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Der Inhalt dieses Essay hat in erster Linie zum Ziel, die Aufmerksamkeit auf die fundamentalen Aspekte unseres kulturbedingten Verhaltens und deren Grundlagen hervorzuheben, die uns unnötig und unlogisch - oder widersprüchlich - das Leben schwerer machen, als es schon ist. Die Beschreibung der Essenz und Bedeutung der Zeit und wie wir damit umgehen, soll uns den Grund vom Entstehen von viel Übermaß zu verstehen helfen. Das Verständnis für die herrschenden Prinzipien der Ökonomie westlicher Prägung sollte uns ausreichendes Wissen über wichtige Aspekte unserer Realität, in der wir leben, vor Augen führen. Es ist von entscheidender Bedeutung, nach dem Durchlauf der Erziehung im Elternhaus und in der Schule, nach den durchgeführten Anpassungen an das Sozialumfeld, in dem man lebt, eine Selbstüberprüfung durchzuführen. Das Thema der Auffassung von Größen oder das Erkennen des Wesentlichen hinter den Fassaden, die wir vor unseren Augen wahrnehmen, sollte uns vor Übermaß bewahren. Was bei einem Menschen zählt, ist, jenseits des vermittelten Eindrucks, die Robustheit seines Bewusstseins, und jenseits seiner muskulösen Erscheinung die Stärke seines Herz-Organs. Die Gravitation, dieses unbekannte Wesen, wird zum Anlass genommen, beunruhigende Aspekte unserer wissenschaftlichen Welt darzulegen. Die Rechte, die uns zustehen, kommen hinter den Pflichten, die wir erfüllen müssen. Also gibt es keine Rechte ohne Pflichten. Es besteht eine Größe, die wir fast unbemerkt missachten. Es geht um unsere Auffassung der Logik. Mathematiker, also Profis in diesem Gebiet, beweisen unumstößlich, dass wir mit unseren geistigen Möglichkeiten grundsätzlich nicht fähig sind, widerspruchsfreie Schlussfolgerungen zu bilden. Kann das bewusste Erleben der Spiritualität uns dazu verhelfen, unsere begrenzte Zeit - das größte Geschenk von Natur oder Gott - und unsere Energien zur Erreichung von höheren Zielen anstatt zur Erfüllung von meist eingeredeten Erwartungen zu investieren?
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2016
NICHTS IM ÜBERMAß
Stefano Csaszar
Nichts im Übermaß
Ein Essay über die westliche Art zu handeln
www.tredition.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Da-ten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2016 Stefano Csaszar
Titelfoto: Dolores Csaszar
Lektorat, Korrektorat: Tamara Pirschalawa
Verlag: tredition GmbH, Mittelweg 177, 20148 Hamburg
ISBN: 978-3-7345-1473-9 (Paperback)
ISBN: 978-3-7345-1474-6 (Hardcover)
ISBN: 978-3-7345-1475-3 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Meiner Frau Dolores gewidmet in grenzenloser Liebe. Ohne ihre entscheidende Unterstützung wäre diese Arbeit nicht in dieser Weise fertiggestellt worden.
Danken möchte ich Ernst Oberholzer und Hebi Oberholzer für ihr konstruktives Feedback.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die Zeit – Rasender Stillstand
Die Zeit aus physikalischer Sicht
Die Zeit aus biologischer Sicht
Die Zeit aus gesellschaftlicher Sicht – Arbeits- und Freizeit
Die Zeit aus Sicht der Erlebnisse und Erfahrungen
Ökonomie
Vom Homo sapiens sapiens zum Homo oeconomicus
Die Refeudalisierung der Gesellschaft
Ziellose Profitmaximierung um jeden Preis
Uber die Überlebenschancen der Gesellschaft
Kosten von Gewalt in Paarbeziehungen
Die soziologische Basis unseres Handels
Elternerziehung oder deren Ersatz
Bildung der Persönlichkeit
Sozialumfeld
Über die Auffassung von Größe
Die Gravitationskraft und einige Geheimnisse der Natur
Das Licht
Das Herz als Motor des Handelns
Pflichten
Das Aufspüren von Kompetenzen (orig.: Instanzen) nach Simone Weil
Ideologisches Fundament der westlichen Handlungsweise
Relativierung unseres logischen Denkens
Über das passive Zulassen von Widersprüchen
Über die Gerechtigkeit
Die Spiritualität: Die echte Größe
Die Spiritualität nach Benjamin Spock, Kinderarzt
Überlegungen über die Existenz Gottes
Die Welt über das Bewusstsein zu ordnen nach Mark Strand
Primäre Voraussetzungen für ein nicht serviles Arbeiten (von Simone Weil aus „La Condition Ouvrière“ 1951)
De Mulieribus Laudatio
Schlussbetrachtung
Die Zeit
Ökonomie
Auffassung von Größe
Pflichten
Ideologisches Fundament
Spiritualität
Bibliografie
Namensregister
Einleitung
