Notizen aus Trumpland - Michael Kranefeld - E-Book

Notizen aus Trumpland E-Book

Michael Kranefeld

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7,99 €

Beschreibung

Wieso geht Flaschenbier auf der Strasse nur an Halloween und warum schlafen viele noch in Konföderierten-Bettwäsche - und: kann man ohne deutsche Brot überhaupt überleben? Diese Fragen und viele andere beantwortet Michael Kranefeld in seinen "Notizen aus Trumpland". Für fünf Jahre ist der deutsche Journalist mit seiner Familie in die USA gezogen und hat ein Land erlebt, dass von zwei Plagen geschüttelt wurde: Zuerst Trump, dann Corona. In der heissen Phase zwischen Virus und Wahl gibt er einen Einblick in die Politik, aber auch in die Überraschungen des Alltags. Wir erfahren, warum Amerikaner so gute Verkäufer sind, schlechte Witze von Vätern in den USA eine Kunstform darstellen und warum die Kölner als die Amerikaner Deutschlands durchgehen könnten.

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Seitenzahl: 229

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Inhaltsverzeichnis

Trumpland - Was bisher geschah

Independence

Europa

Die Corona-Falle

Vorhölle

Aluhüte

Recht von rechts

Rote Illusion

Amerikaner*innen

Nervös

Historisch

Eigentlich…

Zum Schluss…

Trumpland - Was bisher geschah

Es war einmal ein Land weit entfernt von Deutschland. Auf der anderen Seite des grossen Wassers. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die USA. Dort regierte ein Präsident, der glaubte König zu sein. Denn er hatte nicht verstanden, was das Wort Demokratie bedeutet. Nämlich Herrschaft des Volkes. Dieser Präsident interessierte sich aber gar nicht für sein Volk. Das einzige, was ihn interessierte, war er selbst. Dann kam lange Zeit nichts - und dann vielleicht seine Familie. Aber auch da nicht alle.

Unsere Familie zog im August 2017 in dieses Land, auf der anderen Seite des Atlantik. Wir waren gekommen, um fünf Jahre zu bleiben. Einige Freunde aus Köln, unserer Heimat in Deutschland, sagten, dass sie uns nicht besuchen würden, solange der Größenwahnsinnige an der Macht sei.

Der Präsident war gerade im Januar zuvor ins Amt eingeführt worden und hätte das Land wohl am liebsten „Trumpland“ genannt. Denn das war sein Name: Donald Trump. Er hatte sein bisheriges Leben damit verbracht, seinen Namen auf alles mögliche zu pappen, um damit Geld zu verdienen. Häuser, Hotels, Golfclubs, Anzüge und sogar Kaffeebecher. Er war allerdings kein guter Geschäftsmann, ganz viele seiner Projekte gingen schief. Aber Donald hatte Glück, denn er hatte einen reichen Vater, der ihm immer wieder Geld gab, wenn etwas nicht klappte. Mehr als 400 Millionen Dollar hat der Donald so bekommen. Damit konnte er sich viele Anwälte leisten, die es immer wieder schafften, ihn vor Strafen und Gefängnis zu verschonen. Nur die kleinen Handwerker und Händler, die für den Donald gearbeitet hatten, gingen pleite - aber das war ja egal. Denn das interessierte den Donald ja nicht.

Wir zogen nach Bethesda, einen Vorort der Hauptstadt Washington D.C.. Mitten rein in die liberale Blase. Denn nahezu alle unsere Nachbarn verabscheuten Donald Trump und hatten 2016 für Hillary Clinton gestimmt.

Der Donald aber hatte auch gute Kontakte nach Russland . Sein Freund Vladimir unterstützte ihn heimlich im Wahlkampf. Da war der Donald so erfolgreich, weil er dem Volk vorgespielt hatte, er sei anders als die ganzen Politiker in der Hauptstadt und er werde den Sumpf trocken legen. Viele aus dem Volk waren begeistert. Das war genau das, was sie schon immer hören wollten. Viele waren sogar so begeistert, dass sie fortan alles glaubten, was dieser Mann sagte. Sie wurden seine treuesten Anhänger, so etwas wie seine Jünger. Als äusseres Erkennungszeichen trugen sie rote Kappen mit der Aufschrift „Make America great again“.

Während unsere Nachbarn und Freunde einerseits genervt bis angewidert waren, war und ist es aus journalistischer Sicht natürlich eine unglaublich spannende Zeit. Wie unter dem Brennglas zeigten sich die Brüche und Strukturen in der amerikanischen Gesellschaft. Der 45. Präsident wurde zu einer echten Belastungsprobe für die Demokratie der Vereinigten Staaten.

