Noch 1.000 Flaschen Champagner bis Khartum - Daniel Jircik - E-Book

Noch 1.000 Flaschen Champagner bis Khartum E-Book

Daniel Jircik

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Beschreibung

Ein Trupp britischer Hochadliger reist, ausgestattet mit 1.000 Flaschen Champagner, wochenlang durch die Wüste. Nach unvorstellbaren Strapazen treffen sie genau zwei Tage zu spät an ihrem Ziel ein. Ein Oberbefehlshaber, der im Schlafanzug kommandiert, schießt sich selbst ins Hinterteil und verliert danach seine komplette Armee. Das Loch im Dach einer Kirche führt zum Ausbruch eines Beinahe-Weltkrieges. 139 Briten verteidigen eine Missionsstation gegen 4.000 afrikanische Krieger. Diese skurrilen Geschichten sind typisch für die 72 Kriege des viktorianischen England. Das Buch holt die Ereignisse um den Ersten Anglo-Afghanischen Krieg, den Krimkrieg, den Zulukrieg und den Mahdi-Aufstand zurück. Manchmal bizarr, manchmal zum Schmunzeln, aber immer historisch genau beschreibt der Autor dabei Abenteuer und Anekdoten der handelnden Personen.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Renate und Siegfried Jircik

Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan.

Theodor Fontane

INHALT

Vorwort

DAS TRAUERSPIEL VON AFGHANISTAN

Das große Spiel

Die Königsmacher

Die Trümmer einer Armee

Das Imperium schlägt zurück

DIE DÜNNE ROTE LINIE

Der kranke Mann am Bosporus

Der Bär ist los!

Der Todesritt der leichten Brigade

Das Ende der heiligen Allianz

ZWEI NIEDERLAGEN ZUM FRÜHSTÜCK

300 Jungfrauen

Kampf der Büffel

Eine kleine Missionsstation

Der Tod des kleinen Prinzen

IM REICH DES MAHDI

Aufstand in der Wüste

Die Rückkehr des Kamelreiters

Zu spät!

Eine Eisenbahn durch die Wüste

ANHANG

Chronologien

Ordres de Batille

Bibliografie

Personenregister

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

VORWORT

Mit dem viktorianischen Zeitalter verbinden wir heute meist die Geschichten von Sherlock Holmes, Oliver Twist und Jack the Ripper im nebeligen London des 19. Jahrhunderts. Die Epoche, die nach der Herrschaft Königin Victorias1 benannt ist, wird aber maßgeblich durch den Aufstieg Großbritanniens zur bestimmenden Weltmacht geprägt. Am Ende dieses Zeitalters lebt ein Viertel der Weltbevölkerung unter der Herrschaft des britischen Empires. Die Säulen der britischen Hegemonie waren industrielle Dominanz, maritime Überlegenheit und eine Armee, die in blutigen Feldzügen Kolonie um Kolonie besetzte. 72 Kriege führten die Briten in der 64jährigen Regierungszeit Königin Victorias. Die Ereignisse dabei sind abenteuerlich und oft auch skurril. Ihre Protagonisten sind mutige Helden oder wahre Blindgänger, die Dramaturgie der historischen Ereignisse könnte aus der Feder Shakespeares stammen. Ein Trupp britischer Hochadliger reist, ausgestattet mit 1.000 Flaschen Champagner, wochenlang durch die Wüste. Nach unvorstellbaren Strapazen treffen sie genau zwei Tage zu spät an ihrem Ziel ein. Ein Oberbefehlshaber, der im Schlafanzug kommandiert, schießt sich selbst ins Hinterteil und verliert danach seine komplette Armee. Das Loch im Dach einer Kirche führt zum Ausbruch eines Beinahe-Weltkrieges. Dieses Buch schildert die Ereignisse um vier der Wichtigsten viktorianischen Feldzüge, den Ersten Anglo-Afghanischen Krieg, den Krimkrieg, den Zulukrieg und den Mahdi-Aufstand.

Die Idee zu dem Buch entstand beim wiederholten Versuch, skeptischen Freunden und Verwandten zu erklären, woher das Interesse des Autors für die Abenteuer des viktorianischen Empires rührt. Warum sammelt Jemand hunderte Bücher zu diesem Thema und verbringt seine Freizeit damit fehlende Artikel beim Online Lexikon Wikipedia zu ergänzen? Ein Buch, welches vier der wichtigsten Episoden dieser Zeit möglichst unterhaltsam und doch historisch genau behandelt, sollte die Frage beantworten. Mit der beginnenden Corona-Pandemie im Jahr 2020 waren Besuche von Theater, Kino, Restaurant und Beachvolleyballplatz auf einmal nicht mehr möglich. Wie für die meisten Menschen entstand auch für den Autor allabendlich die Frage wie mit der Lockdown-bedingten Freizeit umzugehen sei. Der Zeitpunkt mit dem Schreiben zu beginnen war gekommen. Abend für Abend wurden Dutzende Bücher in Wohn- und Arbeitszimmer ausgebreitet und das viktorianische England zum Leben erweckt. Nach fast zwei Jahren liegt nun das fertige Werk vor.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, die den vier beschriebenen Kriegen entsprechen. Es ist bewusst so geschrieben, dass die Kapitel auch losgelöst voneinander gelesen werden können.

Ich danke meinen Eltern Renate und Siegfried dafür, dass sie mein Interesse an der Geschichte geweckt und mich bei allen meinen Projekten immer unterstützt haben. Ich danke meiner Frau Aurelia, die meine allabendlichen Verwüstungen der Wohnung akzeptiert hat und am Ende eines solchen Abends oft sogar noch ein Ohr für eine Probelesung hatte. Ich danke dem Fotografen Kai Spaete für die professionelle Hilfe bei der aufregenden Erstellung des Covers. Und ich danke meiner Tochter Rebecca, die sich als erste Leserin durch das Buch gearbeitet und mir mit ihren Fragen immer wieder geholfen hat, es verständlicher zu schreiben.

1 Königin Victoria regierte von 1837 bis 1901.

1 DIE WICHTIGSTEN HANDLUNGSORTE DES BUCHES

DAS TRAUERSPIEL VON AFGHANISTAN

Erster Anglo-Afghanischer Krieg 1839–1842

Wichtige Personen des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges

Akbar Khan

Afghanischer Heerführer, Sohn Dost Mohammeds

Auckland, George Eden, 1. Earl

Generalgouverneur von Indien (1836–1842)

Brydon, William, Dr.

