschlag mit Rosette, zwölf Silberpfennige aus dem 13. Jahrhundert, der Radsporn eines Reiters, zwei Pfeilspitzen, ein Ortband, zwei Dolche, ein Messer, eine Gürtelschnalle und ein Mondsichelhufeisen.1

Abb. 2: Einer der drei «Helden von Morgarten» aus Holz, die am Volksfest im Juni 2015 in der Mitte des Festgeländes in Oberägeri standen.

Abb. 3: Mit Hellebarde, Hirtenhemd und ernster Miene vor der Kulisse des Ägerisees – der «Festführer» zum Volksfest vom Juni 2015.

20. Juni 2015. Am Informationsstand des Volksfests liegt der Festführer zum Mitnehmen auf, eine umfangreiche Broschüre mit grossem Inseratenteil. Die Fotografie auf der Titelseite zeigt einen ernst blickenden Mann mittleren Alters, der beim Ägerital, etwas oberhalb der Ortschaft Morgarten, steht. Er trägt ein weisses Hirtenhemd und hält eine über die Schulter gelegte Hellebarde. Im Hintergrund färbt ein leichtes Abendrot graue Wolken ein. In der Broschüre erläutern Politiker die «Besinnung auf unsere Schweizer Wurzeln» (ein Bundesrat), «Geschichte zum Erleben» (zwei Regierungsräte) oder das «historische Ereignis» (ein Gemeindepräsident), und es wird ein «Zusammenstehen und Zusammenhalten» beschworen (ein zweiter Gemeindepräsident). Wir könnten aus unserer Geschichte lernen, heisst es weiter, nämlich wer wir seien und wie wir unsere Zukunft zu gestalten hätten.

21. Juni 2015. Während ich am Dorfrand von Oberägeri bei kühlem Wetter den Umzug anschaue, von dem mir vor allem die alten Traktoren in Erinnerung bleiben werden, geht mir die Aussage des Historikers Bruno Meier durch den Kopf. Meier weist in der NZZ am Sonntag vom 21. Juni 2015 auf eine Ambivalenz beim neu gebauten Morgarten (im Weiler Schornen) hin. Zwar würde die neue Besucherinfrastruktur den neusten Forschungsstand vermitteln, und beim neuen Ensemble seien auch nicht, wie beim Rütli und der Hohlen Gasse, patriotische Aufwallungen gestaltgebend. Morgarten werde aber eher nach touristischen Gesichtspunkten aufgerüstet, so Meier, und die neugebaute Landschaft zementiere damit die traditionellen Vorstellungen. Stimmt es, dass das neue Ensemble Geschichtsbilder bestätigt, obwohl das Informationszentrum diese in Frage stellt? Und wie verändert die touristische im Gegensatz zu einer patriotisch-politischen Ausrichtung die Gestaltung der Denkmaltopografie Morgarten?

15. November 2015. Bei obligat kühl-regnerischem Novemberwetter findet der Schlachtfeiertag mit den üblichen Festelementen statt: einem Marsch von Sattel zur Schlachtkapelle, einem Gottesdienst in der Schornen – es spricht der Armeechef – und dem «Morgartenschiessen» beim Denkmal. Auf dem Umzug zwischen Sattel und Schornen spricht mich ein Herr mittleren Alters an: «Sind Sie von der Presse?» Ich falle als Frau ohne Begleitung an Morgartenanlässen auf. Wir spazieren nebeneinander zur Schlachtkapelle und unterhalten uns über neue Bücher zur Schweizer Geschichte.

Januar 2016. Die Archäologen des Kantons Zug veröffentlichen ihren Forschungsbericht über die Fundstücke. Sie ordnen die Funde als aufschlussreich, aber ohne zwingenden Zusammenhang mit der Schlacht ein. Die Medien berichten in kleinen Artikeln. Das Gedenkjahr ist vorbei.

Wahrscheinlich wird man nie belegen können, wo genau die Schlacht am Morgarten stattgefunden hat. Den historischen Ort Morgarten gibt es dennoch. Es gibt sogar mehrere historische Orte Morgarten. Sie werden von vielen Akteuren gestaltet, verändert und werden gerade auf diese Weise zu echten historischen Orten – indem sie genutzt, abgebildet und Teil von persönlichen Erlebnissen werden.

Einleitung

«Wie eine lebendige Urkunde» – Fragestellung

Ungefähr im Jahr 1895 ereilte den Wirt und Politiker Karl Bürkli am Ägerisee eine Offenbarung. Mehrmals war Bürkli an diesen Ort gereist, ein Pilger mit sozialistischer Gesinnung auf den Spuren der Alten Eidgenossen. An der Schlacht am Morgarten begeisterte den damals 72-jährigen Bürkli die Vorstellung von demokratisch gesinnten Urschweizern und von Verbannten, die dank ihrem entscheidenden Einsatz Gnade erlangen. Doch die Schlachtberichte hatten nicht hergegeben, was er nun im Terrain, einen Doppelmeter in der Hand, in «voller Klarheit» vor sich sah: das Bild der Schlacht – und den einzig richtigen Standort für ein Denkmal. So sehr man die Erkenntnisse aus Bürklis Offenbarung anzweifeln kann, ihr Mittel erfreut sich bis heute ungebrochener Zustimmung: Der Besuch von historischen Orten als huldigende Pilgerfahrt, als kritische Untersuchung vor Ort, als wissenschaftliches Argument und als touristischer Ausflug. «Wie eine lebendige Urkunde», hält Bürkli fest, so könne man aus dem Terrain die Geschichte lesen und die Schlacht sehen.2

Die Schlacht am Morgarten von 1315 hat in der nationalen Geschichtsschreibung und Geschichtskultur der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt. Das Reise- und Ausflugsziel «Schlachtfeld» war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stark national und militärisch aufgeladen. Für die Feierlichkeiten zum 700. Jahrestag der Schlacht am Morgarten im Jahr 2015 wurde die Region, die bereits seit über 200 Jahren als Schlachtfeld von Morgarten besucht wurde, mit neuen Besucherangeboten ausgestattet. Welche Motive haben das Schlachtbild geprägt und wie haben sie sich verändert? Wie wurde die Schlacht am Morgarten im 19. und 20. Jahrhundert vor Ort präsentiert und gebraucht? Welche Angebote wurden für Touristen gemacht oder von Touristen genutzt?

In diesem Buch geht es um die Geschichte eines historischen Orts. Bezeichnungen für Orte, an denen historisch bedeutsame Ereignisse stattgefunden oder an denen solcher Ereignisse gedacht wird, waren und sind vielfältig. In der Tourismuswerbung sind gegenwärtig Begriffe wie «Schauplatz der Geschichte», die das visuelle Erlebnis ansprechen, verbreitet. Der Begriff «Schauplatz» ruft ebenso wie der Begriff «Stätte» eine bedeutungsvolle Ereignisgeschichte hervor. Geschichtsdidaktiker wählen hingegen oft die Bezeichnung «historischer Ort», weil diese geografisch weiter gefasst ist als «historische Stätte». Der Begriff «Stätte» wiederum lädt den Ort mit einer sakralen Verehrung auf.3

Das Historische an einem «historischen Ort» ist nicht auf ein Ereignis begrenzt, sondern schliesst auch die Inszenierung von Geschichte an diesem Ort ein.4 Die Bezeichnung «historisch» ist eine Zuschreibung und weist auf einen Geschichtsgebrauch hin, der sich auf den Ort bezieht oder an diesem stattfindet. Wie, von wem und mit welchen Inhalten wurden historische Orte in der Vergangenheit und in der Gegenwart ausgestattet?