Wir werden im Laufe unseres Lebens mit vielfältigen Arten des Übermaßes konfrontiert. Ereignisse verursachen in uns freudige und traurige Emotionszustände, die auch das Maß der individuell erträglichen Menge übersteigen können. Ohne es wirklich zu merken, werden wir in Maschinerien einbezogen, wie Karriere im Beruf oder auch nur eine ungewöhnliche Autobahnfahrt, die unsere menschlichen Kapazitäten bis zum Rande des Erträglichen fordern können. Der Schritt zum Übermaß oder der Fall ins Hamsterrad ereignet sich dann, wenn wir in Situationen geraten, bei denen wir zuvor keine wirkliche Auswahl gehabt haben. Oder zumindest meinen wir es aufgrund unseres derzeitigen Wissensstands oder unserer Bewusstheit. Der Grad unserer Glückseligkeit hängt vor allem von unserer Fähigkeit ab, den Geschehnissen des Lebens mit der größtmöglichen Bewusstheit zu begegnen und nach unseren Fähigkeiten zu verarbeiten. Solange dies geschieht, kann man von Maß sprechen. Das ‚Über‘ ist dann gegeben, wenn wir je nach Gebiet, Umstand und persönlichem Entwicklungsstand schlicht und einfach überfordert werden. Dass Millionen von Fahrzeugen hergestellt werden, ist an sich nicht Übermaß, sofern die Umwelt dadurch nicht zerstört wird. Im Gegenteil, durch die Beschäftigung in den Fabriken können Tausende von Mitarbeitern ihre Existenz bestreiten. Wenn aber die Autoindustrie zur Zerstörung der Umwelt beiträgt und womöglich ihre Mitarbeiter unterbezahlt, dann liegt eindeutig Übermaß vor. Die Lage würde sich auch nicht verändern, wenn eine umweltzerstörende Autoindustrie eine Stiftung zur Unterstützung von Waisenkindern gründen würde. Der Umfang von Kultur, die dem Wissensstand jedes Menschen entspricht, bestimmt, wie viel Übermaß ausgemacht wird. C. G. Jung definiert Kultur als die höchstmögliche Bewusstheit. Das Wahrnehmen von Übermaß ist grundsätzlich individuell, folglich steht das Urteil über das eigene Empfinden, ob man eine Überforderung verspürt oder anderswo eine ausmacht, jedem einzelnen Individuum frei.
Der Inhalt dieses Essay hat in erster Linie zum Ziel, die Aufmerksamkeit auf diese fundamentalen Aspekte unseres kulturbedingten Verhaltens und deren Grundlagen hervorzuheben, die uns unnötig und unlogisch – oder widersprüchlich – das Leben schwerer machen, als es schon ist. Das Empfinden einer Notwendigkeit, Maßnahmen in die Wege zu leiten, um Verbesserungen vorzunehmen, ist definitiv jedem einzelnen Individuum überlassen.
Die Beschreibung der Essenz und Bedeutung der Zeit und wie wir damit umgehen, soll uns den Grund vom Entstehen von viel Übermaß zu verstehen helfen.
Beim Umgang mit dem Phänomen, das wir Zeit nennen, bedarf es der Anwendung von großer Sorgfalt und bewusster Planung. Die Berücksichtigung der Tatsache, dass die Zeit eigentlich ein Artefakt ist, das rein aus unseren Empfindungen heraus und als Folge von aufgestellten Regeln existiert, ist von wesentlicher Bedeutung. Zu häufig ertönt der Satz: Ich habe keine Zeit. Jeder von uns hat seine gehörige Mühe, mit dem modernen Lebensrhythmus fertigzuwerden.
Das Verständnis für die herrschenden Prinzipien der Ökonomie westlicher Prägung sollte uns ausreichendes Wissen über wichtige Aspekte unserer Realität, in der wir leben, vor Augen führen. Die ökonomische Ordnung unserer westlich geprägten Gesellschaft hat einen undiskutablen Höchststand erreicht. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit geht es so vielen Menschen gut bis sehr gut wie in der jüngsten Epoche unserer Zeitrechnung. Umso unakzeptabler wird dann die Tatsache, dass breite Schichten der Bevölkerung wohl immer noch keinen relativen Wohlstand genießen und zu viele Arbeitende zu einer würdelosen Arbeitslosigkeit getrieben werden. Man kann von einer Refeudalisierung der Gesellschaft sprechen. Mit allen Regeln der Legalität und allgemeiner Akzeptanz des Wahlvolkes – zumindest scheinbar – vollzieht sich eine stetige und kontinuierliche Verminderung des Mittelstandes mit einer gleichzeitigen Erhöhung der armen und sehr reichen Bevölkerung.
Es ist nicht annehmbar, dass schlussendlich wirtschaftsbedingt so wenige Kinder geboren werden, dass sich deswegen, obschon insgesamt mehr als genügend Ressourcen vorhanden sind, die westliche Gesellschaft selbst eliminiert. Das ist unbedingt das größte Übermaß der westlich geprägten Gesellschaft.
Es ist von entscheidender Bedeutung, nach dem Durchlauf der Erziehung im Elternhaus und in der Schule, nach den durchgeführten Anpassungen an das Sozialumfeld, in dem man lebt, eine Selbstüberprüfung durchzuführen. Ob Korrekturen erforderlich sind oder nicht, kann nur Bestandteil einer eigenen Entscheidung sein.
Das Thema der Auffassung von Größen oder das Erkennen des Wesentlichen hinter den Fassaden, die wir vor unseren Augen wahrnehmen, sollte uns erfolgreich vor Übermaß bewahren. In diesem Sinne: Was bei einem Menschen zählt, ist, jenseits des vermittelten Eindrucks, die Robustheit seines Bewusstseins, und jenseits seiner muskulösen Erscheinung die Stärke seines Herz-Organs.
