Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Nordlicht - Die Tote am Strand E-Book

Anette Hinrichs  

(0)
Bestseller

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Nordlicht - Die Tote am Strand - Anette Hinrichs

Zwei Länder, zwei Ermittler, ein mysteriöser Mord. Der erste Fall für das deutsch-dänische Ermittlerteam Boisen & Nyborg

Im beschaulichen Küstenort Kollund an der deutsch-dänischen Grenze wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Erschossen am Strand. Die Tote wird als Liva Jørgensen identifiziert, die zwölf Jahre zuvor spurlos verschwand. Jetzt stellt sich heraus, dass Liva jahrelang unter falschem Namen in Deutschland gelebt hat. Was ist damals wirklich geschehen? Vibeke Boisen, gerade frisch als Leiterin der Flensburger Mordkommission angetreten, und ihr Kollege Rasmus Nyborg von der dänischen Polizei rollen den alten Fall wieder auf und stechen damit in ein gefährliches Wespennest ...

Meinungen über das E-Book Nordlicht - Die Tote am Strand - Anette Hinrichs

E-Book-Leseprobe Nordlicht - Die Tote am Strand - Anette Hinrichs

Buch

Im beschaulichen Küstenort Kollund an der deutsch-dänischen Grenze wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Erschossen am Strand. Die Tote wird als Liva Jørgensen identifiziert, die zwölf Jahre zuvor spurlos verschwand. Jetzt stellt sich heraus, dass Liva jahrelang unter falschem Namen in Deutschland gelebt hat. Was ist damals wirklich geschehen? Vibeke Boisen, gerade frisch als Leiterin der Flensburger Mordkommission angetreten, und ihr Kollege Rasmus Nyborg von der dänischen Polizei rollen den alten Fall wieder auf und stechen damit in ein Wespennest …

Autorin

Anette Hinrichs ist als geborene Hamburgerin ein echtes Nordlicht. Ihre Leidenschaft für Krimis wurde bereits im Teenageralter durch Agatha Christie entfacht und weckte den Wunsch, eines Tages selbst zu schreiben. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie im Raum München. Ihre Sehnsucht nach ihrer alten Heimat lebt sie in ihren Küstenkrimis und zahlreichen Recherchereisen in den hohen Norden aus. »NORDLICHT – Die Tote am Strand« ist ihr erster Kriminalroman bei Blanvalet.

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag

ANETTE HINRICHS

NORDLICHT

DIE TOTE AM STRAND

Kriminalroman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Copyright © 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Angela Kuepper

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotive: Westend61/Getty Images; www.buerosued.deKarte: Daniela Eber

WR · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-23655-7V003

www.blanvalet.de

Für Hayung und Finn

Prolog

Der Bus fuhr gemächlich die Landstraße Richtung Küste entlang, vorbei an Feldern und Wiesen. Kräftiger Wind fegte durch die Gräser und zog an ihnen wie ein Puppenspieler an seiner Marionette. Der dunkelgraue Himmel kündigte den nächsten Regenschauer an.

Sie saß in der mittleren Reihe des Busses, in dem nur wenige weitere Plätze belegt waren, direkt am Fenster. Der Anblick der Landschaft rief Erinnerungen an ihre Kindheit in ihr wach. An das Muschelsuchen am Strand, das Blaubeerpflücken mit den Großeltern und das anschließende Pfannkuchenessen zu Hause. Höhepunkt des Jahres war immer Weihnachten gewesen. Sie lächelte bei dem Gedanken an die Verwandtschaft, die alljährlich mit vollgeschlagenen Bäuchen auf den Sofas gesessen und zur Verdauung literweise Kräuterlikör in sich hineingeschüttet hatte. Als Nachspeise hatte es immer Milchreis mit warmer Kirschsoße gegeben. Ihre Mutter hatte jedes Jahr eine einzige ganze Mandel in dem Dessert versteckt. Derjenige, der sie fand, bekam nicht nur ein zusätzliches Geschenk, sondern sollte auch viel Glück im neuen Jahr haben. Beim letzten Weihnachtsfest, das sie zusammen mit ihrer Familie gefeiert hatte, fand sie die Mandel. Glück hatte es ihr keines gebracht.

Der Bus bog um eine enge Kurve, und das leichte Rucken riss sie aus ihren Gedanken. Regen hatte eingesetzt und hinterließ feine Sprenkel auf der Scheibe.

Als der Bus die Küstenstraße erreichte, veränderte sich die Landschaft. Rechter Hand wurde es hügelig, Sommerhäuser mit kleinen Gärten duckten sich an die grünen Hänge. Auf der gegenüberliegenden Seite erstreckte sich hinter dem flach abfallenden Naturstrand das Meer.

Sie wusste noch immer, wie es sich anfühlte: Sonne auf der Haut, Wind im Haar, Sand zwischen den Zehen. Der Duft nach Algen und Salz und das Gefühl, unverwundbar zu sein. Wie naiv sie doch gewesen war.

Heute war das Meer grau und wuchtig. Der regenschwere Himmel senkte sich wie ein trüber Schleier über die Küste, und ihre Gedanken wurden zur Last auf ihren Schultern. Bleiern und erdrückend.

Sie bemerkte den prüfenden Blick des Busfahrers im Rückspiegel, und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie weinte. Schnell wischte sie die Tränen mit dem Handrücken beiseite.

Ein Ortsschild kam in Sicht. Auf dem nachfolgenden Parkplatz war kein einziges Auto abgestellt, und auch der Strand wirkte wie leer gefegt. Niemand ging an diesem ungemütlichen Abend freiwillig vor die Tür. Es sein denn, man suchte Schutz in der einsetzenden Dämmerung, weil man etwas zu verbergen hatte. Oder etwas Unheilvolles plante.

Kurzerhand drückte sie den Halteknopf, erhob sich von ihrem Platz und schob sich an den Sitzreihen vorbei zum Ausgang.

Kräftiger Seewind und Nieselregen schlugen ihr ins Gesicht, als sie aus dem Bus stieg, doch sie achtete nicht darauf, war gefangen in dem Anblick der tosenden Ostsee und ihren aufwühlenden Erinnerungen.

In der Ferne ertönte leises Donnergrollen.

1. Kapitel

Flensburg, Deutschland

Peter ließ den Dietrich, einen Halbdiamanten mit flachem Winkel, zeitgleich mit dem Spanner ins Schloss gleiten. Die Wohnungstür war aus Holz, alt und abgenutzt mit zahlreichen Schrammen, an einigen Stellen blätterte die Farbe ab. Typisch für unsanierten Altbau. Das Schloss wirkte neuer, war aber mit Kratzern versehen. So als hätte ein Betrunkener immer wieder versucht, seinen Schlüssel hineinzustecken.

Er zog den Halbdiamanten mit geübter Hand über die Pins im Schlosskern, spürte, wie die einzelnen Federn nachgaben, und erhöhte gleichzeitig den Druck auf den Spanner. Es klickte, und die Tür war offen. Ein Kinderspiel.

In der Wohnung war es vollkommen ruhig. Es roch ein wenig muffig, als öffneten die Bewohner die Fenster nur selten. Vor ihm lag ein langer, schmaler Flur.

Er begann mit den Räumen, die an die rechte Flurseite grenzten. Im ersten Zimmer waren die Jalousien heruntergelassen. Durch einen schmalen Spalt blinzelte das Licht der Abendsonne.

Die Bettwäsche war zerwühlt, Boxershorts lagen auf dem Kopfkissen, eine einzelne Socke lugte unter der Decke hervor. Auf dem Nachtisch entdeckte er zerknüllte Taschentücher neben Zeitschriften und einem halb fertig gegessenen Joghurt. Er wandte sich dem Schrank zu, die Türen standen offen. Die wahllos in die Fächer gestopfte Kleidung gehörte zweifelsfrei einem männlichen Bewohner. Er war im falschen Zimmer.

Der nächste Raum war das Bad, danach kam die Wohnküche. In der Spüle stapelte sich benutztes Geschirr, auf der Küchenzeile lag ein Pizzakarton mit einem letzten Rest Salamipizza, daneben stand eine Bierflasche. Fünf unterschiedliche Stühle gruppierten sich um einen Holztisch.

Er trat in das nächste Zimmer auf der anderen Flurseite. Hier war alles aufgeräumt. Der bunt gestreifte Bettbezug war akkurat zwischen Matratze und Rahmen festgesteckt, ohne eine einzige Falte zu werfen. In der Luft hing ein leichter Blumenduft, an der Wand eine romantische Landschaftsaufnahme.

Peter durchsuchte mit geübten Griffen die Schubladen einer Kommode und den Inhalt des Kleiderschranks. Anschließend widmete er sich den Regalen, durchblätterte Bücher, tastete mit seinen behandschuhten Händen unter Böden und hinter Rückwänden entlang. Nichts. Entweder war das, was er suchte, an einem anderen Ort versteckt, oder er war wieder im falschen Raum.

Zurück im Flur, horchte er nach Geräuschen, doch alles war still. Das letzte Zimmer lag direkt neben der Haustür und war spartanisch eingerichtet. Ein Bett, ein Kleiderschrank und eine dazu passende Kommode aus hellem Furnierholz. Kahle Wände, schlichte Baumwollbettwäsche, keinerlei Nippes. Im Schrank lagen Jeans, Shirts und Pullover in gedeckten Farben. Ein Blick auf die Größe im Etikett verriet, dass es sich um Damenkleidung handelte. Routiniert durchsuchte er auch dieses Zimmer. An der Unterseite der Kommode stießen seine Finger auf etwas Hartes. Vorsichtig löste er die Klebestreifen, mit denen ein Gegenstand befestigt war, und zog ihn hervor. Bingo.