Vereinigt war in diesen Staaten aber bald schon nichts mehr, denn wenn Präsident Donald eines konnte, dann war es, das Land zu spalten. Immer war irgendwer anderes schuld, meistens die Politiker der anderen Partei, die Demokratische Partei hieß. Und natürlich die Medien, die immer alles falsch berichten, sagte Donald - und seine Jünger glaubten ihm. Nur den Sender Fox News mochte er - weil der niemals, aber auch niemals den Donald kritisierte.

Denn das mochte der Donald überhaupt nicht. Er wollte immer und überall der Größte, Beste, Genialste sein. Und wenn er das nicht war, dann behauptete er einfach, dass er es war. Denn wenn der Donald noch etwas gut konnte, dann war das Lügen. Er log während der vier Jahre seiner Präsidentschaft über 20.000 mal - das sind fast 15 Lügen jeden Tag. Viele Eltern in dem Land USA hatten damit Probleme. Denn wie sollen sie es ihren Kindern erklären, dass man nicht lügen soll, wenn es doch der Präsident so oft tut?

Wir haben unseren Kindern schon gesagt, dass Trump lügt. Aber wir haben ihnen auch gesagt, dass er nicht unser Präsident ist und sie ihn deswegen nicht in der Schule öffentlich kritisieren sollten. Schliesslich sind wir Gast in diesem Land. Und Politik wird gerade wegen Trump oft auch in der Konversation ausgespart – zu zerrissen ist das Land und zu leicht kann man jemandem auf die Füsse treten. Ausserdem machen es die Amerikaner gerne andersrum. Sie loben lieber statt zu kritisieren – das macht bessere Stimmung. Den Satz meines ehemaligen schwäbischen Chefs „Nicht gemeckert ist gelobt“ gibt es hier nicht.

Ob der Donald wirklich selber glaubte, was er erzählte, weiss man nicht. Das war ja auch egal, weil er ja morgen wieder etwas anderes erzählen konnte. Die Leute in den Medien wurden fast verrückt und waren viel zu langsam, um hinter den ganzen Geschichten hinterherzuhecheln. Wegen dem Donald hatten aber auch viele Leute in den Medien mehr Arbeit. Das waren die Faktenchecker. Das sind Leute, die überprüfen, ob richtig und wahr ist, was einer sagt

Die Jahre 2017, 2018 und 2019 waren vielleicht ein nie dagewesener irrer Ritt - doch die Steigerung sollte noch kommen. 2020 wurden die USA genau wie der Rest der Welt von der Corona-Pandemie heimgesucht. Millionen Amerikaner verloren ihre Jobs. Aber das war nicht alles: Als am 25. Mai der Schwarze George Floyd von einem weissen Polizisten ermordet wurde, kam es im ganzen Land zu massiven Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Der Donald kritisierte nicht die Polizisten, die Gewalt gegen Schwarze verübten, sondern die Protestierenden. Gegen die wollte er sogar das Militär einsetzen. Aber eigentlich passten dem Donald die Proteste. Denn so konnte er sich als Präsident für Recht und Ordnung präsentieren. Noch Anfang des Jahres war sich der Donald eigentlich sicher, dass er wiedergewählt würde. Denn die Wirtschaft lief gut und der Donald sagte, dass das nur ihm zu verdanken sei. Deshalb versuchte der Donald, das Virus einfach zu ignorieren und sagte immer, dass das schon von selbst verschwinden werde. Leute, die den Donald kritisieren, sagen, dass er viel zu wenig gegen das Virus getan hat und deshalb tausende Leute sterben mussten. Aber die Leute interessieren den Donald ja nicht.

So ging es in die zweite Hälfte des Jahres 2020. Unsere Kinder hatten seit Mitte März keine Schule mehr von innen gesehen, der Wahlkampf startete mit Joe Biden als Gegenkandidat und das Bild der USA in Deutschland wurde bestimmt von Trump, Trump, Trump, Corona, Corona, Corona. Wir erlebten das Land aber noch ganz anders und viel facettenreicher. Und so entstand der Wunsch, auch das zu erzählen, was durchs Raster von Aktualität und Nachrichten fiel - wie der Alltag in den USA zwischen Virus und Wahl aussah.