Im Gegensatz zu dem, was allgemein für üblich gehalten wird, liegt die Quelle der Stärke, die sich in großen Dimensionen vor unseren Augen darstellt – z. B. Muskeln, Wolkenkratzer, politische Reden, Goldmedaillen und große Vermögen –, eigentlich nicht in der wahrgenommenen Oberfläche. Die winzigen Klappen des Herzens, die Muskeln, die korrekte Statikberechnung bei einem Wolkenkratzer und die Kompetenz eines Politikers sind die Bereiche, bei denen die eigentliche Potenz auszumachen ist. Ergo ist die Größe, auf die es ankommt, klein, nicht unbedingt materiell und oft nicht einmal sichtbar, sodass man sie mit entsprechender Sensibilität geistreich aus dem Wahrnehmbaren ableiten muss.
Das menschliche Herz-Organ, das unbekannte Wesen, gehört eigentlich so gewürdigt, dass eine möglichst verständliche Beschreibung seiner Funktionen allgemein bekannt wird. Was unsere biologische Welt anbelangt, ist die Funktionsweise des Herzens für uns die absolute Grenzgröße.
Die Gravitation, dieses unbekannte Wesen, wird zum Anlass genommen, beunruhigende Aspekte unserer wissenschaftlichen Welt darzulegen. Unsere Hochschulen entwickeln sich immer mehr zu Orten des exklusiven Wissens und dessen Monopolisierung. Sie werden immer undurchsichtiger und mysteriöser, was sehr leicht zu Missbräuchen – sprich Übermaß – führen kann. Außerdem wird auf die andere absolute Grenzgröße unserer biologischen Welt hingewiesen. Die Erhöhung der starken Kernkraft – eine der vier Grundkräfte der Physik – um nur 2 % würde zum Zusammenbruch des ganzen Universums führen. Einmal mehr ist die Kraft nicht im ‚Großen’, sondern im ‚Kleinen‘ auszumachen.
Die Rechte, die uns zustehen, kommen hinter den Pflichten, die wir erfüllen müssen. Also gibt es keine Rechte ohne Pflichten. Um Anspruch auf irgendetwas erheben zu können, muss man zuerst die sogenannten ‚Hausaufgaben‘ vollbracht haben. Folglich hat es keinen Sinn, sich ohne eine entsprechende Vorbereitung vorzunehmen, Erwartungen zu formulieren. Dies steht im Gegensatz zu all denjenigen, die einem klarmachen wollen, dass das Glück sich gerade um die Ecke befindet und mit Leichtigkeit und womöglich umsonst zu haben ist. Die Werbung und Populisten in der Politik sind aus diesem Grund große Verursacher von Übermaß.
Sich bewusst in die Lage zu versetzen die Fähigkeit zu erlangen, Mittel von Zwecken zu unterscheiden, kann der Schlüssel sein zu realistischen Einschätzungen und zur Konkretisierung unserer Vorhaben. Geld, Macht, Staat, nationale Größe, wirtschaftliche Produktion, Universitätsdiplome und vieles mehr sind nur Mittel, die zur Erreichung eines Zweckes dienen sollen. Der zu erreichende Zweck muss schließlich dem über allem stehenden absoluten Guten für alle dienen. Diese Größen, was Recht und was Mittel und was Zweck ist, werden sehr häufig oder sogar regelmäßig durcheinandergebracht.
Es besteht eine Größe, die wir fast unbemerkt missachten. Es geht um unsere Auffassung der Logik. Mathematiker, also Profis in diesem Gebiet, beweisen unumstößlich, dass wir mit unseren geistigen Möglichkeiten grundsätzlich nicht fähig sind, absolut widerspruchsfreie Schlussfolgerungen zu bilden. Der Rest der Gelehrten – Juristen, Politiker, Theologen, Ökonomen – benimmt sich aber so, als ob dies nie erkannt worden wäre, und bildet somit eine sehr ausgiebige Quelle von verheerendem Übermaß. Es scheint, dass wir im Westen eklatante und deutliche Widersprüche zu oft ohne Gegenwehr akzeptieren. Es braucht immer eine situative und emotionale Intervention, um eventuelle Unstimmigkeiten auszubessern oder ihnen zuvorzukommen. In diesem Kontext steckt eine ganze Menge Potential für Übermaß.
Einige Betrachtungen über die Gerechtigkeit, u. a. untermauert mit ökonomischen Zahlen, folgen.
Kann das bewusste Erleben der Spiritualität uns dazu verhelfen, unsere begrenzte Zeit – das größte Geschenk von Natur oder Gott – und unsere Energien zur Erreichung von höheren und erhabenen Zielen anstatt zur Erfüllung von meist eingeredeten Erwartungen zu investieren?
Die Zeit – Rasender Stillstand
Jemand, der seine gewohnte und gemütliche Umgebung verlässt, mit einem Taxi zum Flughafen fährt, in ein Flugzeug steigt und von Flughafen zu Flughafen rund um die Welt fliegt, ohne Pausen einzulegen, bis er wieder zu seiner gewohnten und gemütlichen Umgebung zurückkehrt, hat mit rasender Geschwindigkeit Tausende von Kilometern zurückgelegt. Dabei hat er lediglich Flughäfen, höchstens Hotels und Landschaften aus dem Fenster wahrgenommen, Flugbegleiter und Mitreisende ziemlich flüchtig gesehen und vielleicht angesprochen. Er hat zwar die Welt bereist und viel erlebt. Aber trotz des getriebenen, zeitlichen und ökonomischen Aufwandes wird er das Erlebte nur in beschränktem Maße so vertiefen, dass daraus Erfahrungen oder Lehren entstehen können. Auch bei einem Ferienflug von einer Stunde verzichten wir auf die Begegnung und die Betrachtung von ganzen Völkern und Landschaften. Hauptsache ist, dass man schnell ans Ziel kommt, um dann erst zu Hause aus den vielen Erlebnissen bleibende und vertiefte Erinnerungen zu verarbeiten.