Überlebender der Kabul Armee

Burnes, Alexander

Britischer Agent in Afghanistan

Cotton, Willoughby

Oberbefehlshaber der

Army of the Indus

(1839–1841)

Dennie, William H.

Britischer Offizier

Ellenborough, Edward, 1. Earl

Generalgouverneur von Indien (1842–1844)

Elphinstone, William Keith

Britischer Oberbefehlshaber der Kabul-Armee

Keane, John

Oberbefehlshaber der

Army of the Indus

(1838–1839)

Macnaghten, William

Britischer Agent in Afghanistan

Dost Mohammed

Emir von Afghanistan (1826–1840 und 1843–1863)

Nott, William

Britischer General, Befehlshaber in Kandahār

Pollock, George

Oberbefehlshaber der

Army of the Retribution

Pottinger, Eldred

Britischer Teilnehmer der Kämpfe um Herat

Ranjit Singh

Maharadscha von Punjab

Sale, Florentia

Frau von Robert Sale; Teilnehmerin des Rückzuges

Sale, Robert

Britischer General, Befehlshaber von Dschalalabad

Schudscha, Schah

Schah von Afghanistan (1803–1809 und 1839–1842)

Shelton, John

Britischer General, Stellvertreter von Elphinstone

Witkjewitsch, Jan

Russischer Agent in Afghanistan

Das Trauerspiel von Afghanistan Theodor Fontane2

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt, Ein Reiter vor Dschellalabad hält, „Wer da?“ – „Ein britischer Reitersmann, Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt, Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt, Sir Robert Sale, der Kommandant, Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn, Sie setzen ihn nieder an den Kamin, Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht, Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann, Von Kabul unser Zug begann, Soldaten, Führer, Weib und Kind, Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer, Was lebt, irrt draußen in der Nacht umher, Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt, Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall, Offiziere, Soldaten folgten ihm all’, Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht, Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah, So lasst sie’s hören, dass wir da, Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus, Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’, Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied, Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang, Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag, Laut, wie nur die Liebe rufen mag, Sie bliesen – es kam die zweite Nacht, Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr, Vernichtet ist das ganze Heer, Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan.

2 Fontane schrieb die Ballade 1859 in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in London, in der er sich unter anderem mit der Geschichte Großbritanniens beschäftigte.

DAS GROßE SPIEL

„Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan“ sind die letzten Worte in Fontanes Ballade „Das Trauerspiel in Afghanistan“. Er erzählt darin, wie eine komplette britische Armee im schneebedeckten Hochland Afghanistans vernichtet wird. Dies ist die größte militärische Katastrophe der Briten für die nächsten einhundert Jahre3. Aber was ist das eigentlich für eine Geschichte, die Fontane da beschreibt, und warum verlieren die Briten am Khaiberpass eine ganze Armee? Um das zu verstehen, müssen wir uns Ereignisse anschauen, die fünf Jahre vor diesem Drama stattfinden.

Im Jahr 1837 reist der britische Leutnant Eldred Pottinger, verkleidet als moslemischer Pferdehändler, durch dieses unwirtliche Land. Er ist auf einer Mission, die den Stoff für einen Hollywoodfilm in sich birgt. Seine Reise geht durch ein Land karger Wüsten, isolierter Täler und entlegener Gebirgspässe. Die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch ragen bis mehr als 7.500 Meter in den Himmel auf. In den kalten Wintern regnet es hier wenig, und die brütend heißen Sommer sind ausgesprochen trocken. Seit der Zeit Alexanders des Großen wurde das Land von Griechen, Türken, Arabern, Mongolen, Indern und Persern beherrscht. Aber nie konnten Besatzer feste Herrschaftsstrukturen errichten. Die wenigen Einwohner organisieren sich auf der Ebene von Dörfern, Tälern, Clans und Stämmen.

Neunzig Jahre vor Pottingers Reise war diese Region noch Teil des mächtigen Persischen Reiches. Ahmad Schah Durrani, der als General für den Schah von Persien kämpfte, nutzte den Tod seines Herrn, um sich die Herrschaft über seine Heimat zu sichern. Er vereinte die Regionen Kandahār, Kabul, Herat, Ghazni und Peschawar und gründete 1747 ein Reich, welches später den Namen Afghanistan – „Land der Paschtunen“ – erhält 4 . Seine Nachfolger regierten weniger erfolgreich, wodurch die Zentralregierung schnell wieder an Einfluss verlor. Der Nachfolger des Reichsgründers hinterließ 24 Söhne, die in einem jahrelangen Bürgerkrieg um die Herrschaft rangen.

Das Land ist nun zerrissen von Kämpfen zwischen Durrani, Ghilzai5, Tadschiken, Hazara, Usbeken und anderen ethnischen Gruppen und Stämmen. Friedrich Engels, der Mitbegründer der Idee des Kommunismus, der in dieser Zeit als Journalist und Militärhistoriker tätig ist, schreibt über die Afghanen:

„Der Krieg ist für sie ein erregendes Erlebnis und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit. Die Afghanen sind in Clans aufgeteilt, über welche die verschiedenen Häuptlinge eine Art feudaler Oberhoheit ausüben. Nur ihr unbezwinglicher Hass auf jede Herrschaft und ihre Vorliebe für persönliche Unabhängigkeit verhindern, dass sie eine mächtige Nation werden; aber gerade diese Ziellosigkeit und Unbeständigkeit im Handeln machen sie zu gefährlichen Nachbarn, die leicht vom Wind der Laune aufgewühlt oder durch politische Intriganten, die geschickt ihre Leidenschaften entfachen, in Erregung versetzt werden können.“1

Pottinger muss auf seiner Reise vorsichtig sein. Immer wieder begegnen ihm Gruppen gefährlich aussehender Männer, die ihn argwöhnisch mustern. Mit ihren wilden Bärten, spitzen Khaiber-Dolchen, reich verzierten Musketen und Kettenhemden sehen sie aus wie Figuren aus „Tausendundeine Nacht“. Die langen sogenannten „Jezail“ Gewehre 6 der Männer bieten ihren geübten Besitzern in den rauen Bergen durch ihre Genauigkeit und Reichweite Überlegenheit. Pottinger spricht Persisch und Paschtu gut genug, um in den Karawansereien, in denen er die Nächte verbringt, nicht als Europäer erkannt zu werden. Nur einmal fliegt seine Tarnung fast auf.

