Mein Name ist Stefano - Stefano Csaszar - E-Book

Mein Name ist Stefano E-Book

Stefano Csaszar

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Beschreibung

Wenn du geboren wirst, bekommst du einen unleserlichen Fahrschein“, schrieb Andrea Camilleri – und Stefano Csaszar weiß, wie recht er hatte. Seine Lebensreise führt von der Kindheit im armen Süditalien über die Emigration nach Deutschland bis in die Schweiz, wo er sich mit Fleiß, Neugier und Humor ein neues Zuhause aufbaut. In klaren, oft augenzwinkernden Worten erzählt er von Verlust und Glück, von Liebe, Freiheit und dem Wunder, dass selbst ein schwer lesbarer Lebensweg zu einer großartigen Geschichte werden kann. Doch zwischen all den Stationen, Begegnungen und Entscheidungen bleiben leise, unbeantwortete Fragen: Warum wurde Stefano geboren, warum hat er gelebt – und wer oder was hat dieses Mosaik von Menschen geformt, aus dem an einem längst vergangenen Frühlingstag im Jahr 1944 das wurde, was er ist? Vielleicht lassen sich diese Fragen nicht beantworten – doch im Erzählen entsteht ein Bild, das jeder Antwort näherkommt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2026

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MEIN NAME IST STEFANO

Stefano Csaszar

Mein Name ist Stefano

Mein Lebensfahrschein war unleserlich,

Gott sei Dank

© 2025 Csaszar Stefano

Lektorat von: Pirschalawa Tamara

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Stefano Csaszar, Alte Landstrasse 46, 8912 Obfelden, Schweiz.

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

ISBN: 978-3-384-78463-6 (Softcover)

ISBN: 978-3-384-78464-3 (e-Book)

Meiner Frau Dolores gewidmet in grenzenloser Liebe. Ohne ihre entscheidende Unterstützung wäre diese Arbeit nicht in dieser Weise fertiggestellt worden.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Prolog

Meine Jugend in Italien

Die Emigration nach Ulm

Die ersten Jahre in der Schweiz

Positionierung im Berufsleben

Beruf und Familie

Die endlose Freiheit

Ein neuer Lebensabschnitt

Epilog

Anhang

Erstes und letztes Arbeitszeugnis

Laudatio meiner Tochter Silvia

Lebensmotive

Texte und Gedichte von persönlicher Bedeutung

Bibliografie

Namensregister

Mein Name ist Stefano

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«Wenn du geboren wirst, bekommst du einen unleserlichen Fahrschein, auf dem deine gesamte Zukunft geschrieben steht. Die Krankheiten, die Lieben, die Erfolge, die Misserfolge, die wichtigen Begegnungen, alles steht darauf geschrieben. Sogar der Tag und die Stunde deines Todes. Es steht auf dem Fahrschein, es ist im Fahrscheinpreis enthalten.

Ich verstehe meine Freunde nicht, die, als sie alt wurden, traurig wurden. Wusstest du denn nicht, dass man älter wird? Ist das eine Neuigkeit?

Du musst dich auf alles vorbereiten, so wie man sich als junger Mensch auf das Leben vorbereitet. Du musst dich auf das Ende des Lebens vorbereiten, wenn du alt bist, ohne Verzweiflung, denn es ist ganz natürlich. Es stand schon geschrieben.»

Andrea Camilleri

[Übers. d. Autors]

"Quando nasci ti danno un biglietto, indecifrabile, dentro il quale c’è scritto tutto il tuo avvenire. Le malattie, gli amori, il successo, l’insuccesso, gli incontri importanti, c’è scritto tutto lì. Anche il giorno e l’ora della tua morte. È nel ticket, è nel prezzo del biglietto.

Io non capisco i miei amici quando cominciavano a diventare vecchi, cominciavano a diventare tristi. Perché non lo sapevi che s’invecchia?

Cos’è una novità? Ti devi preparare a tutto, come ti prepari alla vita quando sei giovane. Devi prepararti alla fine della vita, quando sei vecchio, senza disperazione perché è naturale.

Era già scritto."

Andrea Camilleri

Prolog

Bei der Geburt bekommst du, wie Andrea Camilleri so schön sagte, einen unleserlichen Fahrschein, auf dem deine ganze Zukunft steht.

Die Krankheiten, die Liebesgeschichten, die Erfolge und Misserfolge, die Begegnungen, die dich prägen – alles ist darauf geschrieben. Auch der Tag und die Stunde, an der du deine Reise beendest.

Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben begleitet. Denn auch mein Fahrschein war von Anfang an schwer zu lesen. Ich habe vieles nicht verstanden, vieles erst später erkannt. Doch rückblickend sehe ich, dass jede Station, jeder Umweg, jede Enttäuschung und jedes Glück seinen Platz hatte – wie ein Mosaik, das erst am Ende ein Ganzes ergeben wird.

Ich schreibe diese Erinnerungen auf, um Spuren festzuhalten – die kleinen und die großen, die hellen und die dunklen. Vielleicht erkennt jemand darin ein Stück seines eigenen Lebens.

Ich hatte das Privileg, zu lieben, zu arbeiten, zu kämpfen und zu staunen. Und ich habe gelernt, dass selbst ein unleserlicher Lebensfahrschein zu einer wunderbaren Reise werden kann.

Meine Jugend in Italien

Mein Vater Franz, 1903 in Buda, Ungarn, geboren, verließ Ungarn nach einer Liebesenttäuschung mit seiner ersten Frau Elisabeth Marton im Jahr 1935 und hat seinen Sohn Franz zurückgelassen. Eigentlich hatte mein Vater ein nicht näher definiertes Diplom als Kleintierarzt. An der Universität von Wien hat er dann ein Studium als Elektroingenieur begonnen, sich in Italien mit mehreren mir unbekannten Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen und ist schließlich in Neapel bei einem heute nicht mehr existierenden Radiogeschäft (Bellafronte) als erfolgreicher und von allen geschätzter Mitarbeiter geblieben. Er lernte meine Mutter, Anna Vespiano, geboren 1912 in Atripalda, Avellino, Italien, rein zufällig in Neapel kennen, und schon bald beschlossen sie, zusammenzuleben. Die Geburt von Paolo im Jahre 1938, mein älterer Bruder, war als eine Art Trost für den Verlust von Franz zu verstehen. Leider hat mein Vater sich nie bemüht, in Kontakt mit seinem ersten Kind zu kommen. Ich vermute, dass mein Vater das Leben seines Sohnes nicht unnötig verkomplizieren wollte. Sechs Jahre lang haben sie glücklich in Neapel gelebt. Meine Mutter hat oft freudig die schönen Momente aus der Zeit in der Wohnung am Vomero, ein Quartier von Neapel, erwähnt. Um den Bombardements des Krieges zu entfliehen, zogen sie nach Atripalda in der Provinz Avellino.

Am 30. April 1944, in der Nacht zum Sonntag, erblickte noch ein Mensch im Süden Italiens, in Atripalda in der Provinz Avellino, das Licht der Welt: Stefano Csaszar. Als Kind lebte ich weiter in der Wohnung, in der meine Mutter mich geboren hatte. Zu meiner großen Freude habe ich feststellen können, dass vier bis fünf junge und wunderschöne Frauen, die Schwestern Deblasi, ebenfalls dort gelebt hatten. Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, wie ich in dieser Umgebung als Baby herumgereicht, umarmt, geknutscht und gekuschelt wurde. Noch heute spüre ich aus der Tiefe meines Unterbewusstseins eine besondere und sehr angenehme Zuneigung gegenüber allem, was weiblich ist. Die gedankliche Verbindung, die bei der optischen und körperlichen Wahrnehmung des Weiblichen unwillkürlich bei mir entsteht, ist immer grundsätzlich positiver Natur.

Der Zweite Weltkrieg war seit neun Jahren beendet und entsprechend waren die Lebensverhältnisse der Menschen von großer Bescheidenheit und Genügsamkeit geprägt. Tatsächlich hat in diesen Zeiten kaum jemand ans Abnehmen gedacht. Oft haben die Ärzte ihren Patienten sogar eine fettreiche Ernährung empfohlen. Heute kann man es sich gar nicht vorstellen, dass es eine Zeit ohne Einkaufszentren und großen Verkehrsaufkommen gegeben hat. Das Angebot in den Läden hatte in allen Belangen einen lokalen Charakter. Man hat zum Beispiel unter anderem nicht das ganze Jahr Erdbeeren kaufen können. Und es war üblich, bei Bedarf den Schneider in seinem Laden aufzusuchen. Heute hingegen ist es selten, dass man sich so etwas leisten kann. Sophia Loren: «In Pozzuoli habe ich als unwissendes Mädchen während des Krieges gelebt. Trotz des Krieges behaupte ich, dass zu meiner Zeit alles viel einfacher gewesen ist: die Erziehung, das Sexualleben, die von der Gesellschaft auferlegten Verhaltensmuster. Ich habe alles von den positiven Seiten genommen.» Rückblickend wird einem bewusst, wie viel schwere Arbeit Schutzengel zu verrichten hatten und noch haben. Es war auch sehr gut, dass weitaus alle Erlebnisse auf Gottvertrauen aufgebaut gewesen sind.