Selbst wenn wir mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs sind, müssen wir meistens bewusst oder unbewusst aus einem individuell empfundenen Zeitmangel auf den Genuss von Wohlgerüchen oder das Betrachten von Landschaften und auf interessante Begegnungen mit Menschen, mit denen man Gedanken, Informationen, sogar Emotionen austauschen könnte, verzichten. Die Aufzählung der Erlebnisse, auf die wir im Laufe unseres Lebens aus den verschiedensten Gründen verzichten müssen, ließe sich weiter ausdehnen. Die ungeheuer große Vielfalt der Möglichkeiten und Alternativen, der wir in unserem Leben begegnen, zwingt uns, tagtäglich mehrmals eine Auswahl zu treffen, wir müssen unsere Sinne auf Dinge fokussieren, die wir auch bewältigen können. Wieso wir in den weitaus meisten Fällen, wenn wir unsere kleinen und großen Vorhaben zu verwirklichen versuchen, auf etwas verzichten müssen, beruht auf der jedem Mann und jeder Frau einleuchtenden Tatsache, dass wir nicht alles haben und nicht alles können und vor allem nicht alles wollen. Folglich bleibt uns nichts anderes übrig als unsere Vorhaben möglichst mit wenigen oder erträglichen Kompromissen erfolgreich voranzutreiben. Man kann ja den besten Willen gepaart mit der größtmöglichen Menge an Energien mobilisieren, aber es bestehen unendlich viele externe Faktoren wie widrige Umstände, Neid, Böswilligkeit, falsches Timing, Unglück, eigene Ungeduld und die Selbstüberschätzung, die das Erreichen unserer Ziele und die Verwirklichung unserer Wünsche verzögern oder in die Ferne rücken lassen. Haben wir überhaupt Ziele und Wünsche formuliert? Erfüllen diese Ziele und Wünsche einen klar und bewusst definierten Zweck? Haben wir eine Strategie, wie wir die Mittel dazu bereitstellen? Ist diese Strategie so ausgelegt, dass wir nicht bei der Beschaffung einzelner Mittel (ein Schuldiplom und Geld sind Mittel!) aus Trägheit das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren?
In der Tat, die Auswirkungen unserer Arbeit und unseres Kauf-, Reise- und Kommunikationsverhaltens haben schon längst ein Ausmaß erreicht, dass wir es nicht mehr vollständig überschauen können. Vom Gemüse, das wir essen, bis zu den Diamanten, die wir kaufen, werden wir mit Produkten konfrontiert, deren Herkunft und Konsequenz bei der Erstellung und Aufbereitung wir nicht richtig verstehen können.
Die Gemüseproduktion, die wir in Einkaufszentren für unsere Gerichte auswählen, entstammt spezialisierten landwirtschaftlichen Betrieben, die ihre Samen von Konzernen wie Syngenta, Monsanto und Dupont beziehen. Diesem Umstand verdanken wir die Tatsache, dass eine in Frankfurt gekaufte Peperoni ziemlich genau so aussieht wie eine Peperoni in Bologna. Die Möglichkeiten zur Berücksichtigung von regionalen Spezialitäten sind, wegen der natürlichen Profitmaximierung, auf ein Minimum bis null beschränkt. Irgendwelche Gremien in Basel oder in den Vereinigten Staaten bestimmen also schlussendlich, was wir kochen dürfen und wie viel Geschmack wir zu empfinden haben.
Die Herkunft der Diamanten ist und bleibt, gewollt, eine mysteriöse und undurchsichtige Angelegenheit.
Dasselbe geschieht mit unserem sozialen Umfeld, das uns zwingt, weit über unsere ‚Dorfgrenzen‘ zu schauen und entsprechende Vernetzungen zu erstellen. Unser Arbeitsfeld ist meist international ausgerichtet und einem ständigen sozialen Wandel unterzogen. Ein krasses Beispiel ist die Erfindung der Transistoren, die eine ganze Generation von Elektronenröhren-Ingenieuren sowie den Einsatz von Elektronik einer ganzen Generation von Schriftsetzern überflüssig gemacht haben. Die Anwendung von neuen Verfahren macht ständig Berufe überflüssig, kreiert aber immer wieder neue. Immer neue Möglichkeiten werden in einem immer schneller werdenden Tempo angeboten. Der Schnellere ist auf dem ersten Blick vorerst einmal der Gewinner.
Eine an einem weit weg gelegenen Ort, dem Hauptsitz der Firma, in der wir arbeiten, getroffene Entscheidung kann uns von heute auf morgen um unsere Existenz bringen. Benjamin Franklin: „Zeit ist Geld (Remenber that time is money).“ Daraus lässt sich ableiten: Wenn die Zeit Geld ist, wird Geschwindigkeit ein absoluter Imperativ für das Geschäft. Diese Ideologie leitet uns zu einer verheerenden Spirale, die mit der technischen Erneuerung beginnt und zur Veränderung der sozialen Verhältnisse führt, um dann jeden von uns als Kämpfer gegen alle zu stilisieren, mit der unvermeidlichen Konsequenz, dass unsere Tätigkeiten immer mehr eine Beschleunigung erfahren, der man sich kaum wiedersetzen kann. Es existieren ja grundsätzlich keinerlei Limits. Der Tag ist bekanntlich 24 Stunden lang. Karl Marx: „Arbeit während aller 24 Stunden des Tags anzueignen ist daher der immanente Trieb der kapitalistischen Produktion.“ Und das stimmt noch heute!