Es geht hier auch um das Verhältnis zwischen Tourismus und Geschichte. In einem weit gefassten Verständnis ist Tourismus ein kulturelles Phänomen und eine Dienstleistungsindustrie, die im Kontext ihrer Zeit steht. Der Besuch von historischen Orten kann als eine Form von Tourismus verstanden werden. Die Begriffe «Tourismus» und «Touristen» werden in diesem Buch nicht wertend, sondern beschreibend genutzt. Dienstleistungsangebote, die für Touristen hergestellt werden, werden unter die Lupe genommen: Von Transportmitteln und Unterkünften über Postkarten, Reiseführer, Souvenirs und Erinnerungsbilder bis hin zu Veranstaltungen. Der Tourismus wird hier also über seine Angebote wie auch über seine Praktiken untersucht.

Wer sind Touristen? Die Touristin oder der Tourist sind Rollen, in die man schlüpfen kann.5 Personen schlüpfen in die Rolle von Touristen, indem sie sich in ihrer Freizeit an einen Ort begeben, wobei ihre Nachfrage oder ihr potentielles Interesse bewirkt, dass Akteure eine Infrastruktur für sie aufbauen. Bereits die Möglichkeit, dass Touristen einen Ort besuchen könnten, beeinflusst dessen Gestaltung und Darstellung. Felix Girke und Eva-Maria Knoll nennen dies den «touristischen Schatten»: «Auch wo noch keine Touristen sind, denkt man an sie.»6 Ein imaginatives Einbeziehen von möglicher touristischer Vermarktung sei demnach omnipräsent und wirke auch transformativ nach innen, auf die Wahrnehmung der Akteure.7

In diesem Buch wird Tourismus als Imaginationsraum betrachtet, für den die Geschichte zentrale Inhalte bereitstellt und in welchem mit modernen Mitteln vormoderne Geschichte dargestellt wird. Mit der Einheit des Orts stellen Gestalter und Besucher ein besonderes räumliches Dispositiv her, um Geschichte zu evozieren und zu repräsentieren.

Geschichtsgebrauch vor Ort

Geschichtsbilder und Geschichtsgebrauch

Der Begriff des touristischen Geschichtsgebrauchs basiert auf dem Konzept der «Gebrauchsgeschichte» des Historikers Guy P. Marchal.8 Marchal versteht darunter die vielfältige Nutzung von Geschichte.9 Schweizer Gebrauchsgeschichte ist von Vorstellungen des Mittelalters geprägt, wie Marchal am Geschichtsbild der «Alten Eidgenossen» zeigt, welches zwischen dem 15. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder umgedeutet wurde. Ein Geschichtsbild ist ein gesellschaftlich geteilter Vorstellungskomplex, den Marchal als «Historiengemälde im Kopf»10 beschreibt. Geschichtsbilder lösen, wenn sie aufgerufen werden, bei ihren Trägern Gefühle und Assoziationen aus und sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Dabei ist es gemäss Marchal nicht etwa die Geschichtsforschung, welche diese Veränderungen hervorruft, sondern die allgemeine Befindlichkeit der Gesellschaft, also deren soziale, kulturelle, politische und ökonomische Situation.11 Dazu gehört auch der Tourismus.

Der Historiker Roger Sablonier schreibt, dass die traditionellen eidgenössischen Geschichtsbilder nach 1848 und besonders nach 1891 «als eigentliche Kulturgeneratoren» gewirkt hätten: in «Erinnerungsorten und Denkmälern, in der musealen Konservierung und Präsentation, sogar in der Rekonstruktion historischer Landschaften».12 Eine patriotische Kulturtätigkeit habe in Festspielen, Bilderbüchern und Postkarten ihren Ausdruck gefunden, wobei literarische Werke für die Vermittlung eine grosse Rolle gespielt hätten. Obwohl die meisten Kulturprodukte, die Sablonier aufzählt – Erinnerungsorte, Denkmäler, Museen, Landschaften, Festspiele und Postkarten –, auch Produkte eines touristischen Anverwandelns von Geschichte sind, ist die Präsentation von Geschichte im touristischen Kontext und die Nutzung der Geschichte vor Ort in der Forschung zum Geschichtsgebrauch weitgehend ein blinder Fleck geblieben.

Touristischer Geschichtsgebrauch

Wirtschaftlich orientierter Geschichtsgebrauch ist in den letzten zehn Jahren vermehrt zu einem Thema der Geschichtswissenschaften geworden. Ein Beispiel ist das von Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug 2009 herausgegebene Buch History sells!, in welchem zwar touristisch orientierte Angebote thematisiert, jedoch selten so benannt werden.13 Hardtwig und Schug wenden den Begriff der «Aufmerksamkeitsökonomie» auf die Geschichtswissenschaft an und äussern Bedenken, wie die Geschichtsschreibung damit umgehen könne, dass Unterhaltung zu einem Hauptantrieb der Auseinandersetzung mit Geschichte werde.14 Seit den 2000er-Jahren wird auch der Begriff «Geschichtsmarkt» verwendet, um die ökonomisch gewinnbringende Präsentation von Geschichte zu bezeichnen.15

Im Buch Vergangenheitsbewirtschaftung, das Christoph Kühberger und Andreas Pudlat 2012 herausgegeben haben, schreiben mehrere Autoren explizit über Tourismus, allerdings mit einem starken Fokus auf touristische Angebote zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, beispielsweise zur Berliner Mauer.16 In den Beiträgen von Sibylle Frank zur Berliner Mauer und von Hanno Hochmuth zum Berlin-Tourismus kommen unterschiedliche Positionen zur Sprache. Frank appelliert an eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung der Historiker mit touristisch-wirtschaftlich orientierter Geschichtsvermittlung und plädiert für ein staatliches Engagement in diesem Bereich: Das touristische Feld dürfe nicht profitorientierten Angeboten überlassen werden.17 Hochmuth spricht im selben Band der touristischen Geschichtsvermittlung zu, lehrreich und unterhaltsam zu sein, aufklärerisch zu wirken und zur politischen Bildung beizutragen. Er kritisiert hingegen Präsentationen, die Geschichte dramatisieren und so den Besucher «überwältigen» würden.18 Zeitgeschichte steht bislang im Fokus von Studien, welche Public History, das heisst nicht-akademischen Geschichtsgebrauch untersuchen.19 In der Forschung zu touristischen Darstellungen des Mittelalters werden weniger Fragen staatlicher Steuerung oder aufklärerischen Nutzens diskutiert, als vielmehr der Gebrauch im Sinne einer «Living History» beispielsweise an Mittelaltermärkten.

Der Gebrauch von Geschichte im Tourismus wurde bislang in mehreren kleinen Studien untersucht. Der Tourismushistoriker John K. Walton verwies 2009 darauf, dass touristische Destinationen ihre Geschichte – das heisst, spezifische Versionen von ihr – als besonderes Merkmal und Verkaufsargument vermarkten würden. Walton untersucht «the ways in which tourism itself tries to use history, through marking, marketing and exploitation of traces, stories, heritage, authenticity, and, ultimately, distinctiveness».20 «Marketing», «traces», «stories», «heritage», «authenticity» – Forscher, die sich mit dem Gebrauch von Geschichte für Touristen befassen, arbeiten mit Begriffen, die einer Erklärung bedürfen. Wie wurde in bisherigen Studien zum touristischen Geschichtsgebrauch der Untersuchungsgegenstand bezeichnet? Ian McKay und Robin Bates konstruierten in ihrem Buch The Province of History von 2010 den Begriff «tourism/history», den sie als «new kind of history» und Nachfolger des Begriffs «heritage» beschreiben.21 1990 prägte Regina Römhild den Begriff «Histourismus».22 Bernd Mütter veröffentlichte 2009 die Monografie HisTourismus. Geschichte in der Erwachsenenbildung und auf Reisen, die sich damit befasst, wie man auf Reisen Geschichte lernen kann.23 Der Begriff «Histourismus» hat sich jedoch nicht durchgesetzt, und er bietet auch keine Ansatzpunkte für dieses Buch, weil er konzeptionell den Tourismus als Maschine versteht, die das Material lediglich filtert, aber mögliche Wechselwirkungen nicht in Betracht zieht. Besser etabliert hat sich der Begriff des «Histotainment», der die Kombination von Geschichtsvermittlung und Unterhaltung verspricht. Allerdings wurde auch dieser wiederholt kritisch diskutiert.24

In neueren Publikationen ist die Wortbildung «Geschichtstourismus» anzutreffen25 – ein Begriff, den jedoch auch die Anbieter selber benutzen. Als analytischer Begriff wenig geeignet ist er auch, weil er nicht dazu auffordert, nach Akteuren zu fragen und zwischen Produzenten und Rezipienten zu unterscheiden.