Er wird gefangengenommen von Yakoob Beg 7 , einem Häuptling, der dafür bekannt ist, Reisende zu erpressen und zu versklaven. Als dessen Männer zu tuscheln beginnen, dass der Gefangene vermutlich ein bleichgesichtiger „Feringhee“8 sei, geht Pottinger in die Offensive. Er wirft dem Burgherrn vor:

„… noch nie von einer so mangelnden Gastfreundschaft gehört zu haben.“2 Außerdem argumentiert er, dass seine Hautfarbe Resultat seiner Herkunft aus einer bergigen Region Indiens sei, in der die Menschen eben hellhäutiger wären. Der Appell an die mangelnde Gastfreundschaft eines Orientalen scheint den Warlord vorerst milde zu stimmen. Er lässt Pottinger in Ruhe. Die Situation wird erneut brenzlig, als in seinem Gepäck eine englischsprachige Ausgabe von Alexander Burnes „Reise nach Buchara“, ein Kompass und Bleistifte gefunden werden. Seine Begründung, dass diese Dinge dem Studium der Astronomie dienen, macht die Lage nur noch schlimmer. Astronomie gilt in dieser Gegend als verbotene Wissenschaft. Endgültig panisch wird Pottinger, als seine Bewacher ein Wörterbuch finden. Er wird daraufhin erst mal weiter in der Burg festgehalten, bis dem Warlord einfällt, was er mit ihm anfangen soll. Nach acht Tagen teilt er Pottinger überraschend mit, dass er gehen könne. Kaum hat der die Festung hinter sich gelassen, wird er erneut von den Männern des Warlords gefangen genommen. Zurück in der Festung wird Pottinger einem wütenden Yakoob Beg vorgeführt und befürchtet, erneut festgehalten zu werden. Der Häuptling präsentiert ihm seine Perkussionspistole. Die funktioniert nicht so wie er das möchte. Die Waffe hat der Leutnant dem Burgherrn geschenkt und damit vermutlich seine plötzliche Freilassung bewirkt. Pottinger erklärt die Pistole noch einmal und macht dem verblüfften Yakoob Beg klar, dass er nicht jedes Mal wiederkommen wird, wenn diese nicht funktioniert. Mit dieser Kaltblütigkeit scheint er den Warlord beeindruckt zu haben. Er darf weiterziehen. Spätere Berichte über die Schandtaten des Yakoob Beg zeigen, dass Pottinger heute wohl mehr Glück hat, als ihm in diesem Moment bewusst ist.

Nach wochenlanger Reise durch das afghanische Hochland erreicht Pottinger im August schließlich Herat, ein schmutziges Kaff mit 45.000 Bewohnern. 9 Von einem anderen britischen Spion wird die Stadt beschrieben als

„eine der Schmutzigsten der Welt … Die Bewohner werfen den Müll ihrer Häuser auf die Straße und tote Katzen und Hunde liegen gewöhnlich auf Haufen des übelsten Drecks.“3

Die Stadt wird beherrscht von Shahzada Kamran Durrani, einem Urenkel des Gründers von Afghanistan. Einstmals war der wohl ein großer Krieger und konnte ein Schaf mit einem einzigen Hieb seines Säbels in zwei Hälften teilen. Heute ist er

„durch Alter und Ausschweifungen geschwächt und pockennarbig. Er konnte seinen sexuellen Appetit nicht mehr stillen und war stattdessen süchtig nach der Flasche.“4

Der Ort ist eingefasst von einem Erdwall und einem Wassergraben, welche von einer steinernen Zitadelle überragt werden. Die Verteidigungsanlagen sind seit Jahren nicht repariert worden und in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Herat liegt in der fruchtbarsten Region Afghanistans und ist umgeben von Obstgärten, Weinbergen und Getreidefeldern. Seit Marco Polo waren in dieser Gegend nicht sehr viele Europäer. Einer von ihnen ist Henry Pottinger, der Onkel unseres einsamen Reiters. Dieser war vor dreißig Jahren hier, als Napoleon plante, Indien anzugreifen. 10 Seine Reise damals ebnete ihm eine steile Karriere, inklusive des Titels eines Baronets. Eine solche Laufbahn schwebt auch seinem Neffen vor. Der musste deshalb nicht lange überlegen, als Onkel Henry ihn bittet, nach Herat zu reisen. Er sichert sogar zu, die Reise als persönlichen Ausflug durchzuführen, ohne jede Unterstützung.

Herat wird auch das „Tor nach Indien“ genannt, und ein Bericht des britischen Militärgeheimdienstes meint, die Stadt besäße „mehr strategische Bedeutung als jeder Punkt in Asien“5. Onkel Henry vermutet, dass hier bald große Ereignisse bevorstehen.

Einige Tage nach seiner Ankunft in Herat gibt sich Pottinger als Engländer zu erkennen und bekommt eine Audienz beim Wesir des hiesigen Herrschers. Wesir Yar Mohammed, der anstelle seines schwachen Herrn die Macht ausübt, empfängt den britischen Offizier im Badehaus. Das Einzige von Wert, was Pottinger noch besitzt, sind zwei Perkussionspistolen. Was bei Yakoob Beg gut ging, sollte auch jetzt funktionieren. Er schenkt dem Wesir die Waffen und bricht damit das Eis. Bereits am nächsten Tag hat Pottinger eine Audienz beim Herrscher von Herat und kann sich einige Wochen als dessen Gast in der Stadt aufhalten.

Dann aber veränderte sich die Stimmung. Durch die Straßen von Herat drängen sich immer mehr Menschen. Sie tragen ihr gesamtes Hab und Gut bei sich und suchen verzweifelt nach Unterkunft. Es sind die Bewohner des fruchtbaren Umlandes, die vor dem Gerücht einer heranrückenden Armee fliehen. Es herrscht Aufregung und Angst in der Stadt. Und dann, im November, marschiert ein fremdes Heer vor den Mauern auf.

Es sind die Truppen des jungen Schahs von Persien11. Dieser hat als Kronprinz schon einmal versucht, die Stadt zu erobern. Damals musste er die Belagerung abbrechen, um nach dem Tod seines Vaters seinen Thronanspruch zu sichern. Dies hat er inzwischen eindrucksvoll getan. Den Kanzler seines Vaters hat er beispielsweise in einen Teppich einrollen und ersticken lassen. Nun ist er mit 30.000 Mann und zahlreichen Geschützen zurückgekehrt. Sogar eine Riesenkanone 12 wird herangeführt. Aufgrund der schlechten Ausbildung des Bedienungspersonals liegt das Ungetüm allerdings nach wenigen Schüssen kaputt im Schlamm.

