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Eine ungewöhnliche, zauberhafte Liebesgeschichte, die die Romanheldin auf Sri Lanka erlebt - unkonventionell und lustvoll. Franca Stetter, erfolgreiche Motivationstrainerin, ehrgeizige, dynamische Karrierefrau und selbstbewusste Businesswoman, verliebt sich in den stillen, scheuen Nuan, der kaum spricht, gerne Gras raucht und ihre tiefsten erotischen Sehnsüchte erfüllt, ein Beach Boy phne Zukunft, um Jahrzehnte jünger als Franca. Franca und Nuan ergänzen sich in ihren Sehnsüchten und Träumen - das existenzielle Bedürfnis nach Liebe, Leidenschaft und Zärtlichkeit begegnet dem Traum von einem besseren Leben und einer lebenswerten Zukunft. Okzident und Orient treffen in Sri Lanka aufeinander, westliche Dynamik und östliche Mystik. Franca, angetrieben von Erfolgs- und Machbarkeitswillen versucht, ihre verlorene Herzenswärme wiederzufinden. Dies scheint zu gelingen, bis Nuan nach Deutschland kommt... Ein Roman, in dem die beiden Helden scheinbar nichts als Erotik und Sex verbindet, doch in Wahrheit so viel mehr: jeder dem anderen unerreihbares Ziel, dem er nicht folgen will, nur Ergänzung sein kann, woran es dem anderen mangelt. Lisa Fitz gelingt es, mit Herz und wohl dosierter Ironie die Tiefe einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte auszuloten.
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2016
Lisa Fitz
Nuan
Roman
Herbig
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www.herbig-verlag.de
© für das eBook: 2016 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
© für die Originalausgabe: 2005 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlag: Wolfgang Heinzel
Motiv: Photonica, Hamburg/Patricia McDonough
eBook-Produktion: F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
ISBN 978-3-7766-8259-5
Inhalt
Das erste Mal
Wieder in Sri Lanka
Hoffnungen und Enttäuschungen
Wider die Vernunft
Ein neues Leben
Epilog
Nachwort
Das erste Mal
Als ich Nuan das erste Mal traf, war es fast Mitternacht.
Die Begegnung gehörte zu jenen, die einem nicht oft im Leben widerfahren, meist nur einmal, bei denen man spürt, es geschieht etwas Ungewöhnliches in diesem Augenblick und das Leben verändert sich unwiderruflich.
Ich trat hinaus in die warme Tropennacht, über mir wölbte sich das sternenübersäte, klare Firmament. Die Brandung des Meeres schäumte in der Dunkelheit, unter meinen Füßen gab der feine Sand nach, zur Rechten wuchsen die vom Schein der Hotels und Hütten schwach beleuchteten wilden Strandlilien.
Der Wachmann öffnete mir das Tor zum Strand. »Hello Madam, you go for a Beachwalk?«
»Yes, thank you.«
»It is late …«
»I know. I’ll be back soon.«
*
Sie saßen beim Blue Lagoon. Dort saßen sie immer, jeden Abend. Wo sollten sie auch sonst sitzen? In die Hotels durften sie nicht, ein anderes Strandrestaurant war nicht da, Antonio schloss um acht, zu Hause war nichts los. Das Gras, das sie vor einer Stunde geraucht hatten, wirkte noch nach. Wenig Touristen heute, nur der Tisch nebenan mit den Männern aus Deutschland, die bei der zweiten Flasche Arrak saßen. Gleich würde auch das Blue Lagoon schließen.
Wenn keine Gäste mehr da waren, machte der Wirt dicht. Sadun zündete sich eine Zigarette an und sagte: »Scheißleben. Ein Scheißleben ist das hier. Immer das Gleiche. Rauchen, sitzen, aufs Meer glotzen, auf Touristen warten, kein Geld. Fünf Jahre mach ich das noch mit – und wenn’s dann immer noch so beschissen ist, dann halt ich den Arsch für jede hin, egal, wie alt sie ist – und für jeden. Mir egal. «
Nuan antwortete nicht. Er sagte nie viel. Er wusste, es hatte keinen Sinn, was zu antworten, wenn Sadun in dieser Stimmung war. Außerdem hatte er Recht. Es war ein Scheißleben.
Für ihn war es das zweite Jahr am Strand. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es aufwärts gehen könnte. Und die Arbeit als Room Boy war noch beschissener. Zehn Stunden am Tag Zimmer aufräumen und putzen – dafür bekam man fünftausend Rupies im Monat. Er zählte mit den Fingern nach. Fünfzig Euro waren das. Da saß er doch lieber am Strand und wartete auf Touristen, denen man Surfbretter vermieten oder Ausflüge aufschwatzen konnte. Oder vielleicht wieder einmal eine Frau? Wie die schöne Frau Doktor aus Hannover vor einem Jahr … das war o.k. Von ihr hatte er dann ein Paket bekommen: zwei T-Shirts, eine Jeans und teure Shampoos. Gut, sie hatte ihm nie mehr versprochen, aber Hoffnungen gemacht hatte er sich doch. Dass sie ihn vielleicht einladen würde nach Deutschland, wie Ananda, der schon drei Mal Tickets von Frauen bekommen hatte. Er fragte sich, wie dieser Angeber das machte. okay, er hatte bessere Muskeln, aber sonst? Sie beneideten ihn, aber sie lachten auch über ihn, weil er wie ein Gockel am Strand auf und ab spazierte und sich Wunder was einbildete, wer er war. Er war auch nur ein Beach Boy. Sumith, sein Bruder, der hatte den Schmuckladen am Ende des Strands, das war was anderes, da kam wirklich Geld rein. Aber der verspielte das wieder. So what.