Dieses Buch verwendet die Formulierung «touristischer Geschichtsgebrauch», deren Vorteil darin besteht, dass die touristische Form des Geschichtsgebrauchs mit anderen Formen gut vergleichbar ist. Dies ist wichtig, weil Geschichte oft mehrfach motiviert gebraucht wird, sodass beispielsweise sowohl politische als auch touristische Interessen der Akteure einen Geschichtsgebrauch bestimmen. Den «rein» touristischen Geschichtsgebrauch gibt es möglicherweise nicht.

Erinnerungskulturen und -orte

Ein Ausgangspunkt dieses Buches ist die Feststellung, dass in den Debatten zu Erinnerungs- und Gedächtniskulturen der Tourismus ignoriert oder als «negative Kontrastfolie»26 behandelt wird. Erinnern ist edel, Tourismus vulgär oder banal. Bezeichnend dafür ist, wie der Historiker Pierre Nora, der das Konzept der «Lieux de mémoire» begründete, das Wort «touristisch» benutzt. Im Vorwort zu Lieux de mémoire schreibt er, dass das französische Nationalgefühl nicht mehr «auf das Opfer, den Trauerkult und die Abwehr nach aussen bezogen» sei, sondern «zunehmend geniesserisch, neugierig, man könnte fast sagen, touristisch» werde.27 «Touristisch» umschreibt eine neue vergnügliche und individualistische Form des Nationalgefühls oder – in Noras Verständnis – der Geschichtskultur. Dennoch wird Tourismus in der Folge nur am Rand behandelt.28

In diesem Buch wird mehrheitlich dasselbe Quellenmaterial untersucht wie in Forschungen zur Erinnerungskultur. Die materielle Dimension der Erinnerungskultur ist auch für den touristischen Geschichtsgebrauch wichtiges Quellenmaterial. Sie besteht sowohl aus Objekten und kollektiven Handlungen, die Geschichtsbilder transportieren, wie Denkmälern oder Gedenkfeiern, als auch aus Gegebenheiten, die symbolisch aufgeladen und zu Medien von Geschichtsbildern gemacht wurden.29 Dieses Buch wählt jedoch einen anderen Zugang zu diesem Quellenmaterial und geht davon aus, dass sich das Ausstatten eines Orts mit Besucherangeboten und das Besuchen eines Orts vom Gebrauch eines Orts zur Evokation von Geschichte unterscheiden kann. Auch Konflikte zwischen verschiedenen Formen des Geschichtsgebrauchs sind möglich.

Wie stellen neue Präsentationsformen Geschichte dar?

Als Letztes ist auf eine aktuelle Diskussion über die gegenwärtigen Veränderungen in der Vermittlung und Wahrnehmung von Geschichte zu verweisen. Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug schreiben in History Sells! in Bezug auf «Histotainment», dass die mediale Geschichtsinszenierung dramatisiere, personalisiere und vereinfache. Sie präsentiere «lineare, chronologische Narrative, die der Komplexität moderner Gesellschaften kaum gerecht werden».30 Die problemlos scheinende Orientierung mache populäre Geschichtsdarstellung attraktiv, vermuten Hardtwig und Schug – und fordern, dass Historiker sich öffentlich zu Wort melden und dabei versuchen sollen, das «Interesse des grossen Publikums» ernsthaft zu verstehen. Die kulturkritischen Zweifel an der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Populärkultur, der die zwei Autoren einen «konsumistischen Kern» zuschreiben, sind nicht zu überhören. Um Geschichte «verkaufen» und «konsumieren» zu können, müsse sie in eine Ware verwandelt werden. Wie lässt sich die Verwandlung von Geschichte in eine Ware beschreiben?

Wie ein kulturelles Produkt zu einer Ware gemacht wird, zeigt sich bei der Auszeichnung historischer Orte als «Kulturerbe». Wie Kultur zu «Kulturerbe» gemacht wird, untersuchte die Ethnologin Regina Bendix 2013.31 Bendix wählte drei schweizerische Beispiele, um einen, wie sie schreibt, vielfach gelagerten «Inwertsetzungsprozess» über einen längeren Zeitraum zeigen zu können.32 Die Historikerin Taina Syrjämaa wählte hingegen den Begriff der Kommodifizierung, um zu umschreiben, wie aus Geschichte Konsumgüter gemacht werden.33 Syrjämaa schreibt der Werbung – kleinen Broschüren, farbigen Postern, Zeitungsanzeigen und Tourismusfilmen – einen wichtigen Schritt in Richtung Kommodifizierung zu, weil Geschichte auf dieselbe Weise angepriesen werde wie Seife oder Schokolade.34

Neue Präsentationsformen von Geschichte werden oft mit Rückgriff auf «–isierungsthesen» analysiert: Kommodifizierung (in eine Ware verwandeln), Kommerzialisierung (einer ökonomischen Logik anpassen), Personalisierung (auf einzelne Personen aus der Geschichte fokussieren), Emotionalisierung (die Absicht verstärken, Gefühle hervorzurufen), Folklorisierung (Unterhaltungsbräuche ausserhalb ihrer Sinnzusammenhänge inszenieren), Fragmentierung (Geschichte in zusammenhangslose, einzeln betrachtete Teile zerlegen), Enthistorisierung (Geschichte weniger einbeziehen), Entpolitisierung (Politik weniger einbeziehen), Retraditionalisierung (an die für Touristen inszenierten Bräuche zu glauben beginnen). Ohne diese Thesen abzulehnen, sind sie dennoch für die Quelleninterpretation wenig hilfreich, weil ihre Formulierungen vorgeben, dass es von selbst laufende Prozesse gebe, und deshalb die handelnden Personen nicht ins Sichtfeld ziehen. In diesem Buch geht es aber darum, wer in welchem Kontext und mit welchen Mitteln die Geschichte der Schlacht am Morgarten für Besucher inszenierte und wie dieses Angebot genutzt wurde. Daher tauchen hier in der Folge anstelle von «dem Tourismus» eine Vielzahl von Akteuren mit Namen auf.