Die Belagerung einer afghanischen Stadt durch persische Soldaten würde heute keinen Platz in unseren Geschichtsbüchern finden. Beide Länder haben in dieser Zeit nur regionale Bedeutung. Das Besondere an dieser Belagerung aber ist, dass hier nicht nur Perser und Afghanen gegeneinander kämpfen. Auf der einen Seite der Stadtmauer bietet Pottinger dem Emir von Herat seine Dienste an. Dieser überträgt dem britischen Artillerieoffizier die Verantwortung über die verfallenen Verteidigungsanlagen. Die Befehlsgewalt auf persischer Seite hat zwar der Schah, ausgebildet und angeleitet wird seine Armee aber durch russische Berater um den Grafen Simonitsch. Dadurch stehen sich hier die beiden Großmächte dieser Zeit im Kampf gegenüber.

Auf der einen Seite steht das Russische Kaiserreich unter Kaiser Nikolaus I.13 Dieses hatte, obwohl an der Schlacht von Waterloo nicht beteiligt, maßgeblichen Anteil an der Niederlage Napoleons und verfügt seitdem über die stärkste Landstreitmacht der Erde. Seit dem 16. Jahrhundert erweitert das Russische Reich nach Siegen gegen die Tataren, Osmanen, Polen, Perser, Schweden und die Völker Zentralasiens seine Grenzen immer weiter und besitzt mit Russisch-Amerika, dem heutigen Alaska, sogar eine Überseekolonie. Ein Ziel der Russen ist der Vorstoß zum Indischen Ozean. Damit kämen sie dem britischen Einflussgebiet in Indien gefährlich nah.

Die andere Großmacht der Zeit ist das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland. Hier herrscht seit einem halben Jahr die junge Königin Victoria, nach der man später dieses Zeitalter bezeichnen wird. Während die Russen das eurasische Heartland14 dominieren, beherrschen die Briten die Meere mit der Royal Navy und den indischen Subkontinent über die East India Company.

Die East India Company hat sich in den letzten zweihundert Jahren von einem Handelsunternehmen zu einer Besatzungsmacht entwickelt. Sie beherrscht den indischen Subkontinent und hat die französischen und portugiesischen Konkurrenten weitestgehend verdrängt. Ihr Einfluss auf die britische Regierung des 18. Jahrhunderts ist ähnlich dem der heutigen Autoindustrie auf die Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Als die Company in eine wirtschaftliche Schieflage gerät, beschließt das Parlament beispielsweise den „Tea Act“. Damit sollen nordamerikanische Siedler zum Konsum von Tee der Company gezwungen werden. Eine Gruppe Bostoner Männer wirft daraufhin Tee der Company ins Hafenbecken. Sie löst damit den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und schließlich die Gründung der USA aus. Eine interessante Wendung in der Geschichte führt dazu, dass der britische General, der die entscheidende Schlacht des Unabhängigkeitskrieges verlor, später Generalgouverneur und Oberbefehlshaber in Indien wird. Es ist klar, dass er nicht noch eine wichtige britische Überseebesitzung verlieren will. Seine Reformen der Zivil-, Militär- und Unternehmensverwaltung legen den Grundstein für die britische Herrschaft in ganz Indien.

Der Besitz der Company in Indien ist in drei Präsidentschaften geteilt: Bengalen, Madras und Bombay. Alle sind unabhängig voneinander mit eigener Verwaltung, eigenem Gouverneur und eigener Armee. Die Armeen der Company bestehen aus den „Sepoys“15, indischen Soldaten unter dem Kommando europäischer Offiziere, die ähnlich gekleidet und ausgerüstet sind wie die britische Armee. Neben den Sepoy-Regimentern unterhält die Company Einheiten, in denen sowohl die Offiziere als auch die Soldaten Europäer sind. Darüber hinaus gibt es in Indien Regimenter der Krone, „Her Majesty’s Regiments“, die in einem rotierenden System für zwanzig Jahre hier stationiert sind. Die Truppen der Company sind mit über 200.000 Mann stärker als beispielsweise die Armee der Großmacht Preußen.

Im Gegensatz zu den britischen Regimentern in England, die von Aristokraten, dem Landadel und der reichen Mittelschicht kommandiert werden, ist der Dienst in Indien eine Chance für die Mittelschicht. Hier gibt es das britische System des Kaufs von Offiziersstellen16 nicht, welches den vermögenden Männern in der Armee der Königin hohe Positionen sichert. Wenn der Offizier in Indien nicht gerade unter der unerträglichen Hitze, den Moskitos und dem sintflutartigen Monsunregen leidet oder sich auf einem der zahlreichen Feldzüge gegen lokale Fürsten befindet, kann er sein Leben hier genießen. Dieses besteht aus Tigerjagd, Polospiel und Gin Tonic. Tonic Water trinken die Briten als Schutz vor Malaria. Den herben Geschmack des Wassers, den der hohe Chinin-Anteil hervorruft, überdecken sie mit dem Lieblingsgetränk ihrer Heimat, Gin. In der sexuell liberalen Zeit vor der Regentschaft Victorias leben viele von ihnen mit einer indischen Frau zusammen oder, in der Tradition des orientalischen Harems, sogar mit mehreren. In einem zeitgenössischen Buch heißt es:

„Ihr Leben vergeht in tödlicher Einförmigkeit, wodurch sie sich dem Grog oder der Sinneslust, als der letzten Unterhaltung, ergeben.“6

Jeder Offizier hat eine Vielzahl von Dienern. Das „Magazin für die Literatur des Auslands“ informiert seine erstaunten Leser in Preußen, ein einfacher Offizier in Indien verfüge unter anderem über einen Koch, einen Schneider, einen Wasserträger, einen Gärtner, einen Nachtwächter, einen Briefträger,

„also 32 Bedienstete für einen unverheirateten Mann von Stande. Ein Stutzer oder ein verheirateter Mann brauchte zum Wenigsten das Doppelte und der General brauchte dreimal so viel.“7

Der Oberbefehlshaber in Indien, Sir Harry Fane, hat beim Abendessen üblicherweise sechs Diener hinter sich stehen, seine Tochter immerhin drei.

