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Globalistische Intellektuelle riefen Ende des 20. Jahrhunderts ein "Ende der Geschichte" aus. Der weltumspannende Markt unter amerikanischem Schutz sollte den logischen Abschluss der Moderne mit ihren blutigen zwischenstaatlichen Konflikten bilden. Doch heute stellt sich drängender denn je die Frage: Ist eine global einheitliche Ordnung machbar und erstrebenswert? Yoram Hazony weist nach, dass nur eine Welt der souveränen Nationen individuelle und gemeinschaftliche Freiheit bietet. "Conservative Book of the Year 2019" in den USA!
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Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ich widme dieses Buch mit Liebeden Angehörigen meines Stammes:
AVITALTEKHELETEPHRAIMJARDENAHADAR AHIADGAVRIELBENJAMIN ZE’EV NETZAHJOSEFELIAHU
YORAM HAZONY
Umschlaggestaltung: DSR – Digitalstudio Rypka/Monika Wittmann, Dobl
Umschlagabb. Vorder- und Rückseite: iStock / CarlosAndreSantos
Titel der englischen Originalausgabe: Yoram Hazony: The Virtue of Nationalism, Basic Books, New York 2018, ISBN 978-1-541645-37-0 | Copyright © 2018 by Yoram Hazony
Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Nils Wegner
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ISBN 978-3-99081-025-5
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© Copyright by Ares Verlag, Graz 2020
This edition published by arrangement with Basic Books, an imprint of Perseus Books, LLC, a subsidiary of Hachette Book Group Inc., New York, New York, USA. All rights reserved.
Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, Wien I.
Druck: Finidr, s.r.o., Tschechische Republik
Vorbemerkung des Übersetzers
Einleitung: Eine Rückkehr zum Nationalismus
Erster Teil:Nationalismus und westliche Freiheit
1. Zwei Entwürfe der Weltordnung
2. Die römische Kirche und ihr Reichsgedanke
3. Die protestantische Struktur des Westens
4. John Locke und der liberale Entwurf
5. Der verrufene Nationalismus
6. Liberalismus als Imperialismus
7. Nationalistische Alternativen zum Liberalismus
Zweiter Teil:Plädoyer für den nationalen Staat
8. Zweierlei politische Philosophie
9. Die Grundlagen politischer Ordnung
10. Wo kommen Staaten wirklich her?
11. Unternehmen und Familie
12. Imperium und Anarchie
13. Nationale Freiheit als Ordnungsprinzip
14. Die Tugenden des nationalen Staates
15. Der Mythos der föderalen Lösung
16. Der Mythos des neutralen Staates
17. Ein Recht auf nationale Unabhängigkeit?
18. Einige Prinzipien der Ordnung der nationalen Staaten
Dritter Teil:Antinationalismus und Hass
19. Ist Hass ein Argument gegen Nationalismus?
20. Die Schmierkampagnen gegen Israel
21. Immanuel Kant und das antinationalistische Paradigma
22. Zwei Lehren aus Auschwitz
23. Warum die Ungeheuerlichkeiten der Dritten Welt und des Islam unwidersprochen bleiben
24. Großbritannien, Amerika und andere beklagenswerte Nationen
25. Warum Imperialisten hassen
Fazit: Nationalismus als Tugend
Danksagungen
Anmerkungen
Register
Diese Übersetzung basiert auf der englischsprachigen Erstausgabe von „The Virtue of Nationalism“ (New York 2018). Der Text enthält umfangreiche Wiedergaben sowohl originär englischsprachiger als auch aus anderen Sprachen ins Englische übersetzter Quellen. Wo verfügbar, wurden für die deutschsprachige Ausgabe anerkannte bestehende Übersetzungen englisch- und anderssprachiger Werke herangezogen; wo solche nicht vorlagen, wurde nach bestem Wissen und Gewissen anhand der Zitate in der Erstausgabe bzw. anhand der englischsprachigen Originalquellen übersetzt (vgl. die jeweiligen Anmerkungen).
Sämtliche wiedergegebenen Bibelstellen folgen der Einheitsübersetzung 2016.
In Großbritannien und Amerika hat die Politik eine Wende hin zum Nationalismus vollzogen. Das ist für viele beunruhigend gewesen, besonders in gebildeten Kreisen, wo das globale Zusammenwachsen seit langer Zeit als Voraussetzung vernünftiger politischer Entscheidungen und moralischen Anstands gilt. Aus diesem Blickwinkel scheinen die britische Volksbefragung über den Austritt aus der Europäischen Union und die „America-first“-Rhetorik aus Washington einen Rückfall auf eine primitivere geschichtliche Stufe einzuläuten, wo Kriegshetze und Rassismus offen geäußert wurden und die politische Agenda ganzer Nationen bestimmen konnten. Personen des öffentlichen Lebens, Journalisten und Gelehrte rechnen mit dem Schlimmsten und haben deshalb die Rückkehr des Nationalismus in die amerikanische und britische Gesellschaft auf das Schärfste verurteilt.
Doch der Nationalismus galt nicht immer als das Böse, als das ihn der derzeitige öffentliche Diskurs hinstellt. Noch bis vor ein paar Jahrzehnten war eine nationalistische Politik in der Regel mit Toleranz und einem großzügigen Denken verbunden. Progressive Denker betrachteten das 14-Punkte-Programm Woodrow Wilsons und die Atlantik-Charta von Franklin Roosevelt und Winston Churchill als Zeichen der Hoffnung für die Menschheit – und zwar gerade weil sie als Ausdrucksformen des Nationalismus angesehen wurde, die den unterjochten Völkern auf der ganzen Welt nationale Unabhängigkeit und Selbstbestimmung versprachen. Konservative von Teddy Roosevelt bis Dwight Eisenhower haben ebenfalls vom Nationalismus als einer positiven Eigenschaft gesprochen, und sowohl Ronald Reagan als auch Margaret Thatcher wurden zu ihrer Zeit von Konservativen sehr positiv bewertet für den „Neuen Nationalismus“, den sie in das politische Leben einbrachten. In anderen Ländern führten Staatsmänner von Mahatma Gandhi bis David Ben-Gurion nationalistische politische Bewegungen an, die ihre Völker in die Freiheit führten und sich damit überall Bewunderung und Wertschätzung erwarben.1
Sicher, die vielen Staatsmänner und Intellektuellen, die sich vor ein paar Generationen den Nationalismus zu eigen machten, wussten etwas über dieses Thema und versuchten nicht einfach nur, uns in ein primitiveres Stadium unserer Geschichte zurückzuzerren, zurück zu Kriegshetze und Rassismus. Was also sahen sie im Nationalismus? Ob nun in der öffentlichen Diskussion oder im akademischen Betrieb: Es hat nur überraschend wenige Versuche gegeben, diese Frage zu beantworten.
Durch meinen eigenen Hintergrund ist mir ein gewisser Einblick in die Materie vergönnt. Ich bin mein ganzes Leben lang ein jüdischer Nationalist gewesen, ein Zionist.2 Wie die meisten Israelis habe auch ich diese politische Anschauung von meinen Eltern und Großeltern geerbt. Meine Familie kam in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren ins jüdische Palästina mit dem Ziel, dort einen unabhängigen jüdischen Staat zu errichten. Sie hatten Erfolg, und ich habe den Großteil meines Lebens in einem Land verbracht, das von Nationalisten geschaffen wurde und bis zum heutigen Tage weitgehend von Nationalisten regiert wird. Über die Jahre hinweg habe ich unzählige Nationalisten kennengelernt, einschließlich Personen des öffentlichen Lebens und Intellektuelle sowohl aus Israel als auch aus anderen Ländern. Und auch wenn sie nicht alle nach meinem Geschmack waren, so hege ich doch insgesamt eine tiefe Bewunderung für diese Menschen – für ihre Treue und ihren Mut, ihre praktische Vernunft und ihre moralische Anständigkeit. Für sie ist der Nationalismus keine unergründliche politische Krankheit, die in regelmäßigen Abständen ohne erkennbaren Grund und mit bösen Auswirkungen Länder ergreift, so wie ihn in Amerika und Großbritannien heute viele zu sehen scheinen. Der Nationalismus ist stattdessen eine vertraute politische Theorie, mit der sie aufgewachsen sind, eine Theorie darüber, wie die politische Welt geordnet werden sollte.