Nuan misstraute den Menschen, besonders den Frauen. Sie machten immer Versprechungen: »Ich liebe dich so, ich lade dich ein, ich will ein Kind von dir …« Pah. Leeres Gerede. Und dann kamen nur Fotos oder ein Paket und ein Brief: »Ich habe mich in einen Mann in Deutschland verliebt, tut mir Leid.«
Ja, ihm tat es auch Leid. Deutschland … er hätte viel gegeben, um auch einmal nach Deutschland fliegen zu können, obwohl er Angst davor hatte. Aber wenigstens einmal rauskommen aus dieser Eintönigkeit, dem immer gleichen Leben, der Aussichtslosigkeit, der Geldnot …
Er sah auf die Wellen, die sich brachen, auf die Gischt. Er hatte das Meer lieb, wollte es nicht missen, auch nicht den Strand, der war sein Zuhause. Auch die Hunde mochte er gerne, die am Strand herumliefen. Lala war sein Lieblingshund. Wenn Nuan zum Blue Lagoon kam, war Lala auch immer sofort da. Lala hasste Polizisten, wie er, und bellte sie immer an. So wusste man, wann die Polizei im Anmarsch war. Auf Lala war immer Verlass, der roch die Bullen auf hundert Meter Entfernung. Auch jetzt lag er neben ihm unter dem Stuhl und schlief. Lala war ein sauberer Hund. Er badete jeden Tag im Meer. Wie er auch. Er war auch sauber. Er putzte sich gerne die Zähne, manchmal drei Mal am Tag und immer ganz lang.
Nuan lehnte sich zurück im Stuhl und sah in den Nachthimmel. Wie das wohl wäre, wenn eine reiche, blonde Frau aus Deutschland sich in ihn verliebte … und dann im Ausland mit ihm ein neues Leben begänne … ? Jedes Jahr würde er heimkommen mit den neuesten Sonnenbrillen und Armbanduhren und von Deutschland erzählen: »… Wir haben jetzt ein Restaurant, meine Frau und ich, ja, läuft prima. Vor einem Monat haben wir einen BMW gekauft und nächstes Jahr werden wir uns hier am Strand, da hinten, ein Haus bauen … und dann ein zweites für meine Eltern. Ja, es geht mir sehr gut!«
Er jedenfalls war bereit. Er war immer bereit für Ereignisse, die ihn aus der Eintönigkeit des Strandlebens und der ewig gleichen Abläufe rissen.
»Hey, Nuan, siehst du die Frau da, die da vorne kommt?« Sadun zündete sich die sechste Zigarette an.
»Wo?«
»Da, am Strand unten!« Sadun gab ihm einen Stups und wies unauffällig mit dem Kopf nach links.
»Ja, was ist mit der?«
»Das ist Franca. Eine Deutsche. Die war schon letztes Jahr da. Probier mal dein Glück, da ist vielleicht was drin für dich …«
Nuan erhob sich zögernd und ging langsam in Richtung Meer.
*
Es zog mich nachts immer hinaus an den Strand, in die Wärme der tropischen Natur, obwohl es nicht ungefährlich war, nachts alleine den Strand entlang zu spazieren. Ich suchte dort nichts, wollte nur etwas finden, das kreatürlicher, ungestalteter und wilder war als die Hochglanz-Perfektion des all-inclusive Hotelbetriebs mit seiner glatten Professionalität und der versierten Freundlichkeit des Service-Personals. Mein Seidenkleid flatterte in der Meeresbrise, die dünne Hose plusterte sich auf, der Sand drückte sich durch die Zehen, der nächtliche Wind zauste die Haare.
Zeilen aus einem englischen Rocksong fielen mir ein: »Creatures of the heavens / that we earthlings cannot see / nightly phantasies / let me fly with you over shimmering waves / past many moons / to where the son gods dwell / and love only be …«
Eine große Fledermaus flatterte lautlos an mir vorbei, ich erschrak. Drei freundliche Hunde tappten in angemessener Entfernung mit unbestimmtem Ziel durch den Sand, zwei legten sich nacheinander hin, ein Hund blieb stehen, schnupperte in Richtung Meer, die anderen schauten gutmütig den Wellen zu und dösten ein. Still war es hier, nur das Meer rauschte. Die Hunde in Sri Lanka waren sanft, nicht aufgebracht und überwach wie die Vierbeiner daheim, sondern träge, freundlich, genügsam.
Ich hatte die ungenaue, westliche Touristensehnsucht nach irgendeiner Art ozeanischer Verschmelzung, wollte eins sein mit der Wärme, mit der Natur, keinen Erfolgsdruck fühlen, keine Zahlen sehen, keinen Bürobetrieb, keine Steuerkanzlei, keine nervenden Kunden beschwichtigen, Abstand von Deutschland, von Europa bekommen, Distanz zum unaufhörlich drängenden Pulsieren und lauten Kreischen der freien Marktwirtschaft, der schrillen Sensationspresse und den grellbunten Bildern des Billig-TVs – unverbrauchte, neue Gedanken denken, eintauchen in fremde, neue Sichtweisen, neue Gerüche schnuppern, tropische Früchte schmecken, vergessen, was stark machte daheim und so viel Kraft kostete, schwach sein dürfen, verboten träge, kindlich neugierig, neue Bilder im Kopf mit nach Hause bringen …
Ich schlurfte mit den nackten Füßen durch den Sand und hing meinen Gedanken nach, während ich mich dem Blue Lagoon näherte. Ich kam auf die Höhe des kleinen Strandrestaurants.
Es war wenig los. Einige angetrunkene Touristen beim Arrak warfen sich Zoten zu. Ein paar einheimische Jungs saßen noch dort, man erkannte schemenhaft ihre Umrisse. Vielleicht war Sadun da. Ich guckte suchend in das Zwielicht.
Da erhob sich am Nebentisch eine Gestalt, löste sich aus dem Halbdunkel und bewegte sich etwas unentschlossen in meine Richtung, ging langsam ein Stück weiter, blieb stehen. Der schwache Lichtschein, der vom Inneren des Restaurants auf die Bastschirme und Holztische am Strand fiel, zeichnete seine Silhouette ab, eine große, schmale, männliche Gestalt, sein Gesicht blieb vom Dunkel der Nacht verhüllt. Er verharrte, wartete, ging ein paar Schritte, zögerte wieder.