Er hörte ein Quietschen. Für einen Moment dachte er, es käme von der Kommodenschublade, die er gerade schloss, doch es war die Haustür. Er erstarrte. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, als er den Schritten auf dem knarzenden Parkett lauschte.

Er war nicht länger allein.

Kollund, Dänemark

Das Geräusch der Motoren klang wie das Surren von Bienen. Dunkle Punkte hoch über ihren Köpfen, als Flugobjekte kaum noch erkennbar.

Es war früh am Morgen, der Strand noch menschenleer. Schaumkronen tanzten auf den Wellen. Zwischen den Wolken blitzte die Sonne hervor. Wind kam auf, und eine Böe fegte von der Förde ans Ufer.

Niels-Arne berührte mit der Zungenspitze die Lippen, schmeckte das Salz, während seine Hände die Fernbedienung fester umklammerten. Die DBPower U842 Predator, ein Quadrocopter mit HD-Kamera und Echtzeitübertragung, war ein Geschenk seiner Eltern zu seinem zwölften Geburtstag. Bei dem Quadrocopter handelte es sich um eine Drohne, aber das sollte er nicht sagen. Es klang zu bedrohlich, meinten seine Eltern. Er dagegen fand es richtig cool.

Die Predator verfügte über zahlreiche Features. Eine intelligente Orientierung, um keine Repositionierung vornehmen zu müssen, einen Batteriealarm, der ausgelöst wurde, sobald die Energieleistung zur Neige ging, LED-Navigierungsleuchten für eine bessere Orientierung und für Nachtflüge und außerdem ein Sicherheitssystem, um Kollisionen und Schäden an den Rotoren zu vermeiden.

Wenige Meter neben ihm stand sein Freund Lasse, der ebenfalls einen Quadrocopter flog, jedoch ein anderes Modell mit weniger Features und ohne Kamera.

Niels-Arne ließ seine Predator noch ein Stück höher steigen. Seit er die Drohne vor einer Woche geschenkt bekommen hatte, nutzte er jede Gelegenheit zum Üben, möglichst in windstillen Stunden, die allerdings selten waren. Anfangs hatte er Schwierigkeiten gehabt, das Fluggerät zu steuern, zweimal war es dabei sogar zum Absturz gekommen, doch glücklicherweise war die Drohne robust und hatte nichts abbekommen. Mittlerweile hatte Niels-Arne alles im Griff, traute sich sogar, das eine oder andere Flugmanöver über dem Wasser vorzunehmen. Heute flog er zum ersten Mal mit Kamera. Fasziniert betrachtete er den Bildschirm seines Handys, das in einer Halterung am Controller angebracht war und die Luftaufnahmen der Kamera übertrug.

Die Sonne brach sich in der Wasseroberfläche, und die Ostsee kräuselte sich wie eine schimmernde Decke. Der nahe Steg und das daran befestigte Ruderboot wirkten so groß wie Legosteine.

»Ich komme jetzt runter«, sagte Lasse. »Der Wind ist zu stark.« Er betätigte die Steuersticks seiner Fernbedienung.

Nach der Landung befreite er die vier Propeller seines Quadrocopters von Sandkörnern, indem er leicht darüberpustete, und verstaute ihn anschließend in seinem Rucksack.

Lasse stellte sich neben seinen Freund und legte den Kopf in den Nacken.

»Wow, das Teil fliegt ganz schön hoch. Pass bloß auf, dass du bei dem Wind nicht ins Trudeln gerätst.«

Niels-Arne grinste. »Die Versicherung gab es zum Geschenk dazu. Aber ich mache jetzt ohnehin Schluss. Der Akku ist bald leer.« Er leitete den Sinkflug ein.

Der Punkt am Himmel wurde tennisballgroß, schwebte über der Strandzunge, die über hundert Meter weit in die Förde hinausragte.

»Scheiße, was ist das?!« Lasse zeigte auf den Handybildschirm am Controller.

Niels-Arnes Blick folgte seinem Finger. Auf halber Höhe der Strandzunge lag ein tropfnasses Kleiderbündel. »Sieht aus, als hätte jemand seine Klamotten liegen gelassen.«

Eine Windböe brachte die Predator ins Schwanken, und die Bilder auf dem Display wurden unscharf.

»Ich gehe noch ein Stück runter.«

Die Aufnahme wurde deutlicher. Etwas Weißes ragte aus dem Bündel heraus. Hände.

»Das sind nicht nur Klamotten«, flüsterte Lasse. »Da liegt ein Mensch.«

Wortlos betätigte Niels-Arne die Steuersticks seines Controllers. Sein Mund war trocken, und sein Herz klopfte wie verrückt.

Wenige Sekunden später landete die Drohne sicher neben ihm im Sand. Erst jetzt sah er Lasse an. Im Gesicht des Freundes spiegelte sich seine eigene Angst. Schnell wandte er den Blick wieder ab. Er nahm sein Handy aus der Halterung am Controller, spulte am Display die Filmsequenz zurück und zoomte die Bilder heran.

Die Person lag mit dem Rücken im Wasser, die Beine ausgestreckt im Sand. Jeans. Ein dunkler Parka. Schlammverschmiert. Schulterlange Haare von undefinierbarer Farbe. Kleine Wellen spülten Schaumkronen über ein blasses Gesicht.

Niels-Arne starrte mit offenem Mund auf den Bildschirm. Er war unfähig, sich zu bewegen, wünschte sich für einen Moment, die Drohne nie bekommen zu haben.

»Vielleicht können wir helfen.« Lasse rannte los.

Eine Möwe kreischte am Himmel, landete neben dem menschlichen Kleiderbündel im Sand.

Niels-Arne löste sich aus seiner Erstarrung und lief seinem Freund hinterher, holte ihn ein und packte ihn am Arm. »Warte! Wer immer da liegt, ist tot.« Das Herz schlug ihm mittlerweile bis zum Hals.

Lasse fuhr herum. »Woher willst du das wissen?!«

Niels-Arne zeigte auf die Möwe, die gerade näher an den Körper heranhüpfte und ausgiebig in den Gesichtsbereich pickte.

Lasse heulte auf. »Oh Gott, ist das eklig!« Rotz und Tränen liefen ihm übers Gesicht, als er sich abwandte.

Am Himmel kreisten weitere Möwen. Dunkle Wolken schoben sich vor die Sonne. Niels-Arne griff zum Handy.

2. Kapitel

Esbjerg, Dänemark

Seine Lunge brannte, und die Oberschenkel schmerzten, trotzdem zog er das Tempo an. Schritt für Schritt. Schneller laufen, weniger denken. Erinnerungen ausblenden.

Rasmus fand seinen Rhythmus, konzentrierte sich auf seine Atmung, seine Muskeln, seinen Pulsschlag. Am Ende des Deichs lief er die flachen Stufen einer kleinen Anhöhe hinauf. Oben thronte eine neun Meter hohe Skulpturengruppe aus weißem Beton. Vier Figuren in starrer Haltung, mit den gleichen Köpfen und unergründlichen Mienen. Der Mensch am Meer stammte von dem Bildhauer Svend Wiig Hansen und begrüßte Reisende, die vom Meer her nach Esbjerg kamen.

Rasmus gönnte sich eine kurze Verschnaufpause. Er lehnte sich gegen den Sockel der äußeren Figur und atmete tief durch, sog die klare Luft in jeden Winkel seiner Lunge. Das Wasser der Nordsee glitzerte im Sonnenlicht. Küste und Meer, so weit das Auge reichte. Hinter seinem Rücken lag die fünftgrößte Stadt Dänemarks.

Esbjergs Industrie- und Hafenanlage sowie die Bauwerke waren kaum älter als hundert Jahre und mehr Handels- als Touristenzentrum. Neben dem Torvet, dem zentralen Platz der Stadt, beherbergte das Zentrum das Esbjerg-Museum mit nachgebautem Wikingerhaus sowie die längste Fußgängerzone Jütlands.

Rasmus konnte nicht behaupten, dass er die Stadt besonders mochte. In seinen Augen fehlte es ihr an Flair. Das einzig Reizvolle war die Lage am Wattenmeer.

Er setzte sich wieder in Bewegung. Vierzig Minuten später erreichte er durchgeschwitzt und mit brennender Lunge seinen VW-Bus am Campingplatz. Es war eine vorübergehende Lösung. Bis er wusste, wie es weiterging. Mit seinem Job. Mit seinem Leben.

Der Bulli war hellblau, alt und verrostet, doch die einzige bezahlbare Option. Bis zu einhundertachtzig Prozent Zulassungssteuer kassierte der dänische Staat für den aktuellen Verkehrswert eines Autos beim Erwerb, zuzüglich zum Kaufpreis. Die Anschaffung eines Neufahrzeugs war ausschließlich den Reichen vorbehalten.

Rasmus öffnete die seitliche Schiebetür des Busses, schnappte sich die Kleidung, die er am Vortag in der Münzwäscherei gereinigt hatte, sowie seinen Kulturbeutel samt Handtuch und steuerte die Waschräume an.

Als die warmen Wasserstrahlen auf seine Schultern niederprasselten, begann er sich zu entspannen. Die letzten Monate waren die Hölle gewesen. Er war innerlich zerrissen, rastlos, spürte sich nicht mehr. Alles hatte sich geändert. Eine neue Stadt, ein neuer Job und trotzdem keine Perspektive. Er schlief, er arbeitete, er aß. Und wenn die Verzweiflung ihn einholte, ging er laufen. Laufen war das Einzige, was half, um zu vergessen und zur Ruhe zu kommen. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer.