Glaubensfrage Maske

(123 Tage bis zur Wahl) 1. Juli 2020

Der Nachbar auf dem Campingplatz ist sauer und zeigt das auch. Schon mal sehr ungewöhnlich für Amerikaner, die sonst sehr höflich sind und Kritik eher auf Umwegen anbringen: „Die braucht ihr hier nicht“ - und zeigt auf unsere Masken, die nach dem Einkauf noch an unserem Hals baumeln, „draussen vielleicht. Hier aber nicht!“ Neue Erkenntnis, Wissenschaft: Corona gibt es nicht auf Campingplätzen!

Natürlich Quatsch. Nächster Reflex: Hat er eine Trump-Fahne? Hat er nicht - und auch keine rote MAGA-Mütze. Aber was er im November wählt, könnte ich sofort sagen. Voreingenommen? Vielleicht. Aber hier auf dem Land erleben wir, was die New York Times „Amerikas neuen Zeitvertreib“ nennt: den Streit über Masken. Das Netz ist voll mit Videos, auf denen Leute sich über Masken streiten oder wütend ihre Einkäufe durch die Gegend pfeffern, weil sie der Kasse nicht bedient werden. Während in Deutschland Angela Merkel mit Humor („Sie sehen mich ja nicht beim Einkaufen“) auf die Maskenfrage antwortet und an Wissenschaft glaubt, hat Donald Trump weder Humor noch glaubt er Experten. Der oberste Spalter hat monatelang das Virus runtergespielt („normale Grippe“, „wird wie durch ein Wunder verschwinden“) und trägt natürlich keine Maske. Seine Anhänger oft auch nicht. Ein Stück Stoff als Glaubensfrage. Kann aber schief gehen: Im tiefrepublikanischen Texas mussten nun Lockerungen zurückgenommen werden. Wie Trump halten viele dort Masken weiterhin für ein Zeichen von Schwäche - und weil Trump weder Fehler zugeben würde noch als schwach angesehen werden möchte, sagt er, dass er genug getestet werde und deshalb keine Maske brauche. Die Washington Post kommentierte, wenn überall soviel getestet würde wie im Weißen Haus, dann hätte das Land kein Problem. Hat es aber - und zwar ein massives: 32 von 50 Staaten testen zu wenig, mit 47.000 innerhalb eines Tages gab es einen Rekord an Infizierten. Der oberste US-Immunologe Anthony Fauci sagt, viele Staaten hätten viel zu früh wieder geöffnet. Er erwartet schon bald 100.000 Infizierte täglich: „Das Schlimmste kommt erst noch!“ Obwohl: vielleicht nicht auf dem Campingplatz...

Texas ist anders

(122 Tage bis zur Wahl) 2. Juli 2020

Quizfrage: Was ist die Gemeinsamkeit zwischen Texas und Bayern? Abgesehen davon, dass beide das Klischee des anderen Landes abbilden? Amerikaner denken ja gern, dass alle Deutschen in Lederhosen rumlaufen und Deutsche glauben ja gern, dass alle Amerikaner Cowboys sind. Es ist aber wohl eher der Drang nach Eigenständigkeit, das „mia san mia“ oder das „Lone Star State Texas“-Gefühl. Beide wollen anders sein, Dinge anders machen.

Unser amerikanischer Freund Jon meinte mal, Bayern sei ja wirklich wie Texas. Ja, nur ein Eindruck und wahrscheinlich auch wieder ein Klischee, ich weiss. Aber gerade jetzt bei Corona zeigt sich wieder, dass vor allem die Regierenden gerne dieses Klischee bedienen und davon profitieren wollen.

Während Bayerns Ministerpräsident anders als alle anderen Massentestungen durchführen will, hat Texas‘ republikanischer Gouverneur lange auf stur geschaltet und das Virus kleingeredet. Ein zähneknirschender sehr kurzer Shutdown, dann eine schnelle Öffnung der Wirtschaft. Masken gelten nach wie vor als etwas für Schwächlinge. Und sein Stellvertreter ging sogar so weit, zu sagen, dass Grosseltern ein Opfer bringen müssen - und für die Wirtschaft und das Land am Virus sterben sollten, wenn es sein muss. Zugute halten muss man ihm, dass er mit gutem Beispiel vorangehen wollte.

