Nebelkind - Emelie Schepp - E-Book

Nebelkind E-Book

Emelie Schepp

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Beschreibung

ER wurde gezeichnet. ER tötet. ER ist neun Jahre alt.

Die Staatsanwältin Jana Berzelius wird bei einem spektakulären Fall hinzugezogen: Ein Mann wurde erschossen – die Hinweise verdichten sich, dass die Tat von einem Kind begangen wurde. Dann taucht die Leiche eines Jungen an der schwedischen Küste auf. Seine Fingerabdrücke passen zu jenen des Tatorts, doch warum sollte ein Kind einen Mord begehen? Während die Ermittler im Dunkeln tappen, ermittelt Jana auf eigene Faust. Denn der Junge, der das Wort »Thanatos« als Narbe im Genick trägt, hat ein Geheimnis, das nur Jana kennt: Auch ihr Genick ziert der Name einer Todesgottheit, und nun setzt sie alles daran, herauszufinden, warum.

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Buch

Jana Berzelius wacht in einem Krankenhaus auf. Sie ist neun Jahre alt, doch weder weiß sie, warum sie hier ist noch wer sie ist … 21 Jahre später wird die Staatsanwältin Jana bei einem spektakulären Fall hinzugezogen: Ein Mann wurde erschossen – die Hinweise verdichten sich, dass die Tat von einem Kind begangen wurde. Dann taucht die Leiche eines Jungen an der schwedischen Küste auf. Seine Fingerabdrücke passen zu jenen des Tatorts, doch warum sollte ein Kind einen Mord begehen? Während die Ermittler im Dunkeln tappen, ermittelt Jana auf eigene Faust. Denn der Junge, der das Wort »Thanatos« als Narbe im Genick trägt, hat ein Geheimnis, das nur Jana kennt: Auch ihr Genick ziert der Name einer Todesgottheit, und nun setzt sie alles daran, herauszufinden, warum.

Autor

Emelie Schepp, geboren 1979, wuchs im schwedischen Motala auf. Sie arbeitete als Projektleiterin in der Werbung, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Nach einem preisgekrönten Theaterstück und zwei Drehbüchern verfasste sie ihren ersten Roman: Der zuerst nur im Selbstverlag erschienene Thriller »Nebelkind« wurde in Schweden ein Bestsellerphänomen und als Übersetzung in zahlreiche Länder verkauft.

Emelie Schepp

Nebelkind

Thriller

Aus dem Schwedischenvon Annika Krummacher

Die schwedische Originalausgabe erschien 2014unter dem Titel »Märkta för livet«bei Wahlström & Widstrand, Stockholm.

1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung September 2015bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © 2014 by Emelie ScheppCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: © www.buerosued.de, MünchenRedaktion: Friederike ArnoldHerstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-15945-0www.blanvalet.de

Für H.

Sonntag, den 15. April

Notrufzentrale 112. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Mein Mann ist tot …«

Anna Bergström von der Rettungsleitstelle hörte eine zitternde weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung und warf einen raschen Blick auf die Bildschirmanzeige vor ihr. Es war 19.42 Uhr.

»Nennen Sie mir bitte Ihren Namen.«

»Kerstin Juhlén. Mein Mann heißt Hans. Hans Juhlén.«

»Sind Sie ganz sicher, dass er tot ist?«

»Er atmet nicht. Liegt einfach nur da. Er lag schon so, als ich nach Hause kam. Und auf dem Teppich ist Blut«, antwortete die Frau schluchzend.

»Sind Sie selbst verletzt?«

»Nein.«

»Ist jemand anders verletzt?«

»Nein, mein Mann ist tot!«

»Ich verstehe. Wo befinden Sie sich jetzt?«

»Zu Hause.« Die Frau am anderen Ende holte tief Luft.

»Geben Sie mir bitte Ihre Adresse.«

»Östanvägen 204 in Lindö. Das Haus ist gelb, und es stehen große Blumenkübel davor.«

Anna Bergströms Hände fuhren rasch über die Tastatur, während sie auf der digitalen Karte den Östanvägen suchte.

»Ich werde Ihnen die nötige Hilfe schicken«, sagte sie mit ruhiger Stimme. »Und ich bitte Sie, am Telefon zu bleiben, bis die Kollegen eingetroffen sind.«

Anna Bergström bekam keine Antwort. Sie drückte das Headset an ihr Ohr.

»Hallo? Sind Sie noch dran?«

»Er ist wirklich tot.«

Die Schluchzer der Frau gingen in hysterisches Weinen über, und dann war im Telefon der Rettungsleitstelle nur ein langer, angstvoller Schrei zu hören.

Kriminalkommissar Henrik Levin und Kriminalobermeisterin Maria Bolander stiegen in Lindö aus dem Volvo. Die kühle Meeresluft von der Ostsee fuhr in Henriks dünne Frühlingsjacke. Er zog den Reißverschluss bis zum Hals und steckte die Hände in die Taschen.

Auf der gepflasterten Auffahrt stand ein schwarzer Mercedes, umgeben von zwei Polizeiautos und einem Krankenwagen. Ein Stück von der Absperrung entfernt parkten zwei weitere Fahrzeuge, die nach den Schriftzügen zu urteilen den beiden konkurrierenden Tageszeitungen der Stadt gehörten.

Zwei Reporter standen so dicht am Absperrband, dass es an ihren Daunenjacken bis zum Bersten gespannt war.

»Manche brauchen es so richtig piekfein, was?« Maria Bolander – oder Mia, wie sie von allen genannt wurde – schüttelte irritiert den Kopf. »Und Statuen haben sie auch noch.«

Wütend starrte sie die Löwen aus Granit an. Dann blieb ihr Blick an den meterhohen Blumenkübeln hängen, die neben den Tierfiguren standen.

Henrik Levin schwieg und ging die erleuchtete Auffahrt des Hauses im Östanvägen 204 entlang. Die kleinen Schneehaufen am grauen Bordstein zeugten davon, dass der Winter sich noch immer nicht geschlagen gegeben hatte. Henrik nickte dem Polizeiassistenten Gabriel Mellqvist zu, der vor der Eingangstür stand.

Er stampfte sich den Schnee von den Schuhen, hielt Mia die schwere Haustür auf, und die beiden traten ein. In der gigantischen Villa herrschte hektische Betriebsamkeit. Die Kriminaltechniker sicherten systematisch Fingerabdrücke und andere Spuren. Sie hatten schon die Türblätter und Klinken mit Puder und Pinsel bearbeitet und einige Spuren durch Lichteinstrahlung sichtbar gemacht. Momentan konzentrierten sie sich auf einige interessante Flächen an den Wänden, gegen die sich offenbar jemand gelehnt hatte. Ab und an wurde der sparsam möblierte Raum von Kamerablitzen erhellt. Die Leiche lag auf dem gestreiften Teppich im Wohnzimmer.

