Nicht schwul - Jane Ward - E-Book

Nicht schwul E-Book

Jane Ward

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Beschreibung

Wo immer Männer unter sich sind, kommt irgendwann mannmännlicher Sex ins Spiel, sei es in Studentenverbindungen, beim Militär, im Gefängnis oder einfach unter guten Kumpels. Handelt es sich dabei um Ausrutscher, die nichts zu bedeuten haben, oder um eine unverzichtbare "Zutat" zur heterosexuellen Persönlichkeit? Jane Ward zeigt, dass die Begriffe hetero- und homosexuell nur wenig über Art und Ausmaß der tatsächlich praktizierten Sexualität aussagen, ja, dass diese streng binäre Unterscheidung der Realität nicht wirklich gerecht wird. Auch wenn amerikanische und europäische Männlichkeiten offenbar deutliche Unterschiede aufweisen: Ein erfrischender Beitrag zur Genderdebatte, der den Kern emanzipatorischer Politik berührt. "Wards Buch ist mutig und theoretisch fundiert – es bietet einen um fassenden, oft überraschenden und anregenden Überblick über homosexuelle Handlungen zwischen heterosexuellen Männern und ihre unterschiedlichen Bedeutungen. Kurz gesagt: Das ist cultural studies at its best." (Times Higher Education)

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Jane Ward

Nicht schwul

Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des ‹normalen› Mannes

Aus dem Amerikanischen von Stefan Luboschik

Mit einem Nachwort von Christopher Ewing

Männerschwarm Verlag

Hamburg 2018

Titel der Originalausgabe: Not Gay. Sex Between Straight White Men

© 2015 by New York University Press. Alle Rechte vorbehalten. Autorisierte Übersetzung der in der New York University Press erschienenen englischsprachigen Ausgabe.

Die Veröffentlichung dieser Ausgabe wurde durch eine Spende

Florian Mildenbergers und der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung gefördert.

Für die deutsche Ausgabe wurden in den Kapiteln IV und V leichte Kürzungen vorgenommen.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.ddb.de abrufbar.

Jane Ward

Nicht schwul

Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des ‹normalen› Mannes

Aus dem Amerikanischen von Stefan Luboschik

Mit einem Nachwort von Christopher Ewing

© Männerschwarm Verlag, Hamburg 2018

Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen,

unter Verwendung eines Fotos von istockphoto / Wavebreakmedia

Druck: CPI Leck, Deutschland

1. Auflage 2018

ISBN Printausgabe: 978-3-86300-249-7

ISBN Ebook: 978-3-86300-264-0

Männerschwarm Verlag

Frankenstraße 29 ٠ 20097 Hamburg

www.maennerschwarm.de

Für Kate

Inhalt

I.Ein unverzichtbarer Beitrag – Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des weißen heterosexuellen Mannes

Fluide Akteure. Generations-, gender- und ethno-spezifische Merkmale sexueller Fluidität

«Shit Happens.» Die junge Generation flexibler Heterosexueller

Welches Gender hat sexuelle Fluidität?

Ethnospezifische Aspekte sexueller Fluidität

Was ist Heterosexualität?

Eine Anmerkung zu den zentralen Begriffen

Die Entstehung des geborenen Heterosexuellen

Heteronormative Gewalt und die Forderung nach einem aufrichtigen queeren Leben

Zum Aufbau des Buches

II.Kneipen, Biker und Toiletten – Ein Jahrhundert des nicht-schwulen Sex

Die Erfindung des weißen heterosexuellen Mannes

Der homosexuelle Sex normaler Männer. Eine Chronologie

Tauschgeschäfte. Heteroflexibilität in amerikanischen Städten der Vorkriegszeit

Homosexuelles Treiben heterosexueller Männer in den 1950er und 1960er Jahren. Teil 1: Biker

Homosexuelles Treiben heterosexueller Männer in den 1950er und 1960er Jahren. Teil 2: Klappen

Skandal! Seelenkrise und Heteroerlösung im späten 20. Jahrhundert

Ein Blick in die Zukunft. Das Vermächtnis normaler Sexualität

III.Wie du erkennst, dass du nicht schwul bist – Populärwissenschaftliche Erklärungen heterosexueller Fluidität

Bist du so zur Welt gekommen? Die Neurowissenschaft sexueller Orientierung

Strände und Wolkenkratzer. Die diagnostische Vorstellungskraft

Drei sehr besondere Gründe, warum heterosexuelle Männer mit Männern Sex haben

Fick oder stirb! Die Performance notwendiger Homosexualität

Männerbande. Die Performance homosozialer Homosexualität

Besoffen, begriffsstutzig und überrumpelt. Die Performance zufälliger Homosexualität

Schon wieder versagt die Binarität!

IV.Durchschnittstypen, alltägliche Vorkommnisse – Weiße Homosozialität und authentische Heterosexualität

Weißer heterosexueller Kerl sucht seinesgleichen

Was sind sie dann aber wirklich?

Die Inszenierung von Homosozialität

Typen idealisierter Homosozialität: Weiße Surfer, Skater, Sportler und Studenten

Weiße Männer unter sich

V.Macht ihn fertig! Weiße Männlichkeit, anale Zähigkeit und Abscheu als erotisches Schauspiel

Die Äquatortaufe. Homosexuelle Erfahrungen beim militärischen Hazing

Herr der Fliegen. «Abnormes Hazing» in der US-Botschaft in Kabul

Den Schleier heben. Auf dem Weg zu einem tieferen Verständnis des Hazing

VI.Gegen die schwule Liebe. Ein Appell an alle Queers

Hetero-Geschichten über Homo-Liebe und verkannte Queerness

Männlichkeit, «Keine Wahl» und Misogynie

Aufrichtig queer

Danksagung

Nachwort von Christopher Ewing

Abbildungsverzeichnis

Personenregister

I.Ein unverzichtbarer Beitrag. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des weißen heterosexuellen Mannes

Vor ungefähr fünfzehn Jahren, in den späten Neunzigern, war ich eine junge Lesbe, die manchmal mit langweiligen, heterosexuellen Männern ausging, zumal, wenn eine queere Beziehung qualvoll zerbrochen war. Ich bin nicht sonderlich stolz auf jene Zeit, doch damals hat alles angefangen. Bei einer solchen Verabredung konnte ich einen dieser Männer dazu bringen, mir – wenn auch verlegen – von seinen Erlebnissen in einer studentischen Verbindung (Fraternity1) an der Southern California University zu erzählen, die er wenige Jahre zuvor besucht hatte. Auf der Suche nach welchen Ansatzpunkten auch immer, um das Gespräch auf meinen neu entdeckten, flammenden Feminismus zu bringen, bedrängte ich ihn, mir von den allerschlimmsten und verabscheuungswürdigsten Vorfällen an jener berüchtigten Partyhochschule zu erzählen. Ich rechnete damit, abstoßende Geschichten von Übergriffen auf betrunkene junge Frauen zu hören zu bekommen. Was auch immer er mir erzählen könnte, würde meine feministischen Empfindungen beleidigen und mich in Wut versetzen, sodass ich gezwungen wäre, den Kontakt zu ihm abzubrechen und in die persönlich erfüllenderen, anspruchsvolleren Gefilde queeren Lebens zurückzukehren. Ich zweifelte nicht daran, dass er Geschichten von Frauen und K.-O.-Tropfen kannte, doch auf meine Frage nach den vertraulichsten Vorfällen in der Fraternity bekam ich eine überraschende Antwort. Er erzählte stattdessen von einem recht ausgeklügelten, schikanösen Aufnahmeritual2, das sie Elefantenmarsch nannten und bei dem sich junge Männer reihum den Daumen in den After einführten. Die Teilnehmer des Elefantenmarschs mussten sich vollkommen nackt ausziehen und im Kreis aufstellen, einen Daumen im eigenen Mund und den anderen im After des jungen, zumeist weißen Mannes vor ihm. Wie Zirkuselefanten, deren Rüssel jeweils den Schwanz des Vorgängers fassen, so gingen sie langsam im Kreis herum, verbunden durch Daumen und After, während ältere Angehörige der Fraternity zuschauten und sie anfeuerten.

