Multimodale Bindungstherapie - Catherine Young - E-Book

Multimodale Bindungstherapie E-Book

Catherine Young

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Beschreibung

Die Multimodale Bindungstherapie (Multi-Modal Attachment Therapy, M-MAT) ist ein praxisorientiertes Therapiemodell zur Behandlung von Kindern mit besonders herausforderndem Verhalten. Es kombiniert eine Vielfalt therapeutischer Methoden in einem System, um Kinder mit ausgeprägten Bindungsverletzungen zu behandeln. Die Multimodale Bindungstherapie will das Kind auf Basis der Narrativen Therapie befähigen, ein neues, adaptives und emotional heilsames Eigennarrativ zu erschaffen. Therapeut:innen erhalten eine umfassende Grundstruktur für die Praxis, die auch als Gerüst für die Integration und den kreativen Umgang mit einer Vielzahl anderer Techniken und Methoden verwendet werden kann. Der Sicherheit aufbauende Rahmen von M-MAT besteht aus bindungsbasiertem Spiel und spezifischen Bindungsfragen, die einen Gesprächsteil umfassen. Sie kann sowohl dyadisch durchgeführt werden, etwa mit Adoptiveltern, oder auch in Einzeltherapie, z.B. mit Kindern in Jugendhilfeeinrichtungen.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Catherine Young

Multimodale Bindungstherapie

Ein integrativer, ganzheitlicher Ansatz, um Bindungsverletzungen bei Kindern und Familien zu verstehen und zu lindern

Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Marlies Ruß

Arbor-Verlag

Freiburg im Breisgau

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Einführung

Kapitel 1 Zu diesem Buch

Kapitel 2 Bindungstheorie: Ein Überblick

Kapitel 3 Kinder mit Bindungsverletzungen

Kapitel 4 Die Multimodale Bindungstherapie (M-MAT) im Überblick

Kapitel 5 M-MAT Spiel: Der Rahmen Teil 1

Kapitel 6 M-MAT Füttern und Fragen: Der Rahmen Teil 2

Kapitel 7 M-MAT Gespräch

Kapitel 8 Elternarbeit

Kapitel 9 Alles zusammensetzen

Kapitel 10 M-MAT Einzeltherapie

Anhang A Bindungsbasierte Spiele und Aktivitäten

Anhang B Quellen

Anhang C Terminologie zu frühkindlichem Trauma und Bindung

Danksagung

Über die Autorin

Orientierung

Inhalt

Anhang

Cover

Impressum

Wichtiger Hinweis

Die Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind von der Autorin sowie dem Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall eine Ärztin, Psychotherapeutin oder Psychologin Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung der Autorin oder des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Im Bemühen um einen Beitrag zu achtsamer Gendergerechtigkeit wechseln generisches Maskulinum und generisches Femininum im folgenden Text ab, stets beginnend mit dem generischen Femininum. Ist dies sprachlich nicht möglich oder inhaltlich nicht präzise, werden ein Femininum oder ein Gender-Doppelpunkt verwendet. Ist nicht inhaltlich explizit auf eine Geschlechtsidentität hingewiesen, stehen alle Formen stets für Personen beliebiger, im Kontext irrelevanter Geschlechtsidentität.

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel: M-Mat Multi-Modal Attachment Therapy. An Integrated Whole-Brain Approach to Attachment Injuries an Children and Families bei Granite Swan Press, Groveland, CA, USA.

Deutsche Erstausgabe

1. Auflage 2022

Copyright der deutschen Ausgabe © 2022 Arbor Verlag GmbH, Freiburg

Originalausgabe: Copyright © 2021 by Catherine A. Young

This translation is published by arrangement with Granite Swan Press, P.O. Box 122, Groveland CA 95321, USA.

Lektorat: Georg Grässlin

Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de

Alle Rechte vorbehalten

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978–3-86781–384–6

Dieses Buch ist all den erfinderischen und engagierten Therapeutinnen und Therapeuten gewidmet, die Kinder und deren Familien auf ihrem Heilungsweg begleiten, und ebendiesen mutigen Kindern und Familien, die uns erlauben, sie zu begleiten. Ich schätze mich glücklich, ein paar von ihnen kennengelernt zu haben!

Einführung

Kinder, die unter Bindungsverletzungen leiden, sind häufig traurig, wütend, ängstlich, depressiv, verletzt und verletzend gegenüber anderen, sprechen jedoch schlecht auf gängige Therapien für Kinder an. Diese Kinder haben während ihrer allerersten Lebensjahre tiefe Verletzungen in ihrer primären Bindung erfahren, also genau in der Beziehung, die ihrem frühkindlichen Selbst Halt, Schutz und Geborgenheit angedeihen lassen sollte. Sie sind permanent am Kämpfen und weisen oft genau die Angebote zurück, die sie für ihren Heilungsprozess bräuchten: Liebe, Beziehung und Verbindung. Dies stellt Eltern wie Therapeut:innen vor enorme Herausforderungen.

Vielleicht gibt es ja einen besseren Weg, um diese Kinder zu erreichen. Vielleicht sind unsere bisherigen Therapiemodelle einfach nicht geeignet für die Bedürfnisse von bindungsverletzten Kindern.

