Neuanfang auf Sylt - Nadine Feger - E-Book

Neuanfang auf Sylt E-Book

Nadine Feger

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Beschreibung

Eine Patchwork-WG mit Herzklopfen-Option.
Svea steht plötzlich allein da, nachdem ihr Ehemann und Tanzpartner sie durch eine andere ersetzt, auf dem Parkett wie im Herzen. In der Bar ihres Bruders trifft sie eines Abends auf Lucas, dessen Leben ebenfalls einem Scherbenhaufen gleicht, denn seine Tochter Lilly liegt nach einem Unfall im Koma. Zwischen Sorgen und Gesprächen knüpfen Svea und Lucas ein zartes Band.
Als Lilly erwacht und Lucas sie zur Reha nach Sylt begleitet, wird die frische Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Alles, was Lucas sich wünscht, ist Sicherheit für sich und seine Tochter. Svea hingegen schwankt zwischen ihrer alten und ihrer neuen Liebe. Sie muss eine Entscheidung treffen, ohne zu wissen, ob sie ihr Glück dabei verliert oder endlich findet …

“Neuanfang auf Sylt” von Nadine Feger ist ein gefühlvoller Second Chance Liebesroman mit Found Family und Love Triangle, in dem wahre Liebe über Umwege ihren Weg findet.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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NEUANFANG AUF SYLT

NADINE FEGER

Verlag:

Zeilenfluss

Werinherstr. 3

81541 München

Deutschland

_____________________________

Texte: Nadine Feger

Cover: MT-Design

Satz: Zeilenfluss Verlag

Korrektorat: Dr. Andreas Fischer,

TE Language Services – Tanja Eggerth

_____________________________

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

_____________________________

ISBN: 978-3-96714-529-8

1

LUCAS

Energisch reiße ich das leere Glas in die Höhe.

»Noch einen«, rufe ich über die laute Musik hinweg. Der Whiskey brennt in meiner Kehle, doch es ist mir gleich. Hauptsache, er betäubt diesen Schmerz, der so unerträglich ist, dass ich lieber tot wäre. Aber ich muss weitermachen, für den wichtigsten Menschen in meinem Leben kämpfen. Auch wenn ich im Moment nicht weiß, wie. Ich bin völlig machtlos und kann nichts weiter tun, als zu warten. Und zu hoffen.

Durchdringend setzt sich eine Frauenstimme über die Lautstärke hinweg. »Ich glaube, du hast für heute genug.«

Benommen hebe ich den Kopf. Der Anblick trifft mich wie ein Schlag. »Tessa? Was … machst du denn hier?«

Ich kneife die Augen fest zu und öffne sie wieder. Sie steht leibhaftig vor mir.

»Ich glaube, du siehst Gespenster. Ein klares Zeichen, dass du zu viel hattest.« Die junge Frau mit den langen braunen Locken zwinkert mir zu und stellt mir ein Glas Wasser vor die Nase.

»Was? Aber …« Ungläubig mustere ich sie und schüttle den Kopf, versuche krampfhaft, einen klaren Gedanken zu fassen. Habe ich mich tatsächlich geirrt? Steht es schon so schlimm um mich? »Entschuldigung. Du … siehst jemandem erschreckend ähnlich.«

Grinsend zieht sie eine Augenbraue in die Höhe. »Erschreckend also.«

»Das … das meine ich nicht negativ. Im Gegenteil. Ich finde, du … du siehst toll aus. Aber eben auch … O Mann, ich rede mich gerade um Kopf und Kragen, oder?«

Sie lächelt nachsichtig. »Allerdings. Soll ich dir ein Taxi bestellen?«

Erst reagiere ich nicht auf ihre Frage. Zu schwer sind die Gedanken in meinem Kopf. »Es gibt keinen Grund für mich, nach Hause zu fahren«, antworte ich schließlich. »Dort ist es … viel zu still.«

Ihr Blick wird weich. »Verstehe.« In ihren Augen glaube ich zu erkennen, dass sie das wirklich tut. Sie beugt sich über den Tresen und mustert mich intensiv. »Willst du drüber reden?«

Unwillkürlich muss ich lachen. »Das ist so was von klischeehaft, das ist dir schon klar, oder?«

»Du wärst in der Tat nicht der erste betrunkene Gast, der mir sein Herz ausschüttet.«

»Wie in einem schlechten Film«, brumme ich. »Aber das passt ganz gut zum Rest meines Lebens.« Ich trinke einen Schluck Wasser und verziehe das Gesicht. Das wird mir garantiert nicht helfen, nüchtern zu werden. Aber das will ich ohnehin nicht, ebenso wenig wie reden. Zumindest nicht über mich. »Was hat eine Frau wie du auf dem Kiez verloren? Diese Stadt hält doch sicher Besseres für dich bereit.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Die Bar gehört meinem Bruder Jerik. Und jetzt lenk nicht ab. Was ist so schlimm, dass sich der Kater am nächsten Morgen lohnen könnte?«

»Meine Tochter liegt im Koma.« Ich schlucke. Meine Kehle ist trocken. Noch immer kann ich nicht glauben, dass dieser Unfall wirklich passiert ist. »Sie wurde beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst. Direkt vor der Schule.«

»Das … das tut mir leid. Ist …? Wird sie …?«

»Ich weiß es nicht. Die Ärzte sagen, wir können nur abwarten.«

Einen Moment sieht sie mich schweigend an. »Ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber denkst du, das hier ist der richtige Ort dafür? Du solltest bei ihr sein.«

Ihre Worte sind nicht anklagend, dafür umso eindringlicher.

»Das wollte ich ja. Aber die vom Krankenhaus haben mich nach Hause geschickt. Sie meinen, ich solle mich ausruhen.«

»Und dein erstbester Weg führt dich in die Kneipe?«

Gleichgültig hebe ich die Schultern. »Sieht ganz danach aus.«

»Willst du meine ehrliche Meinung hören?«

Ich will ihrem Blick ausweichen, kann es aber nicht. »Selbst wenn nicht, würde ich sie trotzdem zu hören bekommen, oder?«

Der Hauch eines Lächelns huscht über ihr Gesicht. »Da könntest du recht haben.«

»Also, dann schieß schon los.« Ergeben lehne ich mich zurück, meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf sie gerichtet.

»Du solltest auf die Ärzte hören und dich ausschlafen. Deine Tochter hat nichts davon, wenn du dich volllaufen lässt – und du auch nicht. Du musst Kraft tanken und einen klaren Kopf bewahren, für sie. Deshalb rufe ich dir jetzt ein Taxi, okay?«

»Meinetwegen«, knurre ich.

»Brav«, erwidert sie grinsend. »Ich bin übrigens Svea.«

»Lucas.«

»Freut mich, Lucas.« Sie greift nach ihrem Handy und verschwindet in einem Raum hinter der Theke. Wenig später kehrt sie zurück. »Das Taxi ist in ein paar Minuten da. Komm, ich begleite dich nach draußen.«

»Das musst du nicht«, protestiere ich.

»Keine Widerrede. Ich will sichergehen, dass du dich wirklich in dieses Taxi setzt und nicht gleich die nächste Bar ansteuerst.«

Fügsam folge ich ihr Richtung Ausgang und stelle ernüchtert fest, dass meine Beine mir nicht so ganz gehorchen. Offenbar habe ich tatsächlich ein wenig übertrieben. Normalerweise lasse ich mich nicht so gehen. Aber heute, nach quälenden vier Tagen an Lillys Bett, wusste ich nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Alles, was ich wollte, war vergessen. Wenigstens für ein paar Stunden. Funktioniert hat dieser Plan jedoch nicht. Im Gegenteil.

Als ich in die eisige Januarluft trete, klärt sich der Nebel in meinem Kopf ein wenig. Fröstelnd ziehe ich meine viel zu leichte Jacke enger um mich.

Svea, gehüllt in einen eleganten, knöchellangen Wollmantel, mustert mich unverhohlen. »Wartet zu Hause jemand auf dich, der dich auffängt? Deine Freundin? Frau?«

»Eine Ex-Frau ist alles, was ich vorzuweisen habe«, erwidere ich verbittert. »Und sie ist die Letzte, die ich jetzt sehen will. Sie ist schließlich schuld an alldem.«

»Wie meinst du das?«

Wütend kicke ich eine leere Coladose vom Gehweg. »Sie hat Lilly allein zur Schule laufen lassen, weil es ihr zu stark geregnet hat. Gleich am ersten Tag nach den Weihnachtsferien. Das muss man sich mal vorstellen! Dabei hatten wir eine ganz klare Abmachung. Der Verkehr in Altona ist morgens einfach abartig, da kann man ein Kind nicht allein in der Dunkelheit losschicken. Schon gar nicht, weil wir Lilly …«

Das Taxi fährt vor, und ich verstumme. Ich sollte Svea sowieso nicht mit meinem Mist vollquatschen. Schließlich kennen wir uns nicht – auch wenn es mir so vorkommt.

Bevor ich einsteige, schaue ich sie unschlüssig an. »Also dann … danke.«

Sie lächelt sanft. »Alles Gute, Lucas. Vor allem für Lilly. Ich hoffe, sie kommt wieder auf die Beine.«

»Das hoffe ich auch«, erwidere ich matt. Dann setze ich mich auf die Rückbank und ziehe die Tür zu. Ich schaue zu Svea, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwindet. Selbst, als ich sie längst nicht mehr sehen kann, habe ich das Gefühl, ihr Blick ruht noch auf mir.

Ich sollte mich wirklich nie wieder so betrinken.

* * *

Tag für Tag sitze ich hier und starre auf das bleiche Gesicht meiner Tochter.

Ihre langen blonden Locken umrahmen ihren zerbrechlichen Körper und lassen sie so ruhig und friedlich erscheinen, dass es fast unheimlich ist.

Nie zuvor habe ich mich derart hilflos gefühlt. Nicht einmal, als ich vor vier Jahren nach ihrer Herz-OP an ihrem Krankenbett saß und darauf gewartet habe, dass sie aufwacht. Natürlich war ich auch damals in Sorge, doch ich wusste, die Operation war gut verlaufen, und sie würde wieder vollkommen gesund werden. Doch jetzt weiß ich das nicht, und diese Ungewissheit zerfrisst mich innerlich. Ich kann nichts weiter tun, außer hier zu sitzen und zu warten, mit ihr zu reden, ihr vorzulesen, etwas vorzusingen.

Manchmal, während die schier endlosen Stunden an mir vorbeiziehen, flammt Sveas Gesicht vor meinem geistigen Auge auf – eine schöne, wenn auch blasse Erinnerung. Doch jedes Mal schiebe ich sie sogleich wieder beiseite. Mich ablenken zu lassen, kann ich mir jetzt nicht erlauben.

Ich befinde mich in einer Endlosschleife, schaue auf die Uhr, vernehme das Ticken des Sekundenzeigers, doch die Stunden vergehen wie in Zeitlupe. Das stetige Piepsen der Überwachungsgeräte brennt sich in meine Gehörgänge, und das kalte Licht lässt mich innerlich frieren.

Wie lange wird das noch so weitergehen? Jegliche Versuche, mich abzulenken, scheitern kläglich. Meine Gedanken kreisen unaufhörlich darum, ob und wann Lilly wieder aufwachen und in welchem Zustand sie sich dann befinden wird. Die äußerlichen Verletzungen bereiten mir dabei die wenigsten Sorgen.

In den ersten Tagen war ich noch voller Hoffnung, doch die Zeit vergeht ohne Anzeichen von Besserung. Die Machtlosigkeit zermürbt mich, und ich frage mich, wie lange ich das noch aushalten kann. Meine Seele ist gefroren, wie Hamburgs Straßen in diesem eisigen Winter. Die Kälte droht mich innerlich zu zerfressen und schürt die Angst in mir. Aber ich werde nicht aufgeben und so lange hier sitzen, bis Lilly wieder aufwacht. Und dann sehen wir weiter.

* * *

An Tag elf zucken Lillys zarte Finger unter meiner Hand, und ihre Augenlider flattern.

Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf und beuge mich über sie, streichle sacht ihre Stirn. »Lilly, Süße? Kannst du mich hören?«

Sie brummt leise, wie sie es oft tut, wenn ich sie morgens wecke. Dieses vertraute Geräusch lässt mein Herz überlaufen.

»Papa?«, flüstert sie kaum hörbar und blinzelt gegen das grelle Licht der Neonröhren an.

»Ja, ich bin hier, mein Schatz. Ich bin hier …« Tränen der Erleichterung rinnen über meine Wangen. Sie ist wach. Endlich. Zum ersten Mal, seit dieser Alptraum begann, spüre ich echte Hoffnung.

Alles wird gut. Ganz bestimmt.

2

SVEA

Tanzpartner-Date Nummer dreizehn. Ein lockeres Kennenlernen in einem kleinen italienischen Restaurant. Vor mir sitzt ein Typ, der zwar wirklich nett und – wenn ich seinen Worten Glauben schenken darf – überaus ambitioniert und erfolgreich ist, doch mit seinen höchstens einen Meter sechzig ist er mir eindeutig zu klein. Hätte er bei der Größenangabe nicht geflunkert – und das hat er definitiv –, hätte ich mich gar nicht erst mit ihm getroffen. Ich überrage ihn um mindestens zehn Zentimeter, dabei trage ich heute flache Winterboots.

»Was meinst du, sollen wir austrinken und rüber ins Tanzstudio gehen? Wir müssen schließlich herausfinden, ob wir auf dem Parkett harmonieren.« Er strahlt mich aus seinen auffällig grünen Augen an, scheint Feuer und Flamme, ganz im Gegensatz zu mir.

Ich weiche seinem Blick aus und starre auf mein Weinglas, dessen Inhalt golden im Licht der Kerzen schimmert. »Sei mir nicht böse, Liam, aber ich glaube, das bringt nichts.«

»Wie bitte?« Dem ohnehin schon blasshäutigen Iren fällt auch der Rest Farbe aus dem Gesicht. »Du nimmst mir meine kleine Notlüge übel, hm?«

Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Hattest du gehofft, mir würde nicht auffallen, dass da ein paar Zentimeter fehlen?«

Resigniert nickt er. »Ich habe es auf die ehrliche Weise versucht, aber nur eine Handvoll Anfragen bekommen. Und die taugten alle nichts.«

Ein freudloses Lachen entweicht mir. »Davon kann ich ein Lied singen. Entweder sind die potenziellen Tanzpartner deutlich weniger Profi, als sie angepriesen haben, oder die Chemie stimmt einfach nicht. Irgendein Problem gibt es immer.«

»Bei uns stimmt die Chemie«, erwidert er mit einem gewinnenden Lächeln.

»Nur die Größe eben nicht. Das musst du schon selbst zugeben.«

Schwerfällig lässt er sich gegen die Rücklehne seines Stuhls sinken. »Du hast ja recht. Aber lieber eine zu große Partnerin als keine. Die Größe ist kein unüberwindbares Problem. Bei der ein oder anderen Figur könnte es zwar schwierig werden, aber ich denke, wir würden das hinkriegen.«

»Ich weiß nicht.« Es fällt mir schwer, meine Skepsis abzulegen und Liam nicht bloß auf seine Größe zu reduzieren. Dabei ist er wirklich charmant. Bin ich zu verbohrt?

»Okay, wir machen einen Deal. Wenn wir in einem halben Jahr beide noch ohne Partner sind, versuchen wir es miteinander.« Liam streckt mir seine Hand entgegen, und ich schlage zögerlich ein. Bestenfalls wird es nie dazu kommen, und wenn doch, werde ich den Versuch wagen. Was habe ich schon zu verlieren?

Ich verabschiede mich von ihm und kann mich in diesem Moment selbst nicht ausstehen. Hätte ich ihm eine Chance geben sollen? Bin ich zu wählerisch? Kann ich mir das in meiner Situation überhaupt erlauben?

Frustriert laufe ich durch die feuchtkalte Januarnacht. Das trübe Wetter deckt sich mit meiner Stimmung. Seit Monaten lebe ich nur noch auf dem Abstellgleis. Mit der Trennung von Mino ist nicht bloß mein Privatleben den Bach runtergegangen, sondern auch meine Tanz-Karriere. Er war nicht nur mein Mann, er war auch mein Tanzpartner – und das bereits seit unserer Jugend. Wir haben überall auf der Welt Turniere getanzt, unzählige Wettbewerbe gewonnen. Jeder unserer Schritte war perfekt aufeinander abgestimmt, genau wie unsere Seelen. Wir wussten zu jeder Zeit, was der andere dachte oder fühlte. Wir waren eins. Doch von einem Tag auf den anderen war alles anders. Ich stehe vor dem Nichts und hoffe dennoch, dass es wieder so werden kann wie zuvor – wenn auch eben nicht mehr mit Mino. Das ist endgültig vorbei. Inzwischen habe sogar ich das kapiert. Zumindest sagt das mein Verstand. Und mein Herz? Das sticht hin und wieder noch mal. Erst recht, wenn ich daran denke, dass ich für einen kurzen Moment die Hoffnung hatte, ihn wieder zurückzugewinnen.

Am Abend vor unserem Scheidungstermin kam er noch einmal zu mir, sagte mir, wie leid ihm alles tat, und für einen Moment war alles wie früher. Plötzlich waren wir uns wieder so nah – doch am nächsten Morgen hat er alles zunichtegemacht. Wie konnte ich auch nur so naiv sein, zu glauben, er würde den Termin abblasen?

Er hat mich ausgetauscht, abgelegt wie ein altes Paar Tanzschuhe. Als wären all die Jahre, in denen wir uns gegenseitig getragen haben, nichts mehr wert.

Damit muss ich mich endlich abfinden.

* * *

Schon wieder wache ich mit diesem flauen Gefühl in der Magengegend auf. Die Angst um meine Zukunft raubt mir schier den Verstand. Noch gestern Abend war ich drauf und dran, zurückzurudern und Liam anzurufen, um doch noch eine Verabredung im Tanzstudio mit ihm auszumachen. Letztendlich konnte ich mich jedoch nicht dazu durchringen. Stattdessen habe ich eine Serie angeschaltet und darauf gewartet, einzuschlafen – wie jeden Tag, seit ich allein bin. Die Stille ist unerträglich. Schlaf finde ich nur, wenn der Fernseher läuft oder ich irgendwas nehme.

Mein Traum war wirr. Da waren Mino und auch Liam. Wir tanzten übers Parkett, es war wie ein Wettstreit zwischen den beiden. Doch plötzlich tauchte Lucas auf, und schließlich war er es, in dessen Armen ich über die Tanzfläche schwebte.

Lucas. Seit er in Jeriks Bar aufgetaucht ist, bekomme ich ihn nicht mehr aus dem Kopf. Wie es seiner Tochter gehen mag? Ob sie wieder aufgewacht ist? Obwohl ich Lucas nicht kenne, brach es mir das Herz, ihn so am Boden zu sehen. Normalerweise lasse ich die Geschichten der Gäste nicht an mich heran, aber bei ihm ist es anders. Seit jenem Abend habe ich ihn nicht mehr gesehen – und dennoch jeden Tag an ihn gedacht.

Nach einer warmen Dusche koche ich mir einen starken Kaffee und nehme einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Nach zwei Löffeln schiebe ich ihn jedoch angewidert weg. Ich habe einfach keinen Appetit. Aber wenn das so weitergeht, bestehe ich irgendwann nur noch aus Haut und Knochen. Vielleicht bereite ich mir später eine Gemüselasagne zu. Wäre doch gelacht, wenn mein Lieblingsessen nicht meinen Appetit ankurbelt.

Das durchdringende Krähen eines Hahnes lässt mich überrascht aufhorchen. Dieser alberne Klang der Türklingel ist noch ein Relikt aus der Zeit mit Mino. Er fand diesen Ton besonders originell. Ich sollte ihn dringend ändern.

Ich schlendere zur Tür und gehe davon aus, dass es der Postbote sein wird. Doch es ist mein Bruder, in dessen Gesicht ich nun blicke.

»Jerik! Du bist um diese Uhrzeit schon wach? Und dann beehrst du mich auch noch mit einem Besuch?« Mit seinem schwarzen Haar und dem dichten Bart sieht er aus wie eine jüngere Version meines Vaters. Ich hingegen komme eher auf meine Mutter und habe daher kaum Ähnlichkeiten mit meinem Bruder.

»Ich kann auch wieder gehen«, brummt er, was darauf schließen lässt, dass er lieber noch im Bett liegen würde. Noch eine Sache, die wir nicht gemeinsam haben: Morgenmuffel versus Frühaufsteher.

»Sei nicht so mürrisch und komm schon rein. Ich habe gerade Kaffee gemacht.«

»Davon nehm ich einen.« Er schiebt sich an mir vorbei in den schmalen Flur meiner Altbauwohnung, die ich mir allein und ohne das Tanzen kaum noch leisten kann.

Nachdem ich meinem Bruder in der Küche einen großen Kaffeebecher gefüllt habe, setze ich mich zu ihm aufs Sofa und beäuge ihn neugierig. »Also, was ist der Grund für deinen morgendlichen Besuch?«

»Ich wollte wissen, wie dein Treffen war und ob du endlich einen neuen Tanzpartner gefunden hast.«

Skeptisch ziehe ich eine Augenbraue in die Höhe, antworte jedoch auf seine Frage. »Liam war echt nett. Aber wir sind größentechnisch nicht kompatibel.«

»Also war er ein Zwerg?«

Ich boxe gegen Jeriks Arm, sodass der Kaffee beinahe aus seiner Tasse schwappt. »Sei nicht so böse! Er kann ja auch nichts dafür.«

»Und nun?«

Resigniert lasse ich die Schultern sinken. »Keine Ahnung. Langsam verliere ich die Hoffnung, noch jemanden zu finden. Vielleicht sollte ich mich damit arrangieren und mir etwas anderes suchen.«

Kurz flackert sein Blick, doch ich kann nicht ausmachen, warum. »Du kannst so lange bei mir arbeiten, wie du möchtest, das weißt du.«

»Nichts für ungut, aber der Job in der Bar gehört nicht gerade zu meinen Lebenszielen. Und das Geld ist auch zu knapp, um die Wohnung auf Dauer halten zu können.«

»Du kennst meine Meinung dazu. Such dir etwas anderes, was dich nicht ständig an Mino erinnert. Und wenn das Geld nicht reicht, kannst du auch bei mir wohnen. Platz habe ich genug.«

»Dann kann ich auch gleich wieder bei Mama und Papa einziehen«, entgegne ich lachend, obwohl mir überhaupt nicht danach zumute ist.

»Und wann packst du die endlich weg?« Mit dem Kinn deutet Jerik in Richtung der Kommode, auf der immer noch die Fotos von Mino und mir stehen. Auf dem Parkett, auf Reisen und bei unserer Hochzeit. Aus Zeiten, in denen er mein Ein und Alles war.

Ich schlucke. Ich hätte sie längst wegräumen sollen, doch aus mir unerfindlichen Gründen habe ich es noch nicht übers Herz gebracht. Aber nun stehe ich auf, raffe die Bilderrahmen zusammen und verstaue sie in der Schublade.

»So, erledigt«, sage ich. Es soll entschlossen klingen, doch meine Stimme bebt verräterisch. Der Anblick der nun leeren Fläche hinterlässt einen brennenden Schmerz in meiner Brust.

Stirnrunzelnd betrachtet mein Bruder mich, sagt aber nichts weiter dazu. »Gestern Abend hat übrigens jemand nach dir gefragt. So ein Typ mit Dutt.«

Sofort macht mein Herz einen kleinen Sprung, was völlig widersprüchlich zu dem Gefühl ist, das ich noch einen Wimpernschlag zuvor gespürt habe. »Lucas?«

»Keine Ahnung, wie der heißt.«

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Dass du heute Abend wieder Schicht hast. Er meinte, er kommt noch mal vorbei.« Jerik mustert mich mit gerunzelter Stirn. »Was will der Kerl von dir?«

»Wir haben uns neulich nett unterhalten. Mehr nicht.«

»Und warum lässt dich dieses ›Mehr nicht‹ dann rot anlaufen?« Ein belustigtes Funkeln tanzt in seinen Augen, begleitet von einem frechen Grinsen.

»Du bist unausstehlich!« Kurz schmolle ich, doch dann gewinnt die Neugier Oberhand. »Ist das etwa der Grund für deinen Besuch?«

»Muss ich immer einen Grund haben?« Beinahe trotzig sieht er mich an.

»Morgens vor zehn Uhr auf jeden Fall. Normalerweise bist du um diese Zeit nicht ansprechbar.«

Jeriks Miene wird ernst. Er kramt in seiner Jackentasche herum und zieht eine schmale Pappschachtel hervor. »Ich will, dass du den machst.«

Es dauert ein paar Sekunden, bis mir klar wird, was er mir unter die Nase hält. »Ein … Schwangerschaftstest? Was soll das denn?«

»Du hast ein paarmal erwähnt, dass dir morgens immer flau auf dem Magen ist. Da dachte ich –«

»Ja, und? Das liegt am Stress. Ich meine, die letzten Monate waren alles andere als leicht.«

Ungeduldig schüttelt Jerik den Kopf. »Svea, jetzt mal ehrlich. Hast du verhütet, als du mit Mino –«

»Sprich es bitte nicht aus!« Ich werde nicht gern daran erinnert, dass ich mich unmittelbar vor unserer Scheidung zu dieser Nacht mit ihm habe hinreißen lassen. Heute hasse ich mich dafür. Und in diesem Moment umso mehr, denn erst jetzt wird mir bewusst, wie dumm ich wirklich war.

»Hast du, oder hast du nicht?«, hakt Jerik nach.

Plötzlich rinnen Tränen über meine Wangen, und eine lähmende Angst erfasst mich. Wann hatte ich zum letzten Mal meine Periode? »Nein. Da… darüber hatte ich nicht nachgedacht. Warum auch? Wir hatten jahrelang erfolglos versucht, schwanger zu werden.«

Nein, nein, nein – es darf einfach nicht wahr sein.

»Ach, Svea –«

»Was denn? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ausgerechnet jetzt …?« Ich verstumme und reiße ihm wütend die Schachtel aus der Hand. »Also schön, wenn du darauf bestehst!« Mit einem Satz springe ich vom Sofa auf, verspüre starken Schwindel, doch lasse mich nicht beirren. Ich gehe ins Bad und mache diesen verdammten Test. Das werden die längsten Minuten meines Lebens.

3

LUCAS

Es ist noch früh am Abend, als ich das Jerik’s erneut betrete. Letzte Woche habe ich es bereits zweimal versucht, doch an dem einen Tag hatte Svea frei, am nächsten war sie krank. Es fiel mir schwer, ein paar Tage abzuwarten, um es erneut zu versuchen.

Heute hatte ich das Warten satt.

Keine Ahnung, warum ich so aufgeregt bin, Svea wiederzusehen. Ich weiß ja nicht einmal, ob sie das überhaupt will. Aber ich muss ihr wenigstens danken. Sie hat mir den Kopf gewaschen, sodass ich mich wieder voll und ganz auf Lilly konzentrieren konnte. Wobei ›voll und ganz‹ glatt gelogen ist. Denn zwischen all den Sorgen geisterte auch Svea immer wieder durch meine Gedanken. Von der ersten Sekunde an hat sie es mir einfach angetan.

Was ich mir von diesem Wiedersehen erhoffe, kann ich nicht genau ausmachen. Mir ist bewusst, dass es nur ein einziges Gespräch war, ein kurzer Moment – aber eben einer, der mich nicht mehr loslässt.

Als ich mit den Augen die kleine Bar absuche, kann ich Svea erneut nicht entdecken. Anscheinend habe ich einfach kein Glück. Ernüchtert mache ich auf dem Absatz kehrt und habe die Türklinke schon in der Hand, als mir jemand etwas zuruft.

»Sie arbeitet nicht mehr hier.«

Ich drehe mich um und sehe mich dem bärtigen Barkeeper gegenüber, der Sveas Bruder sein muss. »Nicht? Das kam aber plötzlich, oder?«

Er wiegt den Kopf hin und her. »Nicht wirklich. Der Job hier war bloß eine Übergangslösung für sie.«

»Verstehe.«

»Soll ich ihr etwas ausrichten?« Seine Frage überrascht mich, denn sein finsterer Blick vermittelt eher, dass ich mich schnellstens verziehen soll.

»Sag ihr, dass Lilly wieder wach ist. Und …« Rasch ziehe ich eine Visitenkarte aus meinem Portemonnaie hervor. »… gib ihr die bitte, falls sie sich melden möchte.«

Er verzieht keine Miene, als er die Karte entgegennimmt und sie studiert. »Real Estate Manager? Was soll das sein?«

»Immobilien-Heini.«

Jerik rümpft die Nase.

»Sollte eigentlich auch bloß eine Übergangslösung sein«, gebe ich zu. »Hat nicht funktioniert.«

Zum ersten Mal heben sich seine Mundwinkel leicht. »Na dann. Ich werde es weitergeben.«

»Danke.«

Nachdem sich die Tür des Jerik’s hinter mir geschlossen hat, atme ich tief durch. Ich fürchte, ich muss nicht nur Svea von mir überzeugen, sondern ihren Bruder gleich mit. Scheint so, als hätte er ein Auge auf sie. Das kann gut oder schlecht sein. Aber das spielt gerade ohnehin keine Rolle. Erst einmal muss ich abwarten, ob sie sich überhaupt bei mir meldet.

Das wird sie. Zumindest schätze ich sie so ein. Aber ich hoffe, sie tut es bald. Warten gehört nämlich nicht gerade zu meinen Stärken, wie die letzten Tage mal wieder mehr als deutlich gezeigt haben.

* * *

Fast zwei Wochen vergehen, in denen ich nichts von Svea höre. Tatsächlich bleibt ohnehin wenig Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Der Spagat zwischen Job und all den verschiedenen Therapien, die Lilly nach ihrem Unfall benötigt, ist kaum zu bewältigen.

In fünf Tagen gehen wir gemeinsam in die Reha nach Sylt. Auch wenn ich es nur ungern zugebe, sehe ich diesem Ereignis mit großer Erleichterung entgegen. Ich gehe auf dem Zahnfleisch und weiß manchmal nicht, wie ich den Tag überstehen soll. Carolin zieht sich immer mehr aus ihrer Verantwortung als Mutter heraus, auf sie kann ich kaum noch zählen. Aber das war mir schon lange klar. Nicht umsonst lebt Lilly bei mir. Ich glaube, Carolin ist nie damit klargekommen, dass Lilly nicht gesund geboren wurde. Anders kann ich mir ihr Verhalten nicht erklären. Erst hat sie sich einem anderen Mann zugewandt und sich dann immer weiter von unserer Tochter entfernt.

Zum Glück ist auf meine Eltern Verlass. Mein Vater hält mir geschäftlich gerade, so gut es geht, den Rücken frei. Und meine Mutter ist stets da, wenn sie gebraucht wird.

Sie war bis gerade eben hier und hat sich um Lilly gekümmert, während ich damit beschäftigt war, unsere Koffer zu packen. Unglaublich, woran man alles denken muss, wenn man mindestens vier Wochen unterwegs sein wird.

»Papa! Du … p… packst ja unser … ganzes Haus ein!« Lilly gluckst vergnügt, doch mir versetzt es jedes Mal einen Stich, wenn ich höre, wie viel Mühe sie das Sprechen noch kostet. Die Ärzte sagen, dass durch ihr Schädel-Hirn-Trauma eine Dysarthrie ausgelöst wurde. Ihre Sprechstörung betrifft aber glücklicherweise nur die motorische Ausführung und kann mit Logopädie vermutlich wieder gänzlich geheilt werden. Die Therapie hat bereits einiges verbessert, dennoch hat sie große Schwierigkeiten, die Wörter klar auszusprechen. Außerdem redet sie viel langsamer, als ich es von meiner kleinen Quasselstrippe gewohnt bin. Lillys Sprache hat ihre Melodie verloren, und das mitzuerleben tut verdammt noch mal weh. Und dann sind da noch der Rippenbruch, das verstauchte Sprunggelenk und mehrere Prellungen.

Doch trotz aller Einschränkungen und der körperlichen Schmerzen, mit denen sie seit dem Unfall zu kämpfen hat, steht sie mit strahlenden Augen und einem frechen Grinsen vor mir. Unter ihrem Arm klemmt ihr Lieblingsbuch.

Ich mache eine ausschweifende Geste über die drei vollgestopften Koffer. »Das meiste Zeug ist für dich. Dicke Klamotten für mehrere Wochen, Spielzeug, Bücher. Aber ich glaube, langsam habe ich alles beisammen. Das wird richtig schön auf Sylt, oder was meinst du?«

Lilly nickt heftig, sodass ihre blonden Locken auf und ab wippen.

Lächelnd deute ich auf ihr Buch. »Du möchtest lesen? Dann komm. Machen wir es uns gemütlich. Es ist eh Zeit fürs Bett.«

Sie humpelt vor mir her in ihr Zimmer, ihr linkes Bein in einer Schiene, die furchtbar unbequem sein muss. Doch sie erträgt es tapfer, und ich bewundere diesen kleinen Menschen für seine Stärke. Nachdem sie es sich in ihrem Bett so bequem wie nur eben möglich gemacht hat, lege ich mich daneben und schlage das Buch an der Stelle auf, wo wir gestern aufgehört haben.

Seit sie in der Schule lesen gelernt hat, sind wir dazu übergegangen, dass nicht mehr ich ihr, sondern sie mir vorliest. Aber seit dem Unfall bin ich wieder derjenige, der liest. Und ich tue es gern und genieße unser allabendliches Ritual, solange Lilly es noch will.

Nach nicht einmal einer halben Seite gibt das Handy in meiner Hosentasche einen Signalton von sich. Ich ignoriere es und lese unbeirrt weiter, bis Lilly mich am Arm rüttelt. »Papa, dein … Handy.«

»Das kann warten«, entgegne ich bestimmt.

»Guck nach. Du w… wartest doch schon eeeewig auf eine Nachricht.«

Verblüfft mustere ich sie. »Wie kommst du denn darauf?«

Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen?

Lilly rollt lediglich mit den Augen. Offenbar bekommt sie mehr mit, als ich denke.

Also gebe ich mich geschlagen und riskiere einen Blick aufs Display. Und tatsächlich ist da die Nachricht, auf die ich schon so lange gewartet habe.

Hallo Lucas! Ich freue mich, dass es Lilly besser geht. Das sind sehr gute Nachrichten. LG, Svea

Ich starre auf den kurzen Text und weiß nichts damit anzufangen. Was soll ich denn darauf antworten? Ich habe mit so etwas wie ›Hey, wie geht’s dir?‹ oder ›Sollen wir mal einen Kaffee trinken gehen?‹ gerechnet. Aber diese Nachricht sagt rein gar nichts aus.

»Wer ist das, Papa?« Lilly beugt sich vor und tippt auf Sveas Profilbild. Es zeigt sie in einer Tanzpose, wenn ich das richtig erkenne.

»Das ist Svea.«

»Bist du in sie ver…liebt?«

»Was? Nein! Eigentlich kennen wir uns gar nicht.«

»Aber sie hat deine Handynummer.«

»Ja, das stimmt.«

»Also könnt ihr euch jetzt kennenlernen.« Lillys Augen funkeln aufgeregt.

»Ich bin mir nicht sicher, ob sie das möchte.«

»Aber du m… möchtest schon, oder?«

»Und du bist ganz schön vorwitzig, oder?«

Lilly kichert, doch verzieht sogleich das Gesicht. »Lachen tut weh.«

Schuldbewusst setze ich eine ernste Miene auf. »Tut mir leid. Lesen wir weiter.« Nach einigen Seiten sehe ich, wie Lillys Augen immer wieder zufallen. »Sollen wir Schluss machen für heute?«

»Mmh«, gibt sie leise zurück.

»Dann schlaf gut, mein Schatz.« Ich gebe ihr einen Kuss auf die Stirn, lösche das Licht und verlasse leise ihr Zimmer. In der Tür verharre ich einen Moment, sehe zu, wie sich ihre Brust langsam hebt und senkt, und bin unendlich dankbar, dass sie es geschafft hat. Dass sie noch bei mir ist.

Erschöpft lasse ich mich schließlich aufs Sofa sinken und den Blick über das Chaos schweifen. Ich kann es kaum erwarten, diesem ganzen Wahnsinn zu entfliehen.

Aber was mache ich mit Svea? Erneut ziehe ich das Handy hervor, lese noch einmal ihre Nachricht und beginne, eine Antwort zu tippen, nur um sie gleich darauf zu löschen. Das Ganze wiederhole ich dreimal, bis ich schließlich auf ›Senden‹ drücke.

Hey Svea! Danke. Die Ärzte sind zuversichtlich, dass sie wieder vollständig gesund wird. Ich bin unendlich erleichtert. Lucas

Sofort ärgere ich mich, nicht mehr geschrieben zu haben, und schicke eine weitere Nachricht hinterher.

Und wie geht es dir? Ich war überrascht, dass du nicht mehr im Jerik’s arbeitest

Hastig verlasse ich den Messenger und lege das Handy beiseite, um ja nicht in Versuchung zu geraten, pausenlos auf den Chatverlauf zu starren und auf eine Antwort zu hoffen. Stattdessen beschließe ich, noch eine Kleinigkeit zu essen. In den letzten Wochen habe ich das nur sporadisch getan, aber nun, da es Lilly besser geht, kehrt auch der Appetit wieder zurück. Auf halbem Weg in die Küche ertönt allerdings das vertraute Pling, das den Eingang einer Nachricht ankündigt. Sofort stürze ich zum Sofa und schaue nach, ob es Svea ist, die mir geschrieben hat.

Ich bin nicht weniger überrascht. Das hat sich recht kurzfristig ergeben.

Willst du es mir bei einem Kaffee erzählen?

Fragst du mich gerade nach einem Date?

Sieht ganz danach aus.

Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich hoffe, ich habe es nicht überstürzt, aber ich bin nicht der Typ, der lange um den heißen Brei herumredet. Schon gar nicht in Anbetracht der Tatsache, dass ich Hamburg in wenigen Tagen für eine Weile verlassen werde.

Dieses Mal lege ich das Handy nicht weg, sondern beobachte erwartungsvoll die drei kleinen Punkte, die anzeigen, dass Svea gerade eine Antwort eintippt. Die Punkte springen einige Sekunden auf und ab, dann verschwinden sie wieder. Dieses Spiel wiederholt sich mehrmals, dann passiert eine Weile gar nichts.

Ich stelle mir vor, wie sie dasitzt, mit gerunzelter Stirn über das Display gebeugt, etwas tippt, den Kopf schüttelt und sich dann wieder umentscheidet.

Das Warten macht mich ganz kirre, aber schließlich bekomme ich doch noch eine Antwort.

Okay, gern. Wann?

»Ja!«, rufe ich und tippe erneut.

Morgen Nachmittag? Zeit und Ort sage ich dir noch. Muss noch jemanden für Lilly organisieren.

Das passt. Bis morgen!

Bis morgen.

Damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Umso mehr freue ich mich, dass sie mich nicht gleich hat abblitzen lassen. Nicht viele Frauen daten gern einen Mann mit Kind. Zumindest ist das meine Erfahrung.

Dachte ich vor wenigen Stunden noch, es würde mir Erleichterung verschaffen, wenn Svea sich doch endlich melden würde, werde ich nun eines Besseren belehrt.

Eine tiefe Unruhe macht sich in mir breit – durchaus in positiver Hinsicht –, die mir letztendlich jedoch den so dringend benötigten Schlaf raubt. Die halbe Nacht liege ich wach und male mir aus, wie das Wiedersehen mit Svea werden könnte. Und ich hoffe inständig, dass es nicht bloß bei diesem einen Treffen bleibt. Ich darf es also nicht verkacken.

4

SVEA

Es ist ein klirrend kalter Wintertag, der sich jedoch von seiner schönsten Seite zeigt. Die letzten Tage waren vom typischen Hamburger Schietwetter geprägt, und ich habe keinen Schritt vor die Tür gesetzt. Auch heute fällt es mir schwer, mich fertigzumachen und loszugehen, was aber viel mehr daran liegt, dass mich das bevorstehende Treffen mit Lucas nervös macht. Nicht nur einmal ist er nachts durch meine Träume gegeistert, was mich zunehmend verwirrt. Wie soll ich da entspannt mit ihm in einem Café sitzen und eine lockere Unterhaltung führen? Was, wenn er so völlig anders ist, als ich ihn mir in meiner Fantasie vorstelle? Oder wenn er merkt, dass ich mein Leben nicht im Griff habe? Denn das ist zweifelsohne eine Tatsache. Ich bin die Verliererin des Jahres. Wer will schon in ein solches Chaos hineingezogen werden?

Und was soll ich bitte anziehen? Jeans und Pulli sind definitiv zu langweilig. Aber zu viel darf es auch nicht sein. Ein Strickkleid vielleicht? Dass ich jemals in meinem Leben vor solchen Problemen stehen würde, hätte ich mir vor der Trennung von Mino nicht zu träumen gewagt. Und auch nicht, dass ich irgendwann bereit wäre, mich auf einen anderen Mann einzulassen. Vielleicht ist es wirklich Zeit, loszulassen und nach vorn zu schauen. Und vielleicht ist Lucas derjenige, mit dem ich das kann. Das muss ich nun herausfinden.

Schließlich entscheide ich mich für ein schwarzes Kleid aus Grobstrick und eine dunkelrote warme Leggings, dazu Stiefel mit Absatz. Das ist weder zu viel noch zu wenig. Glaube ich zumindest.

* * *

Wir sind in einem hübschen Café am Nikolaifleet verabredet. Bisher bin ich bloß mal daran vorbeigelaufen und dachte, Mino und ich könnten bei Gelegenheit dort einen Kaffee trinken. Aber dazu ist es nie gekommen.

Lucas hat mir geschrieben, dass er bereits dort ist und uns einen Platz am Fenster organisiert hat. Als ich eintrete, umhüllt mich sofort die behagliche warme Atmosphäre. Mein Blick schweift durch den Raum. Die hohen Decken und die freiliegenden Backsteinwände in Kombination mit der nostalgischen Röstmaschine und der minimalistischen Beleuchtung schaffen einen tollen Kontrast. Rechts erstreckt sich eine lange hölzerne Theke. Auf der linken Seite laden gemütliche Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Dunkle Ledersofas und Samtsessel verteilen sich um kleine, runde Tische, auf denen dampfende Tassen stehen. Große Fensterfronten geben den Blick auf das Fleet frei, wo das Wasser sanft gegen die Kaimauer plätschert.