Elefantenmarsch

Zuerst war ich ein wenig erschrocken, doch dann weckte die Geschichte die Erinnerung an ein anderes Erlebnis, eine Videovorführung in einem Seminar zu Sexual Politics, an dem ich in meiner Zeit am College teilgenommen habe. Die neun Kursteilnehmer_innen sollten zum Abschluss des Seminars eine Multimediapräsentation erstellen, die auf kreative Weise die Komplexität «postmoderner Sexualität» erforschte. Meine Präsentation – im Grunde eine fanatische Ode an Madonna – wurde von der Tutorin, die das Seminar leitete, nicht besonders gut aufgenommen. Wir alle waren hingegen wirklich beeindruckt von einer ethnographischen Filmstudie, die der einzige männliche Kursteilnehmer eingereicht hatte. Das Video bestand aus wild zusammengewürfeltem Material, das er ausschließlich in Schlaf- und Waschräumen seines Fraternity House gefilmt hatte; es zeigte nackte weiße Jungs, die lachend andere weiße Jungs festhielten, bestiegen und über das Bett vorgebeugt zu ficken vorgaben. Wie ich mich erinnere, war der kleine studentische Schlafraum vollgestopft mit jungen weißen Männern mit bloßem Oberkörper und Basecap; sie brüllten hysterisch und bahnten sich rempelnd und schubsend ihren Weg durch die vielen anderen Körper, um die ‹Unglücklichen› besser sehen zu können, die von einem Pulk nackter Verbindungsbrüder überwältigt wurden. Die Jungs obenauf lachten und nannten die unter ihnen liegenden Schwuchteln; diese lachten ebenfalls und nannten ihre Aggressoren Schwuchteln, während sie sich anstrengten, die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu wenden und obenauf zu gelangen. Keiner von ihnen wirkte auf mich wie eine Schwuchtel. Der junge Mann, der die Aufnahmen gemacht und zu einem Video zusammengefügt hatte, war selbst Mitglied jener Verbindung und hatte bemerkenswert wenig über den Sinn dieser Bilder zu sagen. «Wir haben bloß herumgefickt. So ist das nun mal in den Fraternities … Schwer zu erklären», sagte er.

Als junge Feministin fühlte ich mich von dieser heteromännlichen Kultur der Verbindungshäuser abgestoßen, die auf Erniedrigung und Aggression beruhte, und ich vermutete, dass diese sexuellen Anspielungen durchaus von Homophobie und Misogynie geprägt waren. Beide Studenten – sowohl der, der mir vom Elefantenmarsch erzählte, als auch der, der seine Verbindungsbrüder beim ‹vorgeblichen› Sex gefilmt hatte – hielten es jedenfalls für offensichtlich, dass dies ein Spiel von Macht und Demütigung sei und nichts mit Sex zu tun hatte. Diese Vorfälle können gerade deshalb als demütigend oder abstoßend aufgefasst werden, weil sich hier normale, junge heterosexuelle Männer wie Schwuchteln benehmen beziehungsweise scheinbar widerwillig homosexuellen Handlungen ausgesetzt sind. Und dennoch war ich – trotz der Homophobie der Beteiligten – auch fasziniert und aufgeregt, dass heterosexuelle Männer auf diese Art miteinander umgingen. Die angehende queere Kritikerin (und Perverse) in mir war beeindruckt vom Einfallsreichtum, der erforderlich ist, solche Szenarien mitsamt dem komplexen Regelwerk, das sie strukturiert, zu erfinden, und von der performativen und rituellen Art, wie heterosexuelle Männer sich gegenseitig berührten oder andere zu solchen Berührungen zwangen.

Zudem ahnte ich, dass die beteiligten Männer glaubten, sie würden etwas Nützliches und insofern im Grunde etwas Heterosexuelles, Männliches, Weißes tun, als sie gegenseitig ihre After befingerten. Das geht zum Beispiel aus dem nachstehenden Zitat einer beliebten Website von und für junge Männer in studentischen Fraternities hervor, in dem der Zweck des Elefantenmarschs folgendermaßen beschrieben wird:

Erfahrungsgemäß werden die bros (brothers, also Brüder, Angehörige der Fraternity, A.d.Ü.) umso stärker, je derber sie schikaniert wurden. Wenn ihr eure Frischlinge zwingt, menschliche Scheiße zu essen oder den Elefantenmarsch vorzuführen, sagt ihr ihnen damit: «Hey, sobald ihr wisst, wie die Scheiße eurer bros schmeckt, werdet ihr bessere bros sein.» Und ich muss sagen – ich respektiere das wirklich ... Krieg stellt einen großartigen Zusammenhalt her. Hazing ist im Grunde wie Krieg, nur dass am Ende nicht Freiheit angestrebt wird, sondern sich mit scheißcoolen bros die Hucke vollzusaufen und heiße Fickstücke [Frauen] zu knallen. Kein Schimmer, was von beiden wichtiger ist, aber eins ist klar: Hazing ist ein unverzichtbarer Beitrag, damit aus den bros etwas Richtiges werden kann.3

Ist es möglich, dass aus weißen heterosexuellen Männern wirklich nichts Richtiges werden würde, wenn ihnen intimer Kontakt mit den Aftern ihrer Brüder verwehrt bliebe? Bevor ich diese Frage beantworte, sollte eins als sicher festgehalten werden: wenn junge weiße Männer einander begrapschen, glauben sie, damit eine Arbeit zu verrichten. Wie es ihr eben zitierter Kumpel nahelegt, tun sie etwas Dringliches und Wirkungsvolles – sie gehen eine Verbindung ein, die mit derjenigen von Soldaten in Kriegszeiten verglichen werden kann, und erleben am Ende eine Erleichterung und einen Triumph, die mit dem Erkämpfen der Freiheit vergleichbar sind.

Sofern sexueller Kontakt zwischen weißen heterosexuellen Männern überhaupt wahrgenommen wird, unterstellt man diesen Praktiken in unserer Kultur üblicherweise, sie würden keine schwulen Identitäten hervorbringen, sondern stattdessen heterosexuelle Männer formen und heteromännliche Bindungen stärken, und zwar besonders unter weißen Männern. Ich werde im vorliegenden Buch dieser Annahme nicht widersprechen. Die folgenden Kapitel werden sie vielmehr noch unterstützen und dafür argumentieren, dass Homosexualität einen oft unsichtbaren, doch gleichwohl unabdingbaren Bestandteil, ja, ein konstitutives Element heterosexueller Männlichkeit darstellt. Ausgehend von sexuellen Kontakten zwischen heterosexuellen Männern möchte ich in den nachfolgenden Ausführungen eine neue Sicht auf das heterosexuelle Selbstverständnis anbieten – nicht mehr als Gegensatz oder Abwesenheit von Homosexualität, sondern als eine eigene, einzigartige Art und Weise, homosexuelle Praktiken in Anspruch zu nehmen, die sich durch Vortäuschung, Desidentifikation und heteronormative Einbindung auszeichnet. Ich werde mich zumal um den Nachweis bemühen, dass weiße heterosexuelle Männer, die homosexuellen Sex ostentativ ertragen, anderen aufdrängen oder verweigern – sich seiner also in der ‹richtigen› Weise bedienen –, damit nicht nur die eigene Heterosexualität, sondern ebenfalls ihre Männlichkeit und ihre Zugehörigkeit zur ‹weißen Rasse› absichern4.