»Total widerlich, oder?«, sagte Mia.

»Ich weiß«, sagte Henrik.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Seine Frau, Kerstin Juhlén. Als sie nach Hause kam, hat sie ihn so aufgefunden«, sagte Henrik.

»Und wo ist sie jetzt?«

»In der oberen Etage. Hanna Hultman ist bei ihr.«

Henrik Levin betrachtete den Toten, der vor ihm lag: Hans Juhlén, der eine leitende Stellung im Amt für Migration innegehabt hatte und für Asylfragen zuständig gewesen war.

Henrik umrundete die Leiche und beugte sich über das Gesicht. Er studierte den kräftigen Kieferbereich, das wettergegerbte Gesicht, die grauen Bartstoppeln und Schläfen. Hans Juhlén war immer wieder in den Medien in Erscheinung getreten, doch die dort verwendeten Archivbilder stimmten überhaupt nicht mit dem gealterten Mann überein, der jetzt vor Henrik auf dem Boden lag. Juhlén trug eine sorgfältig gebügelte Hose und ein hellblau gestreiftes Hemd. Auf dem Baumwollstoff breiteten sich in Brusthöhe rote Blutflecken aus.

»Nur ansehen, nichts anfassen.«

Von der großen Fensterpartie aus warf die Kriminaltechnikerin Anneli Lindgren ihrem Kollegen einen vielsagenden Blick zu.

»Erschossen?«

»Sieht ganz danach aus. Zwei Einschusslöcher.«

Henrik erhob sich und sah sich im Wohnzimmer um, das von einem Sofa und zwei Ledersesseln dominiert wurde. In der Mitte des Raums stand ein Glastisch mit Chrombeinen. An den Wänden hingen Gemälde von Ulf Lundell.

Henrik fuhr sich übers Kinn und spürte die rauen Bartstoppeln. Die Einrichtung wirkte unberührt. Keines der Möbelstücke war umgeworfen worden.

»Keine äußeren Anzeichen einer Auseinandersetzung«, sagte er und drehte sich zu Mia um, die hinter ihm stand.

»Stimmt«, sagte sie, ohne den Blick von einem ovalen Beistelltisch zu lösen.

Auf dem Tisch lag eine Geldbörse aus braunem Leder. Drei Fünfhundertkronenscheine schauten heraus, und Mia überkam die Lust, sie zu berühren. Am liebsten hätte sie alle drei herausgezogen. Oder nur einen. Ganz unauffällig. Aber sie beherrschte sich. Jetzt reicht es, dachte sie, ich muss mich wirklich zusammenreißen.

Henriks Blick wanderte zum großen Erker, der zum Garten hinausging, und blieb an Anneli Lindgren hängen, die gerade mit dem Pinsel ein paar Fingerabdrücke sichtbar machte.

»Findest du was?«

Sie blickte ihn durch ihre Brillengläser an.

»Bisher noch nicht, aber laut Frau Juhlén stand dieses Fenster offen, als sie nach Hause kam, und ich hoffe darauf, nicht nur ihre Fingerabdrücke zu finden.«

Langsam und systematisch setzte Anneli ihre Arbeit fort.

Henrik fuhr sich durchs Haar und wandte sich an Mia.

»Wollen wir ein paar Worte mit Frau Juhlén wechseln?«

»Geh ruhig schon mal hoch, ich schau mich so lange hier unten um.«

Sie unterstrich ihre Aussage mit einer kreisenden Handbewegung.

Kerstin Juhlén saß auf dem Doppelbett im Schlafzimmer. Sie hatte sich eine Wolldecke um die Schultern gelegt und starrte mit leerem Blick auf den Nachttisch.

Respektvoll trat Polizeiassistentin Hanna Hultman einen Schritt zurück und schloss die Tür hinter Henrik.

Auf dem Weg nach oben hatte er sich eine hübsche kleine Person mit eleganter Kleidung vorgestellt. Vor ihm saß nun eine kräftige Frau mit einem ziemlichen Taillenumfang, die ein verwaschenes T-Shirt und eine dunkle Stretchjeans trug – nicht gerade das, was er erwartet hatte. Ihr Gesicht war geschwollen und die Augen rotgerändert vom Weinen. Sie hatte stark blondiertes Haar und trug einen Pagenkopf. Der dunkle Haaransatz verriet, dass seit ihrem letzten Friseurbesuch einige Zeit ins Land gegangen war.

Neugierig sah Henrik sich im Schlafzimmer um, musterte die Kommode und die Wand mit den Fotos. In der Mitte hing ein großes Bild, das ein glückliches Hochzeitspaar zeigte. Es war ein wenig ausgeblichen und hing offenbar schon seit vielen Jahren dort.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie ihn beobachtete.

»Ich heiße Henrik Levin und bin Kriminalkommissar«, sagte er und ertappte sich dabei, dass er flüsterte. »Mein herzliches Beileid. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen dennoch ein paar Fragen stellen muss.«

Kerstin Juhlén wischte sich mit dem Ärmel ihrer Strickjacke eine Träne von der Wange.

»Das ist mir schon klar.«

»Können Sie mir bitte erzählen, was passiert ist, als Sie heute Abend nach Hause kamen?«

»Ich bin nach Hause gekommen, und … und … er lag einfach so da.«

»Wissen Sie, wie spät es war?«

»Etwa halb acht.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja.«

»Als Sie hereinkamen, war da noch jemand anders im Haus?«

»Nein. Nein, nur mein Mann …«

Ihre Unterlippe zitterte, und Kerstin Juhlén schlug die Hände vors Gesicht.

Henrik wusste, dass es nicht der richtige Moment für eine ausführliche Vernehmung war, und beschloss daher, sich kurzzufassen.

»Sie werden gleich Hilfe bekommen, aber Sie müssten mir noch ein paar Fakten bestätigen, bevor ich Sie in Ruhe lassen kann.«

Kerstin Juhlén nahm die Hände vom Gesicht und legte sie in den Schoß.

»Ja?«

»Sie haben erwähnt, dass unten im Wohnzimmer ein Fenster offen stand, als Sie nach Hause kamen. Und dass Sie es geschlossen haben. Stimmt das?«

»Ja.«

»Ihnen ist draußen vor dem Fenster nichts Bemerkenswertes aufgefallen, als Sie es zugemacht haben?«

»Nein … nein.«

Kerstin Juhlén sah aus dem Schlafzimmerfenster. Henrik schob die Hände in die Hosentaschen und dachte eine Weile nach.