Als ich noch näher kam und sein Gesicht im Licht erahnen konnte, sah ich, dass der schlaksige Junge ebenmäßige Gesichtszüge hatte, die von schwarzen, halblangen Locken umrahmt wurden. Auch war er auffallend hochgewachsen im Vergleich zu seinen Landsleuten, er musste gut einen Meter fünfundachtzig groß sein.
Ich ging auf ihn zu, ihm entgegen, bis wir zwei Meter voneinander stehen blieben und unsere Gesichter zu erkennen versuchten.
»Hallo.«
»Hallo.«
»Wer bist du?«, fragte ich und lächelte unwillkürlich.
»Ich bin Nuan«, sagte er. Eine junge Stimme, unsicher, nicht gut in der deutschen Sprache.
»Oh, du bist das. Du bist Nuan.«
»Ja.«
»Ich bin Franca.«
»Ich weiß.«
»Wieso?«
Als wir uns zum Restaurant wendeten, fiel der Lichtschein auf ihn. Nun sah ich sein Gesicht. Er war nicht hübsch, er war schön – soweit das nächtliche Halbdunkel seine Züge erkennen ließ. »Mein Freund Sadun hat das gesagt. Du vor ein Jahr hier.«
»Ja, stimmt. Ich kenne dich auch.«
»Mich?«
»Eine Frau hat mir gesagt, es gibt hier einen Mönch, der die Zukunft voraussagt. Ich soll an den Strand gehen und nach Nuan fragen, der weiß, wo der Mönch wohnt. Ein sehr hübscher Junge, hat sie gesagt.«
Er lachte kurz auf. Im Halbdunkel sah ich seine weißen Zähne. »Ja, ich kenne.«
Ich reichte ihm die Hand. »Hallo.«
»Hallo.«
»Kommst du hier sitzen?«, sagte er und zeigte auf eine kleine Metallplattform, einige Meter neben den Tischen.
»O.k.« Ich lachte.
Nuan gefiel mir, nein, mehr … ich war betört. Er bedeutete mir, mich mit ihm zu setzen. Wir begannen eine Unterhaltung, ich erzählte und fragte. Nuan sagte von Zeit zu Zeit »Ja« oder gab kurze Antworten. Viel später wurde mir klar, dass er damals kaum etwas verstanden hatte von all dem, was ich, im Glauben, er spräche gut Deutsch, redete. Trotzdem gelang es, mit ihm einen Zeitpunkt für den nächsten Tag zu vereinbaren, an dem ich mich mit ihm treffen und besprechen wollte, wann er mich zum Mönch begleiten konnte. Ich gestand mir jedoch in derselben Minute ein, dass es nicht der Mönch war, auf den sich mein Interesse bezog. Es war Nuan, dessen Schönheit mich vom ersten Augenblick faszinierte und nicht mehr losließ.
*
»Möchten Sie ein Glas Champagner?« Ein beflissener Steward mit dunklem Teint und blütenweißem Hemd beugte sich zu mir. Service erstklassig, zuvorkommend. Es war der einunddreißigste Dezember, ich saß im Flieger nach Sri Lanka. Drei Stunden Verspätung, zwei davon in der VIP-Lounge mit Gratis-Getränken und Schokoplätzchen. Die Lounge war leer und ruhig, so ließ sich gut warten, entspannt nahm ich auf meinem Sitz 1A Platz.
Dies war meine zweite Reise nach Sri Lanka. Sri Lanka, »schönes Land«, dessen Wahrzeichen der Löwe ist, Singh a le, Löwenblut. 1948, als die Insel die Unabhängigkeit erlangte, bis 1972, hatte sie Ceylon geheißen, eine demokratisch-soziale Republik, aber seit den Revolten der Tamil-Rebellen gegen die singhalesische Staatsführung war das Image Sri Lankas schwer angeschlagen, viele Touristen sagten Flüge ab. Fast hatte ich den Urlaub auch storniert, der 11. September und der Bombenanschlag im August 2001 auf den Flughafen in Colombo hatten meine Flugangst reaktiviert. Eine Stornierung hätte aber den Ausfall von drei Wochen Urlaub inklusive Ayurveda-Kur bedeutet und diesen Urlaub hatte ich dringend nötig.
Die Stewardess zog den Minitisch aus der Klappe der Armlehne und breitete ein weißes Tischtuch darüber. Darauf legte sie eine rote Rose in einer Plastikhülse. In der Holzklasse hinten mussten sie sich in Viererreihen quetschen, Platznot erdulden, mit abgewinkelten, thrombosegefährdeten Beinen neun Stunden wildfremde Menschen mit ihren Macken, Blicken und Ausdünstungen auf engstem Raum neben sich ertragen und bei jedem WC-Gang den Sitznachbarn hoch sprengen oder vorbeilassen, je nach Sitzplatz.
Ich lehnte mich dankbar im komfortablen Sessel zurück, froh, mir das teure Ticket leisten zu können. Das Platzangebot in der Comfort Class war ungleich höher. Man konnte, speziell auf Sitz 1A, den ich mir immer reservieren ließ, die Beine vorn auf dem ausklappbaren Baby-Wickeltisch ablegen und so was wie eine Schlafposition finden. Dazu das Glück, dass der Platz neben mir frei blieb. Silvester war kein Tag, den ich um jeden Preis in der Luft verbringen wollte, aber in der Comfort Class ließ sich alles aushalten, sogar Flugangst, und auch die Passagiere waren gehobene Klasse, vornehmere Leute, distinguiert, zurückhaltend, diskret.