Warum nun mein besonderes Augenmerk auf weiße Männer? Alle heterosexuellen, ja, alle sexuellen Praktiken sind in geschlechtsspezifische und ‹rassenspezifische› Sinnhorizonte eingebettet. So zeigt beispielsweise Chrys Ingraham in seinem Buch White Weddings, dass sich die Bezeichnung weiße Hochzeit nicht lediglich auf weiße Brautkleider, sondern ebenso auf die Hautfarbe der Braut bezieht: Weiße Frauen werden unverhältnismäßig oft in Hochzeitsmagazinen abgebildet, die Braut-Barbies der Firma Mattel sind weiß, und Weiße stehen an der Spitze der Hierarchien innerhalb der Hochzeitsindustrie. Die Vorstellung, eine Hochzeit müsse perfekt und etwas ganz besonderes sein, basiert auf idealisierter weißer Weiblichkeit, und umgekehrt bekräftigt die Hochzeitsindustrie die Normalität und Legitimität der weißen ‹Rassenzugehörigkeit›. Weiterhin wird dieses Buch der Frage nachgehen, wie ihre ‹Rassenzugehörigkeit› weißen heterosexuellen Männern beim homosexuellen Kontakt zugutekommt und wie dieser Kontakt andererseits ihre weiße Heteromännlichkeit unterstützt. Während die Frage, wie Ethnie und Kultur das sexuelle Verhalten farbiger Menschen beeinflussen, bereits umfassend erforscht wurde – einschließlich das jener farbigen Heterosexuellen, die ihre sexuellen Kontakte mit Männern streng geheim halten (‹on the down low›, d.h. ‹ganz leise›) –, blieb der Zusammenhang zwischen weißer ‹Rassenzugehörigkeit› und sexueller Fluidität weitgehend unerforscht. Die meisten Darstellungen jener Down-Low-Phänomene unterstellen farbigen Männern, die sich als heterosexuell verstehen und dennoch mit Männern Sex haben, in Wirklichkeit schwul zu sein, was sie aufgrund der ausgeprägten Homophobie innerhalb ihrer ‹rassischen› Gemeinschaften nicht eingestehen könnten. Ich komme hierauf später noch einmal zu sprechen, doch soll an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass die Zusammenhänge zwischen weißer Hautfarbe und sexueller Fluidität seitens weißer Männer zumeist ignoriert wurden, so als hätten deren Sexpraktiken nichts mit ihrem ethnisch-kulturellen Hintergrund zu tun. Indem ich den Fokus auf weiße heterosexuelle Männer richte, gehe ich der Frage nach, wie weiße Hautfarbe und Männlichkeit und ihr privilegierter Zugang zur Macht gewisse Formen sexuellen Umgangs, sexueller Mobilität und Grenzüberschreitung ermöglichen, die farbigen Männern nicht zur Verfügung stehen, oder doch eine andere Bedeutung bekommen, wenn Farbige sich ihrer bedienen.

Ich führe den Elefantenmarsch nicht deshalb als erstes Beispiel an, weil er mein überzeugendstes Datenmaterial wäre. Bedauerlicherweise habe ich ihn selbst nie miterlebt; allerdings wurde er von anderen Wissenschaftler_innen gut dokumentiert.5 Nein, ich habe ihn als Ausgangspunkt gewählt, weil er den Beginn meiner eigenen Erkundungen in dieses Terrain markiert – und eben nicht die «küssenden heterosexuellen Frauen», die in den späten 2000er Jahren ein Medienspektakel auslösten. Es waren stattdessen ein Jahrzehnt früher weiße heterosexuelle Männer, die sich vor anderen jubelnden weißen heterosexuellen Männern küssten. Meine Einführung in das sich entfaltende kulturelle Narrativ über die Begleitumstände, unten denen heterosexuelle Kerle sich aus unterschiedlichen Gründen an gleichgeschlechtlicher Sexualität beteiligen, waren Geschichten vom Elefantenmarsch. Diese Geschichten weckten meine Neugier, warum sexuelle Fluidität heterosexueller weißer Männer so wenig Aufmerksamkeit findet, warum sie so beharrlich verleugnet wird und was all dies über das binäre Paar heterosexuell/homosexuell verraten mag.

Die psychologische Forschung beschäftigt sich seit langem mit den Motiven, aus denen heraus heterosexuelle Männer gleichgeschlechtlich miteinander verkehren. Bereits die bloße Vielzahl von Begrifflichkeiten, die US-amerikanische Psycholog_innen in den 1950er Jahren hervorgebracht haben, um solche Praktiken zu beschreiben,6 vermittelt einen guten Einblick, wie sehr sich die Forscher_innen bemühten, falsche Homosexualität von ihrem authentischen, wirklich schwulen Gegenteil zu unterscheiden. So entstanden die Begriffe «deprivational homosexuality» (Homosexualität aus Mangel an gegengeschlechtlichen Kontaktmöglichkeiten), «facultative homosexuality» (unverbindliche Homosexualität), «situational homosexuality» (situative Homosexualität), «opportunistic homosexuality» (Anpassungshomosexualität) usw. Im 20. Jahrhundert hat ein großer Teil der Forschung den Sex zwischen heterosexuellen Männern als Notlösungen verstanden, wie sie etwa in Gefängnissen und beim Militär vorkommen. Dieser Logik entsprechend kann sich ein heterosexuell veranlagter Mann auf homosexuellen Geschlechtsverkehr einlassen, selbstverständlich auch umgekehrt, doch da diese Begegnungen situationsgebunden sind und beispielsweise nur in Gefängnissen, auf See oder in Militärkasernen vorkommen, gelten sie nur als eine spontane, im Grunde bedeutungslose Irritation ihrer ansonsten statischen sexuellen Ausrichtung.

In der Psychologie und Sexualwissenschaft und wohl ebenso in der breiteren Öffentlichkeit dominiert auch heute noch die Überzeugung, dass das Begehren männlicher Heterosexualität grundverschieden ist von demjenigen männlicher Homosexualität. Wenn heterosexuelle Männer tatsächlich einmal gleichgeschlechtlich verkehren und nicht wie verkappte Homosexuelle wirken, dann beurteilt man diese Praktiken als momentane Abweichungen und investiert ein gutes Stück Arbeit darein zu erklären, wie es dazu kam und warum sie keinesfalls die wahre sexuelle Orientierung der Beteiligten abbildet beziehungsweise mit ihr übereinstimmt.

Im Gegensatz dazu geht mein Buch von der Prämisse aus, dass die Kultur weißer heterosexueller Männer allenthalben von homosexuellem Umgang geprägt ist. Etliche Studien haben bereits belegt, dass Heterosexuelle andere Männer küssen, sie berühren, wichsen, lecken und penetrieren, üblicherweise in einem spezifischen institutionellen Umfeld und unter besonderen Bedingungen. Dennoch schenkte man dem Gesamtergebnis dieser Studien wenig Beachtung: dass nämlich weiße Männer, die sich als heterosexuell verstehen, in bemerkenswert vielfältigen Zusammenhängen selbst Gelegenheiten erschaffen, um mit anderen Männern in sexuellen Kontakt zu treten; und dass solche Handlungen anscheinend von ‹hyper-heterosexuellen› Umgebungen in besonderem Maße begünstigt werden, wie etwa Universitäten, wo Sex mit Frauen alles andere als eingeschränkt möglich ist. Hinzu kommt, dass jene Untersuchungen allzu oft unkritisch die Auffassung übernehmen, die heterosexuelle weiße Männer vom eigenen homosexuellen Verhalten haben – dass es sich um einmalige, nebensächliche und nachgerade asexuell Vorkommnisse handelt. Während ich anerkenne, dass die Desidentifikation heterosexueller Männer mit Homosexualität von zentraler Bedeutung ist, muss man ihnen nicht auch darin zustimmen, dass in diesen Kontakten ausschließlich vermeintlich nicht-sexuelle Triebkräfte wie Erniedrigung oder institutionelle Zwänge wirksam seien, um ihr Verhalten zu erklären. Wenn man ihren Erklärungen glaubt, es handele sich bei all dem bloß um Sonderfälle, begibt man sich der Möglichkeit, die vielfältigen, oft gleichzeitig wirksamen Bedeutungen homosexueller Kontakte heterosexueller weißer Männer zu erfassen.