Wie historische Orte gestaltet und wahrgenommen werden, wurde bislang wenig untersucht. Eine Ausnahme bildet ein Kapitel im 2007 erschienenen Buch Geschichte im Gedächtnis von Aleida Assmann. Die Autorin beschreibt drei aktuelle Grundformen historischer Präsentation: Erzählen, Ausstellen, Inszenieren.35 Inszenierung sei ein «Schlüsselbegriff eines konstruktivistischen Weltverständnisses, demzufolge Wirklichkeit nicht vorfindlich existiert, sondern performativ hergestellt» werde.36 Auch Besucher einer Inszenierung könnten sich als Teil dieser Inszenierung betrachten. Dadurch verlassen Geschichtsinszenierungen gemäss Assmann «die geschlossenen Räume des Museums und die Fläche von Bildschirm und Leinwand», um sich an «Orten, Städten und Landschaften» auszubreiten, die «als historische Bühne begangen und aufwendig bespielt» werden.37 Assmann macht hier treffend auf ein Spezifikum historischer Orte aufmerksam: Für den touristischen Geschichtsgebrauch werden oft Aussenräume als Anschauungs- und Projektionsfläche verwendet und mit Angeboten, die für diesen spezifischen Gebrauch hergestellt werden, ausgestattet. Diese neuen Präsentationsweisen erklärt Assmann mit einem anders motivierten Publikum, für welches Geschichte auf andere Weise aufbereitet werden müsse: Die Konsumgesellschaft ersetze das Bildungsbürgertum. Geschichte sei «–was die Präsentation angeht – vielfältiger, reizvoller, raffinierter geworden», was allerdings nicht heisse, dass sie «deshalb weiter und tiefer verankert wäre». Die Präsentation, so Assmann, ziele «weniger auf Wissen als auf emotionale Anteilnahme, Schaulust und Unterhaltung» ab.38

So plausibel diese kritischen Beobachtungen sein mögen, fällt auf, dass sie ohne Akteure auskommen und die Rezipienten in den abstrakten Begriff der «Konsumgesellschaft» fassen. Was unterscheidet die Konsumgesellschaft vom Bildungsbürgertum, wenn es um Geschichtsvermittlung geht? Wer sind die Produzenten dieser neuen «Präsentationen» und wie stellen sie Geschichte dar? Die Idee, Geschichtsbilder mit emotionaler Berührung vor Ort zu inszenieren, hat in gewisser Weise Karl Bürkli bereits 1895 vorgeführt und war damit zweifellos nicht der Erste. Wer waren seine Vorgänger?

Merkwürdige Schweizer Geschichte, 1780–1830

Reiseführer, Reiseberichte und Anleitungen, wie man richtig reist

Reiseziel Schlachtfeld

Bis ans Ende des 18. Jahrhunderts suchten nur wenige Besucher den Ort der Schlacht am Morgarten auf. Zwischen 1750 und 1790 nahm der Reiseverkehr in die Schweiz beträchtlich zu, wie beispielsweise die Anzahl publizierter Reiseberichte nahelegt.39 Laurent Tissot setzt die Prämissen des Tourismus in die Jahre 1780 bis 1830.40 In dieser Zeitspanne wurde die Schweizerreise bei Reisenden zunehmend beliebter. Die Schweiz und die Alpen wurden als Projektionsflächen für neue Theorien genutzt, die erklären, was eine schöne Landschaft ausmache und wie Menschen zusammenleben sollten.41

Sehenswürdigkeiten der Vormoderne waren historische Waffensammlungen in Zeughäusern und vom 18. Jahrhundert an vor allem die Natur.42 Auch Schlachtfelder gehörten zu den frühen Sehenswürdigkeiten. In Goethes Faust, der Tragödie zweiter Teil (1832) fragt Mephistopheles spöttisch:

«Sind Briten hier: Sie reisen sonst so viel.

Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen, Gestürzten Mauern, klassischdumpfen Stellen;

Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.»43

Die gemeinsame Aufzählung von Schlachtfeldern mit Wasserfällen und Ruinen ordnet Schlachtfelder den Reisezielen des romantischen Tourismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu. Im Gebiet der heutigen Schweiz war insbesondere das Schlachtfeld von Murten ein beliebtes Ziel von Reisenden, die es oft Goethe gleichtaten und aus dem Beinhaus von Murten den Schädelteil eines Burgunders als Souvenir mitnahmen.44

Die Schlachtfelder und Schlachtkapellen waren nicht die einzigen Orte, an denen Geschichte «besichtigt» wurde. Auch frühe Denkmäler und Zeughäuser repräsentierten Geschichte. Die Historikerin Christine von Arx untersuchte Zeughäuser als «Orte der historischen Repräsentation» im 18. und 19. Jahrhundert. Von Arx schreibt, dass in den Reiseberichten ein grosses Interesse an der mittelalterlichen Geschichte der Eidgenossenschaft, insbesondere der Kriegsgeschichte, auszumachen sei, ja sogar, dass eine Geschichtsbegeisterung massgebend die Beliebtheit der Schweiz als Reiseland bewirkt habe.45 Die Reisenden hätten den «bezeugten historischen» Schauplatz betreten wollen. Sie zitiert den englischen Reiseschriftsteller William Coxe, der in seinem Reisebericht von 1781 seine Gedanken beim Besuch des Schlachtfelds von Näfels beschrieb: «Hier wars! Hier wars, wo 350 Glarner mit Hilfe von 30 Schwyzern der ganzen Macht der österreichischen Armee widerstunden.»46 Von Arx folgert, dass die Reisenden des späten 18. Jahrhunderts bereits den «authentischen Ort» betreten wollten, um Geschichte «über alle Sinne» wahrzunehmen und somit «erst eigentlich» zu erleben. Dabei hätten die Denkmäler an den historischen Orten nur als «Zeigefinger» funktioniert, die den Schauplatz markierten, den man zu betreten wünschte. Dieser Wunsch sei, so von Arx weiter, in engem Zusammenhang mit einem neuen Naturverständnis zu verstehen. Die Landschaften seien neu «in ihrer historischen Bedeutsamkeit» wahrgenommen worden.47

Was ist die Rolle von Landschaften in der Darstellung mittelalterlicher Geschichte? Wenn Authentizität eine Zuschreibung ist, wie Martin Sabrow es definiert, etwas Echtes und Originales, eine «unverstellte Unmittelbarkeit», vor sich zu haben – an welchen Kriterien machten die Reiseautoren eine Zuschreibung von Morgarten als authentische «historische Stätte» fest?48

Ein erstes Beispiel stellt die Behauptung, dass die Reisenden Geschichte als «authentischen Ort» besuchen wollten, bereits in Frage. In den 1780er-Jahren reiste Christoph Meiners (1747–1810), Professor in Göttingen, streckenweise zu Fuss durch die Schweiz und schrieb einen Reisebericht in Briefform. Dieser Bericht wurde in der aufkommenden Begeisterung für die Schweiz zum vielverkauften Reiseführer.49 Meiners reiste auch ins Ägerital, wo sich eine Wirtin über den «vornehmen» Besucher, der «aus blosser Neugierde» so weit gereist sei, gewundert habe. Von einem Hügel aus habe er das Schlachtfeld von Morgarten gesehen. Auf zwei Zeilen rekapituliert Meiners die Geschichte der Schlacht am Morgarten in einer Version, die der Schilderung von Ägidius Tschudi im 1734–1736 veröffentlichten Werk Chronicon helveticum naheliegt.50 Tschudis Erzählung war von mehreren anderen Werken des 18. Jahrhunderts übernommen worden, etwa den populären Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft von Johannes von Müller, den Meiners persönlich kannte. Die zwei wichtigsten Motive in Meiners Morgartendarstellung sind die ungleichen Gegner – wenige schlecht bewaffnete Fusskrieger gegen viele schwerbewaffnete Ritter – und die Steinlawine vom Berg herab. Von der Schlacht erzählt Meiners, als er von seinem Aussichtspunkt ins Ägerital zurückblickt und nicht, als er am Ort der Schlacht steht. Dieser Blick entspricht der Vogelperspektive, mit der die zeitgenössischen Kupferstiche das Ägerital als ländliches Arkadien zeigen. Die «schöne» Ansicht der Landschaft von oben war für Meiners der geeignete Standort, um sein Nachdenken über die Schlacht zu verorten. Die Frage nach dem genauen Standort der Schlacht spielte für ihn offensichtlich keine Rolle.