Die Kollegen seiner neuen Dienststelle verhielten sich ihm gegenüber reserviert. Das war ihnen nicht zu verdenken. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Er war der prügelnde Bulle mit dem toten Sohn. Doch zumindest stellten sie keine Fragen.

Er stieg aus der Dusche, trocknete sich sorgfältig ab und schlüpfte in schwarze Jeans und ein schwarzes Hemd. Zurück am Bus, zündete er sich eine Zigarette an, griff nach seinem Geldbeutel und machte sich auf den Weg zum Kiosk.

Rasmus hatte sich gerade einen Kaffee geholt, als sein Handy klingelte. Die Einsatzzentrale der Polizei Esbjerg. Sein Dienst begann erst in einer halben Stunde, wenn man ihn also vorher anrief, musste es um einen Leichenfund gehen. Er nahm das Gespräch an.

»Hej, Rasmus«, meldete sich der diensthabende Einsatzleiter. »Padborg hat sich gemeldet. Am Kollunder Strand wurde eine Leiche gefunden. Eine Streife ist bereits vor Ort. Soll dich jemand abholen?«

»Nicht nötig«, sagte Rasmus. »Ich fahre selbst.« Es ging niemanden an, wie und wo er hauste.

»In Ordnung. Hej, hej.« Der Einsatzleiter legte auf.

Rasmus klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen, stellte den Kaffeebecher in die Halterung neben dem Steuerknüppel und schwang sich auf den Fahrersitz.

Kollund lag etwas über hundert Kilometer entfernt an der südöstlichen Küste Jütlands, nahe der deutschen Grenze. Etliche Jahre zuvor war er einmal zum Segeln dort gewesen. Doch das war in einem anderen Leben.

Er steckte den Zündschlüssel ins Schloss. Der Motor röhrte kurz, dann sprang er an.

Die Kollegen der deutsch-dänischen Streife, die im Grenzgebiet im Einsatz war, hatten den Tatort bereits weiträumig abgesperrt, als Rasmus seinen VW-Bus auf dem Seitenstreifen der Küstenstraße abstellte.

Während die Landschaft an der Westküste flach und mit unendlichen Dünenketten und breiten Sandstränden gesäumt war, bevölkerten zahlreiche Hügel, Mischwälder, Buchten und vorgelagerte Inseln den Südosten Jütlands.

Der Küstenabschnitt am Kollunder Strand war wenig besiedelt. Hübsche Sommerhäuschen und Villen mit gepflegten Gärten schmiegten sich an die grünen Hügel. Hinter der Küstenstraße lud ein Naturstrand mit seicht abfallendem Wasser zum Verweilen ein, auf den Wellen der Förde wippten zahlreiche Segelboote.

Einzig das rot-weiße Absperrband, hinter dem sich etliche Urlauber und Journalisten drängelten, und die Kriminaltechniker, die in ihren Schutzanzügen am Strand Spuren sicherten, störten die Idylle.

Rasmus steuerte die kleine Gruppe an, die neben dem Einsatzwagen der deutsch-dänischen Streife auf dem Parkplatz stand. Eine rothaarige Polizistin in deutscher Uniform, neben ihr zwei blonde Jungen mit Rucksäcken, die Gesichter vor Aufregung gerötet, und ein besorgt dreinblickendes Paar um die vierzig.

Er zückte seinen Dienstausweis. »Rasmus Nyborg von der Polizei Esbjerg.«

»Vickie Brandt. Bundespolizeiinspektion Flensburg«, stellte sich die Streifenbeamtin vor. Ihr mit Sommersprossen übersätes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Sie deutete mit der Hand auf den kleineren der beiden Jungen. Semmelblond mit Lausbubengesicht. »Das ist Niels-Arne«, ihre Hand wanderte zu den anderen Personen, »seine Eltern, und der junge Mann hier ist Lasse. Die beiden haben den Fund der Polizei gemeldet. Zeigst du ihm dein Handy, Niels-Arne?«

Der Junge, der kaum älter als zwölf sein konnte, reichte Rasmus sein Smartphone. »Einfach auf ›Play‹ drücken.« Aus den Augenwinkeln beäugte er den Polizisten.

Rasmus sah sich die kurze Filmsequenz an. Eine Luftbildaufnahme, leicht unscharf, viel Wasser und ein Teil der Landzunge, die in die Förde hinausragte. Eine tropfnasse Gestalt, halb im Wasser liegend, die jene Stille ausstrahlte, die toten Geschöpfen zu eigen war.

Er wandte sich an die beiden Jungen. »Seid ihr hingegangen?«

Zeitgleiches Kopfschütteln, knallrote Gesichter.

»Hör mal«, mischte sich Niels-Arnes Vater ein. »Die Jungs sind völlig durch den Wind, und wir würden gerne endlich gehen.«

Rasmus hob abwehrend die Hand. »Gleich.« Und an die Jungen gewandt: »Habt ihr irgendetwas angefasst?«

»Nein«, meldete sich erstmals Lasse zu Wort. »Ich bin hingelaufen, aber dann kamen die Möwen. Sie haben …« Er brach ab. Seine Schultern bebten.

»Jetzt reicht es aber!« Der Vater legte dem Jungen schützend den Arm um die Schulter. »Wir wohnen dort hinten am Hügel.« Er zeigte auf ein weißes Reetdachhaus mit Fahnenmast und Dannebrog, der dänischen Nationalflagge. »Kommt einfach vorbei, wenn ihr noch etwas wissen möchtet.« Schnurstracks wandte er sich um und ging mit Kindern und Frau davon.

Vickie Brandt wandte sich an Rasmus. »Ich habe die Personalien aufgenommen und die Jungen befragt. Abgesehen von der Leiche, ist den beiden nichts aufgefallen.«

Rasmus nickte und ging zurück zum Bus, um sich Schutzkleidung überzustreifen. Anschließend stapfte er über den Strand. Er zeigte dem dänisch uniformierten Streifenbeamten, der die Schaulustigen in Schach hielt, seinen Dienstausweis und schlüpfte unter dem Absperrband hindurch.

Rasmus folgte dem von der Spurensicherung angelegten Trampelpfad zur Sandbank, die wie eine kleine Halbinsel im Wasser lag. Auf halber Höhe kniete ein Spurentechniker am Boden und versperrte ihm die Sicht auf die Leiche.

Rasmus trat näher. »Hej.«

Der Kriminaltechniker erhob sich, und Rasmus erkannte Henrik Knudsen, den Chef der Spurensicherung, anhand seiner buschigen Brauen und dunklen Knopfaugen, die zwischen Kapuze und Mundschutz hervorlugten.

»Hej, Rasmus.« Knudsen trat beiseite und gab die Sicht auf die Leiche frei.

Die Tote trug Jeans, Turnschuhe und einen tropfnassen Parka. Um die im Wasser liegenden Arme hatte sich Seetang gelegt. Bleiche zarte Hände mit Waschhautbildung stachen unter den Jackenärmeln hervor. Auf der Kleidung klebten Sandkörner, dazu waren winzige, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbare Bewegungen zu erkennen. Wasserinsekten, die den Leichnam besiedelten und ihre Larven ablegten. Einige schlammverklebte Haarsträhnen bedeckten das Gesicht der Frau, das nur an wenigen Stellen unversehrt geblieben war. Die Stirn klaffte wie ein geöffneter Reißverschluss auseinander. Eine einzige fleischige Wunde. Große Teile des Weichgewebes und ein Auge fehlten. Möwenfraß.

Rasmus schluckte. Trotz der vielen Jahre in seinem Job wurden Momente wie dieser nie zur Routine. Er hatte gelernt, seine persönlichen Gefühle zurückzustellen; dennoch begleitete ihn der Anblick jeder neuen Leiche für lange Zeit. Einige der Toten wurden zu Geistern in seinem Kopf und tauchten noch Jahre später in den unpassendsten Momenten wieder auf. Schon jetzt spürte er, dass die Tote am Strand einen besonderen Stellenwert einnehmen würde. Sie war zu jung zum Sterben, und ihre Zartheit rührte ihn an. Was war passiert, dass ihr Leben ausgerechnet hier endete, in dieser scheinbaren Idylle?

»Kein schöner Anblick.« Knudsen bückte sich und inspizierte die linke Oberkörperhälfte.

In Brusthöhe tat sich ein Loch im Gewebe des Parkas auf. Drum herum war ein etwa zwei Millimeter breiter Ring zu sehen, der vermutlich auf Geschossanhaftungen zurückzuführen war.

Rasmus trat näher. »Sieht aus wie eine Einschussöffnung.«

»Das ist es auch«, bestätigte Knudsen, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Die Frau wurde erschossen.«

Aus weiter Ferne war ein Grollen zu hören.

Rasmus blickte besorgt zum Himmel. Dunkle Wolken türmten sich bedrohlich übereinander, und Nieselregen setzte ein.

Er fluchte. Das dänische Wetter war unberechenbar. Blieb nur zu hoffen, dass der Himmel nicht in Kürze sämtliche Schleusen öffnete und die Spuren am Tatort davonspülte. Über ihren Köpfen kreisten Möwen. Aasfresser, die nur darauf warteten, ihrer Beute habhaft zu werden.

»Die Leiche sollte möglichst schnell geborgen werden«, sagte Rasmus. »Bald steht hier alles unter Wasser.«

»Wir warten noch auf die Rechtsmedizin.«

»Wartet lieber nicht zu lange. Gibt es schon einen Hinweis auf ihre Identität?«

Knudsen griff mit seiner behandschuhten Hand in eine der Seitentaschen des Parkas und beförderte im nächsten Augenblick einen Schlüsselbund und eine Packung Taschentücher zutage. Beide Funde tütete er sorgfältig ein, ehe er aus der anderen Seitentasche eine Geldbörse herauszog. Er gab sie an Rasmus weiter und begann damit, Mikrospuren am Parka mithilfe von Klebeband zu sichern.