Die vorliegende Studie will eine breite, vielfältige Auswahl von Berichten über gleichgeschlechtlichen Sex weißer heterosexueller Männer zusammenstellen. Ich werde untersuchen, wie sich eine Vielzahl von Akteuren solche Begegnungen vorstellt, rationalisiert, darstellt und erklärt – von Psycholog_innen bis zu Angehörigen von Fraternities, von Soziolog_innen bis zu Militärpersonen, von Filmemachern und anderen Kulturproduzenten bis hin zu Menschen, die online Kontaktanzeigen aufgeben. Unter Zuhilfenahme vielschichtiger Sammlungen kultureller Materialien und kultursoziologischer Methoden untersucht dieses Buch die Geschichten, die erzählt werden, um zu erklären, weshalb und wie sich heterosexuelle Männer homosexuell verhalten. Die folgenden Kapitel spüren nicht nur Dokumenten realer homosexueller Handlungen weißer heterosexueller Männer nach, sondern gleichermaßen ihren Erscheinungsformen im Reich der Fantasie und in der Kulturproduktion. Diese Herangehensweise erfordert ein breites theoretisches und methodologisches Repertoire, eine Synthese von Queer Studies, Kulturwissenschaft, Soziologie und feministischer Theorie. Gemeinsam sollen diese Zugänge die unterschiedlichen Dimensionen erhellen, mit denen man eine scheinbar ‹unstimmige› Sexualpraktik – heterosexuelle Männer haben Sex mit Männern – zugleich postuliert und zurückweist, sowie die kulturellen und politischen Auswirkungen eines solchen Vorgehens.

Fluide Akteure. Generations-, gender- und ethnospezifische Merkmale sexueller Fluidität

«Shit Happens.» Die junge Generation flexibler Heterosexueller

Ungeachtet dessen, wie oft der Elefantenmarsch oder ähnliche Ereignisse in Fraternity Houses oder anderswo stattfinden7, sind sie Teil der zunehmend geläufigen Vorstellung, dass eine neue Generation junger Heterosexueller sexuell weniger festgelegt sei. – Nehmen wir zum Beispiel den Begriff ‹heteroflexibel›. Die geläufigste Definition hierfür, wie man sie auf dem derzeit angesagten, von jungen Menschen betriebenen Internetwörterbuch urbandictionary.com findet und die dort mehr als 11.000 positive Bewertungen erhielt, lautet folgendermaßen: «I’m straight, but shit happens.» («Ich bin heterosexuell, ist halt dumm gelaufen!») Obgleich sich die Studenten, die beim Elefantenmarsch mitmachen, wahrscheinlich nicht als ‹heteroflexibel› verstehen – als Bezeichnung einer Identität, nicht einer Handlung ist Heteroflexibilität angeblich eher unter jungen Frauen verbreitet –, erfasst der Begriff sehr wohl die treibende, diesem Ritual zugrundeliegende Logik. Denn das Konzept der Heteroflexibilität, wie sie auf Urbandictionary und anderswo definiert wird, verbindet drei gängige Ansichten über die menschliche Sexualität, die heutzutage gewissermaßen die theoretische Grundlage bilden, um eine große Bandbreite homosexueller Erlebnisse Heterosexueller zu erklären, darunter auch Phänomene wie die küssenden heterosexuellen Frauen, die vor einiger Zeit in den Massenmedien auf starkes Interesse stießen:

1. Sexuelles Verhalten ist oft willkürlich, unbeabsichtigt und bedeutungslos (manchmal ist es eben einfach dumm gelaufen).

2. Doch ungeachtet des sexuellen Verhaltens einer Person ist es möglich, eine grundlegende sexuelle Veranlagung festzustellen («Ich bin hetero»), von der immer mehr Wissenschaftler annehmen, sie sei angeboren oder genetisch vorherbestimmt – dieser Frage werde ich mich bald zuwenden.

3. Man soll dem Einzelnen keine Vorwürfe machen, wenn seine sexuellen Verhaltensweisen mit seiner sexuellen Veranlagung in Konflikt geraten, zumal dann nicht, wenn gewisse Umstände eine gewisse Flexibilität erfordern oder zumindest fördern. (Man nehme nur jenen Satz, der bei urbandictionary.com als Beispiel für die Verwendung von ‹heteroflexibel› in mündlicher Rede genannt wird: «Alter, es ist nicht meine Schuld! Ich war besoffen und es hat Spaß gemacht. Was soll ich sagen? Ich bin heteroflexibel.»)

Hinzu kommt, dass Heteroflexibilität, wie einige Soziolog_innen8 ergänzen, ein neues Phänomen ist. Ihnen zufolge ist es nichts Neues, dass Heterosexuelle sich auf homosexuellen Sex einlassen. Neu dagegen sei die ungewohnte Offenheit, mit der junge Leute – besonders junge Frauen, die andere junge Frauen küssen – ihre sexuelle Fluidität ausleben. Tatsächlich gehen sie so offen damit um, dass sie ihr einen eigenen Namen, eine Identität geben: das bis dahin unbekannte heteroflexibel. Freilich wurden Heterosexuelle, die die Grenze zum Homosexuellen überschreiten, immer wieder als Vorzeichen einer neuen, erstaunlichen Sexualordnung angesehen, die von jungen Menschen und ihren neumodischen Sex-Ideen eingeführt werde. So berichtet die Soziologin Laurie Essig, die für den Blog Salon.com schreibt, wie sie sich ärgerte, als ihr der Begriff ‹heteroflexibel› das erste Mal begegnete. Den Grund für diese Reaktion sieht sie selbst vornehmlich im Generationsunterschied zwischen sich selbst und ihren Studierenden:

An einem College zu unterrichten ist ein sicherer Weg, um sich hoffnungslos altmodisch zu fühlen. … Ich rede von ‹Heteroflexibilität›. Falls Sie nicht wissen, was das ist, wäre es an der Zeit zuzugeben, dass Sie nicht mehr dazugehören, genau wie ich. Heteroflexibilität ist die neueste Variante sexueller Identität. … [Es] bedeutet, dass eine Person vorzugsweise heterosexuell lebt oder heterosexuell zu leben beabsichtigt und sich sexuell und emotional vorzugsweise auf Menschen des anderen Geschlechts bezieht. Diese Person bleibt jedoch für sexuelle Begegnungen und sogar Beziehungen mit Personen des gleichen Geschlechts zugänglich. Es geht dabei nicht um Bisexualität, da Bisexualität unvermeidlich die Frage nach der Präferenz aufwirft, während die Präferenz einer heteroflexiblen Person feststeht. Man sagte mir, Heteroflexibilität sei der unbekümmerte Versuch, an einem heterosexuellen Selbstverständnis festzuhalten und gleichwohl «bei homosexuellen Vergnügungen dabei zu sein». … Meine Reaktion war vorhersehbar. … Wie kamen diese Jugendlichen dazu, einfach noch eine weitere Identität zu erfinden, nachdem ‹wir› dieses Problem doch schon in den 1980er und 90er Jahren für sie gelöst hatten? Verdammt nochmal – das Wort, das sie eigentlich suchten, war ‹queer› oder eben ‹bisexuell›! Ich war wütend, dass sie alles Politische und die Kämpfe, die vor ihrer Zeit mit der Namensgebung verbunden waren, über Bord warfen. … Doch dann verflog meine Wut einer nicht mehr ganz jungen Frau so weit, dass ich die Genialität hinter dieser Wortschöpfung erkennen konnte. Heteroflexibilität – und nicht Homosexualität oder Bisexualität – würde das Ende der Hegemonie der Heterosexualität herbeiführen. … Das Gegenteil von heteroflexibel ist nämlich heterorigoros. Stellen Sie sich vor, Sie sagen zu jemandem, Sie seien heterorigoros. Klingt doch fürchterlich, oder?9