Ich arbeite seit über fünfundzwanzig Jahren als Therapeutin mit Kindern mit schweren Emotions- und Verhaltensstörungen und ihren Familien. Darüber hinaus unterstütze ich andere Kinder- und Familientherapeut:innen als klinische Supervisorin. Eine meiner ersten ­Arbeitsstellen war in einer Tagesklinik für Kinder mit psychischen Störungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren. Viele dieser Kinder waren nur einen Schritt davon entfernt, aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten aus ihrer Familie herausgenommen zu werden. Meine Ausbildung, einschließlich der wissenschaftlichen Literatur, die ich gelesen hatte, lag schwerpunktmäßig im Bereich nicht-direktiver Spieltherapie und Verhaltenstherapie. Ich merkte schon bald, dass diese Kinder weit mehr brauchten: mehr Struktur, mehr Beziehungsfokus und mehr Anleitung, wie sie aus destruktiven Verhaltensmustern und -schleifen herausfinden konnten.

So machte ich mich auf die Suche nach wirksameren Therapien. Ich erlernte EFT (Emotional Freedom Techniques/ Klopfakupressur) und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), beide meiner Erfahrung nach hilfreich, um Trauma-Symptome bei Kindern zu lindern. Begeistert hat mich auch die Entdeckung der Narrativen Therapie: Sie bietet einen hilfreichen Rahmen und konkrete Interventionen, wie Kinder lernen können, ihre Lebensgeschichten neu zu erzählen. Als ich dann Bindungstherapien entdeckte, wuchs in mir die Hoffnung, eine zuverlässig wirksame und effiziente Therapie entwickeln zu können, die diesen Kindern helfen und die nachhaltige und tiefgreifende Veränderung herbeiführen würde, die mir vorschwebte.

Ich vertiefte mich in Bindungstherapie, las Bücher und besuchte Seminare dazu. Zu den frühesten mir bekannten ausdrücklichen Bindungstherapien zählt die kontrovers diskutierte Festhaltetherapie und weitere ähnliche Techniken, die vielerorts Bedenken auslösten. Diese frühen Bindungstherapien führten den direktiven, kontrollierenden Aspekt ganz offensichtlich ins Extreme, vielleicht aus Frustration darüber, dass nicht-direktive Therapien bei bindungsverletzten Kindern wirkungslos zu sein schienen, oder aber in Anlehnung an das oft hochgradig kontrol­lierende Verhalten dieser Kinder selbst.

Dann begegnete ich Therapeuten wie Daniel Hughes und Daniel Siegel, die mit deutlich sanfteren Methoden positive Resultate erzielten. Außerdem besuchte ich einen zweitägigen Theraplay©-Workshop, in dem ich das Konzept des bindungsbasierten Spielens kennenlernte.

Ich entwickelte meine eigene Version von bindungsbasiertem Spiel unter Verwendung der Elemente, die aus meiner Sicht ausschlaggebend für die Unterstützung von Bindungserfahrungen sind. Als ich dazu überging, das bindungsbasierte Spiel mit bindungsfokussierten, narrativen, verhaltenstherapeutischen Gesprächsanteilen zu kombinieren, bemerkte ich zunehmend mehr und länger anhaltende Veränderungen bei den Kindern, mit denen ich arbeitete. Dieselben positiven Veränderungen ließen sich beobachten, wenn Kollegen und Kolleginnen nach meiner Anleitung mit diesem Modell arbeiteten.

Ich habe Elemente aus verschiedenen Therapieformen aufgegriffen (bindungsbasiertes Spiel, andere bindungsgestützte Therapien, Kognitive Verhaltenstherapie, Narrative Therapie, Spieltherapie, Lösungsorientierte Therapie und sicherlich noch einige weitere Ansätze, die über die Jahre in meine Arbeit eingeflossen sind,) und zu einem neuen, strukturierten und systematischen Therapiemodell zusammengefügt, das sich meiner Erfahrung nach als äußert effektiv darin erwiesen hat, diese sehr fordernden Kinder zu erreichen.

Weil alles einen Namen braucht, habe ich dieses Modell „Multi­modale Bindungstherapie“ (Multi-modal Attachment Therapy), kurz M-MAT, genannt – multimodal, weil es eine Vielfalt therapeutischer Methoden in einem System kombiniert, um Kinder mit ausgeprägten Bindungsverletzungen zu behandeln.1

M-MAT ist gezielt auf die Bedürfnisse bindungsverletzter Kinder zugeschnitten. Als Ansatz, der die Integration verschiedener Gehirnareale fördert, verbindet M-MAT mehrere Methoden, um genau die Bereiche anzusprechen, die durch die Verletzung am stärksten beeinträchtigt sind: Bindung, Selbstbild, Weltbild sowie Defizite in bestimmten Fertigkeiten. Das Resultat ist eine kraftvolle, in sich schlüssige und umfassende bindungsgestützte Therapie.

Ich konnte beobachten, wie distanzierte, zornige, aggressive, emotional dysregulierte, mitunter bizarr agierende, manchmal in sich zurückgezogene Kinder sich in liebevolle, fröhliche, emotional verbundene verwandelten. Diese Kinder galten üblicherweise als so schwer zu therapieren, dass manchen Eltern von Fachpersonal geraten wurde, nicht zu viel von ihrem Kind zu erwarten: nicht zu viel Liebe, nicht zu viel Wachstum, nicht zu viel Bindung.

Unter meinen Klient:innen waren Adoptiveltern, die fast schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Obwohl sie alles für ihr Kind gaben, ging ihnen allmählich die Kraft aus und sie waren sich nicht mehr sicher, ob sie ihr Kind noch länger bei sich behalten konnten. Sie hatten alles Mögliche versucht, einschließlich Therapie, manchmal über Jahre hinweg, ohne Erfolg. Für das Kind – aber auch für die Gesellschaft als Ganzes – ist der Verlust eines liebevollen Zuhauses, also genau dessen, was es am Dringendsten für seine Heilung braucht, eine Tragödie mit lang nachwirkenden, desaströsen Folgen. Diese Tatsache und der Wunsch, betroffenen Familien Hoffnung zu geben, solche Kinder zu heilen und den an ihrer Heilung arbeitenden Therapeut:innen ein wirksames Werkzeug an die Hand geben zu können, haben mich dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben.