Rasmus inspizierte die Geldbörse. Der Inhalt war weitestgehend trocken geblieben. Ein Zwanzigeuro- und ein Hundertkronenschein, Münzen in deutscher und dänischer Währung. Kein Ausweis, kein Führerschein, keine Bankkarte. Kein einziges Dokument mit CPR-Nummer, der Identifikationsnummer vom zentralen Personenregister, die jeder Däne wenige Minuten nach der Geburt erhielt und die ihn für den Rest seines Lebens begleitete. Ob Steuererklärung, Pass, Führerschein, Telefonanschluss oder Umzug, medizinische Behandlung, Kauf eines Sommerhauses oder Antrag für einen Krippenplatz, ohne CPR-Nummer war in Dänemark nichts möglich.

Statt Ausweispapieren fand Rasmus in den Fächern der Geldbörse eine Hin- und Rückfahrkarte von Flensburg nach Padborg mit dem Datum vom Vortag, den Kassenbon eines Flensburger Supermarktes und eine Bonuskarte für Fischbrötchen.

Er seufzte.

Knudsen blickte auf. »Probleme?«

»Offenbar wohnte die Tote in Deutschland. Ich werde Padborg benachrichtigen.« Rasmus griff nach seinem Handy und wählte die Nummer des GZ Padborgs, dem gemeinsamen Zentrum der deutsch-dänischen Polizei. In knappen Worten schilderte er dem Beamten die Sachlage und bat darum, die Mordkommission in Flensburg zu verständigen.

»Das GZ kümmert sich darum, dass die Deutschen jemanden herschicken«, informierte er Knudsen, sobald er das Gespräch beendet hatte. »Hoffentlich kommen die, ehe uns hier alles wegschwimmt.«

3. Kapitel

Flensburg, Deutschland

Kriminalhauptkommissarin Vibeke Boisen stand auf der Leiter und strich mit dem Pinsel die Ecken ihrer Wohnzimmerwand. Der Ton nannte sich Birkengrün und versprach laut Hersteller, ein Gefühl der Ruhe zu vermitteln, den Geist zu beleben und die Kreativität anzuregen. Helles Grün galt zudem als Symbol für den Neuanfang im Kreislauf der Natur. Zumindest Letzteres traf zu. Ein Neuanfang. Die vergangenen sechzehn Jahre hatte sie in Hamburg gelebt. Drei Jahre Studium an der Polizeihochschule, weitere fünf Jahre bei einem Kommissariat und beim Kriminaldauerdienst, ehe sie schließlich mit Mitte zwanzig beim LKA 41, dem Fachkommissariat für Tötungsdelikte, gelandet war. Im vorletzten Jahr war sie zur Hauptkommissarin und Stellvertreterin des Teamleiters ernannt worden, und jeder, eingeschlossen sie selbst, war davon ausgegangen, dass sie in die Fußstapfen ihres Chefs treten würde, sobald er in den wohlverdienten Ruhestand ging.

Doch es war anders gekommen. Innerhalb von vier Wochen hatte sie nicht nur ihr schnuckeliges Apartment in Hamburg-Eppendorf gegen einen renovierungsbedürftigen Altbau in der Flensburger Altstadt getauscht, sondern auch ihren Arbeitsplatz. Seitdem redete sie sich ein, dass Flensburg kein Rückschritt war – schließlich beinhaltete der Jobwechsel gleichzeitig eine Beförderung –, sondern schlichtweg das Vernünftigste. Und Vibeke tat meistens das Vernünftigste. Zumindest in den Augen derer, die sie zu kennen glaubten. Sie war immer Profi. Fleißig, funktionierend, kontrolliert. Jemand, der es anderen überließ, Gefühle nach außen zu tragen und Fehler zu begehen. Sie ahnte, dass man in ihr die Langweilerin sah, die sich engstirnig, fast schon fanatisch an Regeln hielt. Niemand wusste, dass sie sich im Inneren wie eine einsame Wölfin fühlte. Und das aus gutem Grund.

Sie tauchte den Pinsel ein weiteres Mal in den Farbeimer, der auf der Abstellfläche der Leiter stand, und fuhr damit fort, die Ecke zu streichen. Das Wohnzimmer sollte am Abend fertig sein. Dann blieb ihr noch das ganze Wochenende für den Rest der Wohnung. Das war zumindest der Plan. Wenn sie sich im Raum umsah, bezweifelte sie allerdings, ob sich das bewerkstelligen ließ. An zwei Wänden stapelten sich die unausgepackten Umzugskartons bis unter die Decke. Auf dem Esstisch standen noch immer die Überbleibsel der kleinen Einweihungsparty, die sie am gestrigen Abend spontan mit ihren beiden besten Freundinnen gefeiert hatte. Wasser- und Weingläser, leere Flaschen und Pizzakartons. Eigentlich waren Kim und Nele nur kurz vorbeigekommen, um auf Vibekes Rückkehr in die alte Heimat anzustoßen, aber dann waren die drei Frauen in alten Erinnerungen schwelgend auf dem Sofa versackt.

Sie kannten sich seit der siebten Klasse. Nele, damals ein spindeldürrer Rotschopf mit Sommersprossen, hatte neben Vibeke im Informatikkurs gesessen und immer ein kleines schwarzes Notizbuch mit sich herumgeschleppt, in dem sie alles notierte, was um sie herum passierte. Heute war sie eine erfolgreiche Journalistin mit taillenlanger Mähne und eine jener Frauen, nach der sich sämtliche Männer die Hälse verrenkten. Kim, die ihr exotisches Aussehen von ihrer aus Hongkong stammenden Mutter geerbt hatte, war an Vibekes zwölftem Geburtstag ins Nebenhaus gezogen. Ein schüchternes Wesen, das mit ihrer gleichaltrigen Nachbarin die Vorliebe für Kampfsport teilte, ein Hobby, das sie bis heute verband. Vibeke hatte den Abend mit den Freundinnen genossen. Vergnügliche Stunden, in denen ihre Sorgen vergessen waren.

Auf dem Esstisch klingelte ihr Handy. Sofort stieg ihr Puls. Hoffentlich war es nicht das Krankenhaus, in dem ihr Vater lag. Jeder Anruf von dort konnte schlechte Nachrichten bringen. Sie legte den Pinsel auf dem Abstreifgitter des Farbeimers ab und stieg die Leiter hinunter. Erleichtert stellte sie mit einem Blick aufs Display fest, dass es nicht die Intensivstation war. Die Nummer gehörte ihrer neuen Dienststelle. Mit ihrem Vorgesetzten war abgesprochen, dass sie ihren Job als Teamleiterin der Mordkommission erst nach dem Wochenende antreten würde, vorausgesetzt, es geschah bis dahin nichts Unvorhergesehenes. Den Dienstausweis hatte man ihr vorsorglich schon ein paar Tage zuvor ausgehändigt.

»Kriminalkommissar Wagner«, meldete sich ein Mitarbeiter ihrer Abteilung. »Entschuldigen Sie, falls ich störe. Ich weiß, Sie fangen eigentlich erst Montag an, aber … vielleicht …« Er rang nach den passenden Worten.

»Warum rufen Sie an, Herr Wagner?« Vibekes Blick fiel auf den Farbeimer. Sie ahnte bereits, dass sie weder die Wand, geschweige denn das komplette Wohnzimmer an diesem Tag zu Ende streichen würde.

Der Beamte kam endlich zur Sache. »Das GZ Padborg hat angerufen. Ein Leichenfund am Kollunder Strand. Der dänische Ermittler sagt, die Tote hätte vermutlich in Deutschland gelebt, und bittet um unsere Unterstützung. Ich dachte, Sie möchten vielleicht darüber informiert werden.«

Vibeke langte nach dem Stift und dem Pizzaprospekt auf dem Esstisch. »Geben Sie mir die Adresse der Fundstelle und den Namen des Ermittlers, der vor Ort ist.«

»Sie wollen da selbst hinfahren?« Wagner klang überrascht. »Herr Holtkötter ist zurzeit nicht erreichbar, aber ich könnte sofort starten.«

Als Vibeke nicht antwortete, gab er ihr hastig die gewünschten Informationen durch.

Sie notierte die Adresse auf dem Pizzaprospekt. »Informieren Sie Padborg, sie sollen die Leiche liegen lassen. Es darf nichts verändert werden. Spätestens in einer halben Stunde bin ich vor Ort.« Sie legte auf, machte den Farbeimer zu und schnappte sich die Autoschlüssel.

Es schüttete wie aus Eimern, als Vibeke fünfundzwanzig Minuten später den Parkplatz am Strand von Kollund erreichte.

Sie stellte ihren Wagen neben einem silbernen Kombi ab, schlüpfte in ihre Regenjacke, die sie immer auf dem Rücksitz parat hielt, und stieg aus. Ein Stück weiter die Straße entlang stand ein alter blauer Bulli auf dem Seitenstreifen. Offensichtlich gab es auch in Dänemark Leute, die lieber dort parkten, wo es ihnen am besten in den Kram passte, anstatt die vorgesehenen Parkplätze zu nutzen. Vermutlich einer dieser Surfertypen, die den Küstenabschnitt als ihr Revier ansahen. Ihr Blick glitt weiter zum Strand, doch hinter dem flatternden Absperrband war kaum etwas auszumachen. Es war die reinste Waschküche.

Sie beeilte sich, zu den Einsatzfahrzeugen ihrer dänischen Kollegen zu kommen. In einem Transporter saßen eine Streifenpolizistin in deutscher Uniform und ein hagerer, schwarz gekleideter Mann.