Ihre Herrschaft in Indien, dem „Juwel der Krone“, sehen die Briten nun durch den Vormarsch der Russen in Richtung Süden bedroht. Dies führt in London zu einer regelrechten Hysterie. Die Angst der Briten vor einem russischen Vormarsch nach Indien ist nicht unbegründet. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts plante Napoleon eine gemeinsame französisch-russische Invasion in Indien. Schah Schudscha 17 , dessen Namen Sie sich merken sollten, war damals Emir von Afghanistan. Im Jahr 1808 empfing er den britischen Gesandten Mountstuart Elphinstone an seinem Hof in Kabul. Elphinstone war in den für die Briten abgelegenen und mysteriösen Teil Asiens gekommen, um ein Bündnis gegen Napoleons geplanten Vormarsch zu schließen. Schah Schudscha beeindruckte Elphinstone bei den Verhandlungen mit dem Berg des Lichtes, den er am rechten Oberarm trug. Den riesigen Diamanten dürfen einer alten indischen Legende nach nur Götter und Frauen ungestraft tragen. Königin Victoria wird deshalb später verfügen, dass nur noch die Königinnen von England den inzwischen als Koh-i-Noor bekannten Stein in ihrer Krone tragen sollen. Bevor der zwischen dem Emir und Elphinstone abgestimmte Vertrag ratifiziert werden konnte, war Schah Schudscha allerdings von seinem Bruder vom Thron vertrieben worden. Er floh aber nicht, ohne den „Berg des Lichtes“ mitzunehmen. Mit dem Einmarsch Napoleons in Russland war die Gefahr eines russisch-französischen Vorstoßes nach Indien vorübergehend gebannt, und Großbritannien und Russland verbündeten sich sogar.

Unter der Herrschaft des jungen Kaiser Nikolaus I. dehnt sich das russische Reich nun weiter und weiter nach Süden aus. Im Jahr 1828 besiegen die Russen das Persische Reich und sichern sich die Herrschaft über den Kaukasus und das Kaspische Meer. Der persische Schah wird sogar zu einer Art russischem Vasallen. Ein Jahr später gewinnt Nikolaus I. in einem Krieg gegen die Osmanen die Herrschaft über das Schwarze Meer und den Zugang zum Mittelmeer. Die Situation verschärft sich zwischen den Großmächten, die beide versuchen, ihr Einflussgebiet auszudehnen. Der Wettlauf um die Vorherrschaft in Zentralasien – das „Große Spiel“ – beginnt18.

Im Herbst 1837 ist neben Pottinger noch ein zweiter britischer Offizier im afghanisch-persischen Grenzland unterwegs. Henry Rawlinson wurde nach Persien geschickt, um Soldaten des Schahs auszubilden und damit dem wachsenden russischen Einfluss entgegenzuwirken. In der Langeweile des abgelegenen Garnisonsortes findet er ungewöhnliche Abwechslung. Er entziffert in den nahe gelegenen Felsen 2.500 Jahre alte Inschriften des persischen Großkönigs Dareios. Diese haben für die Entschlüsselung der assyrischen Keilschrift eine ähnliche Bedeutung wie der Rosetta-Stein für die ägyptischen Hieroglyphen.

Nun ist Rawlinson auf dem Weg zum Hauptquartier des persischen Schahs vor Herat. In der Dunkelheit ist der erschöpfte Offizier aber vom Weg abgekommen und hat sich in der Wüste verirrt. Er staunt nicht schlecht, als er im ersten Licht des beginnenden Morgens eine Gruppe von Männern in europäischen Uniformen erblickt. Seine Verwunderung wird noch größer, als er beim Näherkommen erkennt, dass die Männer russische Kosaken sind. Rawlinson versucht beim gemeinsamen Frühstück vergeblich auf Französisch, Englisch und Persisch, Informationen über die Fremden zu bekommen. Schließlich erklärt der Anführer der kleinen Schar, den Rawlinson später als gut aussehend mit strahlenden Augen und hellem Teint beschreibt, auf Turkmenisch, dass sein Trupp auf dem Weg zum persischen Schah sei, um Geschenke des Zaren zu überbringen. Nachdem die beiden Offiziere zusammen eine Pfeife geraucht haben, trennen sich ihre Wege.

Rawlinson trifft später beim persischen Herrscher ein und erzählt diesem von der Begegnung. Der erklärt ihm aber, dass die Geschenke des Zaren nicht für ihn, sondern für den Emir in Kabul seien. Um Rawlinsons Verwirrung perfekt zu machen, treffen zwei Tage später die Russen ein, und ihr Anführer stellt sich ihm nun in perfektem Französisch als Hauptmann Jan Witkjewitsch vor. Er rät ihm,

„nicht zu vertrauensvoll mit Fremden in der Wüste zu sein“. 8

Rawlinson wird klar, dass die Russen gerade den nächsten Zug im Großen Spiel machen und dabei sind, ihr Einflussgebiet auf Afghanistan auszuweiten. Rawlinson, der ein erfahrener Reiter und Sohn eines Pferdezüchters ist, reitet daraufhin in Rekordzeit nach Teheran, um seinen Vorgesetzen zu informieren. Dieser leitet die Information sofort an Lord Auckland19, den Vizekönig von Indien, weiter. Auckland kam vor drei Jahren als 51-jähriger Junggeselle nach Indien. Er wird als fleißig und ruhig, aber mit begrenztem Urteilsvermögen beschrieben. Seine Meinung wird maßgeblich von seiner Schwester Emily und seinem Berater William Macnaghten bestimmt. Während Auckland und Macnaghten noch darüber nachdenken, was sie mit Rawlinsons Information anstellen sollen, setzt der russische Hauptmann unbehelligt seinen Weg nach Kabul fort. Alexander Burnes beschreibt die Stadt damals so:

„Kabul ist zu dieser Zeit eine geschäftige, bevölkerungsreiche Stadt … Der große Basar ist eine elegante Arkade, fast 200 Meter lang … Abends bietet er einen sehr interessanten Anblick. Jeder Laden wird von einer Lampe erhellt, was der ganzen Stadt das Gefühl gibt beleuchtet zu sein… Kabul ist berühmt für seine Kebabs und sein gekochtes Fleisch, die sehr gefragt sind. Nur wenige kochen deshalb zu Hause… Die Straßen sind geräumig; sie werden … in einem guten Zustand gehalten und von kleinen Aquädukten mit sauberem Wasser durchschnitten.“9

Dort herrscht seit elf Jahren Emir Dost Mohammed und hat gerade drei gewaltige Probleme. Im Westen wird Herat von den Persern belagert. Im Osten haben die Sikh 20 Peschawar erobert. Deren Anführer Ranjit Singh hat Ende des 18. Jahrhunderts im Punjab ein mächtiges Reich errichtet und verfügt über eine starke nach westlichem Vorbild ausgebildete Armee. Und als ob das nicht genügen würde, erhebt Schah Schudscha Anspruch auf den Thron von Afghanistan. Wir erinnern uns, der Mann mit dem Koh-i-Noor herrschte bis 1809 über Afghanistan und lebt bereits sein halbes Leben im Exil. Zum Ärger Dost Mohammeds befindet sich dieses Exil im Land seines Feindes Ranjit Singh. Dieser hatte auch Gefallen am „Berg des Lichtes“ gefunden und gewährt Schah Schudscha im Tausch gegen den Diamanten seine Gastfreundschaft. Dass dieser Tausch völlig freiwillig stattfindet, muss bezweifelt werden.