Meine Kindheit hat sich buchstäblich auf dem Lande abgespielt. Mein Vater hatte ein Radiogeschäft. Italienisch, soweit ich mich sehr schwach erinnern kann, war nicht seine Stärke. Dadurch musste er sich auf Tätigkeiten konzentrieren, die möglichst wenig sprachliche Kompetenzen erforderten. Zwischen Kleintierpflege und Radiotechnik entschied er sich für die zweite Alternative. Er musste aber auch fließend Deutsch gesprochen haben, weil er in Wien studiert hatte. Zuhause haben wir Stapel von deutschen Zeitungen wie ‚Signal‘ und Bücher über Elektrotechnik gehabt. Es bleibt ein Rätsel, warum er nicht eine Gegend aufgesucht hatte, die ihm viel mehr berufliche Opportunitäten geboten hätte. Das Verbleiben in Avellino ist ein weiteres Rätsel. Zumal ihm in der Stadt Savignano, Piemont, die Radiofabrik ‚Savignano‘ als Folge eines von ihm entdeckten Konstruktionsfehlers eines Radiomodells eine Stelle angeboten hatte.

Ich bin jedenfalls froh, das zu sein, was ich bin. Es läuft einem immer wieder kalt über den Rücken, nachträglich deutlich sehen zu können, was geschehen wäre, wenn man in der damaligen Zeit anders entschieden hätte.

Das Verkaufen und Reparieren von Radiogeräten in einem sehr schwachen ökonomischen Umfeld brachten als Konsequenz mit sich, dass die Einnahmen sehr unregelmäßig und nicht allzu bereichernd waren. Jedoch müssen sie irgendwie das Überleben gesichert haben. Jeden Morgen gingen wir zu Fuß eine Strecke von schätzungsweise drei bis vier Kilometer von unserem Hausteil auf dem Lande in das Geschäftslokal in der Stadt. Dort blieben wir den ganzen Tag bis zur abendlichen Schließung des Radiogeschäftes. Nicht selten hat mich mein Vater auf seinen Schultern bis nach Hause getragen. Hundert Meter von unserem Hausteil entfernt kam uns regelmäßig ein Kätzchen namens Mitzi entgegen. Sie und Zizi, ein streunender Hund, waren von meinem Vater sozusagen in Pflege genommen worden.

Unsere Wohnung befand sich im ersten Stock. Im Parterre wohnte eine Bauernfamilie, die mehrere Hektar Land in der Umgebung bebaute. Sie hatten fünf Kinder, zwei davon waren Mädchen. Ihre Lebensweise war sehr einfach. Auffallend war für mich die Tatsache, dass sie Schuhe nur bei besonderen Anlässen getragen haben, sonst blieben ihre Füße bei jeder Witterung und jedem Straßenbelag nackt. Kurios war auch der Umstand, dass sie das Mittagessen in Gruppen von drei Personen aus übergroßen Tellern eingenommen haben. Ich habe mit Ihnen immer ein freudiges und freundschaftliches Verhältnis gepflegt.

Eines Tages hat es sich ergeben, dass wir eine Wohnung direkt oberhalb des Radiogeschäfts meines Vaters beziehen konnten. Somit wurden die abendlichen und morgendlichen Fußwege überflüssig und ich konnte die Spielzeit intensivieren. Die vagen Erinnerungen, die in meinem Gedächtnis geblieben sind, zeugen von einem glücklichen und einfachen Umfeld. Wir spielten ungefährdet auf dem Bürgersteig, weil die vorbeifahrenden Autos sehr rar waren. Alles war lärm- und stressfrei.

Die erste Klasse der Volkschule habe ich im Alter von sechs Jahren im achthundert Meter entfernten Gebäude mit dem Namen Convitto Nazionale in Avellino besucht. Mein erster Lehrer hieß Signor Cecere. Er trug Moustaches und hatte eine strenge und dennoch einfühlsame Art, mit seinen Schülern umzugehen. Eines Tages erschien der Direktor der Schule in der Klasse und rief eine Anzahl Schüler, die den Schulbeitrag noch nicht geleistet hatten, zu sich. Darunter war auch ich. Er eröffnete uns, dass wir unverzüglich die Schule zu verlassen hatten. Ich konnte mein Glück kaum fassen und ging frohen Mutes nach Hause, zum Radiogeschäft. Als mich meine Mutter sah, musste sie die notwendigen Abklärungen einleiten, die mich ehrlich gesagt sehr wenig interessierten. Jahre später, als meine Mutter sah, wie ich den Tod des Schuldirektors bedauerte, stellte sie den noblen Teil meiner menschlichen Natur in den Vordergrund.