Worum geht es in dieser nationalistischen politischen Theorie? Der Nationalismus, mit dem ich aufgewachsen bin, ist die prinzipielle Ansicht, wonach die Welt am besten geregelt ist, wenn Nationen ohne fremde Einmischung ihren eigenen unabhängigen Kurs fahren, ihre eigenen Traditionen pflegen und ihre eigenen Interessen verfolgen können. Dies steht im Gegensatz zum Imperialismus, der der ganzen Welt Frieden und Wohlstand bringen will, indem er die Menschheit – so weit wie möglich – unter einem einzigen politischen System vereint. Ich gehe nicht davon aus, dass die Argumente eindeutig zugunsten des Nationalismus ausfallen. Es lassen sich für jede dieser Theorien Erwägungen anstellen. Was man aber nicht ohne Verdunkelung kann, ist sich darum zu drücken, sich für eine der beiden Positionen zu entscheiden: Entweder unterstützt man grundsätzlich das Ideal einer internationalen Regierung oder eines internationalen Systems, das den ihm unterworfenen Nationen seinen Willen aufzwingt, wenn es das für nötig hält – oder man glaubt daran, dass Nationen die Freiheit haben sollten, ohne eine solche internationale Regierung oder ein internationales System ihren eigenen Weg zu bestimmen.3
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 wurde dieser Widerstreit zwischen Nationalismus und Imperialismus wieder äußerst bedeutungsvoll. Zu jener Zeit endete der Kampf gegen den Kommunismus, und das Denken der westlichen Führer vertiefte sich in zwei große imperialistische Projekte: die Europäische Union, die ihre Mitgliedstaaten schrittweise um viele der Kompetenzen erleichtert hat, die man für gewöhnlich mit politischer Unabhängigkeit verbindet, sowie das Vorhaben der Errichtung einer amerikanischen „Weltordnung“, in welcher Nationen, die das Völkerrecht nicht einhalten, dazu gezwungen werden sollen, vor allem mithilfe der amerikanischen Militärmacht. Dies sind imperialistische Projekte, auch wenn ihre Verfechter sie nicht gerne so nennen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens dienen sie dem Zweck, unabhängigen nationalen Regierungen die Entscheidungsfindung zu entwinden und sie internationalen Regierungen oder Behörden zu überantworten. Und zweitens – wie man an ihren Veröffentlichungen sehr leicht ablesen kann – sind die Individuen und Institutionen, die diese Bestrebungen unterstützen, ganz bewusst Teil einer imperialistischen politischen Tradition, die ihre geschichtliche Inspiration vom Römischen Reich, der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und dem Britischen Empire bezieht. Charles Krauthammers Plädoyer für eine amerikanische „Weltherrschaft“ beispielsweise, das zum Anbruch der Ära nach dem Kalten Krieg geschrieben wurde, ruft Amerika dazu auf, einen „Super-Souverän“ zu schaffen, der über die endgültige „Abschreibung […] des Begriffs der Souveränität“ für alle Nationen der Erde wachen soll. Krauthammer bedient sich der lateinischen Phrase pax Americana, um diese Vision zu beschreiben, und beschwört so das Bild der Vereinigten Staaten als neuem Rom herauf: So wie das Römische Reich angeblich eine pax Romana (einen „römischen Frieden“) errichtet habe, der Sicherheit und Ruhe für ganz Europa bewirkte, so würde nun Amerika der gesamten Welt Sicherheit und Frieden bringen.4
Diese Blütezeit imperialistischer politischer Ideen und Vorhaben in der vergangenen Generation hätte eine lebhafte Debatte zwischen Nationalisten und Imperialisten entzünden sollen, darüber, wie die politische Welt organisiert werden sollte. Doch bis vor sehr kurzer Zeit wurde eine Diskussion dieser Art weitgehend vermieden. Seit 1990, als Margaret Thatcher von ihrer eigenen Partei gestürzt wurde, nachdem sie Zweifel an der Europäischen Union geäußert hatte, hat so gut wie niemand in einer einflussreichen Position in Amerika oder Europa Interesse daran gezeigt, sich mit der großen Vision im Zentrum dieser beiden Pläne zum Aufbau von Imperien anzulegen.5 Diese unheimliche Einmütigkeit hat es der Europäischen Union ebenso wie der amerikanischen „Weltordnung“ gestattet, weiter fortzuschreiten, ohne eine brisante öffentliche Debatte anzustoßen.
Gleichzeitig waren sich die politischen und intellektuellen Fürsprecher dieser Projekte deutlich bewusst, dass die Europäer möglicherweise keinen großen Gefallen an der Aussicht auf ein erneuertes „Deutsches Reich“ finden würden, selbst wenn dieses dem Namen nach von Brüssel aus regiert würde. Auch hatten sie zu berücksichtigen, dass die Amerikaner schon oft vor der Idee eines „Amerikanischen Empire“ zurückgescheut sind. Aus diesen Gründen wurden so gut wie alle öffentlichen Diskussionen über diese Bestrebungen in einem undurchsichtigen Neusprech geführt, voller Euphemismen wie „Neue Weltordnung“, „immer engerer Zusammenschluss“, „Offenheit“, „Globalisierung“, „Global Governance“, „gemeinsame Souveränität“, „regelkonforme Ordnung“, „Weltrechtsprinzip“, „internationale Gemeinschaft“, „liberaler Internationalismus“, „Transnationalismus“, „amerikanische Führungsrolle“, „amerikanisches Jahrhundert“, „unipolare Welt“, „unverzichtbare Nation“, „Hegemon“, „Subsidiarität“, „nach den Regeln spielen“, „auf der richtigen Seite der Geschichte“, „Ende der Geschichte“ und so weiter.6 Das alles ging eine Generation lang gut – bis die Bedeutung dieser Phrasen endlich einer breiten Öffentlichkeit klar zu werden begann. Die Folgen sehen wir heute vor uns.
Ob der Ausbruch nationalistischer Gefühle in Großbritannien und Amerika nun letztendlich das Beste für diese Länder sein wird, muss sich zeigen. Aber vielleicht können wir uns alle auf eines einigen: Die Zeit des leeren Geschwafels ist vorbei. Wir stehen mitten in der Debatte zwischen Nationalismus und Imperialismus. Imperialismus und Nationalismus sind eindrucksvolle und entgegengesetzte Ideen, die schon früher gegeneinander angetreten sind und ihre alte Auseinandersetzung in unseren Tagen wieder aufgenommen haben. Jeder dieser Standpunkte verdient es, dass man ihn sorgfältig durchdenkt und mit dem gebotenen Respekt erörtert, und dazu gehört eine geradlinige und unzweideutige Sprache, damit wir alle verstehen, worum es geht. Wir wollen hoffen, dass diese so lange überfällige Debatte in einer Weise geführt wird, die gleichermaßen offen, vernünftig und klar ist.
Ich habe dieses Buch geschrieben als Feststellung der Gründe dafür, ein Nationalist zu sein.7 Um zu einer Diskussion beizutragen, die so klar und verständlich wie möglich sein soll, werde ich den „Globalismus“ als das auffassen, was er offensichtlich ist – ein Abklatsch des alten Imperialismus. Und ebenso werde ich keine Zeit damit verschwenden, den Nationalismus aufzuhübschen, indem ich ihn „Patriotismus“ nenne, wie es heute viele in Kreisen tun, in denen Nationalismus als etwas Ungehöriges gesehen wird.8 Normalerweise bezieht sich Patriotismus auf die Liebe oder Loyalität eines Individuums zu seiner oder ihrer eigenen unabhängigen Nation. Der Begriff Nationalismus lässt sich ganz ähnlich gebrauchen, wenn wir etwa von Mazzini als einem italienischen Nationalisten oder von Gandhi als einem indischen Nationalisten sprechen. Nationalismus kann aber auch mehr als das sein. Es gibt, wie ich bereits anmerkte, eine lange Tradition des Gebrauchs dieses Worts für eine Theorie der besten politischen Ordnung – nämlich einer antiimperialistischen Theorie, die eine Welt der freien und unabhängigen Nationen schaffen möchte. In diesem Sinne werde ich den Begriff in diesem Buch verwenden.