1 Das englische Akronym M-MAT (Multi-modal Attachment Theory) wurde durchgehend belassen, da im Deutschen bis dato keine eigene Kurzform zur Bezeichnung der Multimodalen Bindungstheorie gebräuchlich ist (Anm. d. Lekt.).

Kapitel 1 Zu diesem Buch

Zielgruppe

Dieses Buch ist ein Praxisbuch für Therapeutinnen und Therapeuten, die die Multimodale Bindungstherapie (M-MAT) anwenden wollen. Auch andere Fachkräfte sowie Eltern, die ihr Verständnis von Bindung und der Arbeit mit bindungsverletzten Kindern vertiefen wollen, können es mit Gewinn lesen.

Möglichkeiten und Grenzen

Um die therapeutischen Bedürfnisse bindungsverletzter Kinder zu identifizieren und die Grundprämissen des M-MAT-Modells herauszuarbeiten, habe ich einen kurzen Überblick über die Bindungstheorie und eine Schilderung der Symptomatik von Kindern mit Bindungsverletzungen vorangestellt. Es handelt sich dabei nicht um eine erschöpfende ­Erörterung der Bindungstheorie, da dies die Grenzen dieses Buches sprengen würde und dafür überdies zahlreiche gute Quellen zur Verfügung stehen. Ich empfehle dennoch, die entsprechenden Abschnitte zu lesen, auch wenn man sich mit Bindungstheorie bereits gut auskennt, da die hier hervorgehobenen Aspekte für das vorgestellte Therapiemodell besonders relevant sind.

Der Hauptfokus des Buches liegt auf der Beschreibung der Grundprinzipien und praktischen Anwendung der Multimodalen Bindungstherapie (M-MAT). Diese richtet sich primär an Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren mit leichten bis schweren Bindungsverletzungen, die zumindest einen Erwachsenen haben, der sie unterstützt und in der Lage ist, an der Therapie teilzunehmen. Auch Teenager können mit M-MAT therapiert werden: Die für sie nötigen Anpassungen werden in „Kapitel 9 Alles zusammensetzen“ beschrieben.

Kinder ohne eine erwachsene Bezugsperson, welche sie unterstützt und die Therapie mitmachen kann, stellen eine besondere Herausforderung dar und sind gleichzeitig die am stärksten gefährdete Gruppe und diejenigen, die am leichtesten durchs System fallen. Dazu zählen Pflegekinder in nicht dauerhafter Unterbringung, Kinder, deren Eltern abwesend oder verstorben sind, oder Kinder von Eltern bzw. Fürsorgeberechtigten, die eine Suchtthematik oder psychische Probleme haben, aufgrund derer sie sich nicht um das Kind kümmern und begleitend an der Therapie teilnehmen können. Es können auch Adoptiveltern sein, die nicht mehr bereit sind, sich ernsthaft für ihr Adoptivkind zu engagieren, oder ein Vormund/eine sorgeberechtigte Person, der oder die sich nicht auf die Therapie einlassen will, vielleicht infolge eigener erlittener Bindungsverletzungen.

Diesen Kindern kann mit der Multimodalen Bindungstherapie als Einzeltherapie (M-MAT Einzeltherapie) geholfen werden, die in „Kapitel 10 M-MAT Einzeltherapie“ dieses Buches beschrieben wird. Das M-MAT-Modell liefert auch hierfür die Grundlage. Wenn die Prinzipien und Vorgehensweisen ­dieses Basismodells verstanden sind, kann man nach dieser Methode auch allein mit bindungsverletzten Kindern arbeiten. Das Modell M-MAT Einzeltherapie ist also eine Adaption des Basismodells M-MAT.

Terminologie

In diesem Buch werden die Begriffe „Bezugsperson“ und „Eltern(teil)“ austauschbar verwendet: Alle bezeichnen die primäre Bezugsperson bzw. Bezugspersonen, egal ob es sich um biologische, Pflege- oder Adoptiveltern, um Familienangehörige oder einen Vormund handelt. Dabei können ausdrücklich immer eine oder auch zwei Bezugspersonen gemeint sein, auch wenn dies, der sprachlichen Einfachheit halber, nicht explizit gesagt wird.

In den Dialogbeispielen wird die Anrede „Mama“ für die primäre Bezugsperson verwendet, es könnte aber genauso gut „Papa“, „Tante“, „Oma“ usw. sein.

Der Begriff „Therapeut/Therapeutin“ soll ebenfalls so weit wie möglich gefasst werden, es kann sich dabei um Psycholog:innen, psychologische/ärztliche Therapeut:innen, Sozialpädagog:innen, Heilpädagog:innen oder andere handeln, die das Kind therapeutisch begleiten.

Ich verwende lieber den Begriff Bindungsverletzung als den der Bindungsstörung. Kinder mit Bindungsverletzungen weisen eine Reihe von Bindungsschwierigkeiten auf, die von leicht bis schwer reichen und vielfältige Ausdrucksformen haben können. Der Begriff „Bindungsverletzung“ gefällt mir besser, weil er das Kind von der Verletzung trennt und weil Verletzungen heilen können. Im übertragenen Sinne gilt, wie auch auf körperlicher Ebene, dass manche Verletzungen einen Eingriff erfordern, damit sie heilen beziehungsweise gut verheilen. Darüber hinaus ist der Begriff der „Reaktiven Bindungsstörung“ im DSM-5 recht eng gefasst und hat sich über die Jahre hinweg mit vielen emotional aufgeladenen Assoziationen angereichert.2 Auch die „Bindungsstörung mit Enthemmung“ (neu im DSM-5; ehemals „Reaktive Bindungsstörung, enthemmte Form“ im DSM-IV) ist in ihrer Definition begrenzt und beschreibt nur eine Erscheinungsform des bindungsverletzten Kindes.