Reiseschriftsteller

Was in Reiseberichten über die Orte, Landschaften und deren Bewohner geschrieben wird, sagt viel über das Selbstverständnis des jeweiligen Autors und seiner Adressaten aus, im Falle Meiners jenes eines vornehmen Gelehrten. Der Literaturwissenschaftler James Buzard charakterisiert die schreibenden Touristen als eine Art Antitouristen – Touristen, die sich nicht als solche verstehen und sich von den anderen Touristen abheben wollen, indem sie unterwegs schreiben.51 Schreibende Touristen sind von der bereits existierenden Reiseliteratur geprägt, sie sind sich der kulturellen Vorstellungen bewusst, was als sehenswürdig gilt, wie es beschrieben wurde und von ihren Lesern sogleich wiedererkannt wird – sie wissen, was ihrer Leserschaft bekannt ist und was sie vom Autor erwartet.52 Zugleich betonen sie jeweils ihre eigene, von bisherigen Reiseberichten abweichende Sicht und praktizieren somit eine Geste der Selbstausnahme, auch wenn sie bekannten Reiserouten folgen. Buzard nennt diese Schreibhaltung ein rollendistanzierendes Handeln: Die Autoren versuchen, sich aus ihrer Rolle als Touristen und deren Konventionen zu heben oder sogar in eine vermeintlich direkte Beziehung zum beschriebenen Ort zu treten. Das war nicht bloss Werbung für den eigenen Reisebericht, sondern stellte laut Buzard eine Auflehnung gegen die Vorstellung dar, dass der Einzelne von der Kultur bestimmt sein soll – ein Plädoyer für individuelles Erleben.53

Die Literaturwissenschaft beschreibt Reiseberichte als heterogene, gemischte Textform, die vor allem zwischen den zwei Feldern der Autobiografie und der Wissenschaft oszilliere.54 Reiseberichte würden sich stilistisch aber auch bei Memoiren, Journalismus, Briefen, Reiseführern, Bekenntnisschriften und vor allem bei der Literatur bedienen.55 Das Erlebnis der Reise, die Fremderfahrung, werde in einem Schreibprozess geordnet, reflektiert, repräsentiert, übersetzt und umgewandelt.56

Mit zunehmender Zahl bildeten die Reiseberichte ein eigenes Referenzsystem, in welches sich spätere Reisende im Vorfeld ihrer Reisen einlasen.57 In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es in England und Deutschland Mode, einen Reisebericht zu veröffentlichen. Charles Dickens spottete 1846 in seinem eigenen Italienbericht, dass es wahrscheinlich kein berühmtes Bild und keine Statue in ganz Italien gäbe, die man nicht unter einem Berg von gedrucktem Papier begraben könne, das sich seiner wissenschaftlichen Beschreibung widme.58 Mit einer ähnlichen Pointe machte sich Gottlob Heinrich Heinse 1810 lustig, dass sich mit den Reisebeschreibungen der Schweiz «vielleicht der Rhein dämmen liesse».59 Auch die Reiseberichte über die Schweiz vervielfältigten sich Ende des 18. Jahrhunderts. Einige von ihnen waren aufwändig erstellte Texte, andere schnell zusammengestellte Collagen aus älteren Berichten.60 Als Illustrationen wurden bereits existierende oder eigens angefertigte Landschaftsstiche, Karten oder auch Porträts eingefügt. Aber die Reiseberichte waren nicht nur aufgrund ihrer puren Anzahl eindrücklich. Ihre Inhalte wirkten auf die Vorstellungen ihrer grossen Leserschaft ein – auch auf deren Geschichtsbilder.

Reiseliteratur und «nation building»

Reiseliteratur spielte im Prozess des «nation building», der Nationalstaatsbildung, eine wichtige Rolle.61 Wie hat das Reisen und die Reiseliteratur das Bild der Nation beeinflusst? Der Historiker Georg Kreis schreibt, dass die Reiseberichte des 18. Jahrhunderts die Eidgenossen «auf das eigene historische Erbe aufmerksam» gemacht hätten und diese sich daraufhin in einer Bewegung des Aufklärungs- und Reformpatriotismus vermehrt auf historische Vorbilder bezogen hätten.62 Reiseberichte machten die patriotische Bewegung nicht nur auf ihre Geschichte, sondern auch auf deren «Stätten» aufmerksam, und sie formten die Erzählungen zu diesen Orten wesentlich mit.

Die Überlegungen, wie Reiseliteratur und Selbstbild der Schweiz zusammenspielten, spitzte der Schriftsteller Michail Schischkin zu: «Es waren Reisebeschreibungen, die das Land kreierten, die Wortgebilde haben sich über die Realität gelegt.»63 Ein erfolgreicher Reisebericht habe eine Welle neuer Reisender und Reisebeschreibungen ausgelöst. Die Reiseliteraten «leisteten so etwas wie einen unausgesprochenen Rütlischwur bei der Gründung der virtuellen Eidgenossenschaft.»64 Die realen Bewohner dieses erdichteten Landes hätten nicht nur «marktgerecht» an der Idylle herumgefeilt, sondern konnten auch «ihr Brot verdienen, indem sie als ideale Schweizer arbeiteten.»65 Und letztlich, so Schischkin, prägten sich das reale Land und das erdichtete Land gegenseitig so stark wie ein Schauspieler und seine Bühnenrolle, die er kreiere und dabei gleichzeitig sich selbst bleibe und die ihn wiederum präge; umso mehr, als er auch nach Ende der Vorstellung sozusagen auf der Bühne lebe.66 Was heisst dies konkret für das Geschichtsbild des späten 18. Jahrhunderts?

Christine von Arx schreibt in ihrer Untersuchung über Zeughäuser, dass deren Geschichtsinszenierungen stark lokal geprägt gewesen seien und dass die Macher der Präsentationen jeweils die Geschichte ihres Ortes in Abgrenzung zu den anderen eidgenössischen Orten präsentiert hätten.67 Im Gegensatz dazu hätten sich deutsche, englische und französische Reisende in ihren Berichten über die Zeughäuser auf die Schlachten der Eidgenossen konzentriert. So habe die «Fremdperspektive» eine «imaginierte Eintracht» beschworen, bevor diese Geschichten von nationalen Akteuren ausgeschöpft worden seien.68 Der Blick der Touristen gründete die nationale Perspektive auf Geschichte mit.

Aus der Reiseliteratur lässt sich folglich nicht zuverlässig erfahren, wie der Ort aussah, den Reisende auf Spurensuche nach der Schlacht am Morgarten besucht und was die Reisenden dort erlebt hatten. Aber die Reiseliteratur zeigt, mit welchen Motiven und in Bezug auf welches historische Material Reiseschriftsteller in der Frühzeit des Tourismus (1780–1830) die Schlacht am Morgarten erzählten und ihren Besuch auf dem Schlachtfeld schilderten.