Essigs Verständnis von Heteroflexibilität als «neuester Variante sexueller Identität» spiegelt die meisten Kommentare zu diesem Thema wider. Jeffrey Kluger, ein Reporter des TIME-Magazins, beschreibt Heteroflexibilität zwischen jungen Frauen als einen jugendlichen Trend, gefördert von Alkohol, ihrem ausgeprägten Aufmerksamkeitsbedürfnis und gelegentlich «echter Experimentierlust»10. Kluger stützt sich dabei stark auf die Arbeit der feministischen Wissenschaftlerinnen Leila Rupp und Verta Taylor, deren Analyse freilich nuancierter ist, wenngleich auch sie sich weitgehend auf Jugendliche konzentrieren und Heteroflexibilität als ein neues Verhaltensmuster charakterisieren. Ihrer Auffassung nach probieren Frauen im College-Alter neue Formen sexuellen Verhaltens aus, und zwar «indem sie die heterosexuelle Aufreißkultur [in Colleges] dazu benutzen, mit gleichgeschlechtlichem Intimverkehr zu experimentieren beziehungsweise sich darauf einzulassen.» Beide erklären, dass das, «was junge Frauen Heteroflexibilität nennen, Handlungen außerhalb der von ihnen beanspruchten sexuellen Identität ermöglicht, wobei die Abgrenzungen zwischen lesbischen und nicht-lesbischen – heterosexuellen wie bisexuellen – Frauen unverändert erhalten bleiben»11.

Sexuelle Fluidität als trendy und auf junge Erwachsene beschränkt zu verstehen, leistet einer Konstruktion ‹reifer› Sexualität Vorschub, die als stabil, exklusiv und weniger anfällig für gesellschaftliche Einflüsse angesehen wird. Im nächsten Kapitel werde ich diese Thesen, die die Neuartigkeit und den Versuchscharakter heterosexueller Fluidität behaupten, unter Hinzuziehung der queeren Geschichtsschreibung erörtern und aufzeigen, dass fast alle Merkmale von Heterofluidität bis zur Erfindung des binären Konzepts heterosexuell/homosexuell zurückverfolgt werden können – von normalen Männern, die gegen Bezahlung zu Sex mit Tunten bereit waren, bis hin zu rebellischen schwulen Mutproben wildgewordener heterosexueller Jungs; von ‹nicht schwulem› Homo-Sex in den Lokalen der Einwanderer im New York des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zum verbreiteten ‹nicht-schwulen› Homo-Sex in öffentlichen Toiletten im späten 20. Jahrhundert und danach; von witzigen Bezeichnungen für heterosexuelle Männer, die homosexuellen Geschlechtsverkehr haben, bis hin zu ausgefeilten Theorien, die das ‹unstimmige› homosexuelle Verhalten dieser Männer erklären sollen.

Welches Gender hat sexuelle Fluidität?

Erläuterungen zur Heteroflexibilität legen nahe, sexuelle Fluidität nicht nur als einen jugendlichen, sondern auch als einen Trend unter Frauen aufzufassen. So weisen feministische Soziolog_innen darauf hin, dass Mädchen und Frauen größere Spielräume zur Erkundung von Gender und Sexualität eingeräumt werden als Jungen und Männern; zudem seien sie von einer Kultur beeinflusst, die sowohl die sexuelle Fluidität weiblicher Stars feiert (Madonna, Britney Spears, Lady Gaga) als auch lesbische Spiele als effektives Mittel zur Verführung von Männern einsetzt. Umgekehrt unterliegen Jungen und Männer stärkeren Gender-Reglementierungen, kennen weniger Vorbilder männlicher sexueller Fluidität und können vermutlich bei Frauen mit Andeutungen sexueller Fluidität kaum punkten. In diesem Sinne erklären Rupp und Taylor, «Männer erleben – zumindest in der gegenwärtigen amerikanischen Kultur – nicht die gleiche Art Fluidität. Auch wenn sie sich als heterosexuell verstehen und trotzdem Sex mit anderen Männern haben, werden sie das bestimmt nicht auf Partys zum Vergnügen der anwesenden Frauen zur Schau stellen.»12

Untersuchungen zur Heteroflexibilität berücksichtigen zudem unweigerlich die Forschungsergebnisse von Psycholog_innen und Anthropolog_innen, die glauben, das männliche Sexualbegehren sei aus evolutionären Gründen unflexibler als das weibliche. Lisa Diamond, Autorin der Studie Sexual Fluidity. Understanding Women’s Love and Desire, behauptet, das sexuelle Verlangen von Frauen sei unbeständiger als das von Männern, und sexuelle Flexibilität sei generell von hormonellen und situativen Faktoren abhängig. Weibliche Erregung sei leichter als die der Männer durch situative Merkmale zu bewirken und stehe in stärkerer Verbindung mit romantischer Liebe. Ihr zufolge rührt dies von den weiblichen Hormonzyklen her, die nur selten ein fortpflanzungsorientiertes Begehrung erwecken: jenes intensive, instinktive, auf Reproduktion abzielende13 und lustgesteuerte Begehren, das ohne besonderen Stimulus auskommt. Männer dagegen befänden sich nahezu immer in diesem Stadium. Der Zustand rezeptiver Erregung dagegen währt für Frauen länger als für Männer: als sexuelle Reaktion auf nicht-hormonelle, soziale Reize, wie sie zum Beispiel ein Liebesfilm oder eine starke emotionale Bindung zu einem anderen Menschen hervorrufen. So gesehen haben Frauen gewissermaßen einen biologischen Vorsprung in Sachen sexueller Fluidität. Akzeptiert man diese Grundannahme – die größere Fluidität des Sexualbegehrens der Frauen sei von hormonellen Zyklen gesteuert und damit grundsätzlich jeder Kontrolle entzogen –, so leuchtet es ein, warum man Heteroflexibilität vorzugsweise bei (jungen) Frauen sucht.