Mitte November hatte ich die Entscheidung für den Urlaub getroffen. Es wird in meiner Maschine kein Terrorist sitzen, beschloss ich, kein tamilischer Rebell wird auf mich Bomben werfen, ich werde in keine Luftwirbel geraten. Freunde trösteten mich mit schicksalhafter Vorbestimmung und Fatalismus. »Wenn er abstürzt, kannst eh nix mehr machen …«
Das war mein Ding nicht. Ich glaubte an die Kraft der kreativen Gestaltung und daran, dass das Denken die Lebensumstände erschafft. Aus dieser Grundhaltung heraus war ich Motivationstrainerin geworden und aus diesem Grund hatte ich auch Angst. Es war die Angst vor der Omnipotenz der eigenen Gedanken, die Horrorvisionen könnten sich auf Dauer eigendynamisch verwirklichen. Ich konnte alles erreichen, was ich wollte, da war ich sicher, und wenn es ein Absturz war.
»Wir werden jetzt dann das Dinner servieren!«
Ich fuhr aus meinen Gedanken, der Steward strahlte. »Was möchten Sie denn gerne essen, Frau Stetter?« Er kannte mich. Wie aufmerksam.
»Bitte, Ihre Speisekarte. Wir haben zur Auswahl: Lamm, Lachs oder Poularde … und ein bisschen Gans, die is’ vom Weihnachtsfest übrig geblieben, haha!«
Ich scherzte höflich mit.
»Also, suchen Sie sich was aus. Sie sagen’s mir dann, ja?«
Er schlängelte sich elegant durch die Reihen nach vorne. Die teure Speisekarte aus hochwertigem Karton aufklappend, las ich:
MENU
Räucherlachsmousse im Blätterteigschiff, geräucherte Entenbrust an Waldorfsalat, marinierte Garnelen … (Ach so, das war erst das Horsd’œuvre, weiter)
Gebratenes Lammrückensteak auf grüner Pfeffersauce, honigglasiertes Gurken-Karotten-Gemüse und Kurkuma-Kartoffelpüree …
Wow. Die Geschmacksrealität hielt diesem Ankündigungslevel nie stand, weil das Essen transportiert und aufgewärmt werden musste – aber es klang herausragend. Für siebzehnhundert Euro durfte Lufthansa schon was auffahren. O du süße Dekadenz, wie genieße ich dich! Luxus … so wunderbar überflüssig. Überflüssig auch zu erwähnen, dass der Steward zur Käseauswahl ein Körbchen reichte, in dem sich in einer weißen Serviette vier Sorten Brot zur Wahl befanden, die Brötchen waren natürlich vorgewärmt.
»Sie müssen viel trinken!«, hatte mir eine überkandidelte Journalistenzicke vor Jahren gesagt, deren einzige Fußspur in meinem Leben dieser wertvolle Satz blieb. Seitdem trinke ich. »Mindestens drei Liter während der Langstrecken, so bekommen Sie Sauerstoff und werden durchgespült.«
»Ein Gläschen Wein … ?«
»In der Luft niemals Alkohol!«, hatte sie gemahnt. »Der Pöbel lässt sich immer volllaufen, im Flieger hat das die doppelte Wirkung. Dann sind die Idioten besoffen und kriegen Kreislaufprobleme oder pöbeln – Nomen est Omen – das Personal an.«
Ich trank seit vielen Jahren keinen Alkohol mehr, auch das Rauchen hatte ich eingestellt. Ab Ende dreißig sollte man auf seine Gesundheit achten, fand ich.
Ich lehnte mich im bequemen Sessel zurück und ließ meine Gedanken wandern. Das vergangene Jahr war gut gewesen, ich war zufrieden mit mir, ein schwieriges Jahr, mit heftigen Turbulenzen, aber ich hatte es gestanden wie eine eiserne Lady – oder sollte ich besser sagen, Prinzessin Eisenherz? Ziemlich hart wurde man in diesem Geschäft, mitleidlos, Emotionen blieben auf der Strecke. Zu Beginn warf mich gleich eine Steuerprüfung mit horrenden Nachzahlungen aus der Bahn, dann knallte mir eine langjährige Mitarbeiterin Hals über Kopf alles vor die Füße, weil ich ihre finanziellen Forderungen nicht erfüllen wollte, mein Vater kränkelte monatelang, mein Sohn zog zum Studium ins Ausland und meine zweite Ehe war nur mehr Papier. Ein käsereifer, erwachsener Abschied war es mit Freundschaftsgeheuchel, wir hatten uns aufgrund der zeitlich und auch sonst unvereinbaren beruflichen Beanspruchungen auseinander gelebt. Ein Jahr der Trennungen, ein Marsjahr, das alles mit der Axt zerhieb, was nicht funktionierte. Meine ständige Abwesenheit verhinderte den Aufbau eines sozialen Umfelds, meine Familie war die Seminar-Crew. Aber, darauf war ich stolz, ich hatte all das überstanden, ohne seelische Einbrüche oder Abstürze in Verzweiflungsphasen. Ich stand aufrecht wie ein Leuchtturm in diesen Stürmen, ich knickte auch nicht, als mich zum dramatischen Finale am Jahresende mein Lieblingsfeind, ein ehemaliger Seminarteilnehmer, bei der Presse verleumdete und meiner Firma Veruntreuung von Seminargeldern vorwarf. Die Boulevardpresse war in Erwartung einer höheren Auflage auf die Sensationsmeldung eingestiegen und goss ihre Jauche über meine Firma. Nun mussten wir Rechtsanwälte einschalten, um Gegendarstellungen kämpfen und juristisch vorgehen gegen die Falschaussagen in der Presse. Das raubte Zeit, Nerven, Geld, gute Laune. Ausgebrannt von den Kämpfen, müde, enttäuscht vom Verhalten nahestehender Menschen, wehmütig wegen des Auszugs meines Sohnes, brauchte ich seelische Nahrung, alternative Ziele, Herausforderungen, Menschen, die mir zur Seite standen, bereit, tapfer mit offenem Geist zu kämpfen, loyal und integer, nicht nur Geld im Visier hatten.