Vibeke klopfte gegen das Seitenfenster, das einen Spalt weit offen stand. »Hallo. Vibeke Boisen von der Mordkommission Flensburg.«

Der Hagere schob die Tür auf. »Das wird auch Zeit.«

Er sprach deutsch, wie die meisten Dänen in der Grenzregion. Auch Vibeke beherrschte die Sprache des Nachbarlandes seit ihrer Schulzeit.

»Sie müssen Rasmus Nyborg sein.« Sie schob sich auf die hintere Sitzbank und musterte ihn.

Blaugraue Augen in einem markanten Gesicht. Dreitagebart, zurückgehender Haaransatz über einer hohen Stirn, ein intensiver, herausfordernder Blick. Ein Rebell, dachte Vibeke. Er erinnerte sie an Lars Mikkelsen, den älteren der dänischen Schauspielbrüder, für den ihre Freundin Kim seit Jahren schwärmte.

»Vickie Brandt«, stellte sich die rothaarige Streifenbeamtin vor und lächelte sie dabei an. »Bundespolizeiinspektion Flensburg. Ich war zusammen mit meinen Kollegen als Erstes vor Ort. Die sichern den Zugang zum Tatort.«

Rasmus Nyborg fasste für Vibeke die Ereignisse der letzten Stunden in knappen Worten zusammen.

»Die Leiche ist bereits auf dem Weg in die Rechtsmedizin«, schloss er seinen Bericht.

Vibeke fixierte ihren dänischen Kollegen. »Ich hatte darum geben, dass die Tote an Ort und Stelle bleibt. Um mir selbst ein Bild von der Auffindesituation zu verschaffen.«

»Dafür hättest du eher hier sein müssen.« Rasmus Nyborg stieg gebückt aus dem Transporter.

Irritiert, dass der Däne sie einfach duzte, folgte Vibeke ihm ins Freie. Rasmus Nyborg war fast anderthalb Köpfe größer als sie selbst.

Die Wolkendecke riss auf, und es hörte schlagartig auf zu regnen.

»Komm«, forderte der Ermittler sie auf. »Du wolltest dir doch einen Eindruck verschaffen.«

Er tat es schon wieder. Natürlich war Vibeke bekannt, dass in Dänemark bis auf die Königsfamilie jeder geduzt wurde. Allerdings wussten die Dänen, dass in Deutschland das förmlichere Sie galt. Doch wie es aussah, gab Nyborg nicht viel auf Konventionen.

Er schien ihre Gedanken zu erraten. »Wenn das mit dem Duzen für dich ein Problem ist, können wir das auch lassen.« Ein spöttischer Zug erschien um seinen Mund.

»Nein, das geht schon in Ordnung«, versicherte Vibeke, um die Zusammenarbeit mit dem dänischen Kollegen nicht gleich zu Beginn zu beeinträchtigen.

Insgeheim fand sie das gebräuchliche Du der Dänen gewöhnungsbedürftig. Ihr selbst käme es nie in den Sinn, den Polizeidirektor zu duzen, doch sie hielt sich mit ihrer Meinung zurück.

Rasmus Nyborg steuerte auf den abgesperrten Strandbereich zu. Sie schlüpften hinter dem Absperrband an einigen Schaulustigen vorbei, die ihre Smartphones auf die Kriminaltechniker in ihren Schutzanzügen richteten. Dabei hatte Vibeke Mühe, mit dem Dänen Schritt zu halten. Sie nahmen den freigegebenen Trampelpfad bis zu einer schmalen Landzunge, die etwa hundert Meter hinaus in die Förde ragte. Auf halber Höhe steckten Spurenziffern im Sand, die die Fundstellen der aufgefundenen Spuren dokumentierten.

Eine Windböe fegte von der Förde an Land, peitschte das Wasser weit an den Strand. Vibeke schmeckte Salz auf ihren Lippen. Sie richtete den Blick auf die Farbspraymarkierung, die den Lageort der Leiche kennzeichnete.

»Gibt es Videoaufnahmen, die ich mir später ansehen kann?«

Nyborg nickte, ohne einen Ton zu sagen.

Vibeke sah zur gegenüberliegenden Uferseite. Auf einem Gebäude in der Ferne erkannte sie die deutsche Flagge. »Wohin wurde die Leiche gebracht? Ich würde sie mir gerne ansehen.«

»In die Rechtsmedizin nach Odense. Hej, Henrik.« Nyborg winkte einen Kriminaltechniker heran.

Ein schmaler, drahtiger Mann mit buschigen Augenbrauen und dunklen Knopfaugen, die Vibeke freundlich entgegensahen.

»Henrik Knudsen, Chef der Spurensicherung«, stellte Nyborg den Kriminaltechniker vor. Er deutete auf Vibeke. »Und das ist die Kollegin aus Deutschland. Vibeke Boisen.«

»Boisen?« Knudsen lüpfte seinen Mundschutz und musterte sie interessiert. »Ich hatte mal mit einem Werner Boisen von der Flensburger Polizei zu tun. Ist aber schon einige Zeit her.«

Vibekes Kehle wurde eng. »Das ist mein Vater.«

»Guter Mann.« Knudsen nickte beifällig und wandte sich dann an den dänischen Ermittler. »Wir packen hier gleich zusammen. Was wir konnten, haben wir gesichert. Viel Auswertbares ist nicht dabei. Das Wasser hat einiges weggespült.«

»Kann man schon sagen, ob Fundort und Tatort identisch sind?«, fragte Vibeke.

»Es hat den Anschein«, erwiderte Knudsen. »Wir haben weder Schleifspuren gefunden, noch sieht es so aus, als ob die Tote bewegt wurde. Dass die Leiche angeschwemmt wurde, schließe ich ebenfalls aus. Sie wäre sonst in einem anderen Zustand. Letzte Gewissheit kann euch allerdings nur die Rechtsmedizin geben. Ich mache jetzt weiter, ihr kriegt den Bericht dann morgen früh.« Er lächelte Vibeke an. »Hat mich gefreut. Schönen Gruß an Werner.«

Sie ignorierte die Enge in ihrem Hals und erwiderte das Lächeln des Kriminaltechnikers.

»Wir sollten nach Padborg fahren«, sagte Nyborg, als Knudsen sich entfernt hatte.

Vibeke sah zu den Häusern am Hügel. »Wurden die Anwohner schon befragt?«

»Das machen die Kollegen. Das GZ hat uns ein Team zusammengestellt. Springer aus umliegenden Dienststellen, die für solche Fälle zur Unterstützung herangezogen werden.« Der Däne musterte sie von der Seite. »Ich nehme an, du bist mit dem Auto da?«

Sie nickte.

»Gut, dann treffen wir uns in Padborg.« Er deutete auf ihre Wange. »Ist das eigentlich Grün?«

»Birkengrün«, murmelte Vibeke, doch der Ermittler hatte ihr bereits den Rücken zugedreht und stapfte durch den Sand.

Irritiert beobachtete sie, wie er den hellblauen Bulli am Straßenrand ansteuerte und dort einstieg.

4. Kapitel

Kruså, Dänemark

Es war kurz nach eins, und sie war schon wieder müde. Agnes Jørgensen sah aus dem Küchenfenster. Gerade riss die Wolkendecke auf. Sie mochte den Sommer, wenn die Tage wärmer wurden und alles blühte. Alles wirkte gleich viel heller. Auch in ihr drinnen.

An diesem Tag fühlte sie sich jedoch wie zerschlagen. Sie hatte schlecht geschlafen. Wieder einmal. Stunde um Stunde hatte sie sich im Bett gewälzt, während Leif neben ihr schnarchte. Vielleicht lag es an den neuen Medikamenten. Sie machten nicht nur unruhig, sondern vernebelten ihr auch ein wenig das Gehirn, aber zumindest nahmen sie ihr die Schmerzen. Doch die würden wiederkommen. Früher oder später.

Ihr Kater strich um ihre Beine, schnurrte und drückte sein Köpfchen gegen ihre Füße. Er war auf Nahrungssuche. Wie immer. Agnes bückte sich, um ihm über das seidige rote Fell zu streicheln. Als sie wieder hochkam, erfasste sie Schwindel. Schwer atmend beugte sie sich über die Spüle. Sie griff nach dem Glas, das am Beckenrand stand, ließ kaltes Wasser hineinlaufen und trank es mit hastigen Schlucken. Langsam ließ der Schwindel nach.

Sie drehte das Radio auf, zog die Schüssel mit den Kartoffeln zu sich heran und holte ein Schälmesser aus der Küchenschublade. Während der Arbeit lauschte sie dem Nachrichtensprecher. Die Regierung plante, das Rentensystem zu überarbeiten. Zudem stand die steuerfreie Auszahlung der Efterløn-Beiträge, dem Vorruhestandsgeld, wieder zur Debatte, und die Königsfamilie würde in Kürze zum alljährlichen Familienurlaub in ihre Sommerresidenz Schloss Gravenstein aufbrechen, das nur zwanzig Kilometer von Kruså entfernt an der Südostküste Jütlands lag. Agnes fand es sehr bodenständig, dass die Royals Urlaub im eigenen Land einem Luxusort am Mittelmeer vorzogen, und sie freute sich auf die königlichen Fotos, die in wenigen Tagen in sämtlichen Tages- und Boulevardzeitungen zu sehen sein würden.

Der Nachrichtensprecher senkte die Stimme und berichtete, dass in den frühen Morgenstunden eine Tote am Kollunder Strand gefunden worden sei. Agnes spürte einen stechenden Schmerz. Blut quoll aus einem ihrer Finger. Sie hatte sich geschnitten.