Abgesehen von feministischen Einwänden, die man gegen diese Charakterisierung weiblicher Sexualität vorbringen könnte, scheint eines vollkommen klar: Die heute übliche Wahrnehmung, dass Frauen sexuell empfänglicher und flexibler seien, Männer dagegen sexuell rigider, hat die sexuelle Fluidität der Männer weitgehend unsichtbar gemacht. Dabei kommt es durchaus vor, dass heterosexuelle Männer auf Partys zum Vergnügen anwesender Frauen miteinander herummachen; dass sie sich in nahezu der gleichen Weise und nur zur Show aneinander aufgeilen, sich küssen und sexuell berühren, wie dies auch junge heterosexuelle Frauen tun – nur finden entsprechende Forschungsergebnisse relativ wenig Beachtung. Die Untersuchungen des Soziologen Eric Anderson enthalten eine Fülle von Informationen über heterosexuelle College-Sportler, die sich küssen, Hochprozentiges von ihren Körpern schlürfen (sog. body shots) und in Dreiern mit jungen Frauen und männlichen Teamspielern gegenseitig wichsen.14 Die heterosexuellen College-Studenten, die Anderson interviewte, beschreiben eine ganze Reihe von Szenerien, in denen sie miteinander Sex haben, um einer Sexualpartnerin zu gefallen – nahezu ununterscheidbar von jenen Szenarien, in denen sich heterosexuelle Frauen zum Gefallen männlicher Zuschauer küssen oder Sex haben. Einer von ihnen berichtet:

«Ich fühle mich nicht zu [Männern] hingezogen. Es muss es schon wert sein. Wie dieses Mädchen, das sagte, sie würde mit uns ficken, wenn wir beide rummachen würden. Der Zweck heiligt die Mittel. Wir nennen es den guten Zweck. Es muss schon ein guter Zweck sein.»15

Ein zweiter erklärte:

«Da muss es eine Belohnung geben. Wenn ich einen anderen Typen küssen soll, um eine Mieze zu ficken, ja, na, dann ist es das wert. […] Nun, in erster Linie geht es darum, mit ihr zu rammeln, aber wir könnten auch zusammen was machen. Hängt davon ab, was sie möchte.»16

In einer anderen, in Großbritannien durchgeführten Studie17 fand Anderson heraus, dass von den 145 Studenten, die er interviewte, 89 Prozent schon einmal einen Mann auf den Mund geküsst hatten, 37 Prozent sogar auf intensivere Weise. Einen anderen Mann zu küssen beschrieben die Probanden in beiden Fällen als «ein Ausdrucksmittel platonischer Zuneigung zwischen heterosexuellen Freunden». Die Männer beschreiben hier ihren gleichgeschlechtlichen Kontakt in fast identischer Weise, wie man gewohntermaßen seit Jahrhunderten über die ‹romantische Freundschaft› unter Frauen redet. Führt man Andersons Beiträge mit der Forschung zu ‹küssenden heterosexuellen Frauen› zusammen, kann man feststellen, dass Heterosexuelle – Männer wie Frauen – für Küsse und andere Formen sexuellen Umgangs mit dem gleichen Geschlecht vielfältige Erklärungen anbieten, darunter die Vertiefung einer heterosexuellen Freundschaft oder die Verführung eines oder einer andersgeschlechtlichen Heterosexuellen.

Liest man einige Darstellungen über gleichgeschlechtlichen Sex heterosexueller Männer, erscheinen Begriffe wie ‹heteroflexibel› schon wieder überholt, zumal insofern heteroflexibel als Euphemismus für Bisexualität missverstanden wurde. In einem Artikel aus dem Jahr 2010 für das Good Men Project dokumentiert der Entwicklungspsychologe Ritch Savin-Williams die Interviews, die er mit jungen, ‹verbürgt› heterosexuellen Männern geführt hat, die ihm erzählten, dass sie sich gelegentlich zu Männern hingezogen fühlten. Viele dieser Männer, so Savin-Williams, seien jedoch unsicher, wie sie ihr ‹Potenzial›, andere Männer zu begehren, einzuschätzen hätten; über Dillon, einen Teilnehmer seiner Studie, sagt er:

Obwohl [Dillon, J. W.] noch vor seinem Abschluss viele Puppen ficken möchte, ist er nicht durch und durch heterosexuell. «Ich bin mir unsicher, ob es ein Wort für das gibt, was ich bin», sagt er. … Nach eigener Aussage lebe er – so wörtlich – in den «sexuellen Niederlanden», einem Ort zwischen Heterosexualität und Bisexualität. Früher hätte man solche Personen als «normal, aber ansprechbar» (straight but not narrow), «schwul angehaucht» (bending a little) oder «heteroflexibel» bezeichnet. Dillon unterliegt einem wachsenden Trend bei jungen Männern, die sich ihrer Heterosexualität sicher sind und trotzdem ihr Potenzial nicht verleugnen, weit mehr zu erleben: sexuelles Begehren und Interaktion, Schwärmereien und gelegentlich romantische Beziehungen mit anderen Typen.18

Savin-Williams gibt an, dass 3 bis 4 Prozent der männlichen Teenager in den Vereinigten Staaten und Kanada sich als meistens oder überwiegend heterosexuell bezeichnen, selbst wenn sie zwischen heterosexuell und bisexuell wählen können. Bei Männern im College-Alter steigt dieser Anteil noch an, was – wie Savin-Williams hervorhebt – die Vermutung nahelegt, dass es mehr junge Männer gibt, die meinen, sie seien meistens heterosexuell, als solche, die sich als bisexuell oder homosexuell verstehen. Andere Studien erbrachten ähnliche Ergebnisse19, was belegt, dass etliche Männer, die nach eigener Aussage heterosexuell sind, zumindest die Möglichkeit in sich verspüren, mit einem anderen Mann sexuell zu verkehren, ohne ihre Heterosexualität dadurch infrage gestellt zu sehen. Während solche Befunde oft überraschend erscheinen, stiften vergleichbare Berichte von jungen heterosexuellen Frauen, die gelegentlich Lust auf Sex mit anderen Frauen haben, selten ein solches Erstaunen. Denn – wie ich in den folgenden Kapiteln zeigen werde – die Konstruktion weiblicher Sexualität erlaubt flüchtige ‹fraufrauliche› Begegnungen, die mit einer heterosexuellen Identität vereinbar sind und sogar heterosexuellen Belangen entgegenkommen. Die Forschungen von Anderson, Savin-Williams und anderen zeigen jedenfalls, dass es einer ähnlichen Perspektive auf männliche Heterosexualität bedarf, die homosexuellen Umgangsformen heterosexueller Männer verstärkt Rechnung trägt.

Schwuler Sex heterosexueller Männer ist Teil ihres Privatlebens und ihrer Freundschaften, tritt daneben jedoch in Institutionen, in denen Männer mit anderen Männern körperlich in Berührung kommen, in ritualisierter Form auf. So sind heterosexuelle Institutionen wie das US-amerikanische Militär erklärtermaßen Stätten, die sexuelle Begegnungen zwischen heterosexuellen Männern in ihre Kultur und ihren Betrieb integriert haben. Wie Steven Zeeland in seinem Buch Sailors and Sexual Identity erläutert, dem Interviews mit US-amerikanischen Matrosen und Marinesoldaten zugrunde liegen, halte das Militär die Grenzen zwischen homosexuell und heterosexuell sowie zwischen sexuell und nicht-sexuell bewusst verschwommen. Er beschreibt eine Vielzahl intimer und sexueller Handlungen, die zum gewöhnlichen Militärbetrieb gehören und «den Joint Chiefs of Staff als natürlicher Teil des militärischen Alltags bekannt» sind. Dabei kommt es gelegen, dass ihre Bedeutungen vage bleiben:

Initiationsriten in der Marine wie Transvestitismus, Spanking, simulierter Oral- und Analsex, simulierte Ejakulation, Brustwarzenpiercing und das anale Einführen von Objekten und Fingern könnten als etwas Homosexuelles angesehen werden. Die Liebe eines Offiziers für seine Männer ebenfalls. Das intime, kumpelhafte Verhältnis, das in Kasernen entsteht, an Bord und ganz besonders im Gefecht, das oft als größere Liebe beschrieben wird als diejenige zwischen einem Mann und einer Frau, ganz gleich, ob es dabei zu Penetration und Ejakulation kommt, könnte homosexuell sein. Das US-amerikanische Militär möchte aber nicht, dass solche Dinge homosexuell genannt werden. Um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass diese Aspekte des Militärbetriebs rein heterosexuell sind, ist es vonnöten, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass es im Militär keine Homosexualität gibt.20

Damit ist nach Zeeland homosexueller Kontakt im US-amerikanischen Militär nicht nur allgegenwärtig und normal; man betreibt auch einigen Aufwand, ihn – im Hinblick auf seine Bedeutung und Motivation – als ‹rein heterosexuell› hinzustellen.