Die Zeit aus physikalischer Sicht
Schauen wir uns mal, was wir als Zeit bezeichnen, näher an. Eine Sekunde ist nach menschlicher Definition vergangen, wenn das ausgesandte Licht des Isotops oder Nuklids Cäsium mit Atomgewicht 133 – es kann von 112 bis 151 variieren – 9.192.631.770-mal Schwingungen ausgeführt hat. Mit einer solchen Grundlage werden supergenaue Atomuhren gebaut und betrieben. Wir Menschen können mit der Messung der Zeit ausschließlich auf einer emotionalen Ebene etwas anfangen. Sie ist ein Artefakt, das auch wissenschaftlich nur als relativ existent definiert werden kann. Eine ewige Zeit des Kosmos gibt es nicht, sie ist von uns weder messbar noch wahrnehmbar. Einstein ist die Erkenntnis zu verdanken, wonach keine zentrale Zeit für alle existiert, sondern die Zeit davon abhängt, wie schnell sich ein Beobachter zu dem bewegt, was er sieht.
Der Physiker Joseph Hafele umrundete mit einem normalen Passagierticket im Oktober 1971 mit größtenteils kommerziellen Fluggesellschaften die Welt. In den Flugzeugen, die er bestieg, führte er stets eine Atomuhr mit sich, für die er ebenfalls ein normales Passagierticket löste. Als er wieder in Washington landete, verglich er die Uhrzeit seiner Atomuhr mit einer Cäsiumuhr, die er bei der Abfahrt auf Zeitgleichheit überprüft hatte und in Washington geblieben war.
59 milliardstel Sekunden Abweichung zwischen den beiden Uhren konnten festgestellt werden. Demnach laufen bewegte Uhren langsamer! Und je schwerer eine Masse (Sonne, Mond, wir selbst, ein Auto) ist, desto mehr verlangsamt sich der Lauf der Zeit durch die Gravitation.
Die Zeit aus biologischer Sicht
In unserem Arbeitsgedächtnis können wir die Wahrnehmungen von 3 Sekunden verarbeiten. Wenn wir uns eine neue Telefonnummer merken wollen, müssen wir sie deshalb dauernd wiederholen. Der kürzeste Augenblick, den wir bewusst wahrnehmen können, vergeht zwischen zwei Tönen im Abstand von einer Hundertstelsekunde. Der Sehsinn ist zehn Mal träger. Wenn unser Gehirn in 3-Sekunden-Abständen1 keine Veränderungen – die von Mensch zu Mensch als solche unterschiedlich empfunden werden können – wahrnimmt, scheint auch die Zeit zu stocken. Die Zeit wird von unserem Gehirn vor allem als Bewegung wahrgenommen. Berücksichtigt man unsere biologische Grundlage, also die mitgegebene Genetik bei der Geburt jedes Einzelnen, und das Umfeld, das uns ständig beeinflusst und formt, muss man wissen, dass es, ähnlich wie in der Tierwelt, Morgenmenschen und Abendmenschen gibt. Der Nucleus suprachiasmaticus, der sich im ventralen Hypothalamus über dem Sehnerv im Gehirn von Säugetieren befindet, ist als zentrale innere Uhr lokalisiert worden.
Es bestehen jedoch weitere Zentren, die ebenfalls zur Regulierung unseres Wach-Schlaf-Rhythmus verantwortlich sind. Fast alle Teenager sind ausgesprochene Nachtmenschen, weil Melatonin – ein Nachthormon – unter 18-Jährigen erst gegen 23 Uhr ausgeschüttet wird. Senioren hingegen gelten als Frühaufsteher, weil im Alter weniger Melatonin ausgeschüttet wird. Viele von uns haben die bittere Erfahrung gemacht, berufsbedingt oder gesellschaftsverpflichtend, Aktivitäten ausführen zu müssen in einer Zeit, die, trotz gesundem Lebenswandel und in bester Gesundheit lebend, sehr gerne auf einen anderen Zeitpunkt des Tages verschoben worden wären. Erschwerend wirken einige Umstände, mit denen wir auch fertigwerden müssen.
Die unbedingte biologische Anforderung, auf die unser Organismus ausgerichtet worden ist, Tag und Nacht oder Helligkeit und Dunkelheit möglichst kontrastreich zu erleben, wird regelmäßig millionenfach durch das Verweilen in geschlossenen Räumen, wo die Lichtintensität aus Fenstern 50-fach vermindert wird, unterminiert. Schichtarbeiter – in Deutschland geht es um 5,7 Millionen Personen – sind aufgrund der unregelmäßigen, Tages- und Nachtarbeitszeiten ganz besonders schlimm dran.
Falls opportun, d. h., die Kosten sollen niedrig bleiben, wird Schichtarbeit eingesetzt. In der Autoindustrie zum Beispiel werden große Montagehallen eingerichtet. Darin ist das Tageslicht eliminiert worden, sodass, egal zu welcher Tageszeit man zur Arbeitsschicht erscheint, der Arbeitsplatz immer gleich aussieht. Das Betreten dieser Arbeitsräume erinnert an die Beschreibung, die Dante Alighieri in der Göttlichen Komödie formuliert, als er die Hölle betritt. Nur sind es nicht menschliche Seelen, die im Feuer brennen, sondern Arbeiter und Arbeiterinnen, die buchstäblich mit Leib und Seele das imperative Verlangen der Bewegungen in der Montagekette durchführen, die man nicht, oder noch nicht, in einem Computer hat programmieren können. Wenn eine dieser Bewegungen nicht durchgeführt werden könnte, stünde die ganze Produktion dieses Segmentes still.