Schnell stellte sie den Wasserhahn an und hielt ihren pochenden Finger darunter, während sie gleichzeitig versuchte, den Worten aus dem Radio zu folgen. Eine Tote. Ganz bei ihr in der Nähe.

Der Nachrichtensprecher war schon beim Wetter. Agnes presste ein sauberes Tuch auf die Schnittwunde, suchte mit der freien Hand nach einem Pflaster in der Schublade.

Als der Schnitt schließlich versorgt war, schob sie die Kartoffeln und das Schälmesser beiseite. Ihre Gedanken waren bei der Toten. Bei ihrer Familie und ihren Freunden. Entsetzlich, was jetzt auf die Angehörigen zukam. Ein furchtbarer Schock, der ihr gesamtes Leben von einem Moment auf den anderen verändern würde. Jeder einzelne von ihnen musste lernen, mit dem Verlust umzugehen, Abschied zu nehmen, um den Tod irgendwann akzeptieren zu können. Doch ehe es so weit war, würden sich andere, unvermeidliche Dinge abspielen. Tiefe Verzweiflung, Selbstvorwürfe, Schuldzuweisungen. All das gehörte zum Trauerprozess. Viele Familien zerbrachen daran. So wie ihre.

Padborg, Dänemark

Das GZ Padborg, gemeinsames Zentrum der deutsch-dänischen Polizei- und Zollzusammenarbeit, wurde 2004 als Bürogemeinschaft an der Landesgrenze eingerichtet, um die Bekämpfung der internationalen, grenzüberschreitenden Kriminalität zu verbessern. Ende 2013 wurde die Zusammenarbeit um ein Analyseteam erweitert, seit September 2014 fuhren zudem bewaffnete Polizisten beider Länder in ihrer jeweiligen Uniform gemeinsam Streife im Grenzgebiet. Das Operationsgebiet reichte von der Landesgrenze fünfundzwanzig Kilometer nach Dänemark und dreißig Kilometer nach Deutschland hinein. Die alltäglichen Einsätze des GZ fielen in die Bereiche Personen- und Sachfahndungen, Drogenschmuggel, unerlaubte Migration sowie grenzüberschreitende Eigentumskriminalität. Tötungsdelikte hingegen waren die Ausnahme.

Die Büroräume des gemeinsamen Zentrums waren in einem zweistöckigen Backsteingebäude im Padborger Industriegebiet untergebracht, versteckt zwischen zahlreichen Speditionen, LKW-Abstellplätzen und Industriehallen. Ein leer stehendes Büro war für die Ermittler kurzerhand zur Einsatzzentrale umfunktioniert worden. Tische wurden zusammengeschoben, Stühle, Computer und Telefone aufgestellt. An einem Whiteboard hingen Fotos der Leiche, an der Wand eine deutsch-dänische Landkarte. Jemand hatte eine Kaffeekanne und Becher auf dem Tisch platziert.

Als Rasmus mit Vibeke Boisen im Schlepptau eintraf, saßen bereits vier Personen mit erwartungsvollen Gesichtern im Raum.

Rasmus ergriff das Wort. »Wenn die deutschen Kollegen nichts dagegen haben, würde ich vorschlagen, dass wir uns alle duzen.« Einstimmiges Nicken. »Mein Name ist Rasmus Nyborg von der Mordkommission Esbjerg. Meine Kollegin Vibeke Boisen von der Flensburger Polizei und ich leiten die Ermittlungen. Formal gesehen ist Eva-Karin Holm, Abteilungsleiterin der Polizei Esbjerg, die Chefin der Gruppe, und ich werde ihr deshalb regelmäßig Bericht erstatten. Die deutschen Kollegen unterstehen weiterhin ihren jeweiligen Dienststellen. Da wir alle aus unterschiedlichen Behörden stammen, schlage ich eine kurze Vorstellungsrunde vor.«

Vibeke Boisen ergriff als Erste das Wort. Knapp umriss sie ihren beruflichen Werdegang für die Anwesenden und übergab anschließend an Sören Molin, einen Hünen mit Vollbart und Baritonstimme. Er war von der Polizei Sønderborg und nicht nur ein leidenschaftlicher Fußballspieler, sondern auch ein bekennender Pragmatiker. Pernille Larsen, eine dunkelhaarige Schönheit mit markanten Brauen und einer charmanten Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, kam ebenfalls von der dänischen Polizei und verriet, dass sie am liebsten mit Akten arbeitete. Der Dritte im Bunde war Luís Silva, ein portugiesischer Informatiker mit deutscher Polizeiausbildung, der seit einem Unfall im Rollstuhl saß und allen Anwesenden umgehend erklärte, dass seine körperlichen Einschränkungen lediglich seine Beine betrafen, nicht seinen Kopf. Er arbeitete bereits seit mehreren Jahren beim GZ, hauptsächlich im Bereich Kfz-Fahndung. Jens Greve, ein hellhäutiger Brillen- und Anzugträger von der Landespolizei Schleswig-Holstein, komplettierte das Ermittlungsteam. Er sprach eigentümlich hochgestochen, mit langen Pausen zwischen den Sätzen, als wenn er im Geist jedes Wort in einzelne Buchstaben sezierte.

Rasmus musterte seine deutsche Kollegin. Die grüne Farbe war aus ihrem Gesicht verschwunden. Vibeke, die Kämpferin, dachte er. Eine seiner Cousinen trug den gleichen Namen, daher wusste er um dessen althochdeutsche Herkunft und Bedeutung.

Vibeke Boisen wirkte auf ihn wenig kämpferisch, eher nüchtern und kontrolliert, und erstaunlich jung für die Leiterin einer Mordkommission. Er schätzte sie auf Mitte, höchstens Ende dreißig. Im grauen T-Shirt und Jeans, das hellbraune Haar zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden, wirkte die Polizistin nicht nur ein wenig zu dünn, sondern auch unscheinbar, als wollte sie kein Aufsehen erregen. Das einzig Markante in ihrem blassen Gesicht waren die ungewöhnlich hellen Augen. Die Farbe erinnerte ihn an einen Gletscher. Er schaute schnell weg, als ihr Blick ihn traf.

Jens Greve redete noch immer. Rasmus stöhnte innerlich. Ein intellektueller Phrasendrescher, eine Aktenwälzerin, ein Portugiese im Rollstuhl, ein fußballverrückter Pragmatiker und eine Polizistentochter mit einer Vorliebe für grüne Farbe. Er hatte seine Zweifel, dass dieser zusammengewürfelte Haufen dazu taugte, als Team einen Mordfall aufzuklären. Am Ende würde er den Fall allein lösen müssen.

Er ergriff wieder das Wort. »Also gut, dann genug der Formalitäten. Lasst uns durchgehen, was wir bisher haben. Der rechtsmedizinische Befund steht noch aus. Da der Fundort der Leiche ein beliebter Aufenthaltsort ist, können wir jedoch davon ausgehen, dass die Tatzeit zwischen Einbruch der Dunkelheit und dem Auffindezeitpunkt liegt. Das war heute Morgen um halb neun. Wissen wir schon, ob irgendjemand am Tatort etwas Ungewöhnliches beobachtet hat?«

»Jens und ich haben die Anwohner abgeklappert.« Sören Molin fuhr sich mit der Hand über seine Halbglatze. »Von denen, die wir bisher erreicht haben, saßen alle gestern Abend in ihren Häusern. Hat wohl die meiste Zeit geregnet. Niemand hat etwas mitbekommen oder etwas Auffälliges beobachtet. Ein älterer Herr hat angegeben, nach Einbruch der Dunkelheit mit seinem Hund am Strand spazieren gegangen zu sein. Er hat weder die Leiche noch eine andere Person bemerkt.«

»Und der Hund?«, hakte Pernille Larsen nach. »Hunde wittern Leichen oft.«

Sören zuckte die Achseln. »Der war angeleint. Sein Herrchen befürchtete, der Hund könnte noch ein nächtliches Bad nehmen.«

»Außerdem wird es sich wohl kaum um einen Leichenspürhund gehandelt haben«, warf Jens Greve spitzfindig ein und fixierte die Dänin durch seine Brille. »Solche Tiere werden speziell dafür ausgebildet, Blut und Tote in allen Stadien der Verwesung aufzufinden. Denen bleibt selbst dann nichts verborgen, wenn die Stelle gereinigt wurde, an der eine Leiche gelegen hat.«

Pernille hob die Brauen. Ihr schien eine Erwiderung auf der Zunge zu liegen, doch zu Rasmus’ Bedauern sprach sie nicht aus, was sie dachte.

Er übernahm wieder das Ruder. »Leider haben wir bei der Toten keine Ausweispapiere gefunden, aber es gibt Hinweise, dass es sich um eine Deutsche handelt.« Er berichtete den anderen von dem Inhalt des Portemonnaies.

»Ich habe bereits sämtliche Datenbanken angezapft.« Luís Silva klopfte mit den Fingerkuppen rhythmisch auf die Tischplatte, während er sprach. »Weder in Deutschland noch in Dänemark wurde jemand vermisst gemeldet, auf den die Beschreibung unseres Opfers zutrifft.«

»Eine furchtbare Vorstellung, dass einen niemand vermisst, wenn man stirbt«, warf Sören ein und sprach damit einen Gedanken aus, der auch Rasmus häufig beschäftigte.

Alle schwiegen einen Moment.