Bei alledem war ich unschlüssig, ob ich wirklich noch kämpfen wollte. Ich hatte viel erreicht und wusste nicht mehr so recht, was ich noch erreichen sollte. Der Zweifelwurm nagte am ehrgeizigen Siegeswillen, der mich lange Jahre getragen, getrieben hatte. In den mittleren Lebensjahren mahnt die Seele, dass die verbleibende Zeit kürzer wird, dass nicht mehr so viel Jahre für Abenteuer und Freude bleiben, dass das Alter den Körper anfrisst. »In der Lebensmitte wird der Tod geboren«, schrieb C. G. Jung.
Da half nur Schokolade … wo war der Steward?
»Sehr verehrte Gäste, wir werden Ihnen nun zollfreie Waren zum Verkauf anbieten. Bitte wählen Sie aus unserem Bordheft die gewünschten Duty-free-Artikel aus.«
Ich kaufte mir Cool Water Women von Davidoff, um die Misslaunigkeit zu vertreiben, und sprühte ein wenig von dem Eau de Toilette auf meinen Hals. Der Geruchssinn ist der älteste Sinn im Wesen Mensch. Innerhalb weniger Sekunden weiß man, ob man einen Menschen riechen kann oder nicht, wie jenen jungen, unterhaltsamen, attraktiven Mann, der mir mit erfreulich eindeutigen Absichten den Hof gemacht, aber Mundgeruch hatte. Will man da anfangen müssen mit Lehrgängen über das Zähneputzen? Meine Freundin Igel, das abgebrühte Luder mit Hirn, ätzte regelmäßig: »Die meisten Männer sind Ferkel. Sie wollen immer, dass wir ihnen einen blasen und dann kommen sie mit miefigen Schniedeln daher, da vergeht’s einem doch!«
Ich lachte vor mich hin … wann hatte ich den letzten Mann in meinem drei Meter breiten Bett gehabt? Lang war das her, viel zu lang … zu viel Arbeit, zu wenig Zeit für Privates, Workaholic-Lifestyle, keine Lust auf Anbaggern, keinen Bock auf die Typen, die anbaggerten. Dazu Skepsis in Bezug auf meine Attraktivität und die Frage, ob und wie weit der Marktwert gesunken war. Wissen wollte ich die Antwort auch nicht wirklich. Mist.
»Sehr geehrte Fluggäste, es ist nun Punkt zwölf Uhr. Wir kommen noch einige Stunden durch verschiedene Zeitzonen, aber da wir nach Osten fliegen, ist dort Mitternacht überall schon vorbei. Vielleicht ist es für Sie das erste Mal, dass Sie an Silvester im Flugzeug sitzen. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen und einen guten Flug ins neue Jahr! Prost Neujahr!«
Prost. Silvester im Flugzeug, der unspektakuläre Charakter des Ereignisses war mir recht. Nur Ruhe, kein Aufhebens, kein Partygedöns … Ruhe und Frieden – meinem Alter angemessen, sprach Mrs. Sarkast in mir, innere Einkehr.
»Frau Stetter, möchten Sie eine DVD aus unserem Angebot?«
Nein. Lass mich in Frieden, du Arsch. »Was haben Sie denn alles … ?«
»Men in Black, Notting Hill und Der Feind in meinem Bett. Ich bringe Ihnen gern Ihren persönlichen DVD-Player.« Nobel.
»Danke, das ist nett. Aber ich werde ein bisschen lesen.«
Verschwinde, du fröhliches Nerv-Ei, geh weg und lass mich meine Luxusdepression genießen.
»Gerne. Und sollten Sie sich noch umentscheiden wollen, wir sind jederzeit bereit.«
Ich suchte nach meinem Buch. Die Kopie eines Artikels fiel mir entgegen, der gerade in einer Fachzeitschrift erschienen war. Ein Reporter hatte ein Interview aufgezeichnet und für das Portrait ausführlich im Internet und Archiv recherchiert. Im Abflugsstress vor zwei Wochen hatte ich leider vergessen, mir das Interview zur Autorisierung vorlegen zu lassen.
»Erfolgsorientiert, leistungsbezogen und konsumfreudig«. Was für ein Anfang! Das klang hart und unsympathisch, gar nicht selbstironisch, wie ich es beabsichtigt hatte. Ich wurde in die Schublade der blonden, attraktiven Mittvierzigerin gesteckt, die nach der üblichen pubertären Orientierungssuche zur erfolgreichen Karrrierefrau mutiert war. Der Reporter hatte richtig erkannt, dass Tempo und Zielstrebigkeit mein Leben bestimmten. »Glück ist machbar«, danach handelte ich und war damit bisher beruflich mehr als gut gefahren. Meine Motivationsseminare zogen regelmäßig über 500 Teilnehmer an und eine Flaute war nicht in Sicht.
Nun stand ich auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn. Kindheitsdefizite und einige neurotische Verbiegungen hatte ich, soweit zeitlich möglich, mithilfe einiger Analyse-Sitzungen aufgearbeitet, der Rest würde sich per Nachreifung und Lebenserfahrung in Weisheit und Abgeklärtheit wandeln. Dachte ich.
»Die Pflicht hab ich hinter mir«, wurde ich zitiert, »jetzt kommt die Kür.« Das bezog sich auf meine zwei Ehen und meinen bereits erwachsenen Sohn. »Männer haben Respekt vor ihr«, hieß es weiter. Ja, und Scheu … leider auch in erotischer Hinsicht. »Sie spüren vielleicht ihren unausgesprochenen Anspruch.«
Mit den Männern war das so eine Sache. Auch die selbstbewussten unter ihnen griffen im Zweifelsfall auf pflegeleichte Prototypen des weiblichen Geschlechts zurück, mit devoter Grundhaltung in subalternen Positionen, die Status quo und Autorität der Männer nicht in Frage stellten. Bei mir fühlten sich die Typen zwar gut beraten, aber nicht zwangsläufig bestätigt. Ich durchschaute sie und das Gefühl, durchschaut zu werden, vermittelte ihnen anscheinend die Empfindung von Unzulänglichkeit. Bei Impotenz, auch geistiger oder seelischer Natur, nahm ich Reißaus. Ein Spitzenmanager und mein »High-Noon-Stand« mit ihm in der Mittagspause fielen mir ein. Ich hatte seine angestrengten Bemühungen noch in plastischer Erinnerung, er musste mir auch hier beweisen, wie herausragend er war. »Franca Stetter ist ein Kind der Frauenbewegung«, endete der Artikel, »und heute ist sie gelebte, kraftvolle Frauenenergie.«
Genau. Wenn es darum ging, sexuelle Lust zu erleben, dominierte Freude am Erfolg, am Hochfliegen, an der Weiterentwicklung. Abenteuerliche Eskapaden hatte ich also schon erlebt … mit der Liebe lief es weniger gut.