Dost Mohammed ist zwar, wie sein Widersacher Schah Schudscha, ein Durrani. Er stammt aber, im Gegensatz zu diesem, nicht direkt vom Reichsgründer ab. Er herrscht deshalb eher als „Erster unter Gleichen“ und sichert seine Macht durch Heiratsallianzen. Im Interesse der Macht heiratete er sechzehn Frauen aus den wichtigsten Familien. Dost Mohammed weiß, dass er gegen alle drei Bedrohungen gleichzeitig keine Chance hat. Deshalb ist er bereit, sich sogar mit den englischen Ungläubigen zu verbünden. Als im Dezember Witkjewitsch mit seinen Kosaken Kabul erreicht, will er diesen deshalb auch nicht empfangen.

Hauptmann Witkjewitsch aber ist hartnäckig. Für ihn ist diese Mission eine große Chance. Der litauische Adlige kämpfte als junger Mann für die Unabhängigkeit seiner Heimat von den Russen21. Dafür wurde er erst zum Tode verurteilt, dann aber vom russischen Statthalter begnadigt und als einfacher Soldat an die Peripherie des russischen Imperiums geschickt. In Orenburg, an der tadschikischen Grenze, lernt er die Sprachen und Völker Zentralasiens kennen. Auf Anraten Humboldts22, dessen Übersetzer er zeitweilig ist, und nach mehreren abenteuerlichen Expeditionen ist er rehabilitiert. Er wird zum Offizier der Kosaken und Adjutanten des Gouverneurs ernannt.

Witkjewitsch hat nun 3.000 Kilometer von Orenburg nach Kabul zurückgelegt, um die Annäherung Russlands an Afghanistan voranzutreiben. Allerdings hat er einen harten Kontrahenten, denn in Kabul hält sich der derzeit vermutlich wichtigste Spieler im „Große Spiel“ auf, der britische Hauptmann Alexander Burnes.

„Buchara-Burnes“ reist seit Jahren verkleidet durch Zentralasien und erreicht Gebiete, die vor ihm kein Europäer betreten hat. Zum Popstar in England wird er nach einer Reise nach Buchara, der Stadt, die für Ungläubige verboten ist. Sein Buch „Reise nach Buchara“ wird ein Bestseller. Wir erinnern uns, dass dieser Reisebericht Pottinger fast zum Verhängnis geworden wäre. Durch sein immenses Wissen über die Region und seine diplomatischen Fähigkeiten verfügt Burnes über gute Beziehungen zu zahlreichen lokalen Fürsten. So gelingt es ihm, Ranjit Singh, den Herrscher der Sikh, zu einem Bündnis mit den Briten zu überreden. Inzwischen aber unterstützt der den Anspruch Dost Mohammeds auf das von den Sikh besetzte Peshawar. Er liebt Kabul und gilt als Freund Dost Mohammeds. Dieser hat ihm bei einem früheren Treffen sogar schon einmal das Kommando über seine Armee angeboten.

Nun sind Witkjewitsch und Burnes in Kabul, um den Emir für ihre jeweilige Seite zu gewinnen. Die beiden Kontrahenten schätzen sich und verbringen das Weihnachtsfest miteinander. Witkjewitsch hat sogar eine französische Ausgabe von Burnes’ Reisebericht dabei. Allerdings sieht es so aus, als ob Dost Mohammed den Briten den Vorzug geben wird. Er betont mehrfach, nur an einem Bündnis mit diesen interessiert zu sein und bietet sogar an, Witkjewitsch wegzuschicken, wenn die Briten ihn unterstützen. In diesem Moment trifft eine Nachricht Lord Aucklands ein, der von Rawlinson und Burnes über Witkjewitschs Anwesenheit informiert wurde. Auckland fordert den Emir auf, seine Ansprüche auf Peschawar und die Annäherung an Russland aufzugeben. Die Vertragsverhandlungen zwischen Burnes und Dost Mohammed fahren nun fest, weil der Emir nicht bereit ist, Peschawar aufzugeben. Für Burnes entsteht eine sehr schwierige Situation. Sowohl Dost Mohammed als auch Ranjit Singh bestehen auf der Herrschaft über Peschawar.

Dies ist die Gelegenheit für Witkjewitsch! Er sichert Dost Mohammed finanzielle Unterstützung gegen die Sikh zu. Dafür präsentiert er ihm einen Brief des russischen Kaisers mit einer entsprechenden Zusage. Burnes ist sich sicher, dass der Brief gefälscht ist. Es fehlt die Unterschrift des Zaren. Seiner Meinung nach sieht das Siegel auf dem Brief aus, als wäre es von einem Sack auf dem Gemüsemarkt. Der Emir scheint sich trotzdem für einen Vertragsabschluss mit den Russen zu entscheiden. Burnes verlässt daraufhin Ende April 1838 frustriert Kabul. Beim ihrem Abschied wissen er und der Emir, dass sie bei ihrem nächsten Treffen keine Freunde mehr sein werden.

Die erste Runde im „Großen Spiel“ geht an Russland. Die Russen wollen nun die nächsten Punkte machen. Dafür planen sie im Herbst eine Expedition gegen das Khanats Chiwa23 , auf halbem Weg zwischen Orenburg und Kabul. Der dortige Khan soll durch einen willfährigen Herrscher ersetzt werden. Außerdem übernimmt Graf Simonitsch jetzt selbst den Befehl über die Belagerungsarmee vor Herat.

Sieben Monate dauert die Belagerung dort nun schon an. Während Pottinger versucht, die Verteidiger immer wieder zum Kampf zu motivieren, bezahlt ihr Anführer sie dafür, persische Köpfe abzuschneiden, um sie auf den Zinnen der Stadtmauer zur Schau zu stellen. Die Versorgungslage in Herat ist schlecht. Die Verteidiger treiben deshalb Menschen, die nicht kämpfen, aus der Stadt, um Lebensmittel zu sparen. Graf Simonitsch will Herat nun endlich stürmen. Im Juli treten die Belagerer zum Angriff an. Pottinger schafft es immer wieder, die Verteidiger zu motivieren, und kann den drei Angriffen der Belagerer standhalten.