»Vermutlich wurde in unserem Fall noch nicht bemerkt, dass die Person verschwunden ist«, sagte Rasmus schließlich. »Dem Zustand der Leiche nach zu urteilen, lag sie noch nicht allzu lange dort.«

»Die Kollegen von der Streife schicken mir später eine Liste mit den Kennzeichen der PKWs, die im Umfeld des Tatorts geparkt sind«, fuhr Luís Silva fort. »Vielleicht kommen wir über die Halter weiter.«

»Danke, Luís.«

Vibeke Boisen schenkte sich einen Kaffee ein. »Ist doch komisch, dass die Tote ihr Portemonnaie bei sich trug, aber keinerlei Ausweispapiere dabeihatte.« Sie trank einen Schluck. »Der Täter wird wohl kaum die Papiere rausgenommen und den Rest zurückgesteckt haben.«

»Ungewöhnlich, aber durchaus möglich«, sagte Rasmus.

»Wissen wir schon etwas über die Tatwaffe?«, fragte Sören Molin.

»Nein, zumindest wurde am Tatort nichts gefunden. Der Täter muss sie mitgenommen haben.«

»Oder er hat sie in der Förde entsorgt.« Vibeke Boisen stellte ihren Kaffeebecher beiseite. »Wir sollten Taucher einsetzen. Die Identifizierung der Leiche hat höchste Priorität. Die Angehörigen sollten nicht aus den Medien vom Tod der Frau erfahren. Deshalb möchte ich hier auch nicht länger rumsitzen, sondern endlich mit der Arbeit beginnen. Klinken putzen, wie wir in Deutschland sagen.«

»Und wie sollen wir deiner Meinung nach am besten vorgehen?«, fragte Rasmus.

»Wir teilen uns auf«, erwiderte die deutsche Polizistin. »Du übernimmst Kollund, ich Flensburg. Gibt es ein vorzeigbares Foto der Toten?«

Rasmus nickte. »Allerdings sieht man darauf nur die eine Gesichtshälfte. Der Rest ist den Leuten nicht zumutbar.«

»Da das Opfer ein Bahnticket bei sich hatte«, fuhr Vibeke Boisen fort, »sollten nicht nur die Anwohner, sondern auch die Mitarbeiter am Bahnhof, die Busfahrer und die Leute in den Geschäften befragt werden. Vielleicht hat sie sich irgendwo etwas zu trinken oder zu essen gekauft, und jemand erinnert sich. Im besten Fall kennt jemand die Frau. Wir brauchen auch die Überwachungsbänder vom Bahnhof. Möglichst das gesamte Material der letzten achtundvierzig Stunden.«

»In Kollund und Kruså gibt es keinen Bahnhof«, warf Jens Greve ein.

»Dann eben in Padborg. Und checken Sie bitte auch die Bahn- und Busverbindungen, Greve.«

»Wir haben uns darauf geeinigt, uns zu duzen.«

»Dann checkst du bitte die Bahn- und Busverbindungen. Es wäre auch gut, die Leute zu befragen, die sich regelmäßig am Strand aufhalten. Spaziergänger, Jogger, die Urlauber in den umliegenden Unterkünften. Auf dem Weg zum Tatort habe ich einen Campingplatz gesehen. Vielleicht ist jemandem etwas aufgefallen.« Sie sah in die Runde. »Morgen früh um acht treffen wir uns alle wieder hier. Bis dahin sollte auch die Kriminaltechnik erste Ergebnisse vorliegen haben.«

Rasmus fischte ein Päckchen Zigaretten aus seiner Brusttasche. »Sagen wir um eins. Die Obduktion wurde für neun Uhr festgesetzt.« Er musterte die Ermittlerin. Die Deutsche mochte vielleicht jung erscheinen, aber eine Mordermittlung führte sie nicht das erste Mal. Er musste aufpassen, dass sie nicht das Zepter übernahm.

»Gut, dann um eins.« Vibeke Boisen erhob sich. »Kann mir jemand das Foto der Toten aufs Handy schicken? Und am besten auch gleich die Adresse der Rechtsmedizin. Ich möchte gerne dabei sein, wenn die Leiche obduziert wird.«

»Schicke ich dir.« Pernille lächelte und entblößte dabei ihre Zahnlücke.

»Dann bis morgen, Frau Kollegin.« Rasmus lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück und zündete sich eine Zigarette an.

Demonstrativ öffnete Vibeke Boisen das Fenster, ehe sie den Raum verließ.

Flensburg, Deutschland

Es war bereits später Nachmittag, als Vibeke aus dem Bahnhofsgebäude ins Freie trat. Die Wolkendecke war aufgerissen, und die Temperaturen waren nach oben geklettert. Sie hatte den Zeitschriftenladen, den Kiosk mit angrenzendem Bistro sowie die Taxi- und Mietwagenzentrale abgeklappert, mit dem Personal gesprochen und das Foto der Toten vorgelegt. Niemand konnte sich an die Frau erinnern. Die gleiche Auskunft hatte sie vom Servicepersonal der Bahn erhalten.

Die ganze Bahnhofsprozedur hatte kaum länger als eine Stunde in Anspruch genommen. Kein Wunder. Vier Gleise. Ein Geschäft. Ein Imbiss. Keine Überwachungskameras. Flensburg war ein Kaff.

Die Fahrt mit dem Auto in die Innenstadt dauerte keine fünf Minuten. Ihre beiden nächsten Ziele waren der Supermarkt, dessen Kassenbeleg im Portemonnaie der Toten gefunden wurde, und der Laden, von dem die Bonuskarte für die Fischbrötchen stammte. Pernille hatte ihr die beiden Adressen zusammen mit der von der Rechtsmedizin aufs Handy geschickt.

Vibeke parkte ihren Wagen vor der Polizeiinspektion, einem fünfstöckigen Gründerzeitbau mitten im Flensburger Stadtzentrum. Das imposante Gebäude, das 1890 ursprünglich als Hotel gebaut und später in der Zeit des Nationalsozialismus an den Staat verkauft wurde, strahlte Großstadtflair aus und gehörte zu den Kulturdenkmälern der Stadt. Für Vibeke war es ein vertrauter Ort, behaftet mit zahlreichen Erinnerungen an Werner, der sie als Kind einige Male mit an seinen Arbeitsplatz genommen hatte. Beim Anblick der grünen Rundbogentür, durch die ihr Vater so oft gegangen war, überkam sie eine tiefe Traurigkeit. Schnell schob sie die Erinnerung beiseite.

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichte sie den Supermarkt in einem Einkaufscenter. Sie zeigte den beiden Kassiererinnen und dem Marktleiter das Foto mit der größtenteils unversehrt gebliebenen Gesichtshälfte der Toten, doch niemand konnte sich an die Frau erinnern. Jetzt blieb nur die Fischbude.

Vibeke nahm den Weg durch die Fußgängerzone und erreichte in wenigen Minuten die Hafenspitze. Große und kleine Segelschiffe, Jachten und Motorboote, so weit das Auge reichte. Auch an Land herrschte reges Treiben. Fußgänger flanierten die Promenade entlang, saßen an den Tischen vor den Cafés oder auf den zahlreichen Bänken, um die Sonne zu genießen. Schwäne schwammen im Hafenbecken und putzten ihr Gefieder, am Himmel kreischten die Möwen.

Toms Fischhütte lag am Museumshafen. Eine kleine Bude auf dem Holzsteg, direkt am Wasser. Vor dem Verkaufsfenster hatte sich eine lange Schlange gebildet, dahinter hantierte ein einzelner Mann. Auf den Holzpaneelen neben dem Tresen standen die Namen der angebotenen Fischbrötchen und die entsprechenden Preise.

Vibeke, die seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, stellte sich an.

»Einmal mit Backfisch«, orderte sie, als sie an der Reihe war.

Sie schätzte den Fischmann auf Anfang dreißig. Semmelblonde Locken, ein verschlossenes Gesicht. »Sind Sie Tom?«

Er hob den Blick von dem Brötchen, in dessen Mitte er gerade den Backfisch auf einem Salatblatt platzierte, und nickte. Kein Wort zu viel, dachte Vibeke.

Sie zog ihren Dienstausweis aus der Tasche und legte ihn gemeinsam mit ihrem Handy auf den Verkaufstresen. Auf dem Display war die unversehrte Gesichtshälfte der Toten zu erkennen.

»Sehen Sie sich doch bitte kurz das Foto an. Kennen Sie die Frau?«

Ein aufmerksamer Blick. Ein Nicken. Mehr nicht.

»Sie kennen sie?« Vibeke sah den Mann erwartungsvoll an.

»Kommen Sie in einer Stunde wieder, da ist weniger los.« Er deutete mit dem Kopf auf die Schlange hinter ihr. »Jetzt habe ich Kundschaft.«

Vibeke erwog, Druck zu machen, damit der Fischmann sofort mit ihr sprach, doch in dem Fall würde er vielleicht vollends verstummen. Sie steckte das Handy und ihren Dienstausweis wieder ein. »Gut.«

Er drückte ihr das Fischbrötchen in die Hand. »Macht vier Euro fünfzig.«

Sie legte ihm das abgezählte Geld auf den Tresen und verabschiedete sich, aber der Mann bediente bereits den nächsten Kunden.

Mit ihrem Essen in der Hand setzte sie sich auf den Holzstamm, der neben der Bude als Sitzbank fungierte. Das Fischbrötchen schmeckte ganz hervorragend. Kein Wunder, dass die Leute dafür Schlange standen.

Sie fragte sich, wer die Tote wohl war. Eine Bekannte oder Nachbarin des Fischmanns? Vielleicht auch bloß eine Kundin. Seine Freundin wohl kaum, dann hätte sie vermutlich keine Rabattkarte, außerdem hatte sich der Mann dafür zu sehr im Griff gehabt. Andererseits konnte der erste Eindruck täuschen. Die Menschen reagierten unterschiedlich auf den Tod einer nahestehenden Person. Insbesondere, wenn diese eines unnatürlichen Todes gestorben war. Manche schrien oder weinten, andere verstummten oder taten, als wäre nichts geschehen. Eine natürliche Abwehrreaktion, die den Zeitpunkt der unwiderruflichen Erkenntnis hinauszögerte. Diese Erfahrung hatte Vibeke mehr als einmal gemacht, und die Überbringung einer Todesnachricht gehörte nach wie vor zu den schwierigsten Aufgaben ihres Jobs.