Der Drang eines Montagearbeiters, auf die Toilette zu gehen, könnte sehr teuer werden. Das Planen dieser Arbeitsabläufe ist nach den Prinzipien der höchsten Effizienz – ausschließlich Kalender und Uhr sind Trumpf – durchgeführt worden. Das oberste Ziel ist, besser und schneller als die Konkurrenz, womöglich Tausende von Kilometern entfernt, zu sein. Die Menschen führen ihre Arbeit aus und gehen bei Beendigung der Schicht sogar sichtlich froh nach Hause. Morgen ist ein anderer Tag. Hoffentlich gibt es genügend Käufer für die erstellten Produkte, sonst kann das Glück, als verlängerter Arm einer Maschine tätig zu sein, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, infrage gestellt werden. In der Landwirtschaft greift man vermehrt auf das Einrichten von Treibhäusern zurück, wenn dies zur Überwindung der saisonalen Beschränkungen dient, um der Konkurrenz zuvorzukommen.
Erstaunlich ist dabei, wie die Anbieter mit ihren übervollen Regalen mit Produkten, die jede saisonale Einschränkung zu überwinden scheinen, prahlen. Jedoch ist es einmal mehr dem Einzelnen überlassen, die ‚richtige‘ Auswahl zu treffen. Lässt er sich von der tadellosen und glänzenden Präsentation der Produkte blenden, dann hat er zum Beispiel eine superschöne Tomate erstanden, die aber kaum Geschmack aufweist. Meistens bleibt einem keine andere Wahl. Es ist nicht einfach in unserer hektischen Zeit, Energien und Zeit zu finden, um nach einer Alternative zu suchen.
Von diesem Zustand der Früchte und des Gemüses ausgehend, lässt sich diese Betrachtung tatsächlich auf andere Aspekte der westlichen Handlungsweise übertragen. Die Vielfalt der Angebote in allen nur erdenklichen Sparten – Elektronik, Unterhaltung, Arbeit, Ausbildung, Reisen, Wohnen, Kommunikation –, die einem zur Verfügung stehen, ist nicht gerade unendlich, aber sicher überzählig. Vorerst ist dies ein Grund zur Freude. Jedoch besteht stets die latente Gefahr, bei der Vielfalt der Angebote die falsche Auswahl zu treffen. Oft kann man gar nicht zu irgendeiner Entscheidung kommen, weil vorerst die Zeit und das Geld dazu fehlen. Meistens liegt aber die größte Schwierigkeit in der Anwendung von Kriterien, Prinzipien und Methoden, die uns zu richtigen Entscheidungen führen sollten. In Wirklichkeit werden wir dazu verleitet, irgendetwas zu tun, was sich im Nachhinein nicht so richtig mit unserem Naturell vereinbaren lässt.
Die Zeit aus gesellschaftlicher Sicht – Arbeits- und Freizeit
Die westlich denkende Welt hat, das sagen unzählige Studien und Sozialuntersuchungen, noch nie so viel Freizeit im Vergleich zur Arbeitszeit zur Verfügung gehabt. Viele haben trotzdem tendenziell das Gefühl, nie Zeit zu haben und ständig im Stress zu leben. Freizeit ist oft schon seit Monaten im Voraus programmiert, normiert und uniformiert. Oft empfinden wir z. B. das Verweilen mit einem Bekannten für das Ablaufen eines ‚seit Langem‘ festgelegten Programms als Sand im Getriebe. Oder das Lesen von Lektüre, die ein Mitdenken erfordert, versetzt viele in Panik, gepaart mit Unbehagen und Ablehnung.
Die Abkoppelung von Freizeit und Arbeitszeit wird dann zur reinen Dekoration, wenn die Arbeitsmenge des Einzelnen indirekt vom Verhalten unserer Konkurrenten in Tokyo oder anderswo bestimmt wird. Anders wäre es ja, wenn, wie es in früheren Zeiten eher der Fall gewesen ist, die Beteiligten in Reichweite der Produktionskette des Endproduktes, das wir konsumieren, wären. ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß‘ ist das angewandte Prinzip, um die Maße der Konsumenten in Unwissenheit zu halten, mit dem Ziel, empörende und reaktionäre Impulse auf unmenschliche und barbarische Arbeitsformen zu vermeiden.
Formell scheint alles in Konformität sämtlicher geltender Gesetze geregelt worden zu sein. Effektiv gilt es, ohne offensichtliche Missachtung der gesetzlichen Regelung und unter möglichster Tiefhaltung der ökonomischen Aufwandskosten, sprich Geld, mit der Arbeit rechtzeitig fertigzuwerden. Wer es kann, nimmt Arbeit mit nach Hause oder kommt, ohne große Rücksicht auf sogenannte Freizeit, erst sehr spät nach Hause.
Die Menschen finden immer Mittel und Wege, irgendwie zu ihren Freuden zu gelangen. Physische und psychische Müdigkeit sammeln sich nach einem anstrengenden Tag im Übermaß.
Harmut Rosa: „Die in die Körper einzuschreibende Zeitdisziplin besteht dabei in erster Linie in der Fähigkeit, das eigene Handeln in einem abstrakten Zeitschema zu orientieren, also pünktlich zu sein und je gegebene Bedürfnisse – etwa Schlaf, Hunger oder den Drang, auf die Toilette zu gehen – zugunsten der Vorgaben des festgelegten Zeitschemas zurückzustellen, mithin Bedürfnisbefriedigungen aufzuschieben, Impulsregungen zu unterdrücken, Höchstleistungen und Erholphasen auf abstrakte Zeitpunkte hin zu konditionieren.“
Die Uhr und nicht die Dampfmaschine alleine ist die Schlüsselmaschine, die das Industrialisierungszeitalter eingeleitet hat, mit ihr ist es in der Tat möglich, mit einer longa Manus – verlängerter Arm – jede menschliche Kreatur zu steuern und die Weltzeit über die Lebenszeit, gleich, an welchem Ort der Erde sie sich befindet, zu stellen.