Zynisch? Leider fast schon realistisch. Denn wie in der berühmten historischen Schlacht um „The Alamo“, die den texanischen Freiheitsmythos begründete, stehen die Texaner offenbar wieder auf verlorenem Posten: Einer Rekordzahl an Infektionen steht eine viel zu geringe Zahl an Tests gegenüber. Texas im Blindflug - aber trotzdem weiter stur. Auf die Bemerkung des führenden US-Immunologen Anthony Fauci, dass manche Staaten einige notwendige Schritte übersprungen haben, sagte der stellvertretende Gouverneur: „Ich höre nicht mehr auf Dr. Fauci. Ich brauche seinen Rat nicht mehr.“ Am gleichen Tag stiegen die Infektionzahlen in Texas mit 7.000 auf ein neues Allzeit-Hoch. Da freut man sich bei mancher Kritik daran (“falsches Sicherheitsgefühl”) doch über den bayerischen Sonderweg...

Independence

(121 Tage bis zur Wahl) 3.Juli 2020

Nur der Sonnenuntergang ist wie immer, da ändert auch eine Pandemie nichts. Als oranger Ball versinkt die Sonne in der Chesapeake Bay, wunderbar. Aber die Stimmung auf dem Campingplatz hat sich spürbar verändert. Zweimal waren wir zuvor schon hier - Kurzurlaub nicht weit von Washington. Noch nie um diese Zeit, kurz vor dem Independence Day. Und natürlich noch nie nach dreieinhalb Monaten Pandemie.

Ein three day weekend, seit heute Abend ist der Platz voll. Sternenbanner und Deko in den Nationalfarben überall, einige Trump-Fahnen. Alles, nur keine Masken. Es wimmelt von Pickup-Trucks mit riesigen Auflieger-Wohnanhä-ngern. Platz und Komfort wie in einem kleinen Häuschen - und ähnlich groß. Wer sowas fährt, wohnt eher nicht in der Stadt - gar kein Platz, um die Kisten abzustellen. Und wer nicht in der Stadt wohnt, ist in den USA in der Regel konservativ. Für uns Bewohner eines sehr liberalen Vororts der Hauptstadt bislang immer sehr spannend und interessant - nette Gespräche und Einblicke in die Denke auf dem Land inklusive. Immer alle freundlich und zu einem Schwätzchen aufgelegt. Diesmal nicht. Es ist fühlbar anders, zum Reden ist keiner wirklich bereit. Liegt es an uns? An Corona? Am Abstand, den wir einhalten? Wahrscheinlich weil wir diesmal noch deutlicher als sonst “die anderen” sind. Denn die meisten hier verhalten sich so, als ob es keine Pandemie gäbe. Gruppen stehen zusammen am Strand und im Wasser, machen gegenseitig sunset-Fotos, grillen zusammen und trinken zwischen Trucks und Wohnwagen. Da soll mir niemand erzählen, die 25 Leute an der Bar zwei Camper weiter kommen aus einer Familie!

Es ist so ein extremer Kontrast! Bei uns in unserer Vorort-Blase sind alle sehr vorsichtig und rücksichtvoll. Unser Schwimmclub dort ist zwar wieder geöffnet, aber ins Becken dürfen nur immer maximal sechs Familien und das auch nur 45 Minuten. Danach wird desinfiziert. Hier auf dem Campingplatz wurde gestern zu Freude unserer Kinder der Pool wieder geöffnet. Beschränkung? Keine. Im Gegenteil, es wurden noch Stühle rangeschafft, Samstag ist ja schließlich Independence Day... Wir werden nicht erleben, wie es dann hier ist, wir reisen vorher ab. Einerseits schade, ich hätte mir das gern mal angeguckt. Andererseits gut, rein gesundheitlich. Und ein Lerneffekt. Denn jetzt wundert mich nicht mehr, wie die hohen Infektionszahlen auf dem Land entstehen…

Rassismus

(Noch 120 Tage bis zur Wahl) 4.Juli 2020

Es ist ein positives Zeichen, dass sich etwas ändert in Amerika - jetzt auch im Football. Die Washington Redskins: Ein Team mit grosser Vergangenheit (dreifacher Superbowl-Gewinner), gefangen in eigenen hohen Ansprüchen und einer eher tristen Wirklichkeit. Ein Schelm, wer da Parallelen zum 1. FC Köln zieht. Aber anders als der FC hat das Washingtoner Footballteam auch einen furchtbaren Namen „Redskins“, also Rothaut, stammt noch aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Gründer des Vereins, George Preston Marshall, war ein bekannter Rassist, der lange keine schwarzen Spieler beschäftigen wollte.