Wenn ich hin und wieder vom „bindungsverletzten Kind“ spreche, meine ich damit ein Kind mit mittelschweren bis schweren, unbehandelten Bindungsverletzungen. Dies dient allein der sprachlichen Vereinfachung und soll keinesfalls Kinder brandmarken. Jedes einzelne Kind ist mehr als seine Kämpfe, und das gilt auch für Kinder, die mit Bindungsverletzungen ringen. Ein Kind mit Bindungsverletzungen kann, genau wie jedes andere Kind, intelligent oder musisch begabt oder kreativ oder humorvoll sein, oder beliebige weitere Stärken zeigen, die Teil seiner Persönlichkeit sind.

Der Kürze halber verwende ich häufig die Abkürzung M-MAT für die Multimodale Bindungstherapie (Multi-modal Attachment Theory).

Das Anliegen dieses Buchs

Mein primäres Anliegen mit dem Verfassen dieses Buchs ist, dass die vielen begabten, engagierten und erfinderischen Therapeutinnen und Therapeuten weltweit in die Lage versetzt werden, die hier beschriebenen Prinzipien und Praxisformen anzuwenden und damit Kinder und Familien in ihren Heilungsprozessen zu unterstützen.

Mein zweites Anliegen ist, dass die Forschung mittels gründlicher Studien die Wirksamkeit dieses Modells wird belegen können. Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung als Therapeutin und klinischer Supervisorin ausgehend die Wirksamkeit des Modells bestätigen. In unserer Zeit der evidenz-basierten Praxis ist jedoch die Forschung in vielen Bereichen entscheidend, damit wirksame Techniken zur Anwendung kommen. Dank seiner sehr strukturierten Herangehensweise bietet sich M-MAT geradezu für breite systematische Anwendung und Überprüfung an und ist somit eine geeignete Kandidatin für die Forschung.

2 DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). In Deutschland relevant ist das ICD-10, hier: ICD-10 F94.1, für das aber das Identische gilt (Anm. d. Lekt.).

Kapitel 2 Bindungstheorie: Ein Überblick

Die Bindungstheorie geht davon aus, dass die Bindung oder Verbindung die ein Kind in den ersten drei Lebensjahren zu seiner primären Bezugsperson entwickelt, eine dramatische und tiefgreifende Auswirkung auf die Entwicklung dieses Kindes hat. Emotionale, ethische, Verhaltens- und Beziehungsaspekte im Leben eines Kindes werden stark von den allerersten Beziehungen geprägt.

Bruce Perry definiert Bindung als eine beständige emotionale Beziehung mit einer bestimmten Person, die Sicherheit, Geborgenheit, Beruhigung und Wohlgefühl vermittelt, wobei der Verlust oder drohende Verlust dieser Person starke Angstgefühle auslöst. Das Kind erfährt im Kontext dieser Beziehung Geborgenheit und Sicherheit. Hervorzuheben ist, dass diese Beziehung beständig und emotional sowie auf eine bestimmte Person ausgerichtet sein muss: Damit das Kind eine gelungene Bindung entwickelt, muss es wenigstens eine bestimmte, konstante Bezugsperson geben, die Sicherheit, Geborgenheit, Beruhigung und Wohlgefühl vermittelt. Die erste oder primäre Bindung ist üblicherweise die zwischen Mutter und Kind, und sie bildet das Muster für alle späteren Beziehungen.

Bindung hängt unmittelbar mit der Entwicklung des Gehirns zusammen. Perry verknüpft Bindungsfähigkeit im folgenden Abschnitt unmittelbar mit der frühen Gehirnentwicklung:

Die Fähigkeit und der Wunsch, emotionale Beziehungen einzugehen, hängen von der Organisation und dem Funktionieren bestimmter Gehirnareale ab. Genauso wie wir dank unseres Gehirns sehen, riechen, schmecken, denken, sprechen und uns bewegen können, ermöglicht uns dieses Organ, zu lieben – oder eben nicht. Jene Systeme des menschlichen Gehirns, die uns erlauben, Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, entwickeln sich im Säuglingsalter und den ersten Lebensjahren. Die Erfahrungen, die wir in dieser frühen, verletzlichen Lebensphase machen, sind entscheidend dafür, ob wir die Fähigkeit entwickeln, intime und emotional gesunde Beziehungen einzugehen.3

Somit können wir Bindungsverletzungen als eine Minderentwicklung von Gehirnarealen betrachten. Dies ist hilfreich für Behandlungsansätze und für die Frage, wie wir das Gehirn trainieren und stimulieren können, um die Fähigkeit zur Bildung gesunder Beziehungen zu verbessern.

Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass das Gehirn eines Kindes noch enorm wachsen und sich verändern kann, je nachdem, welche Eindrücke und Botschaften es erhält. Der Begriff Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, sich auf der Grundlage von Erfahrungen zu verändern und zu wachsen. Dieses Prinzip gilt für die gesamte Lebensspanne, ist jedoch in der Kindheit besonders stark ausgeprägt.