Ich schließe mich dem an: Wir sollten dem gleichgeschlechtlichen Sex heterosexueller Männer eine in erster Linie heterosexuelle Bedeutung zuschreiben. Das Problem ist gleichwohl, dass diese Perspektive bislang vor allem dazu diente, die Komplexität der Sexualität von Männern, die sich als heterosexuell verstehen, zu ignorieren. Wer diese homosexuellen Aktivitäten mit einem «Jungs sind nun mal so» abtut, verdunkelt damit deren Implikation für unser Verständnis der Heterosexualität und der Binarität sexueller Orientierung im allgemeinen. Wir können und sollten viel größere Aufmerksamkeit auf die Vorkehrungen richten, mit denen das Heterosexualitätskonzept homosexuellen Kontakt in beträchtlichem Umfang erlaubt und sogar verlangt. Wie ich im fünften Kapitel näher ausführen werde, schaut das US-amerikanische Militär nicht einfach bloß weg, wenn Militärangehörige homosexuell aktiv werden; vielmehr sieht es intime homosexuelle Bindungen, körperliche Nähe und Beweise ‹heterosexueller Widerstandsfähigkeit›, die ironischerweise homosexuelle Formen annehmen, für notwendig, um starke Männer zu formen, Kriege zu gewinnen und die nationale Sicherheit zu schützen.

Den Befunden von Anderson, Savin-Williams und Zeeland ist schwer zu glauben, da sie all dem, was wir gemeinhin über die Festigkeit männlicher Sexualität zu wissen glaubten, zutiefst widersprechen. Es handelt sich doch gewiss nur um Ausnahmefälle beziehungsweise das Verhalten von Männern, die eigentlich schwul oder bisexuell sind, oder um ein Verhalten in extremen Notsituationen. Um der Neigung zu widerstehen, männliche Sexualität nun mit einer Reihe von Ausnahmen auszustatten, können wir uns an der Forschung zur weiblichen sexuellen Fluidität orientieren. Lisa Diamond eröffnet ihr oben erwähntes Buch Sexual Fluidity mit einer Reihe von Beispielen wie den Schauspielerinnen Anne Heche, Julie Cypher und Cynthia Nixon, die allesamt ihr heterosexuelles Leben aufgaben, eine lesbische Beziehung eingingen und – so jedenfalls Heche und Cypher – später zu heterosexuellen Beziehungen zurückkehrten. Diamond plädiert dafür, diese Frauen nicht als ‹verwirrt› zu bezeichnen; ihre Fälle belegen vielmehr die Tatsache, dass Fluidität wesentlich zur weiblichen Sexualität gehört:

Solche Fälle sind deshalb so verwirrend, weil sie den herrschenden Ansichten über sexuelle Orientierung rundweg widersprechen. Ihnen zufolge entwickeln Individuen schon früh ihre sexuelle Neigung für das eigene oder das andere Geschlecht; sie bleibt stabil und wirkt beständig und lebenslang auf das sexuelle Interesse einer Person, ihre Fantasien und romantischen Gefühle. … Dieses Modell sexueller Orientierung trifft zwar recht genau auf Männer zu, weniger jedoch auf Frauen. Früher nahm man an, dass Frauen, die von diesem Modell abwichen, … nur wenige Ausnahmen darstellten. Sie wären also – mit anderen Worten – nur ein störendes Rauschen im Umfeld der wirklichen Natur sexueller Orientierung. Nachdem jedoch die weibliche Sexualität mit den Jahren mehr und mehr erforscht wurde, erscheinen diese ‹Ausnahmefälle› heute stärker verbreitet als angenommen.21

Auch wenn Diamonds Analyse ausgerechnet den Fehler wiederholt, von dem sie selbst handelt, und eine nennenswerte sexuelle Fluidität bei Männern glattweg bestreitet22, bietet sie ein brauchbares Verfahren, um zu erkennen, wie sexuelle Fluidität bei Männern (wie schon bei Frauen) als seltene Ausnahme oder «ein störendes Rauschen» wegdefiniert wird.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Sexualität heterosexueller Männer anders strukturiert ist als diejenige heterosexueller Frauen, doch dies betrifft eben nicht ihre Fähigkeit zu gleichgeschlechtlichem Sex, Begehren oder sogar Beziehungen. Während jedoch attraktiven weißen heterosexuellen Frauen wie Nixon, Cypher und Heche ihre Ausflüge ins gleichgeschlechtliche Beziehungsleben verziehen, sie dafür sogar gefeiert werden, steht Männern ein anderes, weitaus beschränkteres Set an Möglichkeiten zur Verfügung. Vielleicht kann man Männer wie Ted Haggard, Führer einer evangelikalen Mega-Kirche, den ehemaligen Senator Larry Craig und den früheren Kongressabgeordneten Bob Allen als Nixons, Cyphers und Heches männliche Gegenstücke betrachten. Ted Haggard, ein weißer Mann Anfang sechzig, führte drei Jahre lang eine sexuelle Beziehung mit einem Masseur; er versteht sich als heterosexuell und war lange Zeit mit einer Frau verheiratet. Nun verkündet Haggard, dass seine homosexuellen Gelüste infolge kompetenter christlicher Seelsorge vollständig verschwunden seien. Larry Craig und Bob Allen sind ebenfalls weiß, verstehen sich als heterosexuell und sind verheiratet. Beide wurden 2007 wegen homosexueller Prostitution in öffentlichen Toiletten verhaftet, und beide blieben mit ihren Ehefrauen verheiratet.

Was unterscheidet nun Frauen wie Nixon, Cypher und Heche von Männern wie Haggard, Craig und Allen? Zum einen führten diese Frauen romantische, liebevolle, vermutlich monogame und öffentliche Langzeitbeziehungen mit einer anderen Frau, während die Männer käuflichen Sex suchten und das vor ihren Ehefrauen wie vor der Öffentlichkeit geheim hielten. Nixon, Cypher und Heche engagieren sich für die homosexuelle Emanzipation und zeigen weder Scham noch Desidentifikation bezüglich ihrer gleichgeschlechtlichen Freundschaften. Haggard, Craig und Allen halten an ihren heterosexuellen Ehen fest und sind lautstarke Gegner der homosexuellen Emanzipation; sie versuchen ihre homosexuellen Handlungen der Öffentlichkeit gegenüber als vorübergehende und bedauerliche Symptome von Stress, Sucht, Trauma und/oder verlorenem Glauben hinzustellen. Angesichts dieser Unterschiede würden wir Frauen wie Nixon, Cypher und Heche eher als ‹wirkliche› Bi- oder Homosexuelle betrachten, während Männer wie Haggard, Craig und Allen aus situativen Bedürfnissen oder gelegentlicher Neugier heraus gehandelt haben. Die Öffentliche Meinung hat diese Fälle jedoch genau anders herum interpretiert. Bei ihrer Rückkehr zu heterosexuellen Partnerschaften fanden Cypher und Heche freundlichen Zuspruch; ihre Beziehungen mit Frauen wurden als ungewöhnliche, aber letztlich harmlose Ausrutscher in ihrem sonst heterosexuellen Lebensstil betrachtet. (Heche beispielsweise wurde seither nur für heterosexuelle Rollen besetzt.) Auf der anderen Seite behaupteten Homo- und Heterosexuelle gleichermaßen, dass Haggard, Craig und Allen verklemmte Schwule seien, religiöse und politische Heuchler, die ihre bedauernswerten Ehefrauen und Kinder feige betrogen hätten. Die Kommentatoren scheint es nicht zu interessieren, wie diese Männer ihr Leben leben wollen – in heterosexuellen Ehen, in heterosexuellen Gemeinschafen mit heteronormativen Werten. Insbesondere Haggard wurde als sexueller Heuchler in der amerikanischen Öffentlichkeit gründlich verspottet, obwohl die Erklärung für sein Verhalten völlig der christlichen Vorstellung entspricht, dass er genau wie jedermann der fleischlichen Versuchung erliegen kann – eine Sichtweise, die es seinen Anhängern in Colorado Springs möglich machte, ihm zu vergeben.