Heute sind mehr als 70 Prozent der NFL-Spieler schwarz. Und die Ureinwohner, die native americans, verachtete er ebenso als “Rothäute”. „Redskins“ wird heute von den meisten Menschen als rassistische Beleidigung verstanden - ausser vom aktuellen Clubbesitzer Daniel Snyder, der sich bisher verbissen weigerte, den herabsetzenden Namen zu ändern. Noch. Denn nach dem Tod von George Floyd und der breiten Antirassismusbewegung ist in den USA einiges in Bewegung geraten. Logos, Firmennamen und Symbole wurden geändert, Denkmäler entfernt. Und 85 Anteilseigner der Hauptsponsoren der Redskins machten Druck. Erfolgreich: Das Postunternehmen FedEx verlangte ultimativ eine Namensänderung, Nike nahm die Redskins-Trikots und Fanartikel aus dem Sortiment.

Jetzt, wo es nicht mehr nur um die Moral, sondern auch ums Geld geht, ist plötzlich alles möglich: Die Redskins verkündeten nun, dass sie über eine Namensänderung beraten, im Netz gibts schon Listen mit Ideen - von Washington Redtails bis Washington Monuments… Und die Liga will jetzt vor den Spielen „Lift Ev’ry Voice And Sing“ spielen, die sogenannte schwarze Nationalhymne. Aber der wahre Beweis steht noch aus: Denn solange Quarterback Colin Kaepernick, der kniend gegen Polizeigewalt protestierte und dafür gefeuert wurde, kein neues Team hat, riecht das alles nach billiger Kosmetik…

Bubbles

(Noch 119 Tage bis zur Wahl) 5. Juli 2020

Eine Seifenblase ist schön anzusehen. Je nachdem, wie das Licht fällt, glänzt sie in allen Farben des Regenbogens. Sie schwebt leicht dahin, scheinbar schwerelos, doch beim kleinsten Hindernis zerplatzt sie, verschwindet, als ob sie nie existiert hätte. Im Netz gibt es die Filterbubbles - Gleichgesinnte, die sich gegenseitig in ihren Meinungen bestätigen. Eine Nachbarin sprach heute von unserer „lucky bubble“, unser glücklichen Blase. Sie meinte das Glück, in einer Gegend zu wohnen, in der man die Zeitung so lesen kann, als ob die Schlagzeilen aus einem anderen Land berichten.

Den 26. Tag in Folge sind die Infektionszahlen in den USA gestiegen, Gesundheitsexperten blicken mit Sorge auf die Folgen der Feierlichkeiten zum Independence Day, Videos zeigen Partys und volle Bars am Feiertag; Krankenhäuser in Florida, Arizona und Texas sind überfüllt; der Präsident weigert sich nach wie vor, eine Maske zu tragen und zieht rücksichtslos Veranstaltungen ohne social distancing durch. Aus Deutschland erreichen uns sorgenvolle Fragen: Fühlt Ihr Euch noch wohl? Denkt Ihr darüber nach, das Land zu verlassen?

Jetzt kommt die Blase ins Spiel: Wir leben in Montgomery County in Maryland. Unser Gouverneur, obwohl Republikaner, hat verantwortungsvoll reagiert.Wir hatten einen langen und strikten Lockdown, die meisten Menschen sind sich hier der Gefahr bewusst und die Behörden in Montgomery County sind noch ein bisschen strenger als anderswo im Land, es gibt genug Tests und Krankenhauskapazitäten. Ausserdem: Die USA sind groß. Texas, Florida und Arizona sind von hier so weit entfernt wie Rom, Barcelona oder Lissabon von Köln. Noch fühlen wir uns wohl und sicher. Aber: Siehe oben: bubbles sind fragil….

Beispiel Bundesliga

(Noch 118 Tage bis zur Wahl) 6. Juli 2020

Amerika atmet auf: Es gibt Momente, da wird Donald Trump ganz unwichtig und auch die Präsidentschaftskandidatur des Rappers Kanye West bleibt der Witz, der sie ist. Der Nationalsport Nummer eins kommt zurück! Die Baseballer der Major League Baseball (MLB) trainieren wieder, in knapp drei Wochen beginnt die Saison. Wer weiss, was Baseball für die Amerikaner (und meinen Sohn!) bedeutet, der kann erahnen, wie entscheidend diese Nachricht ist!