Genauso wie Trauma das Gehirn beeinflussen kann, vermag dies auch Heilung. Wenn wir Erfahrungen machen, bewirken diese, dass Neuronen feuern. Wiederkehrende Erfahrungen verstärken bestimmte neuronale Verknüpfungen und beeinflussen dadurch das Gehirn und das Nervensystem umso nachhaltiger. Diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung von Wiederholung und Beständigkeit für Heilungsprozesse.

Bindung bezieht sich nicht nur auf Eltern-Kind-Beziehungen, sondern auch auf Beziehungen zu engen Freund:innen, Familienangehörigen und Lebenspartner:innen. Allerdings bereiten die ersten Beziehungen des Kindes den Boden für alle späteren. Die Qualität und Art der späteren Bindungen eines Menschen beziehungsweise die Bindungsfähigkeit überhaupt hängen stark von der ersten, primären Bindung ab.

Bindung ist dabei nicht etwas, was das Kind tut oder die Eltern tun. Vielmehr ist es die Verbindung, die sich durch gegenseitige Interaktion zwischen Eltern und Kind formt. Schreit das Kind, so reagiert die Bezugsperson. Macht die Bezugsperson lustige Geräusche, so lächelt das Kind. Idealerweise ist die Bezugsperson eingestimmt auf die Signale des Kindes und vermittelt Stimulation, Geborgenheit und liebevolle Zuwendung. Durch positive Interaktionen mit der Bezugsperson entwickelt das Kind ein Gefühl von Selbstwert, von Wirksamkeit in der Welt sowie ein Muster für alle zukünftigen Beziehungen.

Eine gesunde Bindungserfahrung zur Bezugsperson trägt dazu bei, dass das Kind ein positives Gefühl von sich selbst entwickeln kann, dass es seine Gefühle regulieren, ein starkes Wertesystem ausbilden, Resilienz im Umgang mit Herausforderungen, soziale Verhaltensweisen und Mitgefühl gegenüber anderen erwerben kann. Aus der Resilienzforschung wissen wir, dass schon eine einzige gesunde Beziehung/Bindung in der Kindheit einen starken Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit und das Wohlbefinden des Kindes in seiner weiteren Entwicklung hat.

Ein Kind erleidet eine Bindungsverletzung, wenn die Beziehung zur primären Bezugsperson in den ersten Lebensjahren einschneidend gestört war. Erfolgt keine Behandlung, so wird das Kind möglicherweise mit niedrigem Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten in der Gefühlsregulation und einem Mangel an Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen zu kämpfen haben. Vielleicht zeigt das Kind destruktive, anti-soziale oder sogar bizarre Verhaltensweisen. Obgleich solche Kinder intelligent sein können, werden sie Probleme haben, mit den Herausforderungen des Lebens zurechtzukommen, und ihre Fähigkeit, gesunde Beziehungen einzugehen wird schwer beeinträchtigt sein. Ängstlichkeit, Wut und Depression treten häufig auf. Personen, die sich als Eltern oder Erziehungsberechtigte um diese Kinder kümmern, fühlen sich oft als Versager:innen, weil nichts zu funktionieren scheint. Häufig scheitert die Unterbringung der Kinder in Adoptiv- oder Pflegefamilien aufgrund der unbehandelten Bindungsverletzungen. Bindungsverletzungen können auch ein Problem innerhalb von biologischen Familien darstellen, wenn es frühe Bindungsunterbrechungen gab.

Zu den vielen Faktoren, die eine Bindungsstörung verursachen können, zählen sowohl solche auf Seiten der Bezugsperson als auch auf Seiten des Kindes.

Faktoren seitens der Bezugsperson können sein:

Mehrere aufeinander folgende Bezugspersonen: Ein Kind kann von mehreren Bezugspersonen profitieren, wenn diese während seines Heranwachsens gleichzeitig und kontinuierlich präsent sind, etwa in einer Großfamilie. Hat das Kind hingegen mehrere Bezugspersonen nacheinander, etwa wenn es mehrere Pflegeheime durchläuft, so kann eine schwere Schädigung entstehen, weil jede Beziehung des Kindes immer wieder abbricht. Pflege- und Adoptivkinder haben per Definition Bindungsverletzung erlitten, da sie mindestens eine primäre Bezugsperson verloren haben. Je öfter sie von einem Zuhause in ein anderes verpflanzt werden, umso größer ist das Potenzial für Verletzung.Eingeschränkte Fähigkeit der Bezugsperson, adäquat auf das Kind zu reagieren: Dies kann alle möglichen Ursachen haben, darunter Depression, Krankheit, Sucht, psychische Erkrankung, häusliche Gewalt, längere Trennung oder auch ein Elternteil mit eigenen Bindungsverletzungen, welche die Fähigkeit, sich auf das Kind einzustimmen, beeinträchtigen.Elterlicher Missbrauch oder Vernachlässigung: Schwere Vernachlässigung kann für die Bindungserfahrung eines Kindes sogar noch schlimmer sein als Misshandlung. Ein Kind, das überhaupt keine Resonanz erfährt, kann tiefer verletzt sein, als ein Kind, das grob behandelt wird. Eines der wohl schwierigsten Verhaltensmuster für ein Kind seitens der Bezugsperson ist massive Vernachlässigung mit unvorhersehbar und sporadisch auftretendem Missbrauch.Sorgerechtsstreitigkeiten der Eltern können zu Bindungsschwierigkeiten beim Kind beitragen: Wird ein Kind beispielsweise von einem stabileren Zuhause in ein weniger stabiles verpflanzt, so kann eine Bindungsverletzung entstehen. Das Kind erlebt dann, dass das gesündere Elternteil es dem bedrohlicheren Umfeld des instabilen Elternteils ausliefert, sodass die Bindung zu beiden Elternteilen beschädigt wird.