Wenn die Dinge erst einmal im Lichte dieser seit Langem bestehenden Konfrontation zwischen zwei einander unversöhnlich gegenüberstehenden Wegen des Denkens über politische Ordnung gesehen werden, dann lässt sich das gesamte Thema viel leichter verstehen, und der Weg ist frei für eine intelligentere Konversation.
Meine Erörterung wird folgendermaßen aussehen:
Im ersten Teil des Buches, „Nationalismus und westliche Freiheit“, biete ich einen einfachen historischen Rahmen für das Verständnis der Konfrontation zwischen dem Imperialismus und dem Nationalismus, wie sie sich in den westlichen Nationen entwickelt hat. Ich eröffne die Unterscheidung zwischen einer politischen Ordnung, die auf dem nationalen Staat beruht, welcher über eine einzige Nation zu herrschen bestrebt ist, und einer solchen, die zum Ziel hat, Frieden und Wohlstand zu bringen, indem die Menschheit unter einem einzigen politischen System vereint wird – einem imperialen Staat.9 Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung für die politische Lehre der hebräischen Bibel (des „Alten Testaments“), und im Nachgang der Reformation inspirierte sie in Nationalstaaten wie England, den Niederlanden und Frankreich den Abfall von der Autorität des Heiligen Römischen Reiches. Damit begann eine Ära von vier Jahrhunderten, in denen die Völker Westeuropas und Amerikas unter einem neuen protestantischen Entwurf der politischen Welt lebten, in welchem die nationale Unabhängigkeit und Selbstbestimmung als grundlegende Prinzipien anerkannt wurden. Tatsächlich sollten sie schließlich als einige der wertvollsten menschlichen Güter und Ursprung all unserer Freiheiten gelten. Eine Weltordnung der unabhängigen Nationen würde diverse Formen der Selbstverwaltung, des religiösen Bekenntnisses und der Kultur zulassen, eine „Welt der Experimente“, die der gesamten Menschheit zugutekäme.
Noch bis zum Zweiten Weltkrieg glaubten viele, dass der Grundsatz der nationalen Freiheit der Schlüssel zu einer gerechten, vielfältigen und verhältnismäßig friedlichen Welt sei. Doch Hitler hat all das verändert, und heute leben wir mit der Nachwirkung, dass eine unablässig wiederholte, holzschnittartige Erzählung behauptet, „Nationalismus“ habe „zwei Weltkriege und den Holocaust verursacht“. Und wer würde schon ein Nationalist sein wollen, wenn Nationalismus bedeutete, Rassismus und Blutvergießen in einem unvorstellbaren Ausmaß zu unterstützen?
Da der Nationalismus dermaßen angeschwärzt wurde und die größten Übel unseres Zeitalters verursacht haben soll, überrascht es nicht, dass die alten Institutionen im Dienste der nationalen Unabhängigkeit allmählich geschwächt und schließlich sogar um ihr Ansehen gebracht worden sind. Heutzutage gilt vielen eine intensive persönliche Loyalität zum Nationalstaat und seiner Unabhängigkeit als nicht nur unnötig, sondern moralisch verdächtig. Diese Menschen betrachten nationale Loyalitäten und Traditionen nicht länger als vernünftige Grundlagen zur Bestimmung der Gesetze, die unser tägliches Leben bestimmen, oder um die Wirtschaft zu regulieren, Entscheidungen über Verteidigung und Sicherheit zu treffen, allgemeine Normen in Sachen Religion und Bildung festzusetzen – oder um darüber zu entscheiden, wer in welchem Teil der Welt leben darf. Die neue Welt, die ihnen vorschwebt, ist eine, in der liberale Theorien von Rechtsstaatlichkeit, von Marktwirtschaft und von Individualrechten – die sich allesamt im innerstaatlichen Kontext von Nationalstaaten wie Großbritannien, den Niederlanden und Amerika entwickelt haben – als allgemeingültige Wahrheiten betrachtet und für die angemessene Grundlage eines internationalen Systems gehalten werden, das die Unabhängigkeit der Nationalstaaten unnötig machen wird.10 Was sie vorschlagen, ist also in anderen Worten ein neues „liberales Reich“, das die alte protestantische Ordnung auf Basis der unabhängigen Nationalstaaten ersetzen soll. Das Imperium soll uns vor den Übeln des Nationalismus retten.
Doch haben die Unterstützer des neuen Imperialismus korrekt dargestellt, was Nationalismus ist und woher er kommt? Haben sie recht, wenn sie dem Nationalismus die größten Übel des letzten Jahrhunderts anhängen? Und ist ein erneuerter Imperialismus wirklich die Lösung?
Aus meiner Sicht ist all das äußerst zweifelhaft. Und im zweiten Teil, „Plädoyer für den nationalen Staat“, trete ich dafür ein, dass eine Welt aus unabhängigen nationalen Staaten als die beste politische Ordnung anzusehen ist, und erläutere, warum wir den jetzt so beliebten Imperialismus ablehnen sollten. Dieser Teil des Buches bietet eine Philosophie der politischen Ordnung auf Grundlage eines Vergleichs zwischen den drei konkurrierenden Wegen einer Organisation der politischen Welt, die wir aus Erfahrung kennen: der Stammes- und Clanordnung, die sich in so gut wie allen vorstaatlichen Gesellschaften findet, einer internationalen Ordnung unter einem imperialen Staat und einer Ordnung unabhängiger nationaler Staaten.
Die meisten jüngeren Versuche, eine „globalistische“ politische Ordnung mit einer Welt von nationalen Staaten zu vergleichen, haben sich auf die geplanten wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Vorteile einer einheitlichen Rechtsordnung für die ganze Welt beschränkt. Gemäß der Ansicht hingegen, die ich hier vertrete, sind Argumente auf der Grundlage von Wirtschaft und Sicherheit zu eng gefasst, um eine angemessene Antwort auf die Frage nach der besten politischen Ordnung zu geben. In der Wirklichkeit ist vieles von dem, was im politischen Leben stattfindet, von Bedenken getragen, die unserer Zugehörigkeit zu Kollektiven wie Familien, Stämmen und Nationen entspringen. Menschen werden in solche Kollektive hineingeboren oder nehmen sie später im Leben an, und sie sind ihnen durch mächtige Bindungen der gegenseitigen Loyalität unter ihren Mitgliedern verbunden. Tatsächlich betrachten wir diese Kollektive als einen integralen Teil unserer selbst. Viele, wenn nicht die meisten politischen Ziele entwickeln sich aus gefühlten Verantwortlichkeiten oder Verpflichtungen, die wir nicht gegenüber uns selbst als Individuen haben, sondern gegenüber einem erweiterten „Selbst“, das unsere Familie, unseren Stamm oder unsere Nation einschließt. Dazu gehört die Sorge um das Leben und den Besitz anderer Mitglieder des Kollektivs, dem gegenüber wir loyal sind. Wir werden aber auch erheblich motiviert durch gemeinsame Anliegen, die nicht derart materiell sind: das Bedürfnis, den inneren Zusammenhalt der Familie, des Stammes oder der Nation zu bewahren, und das Bedürfnis, das einzigartige kulturelle Erbe des Kollektivs zu stärken und es an die nächste Generation weiterzugeben.
Wir können diese Dimensionen der politischen Motivation des Menschen nicht hinreichend beschreiben, wenn wir nur das Streben des Individuums in den Blick nehmen, sein Leben, seine persönliche Freiheit und sein Eigentum zu schützen. In Wahrheit will und braucht jeder von uns darüber hinaus noch etwas anderes, für das ich die Bezeichnung kollektive Selbstbestimmtheit vorschlage: die Freiheit der Familie, des Stammes oder der Nation. Diese Freiheit spüren wir, wenn das Kollektiv, dem gegenüber wir loyal sind, an Stärke gewinnt und jene speziellen Eigenschaften und Charakteristika entwickelt, die ihm in unseren Augen eine einzigartige Bedeutung verleihen.