Sie vertilgte den letzten Bissen ihres Fischbrötchens, wischte sich anschließend den Mund mit der Serviette ab und zog ihr Handy aus der Tasche, um das Foto der Toten zu betrachten. Wer war die Frau, die am Morgen ermordet am Strand gelegen hatte?

Eine Dreiviertelstunde später schloss Tom Ahrendt die Fenster hinter dem Verkaufstresen und trat mit zwei Kaffeebechern in der Hand aus einer Seitentür seiner Fischhütte. Er reichte der Polizistin einen der Becher und wies auf einen kleinen Tisch mit zwei Klappstühlen, die seitlich neben dem Eingang aufgestellt waren. In einigen Metern Entfernung flanierten auf dem Holzsteg die Touristen am Wasser entlang. Niemand schenkte ihnen Beachtung.

Vibeke nippte an ihrem Kaffee. »Die Frau auf dem Foto, wer ist sie?«

»Das ist Laura. Laura Jensen. Meine Mitbewohnerin.« Der Fischbudenbesitzer wirkte angespannt. »Sie ist tot, oder?«

Vibeke nickte. »Ihre Mitbewohnerin wurde heute früh erschossen in Kollund aufgefunden.«

Tom Ahrendt wurde eine Spur blasser. »Schrecklich.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss einen kurzen Moment die Augen. »Warum ausgerechnet in Kollund?«

»Das wissen wir nicht.« Vibeke musterte den Mann über den Rand ihres Kaffeebechers. Er machte einen relativ gefassten Eindruck. »Wann haben Sie Laura zuletzt gesehen?«

»Gestern Morgen, bei uns in der Küche. Sie hat Kaffee getrunken. Das muss gegen sieben gewesen sein.«

»Was hat sie für einen Eindruck auf Sie gemacht?«

»Laura war so wie immer. Völlig normal.«

»Hat sie erwähnt, was sie an dem Tag vorhatte?«

Tom Ahrendt schüttelte den Kopf.

»Erzählen Sie mir ein wenig von Laura.« Vibeke lächelte ihm aufmunternd zu.

»Viel weiß ich nicht über sie. Laura … Sie war eher der zurückhaltende Typ, hat nie besonders viel geredet. Im Grunde hat man kaum gemerkt, dass sie überhaupt da war.« Er strich sich mit einer fahrigen Geste durch die Locken. »Sie hat studiert. Modedesign oder irgend so einen Schnickschnack.«

»Woher kannten Sie sich?«

»Ich hatte einen Zettel im Supermarkt aufgehängt, dass ich ein Zimmer zu vergeben habe. Laura war die Erste, die sich gemeldet hat.« Er stellte seinen Kaffeebecher beiseite.

»Und wie hat sie die Miete bezahlt?« Vibeke schlug die Beine übereinander. »Hatte sie einen Job, oder wurde sie von ihren Eltern unterstützt?«

Tom Ahrendt zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Mir war nur wichtig, dass das Geld pünktlich kam.« Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Hören Sie, Laura und ich haben uns eine Wohnung geteilt, zusammen mit Maria, meiner zweiten Mitbewohnerin. Mehr nicht. Wir waren keine Freunde oder so.«

Vibeke bemerkte die dunklen Flecken, die sich unter seinen Achseln auf dem T-Shirt bildeten. Der Mann fühlte sich unwohl, das war unübersehbar. War es nur eine Reaktion auf den Tod seiner Mitbewohnerin, oder steckte mehr dahinter?

»Was haben Sie gestern gemacht?« Sie zog ihr Notizbuch und einen Stift aus der Tasche.

»Verdächtigen Sie mich?« Er sah sie ungläubig an.

»Haben Sie denn damit zu tun?«

Tom Ahrendt schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Es ist nur …« Er knetete die Hände. »Eigentlich darf ich überhaupt nicht untervermieten. Aber die Fischbude wirft bloß in der Hauptsaison genügend Geld zum Leben ab, deshalb habe ich keine andere Wahl. Wenn mein Vermieter von der Sache Wind bekommt, fliege ich hochkant aus der Wohnung.«

»Ich sehe keinen Grund, Ihren Vermieter darüber zu informieren.« Vibeke griff nach dem Stift. »Trotzdem möchte ich gerne wissen, wo Sie sich gestern aufgehalten haben. Das ist reine Routine.«

Tom Ahrendt nickte. »Gestern früh war ich beim Fischhändler, um die Ware fürs Wochenende einzukaufen, und danach in der Bude. Gegen sieben habe ich dichtgemacht. Ich war kurz zu Hause, habe mich umgezogen und bin dann mit einem Kumpel ein paar Bier trinken gegangen. Gegen elf war ich wieder in meiner Wohnung. Allein. Reicht das?«

»Fürs Erste ja.« Vibeke notierte seine Angaben. »Stellen Sie mir bitte eine Liste mit Adressen und Telefonnummern von den Leuten zusammen, die das bestätigen können.« Sie legte den Stift beiseite. »Jetzt noch einmal zurück zu Laura. Wir müssen Ihre Mitbewohnerin eindeutig identifizieren. Wissen Sie, wie man ihre Familie erreichen kann?«

»Leider nein.«

»Irgendwelche Freunde?«

Er schüttelte den Kopf. »Sie hat nie jemanden mitgebracht.«

Vibeke tippte nachdenklich mit dem Stift auf die Tischplatte. Es kam ihr merkwürdig vor, dass Tom Ahrendt kaum etwas über seine Mitbewohnerin wusste. Oder hielt er etwas zurück? »Wie lange hat Laura bei Ihnen gewohnt?«

»Seit November. Also ein Dreivierteljahr.«

»Haben Sie eigentlich einen Ausweis verlangt, ehe sie bei Ihnen eingezogen ist?«

»Ich habe keine Notwendigkeit dafür gesehen. Und ehe Sie fragen, Laura und Maria bezahlen ihre Miete in bar. Das war für uns alle das Einfachste.«

»Kann uns Maria vielleicht mehr über Laura erzählen?«

»Möglich, aber sie ist über die Semesterferien bei ihren Eltern in Spanien.«

Vibeke seufzte. Dann klappte sie ihr Notizbuch zu und steckte es zusammen mit dem Stift zurück in ihre Tasche. »Können wir zu Ihnen in die Wohnung gehen? Ich würde gerne Lauras Zimmer sehen.«

»Jetzt?« Tom Ahrendts Blick glitt zur Fischbude.

Sie nickte.

»Dann rufe ich kurz die Aushilfe an.« Er zog sein Handy aus der Hosentasche und wandte sich einen Moment ab, um zu telefonieren. Als er sich wieder umdrehte, streifte ein schiefes Lächeln seine Lippen. »Glück gehabt. Die Aushilfe ist in zehn Minuten hier.«

Vibeke erhob sich. »Ich vertrete mir solange die Füße.«

In Tom Ahrendts Miene spiegelte sich Erleichterung.

Kollund, Dänemark

Rasmus legte den Hörer auf. Sie hatten einen Namen. Die Tote hieß Laura Jensen und hatte in einer Flensburger WG gewohnt. Zusammen mit einem Fischbudenbesitzer und einer spanischen Austauschstudentin. Die Boisen war tüchtig, das musste man ihr lassen. Dabei arbeitete er ungern mit Frauen zusammen. In entscheidenden Situationen verloren sie oft die Nerven.

Er saß in seinem Bulli an der Bushaltestelle der Küstenstraße und wartete. Eigentlich wäre er jetzt lieber in Flensburg, um sich in der Wohnung des Opfers umzusehen, sich ein Bild davon zu machen, was für ein Mensch die Tote gewesen war. Räume verrieten viel über ihre Bewohner.

Zudem interessierte es ihn, warum eine Frau um die dreißig in einer Wohngemeinschaft lebte. Verfügte sie über wenig Geld, oder konnte sie nicht allein sein? Oder handelte es sich am Ende um eine vorübergehende Lösung? So wie bei ihm.

Erstaunlicherweise gefiel ihm das Leben im Bus. Ohne jeglichen Komfort, mit wenig Platz, einer Matratze anstatt eines Bettes, ohne Backofen, um sich schnell eine Pizza zu machen. Andere lebten ähnlich, fuhren mit einem Camper durch Australien und schrieben ein Buch darüber.

Er zündete sich eine Zigarette an. Sollte die Boisen sich um die Wohnung der Toten kümmern. Er hatte seine eigene Baustelle. Die letzten Stunden hatte er damit zugebracht, die Fahrer der Buslinien 220 und 110 zu befragen, die zwischen Padborg, Kruså und Kollund pendelten. Bis auf einen Fahrer hatte er alle erwischt. Der hatte gerade Dienst. Genau wie am vorigen Abend. Nachdem keiner der bisher Befragten sich an Laura Jensen erinnern konnte, war der Mann die wahrscheinlichste Option. Sonst blieb nur die Möglichkeit, dass die Frau sich einen Wagen geliehen oder dass sie ab Padborg jemand mitgenommen hatte. Noch drei Minuten. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch anschließend aus dem heruntergekurbelten Fenster.

Der Bus kam in Sichtweite. Etwas zu früh. Er stieß die Fahrertür auf, stieg aus und schnippte die Zigarette beiseite.