Mein Vater ist gestorben, als ich sieben Jahre alt war. Darum hatten sein Duft, seine Gestalt, seine Größe von 1,92 Metern, seine Stimme, seine Hände und seine Ausdruckweise, die ich selten wirklich verstanden habe, eine überirdische, unerreichbare und fantastisch anmutende Dimension inne. Sieben junge Jahre sind entschieden zu wenig, um eine Person allzu bewusst zu erleben. Obschon ich heute über dreißig Jahre älter bin als er in dem Alter, in dem er verstarb, steht er immer noch über mir und ich fühle mich in keiner Weise erfahrener und weiser als er. Jedoch hätte er bei einem Wettbewerb im Armdrücken keine Chance.

Ich habe meine Mutter im Gegensatz zu Paolo, meinem Bruder, immer als sehr schöne Frau empfunden. Bei einer Klassenarbeit tat ich es mit den besten Ausdrücken kund, die mir als jüngster Schüler einfielen: «Meine Mutter ist eine wunderschöne Frau, die das Haus immer verschönert. Sie putzt und kocht. Sie ist der Engel des Hauses.» Inwiefern die unterbewussten Erfahrungen der Sorelle Deblasi hierbei eine Rolle gespielt haben, lässt sich natürlich nicht einfach eruieren. Mein Bruder, ohne die Erfahrung mit den Sorelle Deblasi, schrieb in einer Klassenarbeit über meine Mutter: «Sie ist klein und dick. Schreit die ganze Zeit herum. Sie ist unfreundlich und lässt keine Gelegenheit verpassen, mich mit Ohrfeigen zu versorgen. Bei ihr muss ich mich immer gut benehmen.» Es ist seltsam, aber meine Mutter hat mir oft zu verstehen gegeben, dass ihre Präferenz bis auf einige Ausnahmen eindeutig Richtung Paolo ging. «Weißt du, Paolo hat eine ganze Menge Krawatten und auch Anzüge, er ist ein schöner Mann», sagte sie einmal zu Franz, unserem Halbbruder in Budapest.

Jahre später, als sie eine Visitenkarte von mir sah, auf der Vice President stand, was ganz einfach Prokurist auf Englisch heißt, sagte sie: «Madonna mia, questo é diventato Presidente della Banca».

Mit dem Tod meines Vaters war eine Welt in mir zusammengebrochen. Abgesehen von solch einem tragischen Fall, kam ein theatralischer Teil hinzu. Der Leichnam wurde mindestens während eines Tages in einem Bett mit vier großen Kerzen an den jeweiligen Ecken des Bettes in der Wohnung aufgebahrt. Es gehörte sich, dem Verstorbenen die Ehre eines Besuches zu erweisen. Dabei wurde erwartet, dass die Ehefrau mindestens weint und auch leidende, wahrnehmbare Töne von sich gibt. Diese Sitten unterscheiden sich kaum von demjenigen Verhalten im alten Rom. Ein Kind wird von den verschiedenen Eindrücken fast erschlagen und kann sie nur im Laufe der Jahre verarbeiten.