Ich öffnete das kleine Täschchen, das ich von der Stewardess bekommen hatte, und fand eine Reihe von Erste-Klasse-Devotionalien, von der zusammensteckbaren Zahnbürste bis zu flauschigen Socken. An was die nicht alles denken …
In der Tasche an der Wand für Zeitungen steckte eine Faltkarte mit ausführlichen Instruktionen für die Sitzverstellung, es gab fünf (!) Möglichkeiten. Man konnte die Rückenlehne verstellen, die Fußstützen hochfahren, den Sitz nach vorne schieben, dass er sich noch mehr in die Länge streckte und in der Rückenlehne ein Polster in Höhe der Taille aufblasen lassen, das den unteren Rücken stützte. Und zu guter Letzt hieß es: »Die Sesselohren können mit der Hand an der Außenkante nach innen gedreht werden.« Dieser irrwitzige Satz sollte mich bis in die Teeplantagen von Kandy verfolgen.
Ich starrte noch ein Weilchen teilnahmslos vor mich hin und döste ein. Schlaf konnte man das nicht nennen, aber zwei bis drei Ruhestunden wurden es doch.
Zum Frühstück gab es Brötchen, Marmelade und Obstsalat, Kaffee oder Tee. Gegen Mittag, nachdem ich – als erste, um den Ausdünstungen der Mitpassagiere zu entgehen und noch ein halbwegs sauberes Bad genießen zu können – in der Flugzeugtoilette den Hosenanzug gegen luftige Kleidung getauscht hatte, gab der Pilot bekannt, dass wir demnächst landen würden. Die derzeitige Temperatur in Colombo betrug 29 Grad.
Ich stellte meine Uhr um, Zeitdifferenz fünf Stunden. Der Flughafen Negombo lag um die vierzig Minuten – je nach Verkehr – nördlich von Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, entfernt. In den Süden, nach Bentota, musste man das größte Verkehrschaos der Insel passieren, es gab keinen Ausweg, keine Umgehungsstraße.
*
Beim Aussteigen aus dem Flieger und dem kurzen Gang zur Halle umhüllt den Neuling die tropische Wärme wie ein Mutterschoß, die Hitze legt sich aufs Denken, beeinflusst Gedanken, Motorik, Fühlen, das ganze System. Ich liebte und genoss es. Es war jedes Mal wie ein Narkotikum, ein Rausch. Sri Lanka!
Das Anstellen in der Schlange war eine harte Geduldsprobe für meine Tempo-Mentalität. Die Immigration Card musste ausgefüllt und abgegeben werden, ewiges Warten beim Durchgang der Passkontrolle. Ich starrte müde auf die Buchstaben, die darüber leuchteten: DRUG TRAFFICKING OR POSSESSION CARRIES THE DEATH PENALTY. Auf Handel oder Besitz von Drogen steht die Todesstrafe … Hart.
Ich war froh, dass ich Joints und all das Zeug verabscheute. Die Schreibweise von TRAFFICKING brachte mich auf schmutzige Gedanken und ich grinste innerlich. Aus Unachtsamkeit überholte ich ein Ehepaar in der Schlange. Die beiden sahen mich aggressiv an, die Frau zischte: »Sag jetzt nichts, Heinz, da stehen wir drüber!«
Ich tat, als hätte ich nichts gehört. Stattdessen glitten meine Augen langsam und abfällig von oben nach unten über ihre Kleidung: sie in rosa Trainingsanzug und Turnschuhen, er in unförmigen blauen, alten Jeans, die unter dem Wanst hingen, Hawaii-Hemd, Sandalen … Ein deutscher Albtraum.
Endlich kommen meine zwei Koffer angerollt – aufladen, Geld wechseln, weg hier! Hinaus ins Freie, wo mein Sri Lanka auf mich wartet.
Der singhalesische Fahrer stand bereit.
»Wie lang dauert heute die Fahrt?«
»Zwei und eine halbe Stunde, Madam. Viel Verkehr heute. Vielleicht jetzt bisschen weniger.«
Der Linksverkehr in Sri Lanka und das furchteinflößende asiatische Verkehrschaos funktionieren vermittels einer sich dem Touristen nicht gleich erschließenden Hup-Kommunikation der Verkehrsteilnehmer relativ reibungslos und gemessen am Chaos weitgehendst unfallfrei. Autos, Kleinbusse, Busse, Jeeps, Fahrräder, Mopeds, Kühe, Viehwagen, Gemüsekarren, Hunde, Hühner, Ziegen, Tuktuks, alles fährt gleichzeitig und wie es will, auf schlechten Straßen, die für zwei bis drei nebeneinander fahrende Fahrzeuge gebaut wurden. Der Fahrer nannte es »all-inclusive Verkehr«.