Faktoren seitens des Kindes können sein:

Alles, was ein Kind daran hindert, mit der Bezugsperson in Resonanz zu gehen, etwa eine Krankheit des Kindes, chronische Schmerzen, Behinderungen oder längere Trennung von der Bezugsperson.

Obwohl jedes Kind individuell reagiert, kann man verallgemeinernd festhalten, dass das Verletzungspotenzial umso höher ist, je schwerwiegender und umfassender die Beziehungsstörung war. Nicht alle Kinder, die Erfahrungen wie die oben beschriebenen gemacht haben, entwickeln ausgeprägte Bindungsverletzungen. Es gibt auch schützende Faktoren, etwa andere wichtige Beziehungen, Veranlagung oder nachfolgende Fürsorgeerfahrungen. Dies sind nur einige Beispiele, die sowohl für Verletzungen als auch für Heilung relevant sind.

Bindungsverletzungen kommen nicht nur den einzelnen Menschen teuer zu stehen, sondern auch die Gesellschaft. So sind Kosten im Sozial- und Gesundheitswesen sowie bei Justiz- und Vollzugsbehörden auch im Zusammenhang mit bindungsverletzten Menschen zu betrachten. Bleiben Bindungsverletzungen unbehandelt, so werden sie in Schleifen von Missbrauch und Vernachlässigung von Generation zu Generation weitergegeben. Jede Bindungsverletzung, die geheilt wird, kommt dem Kind, der Familie und der Gesellschaft als Ganzes zugute.

Für die Zwecke der Multimodalen Bindungstherapie (M-MAT) werden Kinder mit Bindungsschwierigkeiten als Kinder mit Bindungsverletzungen definiert. Der Begriff Bindungsverletzung ist weitreichender und umfassender als der der Bindungsstörung und impliziert eine Skala der Ausprägung von leicht bis schwer. Außerdem beinhaltet der Begriff, wie alle Verletzungen, das Potenzial zur Heilung.

3 Perry, Bruce: Bonding und Attachment in Maltreated Children auf: www.childtrauma.org

Kapitel 3 Kinder mit Bindungsverletzungen

Bindungsverletzungen bei Kindern verstehen

Bei meinen Vorträgen über Bindungstheorie und -therapie mache ich oft die – halb scherzhafte – Bemerkung, dass wir im Grunde alle Bindungsprobleme haben. Jedenfalls haben viele Menschen die frühe Beziehung zu ihren Eltern als fordernd erlebt. Deswegen fallen uns oft auch unsere Beziehungen als Erwachsene untereinander so schwer. Den meisten Menschen gelingt es jedoch, frühe Beziehungsschwierigkeiten im Lauf ihres Lebens und ihrer späteren Beziehungen durchzuarbeiten, gegebenenfalls mit therapeutischer Hilfe. Geht die Bindungsverletzung jedoch zu tief, dann weist das Kind genau die Liebe und Unterstützung zurück, die es zum Heilwerden eigentlich bräuchte. Eine Möglichkeit, Bindungsverletzungen zu fassen, ist, sie als Angststörung zu verstehen. Das Kind reagiert dann derart ängstlich und phobisch auf Beziehungen, dass es die Personen, die helfen könnten, auf jede erdenkliche Art von sich stößt.

Die ersten drei Lebensjahre eines Kindes sind entscheidend für die Entwicklung adäquater Bindungen. Schwerwiegende Störungen während dieser Zeit können großen Schaden anrichten. Für Pflegeeltern ist es womöglich schwer nachvollziehbar, weshalb ein Kind solche Schwierigkeiten hat, obwohl es doch jetzt in einem liebevollen und unterstützenden Zuhause ist. Tatsächlich aber hat das Kind in seinem Körper und seinem Fühlen und Denken die Erfahrung gespeichert, dass Beziehungen verletzend, schmerzhaft und lebensbedrohlich sind, und dazu noch das Gefühl, dass es selbst nicht richtig ist. Neurowissenschaftlich betrachtet, sind die für gesunde Bindungen relevanten Areale des Gehirns vermutlich nicht voll entwickelt, wodurch die Beziehungsfähigkeit beeinträchtigt ist.

Betrachten wir zum Beispiel ein Kind, das in seinen ersten sechs Lebensmonaten eine Bezugsperson mit Suchtthematik und psychischen Problemen hatte. Wenn das Kind aus Hunger und dem Bedürfnis nach Beruhigung schrie, war diese Bezugsperson womöglich nicht bei Bewusstsein. Wach reagierte sie äußerst reizbar auf das anhaltende Schreien des Babys und brüllte es an. Das Kind war unterernährt und untergewichtig. Vielleicht hatte die Mutter einen Partner, der sie misshandelte.

Stellen wir uns vor, das Kind wurde mit sechs Monaten wegen schwerer Vernachlässigung aus seiner Familie herausgenommen. Es kann noch nicht sprechen, hat aber bereits gelernt, dass es keinerlei Kontrolle über sein Umfeld besitzt (die ausbleibende Antwort auf sein Schreien). Obwohl das Kind den biologischen Imperativ verspürt, sich für sein Überleben ganz eng an seine Bezugsperson zu halten, hat es erfahren, dass diese Bezugsperson sein Überleben gefährdet und unzuverlässig ist; dass es gefährlich ist, seine Bedürfnisse einzufordern, aber nicht minder gefährlich, dies nicht zu tun. Das Kind hat gelernt, dass es die Erwachsenen in seinem Leben fürchten und meiden sollte. In seinem neuen Zuhause verhält sich das Kind vielleicht sehr still, vermeidend, quengelig, oder auch anklammernd und vermeidend.