60 Spiele werden in 66 Tagen gespielt - pro Team, versteht sich! Zwar werden die 30 Teams regional aufgeteilt, doch es wird viel gereist werden müssen. Kein Problem, glaubt die MLB, habe man sich das Sicherheitskonzept doch bei der erfolgreichen deutschen Fußball-Bundesliga abgeguckt. Für Gesundheitsexperten ein Etikettenschwindel: Die Bundesliga habe viel mehr getestet, fünf Labore statt nur eines beschäftigt und vor allem den Spielern ausserhalb des Spielfelds viel klarere Vorgaben gemacht - mit einem 50 Seiten umfassenden Katalog bis hin zur Frage, bei wieviel Grad man Taschentücher waschen soll. In der MLB hingegen nur vage Hinweise: Die Spieler sollten Restaurants, Bars und beliebte Orte vermeiden, den Rest sollen die Vereine selbst regeln.

Gefährliche Freiheit! Und ein Spiegelbild des Umgangs mit der Pandemie: In Deutschland ist es gelungen, durch kluge politische Führung und den Appell an den Gemeinsinn die Infektionskurve entscheidend zu drücken. In den USA agiert Präsident Trump völlig überfordert und chaotisch, das Virus wird politisiert, Maskentragen und Lockdowns werden oft als Eingriffe in die Freiheit statt als lebensnotwendig verdammt - und die Infektionskurve im Land steigt und steigt. Im Baseball sind bereits 31 Spieler positiv getestet worden. Bei aller Freude über die Rückkehr: Ein Risiko mehr… (Foto: natürlich Archiv, gespielt wird dann ohne Zuschauer)

Public Radio

(117 Tage bis zur Wahl) 7. Juli 2020

Unser amerikanischer Gastgeber Jon war ziemlich aufgeregt und stolz, dass er einen Coup gelandet hatte: „Wir gehen zu All Things Considered bei NPR - super!“ Unsere Rias-Journalisten-Stipendiatengruppe war eher mäßig begeistert: Eine Redaktionskonferenz, ein Gespräch mit den Moderatoren und dann die Sendung - ganz ok, aber irgendwie hatten wir den Eindruck, dass wir Spannenderes erlebt hatten in unseren Wochen in den USA.

Zwölf Jahre ist das jetzt her und ich muss öfter an diesen Besuch bei NPR, dem National Public Radio denken. Und ich muss Abbitte leisten bei Jon, dass ich nicht so begeistert war. Ich hatte einfach keine Ahnung! Nach fast drei Jahren in den USA ist NPR nun unser Hauptradiosender geworden: In der Küche, im Auto oder beim Joggen: Wer in den USA Qualitätsjournalismus hören will, kommt am Public Radio nicht vorbei! Die „Morning Edition“ und „All Things Considered“ am Nachmittag sind die erfolgreichsten Sendungen: Bei beiden hören fast 15 Millionen Amerikaner jede Woche zu. Es ist Stoff für Info-Nerds: Nur Wort, keine Musik - WDR5 und Deutschlandfunk lassen grüssen.

In einem Land, in den sich die Fernsehsender politisch rechts (Fox) und links (CNN, MSNBC) positionieren, versucht NPR wenigstens, ausgewogen zu sein - mit liberalem Drall allerdings. Was sie hier besonders gut können: Interviews. Oft ganz einfache, klare Fragen - hier will kein Moderator beweisen, dass er schlauer ist als sein Gesprächspartner. NPR ist das Mantelprogramm für fast 1000 lokale Stationen, die Sendungen einkaufen; ausserdem Heimathafen für eine ganze Flotte von tollen Podcasts, die über die „NPR one“ App abzurufen sind. Klare Empfehlung für alle, die sich ein besseres Bild von den USA machen wollen! Und noch ein Tipp, auf deutsch: „Die Korrespondenten“aus dem ARD-Studio Washington. Lohnt immer…

Camp or no camp?

(Noch 116 Tage bis zur Wahl) 8.Juli 2020

Es gibt Dinge hier, die hören sich nur für Kinder traumhaft an: „11 Wochen Sommerferien!“ jubelt unser Sohn immer Mitte Juni. In der Tat: Bis Anfang September sind hier die Schulen zu. Den Eltern macht das eher meist Kopfzerbrechen, insbesondere dann, wenn beide arbeiten. Denn nur etwa 20 Urlaubstage hat der durchschnittliche US-Arbeitnehmer; viel zu wenig, um den langen Sommer abzudecken. Viele greifen daher zum amerikanischen Klassiker schlechthin: Dem Sommercamp. Teilnehmer: Mehr als 26 Millionen Kinder und Jugendliche pro Jahr .