Frau Arlie Russel Hochschild, Soziologin der University of California in Berkeley beschreibt2 u. a. die Tendenz der Mitarbeiter in einem mittleren USA-Betrieb mit 500 Beschäftigten, die mögliche Flexibilisierung der Arbeitszeiten zu ignorieren, und die Präferenz, über dem Landesdurchschnitt Wochenendarbeit und Überstunden zu leisten. Dies soll vor allem durch die überaus angenehme Arbeitsatmosphäre begründet sein. Aus Literaturbesprechungen von Doris Lucke: „Hochschilds Studie entlarvt familienfreundliche Personal- und Arbeitszeitpolitiken als besonders listige und (be-)trügerische Form vorgeblich arbeitnehmerinnenfreundlicher Unternehmensstrategien. Diese legen ihre Zeitfallen in Form von Geld, Spaß an der Arbeit, veranstalteten Sozialkontakten und künstlich erzeugter Wellness aus und führen zu Selbstausbeutung und einem Verlust an Lebensqualität. Den Preis bezahlen die Begünstigten, die in Wirklichkeit Betroffene sind, durch Verzicht auf selbst gestaltete und/oder mit Angehörigen gemeinsam ge- und erlebte Lebenszeit.“ ‚The Time Bind’ (Originaltitel in englischer Sprache des Buches) ist insoweit die konsequente Fortsetzung einer Studie zur Überlastung berufstätiger Eltern, die die Direktorin des Center for Working Families an der University of California, Berkeley/USA, bereits 1989 als ‚The Second Shift’ (dt. ‚Der 48-Stunden-Tag’) vorgelegt hat. Die Tragik eines solchen Verhaltens kommt immer dann zum Vorschein, wenn das Leben mit seiner unerschöpflichen Fantasie Veränderungen der für lange Zeit unverändert gebliebenen Lage schafft und von den Betroffenen mehr oder weniger unbedingte Anpassungsreaktionen – aus wirtschaftlichen Gründen Verlegung des Sitzes der Firma – erforderlich macht. Es ist dann umso schwerer für den Einzelnen, die Veränderungen zu handhaben und angemessen darauf zu reagieren, desto mehr seine Lebensabläufe samt seiner Denkhorizonte in festen und quasi betonierten Bahnen ausgelegt wurden. Spontan ist unsere Natur auf den Weg des geringsten Widerstandes ausgelegt. Niemand gibt gerne oder schmerzlos fest verankerte Gewohnheiten auf. Das Ende des Bertrand Russell-Hähnchens zu erleben – im Laufe seines Lebens wird es versorgt, gehegt und gepflegt und nichts deutet darauf hin, für das Huhn wahrnehmbar, dass es schlussendlich in der Pfanne landet –, ist meist im übertragenen Sinn, für jeden von uns, grundsätzlich möglich. Diese Ereignisse veranschaulichen einerseits, wie falsch und unkorrekt der Spruch ‚ich habe keine Zeit’ sein kann, und andererseits, wie wichtig – man kann fast sagen lebenswichtig – es ist, klare Prioritäten und Planungen zu definieren, um die eigene Zeit sinnvoll einzusetzen.
Die Zeit aus Sicht der Erlebnisse und Erfahrungen
Wir können immerhin pro aktiv unseren Verstand durch das Sammeln von Erfahrungen, was nie völlig schmerzlos abläuft, schärfen. Dadurch wird das Bewusstsein unserer Identität entsprechend sensibler und zumindest haben wir große Chancen, Fehlleistungen zu erkennen und sogar zu korrigieren. Hartmut Rosas beachtliches Buch ‚Beschleunigung‘ handelt auch davon, wie wir sensibel oder unsensibel mit der Wahrnehmung unserer geistigen Fähigkeiten im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie wir die Zeit unseres Lebens zum Sammeln von Erfahrungen einsetzen, umgehen.
Wir verfügen über einen individuellen und bewussten Restwillen, sei es auch in der relativen Geringfügigkeit der willentlichen Einflussnahme, die uns nach Berücksichtigung unserer genetischen Vorprogrammierung und deren Anpassung durch die gegebene Umwelt, in der wir leben, übrig bleibt. Dieser Restwille ist das entscheidende Element, das das Ausmaß unseres Glücksempfindens bestimmt.
Extrem ausgedrückt: Die Menschen können von Natur aus über relativ ‚gute‘ oder relativ ‚schlechte‘ Gene verfügen. Die Natur stellt uns jedoch lebenslang eine vielfältige Palette von Chancen und Möglichkeiten zur Verfügung. Danach kann ein Misserfolg der Beginn einer Erfolgsstory werden oder auch umgekehrt. Ein schöner Mensch kann in seinem Inneren hässlich und scheußlich sein. Umgekehrt kann es ein behinderter Mensch geistig zu sublimen Eigenschaften gebracht haben, sogar die Behinderung an sich kann der Hauptgrund seiner inneren Schönheit und Harmonie sein. Beim näheren Betrachten der meisten menschlichen Unglücksempfindungen scheint es eine Konstante zu sein, die Feststellung zu erlangen, dass schuldhaft oder nicht, jeder Mensch im Laufe seines Lebens in entscheidenden Momenten die falschen Entscheidungen getroffen haben muss.