In der liberalen politischen Tradition wird die Sehnsucht und das Bedürfnis nach solcher kollektiven Selbstbestimmtheit meist als primitiv und überflüssig angesehen. Es wird davon ausgegangen, dass mit der Heraufkunft der Moderne die Individuen sich von Motivationen dieser Art befreit hätten. Ich werde aber darlegen, dass nichts dergleichen wirklich passiert. Die britischen und amerikanischen Konzepte der individuellen Freiheit sind keine Universalien, die jedermann sofort verstehen und begehren könnte, auch wenn das oft behauptet wird. Sie sind selbst das kulturelle Erbe bestimmter Stämme und Nationen. Wenn Amerikaner oder Briten danach streben, diese Konzepte auf die ganze Welt auszudehnen, dann äußert sich darin der uralte Drang nach kollektiver Selbstbestimmtheit, der sie dazu bewegt, ihrem eigenen kulturellen Erbe zu Macht und Einfluss verhelfen zu wollen – selbst wenn das bedeutet, das Erbe anderer zu zerstören, die die Dinge möglicherweise anders sehen.
Mein Einwand verweist auf einige entscheidende Vorzüge einer Ordnung der politischen Welt um unabhängige nationale Staaten herum. Unter anderem behaupte ich, dass die Ordnung der nationalen Staaten die höchste Möglichkeit für kollektive Selbstbestimmtheit bietet, dass sie den Menschen eine Abneigung gegen die Eroberung fremder Nationen einprägt, dass sie der Toleranz vielfältiger Lebensentwürfe die Tür öffnet und dass sie zu einem Leben erstaunlich produktiven Wettbewerbs unter Nationen führt, weil jede von ihnen danach strebt, die weitestmögliche Entwicklung ihrer eigenen Fähigkeiten und der ihrer individuellen Angehörigen zu erreichen. Des Weiteren bin ich der Ansicht, dass die mächtigen gegenseitigen Loyalitäten, die den Kern des nationalen Staates bilden, uns die einzig bekannte Grundlage zur Schaffung freier Institutionen und individueller Freiheiten liefern.
Diese und andere Erwägungen legen nahe, dass eine Welt der unabhängigen nationalen Staaten die beste politische Ordnung ist, die wir anstreben können. Das bedeutet gleichwohl nicht, dass wir ein universales Recht auf Selbstbestimmung, wie es Woodrow Wilson vorschlug, unterstützen sollten. Nicht jedes der zigtausend staatenlosen Völker dieser Erde kann oder wird politische Unabhängigkeit erlangen; welchen Stellenwert sollte also das Prinzip der nationalen Unabhängigkeit im Verhältnis der Nationen zueinander einnehmen? Ich schließe den zweiten Teil mit Überlegungen darüber, wie relevant die Ordnung der nationalen Staaten auf einer realen internationalen Bühne sein kann, wo sich politische Unabhängigkeit nicht immer und überall herstellen lässt.
Das am häufigsten gegen nationalistische Politik in Stellung gebrachte Argument besagt, dass sie Hass und Intoleranz schüre. Und gewiss liegt darin ein Stück Wahrheit: In jeder nationalistischen Bewegung findet man Hassprediger und Intolerante. Aber welche Schlussfolgerung sollten wir daraus ziehen? Meiner Ansicht nach wird die Bedeutung dieser Tatsache durch die Erkenntnis abgeschwächt, dass universalistische politische Ideen – von der Sorte, die beispielsweise in der Europäischen Union sehr deutlich hervortreten – ausnahmslos mindestens genauso viel Hass und Intoleranz hervorzubringen scheinen wie nationalistische Bewegungen. Im dritten Teil, „Antinationalismus und Hass“, gehe ich diesem Phänomen nach und vergleiche den Hass zwischen konkurrierenden nationalen oder stammesbasierten Gruppen, die sich voneinander bedroht fühlen, mit dem Hass der Verfechter imperialistischer oder universalistischer Ideologien auf nationale oder stammesbasierte Gruppen, die sich weigern, ihre Behauptung zu akzeptieren, dass sie der Welt Erlösung und Frieden bringen würden. Das bekannteste Beispiel für den Hass, der aus imperialistischen oder universalistischen Ideologien entspringt, ist wohl der christliche Antisemitismus. Doch der Islam, der Marxismus und der Liberalismus haben ebenfalls ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, ähnlich barbarische Hassgefühle gegenüber Gruppen zu entfachen, die zum Widerstand gegen ihre universalen Lehren entschlossen sind. Tatsächlich behaupte ich, dass liberal-imperialistisches Gedankengut zu einem der mächtigsten Akteure geworden ist, die in der heutigen westlichen Welt zu Intoleranz und Hass aufhetzen. Das ist an sich noch keine Empfehlung für den Nationalismus. Aber es deutet darauf hin, dass Hass ein grundsätzlicher Bestandteil aller politischen Bewegungen sein könnte und die Auseinandersetzung zwischen Nationalismus und Imperialismus auf einer anderen Ebene ausgetragen werden sollte.
Im Fazit, „Nationalismus als Tugend“, liefere ich einige knappe Bemerkungen zum Verhältnis zwischen Nationalismus und persönlichem Charakter. Mein ganzes Leben lang habe ich gehört, dass Nationalismus die menschliche Persönlichkeit verderbe. Ich habe diese Ansicht von Christen und Muslimen, von Liberalen und Marxisten gehört, die alle miteinander den Nationalismus für eine Sünde halten, weil er Grenzen zwischen den Menschen hochziehen wolle, wo wir sie doch stattdessen niederreißen sollten. Meine eigene Auffassung ist eine andere. Im Haus meines Vaters wurde ich gelehrt, dass es eine Tugend ist, Nationalist zu sein. Ich werde erklären, wie das wahr sein kann, und zeigen, dass eine Ausrichtung hin auf eine Ordnung der unabhängigen Nationen den Weg ebnen kann für gewisse positive Charakterzüge, die schwieriger – wenn nicht gar unmöglich – zu erwerben sind, solange man weiterhin dem Traum vom Imperium anhängt.
Vieles bleibt unklar über den genauen Kurs, den der wiederbelebte Nationalismus in Großbritannien, Amerika und anderen Nationen einschlagen wird. Doch in welche Richtung sich der politische Wind auch noch drehen mag, sicher ist, dass die im Zentrum der westlichen Öffentlichkeit freigelegte Spannungslinie nicht einfach verschwinden wird. Die Politik der Nationen richtet sich entlang dieser Linie neu aus und trennt alle, die die alten nationalistischen Grundlagen unserer politischen Welt beibehalten möchten, von Bildungseliten, die sich in unterschiedlichem Ausmaß einer Zukunft unter imperialer Herrschaft verschrieben haben. Von daher kann es zum jetzigen Zeitpunkt kaum ein Thema geben, das eine sorgfältige Behandlung mehr verdient hätte als jenes von Nationalismus und Imperialismus.
Indem ich dieses Thema angehe, werde ich verschiedene politische Begriffe verwenden und entwickeln, etwa Nation, Reich, Unabhängigkeit, nationale Freiheit, Selbstbestimmung, Loyalität, Stamm, Tradition und Duldung. Viele dieser Begriffe machen einen etwas antiquierten Eindruck, doch ich bitte den Leser diesbezüglich um Geduld. Es stimmt, dass diese und anverwandte Begriffe in den letzten Jahren weitgehend beiseitegeschoben worden sind, zugunsten eines Diskurses, der politische Probleme beinahe ausschließlich in Zusammenhängen von Staat, Gleichheit, persönlicher Freiheit, Rechten, Einverständnis und Rasse verstehen will. Doch diese Verengung unserer politischen Perspektive ist selbst eine der wesentlichen Schwierigkeiten, denen wir heute gegenüberstehen. Die politische Welt lässt sich nicht auf diese Schlagwörter reduzieren, und der Versuch, es trotzdem zu tun, führt zur Blindheit in entscheidenden Bereichen – erst zur Blindheit, dann zur Orientierungslosigkeit, wenn wir anfangen, mit Dingen zusammenzustoßen, die noch immer sehr real sind, selbst wenn wir sie nicht länger sehen können. Ein breites Spektrum politischer Begriffe, die für den heutigen Gebrauch aufpoliert wurden, kann viel dazu beitragen, das volle Ausmaß unserer Perspektive wiederherzustellen und die Verwirrung zu zerstreuen, die uns überwältigt hat. Und wenn wir erst einmal die Pfade deutlich erkennen können, wird es auch einfacher, zu entscheiden, welche Richtung einzuschlagen ist.