Schon im Januar flattern einem die bunten Kataloge mit der Post ins Haus. Da gibt es die klassischen Übernachtungscamps, Tages- oder Halbtagescamps. Die Kinder können von Baseball bis Bogenschiessen sämtlichen Sport treiben, malen, töpfern, musizieren, eine Sprache lernen oder Roboter programmieren. Oder auch, bei den Kids am unbeliebtesten, sich schon mal auf das neue Schuljahr vorbereiten. Die Campbranche ist eine richtige Industrie und teilweise unfassbar teuer: manche Eltern zahlen einige hundert Dollar die Woche. Nachbarn hatten ihre Tochter auch schon mal sechs Wochen in einem 500-Dollar-Camp untergebracht.

In Zeiten der Pandemie ist nun wieder alles anders: Viele Anbieter versuchen, sich ins Netz zu verlagern. Vogelbestimmung per Zoom mag noch funktionieren, aber mit den meisten anderen Camps wird’s schwierig. Viele sind abgesagt und bei anderen gab es schon Infektionen, wie diese Woche in Missouri. Eine Marktlücke, die einige findige Highschool-Schüler für sich entdeckt haben: Sie bieten jetzt jüngeren Kindern aus der Nachbarschaft Sport und Spiele an. Gegen Bezahlung - ist aber natürlich viel billiger als bei den Profis. Das freut dann auch die Eltern…

Fauci

(Noch 115 Tage bis zur Wahl) 9. Juli 2020

Es gibt Orte in den USA, da ist es in diesen Zeiten keine gute Idee, dieses Shirt zu tragen. Dort, wo es viele Trump-Anhänger gibt etwa. Denn Dr. Anthony Fauci ist für viele der rotmützigen MAGA-Jünger zu einer echten Hassfigur geworden - Morddrohungen inklusive. Dabei hat Fauci nur seinen Job gemacht. Allerdings hat er dem Präsidenten des öfteren widersprochen - sogar auf offener Bühne. (CNN hat ein hübsches Video daraus gemacht) Eigentlich ist das ein Todesurteil für eine Karriere im Trumpland. Aber der 79jährige Fauci ist ziemlich einmalig und vielleicht der einzige, den Trump gerade nicht feuern kann. (Vielleicht wird er es trotzdem tun, man weiss ja nie).

Denn Dr. Anthony Fauci ist seit mehr als 35 Jahren Amerikas Top-Epidemiologe; Donald Trump ist bereits der sechste Präsident, den er berät. Und wahrscheinlich sein schwierigster Klient. Trump hält sich ja selbst für ein Genie und prahlte, dass er völlig problemlos einer der besten Forscher sein könnte. In den ausufernden täglichen Pressekonferenzen in der ersten Phase der Pandemie bewies er live, dass er weder das eine ist noch das andere sein könnte. Fauci, ausgezeichnet mit 45 Ehrendoktorhüten aus aller Welt, hatte manchmal sichtlich Mühe, die Fassung zu bewahren.

Die Pressekonferenzen gibt es schon lange nicht mehr, aber Faucis rauhe Stimme mit dem New Yorker Akzent findet weiter Gehör - als Gegenpol zu Trump. Der Präsident meint, das Land ist auf einem guten Weg - Fauci ist äusserst besorgt und sagt, es könnte bis zu 100.000 Neuinfektionen pro Tag geben. Trump hält Masken für ein Zeichen von Schwäche - Fauci plädiert für eine Maskenpflicht. Fortsetzung folgt ganz sicher.

Wir fahren am Wochenende nach West Virginia, eine Trump-Hochburg. Mit Maske - aber das T-Shirt bleibt zuhause…

Europa

(Noch 114 Tage bis zur Wahl) 10.Juli 2020

Wenn man hier irgendwo in den USA, dieser Stadt, dieser Nachbarschaft mit dem Fallschirm abgeworfen würde, ohne zu wissen in welchem Land man ist, wäre diese Frage schnell geklärt: Alle naselang Sternenbanner. Ob konservativ oder liberal, die Flagge ist ein nationales Symbol, etwas, worauf man stolz ist, das man sich gern vors Haus hängt. Die Flagge und das Militär werden nicht in Frage gestellt hier, fast jede größere Veranstaltung beginnt mit der Nationalhymne, Bildern der Flagge und irgendwann dankt irgendjemand den Soldaten für ihren Einsatz für ihr Land.