Vor Brückenstationen mit einer großen Buddhastatue gaben die Autofahrer eine kleine Spende mit einem Gebet für unbeschadetes Fahren ab. Das war sicher nötig, und die kurz aufkeimende Überlegung jedes Touristen, ob er hier selber fahren solle, wird durch eine nachdrückliche Warnung vom Hotel schnell zunichte gemacht. An den Straßenseiten, vor Häusern, deren Verputz bröckelt, stehen Frauen in bunten Saris, Männer in alten Sarongs, um die Hüften gewickelten Tüchern, darüber ein Herrenhemd, weiß bis schmutzgrau. Bettler in Lumpen hocken vor Wellblechhütten und Bauruinen, auf denen ehemals bunte Blechschilder verrosten und verwittern, abgeblätterte Plakatwände mit zerfetzten Reklamebildern zeugen von nicht erfüllbaren Sehnsüchten und aufgegebenen Träumen, Shops und Palmen, uralte gelbe, rostige Busse mit Beulen und Löchern, Tuktuks und, wie eine Wespenplage, Massen von knatternden Motorrädern und kleinen Motorrollern und die ersten Ausläufer vom Meer. Der Fahrer hupt alle paar Sekunden, bremst ruckartig, es holpert und schüttelt, in einem Auto, das bei uns nicht mal Studenten fahren würden. Die Männer auf der Straße sind hässliche, dürre, ausgemergelte Gestalten mit brennenden Kohlenaugen, die Frauen etwas gefälliger, mit Schirm und Sari, bunt, oder in langen Kleidern; Kostüme und Hosen sieht man nur in der Stadt, kleidungsmäßig ein Stadt-Land-Gefälle. Sri Lanka ist nicht schön.
Falsch, Colombo ist nicht schön. Aggression gegen den Fahrer kam hoch. Daheim hätte ich ihn anhalten lassen und mir ein Taxi genommen, und für seine Fahrweise hätte er einen Anschiss bekommen. Hier war das sinnlos, ich musste es aushalten und gegen die Übelkeit ankämpfen.
Ich blickte müde auf das Menschengewirr auf den Straßen. Unter hundert, die an mir vorbeiflogen, kein Einziger mit Übergewicht. In der Bundesrepublik laut Statistik jeder dritte, jedes fünfte Kind, adipöse Monster. Fette Eltern, fette Kinder, in der Pisa-Studie auf den hinteren Plätzen gelandet. Musste Wohlstand in Dummheit und Fressgier ausarten? »Im Schatten der Rache«, stand auf einem Kinoplakat, eine schöne Frau zwischen zwei Männern. Indische Filme waren naiv, archaisch, grausam; Leidenschaft, Ehre, Stolz, Rache und Neid spielten eine große Rolle.
Ich dachte an mein Leben in Deutschland. Mit dem Erfolg kamen immer die Neider.Wenn ich etwas hasste, waren es beleidigte Menschen. Emotional nicht belastbar, wie die meisten Frauen, in Krisensituationen hysterisch, auffahrend und ausfallend, hatte meine engste und wichtigste Mitarbeiterin und Freundin, obwohl sie ein gutes Gehalt bekam, gekränkt und patzig mehr Geld gefordert, auf eine so unintelligente Weise, dass man sie in Seminaren als abschreckendes Beispiel hätte anführen können: »Wie ich eine Gehaltserhöhung sicher verhindere«. Schließlich war sie gegangen, mit Beleidigungen, übler Nachrede, Intrigen und all dem miesen Zeug bei Trennungen von Geschäftspartnern und Freunden. Wie klein … wie nieder, dachte ich und versuchte die zerbrochene Freundschaft, die wohl keine gewesen war, zu verdrängen und zu vergessen. So begrub ich meine Empfindungen und strich die Person aus meinem Leben, zumindest beschloss ich, es zu tun.
Ab dieser Begebenheit hielt ich mich nicht mehr lange auf mit nicht funktionierenden Partnerschaften. Auch in Beziehungen begann ich geschäftlich zu denken, als Businessfrau, irgendwas war in mir abgestorben. Es muss sich rechnen, sagte ich mir ab da, wenn es das nicht tat, entstand Unzufriedenheit auf beiden Seiten, über kurz oder lang. Alles war letztlich ein Deal und die romantische Liebe ein Relikt des neunzehnten Jahrhunderts. Davon lebten die Werbung und die gesamte Filmbranche, vom Schmalz. Wo Realität begann, endeten die Filme.
Nach circa neunzig Minuten lichtete sich der Verkehr, die Hektik legte sich, die Anzahl der Kokospalmen nahm zu. Ich lehnte mich zurück, versuchte, Urlaubsgefühl in mich hinein zu lassen, das, beim Aussteigen aus dem Flieger kaum aufgekeimt, sofort erstickt worden war durch Zollkontrollen, Gepäckabfertigung, Flughafen-Bürokratie, meine negativen Gedanken und die schreckliche Fahrt.
Vor mir ein überfüllter Bus.
An der Tür hingen fünf bis sechs Jungs und krallten sich fest. Sie hatten Spaß, aus den Auspuffrohren quollen schwarze Rußwolken, die sich stinkend in der Luft verteilten. Dazwischen Bougainvillea in apricot und lila, rosa Hibiskusblüten und zur Rechten die ersten Ausläufer vom Indischen Ozean mit Korallenriffen, Sandbänken, Lagunen. Ferienstimmung mit Übelkeit und Magenschmerzen – oder war es die über den rücksichtslosen Fahrer verärgerte Galle? Reklameschilder flogen vorbei, Sanjeewa Fashion Shop, Canon Foto Copies, National Panasonic Center, alt, dreckig, abgeblättert, rostig, verkommen. Bislang bot die Insel immer noch keinen schönen Eindruck.
Die Security-Beamten öffneten das Eisentor, wir bogen langsam in die Hotelvorfahrt vom Lanka Queen ein. Der Portier begleitete mich in die Hotelhalle, der Fahrer lud das Gepäck aus, das von flinken Hotelangestellten in blaukarierten Sarongs übernommen und weggekarrt wurde. Die graziöse Dame im orangefarbenen mit Goldfäden durchwirkten Sari an der Rezeption bat mich mit sanfter Stimme, in der Sitzgarnitur Platz zu nehmen, ein Kellner überreichte mir einen Fruchtcocktail mit Ananasscheibe und Schirmchen und legte ein Formblatt zum Ausfüllen vor: Name, Aufenthaltsdauer, besondere Wünsche.