»Gut. Eine letzte Frage noch: Wollen Sie, dass ich jemanden anrufe? Eine Freundin? Jemanden aus der Verwandtschaft? Haben Sie Kinder?«

Sie sah auf ihre zitternden Hände. Dann öffnete sie den Mund und flüsterte etwas.

»Verzeihung, könnten Sie das bitte wiederholen, Frau Juhlén?«

Sie schloss einen Moment die Augen. Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck wandte sie sich dem Kommissar zu, holte tief Luft und antwortete.

Unten im Wohnzimmer rückte Anneli Lindgren ihre Brille zurecht.

»Ich glaube, ich habe was gefunden«, sagte sie und studierte aufmerksam das Fensterbrett.

Mia ging zu ihr und entdeckte einen gut sichtbaren Handabdruck.

»Hier ist noch einer«, sagte Anneli und deutete mit dem Finger darauf. »Von einem Kind«, sagte sie überzeugt und holte die Kamera, um den Fund zu dokumentieren.

Während Mia sich bemühte, ein Gähnen zu unterdrücken, ging Anneli zum Fenster und stellte den Zoom ihrer Canon EOS-1D ein. Im selben Moment kam Henrik die Treppe herunter. Er hielt seine Hand fünf Zentimeter über dem Geländer und ging vorsichtig die breiten Stufen aus geöltem Eichenholz herab.

Anneli hängte sich die Kamera um den Hals und nickte ihm zu.

»Komm her«, sagte sie. »Wir haben Abdrücke gefunden.«

»Interessant«, meinte er und stellte sich neben Mia.

»Sie sind klein«, sagte Anneli und machte ein weiteres Bild.

»Das heißt, sie stammen von einem Kind«, erklärte Mia und gähnte erneut.

Henrik sah verblüfft aus und zog die Augenbrauen zusammen. Dann beugte er sich über das Fensterbrett, um sich die Abdrücke genauer anzusehen. Eine Weile stand er so da, betrachtete die Linien, die ein geordnetes Muster ergaben. Ein einzigartiges Muster. Von einer kleinen Hand.

»Seltsam«, murmelte er und richtete sich wieder auf.

Er dachte nach, kam aber zum selben Schluss wie eben.

»Das ist wirklich seltsam«, wiederholte er, diesmal lauter.

»Warum ist das seltsam?«, fragte Mia.

Henrik sah sie an, bevor er antwortete: »Sie haben gar keine Kinder.«

Montag, den 16. April

Der Prozess war vorbei, und Staatsanwältin Jana Berzelius war mit dem Ergebnis zufrieden. Schon im Vorfeld war sie fest davon überzeugt gewesen, dass der Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung würde verurteilt werden. Er hatte seine Schwester getreten, bis sie bewusstlos war, und das vor den Augen ihres vierjährigen Kindes. Anschließend hatte er sie in der Wohnung ihrem Schicksal überlassen. Dass es um kulturell motivierte Gewalt im Namen der Familienehre ging, stand außer Zweifel. Dennoch war Rechtsanwalt Peter Ramstedt unangenehm berührt gewesen, als das Urteil verkündet wurde.

Jana nickte ihm kurz zu, bevor sie den Gerichtssaal verließ. Sie wollte das Urteil mit niemandem diskutieren, insbesondere nicht mit den Reportern, die schon mit ihren Kameras und Mikrofonen vor dem Gebäude des Landgerichts warteten. Stattdessen lenkte sie ihre Schritte in Richtung Notausgang und drückte die weiße Brandschutztür auf. Rasch lief sie die Treppe hinunter und warf einen Blick auf die Uhr, die 11.35 anzeigte.

Die Journalisten zu meiden war für sie inzwischen schon zur Gewohnheit geworden. Vor drei Jahren, als Jana ihren Dienst bei der Staatsanwaltschaft Norrköping angetreten hatte, war es anders gewesen. Da hatte sie die Aufmerksamkeit der Medien genossen. In den Norrköpings Tidningar war ein Artikel mit der Überschrift »Topstudentin nimmt ihren Platz am Gericht ein« erschienen. In den Reportagen über sie waren Formulierungen wie »Spitzenkarriere« und »Nächste Station: Reichsstaatsanwältin« gefallen. Doch das beschäftigte Jana Berzelius nicht, als sie sich der Treppe näherte.

Ihr Handy vibrierte in der Tasche ihrer Kostümjacke, und sie blieb vor dem Eingang zur Tiefgarage stehen. Rasch sah sie aufs Display, bevor sie das Gespräch annahm. Sie drückte die Tür auf, die zur beheizten Garage führte.

»Hallo, Vater«, sagte sie.

»Nun, wie ist es gelaufen?«

»Zwei Jahre Gefängnis und neunzigtausend Schadenersatz.«

»Bist du zufrieden?«

Karl Berzelius wäre es niemals eingefallen, seiner Tochter zu einem erfolgreich abgeschlossenen Prozess zu gratulieren, aber Jana war seine Wortkargheit gewohnt. Ihre Mutter Margaretha war zwar liebevoll, hatte allerdings in Janas Kindheit das Saubermachen dem Spielen vorgezogen. Sie hatte Wäsche aufgehängt, anstatt Märchen vorzulesen, und lieber Fenster geputzt, als ihre Tochter ins Bett zu bringen.

Inzwischen war Jana dreißig und behandelte ihre Eltern mit genau dem gefühllosen Respekt, den sie von ihnen gelernt hatte.

»Ich bin zufrieden«, antwortete Jana mit Nachdruck.

»Deine Mutter möchte wissen, ob du am 1. Mai zu uns kommst. Sie plant ein Abendessen im Kreis der Familie.«

»Um wie viel Uhr?«

»Neunzehn Uhr null null.«

»Ich komme.«

Jana beendete das Gespräch, schloss ihren schwarzen BMW X6 auf und setzte sich ans Steuer. Ihre Aktentasche warf sie auf den lederbezogenen Beifahrersitz, während sie ihr Handy griffbereit in ihren Schoß legte.

Normalerweise rief auch Janas Mutter nach Abschluss eines Gerichtsverfahrens an. Aber nie vor ihrem Mann. So lautete die Regel. Als Jana es erneut klingeln hörte, griff sie sofort nach ihrem Handy und drückte es ans Ohr, während sie routiniert und mit großer Präzision das Auto aus der engen Tiefgarage hinausmanövrierte.

»Hallo, Mutter«, sagte sie.

»Hallo, Jana«, sagte eine männliche Stimme.

Jana drückte auf die Bremse, und das Auto hielt mit einem Ruck. Die Stimme gehörte ihrem Chef, dem leitenden Staatsanwalt Torsten Granath. Er klang aufgeregt.

»Nun?«

Jana wunderte sich über seine offensichtliche Neugierde und wiederholte kurz, wie der Prozess ausgegangen war.

»Sehr gut, danke, aber ich rufe eigentlich aus einem anderen Grund an. Ich möchte, dass du eine Ermittlung übernimmst. Es geht um eine Frau, die vorläufig festgenommen wurde, nachdem sie die Polizei gerufen hatte. Sie behauptet, ihren Mann tot aufgefunden zu haben. Laut Angaben der Polizei wurde er erschossen. Ermordet. Er war in leitender Position im Amt für Migration tätig. Du hast in diesem Fall freie Hand.«

Jana schwieg, weshalb Torsten Granath fortfuhr: »Gunnar Öhrn und sein Team warten im Polizeirevier. Was sagst du?«

Jana sah aufs Armaturenbrett. 11.48 Uhr. Sie atmete kurz durch und startete den Wagen.

»Ich fahre sofort hin.«

Eilig betrat Jana Berzelius das Polizeirevier durch den Haupteingang und fuhr mit dem Lift in den dritten Stock. Das Geräusch ihrer Absätze hallte auf dem breiten Gang wider. Sie richtete den Blick geradeaus und nickte nur kurz zwei uniformierten Polizisten zu, denen sie begegnete.

Kriminalhauptkommissar Gunnar Öhrn erwartete sie vor seinem Büro.

»Herzlich willkommen«, sagte er und wies ihr den Weg zum Konferenzraum am Ende des Flurs.

Durch die Fensterfront blickte man auf den Norrtull-Kreisverkehr, wo die Mittagsstoßzeit begonnen hatte. An der gegenüberliegenden Wand hingen ein großes Whiteboard und eine Leinwand. An der Decke war ein Beamer befestigt.

Jana trat an den ovalen Tisch, wo das Team bereits Platz genommen hatte. Sie begrüßte Kriminalkommissar Henrik Levin und nickte Ola Söderström, Anneli Lindgren und Mia Bolander zu, ehe sie sich setzte.

»Jana Berzelius ist auf Anraten des leitenden Staatsanwalts Torsten Granath zur ermittelnden Staatsanwältin im Fall Hans Juhlén bestimmt worden.«

»Aha.« Mia Bolander presste die Kiefer zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. Misstrauisch betrachtete sie ihr gleichaltriges Hassobjekt und dachte sich im Stillen, dass die Ermittlung mit Jana Berzelius am Ruder mal wieder mühsam werden würde.

Die wenigen Gelegenheiten, bei denen Mia mit Jana Berzelius hatte zusammenarbeiten müssen, hatten nicht gerade zu einer positiven Einstellung gegenüber der Staatsanwältin beigetragen. Mia fand Jana Berzelius unpersönlich und steif. Nie konnte sie fünf gerade sein lassen. Wenn man so eng zusammenarbeitete, sollte man sich doch etwas näher kennenlernen. Man könnte sich nach der Arbeit auf ein Bier oder zwei treffen und ein bisschen reden. Über Gott und die Welt. Aber Mia hatte schon bald die Erfahrung gemacht, dass Jana so etwas nicht schätzte. Man konnte ihr nicht einmal eine einfache Frage über ihr Privatleben stellen, ohne dass sie einem einen arroganten Blick zuwarf. Und das war auch die einzige Antwort, die man von ihr bekam.

Mia hielt Jana Berzelius für eine hochnäsige Diva. Leider gab es niemanden, der ihre Auffassung teilte. Ganz im Gegenteil, eben hatten alle zustimmend genickt, als Gunnar sie ihnen vorgestellt hatte.

Was Mia jedoch am meisten verabscheute, war die soziale Herkunft der Staatsanwältin. Während Jana Berzelius für ererbtes Vermögen stand, fühlte sich Mia, die aus der Arbeiterschicht stammte, am ehesten wie eine Hypothek. Allein das war ein guter Grund, keine nähere Bekanntschaft mit Fräulein Wichtig zu machen.

Aus den Augenwinkeln registrierte Jana die hasserfüllten Blicke der Kriminalobermeisterin, entschied aber, sie zu ignorieren. Sie öffnete ihre Aktentasche und zog einen Schreibblock und einen Kugelschreiber mit eingravierten Initialen heraus.

Gunnar Öhrn trank den letzten Rest aus einer Mineralwasserflasche und verteilte dann Kopien, die alle Unterlagen und bisher vorliegenden Informationen zum Fall enthielten, darunter die Eingangsmeldung, diverse Fotos vom Tatort und der nächsten Umgebung sowie eine Skizze vom Haus des Ehepaars Juhlén, eine kurze Beschreibung von Hans Juhlén und eine Auflistung aller bisherigen Aktivitäten der Polizei, seit das Opfer aufgefunden worden war.

Gunnar zeigte auf einen Zeitstrahl am Whiteboard und berichtete vom Protokoll des Gesprächs mit der Frau des Opfers. Es war von den Streifenpolizisten unterzeichnet, die zuerst am Fundort eingetroffen waren.

»Es war ziemlich schwierig, zu ihr durchzudringen«, sagte Gunnar. »Sie war am Rande der Hysterie und hat geschrien und unzusammenhängendes Zeug von sich gegeben. Einmal hat sie sogar begonnen zu hyperventilieren. Und immer wieder hat sie gesagt, dass sie es nicht gewesen ist. Dass sie ihn nur im Wohnzimmer aufgefunden hat. Tot.«

»Sie steht also unter Verdacht?«, fragte Jana und stellte fest, dass Mia Bolander sie noch immer so wütend anstarrte.

»Na ja, sie ist durchaus von Interesse und hat bis jetzt noch kein Alibi.«

Gunnar blätterte im Papierstapel, der vor ihm lag.

»Zusammenfassend lässt sich sagen: Hans Juhlén wurde irgendwann gestern zwischen fünfzehn und neunzehn Uhr ermordet. Täter unbekannt. Die technische Untersuchung zeigt, dass der Mord im Haus des Opfers stattgefunden hat. Die Leiche ist also nicht von woanders dorthin transportiert worden. Nicht wahr?« Er nickte Anneli Lindgren zu.

»Das stimmt. Er ist in seinem Haus gestorben«, bestätigte sie.

»Die Leiche wurde um 22.21 Uhr in die Rechtsmedizin gebracht, und ihr habt bis frühmorgens das Haus untersucht.«

»Richtig, und dabei habe ich das hier gefunden.«

Anneli legte zehn DIN-A4-Blätter vor sich auf den Tisch.

»Sie lagen gut versteckt im Schlafzimmerschrank. Es sind Drohbriefe.«

»Wissen wir, von wem sie stammen?«, fragte Henrik und streckte sich, um die Papiere in Empfang zu nehmen.

Jana machte sich auf ihrem Schreibblock eine Notiz zu den Briefen.

»Nein, ich habe die Kopien heute früh vom Labor bekommen, aber es wird noch einen Tag oder so dauern, bis uns eine genaue Analyse vorliegt«, sagte Anneli.

»Was steht denn auf den Blättern?«, fragte Mia, versteckte die Hände in ihrem Strickpullover, stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah Anneli neugierig an.

»In allen Briefen steht derselbe Satz: ›Zahl jetzt, sonst musst du einen noch höheren Preis zahlen.‹«

»Erpressung«, bemerkte Henrik.

»Sieht so aus. Wir haben schon mit Frau Juhlén gesprochen, doch sie behauptet, von der Existenz dieser Briefe nichts gewusst zu haben. Sie wirkte ehrlich erstaunt.«

»Auch keine Anzeige wegen Erpressung?«, hakte Jana nach und runzelte die Stirn.

»Nein, es liegt keine Anzeige vor – nicht vom Erpressungsopfer selbst, aber auch nicht von Juhléns Frau oder von jemand anders«, erwiderte Gunnar.

»Und was ist mit der Mordwaffe?«, fragte Jana.

»Weder am Fundort noch in der näheren Umgebung ist eine Mordwaffe sichergestellt worden«, sagte Gunnar und sah Anneli an, die den Kopf schüttelte.

»Auch keine DNA-Spuren oder Schuhabdrücke?«

»Nein«, sagte Anneli. »Aber Fingerabdrücke. Als Kerstin Juhlén nach Hause kam, stand ein Fenster im Wohnzimmer offen, und es deutet vieles darauf hin, dass der Täter durch das Fenster entkommen ist. Leider hat Frau Juhlén das Fenster gleich geschlossen, was uns die Arbeit erschwert hat. Dennoch ist es uns gelungen, zwei interessante Abdrücke zu sichern.«

»Von wem?«, fragte Jana und hielt den Stift bereit, um sich den Namen zu notieren.

»Wir wissen nicht, von wem, aber allem Anschein nach sind es die Handabdrücke eines Kindes. Und das Komische ist, dass das Ehepaar Juhlén gar keine Kinder hat.«

Jana sah von ihrem Block auf.

»Aber muss das irgendetwas heißen? Die kennen doch sicher jemanden mit Kind? Freunde? Verwandte?«, sagte sie.

»Kerstin Juhlén konnte dazu noch nicht befragt werden«, erwiderte Gunnar.

»Dann hat ihre Vernehmung oberste Priorität. Am besten sofort.«

Jana zog ihren in schwarzes Leder gebundenen Kalender aus der Aktentasche und blätterte bis zum aktuellen Datum. Auf den hellgelben Seiten standen in sauberer Schrift Memos, Uhrzeiten und Namen.

»Ich will, dass wir schon heute mit ihr sprechen.«

»Ich werde ihren Rechtsanwalt Peter Ramstedt anrufen«, versprach Gunnar Öhrn.

»Na prima«, bemerkte Jana. Unter diesen Umständen bekam sie bestimmt keinen Eiltermin, den sie sich in ihrem Kalender notieren konnte. Mit einem Knall schlug sie das Büchlein zu. Mia Bolander zuckte zusammen und warf Jana einen bösen Blick zu.

»Geben Sie mir bitte Bescheid, sobald Sie ihn erwischt haben«, sagte Jana und legte den Kalender in das dafür vorgesehene Fach ihrer Aktentasche. »Apropos Vernehmung. Haben Sie schon mit den Anwohnern gesprochen?«

»Ja, mit den unmittelbaren Nachbarn schon«, sagte Gunnar Öhrn.

»Und?«

»Nichts. Keiner hat irgendwas gesehen oder gehört.«

»Dann fragen wir weiter. Sprechen Sie mit den Bewohnern der ganzen Straße, und sehen Sie sich genauer um. In Lindö gibt es viele Häuser, die zum Teil riesige Fenster haben.«

»Na, das müssen Sie ja wissen«, bemerkte Mia trocken.

Jana wandte sich an die Kriminalobermeisterin. »Was ich meine, ist, dass irgendjemand etwas gesehen haben muss.«

Mia Bolander starrte sie an, wich ihrem Blick dann jedoch aus.

»Was wissen wir über Hans Juhlén?«, fuhr Jana fort.

»Sieht so aus, als hätte er ein ganz normales Leben geführt«, sagte Gunnar Öhrn und warf einen Blick in seine Unterlagen. »Hans Juhlén wurde 1953 in Kimstad geboren und ist dort aufgewachsen. Er war bei seinem Tod also neunundfünfzig Jahre alt. Die Familie ist 1965 nach Norrköping gezogen, da war er zwölf. Er hat Wirtschaftswissenschaften an der Uni studiert, vier Jahre in einem Buchhaltungsbüro gearbeitet und danach acht Jahre im Finanzamt, bevor er eine Anstellung in der Wirtschaftsabteilung des Amts für Migration bekommen hat. Kerstin Juhlén hat er schon kennengelernt, als er achtzehn war. Im Jahr darauf haben sie standesamtlich geheiratet. Sommerhäuschen am Vänersee. Das war’s, glaube ich.«

»Der Bekanntenkreis«, sagte Mia mürrisch. »Haben wir den schon überprüft?«

»Was Freunde und Bekannte betrifft, wissen wir noch gar nichts. Aber wir haben mit den Ermittlungen begonnen«, erklärte Gunnar.

»Ein ausführlicheres Gespräch mit Kerstin Juhlén ist auf jeden Fall unumgänglich«, meinte Henrik.

»Ich weiß«, sagte Gunnar.

»Was ist mit seinem Handy?«, fragte Jana Berzelius.

»Ich habe vom Betreiber schon die Gesprächslisten angefordert. Hoffentlich habe ich sie bis morgen.«

»Und was wissen wir über die Obduktion?«

»Momentan wissen wir, dass Hans Juhlén erschossen wurde und dass er am Fundort gestorben ist. Der Rechtsmediziner wird uns heute einen vorläufigen Bericht zukommen lassen«, antwortete Gunnar.

»Ich will eine Kopie davon.«

»Henrik und Mia gehen nach der Besprechung rüber in die Rechtsmedizin.«

»Gut. Dann komme ich mit«, sagte Jana und musste innerlich lachen, als sie einen tiefen Seufzer aus Mia Bolanders Richtung hörte.

* * *

Es herrschte starker Seegang, was dazu führte, dass der Gestank in dem engen Raum noch schlimmer wurde.

Das siebenjährige Mädchen saß in der Ecke, griff nach dem Rock seiner Mutter und vergrub die Nase darin. Sie stellte sich vor, dass sie zu Hause im Bett läge oder in einer Wiege. Denn das Schaukeln des Schiffs erinnerte sie an das Gefühl, gewiegt zu werden.

Das Mädchen atmete mit kurzen Atemzügen ein und aus. Bei jedem Ausatmen hob sich der Stoff ein wenig über seinem Mund. Bei jedem Einatmen sank er zurück und klebte an ihren Lippen. Sie atmete schneller, nahm einen tiefen Atemzug und blies, so fest sie konnte. Der Kleiderstoff bewegte sich und verschwand von ihrem Gesicht.

Sie tastete mit der Hand nach dem Rock. Im trüben Licht sah sie ihren Spiegel auf dem Boden liegen. Er war rosa mit einem Schmetterling darauf, und das Glas hatte einen langen Sprung. Sie hatte den Spiegel zu Hause in einer Mülltüte gefunden, den jemand auf die Straße geworfen hatte. Jetzt hob sie ihn auf und hielt ihn sich vors Gesicht. Sie nahm eine Haarsträhne an der Stirn und inspizierte ihr dunkles zerzaustes Haar, ihre großen Augen und ihre langen Wimpern.

Jemand hustete heftig, und das Mädchen zuckte zusammen. Sie versuchte zu sehen, wer gehustet hatte, aber die Gesichtszüge ließen sich im Dunkeln nur schwer unterscheiden.

Sie fragte sich, wann sie endlich ankämen, traute sich aber nicht zu fragen. Ihr Vater hatte sie zum Schweigen gebracht, als sie zum fünften Mal gefragt hatte, wie lange sie noch in diesem blöden Eisenschrank säßen.

Jetzt hustete auch ihre Mutter. Das Atmen fiel allen schwer, denn in dem kleinen Raum mussten sich viele Menschen den wenigen Sauerstoff teilen.

Das Mädchen ließ seine Hand über die Wand wandern. Sie spürte den weichen Rock ihrer Mutter und vergrub wieder die Nase darin.

Der Boden war hart. Sie streckte sich und änderte ihre Position, bevor sie weiter mit der Hand an der Wand herumspielte. Mit dem Zeige- und dem Mittelfinger galoppierte sie an der Wand und auf dem Boden hin und her. Ihre Mutter lachte immer, wenn sie so spielte, und sagte, sie sei eine richtige Pferdenärrin.

Zu Hause, im Schuppen in La Pintana, hatte das Mädchen sich einen Stall unter dem Küchentisch gebaut. Die Puppe war das Pferd gewesen. Die letzten drei Geburtstage hatte sie sich ein eigenes Pony gewünscht. Sie hatte gewusst, dass sie keines bekommen würde. Sie bekam nur selten Geschenke, und es war gar nicht gesagt, dass sie zu ihrem Geburtstag überhaupt etwas geschenkt bekommen würde. Sie könnten sich kaum etwas zu essen leisten, hatte ihr Vater gesagt.

Trotzdem träumte das Mädchen von einem eigenen Pferd. Sie würde darauf zur Schule reiten. Schnell, genauso schnell wie die Finger, die jetzt an der Wand entlanggaloppierten.

Diesmal lachte ihre Mutter nicht. Bestimmt ist sie müde, dachte das Mädchen und sah ihr ins Gesicht.

Wie lange dauerte es eigentlich noch? Diese blöde Reise! Dabei sollte es doch gar keine lange Reise werden, hatte ihr Vater gesagt, als sie die Plastiktüten mit der Kleidung gepackt hatten. Es sei ein Abenteuer, ein großes Abenteuer, und sie würden nur kurz mit dem Schiff fahren, zu einem neuen Haus. Und sie werde jede Menge neuer Freunde finden. Darauf freute sie sich, denn sie spielte gern mit anderen Kindern, und zu Hause hatte sie viele Freunde. Außerdem waren einige von ihnen mit auf die Reise gekommen. Danilo und Ester.

Danilo mochte sie, der war nett, aber Ester war manchmal ein bisschen blöd und ärgerte sie. Außerdem waren noch ein paar andere Kinder an Bord, aber die kannte sie nicht. Sie hatte sie nie zuvor gesehen. Diese Kinder fuhren nicht gern Schiff. Zumindest nicht das kleinste, das Baby. Es schrie fast die ganze Zeit. In diesem Moment war es immerhin still.

Das Mädchen galoppierte mit den Fingern an der Wand vor und zurück. Sie streckte sich zur Seite, um mit Zeige- und Mittelfinger noch weiter nach oben und nach unten zu gelangen. Als die Finger ganz unten in der Ecke gelandet waren, spürte sie eine Ausbuchtung. Sie wurde neugierig und blinzelte in die Dunkelheit, um herauszufinden, was es war. Ein Schild.

Sie beugte sich vor, studierte die kleine silberne Platte, die an die Wand geschraubt war, und bemühte sich zu lesen, was dort stand. V und P. Dann kam ein Buchstabe, den sie nicht kannte.

»Mama?«, flüsterte sie. »Was ist das für ein Buchstabe?«

»X«, flüsterte ihre Mutter zurück. »Ein X.«

X, dachte das Mädchen. V, P, X, O. Und dann ein paar Ziffern.

Sie zählte bis sechs. Es waren sechs Ziffern.

* * *

Der Obduktionssaal war von grellen Neonröhren erleuchtet. Eine Bahre aus glänzendem Stahl stand in der Mitte des Raums, und unter dem weißen Laken waren die Konturen eines Körpers zu erahnen. Auf einem Stahltisch stand eine lange Reihe von Plastikbehältern, die mit Nummern versehen waren. Dort lag auch eine Knochensäge. Ein metallischer Geruch nach Fleisch hatte sich im Saal ausgebreitet.

Jana Berzelius stellte sich neben die Bahre, begrüßte den Rechtsmediziner Björn Ahlmann, der ihr gegenüberstand, und zog ihren Schreibblock heraus.

Henrik Levin postierte sich neben Jana, während Mia Bolander am Ausgang stehen blieb, mit dem Rücken zur Tür. Henrik hätte es ihr am liebsten gleichgetan. Schon immer hatte er Probleme mit Obduktionssälen gehabt und konnte Björn Ahlmanns Faszination für tote Menschen nicht teilen. Er fragte sich, wie der Rechtsmediziner tagtäglich mit Leichen arbeiten und dennoch so unberührt wirken konnte. Auch wenn es zu Henriks Arbeitsalltag gehörte, fiel es ihm schwer, dem Tod in die Augen zu blicken, und selbst nach sieben Jahren im Dienst musste er sich dazu zwingen, nicht angewidert eine Grimasse zu schneiden, wenn er Leichen sah.

Auch Jana wirkte nicht unangenehm berührt. Sie verzog ohnehin nie eine Miene, und Henrik fragte sich im Stillen, ob es überhaupt irgendetwas gab, was sie zu einer Gefühlsregung bewegen konnte. Weder ausgeschlagene Zähne noch ausgestochene Augen oder abgehackte Finger und Hände lösten eine nennenswerte Reaktion bei ihr aus. Dasselbe galt für zerbissene Zungen oder Verbrennungen dritten Grades. Er wusste das, weil er dabei gewesen war, und – im Gegensatz zu ihr – hatte er sich anschließend erbrechen müssen.

Generell war Janas Mienenspiel extrem zurückhaltend. Sie zeigte kaum je irgendwelche Gemütsregungen und wirkte weder erschüttert noch verbissen. Wenn sich wider Erwarten ein Lächeln in ihr Gesicht stahl, ähnelte es am ehesten einem Strich. Einem angestrengten Strich.

Ihr strenges Wesen passte nicht zu ihrem Aussehen. Die langen dunklen Haare, die großen braunen Augen und die helle Haut hätten eine lebhaftere Körpersprache verdient. Vielleicht hat sie einfach eine berufliche Rolle eingenommen, dachte er. Vielleicht wollte sie eine bestimmte Fassade aufrechterhalten, und die starre Körpersprache sollte zu der strengen Kostümjacke, dem wadenlangen Rock und den Absätzen passen, die sie einige Zentimeter größer machten als die eins zweiundsiebzig. Vielleicht agierte sie ihre Gefühle ja außerhalb der Arbeit aus.

Henrik streckte sich unauffällig, um an Janas Körpergröße heranzureichen.

Vorsichtig hob Björn Ahlmann das weiße Laken an und entblößte Hans Juhléns nackten Körper.

»Dann schauen wir mal. Hier haben wir ein Einschussloch und hier noch eines«, sagte er und zeigte auf zwei offene Wunden am Brustkorb. »Beide sehen so aus, als wären sie perfekt platziert, doch nur einer der Schüsse hat ihn getötet.«

Ahlmann zeigte auf das obere der beiden Löcher.

»Zwei Schüsse also«, stellte Henrik fest.

»Genau.«

Björn Ahlmann holte ein CT-Bild und befestigte es am Röntgenschrank.

»Es sieht so aus, als wäre zunächst ein Schuss in den unteren Brustkorb gegangen, woraufhin das Opfer zusammengebrochen ist. Dabei ist der Mann rückwärtsgefallen, was zu einer Subduralblutung am Hinterkopf geführt hat. Sehen Sie mal hier.«

Ahlmann deutete auf eine dunkle Fläche des Röntgenbildes.

»Allerdings er ist weder durch den ersten Schuss noch durch den Sturz gestorben. Meine Vermutung lautet: Nachdem Juhlén zusammengebrochen war, hat der Täter ein zweites Mal auf ihn geschossen. Hier.«

Er zeigte auf das andere Einschussloch.

»Der zweite Schuss ging direkt durch den Rippenknorpel in den Herzbeutel. Der Tod ist sofort eingetreten.«

»Juhlén ist also durch die zweite Kugel gestorben«, fasste Henrik zusammen.

»Richtig.«

»Und die Waffe?«

»Die Patronen, die wir gefunden haben, zeigen, dass er von einer allseits bekannten Waffe erschossen wurde. Einer Glock.«

»Dann wird es schwierig werden, sie aufzutreiben«, bemerkte Henrik.

»Warum?«, fragte Jana, während im selben Augenblick ihr Handy in der Tasche vibrierte. Alle anderen nahmen das brummende Geräusch deutlich wahr, nur Jana tat so, als höre sie es nicht.

»Treffen Sie bei Ihren Gesprächen eine Vorauswahl?«, fragte Mia von der Tür aus. »War der Anruf eben nicht wichtig genug, oder was?«

Jana ignorierte sie und wiederholte stattdessen ihre Frage an Henrik Levin: »Warum?«

»Weil Glock-Pistolen sehr verbreitet sind«, erwiderte er. »Hier in Schweden wurden sie beim Militär verwendet und sind darüber hinaus weltweit bei der Polizei im Einsatz. Die Liste der Lizenzen wird also lang sein.«

»Dann müssen wir jemanden mit viel Geduld dransetzen«, meinte Jana und spürte wieder eine kurze Vibration in der Jackentasche. Jemand hatte eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen.

»Keine Spuren von Notwehr?«, erkundigte sich Mia.

»Nein, es gibt keinerlei Anzeichen von Gewalt. Keine Kratzer, keine blauen Flecken oder Würgemale. Er wurde erschossen, Punkt.«

Björn Ahlmann sah zu Henrik und Jana.

»Die Blutspuren zeigen, dass er vor Ort gestorben ist. Sein Körper ist nicht woandershin verfrachtet worden, aber …«

»Das hat Gunnar bereits gesagt«, unterbrach Mia ihn.

»Ich habe heute früh ja schon kurz mit ihm gesprochen. Aber es gibt …«

»Keine Fingerabdrücke?«, fragte Mia.

»Nein, aber …«

»Und was ist mit Drogen?«

»Nein. Keine Drogen, kein Alkohol. Aber …«

»Knochenbrüche?«

»Nein. Aber dürfte ich bitte mal ausreden?«

Mia verstummte.

»Danke. Bemerkenswert ist die Kombination von Einschussloch und Austrittsloch. Mit dem Einschussloch«, Ahlmann zeigte auf das obere der beiden Einschusslöcher, »hat es nichts Besonderes auf sich. Die Kugel ist glatt durchgegangen. Aber das zweite Geschoss hat den Körper in einem schrägen Winkel durchschlagen. Jemand muss beim Abfeuern des ersten Schusses gekniet, gelegen oder gesessen haben. Anschließend, nachdem der Mann zusammengebrochen war, muss er den zweiten Schuss mitten ins Herz abgegeben haben.«

»Die reinste Hinrichtung also«, sagte Mia.

»Das zu beurteilen ist natürlich Sache der Polizei, aber es sieht ganz danach aus.«

»Er stand also, als ihn die erste Kugel traf«, konstatierte Henrik.

»Ja, und er wurde von vorn getroffen.«

»Aber wie kann jemand auf den Knien oder aus liegender Stellung von vorn auf ihn schießen? Das klingt völlig abwegig«, sagte Mia. »Es ist doch total komisch, dass jemand sich vor ihn auf den Boden setzt und ihn tötet. Dann hätte Juhlén doch rechtzeitig reagieren können.«

»Das hat er vielleicht auch getan. Oder er hat seinen Mörder gekannt«, meinte Henrik.

»Vielleicht war es ja ein Zwerg oder so«, sagte Mia und lachte laut.

Henrik seufzte genervt.

»Das müssen Sie miteinander ausdiskutieren«, sagte Ahlmann. »So sieht jedenfalls meine Einschätzung zum Tod von Hans Juhlén aus. Sie finden das Ganze hier zusammengefasst.«

Er hielt zwei Kopien seines Obduktionsberichts hoch. Henrik Levin und Jana Berzelius nahmen sich jeweils ein Exemplar.

»Der Tod ist am Sonntag zwischen achtzehn und neunzehn Uhr eingetreten. Das steht auch in den Unterlagen.«

Jana blätterte den Bericht durch, der auf den ersten Blick wie üblich umfangreich und detailliert wirkte.

»Danke für die Informationen«, sagte sie zu Ahlmann, bevor sie das Handy aus ihrer Tasche fischte, um die entgangene Mailboxnachricht abzuhören.

Sie stammte von Gunnar Öhrn, der mit entschlossener und klarer Stimme einen einzigen kurzen Satz hinterlassen hatte: »Vernehmung von Kerstin Juhlén um 15.30 Uhr.« Nichts weiter. Nicht einmal seinen Namen.

Jana legte das Telefon wieder zurück in die Tasche.

»Vernehmung um halb vier«, sagte sie leise zu Henrik.

»Was?«, fragte Mia.

»Vernehmung um halb vier«, wiederholte Henrik laut zu Mia, die gerade etwas erwidern wollte, als Jana ihr zuvorkam.

»Sehr gut«, sagte sie.

Der Rechtsmediziner schob die Brille auf der Nase hoch.

»Sind Sie zufrieden?«

»Ja.«

Langsam breitete er den Stoff über den nackten Körper.

Mia öffnete die Tür und machte einen Schritt rückwärts, um einen versehentlichen Körperkontakt mit Jana zu vermeiden.

»Wir melden uns, falls noch Fragen auftreten sollten«, sagte Henrik, als sie den Obduktionssaal verließen.

Rasch ging er zum Fahrstuhl, die anderen folgten ihm.

»Tun Sie das«, sagte Ahlmann hinter ihnen. »Sie wissen ja, wo Sie mich finden«, fügte er hinzu, doch seine Stimme ging im hämmernden Geräusch des Lüftungssystems unter.

Die Staatsanwaltschaft in Norrköping beschäftigte neben mehreren Sachbearbeitern zwölf Staatsanwälte in Vollzeit, die unter der Leitung von Torsten Granath standen.

Vor fünfzehn Jahren, als Granath den Posten als leitender Staatsanwalt übernommen hatte, war das Durchschnittsalter der Angestellten hoch gewesen. Unter seiner Führung hatte das Haus eine große Veränderung durchlaufen. Granath hatte sich bewusst für eine Verjüngungspolitik entschieden und das alternde Personal ausgetauscht. Er hatte mehrere treue Mitarbeiter dankend entlassen, hatte müde Verwaltungsangestellte verabschiedet und frustrierten Fachleuten geholfen, sich auf dem Arbeitsmarkt neuen Herausforderungen zu stellen.

Als Jana Berzelius in der Staatsanwaltschaft anfing, hatte Torsten Granath die Organisation stark reduziert und die Zahl der Staatsanwälte auf nur vier gekürzt. Im selben Jahr wurde der Behörde jedoch ein größerer Zuständigkeitsbereich zugeordnet. Nun waren nicht nur Verbrechen in Norrköping zu bearbeiten, sondern auch in Finspång, Söderköping und Valdemarsvik. Außerdem machte der steigende Drogenhandel zusätzliche Mitarbeiter erforderlich. Daher hatte Torsten Granath weitere Staatsanwälte eingestellt, deren Gesamtzahl sich nun auf zwölf belief.

Ein Ergebnis von Torsten Granaths Politik war, dass sich die Behörde jetzt mit jungen Talenten schmücken konnte. Das Durchschnittsalter war auf vierzig gesunken, und nur Granath selbst war ein wenig in die Jahre gekommen. Mit seinen zweiundsechzig Jahren hatte er sein Tempo heruntergefahren und träumte gern von den gepflegten Greens der Golfplätze. Aber sein Herz gehörte noch immer der Staatsanwaltschaft. Die Leitung der Behörde war sein Lebensauftrag, den er bis zum Tag seiner Pensionierung erfüllen würde.

Granaths Büro war gemütlich. Vor den Fenstern hingen Gardinen, auf dem Schreibtisch standen in vergoldeten Bilderrahmen Fotos der Enkelkinder, und auf dem Fußboden lag ein grüner Wollteppich, auf dem er auf und ab zu gehen pflegte, während er telefonierte.

Das tat er auch an diesem Tag, als Jana Berzelius die Abteilung betrat. Sie begrüßte kurz die Sekretärin Yvonne Jansson, die schon seit zwanzig Jahren bei der Staatsanwaltschaft arbeitete.

»Hallo, hier ist was für Sie!« Yvonne Jansson hielt Jana einen gelben Klebezettel hin, auf dem ein wohlbekannter Name notiert war.

»Mats Nylinder von den Norrköpings Tidningar will einen Kommentar zum Mord an Hans Juhlén. Man hat offenbar Wind davon bekommen, dass Sie die Ermittlungen leiten. Nylinder hat gemeint, dass Sie ihm noch ein paar Worte schulden, weil Sie sich heute Vormittag nach der Verhandlung so schnell aus dem Staub gemacht haben. Er hätte gern eine Äußerung von Ihnen zum Gerichtsurteil gehabt und hat über eine Stunde auf Sie gewartet.«

ENDE DER LESEPROBE