Jahrhundertelang war die Politik der westlichen Nationen gekennzeichnet von einem Kampf zwischen zwei entgegengesetzten Entwürfen der Weltordnung: einer Ordnung der freien und unabhängigen Nationen, von denen eine jede ihre politischen Ziele im Einklang mit ihren eigenen Traditionen und Auffassungen verfolgt, sowie einer Ordnung der unter einer einzigen Rechtsordnung vereinten Völker, die von einer einzigen supranationalen Obrigkeit verkündet und aufrechterhalten wird. Über die letzten Generationen hinweg wurde der erste Entwurf von Nationen wie Indien, Israel, Japan, Norwegen, Südkorea und der Schweiz vertreten – und natürlich von Großbritannien, im Kielwasser seiner Wende hin zur Unabhängigkeit. Der zweite Entwurf wird vom Großteil des Führungspersonals der Europäischen Union vertreten, welche 1992 im Vertrag von Maastricht ihre Verpflichtung auf das Vorhaben einer „immer engeren Union“ der Völker nochmals bekräftigt hat und seitdem dazu übergegangen ist, in den meisten Mitgliedstaaten EU-Gesetze und eine EU-Währung einzuführen sowie die Freizügigkeit zwischen ihnen einzufordern.11 Die Vereinigten Staaten, seit ihrer Gründung dem Idealbild des unabhängigen nationalen Staates verpflichtet, waren bis zum Zweiten Weltkrieg in der Lage, diesen Charakter größtenteils beizubehalten. Doch angesichts der Herausforderung durch die Sowjetunion und insbesondere nach dem Ende des Kalten Krieges sind sie von diesem Modell der nationalen Unabhängigkeit abgewichen und haben sich mehr und mehr dem Streben nach Errichtung einer weltweiten Rechtsordnung hingegeben, die allen Nationen mittels amerikanischer Macht aufgezwungen werden soll.12
Der Konflikt zwischen diesen beiden Entwürfen der besten politischen Ordnung ist so alt wie der Westen selbst. Die Vorstellung, dass die politische Ordnung auf unabhängigen Nationen beruhen sollte, war ein wichtiger Bestandteil des altisraelitischen Denkens, wie es sich in der hebräischen Bibel (dem „Alten Testament“) niedergeschlagen hat.13 Und auch wenn die westliche Zivilisation den größten Teil ihrer Geschichte hindurch von allumfassenden imperialen Träumen beherrscht war, so hat der Platz der Bibel im Zentrum dieser Zivilisation doch sichergestellt, dass das Ideal der selbstbestimmten, unabhängigen Nation ein ums andere Mal neu belebt wurde.14
Warum ist der Bibel dermaßen an der Unabhängigkeit der Nationen gelegen? Die Welt der Propheten Israels stand ganz im Zeichen einer Abfolge imperialer Mächte: Ägypten, Babylonien, Assyrien und Persien, die einander nach und nach verdrängten. Ungeachtet ihrer Unterschiede versuchte jedes dieser Imperien, der Menschheit als Ganzes eine universale politische Ordnung aufzuzwingen, wonach es von den Göttern gesandt worden sei, um die unnötigen Auseinandersetzungen zwischen den Völkern zu unterdrücken und ein geeintes internationales Reich zu schaffen, in dem die Menschen in Frieden und Wohlstand zusammenleben könnten. „Nicht hungerte man in meinen Jahren, nicht dürstete man da“, schrieb einige Jahrhunderte vor Abraham der Pharao Amenemhet I., „Man sitzt bei dem, was ich geschaffen habe und spricht über mich“.15 Und das war keine leere Angeberei. Indem sie in weiten Landstrichen die Kriegstreiberei beendeten und die Bewohner für ertragreiche landwirtschaftliche Arbeit einspannten, waren imperiale Mächte tatsächlich in der Lage, Millionen von Menschen einen verhältnismäßig verlässlichen Frieden zu bringen und der Gefahr von Hungersnöten ein Ende zu setzen. Kein Wunder also, dass die imperialen Herrscher des Altertums es – mit den Worten des babylonischen Königs Hammurabi – als ihre Aufgabe ansahen, „die vier Weltgegenden im Gehorsam zu halten“. Dieser Gehorsam war es, der die Erlösung von Kriegen, Seuchen und Hunger möglich machte.16
Und doch, trotz der offensichtlichen wirtschaftlichen Vorteile eines ägyptischen oder babylonischen Friedens, der die Menschheit geeint hätte, entsprang die Bibel einem tief sitzenden Widerstand gegen genau dieses Ziel. Für die Propheten Israels war Ägypten das „Sklavenhaus“, und sie verurteilten mit deutlichen Worten das Blutvergießen und die Grausamkeit der imperialistischen Eroberung und des imperialen Herrschaftsgebarens, dessen Rückfall in Sklaverei und Mord sowie seine Wegnahme von Frauen und Eigentum.17 All dies, so behaupteten die israelitischen Propheten, sei eine Folge der Götzenverehrung der Ägypter – ihrer Unterwerfung unter Götter, die jedes Opfer rechtfertigten, solange es die Ausdehnung des imperialen Friedensreiches vermehrte und die Getreideproduktion unter Volllast am Laufen hielt.
Gab es eine brauchbare Alternative zum universalen Imperium? Der Nahe Osten der Antike hatte viel Erfahrung mit ortsgebundener politischer Macht in Form von Stadtstaaten. Diese aber waren gegenüber imperialen Armeen und der diese motivierenden Ideologie des universalen Imperiums in den allermeisten Fällen hilflos gewesen. In der Bibel finden wir die erste kontinuierliche Vorstellung einer anderen Möglichkeit: einer politischen Ordnung, die auf der Unabhängigkeit einer Nation fußt, welche innerhalb klarer Grenzen an der Seite anderer unabhängiger Nationen lebt.
Mit Nation meine ich eine gewisse Anzahl von Stämmen mit gemeinsamer Sprache oder Religion und einer Geschichte des Zusammenwirkens als Einheit zum Zwecke der gemeinsamen Verteidigung oder einer anderen großen Unternehmung.18 Die Bibel propagiert systematisch die Idee, dass die Angehörigen einer Nation einander als „Brüder“ betrachten sollten, und das Gesetz Mose bot den Israeliten eine Verfassung, die sie zusammenbringen sollte in dem, was man heute einen Nationalstaat nennt.19 Der König eines solchen Staates sollte „aus der Mitte deiner Brüder“ eingesetzt werden. Auch seine Propheten sollten „aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern“ erstehen. Ebenso seine Priester, deren Aufgabe es war, die traditionellen Gesetze der Nation zu bewahren und durch sie den König zu lehren, „sein Herz nicht über seine Brüder zu erheben“.20 Darüber hinaus setzte Moses Israel Grenzen, indem er seinem Volk befahl, die Finger von den Ländereien benachbarter Königreiche wie jenen der Moabiter, der Edomiter und der Ammoniter zu lassen, die ihre eigene Unabhängigkeit verdienten. Wie er es dem Volk in Gottes Namen verkündigte:
Ihr werdet jetzt durch das Gebiet von Stammverwandten ziehen, durch das Gebiet der Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen. Wenn sie Furcht vor euch zeigen, dann seid auf der Hut und beginnt keine Feindseligkeiten gegen sie! Von ihrem Land gebe ich euch keinen Fußbreit; denn das Gebirge Seïr habe ich für Esau zum Besitz bestimmt. […] Begegne Moab nicht feindlich, beginn keinen Kampf mit ihnen! Von ihrem Land bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn Ar habe ich für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt. […] Wenn du heute durch das Gebiet von Moab, durch Ar, ziehst, kommst du nahe an den Ammonitern vorbei. Begegne ihnen nicht feindlich, beginne keine Feindseligkeiten gegen sie! Vom Land der Ammoniter bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn ich habe es für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt.21
Das sind auch keine ungewöhnlichen Sätze. Überall in der Bibel lesen wir, dass das politische Bestreben der Propheten Israels nicht auf ein Imperium gerichtet war, sondern auf eine freie und geeinte Nation, die in Gerechtigkeit und Frieden unter anderen freien Nationen lebten sollte.22
Die Bibel brachte damit ein neues politisches Konzept aufs Tapet: einen Staat einer einzelnen Nation, der geeint, selbstregiert und an der Eroberung seiner Nachbarn nicht interessiert sein sollte. Dieser Staat wurde nicht von Ausländern regiert, die einem Herrscher in einem fernen Land verantwortlich waren, sondern von Königen und Statthaltern, Priestern und Propheten, die der Nation selbst entwachsen waren – Individuen, die aus genau diesem Grunde vertrauter sein sollten mit den Wünschen ihres eigenen Volkes, ihrer „Brüder“, und zwar auch der Bedürftigen darunter.