Gleich nach dem Tod meines Vaters wurde ich zu meiner Tante (zia) Jolanda geschickt, der Schwester von meinem Onkel Andrea, die mit ihrer Mutter Teresa und der Großmutter Carolina (Caruleina im imolesischen Dialekt) in Imola, nahe Bologna, lebte. Dies geschah im Oktober. Bis zum Monat Juni des nächsten Jahres, zum Schuljahresende, konnte ich meine Mutter aus ökonomischen Gründen nicht sehen. Eine Zugreise von sechshundert Kilometern war finanziell nicht möglich. Die Wochenenden verbrachte ich eingebettet in der großen Liebe meiner Großtanten. Die Schultage verbrachte ich als potenziell angehender Priester (ich war noch sieben Jahre alt!) als sogenannter Proband im Internat von Don Giulio Minardi, Parrocchia (Pfarrei) San Giacomo Maggiore del Carmine, in Imola. Zusätzlich gab es eine Stiftung von Santa Caterina, über die Jugendliche in weitaus größerer Anzahl aufgrund einer offiziellen Anerkennung des Präsidenten der italienischen Republik auf verschiedene Weisen betreut und unterstützt wurden. Die ‚Probanden’ mussten im Gegensatz zu den Angehörigen der Stiftung Santa Caterina zum eigenen Lebensunterhalt beitragen, weil ein Budget für sie nicht vorhanden war. Sie wurden ‚mitgeschleppt‘, dafür waren sie (oder wir) stillschweigend dazu vorgesehen, Priester zu werden. Unabhängig vom Alter verbrachten die Probanden viel Zeit in der Kirche. Als eine besondere Errungenschaft seitens der Probanden wurde die Übergabe des nach Maß gefertigten schwarzen Priestergewandes betrachtet. Das Dazugehören, auch äußerlich, ist für ein Kind Grund für ein starkes Glücksgefühl. In Zweierreihen aufgestellt, war es üblich, dass man nicht nur die regelmäßigen Spaziergänge durchführte, sondern auch aufgrund von Spenden Särge mit Verstorbenen von der Kirche bis zum Friedhof begleitete. In der Prozession kamen zuerst wir, sechs bis acht Jungen, gefolgt vom Sarg und vom Priester, und schließlich die Verwandten. In der Kirche und im Friedhof haben wir mit und ohne Musik Trauerlieder gesungen. Unvergesslich bleiben die Erinnerungen an die Trauerszenen der Anwesenden. Jedoch haben wir, als sehr junge Probanden ohne jegliche Verbindung mit den Verstorbenen, die Szenerien eher von ‚außen’ und sozusagen aus der Distanz betrachtet. Unser Verhalten hatte mit der Zeit eine gewisse ‚Professionalität‘ erreicht.

Ansonsten sind die Tage nach einem fixen Programm abgelaufen: Aufstehen, Kirchgang, dann Frühstück. Schule, Mittagessen. Fast den ganzen Nachmittag musste man sitzend auf Schulbänken verbringen. Pause. Abendessen. Kirche. Pause. Schlafen. Um nachts die Toilette zu erreichen, musste man einen langen Korridor mit einer einzigen Lampe vor der Statue einer Madonna entlanggehen. Diese Strecke habe ich meistens rennend zurückgelegt.

Der Spuk meines Aufenthaltes in Imola wurde im Monat Juni 1952, nach Beendigung der Schulzeit (2. Volksschulklasse) durch das plötzliche und unerwartete Erscheinen einer fast unwirklich wunderschönen Frau im Rahmen der Türe zum Innenhof des Institutes, wo ich mich an einem Nachmittag aufgehalten hatte, beendet. Meine heißgeliebte Mutter war gekommen, um mich zu sich zu holen. Es gab auch Tränen der Freude.

Einmal zurück in Avellino hatte ich allmählich den emilianischen Akzent abgelegt und den neapolitanischen wieder angenommen. Mein beliebtes Spiel war es, eine Messe zelebrieren. Ego benedicto vos in nomine Patri et Filio et Spiritui Sancto usw. Ite missa est. Mit dem Erheben der Arme und der Erteilung der Segnung, während eine imaginäre Gläubigenschar die virtuelle Kirche verließ, hatte ich die Messe mit Hingabe und großem Spaß zelebriert. Bis meine Mutter dies zufällig mitbekam und es mit furchtbarem Entsetzen quittierte. Was mich dazu bewog, sie mit einer Extrasegnung von ihrem Teufel zu befreien, was natürlich nicht zum Erfolg führte.

Meine Mutter hat es vom Jahr 1951 bis zum Jahr 1959 zum größten Teil selbst, aber auch mithilfe meines Onkels Andrea, fertiggebracht, ohne Berufsausbildung und ohne eigenes Vermögen in einem ökonomisch und menschlich sehr depressiven Umfeld sich, meinen sechs Jahre älteren Bruder und mich durchzubringen. Ihre Geschichte allein würde ein faszinierendes Buch füllen.

Man kann es sich schlecht vorstellen, in einer Gegend zu leben, in der erwachsene Leute und Jugendliche am Morgen aufwachen und nicht wissen, was am Mittag gegessen werden kann, weil das Geld dafür fehlt. Meine Mutter kann nicht ausreichend allein für diese Leistung bewundert und ihr aufrichtig gedankt werden. Ich hoffe, genetisch sehr viel von ihren rein analytischen Fähigkeiten mitbekommen zu haben.