Die Kunst besteht darin, sich den besten Rat beim Richtigen zu holen, und ihn wenn nötig, auch wenn man vorerst nicht damit einverstanden ist, gemäß unserem moralischen Empfinden zu befolgen. Schlussendlich ist jedermann für seine Handlungen, Nichthandlungen oder zu späten Handlungen verantwortlich. Epikur, der Begründer des Epikureismus, bekundete seine Hochschätzung für das Handeln nach den Gesetzen der Logik, indem er es als Merkmal des Weisen bezeichnete, lieber mit einem Plan zu scheitern, als zufallsbedingt erfolgreich zu sein: „Denn es sei schöner, dass, wenn man etwas tut, die richtige Entscheidung nicht zum Erfolg führt als dass die falsche Entscheidung durch den Zufall zum Erfolg führt.“
Mit anderen Worten: Eine der wichtigsten Handlungen unseres Lebens, wenn nicht die wichtigste, ist, Erfahrungen zu sammeln. Am Anfang steht immer ein Impuls in Form eines Erlebnisses in der Form eines Bildes, eines Buches, eines Fernsehabendes, eines Einkaufsganges, einer Kunstvorstellung – Kino oder Theater –, eines Gespräches, einer Urlaubsreise, einer Geschäftsreise, eines Ereignisses innerhalb oder außerhalb der Familie oder des Bekannten- und Freundeskreises, einer Ausbildung, eines Unfalls, eines Natur– oder Gesellschaftsphänomens, eines Krankheitsfalles oder einer Arbeitsperiode. Alles das, was wir individuell als derart bedeutsam erachten, speichern wir als ein für sich stehendes Bild mit dazugehöriger Empfindung ab. Danach bilden wir zusammenhängende Prozesse oder Abläufe, die je nachdem durch äußere akustische und visuelle Impulse in unserem Hirn aktiviert werden.
Diesen Vorgang, einzelne Erlebnisse logisch miteinander zu verbinden, nennen wir Wissen oder Erfahrungen sammeln. Das Dazugelernte verändert unsere Persönlichkeit. William James: „Im Allgemeinen scheint uns eine Zeitperiode voll von variierten und interessanten Erlebnissen ‚kurz‘ im Vergehen zu sein, aber ‚lang’, wenn wir auf diese Zeitperiode zurückblicken. Andererseits empfinden wir eine Zeitperiode ohne Erlebnisse als ‚lang‘ im Vergehen, aber ‚kurz’, wenn wir auf sie zurückblicken.“ Demnach erscheint uns das Warten in einem Wartesaal als Zeiterlebnis als ‚lang‘ – oder langweilig – und bleibt in unserem Gedächtnis für eine ‚kurze‘ Zeit erhalten.
Die Zeit im Urlaub geht sehr schnell vorbei, aber bleibt uns wegen der schönen Erlebnisse für eine lange Zeit im Gedächtnis erhalten. Mittels Fotos und Filmen, die schöne Momente festhalten, können die Freuden aufgefrischt werden. Das Fernsehschauen oder das Surfen im Internet, das immer mehr zu einer sehr bedeutenden soziologischen Erscheinung unserer Zeit geworden ist, fesselt große Teile der Bevölkerung während Stunden am Sessel in der Stube und monopolisiert die Aufmerksamkeit von Jung und Alt. Wenn sich vor dem Zuschauer alle drei Sekunden eine Bewegung am Bildschirm vollzieht und die Abfolgen der gebotenen Bilder einen nicht allzu geistigen Anspruch mobilisieren, kann er stundenlang oft wie versteinert in seiner Position verharren, einige pflegen regelmäßig dabei einzuschlafen. Packend sind Schreckensnachrichten – besonders beliebt auch bei Massenzeitungen – oder Thriller, die vorerst für den Zuschauer eine Art virtuelle Qual darstellen.
Man empfindet also eine Art Schmerz, aber aus der Geborgenheit der Stube heraus, weit entfernt von dem Ort der Geschehnisse. Nur Seh- und Gehörsinn werden angesprochen. Es fehlt das Wahrnehmen von Gerüchen und Geschmäcken. Wir erhalten unsere bildlichen und akustischen Informationen aus einem künstlichen ‚Fenster‘ in der Wand, das in keiner Weise einen Zusammenhang mit der Umgebung unserer Fernsehstube erstellt. Das genügt für unser EOS – endogenes Opiatsystem –, aufgrund des erlebten (Pseudo-)Schreckens eine Belohnung in Form einer entsprechenden Ausschüttung zu produzieren.
Der Blendung durch Versprechen, Modeimperative, Gewissensappelle und wissenschaftlich ausgeklügelte Verkaufsmaßnahmen stehen wir umso schutzloser und verwundbarer gegenüber, umso mehr wir nicht exakt, konsequent und vor allem emotional zu definieren wissen, was wir wollen, was uns guttut – welches exakte Ziel verfolgen wir dabei eigentlich? In die uns täglich zur Verfügung stehenden 24 Stunden versuchen wir möglichst viel hineinzupacken und scheuen uns nicht, die daraus entstandene quantitative – im Gegensatz zur qualitativen – Steigerung ad absurdum zu führen. Die große unstrukturierte Quantität der Erlebnisse verhindert, dass wir den Erlebnisbereich verlassen und die eigentliche geistige, physische und ökonomische Bereicherung der Erfahrung erlangen können.