Hinzu kommt, dass der König der Israeliten aus dem Volk stammt und nicht der Repräsentant irgendeiner abstrakten universalen Zielsetzung ist, sodass seine Macht begrenzt werden kann, um Missbrauch vorzubeugen. Anders als die Könige von Ägypten oder Babylonien hat der israelitische König nach dem Gesetz Mose nicht die Macht, die Gesetze zu ändern, weil diese die Überlieferung seines Volkes darstellen und nicht seinen Launen unterworfen sind. Ebenso wenig liegt es in seiner Macht, die Priesterschaft zu ernennen, womit er sich Gesetz und Religion dienstbar machen würde. Des Weiteren schränkt das Gesetz Mose das Recht des Königs ein, sein Volk zu besteuern und zu versklaven, ebenso wie die Festsetzung der Grenzen Israels den König davon abhält, im Traum universaler Eroberungen zu schwelgen.23
Es muss angemerkt werden, dass die israelitische Auffassung von Nation nichts zu tun hat mit Biologie oder dem, was wir Rasse nennen.24 Für die biblischen Nationen hing alles von einer gemeinsamen Geschichte, Sprache und Religion ab, welche von den Eltern an die Kinder weitergegeben wurde, der jedoch auch Außenstehende beitreten konnten. So erzählt das Buch Exodus davon, dass sich auf der Flucht aus Ägypten viele Ägypter den hebräischen Sklaven anschlossen und zusammen mit diesen am Berg Sinai die Zehn Gebote (genauer übersetzt: die „Zehn Grundregeln“) empfingen. In gleicher Weise lädt Moses den midianitischen Priester Jitro dazu ein, dem jüdischen Volk beizutreten. Und Rut, die Moabiterin, wird Teil Israels, als sie dazu bereit ist, Noomi zu sagen: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“, und ihr Sohn wird ein Ahn König Davids sein. Doch die Fähigkeit Israels, diese in der Fremde geborenen Einzelnen in seine Reihen aufzunehmen, hängt ab von ihrer Bereitschaft dazu, den israelitischen Gott, die israelitischen Gesetze und das israelitische Geschichtsverständnis anzunehmen. Ohne diese zentralen Aspekte der israelitischen Tradition zu erfassen, werden sie kein Teil der Nation der Israeliten werden.25
DIE JUDEN WAREN NICHT das einzige Volk, das das Potenzial einer nationalen politischen Organisationsform als Bollwerk gegen die Tyrannei eines universalen Imperiums erkannte. Der griechische Geschichtsschreiber Polybios tadelte die griechischen Stadtstaaten dafür, in ihrem verlorenen Kampf gegen Rom nicht als geeinte Nation vorgegangen zu sein. In der Geschichte hatte es noch niemals einen griechischen nationalen Staat gegeben. Doch Polybios hatte die Beispiele der Armenier und der Juden unter Führung der Makkabäer – zweier Nationen, die sich während seiner Lebenszeit erfolgreich gegen das seleukidisch-griechische Reich erhoben und sich selbst als unabhängige nationale Staaten erhoben hatten – vor Augen, und offensichtlich hoffte er darauf, dass es eines Tages auch ein geeintes Griechenland geben werde.26
Den Großteil der Geschichte der westlichen Völker hindurch blieb die Idee der nationalen Unabhängigkeit jedoch weitgehend in der Schwebe. Das Christentum setzte sich schließlich damit durch, zur römischen Staatsreligion zu werden. Auf dem Weg dorthin übernahm es den römischen Traum vom universalen Imperium und den Entwurf des römischen Rechts, das den einheitlichen Rahmen für eine sich auf alle Nationen erstreckende pax Romana („Römischer Friede“) darstellen sollte.27 Für mehr als tausend Jahre verfocht das Christentum deshalb nicht das Ideal, die Nationen frei zu machen, so wie es die israelitischen Propheten gefordert hatten, sondern ein ganz ähnliches Streben wie jenes, das die ägyptischen, assyrischen und babylonischen Reiche hatte entstehen lassen: das Streben, ein universales Imperium des Friedens und Wohlstands zu errichten.28
Indem sie sich selbst als die „katholische“ oder allumfassende Kirche betrachtete, stand die römische Kirche in der Theorie – und oft auch in der Praxis – im Bunde mit den römisch-deutschen Kaisern des Heiligen Reiches, die mit der Errichtung des allumfassenden christlichen Reiches betraut waren. Darin ähnelte das römisch-katholische politische Denken oft dem der muslimischen Kalifen und der chinesischen Kaiser, die ebenfalls glaubten, dass es ihnen aufgetragen sei, der Welt durch ein universales Imperium unter ihrer eigenen Führung Frieden und Wohlstand zu bringen.29
Doch das christliche politische Denken unterschied sich in mindestens einem wesentlichen Aspekt von dem des Islam oder dem Chinas: Das Christentum verfügte über die hebräische Bibel mit ihrem Leitbild der Gerechtigkeit einer Welt der unabhängigen Nationen.30 Dieses Leitbild sorgte unablässig für Probleme mit dem Ideal eines universalen katholischen Imperiums, indem es die Bildung nationaler Staaten inspirierte, die sich eine faktische politische Unabhängigkeit bewahrten, auch wenn sie weiterhin die symbolische Autorität des Kaisers und die religiöse Autorität der Kirche anerkannten. Beispielsweise war es das Vorhandensein der hebräischen Bibel innerhalb des christlichen Kanons, das der eigentümlichen Geschichte des französischen Katholizismus eine Form gab, welcher einen unabhängigen nationalen Charakter nach Vorbild des biblischen Königreichs Davids annahm und sich der Kontrolle durch Päpste und Kaiser hartnäckig verweigerte. Ebenso beeinflusste es Jahrhunderte vor der Reformation die Entstehung geschlossener und unabhängiger nationaler Staaten wie England, Polen und Ungarn.31
So kam es, dass mit dem Aufkommen des Protestantismus im 16. Jahrhundert (zusammen mit der Erfindung der Druckpresse und dem weiten Umlauf der in die nationalen Sprachen übersetzten Bibel) der neue Ruf nach der Freiheit, die Heilige Schrift ohne die Vorgaben der katholischen Kirche auszulegen, sich nicht allein auf die religiöse Doktrin auswirkte. Insbesondere unter dem Einfluss am Alten Testament orientierter Denker wie Ulrich Zwingli und Johannes Calvin machte sich der Protestantismus die nationalen Eigenheiten der Völker zu eigen, die sich gegen als fremd angesehene Ideen und Institutionen sträubten, und wurde schnell mit ihnen verknüpft. Im Jahre 1534 machte Heinrich VIII. die Unabhängigkeit einer englischanglikanischen Nation geltend, ein Status, der schließlich 1588 erreicht wurde, als seine Tochter Elisabeth eine spanisch-katholische Invasionsflotte bezwang.32 Die Auflehnung der Niederländer gegen ihre spanischen Oberherren setzte in gleicher Weise auf einen calvinistischen Aufstand gegen das katholische Imperium und gipfelte darin, dass sich die Vereinigten Niederlande 1581 zur unabhängigen Nation erklärten. Die schottischen nationalen Zusammenschlüsse ebendieser Zeit, die den jüdischen nationalen Bünden der Bibel nachempfunden waren, waren ähnlich motiviert. Das Selbstbild dieser protestantischen Völker, im Angesicht des imperialen Gegners rechtmäßig unabhängig zu sein, war oft ausdrücklich an den Bemühungen des biblischen Israel orientiert, seine nationale und religiöse Freiheit den Zwängen der universalen Imperien Ägyptens und Babyloniens zu entreißen.33