Philippe-Sirice Bridel, Juli 1790

An einem Samstag im Juli 1790 wanderte Philippe-Sirice Bridel (1757–1845) vom Dorf Hütten auf den Mangliberg, von wo aus er einen Rundblick über das Mittelland, die Voralpen und das Ägerital vor Augen hatte – «den berühmten See, dessen Wellen das glorreiche Schlachtfeld von Morgarten bespühlen».69 Der aus Lausanne stammende Bridel arbeitete im Jahr 1790 als reformierter Pfarrer in der französischen Kirche von Basel.70 Die Wanderung auf den Mangliberg war Teil einer Fussreise durch die Schweiz, die Bridel von Basel über den Aargau und Zürcher Gebiet in die Zentralschweiz führte. Er stieg vom Mangliberg nach Ägeri hinab und kehrte vermutlich in Oberägeri in ein Wirtshaus ein, wo ein «ehrlicher» Wirt ihm ein Mittagessen vorsetzte, «vortreffliche Fische, ausgesuchter Käse, Bergkohl, und Wein, der jenseits des Gotthards wächst».71 Der französische Gelehrte Mabillon habe die Wirtshäuser der Innerschweiz 1683 in mehreren Punkten falsch beschrieben, merkt Bridel an und zitiert Mabillons Beschwerden: Fliegen, Tabakgestank, schlechtes Essen, zu kurze Betten für einen Franzosen und kein Feilschen über den Preis. Bridel beschreibt indes ein pittoreskes Ägerital, wobei ihm die hübschen jungen Frauen und Kinder auffallen, 72 was kein Zufall ist. In den Reiseberichten um 1800 sind solche Bemerkungen meist Ausdruck der verbreiteten Vorstellung, dass die Landschaft das Aussehen und den «Charakter» ihrer Bewohner präge und, in den Worten Heinrich Zschokkes, «dass die schöne Landschaft auch der Aufenthalt schöner Menschen sey».73 Wie man gegessen und geschlafen habe, erzählen Reiseberichte hingegen, um den Eindruck von subjektiver Wahrhaftigkeit – dass man es wirklich erlebt hat – zu erzeugen.74

Bridel schiebt daraufhin die Worte eines Sennen, eines Bauern und eines Greisen ein, die sich mit ihm unterwegs über die Französische Revolution unterhalten hätten – allegorische Figuren der Schweizer Einfachheit im Naturzustand, wie sie auch Albrecht von Haller in seinem Alpen-Gedicht von 1729 besungen hatte. In einer Fussnote betont Bridel den Zeitpunkt seiner Reise: «Der Leser muss übrigens nicht vergessen, dass hier vom Julius 1790 die Rede ist.»75 Zur Französischen Revolution stand Bridel in einem ambivalenten Verhältnis. Er gehörte zu einer Bewegung des Aufklärungs- und Reformpatriotismus, des Helvetismus.76 Im 18. Jahrhundert versuchten vor allem Westschweizer und Zürcher Literaten durch eine gemeinsame schweizerische Nationalliteratur eine patriotische Begeisterung zu wecken. Bridel sah, so schreibt der Historiker François de Capitani, in der «gemeinsamen Natur und Geschichte» die Grundlage dieser Nationalliteratur.77 Nur: Was verstand man unter der «gemeinsamen Natur und Geschichte»? Der «wahre Helvetier» und das «Helvetische», nach welchen Bridel auf seinen Fussreisen in abgelegenen Tälern suchte, entsprachen einem Idealbild der Schweiz, das auch die aufklärerischen Reisenden beschrieben und sehen wollten.78 Der Helvetismus verherrlichte die Alpenbewohner als besonders tugendhaft und republikanisch. Die Französische Revolution war in den Augen Bridels nicht nur gefährlich, sondern für den «ursprünglicheren» schweizerischen republikanisch-föderalistischen Naturzustand der unverdorbenen Bergbewohner unnötig.

In Unterägeri bezahlt Bridel einem Mann, der einen für den Ägerisee typischen Einbaum besitzt, «bloss zwei Batzen», dass dieser ihn zum Schlachtfeld nach Morgarten übersetze.79 Die Ufer des Ägerisees, «eines sehr lachend, das andere hingegen wild und melancholisch», entsprechen der zeitgenössischen Vorliebe für abwechslungsreiche Landschaftseindrücke – für das Pittoreske. Angekommen am Schlachtort Morgarten, wendet sich Bridel pathetisch an die «Schatten der grossmüthigen Streiter aus den drei Ländern», deren «Gedächtnis an diesen Stätten, den Zeugen Eurer Heldentaten», man segnen müsse: «Andenken an die Vorzeit, entflamme, wie noch nie, meinen gerührten Geist!»80 Bridel stellt den Besuch des Schlachtorts als eine sinnliche und emotionale Erfahrung dar, die nur in ihm selbst stattfindet. Das Boot setzt ihn an einem reinen Erinnerungsort ab, über dessen Aussehen in der Gegenwart der Leser nichts erfährt. Wichtig für Bridels Schilderung ist das antitouristische Motiv der Einsamkeit.81 Bridel reist offenbar alleine und stellt seine Rührung ins Zentrum des historischen Orts, der so zu einer Bühne für seine Gefühle wird. Das Schlachtfeld ist kein konkreter, sondern ein imaginierter Ort, der stark mit seinem Vorwissen und seinen Gefühlen verbunden ist.

Romantische Motive prägen Bridels Vorstellungen, was er auf dem Schlachtfeld von Morgarten fühlt und erkennt. Er spricht von Stätten und der Landschaft als Zeugen der Geschichte von Morgarten. Die zentralen Motive in seinem Geschichtsbild sind jene der Freiheit und des gemeinsamen Ursprungs im Mittelalter. So wie der Ort Zeuge der Geschichte ist, verleiht sich Bridel als «Zeuge des Zeugen» die exklusive Autorität, Erkenntnisse zu haben, die nur Besucher des Orts haben können. Mehrere Geschichtsschreiber hätten, «weil sie das Lokal nicht selbst besucht haben», «ziemlich bedeutende Fehler» in der Schlachtgeschichte gemacht – im Gegensatz zu seiner Version von 1788.82 Die aufklärerische Forderung nach dem eigenen Denken umfasst auch das eigene Sehen und Fühlen. Die Wahrnehmungstheorie des Pittoresken verspricht darüber hinaus, dass man einen Teil sehen und das Ganze fühlen könne.83

Von Morgarten wandert Bridel weiter über Sattel nach Steinen, wo er Werner von Stauffacher, einem der drei Schwurmänner vom Rütli, huldigen will. Anstelle von Stauffachers Wohnhaus findet Bridel eine Kapelle, deren Fresken gerade restauriert werden. Bridel bewertet die Machart der Bilder zwar als «sehr mittelmässig», ihre Inhalte und Wirkung als volkspädagogisches Mittel der Geschichtsvermittlung jedoch als sehr stark. Die «edeln Gefühle» und die «tiefe Rührung», die diese Bilder in jedem wecken würden – das sei «unstreitig die beste Art, das Volk, seine Geschichte kennen zu lernen».84 Wie so oft und wie viele andere kratzt Bridel vergnügt und stolz seinen Namen in die Kapellenmauer ein und bezeugt so seine «Pilgerschaft zu diesen heiligen Oertern».85 Bridel evoziert nicht nur Geschichte, er schreibt sich auch gewissermassen selbst in sie hinein: Ich war hier.

Die Selbstdeklaration als Pilger oder Wallfahrer zu einer historischen Stätte war nicht selten, sie verlieh der Reise zusätzliche Bedeutung und Legitimation. Der Geistliche Bridel wendet eine sakrale Sprache auf die historischen Stätten an, die er als «heilige Orte» bezeichnet. Pilgern war um 1790 offenbar eine positiv konnotierte Form des Reisens. Im Vorwort seines «Tagebuch einer Fussreise durch das Innere der Schweiz» schreibt Bridel, dass man am besten zu Fuss unterwegs sein solle, abseits der grossen Strassen, einfach gekleidet, ohne Anspruch auf Komfort, allein oder mit einem gleichgesinnten Freund – ganz wie ein Pilger. Der Beginn des touristischen Zeitalters wird auf den Aufbau der beschleunigten und vergünstigten Reiseinfrastruktur (Eisenbahnen, Strassen) zurückgeführt. Dennoch gehörte das Lob der Fussreise in Reiseberichten und Reiseführern, beispielsweise auch im Baedeker, im gesamten 19. Jahrhundert zum Selbstverständnis. Auch die ersten Touristen wollten bereits keine sein. Dieses Distinktionsspiel biss sich nicht damit, dass Johann Gottfried Ebel dem «freien» Fussreisenden empfiehlt, einen Gepäckträger für die ganze Reise zu buchen, so wie er sich immer von Herrn Pfister aus Zürich begleiten lasse, einem Bediensteten, der nicht nur sein Gepäck trage, sondern auch die Wege kenne, über Preise verhandle, ihn frisiere und rasiere sowie Italienisch und Französisch spreche.86

Woher nahm Philippe-Sirice Bridel seine Kenntnisse der Geschichte und Geografie? Neben den älteren Beschreibungen der Schweiz – er erwähnt Johann Jakob Scheuchzer – kannte Bridel auch die Reisebeschreibungen seiner Zeit, von denen er jene von ausländischen Reisenden ablehnte, weil sie das oberflächliche Produkt eiliger Reisen entlang der gängigen Reiserouten seien. Bridel beschreibt jedoch «sein» Helvetien mit den romantischen und aufklärerischen Motiven und Geschichtsbildern, die er mit jenen Autoren gemeinsam hat, deren Beschreibungen der Schweiz er im selben Atemzug als «literarische Invasion» ablehnt.87 Er schreibt also in einer doppelten Selbstausnahme: Er distanziert sich von nicht-schreibenden Reisenden, aber auch von allen anderen schreibenden Reisenden, die nicht auf seine Art ihr «eigenes» Land bereisen.

Beeinflusst wurde Bridel auch durch ortskundige Gelehrte, die er unterwegs besuchte, wie beispielsweise den Arzt und Politiker Karl Zay (1754–1816) in Arth. Zay gehörte zu jenen gut vernetzten, angesehenen und gebildeten Persönlichkeiten, die Reisende privat empfingen. Er soll auch häufig Reisende auf die Rigi begleitet haben.88 Mögliche Gründe für dieses vermutlich unentgeltliche Engagement sind die Pflege des Netzwerks und des repräsentativen Status in seinem Wohnort, eine Vorliebe für Ausflüge und wohl auch Neugierde.

Bridels Reisebericht ist ein Beispiel für den romantisch geprägten Aufklärungspatriotismus um 1800, dessen Geschichtsbild von Reiseberichten geprägt wird. Es war Bridels grosses Bildungsprojekt, die Schweiz zu Fuss kennenzulernen, die Topografie, die Bevölkerung, die Eigenheiten der Regionen und die Verhältnisse vor Ort. Allerdings war Bridel der Meinung, dass man beim Reisen auch viel falsch machen könne, beispielsweise zu wenig (oder die falsche) Vorbildung mitbringen oder auf die falsche Weise an die falschen Orte reisen. Deshalb formulierte Bridel, wie viele andere Reiseschriftsteller, Ideale, wie man «richtig» reisen sollte – ebenfalls ein Ausdruck von Distanzierung. Diese Ideale geben Einblick in seine Vorstellungen, wie man auf vaterländischen Reisen Geschichte kennenlerne.

Wie man sein «eigenes» Land richtig bereist

1796 hielt Bridel vor den versammelten Mitgliedern der Helvetischen Gesellschaft in Aarau den Vortrag «Versuch über die Art und Weise, wie Schweizerjünglinge ihr Vaterland bereisen sollten».89 Bridel empfiehlt darin, die Schweizerreise nicht vor dem 16. Lebensjahr zu machen, weil ein ausgiebiges Studium der Geografie, Geschichte und der politischen Lage für die Reise notwendig sei. Die Methode Conrad Gessners, jedes Jahr einen Monat lang einen Teil der Schweiz zu erkunden, halte er für das Beste, aber im Rahmen des Möglichen sei eine Reise von sechs bis acht Wochen im Sommer zu empfehlen. Das Ziel sei es, «nüzlichere Männer für das liebe, gemeinschaftliche Vaterland zu bilden».90 Zuerst sollen die jungen Schweizer «die grossen Natur-Erscheinungen» besuchen: die Alpen, Gletscher, Wasserfälle und Bergseen, am besten einen Aussichtsgipfel, bei Sonnenaufgang und bei Gewittern, um auch, in Bridels Worten, «Schauderhaftes» zu sehen.

Nach den «Natur-Scenen» solle der junge Schweizer die Orte der «grossen Begebenheiten» aufsuchen: Inschriften, Ruinen der Römer und die Schlachtfelder – Bridel zählt den gängigen Kanon auf: Morgarten an der Spitze – dann Rütli, Brunnen und Melchtal, «in dieser schönen Schule der verflossenen Zeiten, muss er nothwendig zum bessern Bürger gebildet werden».91 Auch die Orte «physischer und moralischer Unglüksfälle» sollen Ziel der Schweizerreise sein: Plurs im Bergell, das 1618 von einem Bergsturz verschüttet worden war, sowie die Orte der Bürgerkriege – Bridel denkt vermutlich an Villmergen und Kappel, nennt aber keine Schlachtnamen. Die dritte Gruppe Sehenswürdigkeiten seien Werke wie Strassen, Brücken, Kanäle, Mühlen, Bäder oder Dämme.92 Viertens solle man die «grossen Männer» der Schweiz besuchen; ein Verzeichnis derselben sei zu weitläufig und beleidige die Bescheidenheit derselben, zieht sich Bridel aus der Affäre.93 Fünftens folgt der angeblich wichtigste Punkt, nämlich die Tätigkeiten der Menschen zu beobachten: die Landwirtschaft, die Manufakturen, die Spitäler und Schulen, die Zeughäuser und Naturalienkabinette, die grossen Bibliotheken, die topografischen Pläne der Schweiz, die «Sitten der Bergbewohner», deren edle Einfachheit Bridel in all seinen Reiseberichten lobte.94 Nachdem der junge Schweizer diese Reiseziele betrachtet habe, dürfe er sich Gedanken über die Politik machen, über unterschiedliche Regierungsformen innerhalb der Schweiz, und werde dabei zur Überzeugung gelangen, dass die beste Regierungsform die bestehende, republikanisch-föderalistische sei.95 Schliesslich solle der junge Reisende noch eine Landsgemeinde, eine Musterung des Militärs und eine Versammlung der Helvetischen Gesellschaft besuchen.

Vor den historischen Stätten sollen junge Schweizer also die «Natur-Scenen» besuchen, gemeint sind vor allem die Alpen. Obwohl Gelehrte aus Zürich und Bern dieses Alpenbild entwarfen und die Eidgenossenschaft des 18. Jahrhunderts von städtischen Regierungen geprägt war, übernimmt Bridel diese Selbstdarstellung einer bäuerlich-alpinen Schweiz, die er in zeitgenössischen Begriffen als «Alpenhirtenland» und «Ideallandschaft» bezeichnet.96 Der Ortsbesuch solle – so das Versprechen – neue Erkenntnisse qua Gefühl und Bildung ermöglichen. An den historischen Orten solle ein «animus loci» den Besucher erfüllen.97 Der frühe Tourismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts war auch ein nationalpädagogisches Projekt.

Bridels Idee einer Gebrauchsanweisung, wie junge Schweizer ihr Vaterland bereisen sollten, war nicht neu. Die Helvetische Gesellschaft hatte 30 Jahre zuvor, 1767/68, bereits einmal über den Vorschlag gesprochen, Schweizerreisen zu unterstützen oder sogar mit Söhnen der Mitglieder einen Austausch zu organisieren. Das Geschäft war aber verschoben worden, und zwei Jahre später liess man es bei der Empfehlung bewenden.98 1773 fand dann doch noch eine Reise statt: Der junge Geistliche Hans Rudolf Schinz reiste mit sieben jungen Männern aus Zürich und zwei Bediensteten während zweieinhalb Monaten durch die Schweiz.99

Der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater druckte 1775 in seiner Reihe patriotischer Schweizerlieder das Abschiedsliede an einen Schweizer, der auf Reisen geht.100 Im Vorbericht zu diesem Lied schreibt Lavater warnend, dass die wohlhabenden jungen Schweizer nur in Frankreich und Deutschland herumreisen würden, «um Geld zu verthun», weil ihresgleichen dasselbe getan hätten. Diese Reisen seien eine Quelle des Verderbens und er bitte alle Schweizerjünglinge, ihren Kameraden vor der Abreise sein Lied vorzusingen.101 Dieses ruft dazu auf, im «Schweizeralpenland» zu reisen, «wie man reisen soll»:

«Schau die Natur mit Ehrfurcht an;

Steh still im Feld der Schlacht;was Deine Väter da gethan,

Das, Bruder, das betracht!»102

Lavater lehnte sich mit der Zeile «Steh still im Feld der Schlacht» an die erste Zeile eines Gedichts von Albrecht Haller an, welches dieser 1755 im Auftrag der Berner Regierung für eine Inschrift am Beinhaus von Murten verfasst hatte. Hallers Gedicht leitet die Besucher, auch weithergereiste Besucher, an: «Steh still, Helvetier! hier liegt das kühne Heer / […]»103 Ein Hinweisschild am historischen Ort, für Reisende angebracht, wurde als Vorlage für ein patriotisches Lied genutzt.

Ein Jahr nach Erscheinen von Lavaters Abschiedsliede reichten Zürcher Mitglieder in der Helvetischen Gesellschaft einen Antrag ein, mit welchem sie «das Reisen junger Eidgenossen, innert den Gränzen unsers Vaterlands» anpriesen.104 Eine «Tour de Suisse» durch eine historische Landschaft wird abgesteckt.105 Leonhard Meister schreibt 1782, dass «bey den Zürchern und Bernern […] kleine einheimische Wallfahrten nicht ungewohnte Erholung» seien.106 Bridels Rede von 1796 systematisierte und lobte, was ein grosser Teil der Zuhörer bereits seit längerem kannte: vaterländische Bildungsreisen.

Die Vorstellung, dass patriotische Gefühle und Naturwahrnehmung in einer Bildungsreise zusammenwirken, ist keine schweizerische Eigenheit, wie das Beispiel Schweden zeigt. Den patriotischen Imperativ «Know Your Country» hat der Ethnologe Orvar Löfgren anhand von Quellen aus dem 19. und 20. Jahrhundert für Schweden beschrieben.107 Schwedische Vertreter eines inländischen Tourismus zu patriotischen Zwecken propagierten eine starke Verbindung zwischen Naturtourismus und nationaler Selbstdarstellung. Wandern galt als patriotische Tätigkeit, während der man in der Landschaft sozusagen automatisch die eigene Nation persönlich erfahre und lieben lerne: «[…] the feeling that in certain landscapes the citizien was in communion not only with nature but with the spirit of the nation itself.»108 Nationale Landschaften und Sehenswürdigkeiten könnten am besten von Bürgern des jeweiligen Landes wahrgenommen werden, die dabei das Land und sich selbst kennenlernten, so Löfgren. Know your Country, know yourself, habe das Versprechen der Werbung gelautet.

Aber die Propagierung der Fussreisen erfolgte nicht nur aus patriotischen Gründen. Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl verglich 1869 die Notwendigkeit von «Wanderstudien» mit den «Archivstudien» des modernen Historikers.109 In den Wanderstudien und den Schweizerreisen war die aufklärerische und kritische Vorstellung vom Selberdenken enthalten – in den Worten Riehls: «auf eigenen Füssen gehen, um mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Ohren zu hören».110 Mit den Fussreisen wurden nicht nur Vorstellungen vom Verschmelzen mit der Nation, sondern auch von selbständigem Denken verbunden.

Auch Reisen im Ausland wurde manchmal zugeschrieben, dass sie patriotische Gefühle weckten. Engländer, die im 18. Jahrhundert auf einer Grand Tour den Kontinent bereisten, schrieben, sie seien als «better Englishman» zurückgekehrt – was immer sie damit gemeint haben mögen.111 Ebenso liest man von Reisenden, die patriotische Gefühle im Angesicht einer nicht-eigenen Geschichte verspürt hätten. So findet sich die Vorstellung, dass die mittelalterliche Geschichte am Morgarten und dessen Landschaft gefühlt werden könne, auch in Reiseberichten von Personen, welche die Schlacht am Morgarten nicht als Teil einer patriotischen Herkunftsgeschichte lesen konnten.

Gerhard Anton von Halem, August 1790

Wenige Tage nach Bridel besuchte der Jurist Gerhard Anton von Halem (1752–1819) Morgarten auf einer längeren Reise durch die Schweiz und Frankreich, worüber er ein Jahr später die Reisebeschreibung Blicke auf einen Theil Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs. Reisebeschreibungen in Briefen veröffentlichte.112 Halem datiert seine Reise von Einsiedeln nach Luzern – «auf classischem Boden» – auf den 15. August 1790. Bei Morgarten «sahn wir im Geiste von dem Berge Sattel tödliche Felsstücke herabrollen auf das erste Heer der Feinde der Freyheit.»113 Auch Gerhard Anton von Halem will im Anblick der historischen Sehenswürdigkeiten in und um Morgarten intensiv von Empfindungen ergriffen worden sein. Er versteht die Geschichte der Eidgenossenschaft als seine eigene Geschichte – jene der freiheitsliebenden Menschen, der Aufklärer – und liest die Geschichte von Morgarten aktualitätsbezogen. Am «alten ewigen Bund» von Brunnen nimmt er in einem sich einschliessenden «wir» mit teil: «In dem freundlichen Dorfe Schwyz drückten wir die Hand der biedern Männer, aus deren uraltem Stamm das Völklein der Freyen entsprang. Ihr Geist wehet noch über dem weiten Gebirge.»114 Den «Geist» jenes «Völkleins» will er durch die Begegnung mit Nachfahren, denen er die Hand drückte, und durch die erlebten Gefühle, als er den «classischen Boden» besuchte, wahrgenommen haben. Ein deutscher Aufklärer schreibt, was er an den Stätten der mittelalterlichen Geschichte der Eidgenossenschaft sieht, empfindet und erlebt. Gefühle sind in Halems Reisebericht der Aneignungsfaktor für die vergegenwärtigte Geschichte.115 Der «classische Boden» umfasst ein ganzes Gebiet. Dabei macht Halem das Historische an den Kapellen, Ruinen, der Landschaft, aber auch an den Bewohnern fest. Der «Geist», den Halem wahrnimmt, steht für die ahistorischen Tugenden der Alten Eidgenossen – ein «spiritus loci», der bezeichnenderweise über den Bergen schwebt.

Johann Gottfried Ebels Anleitung, 1792

1792 erschien in Zürich einer der ersten Reiseführer der Schweiz: Johann Gottfried Ebels Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Weise die Schweiz zu bereisen.116 Das Werk entwickelte sich zu einem mehrfach aufgelegten, übersetzten und bald auf vier Bände erweiterten Bestseller. Der Name Ebel wurde zu einem Markennamen für Reisehandbücher.117 Ebels Werke wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa viel gelesen und zahlreiche spätere Reiseberichte, Reiseführer und auch literarische Werke stützten sich auf Ebels Beschreibungen der Schweiz.118 Der aus Schlesien stammende Johann Gottfried Ebel (1764–1830) war Arzt, Gelehrter, Verfasser geologischer Schriften, Anhänger der Französischen Revolution und ab 1801 helvetischer Bürger.119