Die neuen Eltern, die sich auf das Baby freuen, ahnen womöglich nichts von seinen Verletzungen und den potenziellen Auswirkungen auf sein Leben, noch wissen sie, wie sie den Heilungsprozess des Babys am besten fördern können. Zum Glück ist das Gehirn des Babys noch nicht voll entwickelt, und wenn die Eltern geschickt und sachkundig agieren, besteht für das Baby eine Heilungschance. Ist dies nicht gegeben, so wird das Kind womöglich sein Leben lang mit Problemen zu kämpfen haben.

Stellen wir uns weiter vor, dass dieses Baby bis zum Alter von drei Jahren bei seinen leiblichen Eltern geblieben wäre. Vielleicht war die Mutter manchmal adäquat, manchmal nicht. Dann hat das Kind jetzt ein Schema für die Bezugsperson und die Beziehung entwickelt, das sich unter anderem mit Erfahrungen wie unberechenbar, gefährlich, verletzend und nicht hilfreich beschreiben lässt. Das Kind hat im Alter von drei Jahren bereits gelernt, dass es sich selbst um die Befriedigung seiner grundlegendsten Bedürfnisse kümmern muss. Es kann sich auf niemanden verlassen. Da kleine Kinder von Natur aus ich-bezogen sind, gesellt sich zu diesen Gedanken noch die Überzeugung des Kindes, dass es selbst schuld ist. Etwas an ihm muss grundlegend falsch sein, sonst würden sich die Eltern nicht so verhalten. Das Kind empfindet sich als nicht richtig, nicht liebenswert. Es gibt keine Freude im Leben dieses Kindes. Im Alter von drei Jahren hat das Gehirn 90 % der Größe des Erwachsenengehirns erreicht. Im beschriebenen Fall war dieser enorme Gehirnzuwachs überwiegend auf Überleben ausgerichtet und darauf, dieses kognitive Schema zu erzeugen, mit dem die Welt irgendwie verstanden und bewältigt werden kann.

Kinder mit Bindungsverletzungen hegen häufig folgende Überzeugungen:

Erwachsene haben im besten Fall emotional nichts anzubieten, im schlimmsten Fall sind sie hochgradig verletzend.Beziehungen sind unsicher, bedrohlich und Angst einflößend.„Ich bin nicht liebenswert.“ / „Ich bin böse.“„Es gibt niemanden, auf den ich mich verlassen kann.“

Infolgedessen fühlt sich das Kind vollkommen allein, haltlos, innerlich leer und ängstlich, ohne zu wissen, was ihm fehlt.

Diese üblicherweise unbewussten Glaubenssätze über sich selbst, über Beziehungen und Bezugspersonen sind sehr mächtig und schwer zu verändern. Daraus resultiert ein selbst-abwertendes, destruktives Verhalten, welches die falschen Überzeugungen verfestigt und genau die Hilfe zurückstößt, die so dringend nötig wäre. Zu diesen Verhaltensweisen zählt beispielsweise:

Emotionale Dysregulation/schwer zu beruhigen – Dies können lang anhaltende Wut- und Trotzanfälle sein, die das Familienleben stark belasten. Eltern berichten beispielsweise, dass sie sich wie auf Zehenspitzen um ihr Kind herum bewegen müssen. Schwierigkeiten in der emotionalen Regulation können auf mangelnde elterliche Einfühlung und Co-Regulation im Säuglingsalter zurückgehen. Kleinkinder lernen durch Eltern und primäre Bezugspersonen, wie sie ihre Gefühle regulieren. Wenn ihnen diese frühe elterliche Unterstützung fehlt, verfügen sie womöglich nicht über die Fertigkeiten oder die Gehirnentwicklung für Selbstregulation.Zurückweisen elterlicher Hilfsangebote bei der Gefühlsregulierung – Dies kann für Eltern, die sich bemühen, ihrem Kind zu helfen, höchst frustrierend sein, vor allem, wenn ihre Bemühungen die Situation eher noch zu verschlimmern scheinen.Kein eigenes aktives Aufsuchen der Bezugspersonen, um sich mitzuteilen, Beruhigung oder Unterstützung zu suchen – Manchmal ­wirken solche Kinder sehr frühreif, sind ausgesprochen unabhängig und scheinen wenig von den Eltern zu brauchen.Kaum Blickkontakt oder Blickkontakt nur unter eigenen Bedingungen – Kleinkinder kommunizieren mit ihren Bezugspersonen sehr stark über Blickkontakt. In einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung erfährt das Kind über die Augen Bestätigung und Wertschätzung durch die Eltern. Auch um die Sicherheit einer Situation einzuschätzen, bedienen sich Kinder eines rückversichernden Blicks zu den Eltern. In einer ungesunden Beziehung, wo das Kind über den Augenkontakt nur Wut oder Verletzung erfahren hat, oder aber Blickkontakt gar nicht stattfand, geben Kinder diesen Weg der Kontaktaufnahme gänzlich auf.Primitive/selbstverletzende Verhaltensweisen zur Selbstberuhigung – Dazu zählen beispielsweise, sich unter Stress aufzukratzen oder mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Ältere Kinder lutschen am Daumen, schaukeln mit dem Oberkörper oder zeigen sonstige Verhaltensweisen, die eigentlich für Kleinkinder typisch sind.Kontrollierendes Verhalten – Das Kind muss immer das Sagen haben und alles kontrollieren, wobei es häufig die Erwachsenen herausfordert oder mit ihnen streitet. Hat ein Kind Eltern erlebt, die nicht fähig waren, Führung zu übernehmen, oder die als Führungspersonen Angst einflößend oder unberechenbar waren, so hat es gelernt, dass es selbst das Sagen haben muss, um sich sicher fühlen zu können.Labiles Ego, schlechter Gewinner/Verlierer – Dieses Kind kann schlecht mit Konkurrenz umgehen. Die Kernüberzeugung des ­Kindes, dass es „nicht richtig“ ist, führt dazu, dass Verlieren unerträglich ist und mit Siegen geprahlt werden muss, weil das Kind dadurch ­versucht, sich die eigenen Wertlosigkeitsgefühle vom Leib zu halten. Aus demselben Grund kann es sein, dass Kinder überempfindlich gegen jegliche Kritik oder negative Rückmeldungen reagieren, sowohl von Gleichaltrigen als auch von Erwachsenen.Schwache Impulskontrolle – Dem Kind fällt es schwer, zu überlegen, bevor es handelt, was zu Problemen in der Schule, zu Hause oder mit Gleichaltrigen führen kann.Erhöhte Wachsamkeit – Das Kind ist stets auf der Hut, was um es herum vorgeht, und ist extrem wachsam in Bezug auf eventuelle Bedrohung oder Gefahr. Womöglich hing sein Überleben davon ab, dass es fähig war, alarmierende Signale in seiner Umgebung oder in der Bezugsperson wahrnehmen zu können.Aggression – Treten, Schlagen, Kratzen oder Beißen sind nicht selten. Auch aggressives Verhalten gegen Tiere und Haustiere kommt vor. Die Aggression kann eine Folge fehlender emotionaler Regulationsfähigkeit oder fehlender Impulskontrolle des Kindes sein, oder ein Ausagieren eigener erfahrener Traumata und/oder eine verzerrte Ausdrucksform von Wut.Gegeneinander Ausspielen von Erwachsenen – Das Kind kann es sich angewöhnt haben, die Erwachsenen in seinem Leben gegeneinander auszuspielen, etwa indem es sich an verschiedene Bezugspersonen wendet, um unterschiedliche Antworten zu erhalten, oder indem es versucht, eine(n) Erwachsene(n) auf seine Seite zu ziehen, damit sie oder er gegen die oder den andere(n) – meist die primäre Bezugsperson – Stellung bezieht.Essthematiken/Horten von Lebensmitteln – Dies kann mit erfahrener Mangelernährung im Säuglingsalter zu tun haben und/oder symbolischer Ausdruck des Bedürfnisses nach emotionalem Genährtwerden sein. Nicht selten finden Eltern oder Erziehungsberechtigte im Kinderzimmer versteckte Nahrungsmittel, oder es kommt vor, dass sich das Kind nachts in die Küche schleicht, um den Kühlschrank oder Vorratsschrank zu plündern.Einschmeichelndes Verhalten – Diese Strategie hat vielleicht das Überleben des Kindes gesichert und ihm geholfen, zumindest einige grundlegende Bedürfnisse befriedigt zu bekommen. Für Eltern kann es besonders frustrierend sein, wenn das Kind anderen Personen gegenüber ein liebenswürdiges Verhalten an den Tag legt, sich ihnen gegenüber aber zornig, reizbar und/oder abweisend verhält.Willkürliche/schwache Grenzen gegenüber fremden Erwachsenen – Das Kind geht wahllos auf Menschen zu, setzt sich zum Beispiel ohne Zögern einem Fremden auf den Schoß. Es sucht dabei Sicherheit, allerdings auf eine riskante Art. Dem unbedarften Erwachsenen mag dieses Verhalten als rührend erscheinen, doch die Verbindung geht nicht tief. In der Welt dieses Kindes sind die Erwachsenen austauschbar. Es gibt weder eine bewusste Unterscheidung noch eine besondere Verbindung zu einem bestimmten Erwachsenen. Solches Verhalten macht das Kind anfällig dafür, immer wieder zum Opfer zu werden.Mangelndes Empathievermögen – Die Grundüberzeugungen des Kindes, in einer feindlichen Welt zu leben und selbst zutiefst nicht in Ordnung zu sein, in Verbindung mit einer großen Bedürftigkeit, erschweren es dem Kind, sich in andere einzufühlen.Lügen und Geschichtenerzählen – Üblicherweise lügen Kinder aus einem bestimmten Grund, entweder um etwas zu bekommen (z. B. Süßigkeiten) oder zu vermeiden (z. B. Strafe). Beim bindungsverletzten Kind kann es sein, dass es ohne ersichtlichen Grund lügt. So erzählen Eltern beispielsweise, ihr Kind behauptet, der Himmel sei gelb, oder es erfindet eine Geschichte von etwas, das sich angeblich in der Schule ereignet haben soll, wobei kein Ziel oder Zweck dieses Verhaltens ersichtlich ist. Manchmal erzählen Kinder sehr ausgefeilte Geschichten, die ganz eindeutig erfunden sind. Die Funktion dieser Erzählungen kann darin liegen, das Ego des Kindes zu schützen oder aufzuwerten, zum Beispiel wenn das Kind erzählt, dass es böse Kerle verprügelt oder irgendwelche kühnen Taten vollbracht hat, oder dass es bestimmte Dinge besitzt, die es in Wirklichkeit nicht hat.Bizarre Verhaltensweisen – Dazu kann alles zählen, was deutlich außerhalb der Norm liegt. Ein Beispiel wäre ein Kind, das den Spielgefährten seinen eigenen Urin als „Limonade“ anbietet.Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen –