Und über dem Meer die Erinnerung - Nadine Feger - E-Book
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Und über dem Meer die Erinnerung E-Book

Nadine Feger

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Beschreibung

Stell Dir vor, jemand stiehlt Deine wertvollste Erinnerung ... Liv ist außer sich, als sie bemerkt, dass die Taschenuhr ihres verstorbenen Opas nicht mehr an ihrem Platz ist. Als sie ihrem besten Freund Paul davon erzählt und erfährt, dass auch seinen Eltern etwas fehlt, beginnen die beiden nachzuforschen. Auf der Suche nach den kostbaren Erinnerungsstücken, stoßen sie auf einen rätselhaften Fremden - und auf Gefühle, die längst vergessen schienen. Doch ist es möglich, die Schatten der Vergangenheit abzustreifen? Der zweite Band der romantischen Reihe rund um die gemütliche Gemeinde Strande an der bezaubernden Ostsee.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nadine Feger

Und über dem Meer die Erinnerung

Ein Ostsee-Roman

Und über dem Meer die Erinnerung:Ein Ostsee-Roman

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 - Liv

Kapitel 2 - Paul

Kapitel 3 - Liv

Kapitel 4 – Matthias – Vor zwei Monaten

Kapitel 5 - Liv

Kapitel 6 – Paul

Kapitel 7 – Liv

Kapitel 8 – Matthias

Kapitel 9 – Liv

Kapitel 10 - Paul

Kapitel 11 - Liv

Kapitel 12 - Matthias

Kapitel 13 - Liv

Kapitel 14 - Paul

Kapitel 15 - Liv

Kapitel 16 - Matthias

Kapitel 17 - Liv

Kapitel 18 - Paul

Kapitel 19 - Liv

Kapitel 20 - Matthias

Kapitel 21 - Liv

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Impressum

Und über dem Meer die Erinnerung

Nadine Feger

Liebe ist der Flügelschlag, der dich durch alle Stürme trägt.

Kapitel 1 - Liv

Völlig aufgelöst stehe ich vor dem Haus meiner Eltern. Es muss eine Erklärung für das Verschwinden von Opas Taschenuhr geben. Es kann nämlich nicht sein, dass ich sie verlegt habe. Gestern Morgen lag sie noch an ihrem Platz auf der Kommode in meinem Schlafzimmer, da bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Oder irre ich mich? Ach, ich weiß es einfach nicht. Jedenfalls ist sie nicht mehr da, und das schmerzt. Die Uhr darf einfach nicht weg sein!

Deshalb muss ich Mama fragen, ob sie in meiner Wohnung gewesen ist. Neben Tante Anja und meinem Bruder Ron ist sie die Einzige, die einen Schlüssel hat. Aber ich wüsste nicht, wieso sie dort gewesen sein sollte. Und selbst wenn, aus welchem Grund hätte sie Opas Uhr wegnehmen sollen? Egal, ich werde es gleich herausfinden. Mit zittrigen Fingern drücke ich die Klingel und warte ungeduldig, bis sich die Tür öffnet und ich in Mamas überrascht dreinblickende Augen schaue.

»Liv, was machst du denn schon so früh am Morgen hier?« Sie drückt mich an sich, und ich vernehme den vertrauten Duft ihres blumigen Parfüms, das sie tagtäglich aufträgt, seit ich denken kann. Es ist gerade mal kurz nach sieben, doch ihr kurzes graues Haar ist bereits perfekt in Form gebracht, und ein Hauch von Rouge lässt Mamas Wangen rosig erstrahlen.

»Hallo, Mama. Mir ist etwas ganz Blödes passiert.«

»Nun komm doch erst mal rein, und dann erzählst du mir alles in Ruhe.« Mama zieht die Tür weit auf und ich schlüpfe in den Flur.

»Ist Papa schon wach?« Ich schlendere ins Wohnzimmer und lasse mich auf den Sessel plumpsen. Meinen Sessel. Meinen alten Stammplatz in diesem Haus.

»Ach, du weißt doch, dass dein Vater samstags immer lange schläft.«

»Musst du heute in die Apotheke?«

»Nein, es ist mein freies Wochenende.« Mama setzt sich mir gegenüber aufs Sofa und mustert mich erwartungsvoll. »Aber du bist nicht hergekommen, um Small Talk zu halten, oder, mein Schatz? Was hast du auf dem Herzen?«

Nervös zwirble ich eine meiner langen schwarzen Haarsträhnen zwischen den Fingern. »Opas Taschenuhr ist weg.« Mit Mühe schlucke ich den Kloß in meinem Hals herunter. »Ich gehe davon aus, dass du nicht weißt, wo sie sein könnte?«

»Nein, wieso sollte ich?«

Genau mit dieser Antwort habe ich gerechnet. Mein Herz wird auf einen Schlag noch schwerer, als es sich ohnehin schon anfühlt. »Keine Ahnung. Es ist nur … ich habe alles abgesucht, und die Uhr ist wie vom Erdboden verschluckt. Sie kann doch nicht einfach weg sein!«

»Hast du Anja schon gefragt?«

Ich nicke. »Sie hat mir gestern Abend beim Suchen geholfen. Aber wie gesagt ohne Erfolg.«

»Vielleicht ist sie hinter die Kommode gerutscht. Sie kann ja nicht einfach verschwinden.«

»Glaub mir, Mama. Ich habe jeden Winkel meiner Wohnung durchforstet.«

»Okay, hör zu. Was hältst du davon, wenn wir zusammen frühstücken, und danach suchen wir beide noch einmal gemeinsam. Sicher ist sicher.«

»Wenn du meinst. Schaden kann es ja nicht.«

Mama zwinkert mir zu. »Vielleicht hat Cooper sie ja stibitzt.«

»Er ist zwar überaus gefräßig, aber ich denke, so eine Uhr würde selbst ihm schwer im Magen liegen.« Lächelnd denke ich an den treuen Labrador meines Bruders, der bei mir so etwas wie ein zweites Zuhause hat. Er ist der Letzte, den ich verdächtigen würde.

Aber wenn niemand aus unserer Familie sie genommen hat, wer war es dann? Habe ich die Uhr tatsächlich selbst an einen anderen Ort gelegt, ohne mich zu erinnern? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Klar ist nur, dass ich sie zurückhaben möchte.

Wenn ich an Opa denke, ist da stets auch die goldene Taschenuhr in meinem Gedächtnis. Immerzu hat er sie bei sich getragen. Seit jeher war ich davon fasziniert – und so war es klar, dass ich die Uhr nach seinem Tod bekommen habe. Von diesem Tag an habe ich sie gehütet wie einen Schatz. Bis jetzt.

Leider bleibt auch die gemeinsame Suche mit meiner Mutter ohne Ergebnis, und langsam beginne ich, an meinem Verstand zu zweifeln. Wenn ich die Uhr wirklich verschludert habe, würde ich mir das nie verzeihen. Allerdings hatte ich sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr in der Hand. Daran könnte ich mich doch erinnern!

Ich verabschiede mich von Mama und mache noch ein wenig Ordnung, bevor ich runter ins Strandkind muss. Das kleine Bistro, das ich gemeinsam mit Anja führe, ist mehr als bloß ein Job für mich. Mein ganzes Herz steckt darin, auch wenn ich in den letzten Monaten gemerkt habe, dass ich kürzertreten und mehr für mich selbst tun muss. So haben wir unsere Öffnungszeiten in den Wintermonaten stark eingeschränkt. Auch für die bevorstehende Hauptsaison haben wir ein neues Konzept erarbeitet, das uns zwei freie Tage pro Woche und einen geregelten Feierabend beschert. Zwar bringt uns das finanzielle Einbußen, jedoch in einem Rahmen, der vertretbar ist. Weder auf dem Haus, das meine Wohnung und das Strandkind beherbergt, noch auf Anjas Haus befinden sich Hypotheken. Das verschafft sehr viel Sicherheit.

Heute richten wir einen Sektempfang mitsamt Fingerfood für eine kleine Hochzeitsgesellschaft aus. So etwas haben wir inzwischen öfter gemacht, doch heute macht mich die Sache nervöser als sonst.

Vermutlich liegt es daran, dass mein Bruder Ron und seine Johanna nächsten Monat heiraten werden. Und ich werde Rons Trauzeugin sein. Ich kann nicht behaupten, dass mich das kaltlässt. Ron hat dieses Glück mehr als verdient. Wie sehr wünsche ich mir das auch für mich selbst …

Ich gebe mir einen Ruck und verdränge diesen Gedanken, bevor er mich runterzieht. Meine Zeit wird auch noch kommen. Ganz bestimmt.

Schnell laufe ich die Stufen von meiner Wohnung zum Strandkind hinab. Anja ist bereits in der Küche zugange, was unschwer am Klappern von Geschirr und dem Surren des Mixers zu hören ist.

Bereits gestern Abend habe ich die Tische mit schneeweißen Tischdecken und Windlichtern mit den Namen der Brautleute geschmückt. Auch die Sektgläser stehen schon bereit. Nun werde ich noch die Terrasse mit den unzähligen Luftballons schmücken, die wir gestern aufgepumpt haben. Anschließend muss das Fingerfood-Buffet noch bestückt werden. Bevor gegen dreizehn Uhr die Gäste kommen, ist also nicht mehr allzu viel zu tun.

Nachdem ich fertig bin und noch einmal alles kontrolliert habe, gehe ich rauf in meine Wohnung, um mir ein dem Anlass entsprechendes Outfit anzuziehen – einen feinen salbeifarbenen Hosenanzug mit einem schlichten weißen Shirt. Meine zukünftige Schwägerin hat mir bei der Auswahl geholfen. Sie ist Expertin für solche Outfits.

Ein Blick in den Spiegel lässt mich zufrieden lächeln. Ich ziehe die Wohnungstür hinter mir zu, und dann trifft es mich wie ein Schlag. Bisher ist mir nie in den Sinn gekommen, abzuschließen, wenn ich unten im Bistro bin. Aber … kann das wirklich sein? Hätte sich einer der Gäste unbemerkt nach oben schleichen und Opas Uhr stehlen können? Nein, das ist absurd. Wer würde so etwas tun? Und warum fehlt dann nichts anderes? Mein Laptop zum Beispiel, der immer offen auf der Kommode im Wohnzimmer steht. Sofort verwerfe ich diesen Gedanken wieder.

Dennoch bin ich misstrauisch genug, um die Tür zu verriegeln, und kann dieses ungute Gefühl, ein Fremder könnte in meiner Wohnung gewesen sein, nicht abschütteln.

»Was ist denn mit dir los?«, möchte Anja wissen, als ich wieder unten in der Küche stehe.

»Hältst du es für möglich, dass jemand in meiner Wohnung war, um die Uhr zu stehlen, während wir hier unten gearbeitet haben?«

»Du meinst … einer unserer Gäste?« Nachdenklich zieht Anja die Stirn kraus, doch dann schüttelt sie ihren grauen Lockenschopf. Ihre Mimik erinnert mich an Mama, aber sonst haben die beiden nicht allzu viel gemeinsam. Anja ist die ältere der beiden, ziemlich quirlig und hat stets einen flotten Spruch auf den Lippen. Mama hingegen ist eher ruhig und besonnen. Obwohl sie so verschieden sind, besteht ein enges Band zwischen ihnen, und ich bin froh, dass ihr gutes Verhältnis auch auf meinen Bruder und mich übergeschwappt ist. Auch Ron und ich haben eine feste Bindung, für die ich sehr dankbar bin. Er hat mich schon so manches Mal wieder auf Kurs gebracht, wenn ich mich selbst verloren habe.

Anjas erwartungsvoller Blick holt mich ins Hier und Jetzt zurück.

»Wie soll Opas Uhr sonst verschwunden sein?«

»Mit Sicherheit taucht sie wieder auf. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie entwendet wurde. Wir hätten doch mitbekommen, wenn jemand die Treppe hinaufgeht. Schließlich sind wir nicht blöd.« Sie tippt sich an die Stirn und grinst.

»Ja, wahrscheinlich hast du recht. Und trotzdem ist die Uhr nicht mehr da«, murmle ich resigniert.

»Warte nur ab. Sie taucht schon wieder auf. Bestimmt wirst du sie an der unmöglichsten Stelle wiederfinden und dann über deine eigene Schusseligkeit lachen.«

Mehr als ein müdes Schmunzeln kann ich mir nicht abringen.

»Jetzt mach nicht so ein Schietwetter-Gesicht. Die Gäste kommen jeden Moment.«

Nun macht die schlechte Laune einem echten Lächeln Platz. »Lass uns nach vorne gehen.«

Bereits wenige Minuten später trudeln die ersten Gäste ein, die bei der Trauung anwesend waren und hier die Zeit bis zur großen Party am späten Nachmittag überbrücken. Als das strahlende Brautpaar durch die Tür tritt, sprechen Anja und ich unsere Glückwünsche aus, bevor wir die Sektgläser an die Gäste verteilen.

Ich kenne weder die Braut noch den Bräutigam. Die beiden leben in Bremen, feiern die Hochzeit jedoch hier in Strande, damit die Uroma dabei sein kann, für die eine Reise zu anstrengend wäre. So tummeln sich zwischen vielen unbekannten Gesichtern immerhin auch ein paar bekannte – bis ich plötzlich eines entdecke, das mir mehr als vertraut ist.

Wie erstarrt halte ich inne. Als unsere Blicke sich treffen, raubt es mir für einen Moment den Atem.

»Paul«, krächze ich.

»Liv! Ich hatte gehofft, dich hier zu sehen.« Mit zwei Schritten ist er bei mir, umarmt mich umständlich, sodass ich Mühe habe, das volle Tablett in der Waage zu halten. Dann lässt er mich los, was mich umso mehr ins Wanken bringt. »Du siehst toll aus«, sagt er mit einem ehrlichen Lächeln.

Du auch, denke ich im Stillen. Noch besser als an dem Tag, an dem ich dich zuletzt gesehen habe. Den Tag deiner Hochzeit. Paul trägt sein dunkelblondes Haar länger als damals. Ein Dreitagebart ziert sein Gesicht.

»Was … was machst du hier?« Ich hasse es, ihm gegenüber die Fassung zu verlieren. Reiß dich zusammen, Liv!

»Oh, der Bräutigam ist ein Cousin 587. Grades.« Paul rückt nah an mein Ohr. »Eigentlich hatte ich keine Lust, der Einladung zu folgen. Andererseits ist es ein guter Anlass, um mich mal wieder in Strande blicken zu lassen.«

»Du warst wirklich lange nicht hier.« Meine Worte klingen wie ein Vorwurf. Unwillkürlich beiße ich mir auf die Zunge und setze ein Lächeln auf. Doch es fühlt sich nicht echt an. Ich kann nur hoffen, er bemerkt es nicht.

»Ja, ich weiß«, erwidert Paul reumütig. »Die letzten Jahre waren etwas … schwierig. Aber jetzt bin ich ja da.«

»Ist Sarah auch hier?« Jetzt ist sie raus – die Frage, die ich nicht stellen wollte, deren Antwort ich nicht hören möchte. Suchend schaue ich mich um.

Augenblicklich verfinsterst sich sein Blick. »Das … gehört zum schwierigen Teil. Erzähle ich dir bei Gelegenheit in Ruhe.«

Ich nicke bloß, obwohl ich am liebsten sofort erfahren würde, was zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen ist. Gleichzeitig will ich es nicht wissen, wünsche mir viel mehr, er wäre überhaupt nicht aufgetaucht. Doch das werde ich ihm nicht zeigen. Stattdessen muss ich alles daransetzen, mein Gesicht zu wahren. »Weiß Ron schon, dass du hier bist?«, frage ich daher.

Zerknirscht schaut Paul auf den Boden. »Nee. Auch bei ihm habe ich mich ewig nicht gemeldet.«

»Dann solltest du das dringend nachholen. Er wird in drei Wochen heiraten.«

»Was?« Die Überraschung ist ihm deutlich anzusehen. »Wen?«

»Johanna heißt sie. Die beiden haben sich letztes Jahr im Herbst kennengelernt, und das nur, weil sie aus Versehen an eine falsche Nummer geschrieben hat. Sie ist bloß durch Zufall bei ihm gelandet. Das muss man sich mal vorstellen.« Auch wenn die Geschichte in Wirklichkeit viel komplizierter war, wundere ich mich immer noch, dass die beiden sich auf diesem Weg gefunden haben. Seitdem frage ich mich ständig, warum mir so etwas nicht mal passiert.

»Du willst mir erzählen, sie kennen sich nicht einmal ein Jahr und heiraten schon? Ich hätte gedacht, er wäre vorsichtiger geworden, nachdem er von Janna so hintergangen wurde.« Tiefe Zornesfalten bilden sich auf Pauls Stirn, und ich frage mich, ob das nicht vielmehr mit ihm als mit Ron zu tun hat.

»Johanna ist aber nicht Janna. Mach dir keine Sorgen. Ich bin mir sicher, Ron hat die richtige Entscheidung getroffen.«

»Das hoffe ich für ihn«, brummt Paul.

Alles in mir schreit nach Flucht. »Entschuldigst du mich? Die Gäste warten auf ihre Getränke.«

»Ja, na klar. Wir reden nachher weiter.« Er nimmt sich ein Glas vom Tablett, und ich bin froh, erst mal ein wenig Abstand zwischen uns bringen zu können. Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Wiedersehen mit Paul so aus der Bahn werfen könnte.

»Alles in Ordnung?«, raunt Anja mir zu, als unsere Wege sich kreuzen. »Du schaust aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Paul ist hier«, erwidere ich gepresst.

»Echt? Wo?« Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut an mir vorbei.

»Geht es noch auffälliger?«, zische ich.

»Na sicher geht das.« Sie zwinkert mir frech zu. »Aber keine Sorge, ich reiße mich zusammen. Ausnahmsweise.«

»Sehr gnädig.« Anja schafft es immer wieder, mir in den absurdesten Situationen ein Lächeln zu entlocken.

Schließlich sind alle Gäste versorgt, und ich verkrieche mich erleichtert hinterm Tresen. Das Gewusel im Strandkind ist so groß, dass ich nicht einmal ausmachen kann, wo Paul sich gerade aufhält.

»Suchst du mich?« Wie aus dem Nichts taucht er an der Theke auf und lässt sich auf einem der Hocker nieder.

»Was? Nein! Ich schaue nur, ob alle Gäste noch etwas zu trinken haben.« Einatmen. Ausatmen. Ich muss einen kühlen Kopf bewahren.

»Ich habe nichts mehr.« Demonstrativ hält er mir sein leeres Sektglas entgegen.

Als ich es ihm abnehme, berühren sich unsere Finger flüchtig. Erneut gerate ich völlig aus dem Konzept. »Was … was möchtest du denn?«

»Am liebsten würde ich jetzt mit dir von hier abhauen, mich an den Strand setzen und erfahren, wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist. Aber da du ja nicht wegkannst, nehme ich mit einem Pils vorlieb.«

»Ein guter Ersatz«, murmele ich mit einem halbherzigen Lächeln, zapfe ihm ein frisches Bier und stelle es ihm vor die Nase.

»Nicht wirklich.« Er sieht mir einen Moment zu lang in die Augen. Dann greift er nach dem Glas und leert es zur Hälfte. »Aber jetzt mal ehrlich, bist du sicher, dass Ron das Richtige tut? Er sollte es nicht überstürzen.«

»Was ist zwischen Sarah und dir passiert, Paul?« Die Frage kommt schneller raus, als ich denken kann.

Eine Ader tritt an seiner Schläfe hervor, und seine Augen wirken erschreckend kalt. »Darüber will ich jetzt nicht reden. Ich habe genug von diesem ganzen Mist.«

Ich schlucke. »Okay. Entschuldige.«

Augenblicklich werden seine Gesichtszüge weicher. »Du musst dich nicht entschuldigen.«

Anscheinend ja schon. »Was auch immer es ist, ich hoffe, du kommst darüber hinweg und findest, wonach du suchst. Vergiss nicht, Liebe ist eigentlich das Schönste, was einem passieren kann. Dein Onkel Herbert ist das beste Beispiel, nicht wahr? Er und Luise haben nach gerade einmal sechs Wochen geheiratet und sind heute immer noch bis über beide Ohren verliebt.«

»Und das schon über vierzig Jahre«, fügt er hinzu. »Ja, das ist wirklich etwas Besonderes. Nur leider hat eben nicht jeder so viel Glück.«

Ich weiß, Paul. Ich weiß. »Das kommt noch. Ganz bestimmt«, wispere ich.

»Und wenn nicht?«

Erschrocken halte ich die Luft an – denn diese Frage stelle ich mir selbst unentwegt. »Dann darfst du mich verklagen«, flachse ich.

»Auf was?«

»Keine Ahnung. Schadenersatz? Lebenslängliche Haftstrafe?«

»Die müsstest du dann aber bei mir absitzen. Sonst habe ich ja nichts davon.«

»Spinner!« Lachend werfe ich ihn mit einem Geschirrtuch ab. Für einen Wimpernschlag fühlt es sich fast so an wie früher. Leicht, unbeschwert – doch das ist es nicht. »Wie lang bleibst du eigentlich?«

»Ursprünglich hatte ich nur das Wochenende eingeplant. Aber meine Mutter meint, ich solle doch länger bleiben. Es gäbe so viel nachzuholen.«

»Damit liegt sie sicher nicht ganz falsch. Also, wirst du noch bleiben?« Es ärgert mich, wie flehend meine Frage klingt, wo ich doch eigentlich nicht einmal will, dass er bleibt. Zumindest der rationale Teil von mir.

»Ich denke schon. Arbeiten kann ich schließlich auch hier. Das ist der Vorteil am Homeoffice.«

»So ein Homeoffice«, ich zeichne Anführungszeichen mit meinen Fingern in die Luft, »hat wirklich was.«

Neugierig beugt Paul sich vor. »Du wohnst also immer noch hier oben in der kleinen Wohnung?«

»Na klar. Für mich allein reicht das völlig aus.«

»Wobei ich absolut nicht verstehen kann, warum eine Frau wie du immer noch allein ist«, entgegnet er beiläufig.

»Es verirren sich eben zu wenige Prinzen auf weißen Pferden nach Strande.«

»Wie dumm die doch alle sind … Aber ich darf ja nichts sagen. Ich war schließlich selbst lang genug nicht hier.«

Zu lang, und doch nicht lang genug, um zu vergessen. »Wie kommt es eigentlich, dass sonst niemand von deiner Familie hier ist?«

»Leni ist bei Tante Kerstin auf Fehmarn. Aber das weißt du ja sicher.«

Natürlich weiß ich das. Leni ist meine beste Freundin. Doch ich frage mich, warum sie mich nicht vorgewarnt hat, dass Paul herkommt. Und warum hat sie mir nicht erzählt, dass Sarah und er Probleme haben? Zwar hatte Paul sich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht, aber ich kann nicht glauben, dass sie nicht Bescheid wusste.

»Und meine Eltern liegen beide mit der Grippe flach. Sie sind völlig ausgeknockt. Da war nichts zu machen.« Wieder setzt er das Glas an die Lippen und setzt es erst ab, als nur noch ein wenig Schaum übrig ist.

»Oje, die Armen. Richte ihnen gute Besserung aus. Anja und ich können die beiden gern in den nächsten Tagen mit Essen versorgen.«

Pauls Lächeln bringt seine Augen zum Strahlen. »Du bist immer noch die Alte, Liv. Du kümmerst dich um alles und jeden.«

Ich zucke mit den Schultern. »So bin ich eben.«

»Und das ist auch gut so.«

***

Gegen sechzehn Uhr leert sich das Strandkind allmählich, und so verabschiedet sich auch Paul. Ich starre ihm noch hinterher, als er schon längst nicht mehr zu sehen ist. Erst als Cooper durch die noch offene Tür trottet, dicht gefolgt von meinem Bruder, finde ich meinen Fokus wieder.

»Ron!«

Er lächelt, doch Sorge steht in seinem Blick. »Alles okay mit dir? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Das Gleiche hat Anja vorhin auch schon gesagt … Das Gespenst heißt Paul.«

»Wie jetzt? War er etwa hier?« Überrascht reißt Ron die Augen auf.

»Er gehörte zur Hochzeitsgesellschaft.«

»Das glaube ich jetzt nicht. Er hätte doch wenigstens mal Bescheid sagen können, dass er kommt. Ich habe seit Monaten nichts von ihm gehört. Nicht mal auf unsere Einladung hat er reagiert.« Fahrig streicht Ron sich sein schwarzes Haar aus der Stirn.

»Offensichtlich bist du damit nicht der Einzige. Vielleicht wollte er seine Probleme lieber mit sich selbst ausmachen.«

»Welche Probleme?«

Überfragt werfe ich die Hände in die Luft. »So genau weiß ich das nicht. Aber zwischen ihm und Sarah scheint irgendwas vorgefallen zu sein.«

»Oh, oh.«

Ich tue so, als würde mich die Sache kaltlassen und fange an, aufzuräumen. »Du solltest dich bei ihm melden. Womöglich braucht er einen Freund, dem er sich anvertrauen kann.«

»Oder eine Freundin.« Ron mustert mich eindringlich.

Widerwillig schüttle ich den Kopf. »Dafür bin ich nicht die Richtige, das weißt du ganz genau. Auch wenn es mich brennend interessiert …«

»Ich verstehe schon. Also gut, ich werd’s versuchen.«

»Gut.«

»Kann ich Cooper bei dir lassen? Johanna und ich haben ja gleich das Probeessen für die Hochzeit. Und danach wird es bei ihren Eltern noch eine Weinprobe geben. Die Hochzeitsplanerin wird auch dort sein und möchte mit uns noch ein paar Dinge besprechen.« Ron rollt mit den Augen.

»Luxusprobleme.«

»Ja, ja, ich weiß. Mir hätte auch eine weniger pompöse Feier gereicht. Johanna im Übrigen auch. Norbert hingegen besteht auf einer standesgemäßen Hochzeit. Was das alles kostet! Das kannst du dir gar nicht vorstellen.«

»Na ja, aber das Geld ist nun mal da. Also lasst es ohne schlechtes Gewissen richtig krachen. Ich freue mich jedenfalls darauf. Wann haben wir das letzte Mal so richtig gefeiert?«

Ein breites Grinsen erhellt sein Gesicht. »Stimmt auch wieder. Sag mal, soll ich mir den Bart für die Hochzeit abrasieren? Was meinst du?«

»Auf gar keinen Fall! Stell dir vor, Johanna sagt deswegen Nein. Allerdings …« Ich trete näher und kneife die Augen zusammen.

»Was?«

»Vielleicht solltest du ihn färben. Da versteckt sich schon das ein oder andere graue Barthaar zwischen den schwarzen.«

»Wie bitte?« Schnellen Schrittes eilt Ron in den kleinen Flur zwischen Gastraum und Küche, und betrachtet sich eingehend im Spiegel. »Verdammt. Ich werde sie einfach rauszupfen.«

»Das würde ich nicht tun. Für jedes rausgezupfte graue Haar wachsen sieben neue. Hat mein Friseur mir mal gesagt.«

»Das ist ein Mythos!«

»Mythos hin oder her, ich würde es lassen. Steht dir irgendwie. Das macht dich so … reif.«

Seine rechte Augenbraue schnellt in die Höhe. »Du meinst alt.«

»Steinalt!«

»Mach dich nur lustig! Bald ergeht es dir wie mir. Schließlich wirst du dieses Jahr noch dreißig. Ab dann werden die grauen Haare nur so sprießen. Warte nur ab!«

»Das dauert aber noch ein paar Monate.« Dreißig. Daran denke ich mit Grauen. Was, wenn ich dann immer noch allein bin? Wenn ich eine gewisse Person einfach nicht loslassen kann? Ich möchte nicht mein Leben lang allein bleiben, so viel steht fest. Aber wie soll das funktionieren, wenn mein Herz doch nur den Einen will?

Kapitel 2 - Paul

Mit Kopfschmerzen wache ich in meinem alten Kinderzimmer auf, das meine Mutter inzwischen zum Yoga-Raum in ziemlich schrillen Farben umfunktioniert hat. Immerhin gibt es ein überaus bequemes Gästebett. Deshalb möchte ich mich nicht beschweren.

Es ist seltsam, hier zu sein. Inzwischen sind fast vier Jahre vergangen, und ich kann immer noch nicht ganz begreifen, wie es dazu gekommen ist. Aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Das habe ich schon viel zu oft getan. Jetzt muss ich kitten, was zerbrochen ist. Das ist Herausforderung genug.

Ich quäle mich aus dem Bett und stelle mich unter die Dusche. Das kühle Wasser klärt meine Gedanken ein wenig, und ich fühle mich gewappnet, mich meiner Familie zu stellen. Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee erleichtert mir den Gang nach unten in die Küche.

Meine Mutter gießt gerade die Eier ab, und mein Vater legt die Zeitung beiseite, hinter der er gerade noch sein Gesicht verborgen hat. Tiefe Augenringe zeugen von einer schlaflosen Nacht. Immer wieder habe ich ihn husten gehört.

»Guten Morgen. Wie geht es euch heute?«

»Mir geht es schon besser«, antwortet Mama lächelnd. »Ich habe endlich wieder mal durchgeschlafen.« Dennoch sieht sie müde aus, um Jahre gealtert. Seit wann ziehen sich graue Strähnen durch ihr blondes Haar?

»Und das, obwohl ich die ganze Nacht geblökt habe«, erwidert Papa schmunzelnd. »Nun setzt dich schon, Paul. Dein alter Platz gehört immer noch dir.«

Stumm folge ich seiner Aufforderung. Mein schlechtes Gewissen wiegt tonnenschwer. Doch ich weiß auch, dass ich nichts für all das kann. Hoffentlich verstehen das auch meine Eltern.

Mama stellt jedem ein Frühstücksei und eine Tasse Kaffee auf den Platz und setzt sich schließlich mir gegenüber. Sie ist nervös, das sehe ich ihr an. Zwar lächelt sie, doch ihre Hände zittern, und es fällt ihr schwer, Blickkontakt zu halten. »Nun erzähl mal, mein Junge. Warum haben wir so lange nichts von dir gehört? Ich hatte schon Sorge, dich nie mehr zu Gesicht zu bekommen. Ist irgendwas mit Sarah?« Sie kommt direkt zur Sache, anstatt erst mal zu fragen, wie die Hochzeit war. Aber ich kann es ihr nicht verübeln.

»Er wäre sicher nicht allein gekommen, wenn alles in Ordnung wäre«, meint mein Vater brummig. »Bombardiere ihn doch nicht gleich.«

»Das ist schon in Ordnung«, entgegne ich. »Ihr habt jedes Recht dazu.« Plötzlich fühlt sich mein Hals ganz trocken an. Ich greife nach dem Kaffeebecher und gönne mir einen Schluck, bevor ich weiterrede. »Sarah und ich … leben seit ein paar Monaten getrennt.«

Mama schlägt sich die Hände vor den Mund. »Wie bitte? Warum hast du uns nichts gesagt?«

»Weil ich erst mal selbst damit klarkommen musste. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu erkennen, wie toxisch Sarah ist.«

»Was genau meinst du damit?«, möchte Papa nun wissen.

»Sie hat mich manipuliert, und ich habe es nicht kapiert. Sie hat alles daran gesetzt, mich von euch fernzuhalten.«

Mama weicht sämtliche Farbe aus dem Gesicht. »Sie hat was?«

Hitze steigt in mir auf. Meine eigene Unfähigkeit, zu erkennen, was über Jahre ablief, macht mich auch heute noch fertig. »Anfangs war das ganz harmlos. Ständig hatte sie irgendwelche Ausreden, wenn wir zu euch fahren oder ich mich mal mit Freunden treffen wollte. Wie aus dem Nichts wurde sie krank, schob angeblich wichtige Termine dazwischen. Einmal war aus unerklärlichen Gründen sogar das Auto kaputt. Am Tag zuvor hatte ich noch alles gecheckt.«

»Ich erinnere mich«, knurrt Papa.

»Das war nur der Anfang. Mit der Zeit wurde es immer absurder, und schließlich habe ich mich selbst irgendwie aufgegeben und mich dem Ganzen gefügt. Ich fing an, eure immer seltener gewordenen Nachrichten unbeantwortet zu lassen oder euch zu vertrösten.« Das Schamgefühl frisst mich beinahe auf.

»Deine Schwester hat das sehr wütend gemacht«, meint Mama.

»Ja, das hat sie mich auch spüren lassen.« Ich starre auf meinen Teller und schaue auch nicht hoch, als ich weiterrede. »Was … hat das mit euch gemacht?«

»Es war schlimm«, sagt Mama erstickt. »Wir wussten ja nicht, warum du dich plötzlich nicht mehr gemeldet hast. Aber jetzt … Es tut mir so leid, wie es dir ergangen ist. So hätte ich Sarah niemals eingeschätzt.«

»Ich auch nicht. Das kannst du mir glauben.« Es gelingt mir nicht, ein verächtliches Schnauben zu unterdrücken.

»Wie bist du denn aus der ganzen Sache rausgekommen?«, fragt mein Vater ernst.

»Eine Situation hat mir die Augen geöffnet. Ich kam gerade aus der Dusche, da sehe ich sie mit meinem Handy. Sie hatte mich nicht bemerkt, also habe ich mich ruhig verhalten und beobachtet, was sie tut. Sie war in meinem Messenger zugange. Ich konnte nicht genau sehen, was sie gemacht hat, aber mich beschlich der Verdacht, dass sie Nachrichten gelöscht hatte, bevor ich sie lesen konnte. Da ich das in dem Moment nicht beweisen konnte, zog ich mich zurück und habe das Ganze erst mal sacken lassen.«

»Und dann?«

»Habe ich realisiert, dass es nicht das erste Mal gewesen sein muss und überlegte mir einen Schlachtplan. Ich bat einen Kollegen um Hilfe und speicherte seine Nummer unter einem Frauennamen ab. Eines Tages nach Feierabend schrieb er mir dann, und ich ließ mein Handy absichtlich offen auf dem Küchentisch liegen. Dann bin ich Getränke holen gegangen. Als ich zurückgekommen bin, war keine Nachricht da. Dieses Spiel haben wir ein paarmal wiederholt, bis ich Sarah zur Rede gestellt habe. Dann ist sie völlig ausgerastet. Hat jeden, der mir nahesteht, schlechtgeredet und gemeint, ich brauche niemanden, außer sie. Sie ist eine verdammte Narzisstin. Und ich war zu blind, das zu erkennen.«

Mama greift über den Tisch nach meiner Hand. »Aber nun ist es vorbei, mein Junge. Zum Glück.«

»Ja und nein. Ich kann nicht behaupten, dass dieser ganze Mist keine Spuren hinterlassen hat. Deswegen … bin ich seit einer Weile in Therapie.«

Papas Blick wird weich. »Rede dir bloß nicht ein, das wäre eine Schande, Junge. Im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Stärke, sich der Sache zu stellen.«

»Vielleicht hast du recht.«

»Nicht nur vielleicht. Und jetzt lasst uns endlich frühstücken!« Damit ist das Thema für ihn gegessen.

In dem Moment fällt eine riesige Last von mir ab. Meine Eltern nehmen es mir nicht krumm, dass ich für lange Zeit aus ihrem Leben verschwunden war. Hoffentlich kann ich auch Leni milde stimmen. Meine Schwester und ich waren nämlich einst ein Herz und eine Seele. Vor langer Zeit. Ob es je wieder so sein wird?

***

Das Freizeichen ruft Unruhe in mir hervor. Dabei glaube ich nicht, dass Ron mir jemals etwas nachtragen würde. Wir kennen uns, seit ich denken kann. Als Kinder haben wir nahezu jeden Tag miteinander verbracht, wohnten wir doch Haus an Haus. Irgendwann haben unsere Eltern sich sogar dazu breitschlagen lassen, ein Tor zwischen unsere Gärten zu setzen, das nicht nur Ron und ich, sondern auch Liv und Leni später rege genutzt hatten. Je älter wir wurden, desto größer wurde unsere Clique. Irgendwann haben wir uns auf den Strand verlagert, und unsere Gärten blieben verwaist, die Schaukel in unserem sowie die Rutsche im Nachbarsgarten ungenutzt. Das Tor existiert nach wie vor, ebenso die Schaukel. Sie sind Zeitzeugen unserer unbeschwerten Kindheit, der Gemeinschaft, aber auch des Alterns, des Erwachsen werden. Denn die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, an der Schaukel, am alten Tor, sowie an uns selbst. Heute sind wir nicht mehr dieselben – aber irgendwie sind wir es doch.

»Paul? Bist du das?« Die Freude in Rons Stimme lässt mich augenblicklich aufatmen.

»Ja. Ist lang her, was?«

»Allerdings. Wo steckst du gerade?«

»Ich stehe im Garten meiner Eltern und schaue auf das Tor, das sie unseretwegen eingebaut hatten.«

»Das war die beste Idee, die sie je hatten, finde ich.«

»Sehe ich auch so.« Ich setze mich auf die Kante der weiß gefliesten Terrasse, ohne den Blick vom Tor abzuwenden. Es ist, als könnte ich uns durchlaufen sehen. Ron und mich, Leni und Liv. Hin und her, den ganzen Tag.

»Magst du vorbeikommen? Wir sind gerade dabei, Livs Wohnung auf den Kopf zu stellen. Zum dritten Mal. Opas Taschenuhr ist verschwunden. Du könntest uns helfen.«

»Denkst du, es wäre Liv recht, wenn ich in ihren Sachen herumwühle?«

»Hm, gute Frage. Dann warte einfach noch eine halbe Stunde. Wir sind ohnehin bald durch. Danach wollten wir nach Schilksee laufen und ein Eis essen. Bist du dabei? Dann kann ich dir meine zukünftige Frau vorstellen.«

»Da sage ich nicht Nein.« Die Worte kommen mir leicht über die Lippen. Dennoch überkommt mich ein ungutes Gefühl. Ich war zu lange fort. Es ist zu viel passiert.

»Perfekt. Dann treffen wir uns um halb drei vorm Strandkind.«

***

Überpünktlich komme ich am Strandkind an. Die Unruhe in mir war zu groß, um noch länger zu warten. Liv ist die Erste, auf die ich treffe. Sie hockt auf den Stufen, die zur Terrasse des Bistros hinaufführen, und wirkt unglücklich, nahezu tieftraurig. Diese Tatsache versetzt mir einen kleinen Stich. Früher habe ich sie nie so gesehen. Zu jeder Zeit hatte sie ein Lächeln auf den Lippen, eines, das wie ein Magnet wirkte und alle Blicke auf sich zog. Bis zu jenem Tag kurz vor meiner Hochzeit. Da sah ich zum ersten Mal so etwas wie Schmerz in ihren Augen. Und ich trug die Schuld dafür. Hastig schiebe ich diese düstere Erinnerung beiseite.

»Hey, Liv! Habt ihr die Uhr gefunden?« Ich lasse mich neben ihr auf die obere Stufe sinken und mustere sie von der Seite. Sie ist dünner, als ich sie in Erinnerung habe. Ihr Gesichtsausdruck wirkt reifer, das Jugendliche darin ist verloren gegangen. Sie ist erwachsen geworden.

»Fehlanzeige. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt.«

»Wo hattest du sie denn aufbewahrt?«

»In meinem Schmuckkästchen auf der Kommode im Schlafzimmer. Sie lag immer dort. Vor zwei Tagen war sie auf einmal weg. Wir haben nun schon viermal alles umgekrempelt.« Verzweiflung schwingt in ihrer Stimme mit. Liv war ein Opa-Kind. Deshalb muss sie sehr an diesem Erinnerungsstück hängen.

»Fehlt noch etwas anderes?«

»Nein. Nichts. Ist das nicht seltsam?«

»Allerdings.«

»Ich muss mich wohl damit abfinden, dass sie nie wieder auftauchen wird«, murmelt sie erstickt.

»Das tut mir leid.« Ob es mir gelingt, sie abzulenken? Womöglich möchte sie das nicht, aber einen Versuch ist es wert. »Kommst du auch mit zum Eis essen?«

»Mir bleibt keine andere Wahl. Johanna und Ron nötigen mich dazu, damit ich auf andere Gedanken komme.«

»Also musst du heute nicht arbeiten?«

»Nicht mehr. Wir bieten sonntags nur noch Brunchbuffet an und machen dementsprechend früh zu. Montags und dienstags haben wir Ruhetag. Mir steht also ein entspannter Wochenanfang bevor.« Ein schwaches Lächeln umspielt ihre vollen Lippen. »Obwohl … vermutlich werde ich noch fünfmal die Wohnung absuchen.« Sie dreht sich um und schaut ins Innere des Strandkinds. »Nun kommt schon, ihr zwei. Genug geschnackt. Sonst gehen Paul und ich ohne euch los!«

Nur einen Wimpernschlag später läuft uns ein gelber Labrador entgegen und wedelt aufgeregt mit dem Schwanz.

»Cooper! Wenigstens du bist startklar. Du wartest wohl schon sehnsüchtig auf dein Leberwurst-Eis.« Liv streichelt dem Tier liebevoll über den Rücken.

»Ist das deiner?«

»Jein. Ron hat ihn als Welpen am Straßenrand aufgelesen. Offiziell ist er sein Hund, aber Cooper verbringt ebenso viel Zeit bei mir. Also, zur Hälfte gehört er auch mir.«

Hinter uns tritt Ron ins Freie, dicht gefolgt von einer brünetten Schönheit, die vermutlich seine Johanna ist. Sofort springe ich auf und drücke ihn kurz, aber fest an mich. »Es tut gut, dich zu sehen, Mann.«

»Das kann ich nur zurückgeben. Ich schätze, wir haben uns viel zu erzählen.

---ENDE DER LESEPROBE---