Es heißt oft, der Dreißigjährige Krieg, der 1648 mit dem Westfälischen Frieden endete, sei ein „Religionskrieg“ zwischen Protestanten und Katholiken gewesen. Doch das stimmt nicht ganz. Tatsächlich standen in diesem Krieg die aufkommenden nationalen Staaten Frankreichs, der Niederlande und Schwedens (Nationen, die in dieser Reihenfolge katholisch, calvinistisch und lutheranisch waren) gegen deutsche und spanische Armeen, die der Vorstellung verschrieben waren, dass das universale Imperium Gottes Wille sei und allein ein solches Reich der Menschheit das wahre Heil bringen könne. Es war der Dreißigjährige Krieg, in dem die Vorstellung von einem universalen christlichen Imperium, die dreizehn Jahrhunderte lang das politische Vorstellungsvermögen des Westens beherrscht hatte, eindeutig besiegt wurde.34
Die Zeit zwischen der englischen Suprematsakte und dem Westfälischen Frieden bescherte dem Westen eine neue, protestantische Struktur. Mitte des 17. Jahrhunderts hatte ein Ring von unabhängigen nationalen Staaten am Rand des Heiligen Römischen Reiches – England, die Niederlande, Frankreich, die Schweiz, Portugal, Schweden, Dänemark und Polen – dem später sogenannten Westfälischen System seine unverkennbare Form gegeben. Obgleich der Friede von der katholischen Kirche nicht offiziell anerkannt wurde (Papst Innozenz X. sagte, dieser sei „nichtig, ungültig, unbillig, ungerecht, verdammt, verworfen, vergeblich, der Kräfte und Erfolge entbehrend für alle Zukunft“35), formte er doch in der Praxis die gesamte politische Ordnung um, in Übereinstimmung mit der Theorie des unabhängigen nationalen Staates, die im vorangegangenen Jahrhundert durch den englischen und niederländischen Protestantismus befördert worden war.36 Innerhalb dieser protestantischen Struktur wurde das politische Leben Europas auf zwei Prinzipien neu errichtet, die beide ihren Ursprung im Alten Testament hatten:
1. dem moralischen Minimum legitimer Herrschaft. Erstens hatte sich der König oder Herrscher, um rechtmäßig zu herrschen, dem Schutz des Lebens, der Familien und des Eigentums seines Volkes, der Gerechtigkeit der Gerichte, der Einhaltung des Feiertags und der öffentlichen Anerkennung des einen Gottes zu verschreiben – also im Groben den auf dem Berg Sinai empfangenen Zehn Geboten, die sowohl Luther als auch Calvin als Naturrecht anerkannt hatten, das alle Menschen anerkennen könnten. Diese Regeln wurden als Mindestvoraussetzungen betrachtet, um allen ein Leben in persönlicher Freiheit und Würde zu ermöglichen. Eine Regierung, die nicht in der Lage war, dieses moralische Minimum zu gewährleisten, konnte ihre grundlegendsten Verpflichtungen gegenüber dem Wohlergehen ihres Volkes nicht erfüllen.37
2. dem Recht auf nationale Selbstbestimmtheit. Zweitens wurden fortan Nationen, die über genug Zusammenhalt und Stärke verfügten, um ihre politische Unabhängigkeit zu sichern, als Inhaber dessen betrachtet, was man später ein Recht auf Selbstbestimmung nannte, nämlich dem Recht dazu, sich durch ihre eigenen nationalen Verfassungswerke und Kirchen ohne Einmischung fremder Mächte selbst zu regieren. Demnach wurde – auch wenn akzeptiert wurde, dass es Mindestvoraussetzungen für die Aufrechterhaltung einer zivilisierten Gesellschaft gab und dass diese in Übereinstimmung mit dem ersten Prinzip für alle Regierungen bindend waren – nicht davon ausgegangen, dass alle Nationen in ihrem Denken, ihren Gesetzen oder ihren Lebensweisen einmal eins würden.38
Die zwei Prinzipien der protestantischen Struktur waren nicht gänzlich neu. Die Vorstellung, dass ein Herrscher als der Beschützer seines Volkes zu dienen habe, hatte das gesamte Christentum hindurch in unterschiedlichen Formen bestanden. Sie war bereits im 12. Jahrhundert von katholischen politischen Theoretikern ausdrücklich geäußert worden, so etwa von Honorius Augustodunensis und Johannes von Salisbury, die sich auf das Gesetz Mose im Deuteronomium sowie auf die Beschreibungen der israelitischen Königreiche in den Büchern Samuel und Könige stützten.39
Das zweite Prinzip aber – das es jeder Nation erlaubte, selbst zu bestimmen, was einen legitimen Herrscher, eine legitime Kirche und angemessene Gesetze und Vorrechte ausmachte – brachte die christliche Welt in unmittelbaren Dialog mit der biblischen Vision einer Ordnung der unabhängigen Nationen. Und es war dieses Prinzip, das die Welt frei machte. Im europäischen Zusammenhang nach dem Westfälischen Frieden bedeutete das, dass manche Nationen zu Monarchien und andere zu Republiken werden würden. Es bedeutete, dass verschiedene Nationen verschiedene Formen nationaler Religionen ebenso wie unterschiedliche Bestimmungen zum Schutz von Minderheitenreligionen haben würden. Es bedeutete auch, dass verschiedene Nationen in vielen Bereichen unterschiedliche Grade persönlicher Freiheit ausprägen würden. Ein herausragendes Beispiel für diese Vielfalt war die englische Grundordnung, die sich – wie John Fortescue um 1543 in seinem „Lob der englischen Gesetze“ betonte – dramatisch von der französischen und deutschen unterschied, indem sie dem biblischen Präzedenzfall folgte und dem König die Festlegung der Gesetze aus der Hand nahm – ein entscheidendes Merkmal jener Beschränkung der Zentralgewalt, die später als „Gewaltenteilung“ bekannt wurde.40 Die niederländische Republik der Sieben Vereinigten Provinzen bot ebenfalls ein außergewöhnliches Maß an Meinungsfreiheit, was dazu führte, dass Wissenschaft, Handel und Buchdruck aus anderen Nationen, die dem Wert einer solchen Offenheit skeptischer gegenüberstanden, nach Amsterdam flossen. Was diese Neuerungen ermöglichte, war jedoch mitnichten eine Doktrin, die mit einer Liste „allgemeiner Rechte“ daherkam. Vielmehr waren es die „Privilegien und alten Gewohnheiten“ der englischen und niederländischen Nationen.41
In den Werken der protestantischen politischen Theorie, etwa in John Seldens On Natural Law and National Law von 1640, werden die beiden Prinzipien der protestantischen Struktur als einander verstärkend verstanden. Diese Eingebung wird aus der hebräischen Bibel hergeleitet, welche unterstreicht, dass eine Nation, deren Herrscher ihr Volk beschützen und sein Wohlergehen betreiben, wechselseitige Loyalität ausbilden und an Zusammenhalt im Angesicht der Not gewinnen wird. Innere Brüderlichkeit und Gerechtigkeit sind nach Glauben der Propheten die notwendige Voraussetzung für die Langlebigkeit einer Nation und ihre Fähigkeit, fremden Übergriffen zu widerstehen.42
Und doch stehen diese Prinzipien auch in einem Spannungsverhältnis zueinander. Die Vorstellung, dass es natürliche Maßstäbe der Legitimität gibt, die den Rechtssätzen einer jeden konkreten Regierung übergeordnet sind, bedeutet einerseits, dass Nationen nicht rechtmäßig einfach tun können, was immer ihnen gefällt. Sie sind stets dem Urteil Gottes und des Menschen unterworfen, und dadurch wird Herrschaft zwangsläufig abhängig.43 Auf der anderen Seite stärkt und schützt das Prinzip der nationalen Freiheit die einzigartigen Institutionen, Traditionen, Gesetze und Ideale jeder konkreten Nation vor der Forderung, dass sie im Namen von Doktrinen umgestürzt werden müssten, die die Verfechter einer universalen Kirche oder eines universalen Reiches propagieren. Während die Existenz eines moralischen Minimums allgemein anerkannt wird, ist die Auslegung, wie dieses Minimum zu artikulieren sei, das Recht jeder unabhängigen Nation, die diese Frage von einem Blickwinkel aus betrachtet, der auf ihren ganz eigenen geschichtlichen Umständen, Erfahrungen und Erkenntnissen beruht.
Die der Einhaltung beider Prinzipien der protestantischen Struktur inhärente Spannung verlieh den Nationen Europas eine einzigartige Dynamik, entfesselte einen Sturm schlummernder Energien und beförderte ein erstaunliches Ausmaß an Experimenten und Innovationen in Politik und Theologie, Wirtschaft und Wissenschaft. Indem sie innerhalb unterschiedlicher Länder eine Vielfalt an konstitutionellen und religiösen Vereinbarungen zuließ, schuf die protestantische Struktur auch nationale Versuchsstätten zur Entwicklung und Erprobung jener Institutionen und Freiheiten, die wir heute mit der westlichen Welt assoziieren. Und der Wettbewerb zwischen konkurrierenden nationalen Perspektiven ging weit über politische Theorie und Theologie hinaus. In England wurde die empirische Wissenschaft von der Empörung über den kombinatorischen Charakter des Cartesianismus angefacht, von dem die Franzosen ihrerseits behaupteten, dass er der einzige wirklich „vernünftige“ Weg sei, die Wissenschaft voranzubringen. Ebenso gedieh die deutsche Philosophie durch den Glauben, dass es sich beim britischen Empirismus um ein großes Unglück handele und der Idealismus Immanuel Kants die Welt retten werde. Das Gleiche lässt sich über so gut wie jedes Feld sagen, in dem die europäische Zivilisation wesentliche Fortschritte machte, einschließlich Finanzwesen, Industrie, Medizin, Philosophie, Musik und Kunst. In jedem Fall wurden konkurrierende Sichtweisen, die zu jener Zeit einen dezidiert nationalen Charakter besaßen, als das Beste für die Menschheit insgesamt angepriesen und spornten so andere dazu an, nachzuahmen, was ihnen erfolgreich zu sein schien, selbst wenn sie dabei auch vermehrte Bemühungen anfachten, unterlegene Vorgehensweisen intelligenter neu zu begründen und auf kommende Auseinandersetzungen vorzubereiten.
All das soll nicht heißen, dass Europa nach dem Westfälischen Frieden ein idyllischer Ort gewesen wäre. Die christlichen nationalen Staaten führten unentwegt Kriege um Ländereien und Handelswege, eine Angewohnheit, die uns kaum als etwas anderes erscheinen kann als eine Bereitschaft, grundloses Blutvergießen in Kauf zu nehmen. Und obwohl die Engländer, Niederländer und Franzosen im europäischen Zusammenhang auf dem Westfälischen Prinzip der nationalen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung beharrten, waren sie nur zu bereit, Gründe zu erfinden, um auf Grundlage der Eroberung und Unterwerfung fremder Völker in Asien, Afrika und den amerikanischen Kontinenten Kolonialreiche zu unterhalten. Diese Staaten – ebenso wie später auch die Vereinigten Staaten – unterhielten auch über lange Zeit hinweg skrupellos rassistische Gesetze und Institutionen und schufen eine Vielzahl von Hindernissen für die Teilnahme der Juden am nationalen Leben. Die Liste der Gebräuche jener Zeit, die wir heute verwerflich finden würden und sollten, ließe sich leicht fortsetzen.
Doch trotz all ihrer offensichtlichen Mängel bleibt das wesentliche Argument für die internationale Ordnung, die in der Frühen Neuzeit in Europa eingeführt wurde: Als eine Ordnung auf Grundlage des Prinzips der nationalen Freiheit verlieh sie den westlichen Nationen eine bemerkenswert nutzbringende politische und religiöse Form – eine Form, die der letztendlichen Korrektur vieler ihrer Schwächen den Weg bereitete. Im Laufe der Zeit bereitete das protestantische Prinzip der nationalen Freiheit den überseeischen Reichen Europas ein Ende. Und indem es das tat, führte es zur Gründung neuer nationaler Staaten überall auf der Welt, etwa der Vereinigten Staaten von Amerika und eines wiederhergestellten jüdischen Staates Israel.
IM AUGUST 1941, MEHRERE Monate vor dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg, unterzeichneten Franklin Roosevelt und Winston Churchill jene Erklärung, die später als Atlantikcharta bekannt wurde und die das Prinzip der nationalen Freiheit („das Recht aller Völker, sich jene Regierungsform zu geben, unter der sie zu leben wünschen“) erneut als Wesenskern des Planes der Westmächte für die Nachkriegswelt bekräftigte. Beide Staatslenker fuhren fort, von ihren Nationen als den „alten Idealen des Christentums“, wie es Roosevelt nannte, verbunden zu sprechen, welche sie als Untermauerung der Freiheit ihrer eigenen Nationen ebenso wie anderer Nationen auffassten. Zu diesem kritischen Zeitpunkt blieb die protestantische Struktur weiterhin die Grundlage der politischen Ordnung im Westen. Die große Herausforderung war es, die Nazis und die Sowjets in ihren Bemühungen, diese Ordnung zu stürzen, niederzuringen.44
Doch die Bezwingung der Nazis und letzten Endes auch der Sowjets führte nicht zur Wiederherstellung der protestantischen Struktur des Westens. In Wahrheit ist die Zukunft dieser politischen Ordnung in den Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur noch unsicherer geworden. Wir erkennen dies an der fortschreitenden Preisgabe der Ansicht, dass die Familie, der Feiertag und das öffentliche Bekenntnis zu Gott ebenso von legitimen Regierungen unterstützte Institutionen sind wie Minimalanforderungen einer gerechten Gesellschaft (das heißt: das erste Prinzip). Und wir erkennen es in der scharfen Abnahme der Sorgen um die Sicherung der politischen Unabhängigkeit der Nationen als wirksamster Barriere gegen die Tyrannei des universalen Imperiums, die in der Neugründung Europas unter einer multinationalen Führung gipfelt, ebenso wie in der zunehmenden Tendenz, amerikanische Macht mit einer Neuen Weltordnung gleichzusetzen, die die Unabhängigkeit der nationalen Staaten verdrängen werde (das heißt: das zweite Prinzip).
Die Krise der protestantischen politischen Struktur beruht auf dem Druck einer aufkommenden Alternative zu ihr – einer Alternative, die wir als den liberalen Entwurf des Westens bezeichnen können. Obwohl ihr letztendlicher Triumph in keiner Weise gesichert ist, stellt doch der Aufstieg dieser neuen liberalen Ordnung – bis zu dem Punkt, an dem sie es geschafft hat, die gesamte protestantische Ordnung zu gefährden – die wichtigste politische Entwicklung unserer Zeit dar.
Was genau ist dieser liberale Entwurf? Ich will einige seiner wichtigsten Merkmale ansprechen, einige davon uns vertrauter als andere.
Im Gegensatz zur protestantischen Struktur, die von der Spannung zwischen den beiden aus der Bibel abgeleiteten Prinzipien von nationaler Freiheit und dem moralischen Minimum legitimer Herrschaft lebte, geht der liberale Entwurf des Westens davon aus, dass im Herzen der legitimen politischen Ordnung nur ein einziges Prinzip liegt: die individuelle Freiheit. Eine klassische und bis heute einflussreiche Quelle dieser Vorstellung ist das berühmteste liberale Manifest der Neuzeit, John Lockes Zweite Abhandlung über die Regierung. Sie wurde 1689 veröffentlicht, beginnt mit der Behauptung, dass alle Menschen in einen Zustand „völliger Freiheit“ und „vollkommener Gleichheit“ hineingeboren würden, und beschreibt weiterhin, wie diese Menschen in einer Welt der auf Zustimmung basierten Abmachungen Leben, Freiheit und Eigentum verfolgen. Von dieser Grundlage ausgehend entwickelt Locke sein Modell des politischen Lebens und seine Theorie der Regierung.
Locke war selbst ein Produkt der protestantischen Struktur, und seine Arbeit sollte diese stärken, nicht untergraben.45
