Mr. Jingle Bells - Leta Blake - E-Book

Mr. Jingle Bells E-Book

Leta Blake

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Beschreibung

Als Ashton Sellers aufgrund eines Notfalls seine Wohnung verlassen muss, wünscht er sich zu Weihnachten nichts weiter als einen neuen Lipgloss, keinen Kontakt zu seiner schrecklichen Familie und eine Unterkunft für die Feiertage. Überraschenderweise nimmt ihn sein Geschäftspartner bei sich auf. Walker ist ein langweiliger Typ ohne Sinn für Spaß, aber er hat ein sicheres, warmes Zuhause mit vier entzückenden Hunden und – er kann gut kochen. Zu Ashtons Verblüffung stellt sich heraus, dass Walker unter seinen unsäglich langweiligen Golfhemden eine zarte Seite und einen sexy Körper verbirgt. Und als er möchte, dass Ashton auf der Weihnachtshochzeit seiner Schwester seinen Freund spielt, ist Ashton Feuer und Flamme. Könnte Walker der sichere Hafen sein, den Ashton als Kind vermisst hat? Könnten sie sich wirklich verlieben? Doch dann deckt Ashton einen Fehltritt in Walkers Vergangenheit auf. Wird dieses Weihnachtswunder enden, bevor es richtig begonnen hat? Band 3 der Home for the Holidays Reihe Band 1: Mr. Frosty Pants Band 2: Mr. Naughty List Jeder Roman ist einzeln lesbar.

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Seitenzahl: 679

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Leta Blake

Mr. Jingle Bells

Impressum:

© dead soft verlag, Mettingen 2025

http://www.deadsoft.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit:

[email protected]

Querenbergstr. 26, D 49497 Mettingen

© the author

Titel der Originalausgabe „Mr. Jingle Bells“

Übersetzung: Simon Rhys Beck

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

petrrgoskov – stock.adobe.com

carlesmiro – stock.adobe.com

Pixel-Shot – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-811-5

ISBN 978-3-96089-812-2 (ebook)

Inhalt:

Als Ashton Sellers aufgrund eines Notfalls seine Wohnung verlassen muss, wünscht er sich zu Weihnachten nichts weiter als einen neuen Lipgloss, keinen Kontakt zu seiner schrecklichen Familie und eine Unterkunft für die Feiertage. Überraschenderweise nimmt ihn sein Geschäftspartner bei sich auf.

Walker ist ein langweiliger Typ ohne Sinn für Spaß, aber er hat ein sicheres, warmes Zuhause mit vier entzückenden Hunden und – er kann gut kochen.

Zu Ashtons Verblüffung stellt sich heraus, dass Walker unter seinen unsäglich langweiligen Golfhemden eine zarte Seite und einen sexy Körper verbirgt. Und als er möchte, dass Ashton auf der Weihnachtshochzeit seiner Schwester seinen Freund spielt, ist Ashton Feuer und Flamme.

Könnte Walker der sichere Hafen sein, den Ashton als Kind vermisst hat? Könnten sie sich wirklich verlieben?

1. Kapitel

Ashton Sellers.

Walker Ronson starrte auf den winzigen Zettel, den er aus der Bonbonschale im Büro gezogen hatte. Normalerweise stand diese Schale auf dem Schreibtisch ihrer Empfangsdame Kayla und enthielt Lutscher, um Kunden beim Betreten oder Verlassen des Büros zu verführen. Aber heute war die Schale voller kleiner, gefalteter Rechtecke, auf denen jeweils ein Name in Kaylas verschnörkelter Handschrift stand, und jeder in ihrer kleinen Werbeagentur sollte sich eines nehmen.

Walker wollte diese Wichtelaktion gar nicht mitmachen. Er fand es sinnlos, sich gegenseitig billige Geschenke zu kaufen und zu schenken. Das würde doch alles nur auf der Mülldeponie landen, oder? Aber Nicole, ihre Büroleiterin, hatte sich bei der Management-Sitzung von SRS Advertising im November lautstark dafür eingesetzt.

Sie bestand darauf, dass Wichteln, Dekorationen und ein weihnachtliches gemeinsames Mittagessen die Mitarbeiter glücklich und loyal machten. Walker vermutete, dass Nicole Weihnachten einfach nur sehr liebte. Er war kein Grinch, aber er hielt es für unfair, die Mitarbeiter zum Kauf von Geschenken zu zwingen. Sie hatte zumindest zugestimmt, dass dies freiwillig sein sollte.

Seine Geschäftspartner Casey und Ashton – ja, genau der Ashton – hatten sich ebenfalls bereiterklärt, beim Weihnachtswichteln mitzumachen. Nein, ›bereiterklärt‹ war eine viel zu zurückhaltende Formulierung für das, was Ashton getan hatte. Er hatte Nicoles Vorschlag mit unglaublicher Begeisterung unterstützt und war sogar aufgestanden, um einen ausgelassenen Snoopy-Tanz aufzuführen, um Walker zu ermutigen, ›lockerer zu werden‹ und ›ein bisschen mehr zu leben‹.

Seltsamerweise hatte dieser Tanz Walkers Blut in Wallung gebracht und seine Hände schweißnass gemacht. Selbst jetzt konnte er nicht verstehen, warum. Der Snoopy-Tanz war sicher nicht sexy, aber offenbar sah sein Körper das anders. Zu diesem Zeitpunkt war Walker bereit gewesen, alles zu tun, damit Ashton sich hinsetzte und aufhörte, so … so …

So zu sein!

Also hatte er nachgegeben.

Damals schien die Idee harmlos zu sein. Vor allem, wenn Nicole recht hatte und die Wichtelsache wirklich alle anderen im Büro glücklich machte. Wie schwer konnte es schon sein, ein Wichtelgeschenk für eine Büroassistentin zu besorgen? Er würde eine hübsche Kaffeetasse kaufen, eine rote Schleife drum binden und fertig, oder? Das hatte er zumindest gedacht, als Nicole und Ashton die Pläne für die Veranstaltung konkretisiert und ein Preislimit sowie eine Regel festgelegt hatten, die Geschenkkarten verbot.

Jetzt, als er auf den Zettel in seiner Hand blickte, verfluchte er seine fehlende Entschlossenheit.

Denn er, Walker Alan Ronson, war der unglückliche Bastard, der Ashton Mittlerer-Name-unbekannt Sellers gezogen hatte.

Keine Büroassistentin.

Und auch niemanden, für den man leicht Geschenke findet.

Eine hübsche Kaffeetasse kam nicht infrage, da Ashton nur eine Tasse Kaffee pro Tag trank, die er sich jeden Morgen direkt bei Starbucks holte und die noch dampfte, wenn er im Büro ankam. Danach trank er nur noch Wasser, unter dem Aspekt ›Flüssigkeitszufuhr und Schönheit‹. Walker hatte mit eigenen Ohren gehört, wie der Mann genau diese Worte zu Taylor, einer ihrer besten Texterinnen, sagte, als er ihr ernsthaft erklärte, warum er auf zusätzliches Koffein verzichtete. Flüssigkeitszufuhr und Schönheit.

Also ja, Ashton war die Art von Mann, mit der Walker sich überhaupt nicht identifizieren konnte: umwerfend auf eine fast unmenschliche Weise, mit leuchtend grünen Augen in der Farbe von Moos und dunklem, fast schwarzem, lockigem Haar, das in sein blasses Gesicht fiel, das Ashton immer mit einem Hauch (oder mehr) Make-up perfektionierte.

Außerdem war der Mann, nun ja, modisch.

Wo konnte ein 1,83 Meter großer Mann überhaupt weiche, geblümte Seidenhemden und cremefarbene enge Hosen gekauft? Oder all das hübsche Make-up? Ging Ashton zum Sephora-Stand im Einkaufszentrum, wie Walkers ältere Schwester es immer getan hat? Oder hatte er seinen Lidschatten woanders her? Walker wusste nichts darüber. Vielleicht gab es spezielle Make-up-Marken für Männer! Und wenn es die nicht gab, sollte es sie geben, denn damit könnte irgendein Arschloch ein Vermögen verdienen.

Kleine Notiz an mich selbst.

»Hast du dir da eine schwierige Aufgabe ausgesucht?«, fragte Kayla lachend und riss ihn damit aus seinen durch die Wichtelsache ausgelösten trübsinnigen Gedanken.

»Schwierig?«, wiederholte er.

Sie zeigte auf das Papier in seiner Hand.

»Oh.« Er atmete tief aus. »Ich schätze schon.«

Kayla schob sich ihre braunen, sanft gewellten Ponyhaare aus der Stirn und grinste ihn an. Sie hatte ein wunderschönes Lächeln. Das war einer der Gründe, warum sie sie als Rezeptionistin eingestellt hatten. Der andere Grund war, dass sie organisiert, enthusiastisch und verantwortungsbewusst war – und ihre hübsche, ausgefallene Kleidung war immer frisch, lustig und passte gut zu ihrem Büro.

Heute trug Kayla einen rosa Pullover mit silbernen Schneeflocken darauf, und ihr Rock war frühlingsgrün, als hätten Ostern und Weihnachten zusammen ein Baby bekommen. Walker fand, dass sie wie eine wunderschöne Puppe aussah; zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben und wenn sie keine Angestellte gewesen wäre, hätte er sich vielleicht für sie interessiert.

»Ist der Name, den du gezogen hast, ein Problem?«, fragte sie.

»Nein, schon gut«, murmelte Walker und rieb sich mit der Hand den verschwitzten Nacken. Warum musste er ausgerechnet Ashton beim Wichteln ziehen? Er kämpfte gegen den Drang an, an seinem marineblauen Golfhemd zu zupfen, um sich etwas kühle Luft unter den Kragen zu fächeln.

»Keine Rückgabe.« Kayla zwinkerte ihm zu und hielt die durchsichtige Schüssel mit allen anderen Namen außer Ashtons von ihm fern, als würde er seine Hand wieder hineinstecken und einen anderen Namen ziehen. Konnte sie seine verdammten Gedanken lesen?

Sie drehte sich auf ihren dünnen Absätzen um und grinste Joe Warner, den Artsmanager von SRS, verschmitzt an. Er war ein großer, dünner Mann, der gerade über die frischen Donuts auf dem Tisch im Pausenraum nachzudenken schien, als würde er gleich nachgeben und sie alle auf einmal in den Mund stopfen. Joe war ein echter Vielfraß. Walker überlegte kurz, sich einen mit Schokoladenglasur zu schnappen, für den Fall, dass Joe seinem Heißhunger nachgab und nichts für die anderen übrig ließ, die später hereinkommen würden.

Kayla stieß Joe leicht mit dem Ellbogen an und wies ihn an, ebenfalls einen Namen zu ziehen. »Kein Tauschen und keine Tricks«, warnte sie und schwenkte ihren langen, rosa Fingernagel zwischen ihnen beiden hin und her, als wären sie Komplizen bei einem Plan, beim Wichteln zu schummeln.

Joes hungriger Blick wandte sich von den Donuts ab und richtete sich stattdessen auf Kayla. Die beiden schliefen nun schon seit einem Monat miteinander, und Walker sollte davon nichts wissen. Eigentlich wünschte er sich, er wüsste es nicht. Er war sich ziemlich sicher, dass die Anwälte von SRS eine Liebesbeziehung zwischen Kollegen als äußerst problematisch ansehen würden, aber Joe hatte keinen Einfluss auf Kaylas Arbeit und umgekehrt, also hatte Walker beschlossen, wegzuschauen. Casey und Ashton ebenfalls.

Die Mikrowelle piepte. Walker holte sich seinen Banh-Mi-Frühstückswrap, während Joe genervt schnaubte.

»Lass mich noch einmal wählen«, bettelte er.

»Na, na, fair ist fair«, sagte Kayla und lachte leise über sein frustriertes Stöhnen. »Stimmt’s, Walker?«

Walker zuckte mit den Schultern und legte seinen Wrap auf einen Pappteller. »Wie du meinst, Kayla.« Er hatte eine ältere Schwester. Er wusste, dass es besser war, nicht zu diskutieren. Aber er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass es wenig fair war, als Wichtelpate für Ashton Sellers zugeteilt worden zu sein. Er hatte keine Ahnung, was so ein Mann sich wünschen könnte. Überhaupt keine.

Warum konnte nicht eines der Mädchen aus der Designabteilung stattdessen Ashton ziehen? Sie alle mochten Lipgloss, Nagellack und die Farbe Rosa. Sie hatten viel mehr mit Ashton gemeinsam als Walker.

Kayla zwinkerte Joe zu, bevor sie den Raum verließ, um weitere Wichtel-Verzweiflung zu verbreiten.

»Äh, Walker?«, fragte Joe.

Walker suchte in der Besteckschublade des Pausenraums nach einer sauberen Gabel. Er fand eine und antwortete: »Was gibt’s?«

Joe hielt seinen Zettel mit traurigem Gesichtsausdruck hoch. »Wen hast du bekommen?«

»Ich habe …«

»Kein Tausch!«, rief Kayla erneut von außerhalb der Tür des Pausenraums, wo sie nun Anna und Jamal, zwei kürzlich eingestellte Künstler, Namen aus der Schüssel ziehen ließ. »Auch keine Diskussionen darüber, wen ihr bekommen habt! Das Wichtige am Wichteln ist, dass es geheim ist, Joe. Verstanden?«

Joe warf einen besorgten Blick zur Tür. »Wen hast du bekommen?«, flüsterte er.

Walker warf ihm einen schmerzerfüllten Blick zu.

»So schlimm?«

»Ja.«

»Ich habe …« Er nickte in Richtung Kaylas fröhlicher Stimme, die mit Jamal über ihre Erfahrungen mit dem Wichteln in den vergangenen Jahren plauderte. Zumindest schien Nicole recht zu haben, und die meisten Mitarbeiter hatten Spaß an diesem Spiel. »Kayla«, formte Joe mit den Lippen. »Und wenn mein Geschenk nicht perfekt ist, wird sie meine Eier zum Frühstück verspeisen.«

Hoffnung erfüllte Walkers Herz. »Willst du tauschen?« Er hielt Joe seinen Zettel mit Ashtons Namen hin.

Joes Augen weiteten sich und dann lachte er. »Oh. Ich verstehe. Ähm, nein, auf keinen Fall. Viel Glück, Mann.« Er klopfte Walker auf den Arm und schob sich an ihm vorbei. »Ich glaube, ich behalte einfach den, den ich habe.«

Seufzend trat Walker mit seinem Wrap und einem Löffel in den Flur. Er zog es vor, in der Privatsphäre und Ruhe seines Büros zu essen.

»Ashton!«, rief Kayla.

Als Walker Ashtons Namen hörte, erstarrte er. Als er aufblickte, stockte ihm fast der Atem. Ashton trug eine enge schwarze Hose, die seinen Hintern und seinen Schritt betonte, sowie eine weich fallende goldene Hemdbluse unter einer schwarzen Jacke im Militärstil, die mit goldenen und roten Verzierungen versehen war.

Er trug wie jeden Morgen einen Starbucks-Becher und sah im winterlichen Licht, das durch die großen Fenster fiel, umwerfend aus. Absolut atemberaubend. Mit seiner blassen Haut, seinem dunklen Haar und all dem Schwarz, Gold und Rot, das so einen perfekten Kontrast darstellte. Er sah aus wie ein Model. Oder ein berühmter Schauspieler. Er sah unwirklich aus. Es war zum Verrücktwerden.

Walker wünschte sich, sie hätten eine Kleiderordnung eingeführt, als er, Casey, Ashton und Nicole sich mit ihrem Wirtschaftsanwalt getroffen hatten, um alle anderen Richtlinien für das Büro auszuarbeiten. Damals hatte er Ashton kaum gekannt und nicht geahnt, dass sie Ashtons gesamte Garderobe hätten verbieten müssen, da sie Walker fast jeden Tag in einen benommenen und verwirrten Zustand versetzte. Verdammt noch mal! Wie der Mann sich kleidete, wie er mit diesem hauchfeinen Lispeln sprach, wie er seine Hände hielt und seine Hüften bewegte … nichts davon sollte Walker etwas angehen. Warum konnte er nicht aufhören, darauf zu achten?

»Komm her! Du musst einen Zettel für das Wichteln ziehen!«, rief Kayla.

Ashton stieß einen leisen Freudenschrei aus und eilte herbei, um seine freie Hand in Kaylas ausgestreckte Schüssel zu stecken. Walker blieb nur so lange, bis er miterlebt hatte, wie Ashton die verbleibenden vier Zettel theatralisch umherwirbelte, bevor er einen davon auswählte. Ohne abzuwarten, wie Ashton auf den Namen reagieren würde, den er gezogen hatte, stapfte Walker davon, seine Haut kribbelte vor unbegründeter Gereiztheit.

Als er sich sicher in seinem leicht unaufgeräumten Büro befand, schloss Walker die Tür und stellte sein Frühstück auf den Schreibtisch. Er setzte sich in seinen ergonomischen Stuhl, faltete das Blatt Papier mit Ashtons Namen zu einem winzigen Quadrat und steckte es in seine Schreibtischschublade. Er konnte sich nicht dazu durchringen, es wegzuwerfen. Das kam ihm irgendwie unhöflich vor. Ashton mochte Walker verwirren und aufregen, aber er verdiente es dennoch, besser behandelt zu werden als im Mülleimer zu landen.

In der Hoffnung, dass der scharfe Banh Mi-Wrap ihn ablenken würde, nahm Walker einen Bissen. Leider ließ seine Anspannung nicht nach, aber zumindest schwitzte er jetzt wegen der Schärfe und nicht wegen der unerwünschten Gefühle, die Ashton Sellers in ihm auslöste.

Warum hatte er solche Gefühle?

Es war nicht so, dass er sich zu Ashton hingezogen fühlte. Walker könnte niemals einen Mann wie ihn wollen – so feminin und schillernd, so atemberaubend schön. Nein. Walker mochte Frauen, die stereotypisch feminin waren, und Männer, die, nun ja, stereotypisch maskulin waren. Muskulös. Behaart an den richtigen Stellen. Unter der Woche Hemden, am Wochenende Polohemden und Golfshorts. Biertrinker. Golfer.

Genau. Golfer.

Walker verzog das Gesicht. Sein letzter Freund war ein Golfprofi gewesen, immer unterwegs. Sebastian hatte den größten Teil ihrer kurzen Beziehung auf Golftour verbracht. Er war nie da gewesen, wenn Walker ihn wollte, geschweige denn, wenn er ihn brauchte. Im Bett war er nur mittelmäßig gewesen. Aber er hatte die meisten Kriterien erfüllt, die Walker an einen interessanten Mann stellte, und sie hatten eine gute Zeit gehabt. Bis es vorbei war. So war es immer mit den Männern, mit denen Walker sich verabredete.

Nicht viel Arbeit, aber auch nicht viel Belohnung.

Der Punkt war, dass Walker auf einen bestimmten Typ stand, und Ashton Sellers passte nicht dazu. Warum also machte ihn alles an Ashton nervös? Er weckte unangenehme Erinnerungen an die Highschool und Walkers erstes, brennendes Bewusstsein dafür, wie sehr er Justin Greggs verschwitzten Körper in seiner knappen Trainingskleidung mochte. Er war verzweifelt, als er erkannte, dass er ihn sogar noch mehr mochte als Layla Bautistas glatte, hübsche Beine, die sich endlos aus ihrem Cheerleader-Outfit reckten.

Das waren verwirrende, unangenehme Jahre voller überraschender Erektionen und Ängste gewesen. Kurz vor seinem Abschluss hatte er sich und seiner Familie endlich eingestanden, dass er bisexuell war. Das verlief so, wie zu erwarten war: Seine Mutter und seine Schwester hatten kein Problem damit, aber sein Vater hatte sich lange Zeit an seiner Queerness gestört. Schließlich akzeptierte sein Vater Walker und sagte zu ihm: »Wenigstens magst du keine Schwuchteln, mein Sohn. Wenn du schon einen Mann ficken musst, dann wenigstens einen richtigen.«

Walker wusste logischerweise, dass das völlig bescheuert war. Ashton und Männer wie er waren genauso ›echte Männer‹ wie die Typen, die sein Vater gutheißen würde, doch diese Worte blieben in Walkers Hinterkopf hängen. Selbst wenn er Ashton attraktiv fände (was er nicht tat), wie würde es auf seinen Vater wirken, wenn er mit ihm – oder jemandem wie ihm – zusammen wäre? Nicht, dass es Walker interessierte, was sein Vater von den Männern hielt, mit denen er sich traf.

Und nicht, dass Ashton jemals mit Walker zusammen sein wollte. Er war so umwerfend. Die Männer standen bestimmt Schlange, um ihr Glück bei ihm zu versuchen.

Wow. Was dachte er da überhaupt? Seine Gedanken waren heute völlig außer Kontrolle.

Entschlossen, sich von all diesen seltsamen Gedanken zu befreien, sah Walker sich seinen Terminkalender für den kommenden Monat an.

Die nächsten Wochen würden verdammt hektisch werden, mit der Weihnachtsfeier im Büro, Weihnachten selbst und dann noch der Hochzeit seiner Schwester am folgenden Wochenende. Und dann wäre da noch Silvester, das es zu überstehen galt.

Vielleicht würde er dieses Jahr zu Hause bleiben und sich den Ball Drop am Times Square im Fernsehen ansehen, sicher und gemütlich in seinem Wohnzimmer. Seine ehemaligen Golfkumpels würden ihn nicht besonders vermissen. Sie würden alle mit ihren Frauen zur Country-Club-Party kommen. Wenn er sich ihnen anschließen würde, würden seine Freunde nur versuchen, ihn mit der besten Freundin der Cousine ihrer Schwester oder dem Bruder der Friseurin ihrer Kollegin zu verkuppeln. Andere würden versuchen, ihn zu einer Partie Karten oder zu einer Runde Golf zu bewegen …

Yep. Es wäre besser, einen ruhigen Abend zu Hause zu verbringen. In vielerlei Hinsicht weniger herausfordernd.

Walker warf einen Blick auf die Liste der bevorstehenden Hochzeitsaktivitäten. Warum Evelyn beschlossen hatte, im Dezember zu heiraten, wusste er nicht. Aber zumindest war der Großteil seiner Arbeit für die Kunden von SRS für diese Saison abgeschlossen. Sie waren bereits dabei, Valentinstagsaktionen und Marketingpläne für den Frühling zu entwerfen, aber er hatte noch ein paar Wochen Zeit zum Durchatmen, bevor die Arbeit wieder voll in Gang kommen würde.

Oder zumindest hätte er das haben sollen. Wenn da nicht die Hochzeit seiner Schwester, die Weihnachtsfeier im Büro und all das andere gewesen wäre. Oh, und er durfte auch den verdammten Wichtelkram nicht vergessen.

Verdammt.

***

Manchmal hasste Ashton es, erwachsen zu sein.

Zum einen brachte das eine Menge Verantwortung mit sich. Wie Rechnungen bezahlen, putzen und einkaufen gehen. Und absolut ehrliche Mitarbeiter zu haben, die für ihn arbeiteten, weil er aus irgendeinem Grund der dritte Partner in einer aufstrebenden Werbeagentur war. Und vor diesen Mitarbeitern so tun zu müssen, als würde er sich auf das Wichteln freuen, obwohl er den Namen des Mannes gezogen hatte, den er am wenigsten haben wollte. Der einzige Mann, der in jeder Hinsicht unempfänglich für Ashtons Charme war.

Ashton lehnte sich gegen die geschlossene Tür seines Büros und dachte nach.

Was sollte er Walker Ronson für weniger als 25 Dollar kaufen?

Stirnrunzeln war kostenlos, oder? Ashton konnte Walker ohne jede Anstrengung eines ins Gesicht zaubern. Er musste nur zur Arbeit erscheinen, damit Walkers Gesicht sich kläglich verzerrte, bevor er sich in sein Büro verkroch. Geschenk erledigt. Gern geschehen.

Ja. Er musste es einfach hinnehmen. Sich wie ein Erwachsener verhalten. Was nervig war. Kinder wussten einfach nicht, wie gut sie es hatten. Die Kindheit war ein Zuckerschlecken. Ashton schnaubte. Hashtag nicht-alle-Kinder. Hashtag nicht-seine-Kindheit.

Eine Erinnerung kam ihm unaufgefordert in den Sinn: Cassie – die nette, mollige Sozialarbeiterin mit den ernsten Augen, die ruhig neben ihm gestanden hatte, als er schluchzend all seine wenigen Habseligkeiten in einen großen schwarzen Plastikmüllsack gepackt hatte. Sie hatte ihn beruhigend getröstet, als er in ihren glänzenden Kleinwagen gestiegen war, bevor sie ihn zu McDonalds mitgenommen hatte, um etwas zu essen. Sobald er die letzte Pommes Frites aufgegessen hatte, fuhr sie ihn zum Haus seiner Großmutter in South Knoxville, wo er fortan leben sollte.

Ein weiterer Verrat. Obwohl Cassie das natürlich nicht wusste.

»Du bist nicht mehr Ashton Sellers. Du bist Ashton Hudson.«

Ashton nahm das Namensschild am Ende seines Schreibtisches in die Hand. Er war Ashton Sellers. Er trug den Nachnamen, den seine Mutter in seine Geburtsurkunde eingetragen hatte, den Namen seines Vaters. Er hasste es, dass ihm dieser Teil seiner Identität geraubt und durch eine Lüge ersetzt worden war. Das hätte ihn fast gebrochen. Aber sobald er achtzehn geworden war, hatte er diese Situation korrigiert.

Den Stift aufs Papier. Das Geld in der Tasche. So war das.

Er war Ashton Sellers. Er war in Sicherheit und er war erwachsen.

Seine Hand zitterte, als er an seinem Kaffee nippte. Vielleicht war Koffein jetzt keine gute Idee, aber etwas zu schmecken war der letzte Schritt, um sich aus den frühen Stadien einer Panikattacke zu befreien. Als der bittersüße, nussige Geschmack über seine Zunge strömte, fühlte er sich wieder ganz präsent.

Ja, okay. Wenn man bedachte, was er aus seiner eigenen Kindheit in Erinnerung hatte? Schon gut. Kinder hatten es schwer. Er wollte diese Erfahrung niemals wiederholen. Im Vergleich dazu liebte, liebte, liebte Ashton es, ein Erwachsener zu sein. Selbst wenn es schwer war. Selbst wenn es einfach nur schrecklich war. Als Erwachsener schimpfte niemand mit ihm, weil er lächelte, lispelte, lachte oder einfach er selbst war.

Ja, gut. In dieser Hinsicht war es ziemlich toll, ein Erwachsener zu sein.

Doch jetzt war das einzige Mal, dass er sich eingestehen musste, wie beschissen es sein konnte, erwachsen zu sein. Denn auch Erwachsene bekamen nicht immer, was sie wollten. Und was Ashton gerade wollte, war, Walker Ronsons Namen nie für das Wichteln gezogen zu haben. Da das aber offensichtlich unmöglich war, wollte er Walker Ronson dazu bringen, ihn anzulächeln. Aufrichtig. Nur einmal.

Bah.

Das war nicht fair. Walker würde garantiert alles hassen, was Ashton ihm besorgte. Hätte er den Namen eines der Mädchen aus der Designabteilung gezogen, hätte er ihnen eine Make-up-Palette von Urban Decay gekauft, das Budget etwas überschritten und wäre mit Freudenschreien begrüßt worden. Jetzt würde er böse Blicke ernten, egal was er kaufte.

Vielleicht ein Golfhemd? Eine Polomarke? In einer langweiligen Farbe? Wie Marineblau?

Normalerweise liebte Ashton das Wichteln. Als Kind durfte er nie Weihnachtsmann spielen – weil der Weihnachtsmann nicht Jesus war und Geschenke etwas Dämonisches waren, oder was auch immer. Er hatte nicht besonders darauf geachtet, denn selbst als misshandeltes und vernachlässigtes Kind war er entschlossen, sich von seiner Großmutter nicht seine ganze Freude nehmen zu lassen. Umso schmerzhafter war es für ihn, zu wissen, dass er seinen Wichtelpartner dieses Jahr nicht zufriedenstellen würde. Schließlich lag die Hälfte des Spaßes im Schenken.

Wenigstens würde er noch ein Geschenk von jemandem bekommen. Und vielleicht wäre es sogar ein gutes!

Ashton schloss die Augen, drückte fest die Daumen und wünschte sich (er betete nicht mehr), dass Ruby, Caseys Assistentin, seinen Namen gezogen hatte, weil sie wusste, dass er sich sehnlichst einen neuen Fenty-Lipgloss wünschte. Eine einzelne Flasche lag knapp unter dem maximalen Budget, also könnte es klappen. Und Ruby war ein guter Mensch. Auf sie konnte er sich verlassen.

Ashton unterdrückte seine Ängste und Wünsche, ging hinüber, um die Jalousien in seinem Büro hochzuziehen, damit das milde Winterlicht auf den glatten Holzboden seines eher leeren Raumes fallen konnte. Er blickte hinaus auf die Gay Street, auf der Autos und einige Fußgänger unterwegs waren, und atmete tief durch.

Es war zwei Wochen vor Weihnachten. Er würde am Freitag nach der Arbeit einen Baum kaufen, um ihn zu schmücken, und sich nach Erhalt seines nächsten Gehalts ein paar glänzende, neue Christbaumkugeln gönnen. Und heute würde er während der Arbeit Weihnachtsmusik hören! Ja! Der Klang von Glöckchen und engelsgleichen Stimmen war genau das, was er brauchte, um seine Stimmung zu heben.

Was machte es schon, dass er beim Wichteln einen Reinfall gezogen hatte? Was machte es schon, dass er wieder für eine Weile in dunkle Erinnerungen gestürzt war? Es würde schon gut gehen. Es ging ihm immer gut. Ashton war wild entschlossen: Es würde trotzdem ein guter Tag werden.

Er setzte sich wieder in den schicken Rollsessel, den er sich gekauft hatte, kurz bevor seine nicht unerheblichen Ersparnisse vollständig aufgebraucht waren, und schob sich an den Schreibtisch heran, den er aus einem kleinen Tisch improvisiert hatte. Er hatte ihn neben einem Müllcontainer hinter einem Wohnhaus in der Nähe der Altstadt gefunden. Er war zwar etwas ramponiert, hatte aber einen entscheidenden Vorteil gegenüber jedem anderen Schreibtisch: Er war kostenlos!

Als sie SRS gegründet hatten, war das Geld knapp gewesen, also hatten Ashton, Casey und Walker vereinbart, dass jeder seine eigenen Büromöbel kaufte. Auf diese Weise konnten sie die Unternehmensmittel für die Gehälter der Mitarbeiter und dafür verwenden, die Gemeinschaftsräume, die ihre Kunden zu sehen bekamen, so schön wie möglich zu gestalten. Niemand Wichtiges kam in Ashtons Privatbüro. Er traf sich mit Kunden im Konferenzraum von SRS oder in deren Geschäftsräumen. Wen sollte er also mit einem großen, schicken Schreibtisch beeindrucken? Seinen Assistenten? Er gab Damien einen Gehaltsscheck. Ashton war der Meinung, dass das für Damien beeindruckend genug sein sollte.

Außerdem gab es noch einen Bonus: Den Schreibtisch konnte er auf die richtige Höhe für seinen Stuhl einstellen, sodass seine Knie nicht mehr anstießen, was ihm immer Probleme bereitet hatte. Verdammt, vielleicht würde er ihn nie wieder austauschen.

Ashton startete seinen Computer, öffnete Spotify und wählte einige weihnachtliche Lieder aus. Ein bisschen Mariah, ein bisschen Jackson 5, ein bisschen Nat King Cole und viel Ella. Perfekt! Seine Stimmung stieg mit der angenehmen Wärme der Weihnachtsstimmung, als er auf sein E-Mail-Symbol klickte.

»Mist.«

Da waren zwei Nachrichten hintereinander, auf die er wirklich gut hätte verzichten können.

Justins Abrechnung bei Oaks Rehab ist überfällig.

Und:

Wenn du seine Sünden bereust, bist du zu Weihnachten wieder zu Hause willkommen.

Ashton lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schüttelte seine kribbelnden Fingerspitzen aus. Weihnachtsgrüße von seiner Familie. Toll. Cool. Liebe ich.

Nachdem er die Augen geschlossen und fünf Mal langsam ein- und ausgeatmet hatte, drehte Ashton seinen Stuhl zu einem kleinen Aktenschrank hinter seinem Schreibtisch. Aus der fast leeren obersten Schublade holte er einen gravierten Taschenspiegel und seinen zweitliebsten Lippenstift (Zip von Glossier) hervor und trug ihn sorgfältig auf. Es war in Ordnung. Es ging ihm gut. Es gab keinen Grund zur Sorge. Er war in Sicherheit. Er war erwachsen. Alles war in Ordnung.

Beruhigt schloss er den Lippenstift und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Er betrachtete sein Spiegelbild. Schön wie immer – auch wenn ihm das über die Jahre wenig genützt hatte. Er wischte ein wenig Rosa von seinen Vorderzähnen und übte ein Lächeln. Ella sang aus seinen Computerlautsprechern. Festlich, festlich, festlich. Er kniff die Augen zusammen, damit das Lächeln echter wirkte.

So. Zurück zum Glücklichsein.

Gerade als er den Spiegel und den Lippenstift in die Schublade des Aktenschranks zurücklegte, piepte sein Handy mit einer eingehenden Nachricht. Ein Blick auf die SMS seines Hausmeisters genügte, um seine gerade erst aufgebaute und viel zu fragile Blase der Zuversicht zum Platzen zu bringen. Er griff nach einem Taschentuch aus der Kleenex-Box am Rand seines Schreibtisches und wischte wütend den frisch aufgetragenen Lippenstift ab.

»Fuck.«

Schnell kniff Ashton die Augen zusammen und kämpfte gegen den Drang an, um Vergebung zu bitten. Er war erwachsen. Er durfte fluchen, wenn er wollte. Nur wollte er das normalerweise nicht. Aber erst die E-Mails von seiner Familie und jetzt das? Bettwanzen und Schädlingsbekämpfung? Jetzt? Zu Weihnachten?

»Fuck, Fuck, Fuck.«

Ashton raufte sich die Haare. Warum hatte er keinen Sugar Daddy? Hatte er nicht einen verdient? Nach allem, was er in seinem Leben durchgemacht hatte? Warum gab es keinen Mann, der ihn bezaubernd fand? Der fand, dass sein Lächeln wie Sonnenlicht war, das auf dem Wasser schimmerte? Der ihn in seine Arme nehmen und für immer vor all diesem Unsinn beschützen wollte? Einen Mann – einen einzigen, einsamen Mann –, der ihn für wertvoll hielt?

Ach, das war unfair. Alles, was er sich für diesen Morgen gewünscht hatte, war, Mariah Careys ›All I Want for Christmas Is You‹ und Ellas ›Jingle Bells‹ zu hören und die Weihnachtsstimmung in seiner Seele zu spüren. Alles, was er sich gewünscht hatte, war die Freude, ein tolles Wichtelgeschenk für einen glücklichen, lächelnden Empfänger zu planen. Alles, was er sich gewünscht hatte, war, seine Kindheit für immer zu vergessen! Das war alles, was er sich für diesen ganzen verdammten Tag gewünscht hatte, aber nein! NEIN!

Verzweifelt auf der Suche nach Ablenkung – egal ob gut oder schlecht, das war ihm egal – öffnete Ashton Facebook, und eine fast schon schwindelerregende Verbitterung stieg in ihm auf.

Schau dir all diese glücklichen Menschen an, die ihr glückliches Leben zur Schau stellen. Häuser, die für Weihnachten geschmückt sind. Spielzeugelfen, die niedliche Kinder vor Freude zum Kreischen bringen sollen. Toll, gut, ich liebe es, knurrte er innerlich.

Ashton scrollte durch seine Timeline und starrte auf all die lächelnden Familien seiner Freunde, Kollegen und Kunden. Schlaksige Teenager, die Auszeichnungen in den Händen hielten oder bei Weihnachtskonzerten mit ihren Dutzenden pickeligen, aber hübschen Altersgenossen sangen. Alternde Mütter, die müde, aber stolz aussahen, und Väter, die wirkten, als wüssten sie, was es heißt, ein erwachsener Mann zu sein.

Als hätten sie nie an ihren Entscheidungen gezweifelt oder sich gefragt, wohin ihr Leben sie führen würde, oder sich einsam und verloren gefühlt. Oder schreckliche E-Mails von ihrer Familie erhalten. Oder Bettwanzen in ihrem Wohnhaus gehabt.

Ashton öffnete sein eigenes Profil.

Keine glücklichen Kinder. Kein Ehemann. Nur eine Menge sorgfältig inszenierter Fotos, auf denen er fantastisch aussah: Yoga-Posen an Wasserfällen, ein breites Grinsen beim Orange & White-Spiel mit einem Kunden im letzten Sommer und mehrere Fotos von ihm, Casey und Walker in Anzügen, die sich die Hände schüttelten und stolz vor den Türen ihres Büros posierten.

Ashton Sellers war eine Marke, die jeder wiedererkannte.

Alles war echt, aber nichts davon wirklich real. Die einzigen Bilder, die älter als drei Jahre waren, waren eine Handvoll, auf denen er von alten Freunden getaggt worden war. Normalerweise entfernte er diese Tags so schnell wie möglich, entsetzt über die Erinnerungen, die sie wachriefen. Dieses schöne, aber unglückliche Kind war seine Vergangenheit. Nicht seine Gegenwart. Niemals seine Zukunft.

Ashton schnalzte mit der Zunge und dachte nach. Es war schon eine Weile her, dass er etwas wirklich Bemerkenswertes auf Facebook gepostet hatte. In letzter Zeit konzentrierte er seine kreative Energie so sehr auf seine Kunden, dass er kaum noch Zeit hatte, sich um sich selbst zu kümmern. Seine Facebook-Statusmeldungen hatten sich zu Geschäftsankündigungen und Wetterbeobachtungen entwickelt. Langweiliges Zeug.

Was hat er seinen Kunden immer gesagt? Klicks, Likes und Interaktion generieren – das ist der Schlüssel zum Erfolg! Schaffen Sie positive Gefühle, indem Sie unterhaltsam und frisch sind, posten Sie Dinge, die vielleicht sogar riskant oder gefährlich erscheinen. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kunden sich später an Sie erinnern! Das ist schon mehr als die halbe Miete. Sie werden Sie mit diesem Gefühl der erfrischenden Überraschung in Verbindung bringen und sich immer wieder danach sehnen. Sie werden Sie bitten, dieses Gefühl in ihr Unternehmen oder Produkt zu bringen. Denn sie werden es nicht als das erkennen, was es ist: Marketing.

Was hatte RuPaul gesagt? Wir werden alle nackt geboren und der Rest ist Verkleidung? Selbst Facebook-Posts waren Verkleidung.

Ashton räusperte sich, blickte aus dem Fenster auf den grauen, bewölkten Himmel über der Gay Street und holte den extravagantesten, brillantesten Teil seiner Persönlichkeit hervor. Er schob alle verbleibenden dunklen Gedanken beiseite und konzentrierte sich darauf, wie es sich anfühlte, zu lächeln, zu lachen und wie er das anderen schenken konnte, selbst wenn es ihn etwas kostete.

Er wusste nicht, was er gegen die Bettwanzen unternehmen, oder was er mit Justins Rechnung bei Oaks Rehab machen sollte, oder ob er jemals darüber hinwegkommen würde, dass seine Großmutter eine abscheuliche, übergriffige Bitch war. Aber er wusste, wie er seinen Tag fortsetzen konnte. Und dafür brauchte er nicht einmal Weihnachtszauber. Er brauchte nur sich selbst. Nur sich selbst.

Er spielte Mariah ab und hörte sich den ganzen Song zweimal an. »Yes, yes, okay, then … all I want for Christmas is youuuuu. Let’s do this.« Ashton knackte mit den Fingern und schrieb einen perfekten Beitrag.

Als er auf ›Enter‹ drückte, grinste er.

2. Kapitel

»Entschuldige die Störung«, sagte Nicole und steckte mit einem kleinen Lächeln ihren Kopf in Walkers Büro. »Aber, äh, hast du Ashtons Facebook-Post gesehen?«

»Nein?« Walker hatte natürlich einen Facebook-Account. Er war für geschäftliche Zwecke notwendig, aber er nutzte ihn selten. Er bevorzugte persönliche Kontakte. Früher hatte er dafür den Golfplatz und den Country Club genutzt. Im letzten Jahr … Nun, er hatte das Glück gehabt, ausschließlich über Empfehlungen arbeiten zu können. Es war ein großartiges Gefühl zu wissen, dass seine Kunden ihn so hilfreich fanden, dass sie ihre Freunde und Kunden zu ihm schickten. Deshalb hatte er den Bereich Social Media immer Casey und Ashton überlassen. Beide waren auf ganz unterschiedliche Weise gut darin. »Warum? Was hat er gepostet?«

»Es ist einfach … typisch Ashton, weißt du«, sagte Nicole mit einem wohlwollenden Grinsen, als sie eintrat und die Tür hinter sich schloss. Sie trug ein schwarzes Etuikleid und bequeme Pumps, strich sich ihr fast schwarzes Haar hinter die Ohren und verschränkte dann ihre nackten Arme vor der Brust. Sie lehnte sich mit nachdenklichem Gesichtsausdruck gegen die geschlossene Tür. »Aber vielleicht ist es diesmal ein bisschen zu weit gegangen?«

»Ashton? Zu weit gegangen? Wer hätte das gedacht?« Walker grinste. Er hatte Casey vor der Gründung von SRS gesagt, dass Ashton ebenso ein Risiko wie ein Gewinn für ihre Firma sei, aber Casey hatte ihn nur mit einem durchdringenden Blick bedacht, der deutlich machte, dass er nur zu gut wusste, was Walker an Ashton störte – und Walker hatte beschlossen, nichts weiter zu sagen, was ihn zusätzlich belasten könnte.

Außerdem brauchten sie das Geld, nachdem Walkers Vater sich in einem Wutanfall geweigert hatte, ihr Unternehmen zu unterstützen, weil Walker seine Firma verlassen hatte – und Ashton hatte Geld. Die Betonung lag auf ›hatte‹, denn Ashton hatte jetzt offensichtlich kein Geld mehr. Er schien seine gesamten Ersparnisse für den Einstieg in ihre junge Firma ausgegeben zu haben. Eigentlich hätte Walker verlangen müssen, die Finanzberichte aller seiner Partner einzusehen, aber dann hätte er seine eigenen offenlegen müssen. Er war sich nicht sicher, ob er wollte, dass Ashton oder irgendjemand anderes erfuhr, über wie wenig er tatsächlich verfügte. Vor allem angesichts dessen, wie viel er eigentlich hätte haben müssen.

Erstaunlich, was ein paar Monate leichtsinniges Glücksspiel mit dem Vermögen eines Mannes anrichten können.

»Hier, schau mal«, sagte Nicole und reichte Walker ihr Handy. »Ich verstehe, dass Ashton ein Scherzkeks ist, und ich verstehe, dass er offen zu seiner Sexualität steht. Das ist in Ordnung. Das ist es, worum es uns allen geht. Erfrischende Ehrlichkeit und so weiter. Aber manche Dinge wirken sich auf unser Unternehmen aus, und bei diesem Beitrag bin ich mir nicht sicher. Das könnte einige Kunden verärgern, findest du nicht?«

Walker beschloss, sich einen Kommentar zu verkneifen, bis er es selbst gelesen hatte. Er überflog es einmal und las es dann, seine Ungläubigkeit wegblinzelnd, genauer. Warum er überrascht war, wusste er selbst nicht. Alles an diesem langatmigen Beitrag war zu hundert Prozent typisch Ashton.

Ho ho! Frohe Weihnachten! Hier ist Ashton!

Wie ihr wisst, habe ich vor drei Jahren meine homophobe Familie in die Luft gejagt, indem ich einen muskulösen, oberkörperfreien Grindr-Flirt als mein Date zur Familienweihnachtsfeier mitgebracht habe. Es war noch nie so einfach, enterbt zu werden! Eine 1+ Erfahrung! Sehr zu empfehlen!

Um noch mehr Weihnachtsfreude zu verbreiten, mache ich dieses Jahr ein großzügiges Angebot. Für den geringen Preis einer Unterkunft für drei Tage, während mein gesamtes Wohnhaus ausgeräuchert wird, helfe ich dir dabei, dein Weihnachtsfamilientreffen in ein Chaos epischen Ausmaßes zu verwandeln! Wenn du homophobe Eltern, nervige Tanten, hässliche Onkel und aggressiv unsensible Cousins hast, kannst auch du die Freude erleben, deren Feiertage zu ruinieren!

Engagiere mich als deinen Fake Boyfriend, und deine neugierige Tante Karen wird dich nicht mehr fragen, wann du heiratest oder ob du deiner Mutter jemals Enkelkinder schenken wirst. Sie wird zu sehr damit beschäftigt sein, sich zu fragen, warum du mit einem schwulen Mann zusammen bist (wenn du eine Frau bist) oder wann du plötzlich queer geworden bist (wenn du ein Mann bist). Du wirst monatelang das Gesprächsthema der Familie sein!

Mit zwei Jahren Theaterunterricht an der Universität kann ich so tun, als würde ich jeden lieben. Das stimmt! Sogar dich. Und ich kann es so spielen, dass deine Familie höchstwahrscheinlich implodiert/ explodiert/ zerbricht. Ich kann ernst und engagiert oder lässig und nuttig sein. Ich habe zwei Modi: männlich und hyper-maskulin oder die glorreiche Femme-Queen, bedeckt mit Glitzer. Okay, das war eine Lüge. Ich habe nur den Femme-Queen-Modus. Nenn mich einfach Mr. Jingle Bells! Und für den richtigen Preis (ich brauche ehrlich gesagt nur eine Unterkunft für drei Nächte! Ich schwöre!) stehe ich dir gerne zur Verfügung!

PN für weitere Informationen!

(Nein, aber im Ernst, Hilfe! Die Hotels in der Nähe meines Büros sind VIEL ZU TEUER! Wer hat gesagt, dass Knoxville so schick werden darf? Welches Marketing-Genie hat diese Orte als super-nobel gebranded? Oh, das war ich. Wie auch immer, bitte. Drei Nächte. Rette meinen Geldbeutel.)

Unter dem Beitrag schien niemand sein Angebot ernst zu nehmen, was wahrscheinlich auch die Absicht war. Ashton war der König dessen, was, da war sich Walker ziemlich sicher, die Kids ›Shitposting‹ nannten. Ein Post, der darin zu bestehen schien, auf möglichst absurde und komische Weise irgendeine nutzlose Sache zu erörtern. Er war sich nicht sicher, ob das die Definition war, aber er war sich sicher, dass dies ein Shitpost war.

Ashtons Freunde tauschten in den Kommentaren Sticheleien aus, wobei die meisten von ihnen ihr Bedauern darüber zum Ausdruck brachten, dass sie ihm aus verschiedenen Gründen keine Unterkunft anbieten konnten.

»Das klingt ja so, als hätte er kein Geld«, sagte Nicole, lehnte sich mit der Hüfte an Walkers Schreibtisch und runzelte die Stirn. »Das wirft kein gutes Licht auf den Erfolg und die potenzielle Langlebigkeit unseres Unternehmens. Zumindest in den Augen unserer Kunden. Oder denke ich zu viel darüber nach?«

Walker las den Beitrag noch einmal und ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen. Aus geschäftlicher Sicht war es nicht wirklich lustig. Aber aus persönlicher Sicht war es urkomisch. Nur Ashton würde auf die Idee kommen, so etwas zu posten, anstatt seine Freunde einfach nach einer Unterkunft zu fragen. Sein Beitrag hatte bereits über sechzig Reaktionen und zwanzig Antworten.

Das war genau die Art von Absurdität, die, laut Casey, Ashton so besonders machte – das unerwartete Verhalten, das die Aufmerksamkeit auf ihre Firma lenken würde. Aber war das wirklich die Aufmerksamkeit, die sie wollten? Die Antworten wurden von Sekunde zu Sekunde absurder. Jemand hatte gerade gefragt, ob Ashton in seinem Fake-Boyfriend-Paket einen Aufpreis für platonische Blowjobs berechnete.

»Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast«, sagte Walker und stand von seinem Schreibtisch auf. »Ich kümmere mich darum, Nicole.«

Sie nahm ihr Handy zurück. »Ich will keinen Ärger machen. Ich will nur das Beste für unsere Firma.«

»Das weiß ich.« Walker deutete auf die Tür zu seinem kleinen Büro, und als Nicole gegangen war, schrieb er Casey eine Textnachricht.

Hast du Zeit? Ich muss mit dir reden. Jetzt.

Einen Moment später erschien Casey in der Tür, bekleidet mit Jeans und einem Hemd, auf dem kleine Enten aufgedruckt waren. Als Walker ihn zum ersten Mal getroffen hatte, hatte er nur einfarbige Hemden und Khakis getragen. Er war sich nicht sicher, wer Casey zu dieser Stiländerung inspiriert hatte, aber irgendwie bezweifelte er, dass es sein Ehemann Joel war, denn der trug T-Shirts, Jeans und Flanellhemden, als wäre er gerade aus den faulen Neunzigern entflohen. Vielleicht war es Ashton gewesen.

»Was gibt’s?«, fragte Casey und schloss die Tür hinter sich. Er setzte sich in den Ledersessel gegenüber von Walkers Schreibtisch, beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und sah ihn besorgt an. »Alles in Ordnung?«

»Hast du Ashtons letzten Facebook-Post gesehen?«

Casey verzog die Lippen. «Nein.«

Casey zog sein Handy aus der Tasche und tippte auf den Bildschirm. Als Walker sah, wie sich seine Schultern vor unterdrücktem Lachen zu bewegen begannen, wusste er, dass Casey den Beitrag gefunden hatte. »Heilige Scheiße, er ist so eine Göre.«

»Ich weiß, dass er jung ist …«

»So jung auch wieder nicht.«

»Stimmt, aber das war eine meiner Bedenken, als wir ihn als Partner aufgenommen haben. Du siehst doch auch, dass das problematisch ist, oder?«

Casey zuckte mit den Schultern und starrte mit distanziertem Blick auf die Wand direkt über Walkers Kopf. Walker kannte diesen Ausdruck. Er bedeutete, dass Casey mögliche Szenarien in seinem Kopf durchspielte und jedes einzelne abwog. »Es ist nicht komplett unpassend, was unser Image betrifft.«

Walker runzelte die Stirn.

»Hör mal, wir haben doch schon darüber gesprochen«, sagte Casey. »Du bist es gewohnt, in einem konservativen Umfeld zu arbeiten, in der Ölfirma deines Vaters, wo du dich darum kümmern musst, alte Männer in Anzügen mit dicken Brieftaschen zu beeindrucken. Aber das ist nicht das, was wir bei SRS machen. Das war nie der Plan.«

»Wir könnten ein paar Kunden mit dicken Brieftaschen gebrauchen. Wir können nicht immer von Brotkrumen leben.«

»Das ist nur deine Knappheitsmentalität, die da aus dir spricht. Es gibt jede Menge Kunden da draußen, Leute, die nach einem frischen, besonderen Ansatz suchen, um die Aufmerksamkeit und die Geldbeutel der desillusionierten Millennials und der Generation Z zu gewinnen. Und genau da kommt Ashtons ganzes … nun seine ganze Persönlichkeit … ins Spiel. Er ist einer von ihnen.«

»Wir auch.«

Casey zuckte mit den Schultern und lachte leise. »Technisch gesehen, was das Alter angeht, ja, aber komm schon, du weißt doch, dass er am Puls der Zeit ist, während wir noch versuchen, herauszufinden, was das bedeutet.«

Walker stöhnte und ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. »Was, wenn er potenzielle Kunden vertreibt? Dieser Beitrag enthält alles, worüber wir im Süden schweigen sollen: Queerness, Sex, Geld, Religion.«

»Aber das ist nicht unsere Zielgruppe, weißt du noch? Wir waren uns einig: keine homophoben Kunden. Wir drei sind alle schwul!«

»Ich bin bi.«

»Klar, natürlich. Entschuldige. Ich wollte dich nicht ausschließen.« Casey streckte spielerisch die Zunge heraus. »Aber selbst wenn, warum sollten wir so tun, als wären wir nicht queer? Und das Internet hat das Konzept der Privatsphäre für Millennials und die Generation Z aufgebrochen. Sie posten ihre Geschlechtsidentität und sexuellen Vorlieben ganz oben in ihren Twitter-Feeds! Sex ist jetzt für alle sichtbar.«

»Ich weiß nicht. Dieser Beitrag erscheint mir leichtsinnig.«

»Für dich. Wegen deiner Vergangenheit. Aber Ashton ist klug. Er tut nichts, ohne es vorher gründlich zu überdenken. Auch das hier nicht. Schau mal«, sagte Casey und reichte Walker sein Handy. »Sein Beitrag hat mehr Aktivität generiert, als du oder ich jemals mit unseren Profilen oder der Facebook-Seite von SRS erreicht haben.«

»Aber ist das eine gute Aktivität?«

Casey zuckte mit den Schultern. »Er hat vier unserer größten Kunden in den Kommentaren, die ihm vorschlagen, eine Marketingstrategie für sein neues Nebenprojekt ›Fake Boyfriend‹ zu entwickeln, und Aimee aus der Designabteilung hat gerade einen Entwurf für eine Anzeige gepostet. Man sieht, dass alle Spaß daran haben. Die Leute mögen Spaß, Walker. Lachen. Freude. Das schafft Goodwill für uns.«

Walker fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er konnte fast die Stimme seines Vaters in seinem Ohr hören, der ihm sagte, was für einen schrecklichen Fehler er gemacht hatte, indem er sich mit Leuten wie Casey und Ashton zusammengetan hatte, anstatt bei seinem bequemen Job in der Ölfirma zu bleiben.

»Er gibt zu, dass er sich kein Hotel leisten kann. Wie wird das auf die Kunden wirken? Wenn einer der drei Hauptpartner unserer Firma nicht einmal das Geld für drei Nächte in einem verdammten Hotel aufbringen kann?«

»Es wird so aussehen, als wären wir ein junges Unternehmen, das alles, was es verdient, wieder in das Wachstum der Firma investiert.«

»Aber das ist doch Blödsinn! Warum kann er sich kein Hotel leisten? Ashton hat einige fantastische Kunden, und ich weiß, wie hoch seine Einnahmen sind. Wo fließt das ganze Geld eigentlich hin?«

Casey zuckte mit den Schultern. »Ist das nicht seine Sache?«

Walker blinzelte. »Er ist unser Partner. Was er tut, wirkt sich auf uns aus. Es könnte uns ruinieren, wenn er etwas Illegales tut. Was, wenn er Drogen nimmt? Das würde einiges an ihm erklären. Oder ... oder wenn er für Prostituierte bezahlt, oder …«

»Glücksspiel?«, warf Casey ein. Das war ein Tiefschlag.

Walker lehnte sich zurück. Er hätte Casey niemals von seinen Fehlern in der Vergangenheit erzählen und erklären sollen, warum er mit dem Golfspielen und dem Country Club aufgehört hatte. Nicht, wenn er das nun gegen ihn verwenden würde.

Caseys Blick wurde weich und reumütig. »Entschuldige. Das war echt beschissen von mir.« Er runzelte leicht die Stirn. »Aber hey, was ist, wenn es gar nicht so ist? Was ist, wenn er hartnäckig seine Studiendarlehen abbezahlt? Oder wenn er sein Geld einer großartigen Wohltätigkeitsorganisation spendet, die ihm am Herzen liegt? Du wirst es nicht erfahren, wenn du nicht fragst.«

Walker kniff die Augen zusammen. »Du weißt es.«

Casey zuckte erneut mit den Schultern. »Vielleicht schon. Aber du musst dich mehr um Ashton bemühen.« Er verzog leicht den Mund zu einem Grinsen. »Weißt du, was schlecht für unsere Firma wäre? Wenn ihm hier niemand eine Unterkunft für drei Nächte anbietet, während seine Wohnung gereinigt wird.« Er hob demonstrativ eine Augenbraue.

»Du hast ein zusätzliches Zimmer.“«Casey und sein Mann Joel hatten die Arbeiten an ihrer Hütte am See einige Wochen vor ihrer Hochzeit im Jahr zuvor abgeschlossen. Walker war mehrmals zu Besuch gewesen und hatte sogar einmal in ihrem Gästezimmer übernachtet, als er zu viel getrunken hatte, um sicher nach Hause zu fahren. »Biete es ihm an.«

»Nein, du bietest ihm eins an.«

»Warum?«

»Weil er unser Geschäftspartner ist und du dich kaum um ihn bemüht hast.« Der Blick, der auf diese Aussage folgte, hatte jede Menge Gewicht, und Walker war sich nicht sicher, wie viel Bedeutung er ihm beimessen sollte. Casey kannte ihn gut genug, um zu erraten, welche Vorbehalte Walker gegenüber Ashton hatte, aber er hoffte, dass Casey nicht von ihm erwartete, diese laut zuzugeben.

»Na gut.«

»Mach es jetzt.«

Walker warf ihm einen bösen Blick zu, griff aber nach seinem Handy, um den letzten Text-Austausch zu suchen, den er mit Ashton begonnen hatte. Jesus, das war vor über einem Monat gewesen und verdammt kurz, nur ein kurzer Austausch über eine Anzeigenplatzierung für einen ihrer seltenen gemeinsamen Kunden. »Okay. Ich schreibe ihm eine Nachricht.«

»Nein, mach es auf Facebook.«

»Warum?«

»Das ist ein Werbegag. Also mach es öffentlich.«

Walker saugte an seinen Zähnen. Wenn er einen Kommentar hinterließ, würde jeder wissen, dass er den Beitrag gesehen hatte. Die Möglichkeit, alles zu leugnen, wäre dahin, wenn sein Vater oder jemand anderes ihn wegen der Unangemessenheit seiner Geschäftspartner zur Rede stellen würde. »Also gut.«

Er tippte einen Kommentar ein, in dem er Ashton sein Gästezimmer anbot, und drückte auf ›Enter‹, bevor er es sich anders überlegen konnte. »Zufrieden?«

Casey grinste. »Ich war immer zufrieden. Du warst derjenige, der gestresst war.« Dann stand er auf und ging hinaus, während er ›Joy to the World‹ pfiff.

Bah. Warum war Casey bloß so selbstgefällig? Er benahm sich, als wäre er der Weihnachtsmann und hätte das perfekte Geschenk für Walker in seinem Sack: drei Nächte, in denen er Ashton Sellers in seinem Haus beherbergen durfte. Uff..

Das war der wahre Nightmare before Christmas.

***

Ashton starrte auf seinen Computerbildschirm.

Hatte er wirklich geglaubt, sein Tag könnte nicht noch schlimmer werden?

Oh.

Oh nein.

Hatte Walker ihm wirklich angeboten, während der Ausräucherungsphase bei ihm zu wohnen? Walker Ronson? Jemand musste ihn dazu angestiftet haben. Casey. Wahrscheinlich Casey. Und das gerade, als Ashton begonnen hatte, seinen schwierigen Morgen zu vergessen und sich ganz auf den Spaß einzulassen, den sein Shitpost ihm bescherte.

Er las Walkers Kommentar noch einmal.

Du kannst bei mir bleiben, während sie die Wohnung desinfizieren. Kein Grund für Extreme. Es wird kein Fake Boyfriend gebraucht.

»Super. Lieb ich.« Ashton stöhnte und zuckte zusammen, als sein Handy vibrierte. Zumindest war es diesmal ein Terminalarm und keine weiteren unerwünschten Nachrichten. Er überprüfte sein Gesicht noch einmal im kleinen Spiegel, trug etwas Feuchtigkeitscreme und Lippenbalsam auf und formte seine Wimpern. Dann nahm er seine Schlüssel und seine Brieftasche und tänzelte aus seinem Büro, wobei er Damien zurief: »Ich gehe zum Friseur! Du weißt, wo du mich finden kannst!«

Die Gay Street glänzte im Nieselregen und war bunt geschmückt mit Weihnachtsdekorationen. Rote Bänder zierten die Straßenlaternen, die Geschäfte hatten sich für ihre Weihnachtsschaufensterauslagen mächtig ins Zeug gelegt, und durch die verschiedenen offenen Türen drangen die Klänge der Weihnachtszeit. Das Wetter war schlecht, aber es war warm genug, dass er keinen Mantel brauchte. Der Nieselregen war auch keinen Regenschirm wert. Er war es gewohnt, von oben leicht benebelt zu werden. Ein typischer Dezember in Tennessee.

Er nickte bekannten Gesichtern und Fremden auf der Straße gleichermaßen zu und lächelte Hank an, einen Obdachlosen, der sich wie üblich in einer Nische zwischen zwei Gebäuden zusammengekauert hatte und mild und distanziert wirkte, während ihm der Nieselregen über Gesicht und Hals lief. Ashton holte seine Brieftasche heraus und legte ein paar Dollar zu dem kleinen Haufen in Hanks umgedrehter Baseballkappe.

»Frohe Feiertage, Hank«, sagte Ashton, und das erregte dann noch Hanks Aufmerksamkeit.

Der Mann blickte auf, ein verwirrtes Lächeln auf dem Gesicht, und flüsterte: »Frohe Feiertage.«

Ashton ging noch zwei Blocks weiter und bog dann in Richtung Yeppuda Salon ab. Als er den elegant eingerichteten, angenehm warmen Salon betrat, schüttelte er das Wasser von seinem Mantel auf den Teppich im Eingangsbereich und sah sich nach seiner Stiefschwester Angel um. Sie war während ihrer Ausbildung zur Kosmetikerin als Aushilfe bei Yeppuda eingestellt worden und arbeitete normalerweise an Wochentagen nachmittags. Nachdem er den Raum voller plaudernder Frauen und Männer, der von Föhnlärm und dem Geräusch klappernder Scheren erfüllt war, abgesucht hatte, fand Ashton sie. Sie stand neben einigen Regalen mit Produkten und half einer Frau in Yogahosen und Regenmantel bei der Auswahl eines Stylingprodukts. Das erinnerte ihn daran, dass er bald neues Stylingwachs kaufen musste.

»Hey, Babe.« Angel grinste und ging auf ihn zu, nachdem sie mit der Kundin fertig war. »Ich wollte dir eine Nachricht schicken. Becca sagte, sie könnte dich später heute noch unterbringen, wenn du lieber zu ihr als zu Kenzie möchtest.«

»Nein, schon gut. Kenzie hat es das letzte Mal gut gemacht.«

Ashton folgte Angel zu Kenzies leerem Stuhl, wo Angel ihm einen Umhang umlegte, damit keine Haare auf seine Kleidung fielen.

»Sie kommt gleich, um anzufangen.« Angel lehnte sich gegen Kenzies Arbeitsplatz und musterte ihn kurz. Ihr schwarz gefärbtes Haar brachte ihre Augen in ihrem blassen Gesicht besonders zur Geltung. »Alles in Ordnung? Meine Mutter sagte, Bill sei verärgert, weil ihr euch wieder zerstritten habt.«

Ashton zuckte zusammen. Es war nicht so, dass er seinen Vater hasste. Bill wollte nur Dinge von Ashton, jetzt, wo sie sich wiedergefunden hatten, die er ihm niemals geben konnte. Zum Beispiel uneingeschränkte Vergebung für sich selbst und Ashtons Mutter. »Bill gefällt nicht, wie ich bestimmte Dinge handhabe.«

»Welche Dinge?«

Er dachte an sein letztes Gespräch mit seinem Vater zurück, das damit geendet hatte, dass Ashton geschrien hatte und hinausgestürmt war. »Meine Mutter.« Er zuckte mit den Schultern. »Es geht ihn nichts an, wie ich mit ihr umgehe.«

»Mit ihr umgehst? Eher, wie du nicht mit ihr umgehst, oder?«

Er presste die Kiefer aufeinander und hielt ihrem Blick stand.

»Ich weiß. Ich weiß. Glaub mir, ich hab’s verstanden.« Angel streckte die Hand aus, nahm einen rosa Permantmarker von Kenzies Schreibtisch und öffnete ihn. Sie roch daran, bevor sie ihn Ashton zum Riechen hinhielt. Er zog den Kopf mit gerunzelter Stirn zurück. Angel zuckte mit den Schultern und malte dann ein rosa Herz auf ihren Handrücken, während sie sagte: »Als dein Vater meine Mutter heiratete, war ich so traumatisiert von dem, was mein eigener Vater uns angetan hatte, dass es mir zunächst schwerfiel, Bill zu vertrauen. Aber schließlich wurde mir klar, dass Bill ein wirklich guter Mensch ist.«

»Ich weiß.« Oder zumindest wusste er es jetzt, etwa zwanzig Jahre zu spät, als dass es noch etwas Gutes für Ashtons Leben bedeuten könnte. Er war gewiss kein guter Mensch gewesen, als es wirklich darauf angekommen war.

»Und, nun ja, vielleicht willst du das nicht hören«, fuhr Angel fort und verzierte dabei das Herz auf ihrer Hand, während sie sprach. »Aber ihr geht es auch besser in letzter Zeit. Ich meine, deiner Mutter.«

»Mhm.«

»Meine Mutter sagt, sie überlegen, sie bei sich einziehen zu lassen, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Aber im Moment lebt sie noch im Frauenhaus.«

Ashton verdrehte die Augen. »Das ist großzügig von Miranda.«

»Sie sagt, Jamie Rae gehört zur Familie.«

Ashton sträubte sich. »Das tut sie nicht.«

»Aber sie ist deine Mutter. Und du bist Bills Sohn.«

»Nein«, sagte er kalt. »Sie war nie meine Mutter im eigentlichen Sinne.«

Angel zuckte mit den Schultern.

»Merk dir meine Worte: dass Miranda meine Mutter bei sich einziehen lassen will, ist und bleibt eine schlechte Idee.«

Angel bewegte sich unruhig. „Vielleicht. Aber Jamie Rae sagt, sie braucht nur einen Ort, um sich zu erholen.“

»Klar. Das sagt sie immer. Sie lügt.«

»Du bist immer noch wütend.«

Ashton schnaubte. Natürlich war er immer noch wütend, und er hatte jedes Recht dazu.

Angel berührte seine Schulter. »Aber es geht ihr wirklich besser.«

Er biss die Zähne zusammen. Wie oft hatte er das schon gehört?

»Es tut mir leid. Ich weiß, dass sie für dich ein heikles Thema ist.« Angel beugte sich vor und umarmte ihn. Er ließ es zu, obwohl er immer noch gereizt war. Zu viele schlechte Erinnerungen drangen in seinen Tag ein. Und er hatte sich einen schönen Tag gewünscht! Verdammt! »Sie hat dir zu sehr wehgetan.«

Ashton nickte und hatte einen Kloß im Hals.

Angel zog sich zurück und betrachtete ihn einen Moment lang. »Möchtest du, dass ich dir auch ein Herz auf die Hand male?«

Er akzeptierte den Themenwechsel als Entschuldigung und legte seine Hand in ihre. Sie zeichnete ein rosa Herz mit scharfen Linien, ausgehend vom mittleren Knöchel seines Ringfingers. Es sah fast aus wie die Vorstellung eines Kindes von einem Ring. Die Stille zwischen ihnen war angenehm. Egal, was Angel sagte, er wusste, dass sie es verstand. Ihr leiblicher Vater war seit Jahren nicht mehr da gewesen, aber er war ein echtes Arschloch gewesen, und sie verstand die Sprache des betrogenen Kindes nur zu gut.

»Außerdem ist da noch Justin«, sagte Ashton, während sie das Herz mit den Sternen perfektionierte. »Ich glaube, ich habe meine ganze Vergebung ihm gegenüber aufgebraucht. Mein Eimer ist leer. Ich bräuchte einen Regenguss aus Frieden und Gnade, um ihn wieder zu füllen, und ich weiß nicht, wann das jemals kommen wird. Ich bin es leid, dass mich die Leute anlügen und mir das Herz brechen.«

»Ich verstehe das«, stimmte Angel zu und fügte einen rosa Stern zu seinem anderen Knöchel hinzu, obwohl er nicht darum gebeten hatte. Egal. Der Stift hielt nur ein paar Tage, und er hatte für den Rest der Woche keine Kundentermine. Außerdem passten rosa Sterne und Herzen gut zu seinem Image.

Kenzie kam herein. Sie trug eine punkige Kurzhaarfrisur und einen roten Pullover mit Herzausschnitt, der ihren üppigen Busen zur Geltung brachte. Angel verabschiedete sich mit einem Kuss auf seine Wange.

»Schau dir diese Locken an«, sagte Kenzie fröhlich. Ihre Finger, die durch sein Haar fuhren, wirkten beruhigend, und sie grinste ihn im Spiegel an. Sie griff nach einer Sprühflasche und befeuchtete sein Haar. »Der gleiche Schnitt wie vorher?«

»Ja, bitte.«

»Dann ist das ja ganz einfach.« Sie griff nach ihrer Schere. »Süßer Facebook-Post vorhin. Ich habe gesehen, dass du jemanden gefunden hast.«

»Ja. Meinen Geschäftspartner.«

Sie sah ihm im Spiegel in die Augen und hörte deutlich etwas in seinem Tonfall, obwohl er selbst nicht genau wusste, was es war. »Oooh. Eine Büro-Romanze?«

»Ha!« Ashton schloss die Augen und versuchte, nicht zu laut zu lachen, da sie bereits mit der Schere in seinem Haar war. »Nein. Nichts dergleichen.«

»Ah.« Sie seufzte leise. »Schade. Ich bin neugierig – hättest du es wirklich getan? Einen Fake Boyfriend gespielt, um eine Unterkunft zu bekommen? Du weißt schon, wenn jemand das gewollt hätte?«

»Klar. Das wäre lustig gewesen. Warum? Brauchst du einen?« Er zog die Augenbrauen hoch. »Willst du ein Familienfest ruinieren? Oder brauchst du ein Date für Silvester?«

Kenzie lachte leise. „Ich werde daran denken, aber ich bin zufrieden.“

»Du kannst dich jederzeit melden. Aber ja, ich wusste, dass mich niemand wirklich fragen würde. Ich fand es einfach lustig.«

»Das war es auch.« Kenzie sah ihm wieder in die Augen, bevor sie einige fingerlange Haarsträhnen herauszog, um Länge und Lockenrichtung zu vergleichen, bevor sie sie schnitt. »Also, was ist mit deinem Gefühl bei diesem Typen, der dir das angeboten hat? Ist er vielleicht heiß?«

Walker? Heiß?

Ashton runzelte die Stirn. Er hatte nie darüber nachgedacht. Walker war so weit von dem entfernt, was er gewöhnlich sein Typ war – er trug immer langweilige Polohemden und, schlimmer noch, Khakis, und sah Ashton nie so an, als wäre er etwas Magisches. Das war eine neue Regel für jeden Mann, den Ashton attraktiv fand. Zu viele Männer, mit denen Ashton ausgegangen war oder mit denen er sich getroffen hatte, hatten es versäumt, ihn anzusehen, als wäre er etwas Besonderes. Nach einer gründlichen Erforschung seines Herzens während der wenigen Therapiesitzungen, die seine Versicherung genehmigt hatte, war dies sein neuer Lackmustest für die Attraktivität eines Mannes. Daher hatte er Walkers körperliche Vorzüge nie objektiv betrachtet.

»Er hat schöne Arme.« Spielte wahrscheinlich viel Golf, vermutete Ashton. »Er ist nicht extrem dünn, was in Ordnung ist. Gut zum Kuscheln. Er ist blond, was normalerweise nicht mein Typ ist. Ich bevorzuge braune Haare.« Er schnalzte mit der Zunge. »Aber es ist ein schönes Blond, und seine Augen sind hübsch. Graublau, aber nicht kalt.« Und Walker hatte insgesamt eine schöne Figur: breite Schultern und schmalere Hüften. Jetzt, wo Ashton es objektiv betrachtete, war Walker gar nicht mal so übel.

»Mm-hmm«, sagte Kenzie mit gerunzelter Stirn, während sie arbeitete. »Klingt, als wäre er ziemlich durchschnittlich. Nicht schlecht, aber auch nicht großartig.«

»Ja. Das trifft es genau.« Ashton schniefte. »Er ist Mitglied im Country Club. Altes Geld. Du kennst den Typ.«

»Und ob ich den kenne.«

»Als Mensch ist er aber nicht schlecht. Das will ich damit nicht sagen. Er hat nur ganz andere Prioritäten als ich.«

»Absolut.«

Ashtons Haare waren bereits in Form gebracht. Er würde für die Feiertage, die er ganz allein verbringen würde, gut aussehen. Hervorragend. Das gefiel ihm. Er musste nur darauf achten, viel Zeit damit zu verbringen, sich selbst im Spiegel zu bewundern. Vielleicht sollte er sich intensiv um sich selbst kümmern: Gesichtsmasken, Maniküre und Pediküre. Er würde sich kleine, preiswerte Geschenke kaufen, die er unter den Baum legen und auspacken könnte. Nach drei Jahren hatte er sich daran gewöhnt, Weihnachten allein zu verbringen.

»Manchmal sind die durchschnittlich Aussehenden die besten im Bett«, sagte Kenzie und zwinkerte ihm im Spiegel zu.

»Was? Nein!«, rief Ashton aus. »Wir sind Freunde. Ich betrachte ihn nicht so.«

Er betrachtete Walker auch nicht gerade als Freund, aber das war zu kompliziert, um es zu erklären. Was sollte er sagen? ›Mein Geschäftspartner scheint nichts mit mir zu tun haben zu wollen?‹ Nun, das könnte er sagen. Vielleicht könnte Kenzie ihm helfen, es zu verstehen.

Es war einfach so seltsam.

Es konnte keine Homophobie sein – Walker war selbst schwul –, aber irgendetwas an Ashton veranlasste Walker eindeutig dazu, auf Distanz zu bleiben. Wahrscheinlich war Ashton nicht männlich genug oder reich genug oder nicht country-club-tauglich genug. Oder vielleicht hielt Walker Ashton für unreif? Er wusste es nicht genau. Er nahm an, dass er es auch nicht wissen wollte. Er wollte einfach nur irgendwie damit fertig werden.

Vielleicht reichten drei Tage bei Walker aus, damit sie sich zumindest besser verstanden. Er wünschte sich, dass sie irgendwann Freunde werden könnten. Oder sich zumindest gegenseitig respektierten. Das war wichtiger als Freundschaft, wenn es ums Geschäft ging.

»Was werden sie gegen die Bettwanzen unternehmen?«, fragte Kenzie und rümpfte die Nase.

Ashton wiederholte alles, was er im Internet gefunden hatte, sowie die Anweisungen, die er vom Hausmeister seines Wohnhauses erhalten hatte. »Also muss ich nach diesem Termin nach Hause gehen und alle Möbel im Schlafzimmer und Wohnzimmer von den Wänden wegstellen, die Lichtschalter und Steckdosenabdeckungen entfernen und alle Textilien bei höchster Temperatur im Trockner trocknen und dann alles in Plastiktüten verschließen – Kissen, Kleidung, einfach alles.«

»Oh, verdammt.«

»Ja. Das wird eine lange Nacht. Alle im Haus werden sich um drei Trockner streiten.«

Kenzie schnalzte mit der Zunge, um ihr Mitgefühl auszudrücken.

»Es ist nicht einmal meine Wohnung, in der sie sich befinden – die Wanzen, meine ich. Aber sie haben in genügend Wohnungen im Gebäude Beweise dafür entdeckt, sodass sie vorsichtshalber jede Einheit behandeln wollen.«

Schließlich verstummte er und machte sich Gedanken über die Arbeit, die ihn zu Hause erwarten würde, um seine Wohnung für die Bettwanzenbekämpfung vorzubereiten. Er wünschte sich, er könnte sich einfach vor dieser Verantwortung drücken und stattdessen allein in einen Weihnachtsfilm gehen. Eine Handvoll Popcorn essen. Sich stundenlang von einer Geschichte unterhalten lassen, die zum Abschalten und zur Unterhaltung gedacht ist. All dem entfliehen.

»Fairytale of New York« durchbrach die übliche Monotonie traditioneller Weihnachtsmusik, die aus den Lautsprechern des Salons erklang. Oh nein. Sein Magen drehte sich um. Ashton schloss die Augen und verzog das Gesicht.

Seine Mutter lag auf dem schäbigen Sofa ihm gegenüber. Die Nadel lag auf dem Couchtisch, zusammen mit dem Löffel, dem Pulver und der nach Tannen duftenden Kerze, mit der es erhitzt worden war … Seine Mutter begegnete seinem Blick. Ihre Augen waren rot und eingefallen, und er wollte schreien, ihr die Zähne einschlagen, sie anflehen, einfach nur …

»Stop!«

»Nicht bewegen, Babe«, sagte Kenzie, als Ashton auf seinem Stuhl zuckte. Sie hob ihre Schere von seinem Kopf.

»Entschuldigung!«, platzte Ashton heraus. Der kalte Schweiß in seinem Rücken fühlte sich eklig an. »Ich habe nur … Ich weiß nicht. Entschuldige.«