Dies alles heißt also, dass, wenn erklärtermaßen heterosexuelle Frauen Sex mit Frauen haben, man in weiten Teilen der Bevölkerung erwartet, dass sie zu ihrer vermeintlich natürlichen Heterosexualität zurückkehren. Wenn hingegen erklärtermaßen heterosexuelle Männer mit Männern Sex haben, erwartet man, dass sie irgendwann eingestehen, schwul zu sein. Auch wenn es zunächst so aussieht, als wenn der weiblichen Sexualität mehr Nuancen und eine größere Komplexität eingeräumt werden, kommt es der Sache wohl näher zu behaupten, dass man sich Frauen gegenüber lediglich länger eines Urteils enthält, bevor man ihre Begegnungen und sogar ihre Beziehungen mit dem gleichen Geschlecht als Anzeichen wahren Lesbischseins hinnimmt – und nicht mehr bloß als eigentümliche hetero-erotische Neugier auf bisexuelle Erfahrungen. Umgekehrt müssen Männer ihre sexuelle Fluidität innerhalb einer Kultur bewältigen, von der sie wissen, dass sie homosexuelles Verhalten umgehend mit Schwulsein gleichsetzen wird. Es wird uns deshalb kaum überraschen, dass homosexuelles Verhalten heterosexueller Männer zumeist mit Scham, Geheimhaltung, Homophobie und Verleugnung ihrer Queerness einhergeht. Dass das homosexuelle Verhalten heterosexueller Männer und heterosexueller Frauen kulturell unterschiedlich bewertet wird, ist eine wichtige Tatsache, die eine eingehende Untersuchung verdient; es lässt sich jedoch gewiss nicht daraus folgern, dass männliche Sexualität weniger fluide als weibliche beziehungsweise resistenter gegen kulturelle Stimuli sei.23

Die Belege männlicher sexueller Flexibilität (und der sexuellen Flexibilität aller Menschen) sind unübersehbar und werfen die Frage auf: Warum geben wir uns solche Mühe, die Sexualität der Frauen als grundsätzlich verschieden von der der Männer darzustellen? Es ist nicht das Anliegen dieser Untersuchung, die Ansicht zu diskutieren, Frauen seien sexuell fluider als Männer; insofern werde ich auf diese Frage nicht weiter eingehen. Doch die beharrliche Weigerung, männliche sexuelle Fluidität anzuerkennen, ist hier insofern bedeutsam, als sie mich bewogen hat, meine Analyse auf Männer zu fokussieren. Student_innen und einige Kolleg_innen haben in den letzten Jahren eine solche Fluidität rundweg bestritten, wann immer ich in den frühen Stadien des Buches darauf zu sprechen kann. Viele geben an, dass sie einfach nicht glauben können, dass sich heterosexuelle Männer derart verhalten. Ich habe festgestellt, dass heterosexuelle Frauen männliche sexuelle Fluidität am entschiedensten bestreiten. Viele lassen keine andere Schlussfolgerung zu, als dass Männer, die mann-männlichen Geschlechtsverkehr hatten (und sei es nur einmal), nicht geoutete Schwule sein müssen. Gleichwohl kommen sie zu einem anderen Ergebnis, wenn es um heterosexuelle Frauen geht: Frauen verhielten sich aus den besonderen Umständen der Situation heraus, und mit anderen Frauen ‹herumzuspielen› habe keine große Bedeutung. Man übertreibt nicht, wenn man dieses Frauenbild als fortdauerndes Vermächtnis der viktorianischen Sexualmoral bezeichnet: Was Frauen sexuell miteinander treiben, sei schlicht kein echter Sex, sondern ein Vorspiel oder Ersatz für heterosexuellen Verkehr.24 Wenn sich meine Untersuchung nun auf Männer konzentriert, dann geschieht dies vor dem Hintergrund der erwähnten Auffassungen nicht deshalb, um männliche Sexualität als solche hervorzuheben, sondern um unser Verständnis einer durchlässigen Heterosexualität um die Aspekte Männer und Männlichkeit zu ergänzen.

Ethnospezifische Aspekte sexueller Fluidität

Ich beschränke mich in diesem Buch ferner auf eine Analyse weißer Männer. Einige mögen sich fragen, warum weiße heterosexuelle Männer noch mehr Aufmerksamkeit verdienen sollten, als sie ohnehin schon bekommen. Ich glaube jedoch, dass eine Untersuchung weißer männlicher Heterosexualität unser Verständnis der ‹rassischen› Prägung unserer Sexualitätsvorstellungen vertiefen kann, insbesondere die Mechanismen, die bewirken, dass Weißsein selbst in diesem angeblich ‹post-rassischen› Zeitalter weiterhin als Inbegriff einer ‹normalen› Sexualität verstanden wird. Ich werde zeigen, wie sich weiße heterosexuelle Männer die Privilegien der ‹weißen Rasse› zunutze machen und dieses «unsichtbare, unverdiente Kapital»25 dazu verwenden, homophobe Stigmatisierung zu umgehen und homosexuellen Handlungen eine heterosexuelle Bedeutung zu verleihen. Unter den vielen Privilegien der Weißen ist vor allem die Macht, ein Verhalten als ‹normal› oder als ‹außergewöhnlich› einzustufen, von zentraler Bedeutung – einschließlich etwaiger ‹abweichender› Sexualpraktiken.26 Während jedoch die Vorherrschaft und die Privilegien der Weißen jede vorstellbare Inkonsistenz im eigenen Sexualverhalten ‹glätten› (was zumal für die Männer gilt), unterliegt jede sexuelle Fluidität farbiger Männer sofort verstärkter Beobachtung und verzerrter Darstellung. Zur Veranschaulichung sei darauf verwiesen, dass die Medien in den letzten zwanzig Jahren bezüglich der vermeintlichen sexuellen Fluidität farbiger, insbesondere schwarzer Männer eine regelrechte Panik geschürt haben.

Sofern die Medien überhaupt wahrhaben wollten, dass erklärtermaßen heterosexuelle Männer gleichgeschlechtlichen Sex haben, konzentrierten sie sich überproportional auf farbige Männer ‹on the down low›, die nur ‹im Verborgenen› Sex miteinander haben. Wie den heteroflexiblen College-Studentinnen, die eine Zeitlang eine vergleichbare Faszination auf die Medien ausgeübt haben und bemerkenswerterweise fast immer weiß sind, wird Schwarzen und Latinos on the down low unterstellt, ein heterosexuelles Leben zu führen: dass sie Ehefrauen oder Freundinnen haben, Wert auf einen heterosexuellen Lebensstil und eine entsprechende Erscheinung legen und sich selbst nicht als schwul oder bisexuell verstehen. Doch trotz dieser Parallelen zum Verhalten von (weißen) Frauen, die mit Frauen ‹rummachen›, wird den Farbigen keine fluide und komplexe Sexualität zugestanden. Gemäß C. Riley Snortons scharfsinniger Studie Nobody Is Supposed to Know sei «das Gerede vom sexuellen Umgang on the down low nur eine von zahllosen sprachlichen Strategien, um schwarze Sexualität als unaufrichtig zu verteufeln», worin sich wiederum weiße «Ängste ausdrücken, die Schwarzen könnten sich sexuellen Identifikationsangeboten widersetzen und sich weigern, schwul zu sein»27. In den Medien wurden schwarze Männer on the down low