Für Generalgouverneur Auckland ist die Vorstellung einer russischen Festung Herat so nahe der indischen Grenze und die Annäherung Dost Mohammeds an die Russen besorgniserregend. Er beschließt, dem persischen Schah seine Entschlossenheit zu demonstrieren und lässt Expeditionstruppen eine Insel im Persischen Golf24 besetzen. Das britische Außenministerium fordert die Russen unmissverständlich auf, Simonitsch und Witkjewitsch abzuberufen und alle Absprachen mit dem afghanischen Emir zu annullieren.

Aucklands Politik zeigt Wirkung. Der Schah von Persien gibt die Belagerung von Herat auf. Pottinger wird in den europäischen Zeitungen als Held und Verteidiger der Stadt gefeiert. Simonitsch und Witkjewitsch kehren zurück nach Russland. Das russische Außenministerium behauptet gar, Simonitsch habe eigenständig gehandelt und Witkjewitsch sei nur ein Abenteurer und Intrigant. Witkjewitsch wird einige Tage später erschossen in seinem St. Petersburger Hotelzimmer aufgefunden. Alle Unterlagen, die er aus Kabul mitbrachte, liegen verbrannt neben ihm. Hat er sich selbst erschossen, weil er vom Außenminister bloßgestellt wurde? War der Grund der geheimnisvolle Besucher, der bei ihm beobachtet wurde? War dieser vielleicht ein alter Freund aus Litauen, der ihm vorwarf, die Ideale der Jugend verraten zu haben? Oder hat ihn gar die russische Regierung umbringen lassen? Wir werden es wohl nie erfahren.

Die Ziele des Ultimatums von Lord Aucklands sind jedenfalls erreicht. Er ist aber entschlossen, Afghanistan nun unter britischen Einfluss zu bringen. Sein Berater Macnaghten hat ihm die Idee in den Kopf gesetzt, es wäre an der Zeit, Dost Mohammed abzusetzen. Im Juli schreibt er an Burnes:

„Sie müssen wissen, dass die Tage, an denen Sie Dost Mohammed Khan gesehen haben, vergangen sind. Er ist nicht mehr beliebt. Sein Beitritt zu den Russen hat ihn in den Augen aller Mohammedaner völlig ruiniert.“10

Macnaghten und Auckland wollen den Emir durch Schah Schudscha ersetzen, der seit dreißig Jahren auf seine Rückkehr auf den Thron in Kabul wartet.

Im Londoner Parlament stellt Außenminister Palmerston25 die Protokolle der Gespräche zwischen Dost Mohammed und Burnes vor. Ähnlich wie der US-amerikanische Außenminister Powell26 164 Jahre später will er damit den längst beschlossenen Krieg begründen. Die Amerikaner erfinden dafür sogar falsche Beweise. Soweit treibt es Palmerston nicht. Bewusst entfernt er aber wesentliche Teile und erzeugt unter den Abgeordneten so das Bild eines russlandfreundlichen Herrschers auf dem afghanischen Thron11.

3 Genau einhundert Jahre später, im Februar 1942, greifen japanische Streitkräfte Singapore an und nehmen 85.000 britische Soldaten gefangen.

4 Die Paschtunen sind ein zentralasiatisches Volk, welches hauptsächlich in Pakistan und Afghanistan lebt.

5 Durrani und Ghilzai sind die beiden größten paschtunischen Stammesverbände.

6 Die Paschtunen verwenden lange, handgefertigte, oft aufwendig dekorierte Gewehre. Die sogenannten Jezail waren meist genauer als zeitgenössische britische Musketen.

7 Die Namensgleichheit mit dem Warlord Yakoob Beg, der dreißig Jahre später Khan von Kashgar wird, ist vermutlich Zufall.

8 Feringhee ist eine abfällige Bezeichnung in Indien für Ausländer, vor allem mit weißer Haut.

9 Pottinger trifft am 18. August 1837 in Herat ein.

10 Henry Pottinger, 1. Baronet, unternahm 1810 verkleidet als einheimischer Händler eine Forschungsreise nach Persien. Ziel dieser Reise war es, das Gebiet zu erkunden, in dem es möglicherweise zum Kampf mit Napoleon kommen würde. 1820–1839 war er Resident Administrator in Sindh, später Gouverneur von Hongkong.

11 Mohammad Schah Kadschar war von 1834 bis 1848 Schah von Persien.

12 Das Geschütz war ein 68-Pfünder. Zum Vergleich: Damalige Feldartillerie hatte Kaliber von drei bis zwölf Pfund.

13 Nikolaus I. war von 1825 bis 1855 Kaiser von Russland.

14 Als Heartland wird das Zentrum Eurasiens bezeichnet, dessen Kontrolle nach einer geopolitischen Theorie des 19. Jahrhunderts mit zunehmender Verbesserung der Verkehrswege die Herrschaft über die ganze Welt ermöglicht.

15 Der Begriff Sepoy wurde schon im Mogulreich für Infanteriesoldaten verwendet. Er leitet sich vom persischen Wort für Soldat – Sipahi - ab.

16 In der britischen Armee wurden Offizierspatente verkauft. In prestigeträchtigen Regimentern wie der Garde oder der Kavallerie war diese Provision höher. Wohlhabende Männer konnten in diesem System ärmeren Kollegen ihr Recht auf Beförderung abkaufen und damit schneller aufsteigen.

17 Schah Schudscha ist der Enkel von Ahmad Schah Durrani, des Gründers von Afghanistan. Er war ab 1803 Emir von Afghanistan. Nachdem er von seinem älteren Bruder vertrieben wurde, versuchte er aus dem Exil mehrfach, den Thron zurückzugewinnen.

18 Die Bezeichnung „Großes Spiel“ verdanken wir vor allem Rudyard Kipling, dem Autor des „Dschungelbuches“.

19 George Eden, Baron von Auckland, war von 1836 bis 1842 Generalgouverneur von Indien.

20 Der Sikhismus ist eine im Punjab in Nordindien gegründete Religionsgemeinschaft und hat heute knapp 30 Millionen Anhänger.

21 Litauen, welches im 15. Jahrhundert Osteuropa von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer beherrschte, wurde 1795 Teil Russlands. Gegen die russische Herrschaft und die fortschreitende Russifizierung bildeten Studenten einen Geheimbund, dem auch Witkjewitsch angehörte.