Für einen Beobachter von aussen, zumal aus Deutschland, ist das mit dem Nationalstolz und den Soldaten angesichts unserer Geschichte schwierig. In Deutschland wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, mit einer deutschen Fahne rumzuwedeln. Kann man also den unvoreingenommen Umgang mit nationalen Symbolen von den Amerikanern lernen, fühlt man sich hier in einem anderen Land etwa „deutscher“ als in Deutschland? Antwort: Jein.

Knapp gesagt, der Blick von aussen und der Vergleich mit den USA schärft den Blick sehr für die positiven Seiten Deutschlands (Ich meine hier nicht nur das Brot). Aber er weitet auch die Perspektive, insbesondere durch den Umgang mit anderen Europäern. Denn ob Spanier, Holländer, Italiener oder sogar die Briten - alle unsere Freunde und Nachbarn erzählen, dass sie sich hier weit mehr als Europäer fühlen als in ihren Heimatländern. Gerade jetzt in der Corona-Krise fällt auf, wie viele gute soziale Errungenschaften das Projekt Europa hat, wie viel weniger Existenzängste Menschen haben müssen im Vergleich zum deutlich kälteren amerikanischen Kapitalismus. Und wie wichtig es ist, dass Europa zusammenbleibt. Deshalb: Flagge ja, Sterne auch. Aber gerne die gelben im Kreis…

Furzkissen

(Noch 113 Tage bis zur Wahl) 11. Juli 2020

Es gibt ja das schöne deutsche Wort „Postwurfsendung“. Diese Form der Massenzustellung konnten wir in Köln durch einen schön platzierten Aufkleber am Briefkasten deutlich reduzieren. Aber in den USA lernen wir erst jetzt, was uns vielleicht entgangen ist. Denn hier schaufelt uns der Briefträger nahezu täglich Werbematerial in Mengen ins Haus.

Da sind natürlich die üblichen Supermarktprospekte mit den Angeboten von Safeways, Giant oder Whole Foods (angesichts der Lebensmittelpreise hier eine durchaus lohnende Lektüre), da verspricht Mosquito Joe einen entspannten Sommer im Garten, die Gutter Cleaner wollen die Regenrinnen von Blättern reinigen, andere das ganze Haus renovieren oder kaufen, ausserdem brauchen wir offenbar ein neues Auto, sollen die lokale Radiostation unterstützen (tun wir!) und sowieso gesünder werden indem wir ins Fitnessstudio gehen. Manchmal schreiben sogar Barack und Nancy! „Dear Michael“, wird man dann vom Ex-Präsidenten Obama und der Parlamentssprecherin Pelosi in langen Briefen um Geld angegangen.

Die Lieblingspost meiner Tochter sind aber die „Young Explorers“. Unterzeile: „Kreative Bildungsprodukte“. Man könnte auch sagen: Spielzeugkatalog mit hohem Plastikanteil. Aber mit ziemlich schrägem Kram: Da gibt es etwa den Booster Kick Scooter - ein Tretroller, der laut Katalog von der NASA hätten entworfen sein können - mit eingebauten Nebelwerfern für den Spielplatz; es gibt den Plastik-Geldautomaten (natürlich mit mit Kreditkarte), der Kindern den Umgang mit Geld beibringen soll. Der Knaller ist aber der Riesenschwimmring mit eingebautem wasserdichten Lautsprecher. Nicht etwa für Musik, nein: Auf Knopfdruck gibts andere Sounds: Superlaute Fürze! Mit dem pupsenden Schwimmreifen macht man sich sicher Freunde im Pool…

Schulstart

(Noch 112 Tage bis zur Wahl) 12.Juli 2020

Als am 13. März der letzte Schulbus fuhr, wusste niemand, wie lange die Schulen geschlossen sein würden. Jetzt, nach monatelangem lernen online, sind Ferien und es könnte gut sein, dass am 31. August die gelben Busse wieder auftauchen. Das hängt im wesentlichen vom Verlauf der Corona-Pandemie ab. So weit, so normal. Doch jetzt wird’s schräg - und es hat wie so oft, wenn hier was aus dem Ruder läuft, mit dem Präsidenten zu tun. Denn Donald Trump verlangt, dass die Schulen nach dem Sommerferien alle öffnen sollen - und zwar mit voller Kapazität völlig unabhängig vom Ausmaß der Pandemie! Er hat sogar mit dem Entzug von Geldern gedroht, sollte seiner Forderung nicht nachgekommen werden.