22 Alexander von Humboldt lernte Witkjewitsch 1829 bei seiner Reise nach Sibirien kennen.

23 Das Khanat Chiwa war von 1512 bis 1920 ein Fürstentum südlich des Aralsees, auf dem Gebiet der heutigen Staaten Usbekistan und Turkmenistan. Das Gebiet ist geprägt durch Steppen und Wüsten, in denen die Stadt Chiwa als Oase liegt.

24 Der Angriff der Briten richtete sich gegen die Insel Kharq.

25 Henry John Temple, 3. Viscount Palmerston, war, jeweils mit Unterbrechungen, zwischen 1830 und 1865 britischer Außenminister und Premierminister.

26 Colin Powell war von 1989 bis 1993 Chef des Vereinigten Generalstabs und von 2001 bis 2005 Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika. Am 5. Februar 2003 begründete Powell vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen den Sturz Saddam Husseins mit dessen Besitz von Massenvernichtungswaffen. Später bedauerte Powell diesen Auftritt und räumte ein, dass er mit falschen Tatsachenbehauptungen argumentiert habe.

DIE KÖNIGSMACHER

Am 1. Oktober 1838 erlässt Lord Auckland in Shimla 27 ein Manifest. Darin verkündet er, dass Dost Mohammed abgesetzt und durch Schah Schudscha ersetzt wird.

„Seine Majestät Schah Soojah-ool-Moolk wird Afghanistan umgeben von seinen eigenen Truppen betreten und wird gegen ausländische Einmischung und faktische Opposition durch eine britische Armee unterstützt.“12

Auckland lässt dabei die Warnungen Wellingtons, der größten militärischen Instanz des postnapoleonischen Englands, außer Acht. Der Eiserne Herzog 28 warnt im Parlament vor dem Einmarsch in Afghanistan und kündigt an, dass die größeren Probleme erst nach der Besetzung des Landes entstünden. Er meint

„Die Folge der Überquerung des Indus, um einmal eine Regierung in Afghanistan einzusetzen, wird ein ewiger Marsch in dieses Land sein."13

Wellington kennt das Land. Er hat vor seinem Sieg gegen Napoleon zehn Jahre erfolgreich Truppen der Company gegen indische Fürsten befehligt. Mit seiner Aussage prophezeit er die afghanischen Kriege der Briten, der Sowjets und der Amerikaner der nächsten 200 Jahren.

Ende November 1838 findet in Firozpur an der nordwestlichen Grenze Indiens eine großartige Heerschau statt. Kanonen donnern, Trompeten und Trommeln dröhnen, und Kommandos werden auf Englisch, Paschtu, Persisch, Urdu und Französisch29 geschrien. Infanteristen der britischen Armee in Marschformation, Reiter der 16th Queen’s Lancers mit langen Lanzen und flatternden Fähnchen, Sepoys der Company in scharlachroten Uniformen mit hohen schweren Tschakos auf dem Kopf und Sikhs auf Elefanten marschieren an Lord Auckland und Ranjit Singh vorbei. Beide sitzen auf dem riesigen Elefanten des Löwen von Punjab. Der ist alt und gebrechlich geworden. Seine Wangen sind gekennzeichnet von Pockennarben; sein linkes Auge ist blind. Er trägt rubinrote Kleidung aus Kaschmir, und seinen Turban schmückt der berühmte Diamant Koh-i-Noor.

Nach der Parade gibt es ein Manöver, bei dem sich die britischen Offiziere von der Stärke der Armee der Sikhs überzeugen können. Im Anschluss treffen sich Lord Auckland und Ranjit Singh im großen Durbar-Zelt 30 des Herrschers des Punjabs. Ranjit Singh und seine Sikhs sind nach Firozpur gekommen, um mit Lord Auckland zu verhandeln. Er wird die Absetzung Dost Mohammeds unterstützen, wenn ihm der Besitz der afghanischen Stadt Peschawar zugesichert wird. Die Briten akzeptieren das und halten auch Schah Schudscha an, den alten Löwen Ranjit nicht zu verärgern und darauf einzugehen.

Peschawar war die Winterhauptstadt der Durrani-Familie, zu der auch Schudscha gehört. Er selbst hat die Stadt vor langer Zeit in einem Familienzwist schon mal erobert, bevor er König wurde und bevor er dann kein König mehr war. Heute will er, nach 30 Jahren im Exil, unbedingt auf den Thron seiner Vorfahren zurückzukehren. Dafür akzeptiert er zähneknirschend die Bedingung des alten Sikh und verschmerzt sogar den Anblick des Koh-i-Noors auf dessen Kopf. Er akzeptiert auch die Söldner, die eine Idee von Alexander Burnes waren. Dieser meint, dass die Afghanen eher an einen König glauben, der den Thron mit eigenen Truppen erobert. Bezahlt werden die Männer jedoch von der Company. Allerdings glaubt niemand, dass Schudschas Söldner ausreichen werden, um Dost Mohammed zu vertreiben. Die Heerschau in Firozpur ist deshalb auch die Verabschiedung der britischen und indischen Truppen, die mit Schudscha und seinen Söldnern nach Afghanistan marschieren sollen. Aus allen Garnisonen der Präsidentschaft Bengalen sind sie gekommen. Fünf Infanteriebrigaden, gegliedert in zwei Divisionen, eine Kavallerie- und eine Artilleriebrigade, insgesamt 9.500 Mann, werden zusammengezogen. Dazu kommen die 6.000 Söldner Schah Schudschas und eine Division aus der Präsidentschaft Bombay, die später hinzustoßen soll. Sir Harry Fane, der britische Oberbefehlshaber in Indien, soll persönlich das Kommando über diese „Army of the Indus“ genannte bunte Ansammlung von Truppen übernehmen. Die Begeisterung unter den ausgewählten Einheiten ist groß. Nach zwölf Jahren der relativen Ruhe in Indien erwarten sie jetzt, gegen russische Soldaten Ruhm zu erlangen.

Am 27. November erklärt Fane aber, dass aufgrund des Rückzugs der Perser die Anzahl der Soldaten reduziert werden soll. Er bestimmt, dass eine Division als Reserve zurückbleibt, und gibt das Oberkommando ab. Ob die Aufgabe des Kommandos daran liegt, dass er kränkelt oder ihm die Unternehmung nun, da es nur gegen afghanische Wilde geht, nicht mehr prestigeträchtig genug ist, wissen wir nicht. Möglicherweise ist ihm auch nur Macnaghten zuwider, der so tut, als hätte er das Kommando. Auf jeden Fall macht er sich auf den Weg in die Heimat, wo er ein Jahr später stirbt. Das Kommando über die Army of the Indus übernimmt vorerst Generalmajor Sir Willoughby Cotton31.