Ja, es gefiel mir, wenn Abläufe professionell und reibungslos funktionierten, ob es sich um die Tätigkeit eines Spitzenmanagers, eines Gepäckträgers oder die eines Kellners handelte. Wenn jemand sein Handwerk verstand und seine Arbeit gut machte, griffen die Zahnräder ineinander, dann machte Leben Freude. Das war eine Frage des persönlichen Einsatzes und der Arbeitsmoral. Ich verabscheute trödelnde, unmotivierte Menschen, die wie bockige Kinder voll innerem Widerstand oder geistiger Trägheit Arbeitsprozesse aus Unfähigkeit oder Absicht behinderten und unnötig in die Länge zogen, Sand im Getriebe waren. Und Warten war etwas, was ich am allerwenigsten mochte, Geduld hatte noch nie zu meinen Stärken gehört.
Das Lanka Queen entsprach in allem meinen Erwartungen, es übertraf sie sogar.
Ich ließ mich erschöpft in die bunten Kissen in einer der breiten Stühle der Couchgarnitur aus Korbgeflecht fallen und wartete – was blieb mir übrig – auf die Einweisung in mein Zimmer. Ich ließ meinen Blick durch die vom Oberlicht durchflutete Hotelhalle wandern. Zwei Hunde aus Holz säumten den von Security-Beamten bewachten Eingang, in der Mitte der Halle thronte ein riesiger, drei Meter hoher Christbaum, den man wie jedes Jahr aus Deutschland einfliegen ließ, um den christlichen Gästen ein gebührendes Weihnachtsfest darbieten zu können. Die Ausstattung der Halle hatte landestypischen Charakter und war in Holz, Marmor und Gold gehalten. Eine Vielfalt von riesigen, üppigen Tropengrünpflanzen mit bunten Blüten wucherte die hohen Säulen hinauf, schlang sich die Wände entlang und umrankte die Ölbilder von einheimischen Künstlern. Hinter mir wartete höflich ein Liftboy vor der Regalwand, in der die Schlüssel deponiert wurden, links die Rezeption, aufmerksam dreinschauende Angestellte mit sanften Braunaugen, vor mir führten Stufen zu einer Boutique, in der Edelsteine, Schmuck, Kleider, Postkarten, Sonnenbrillen und Sonnencreme zum Verkauf angeboten wurden, rote Cottofliesen vervollständigten das geschmackvolle Ambiente der Lobby, und das lautlos umherhuschende Servicepersonal mit dezentbeflissener Freundlichkeit machte das Fünf-Sterne Hotel perfekt.
»Mrs. Stetter?« Die Rezeptionistin beugte sich zu mir. »Here is your key, number twentyeight. Ihr Zimmer geht auf den Pool hinaus.«
*
Knapp eine Woche später lief ich glücklich und ein bisschen braungebrannt um den Pool im Lanka Queen, froh, meinen Flug- und Terrorängsten nicht nachgegeben zu haben.
Eine deutsche Stimme fing mich ab. »Hallo, Frau Stetter!« Eine attraktive Frau in den Dreißigern winkte aus dem Liegestuhl. Ihr Mann, den sie mir als Greg vorstellte, lag neben ihr und las Zeitung.
»Ich hab was für Sie, das interessiert Sie bestimmt! Wir waren heute bei einem Mönch. Das war ein Erlebnis! … Ich bin übrigens Denise!« Sie richtete sich von der Sonnenliege auf und zog ihren Bikini zurecht. »Der Mönch hat uns die Zukunft vorausgesagt!«
»Ach …«, sagte ich und tat interessiert. Wahrsager hielt ich für Scharlatane und Geldgeier, wirklich Hellsichtige traf man ja kaum. Wahrscheinlich brauchte der Mönch Geld für seinen neuen Tempel. Buddhistischer Mönch sagt Zukunft voraus, das allerdings versprach exotischen Zauber und fernöstliche Würze – ich war ja im Urlaub – die Fahrt durch die tropische Flora mit eingerechnet.
»Hier ist seine Visitenkarte«, sagte Denise. »Wir reisen morgen früh ab.«
»Oh. Danke schön.« Ich nahm die Karte.
»Es ist ein sehr moderner Mönch, per Handy erreichbar«, lachte sie. »Und wenn Sie raus an den Strand gehen, fragen Sie einfach nach Nuan, der weiß Bescheid. Sie finden ihn ganz leicht, es ist ein sehr schöner Junge!«
Von Wahrsagerei hielt ich wenig, bei der Astrologie dagegen … Meister Weber fiel mir ein …
*
»Silvester ist diesmal die Große Nacht der Ahnen. Diese astrologische Konstellation kommt äußerst selten vor, so alle zehn Jahre nur.«
Ich sah Meister Weber vor mir, wie er seinen Blick von den Berechnungen hob, die Brille auf der Nase zurechtschob und sich die wirren grauen Locken aus der Stirn strich.
»Was heißt das?«, fragte ich.
Mein Verhältnis zur Astrologie war ambivalent. Die pragmatische Seite in mir hielt es für Unsinn, mein romantischer Fische-Mond fand das schön, Wünsche auf Zettel schreiben, magische Rituale, Hexenkraft, Vollmondzauber, alles, was im Nebel des Unbegreiflichen lag. Meine Abenteuerlust auch. Mein Mars im Löwen genoss das Theatralische dran.
Meister Weber beugte sich über seine Blätter. Er war mein Astrologe und mit seinen Voraussagen noch nie falsch gelegen. Vor meiner Abreise hatte ich ihn aufgesucht, wegen der Flugangst. »Am 31.12. um 23:15 Uhr wechselt der Mond in den Löwen. Und um 24:00 Uhr, genau am Jahresneubeginn, erreicht diese Konstellation ihre stärkste Kraft.«
»Ja, und?«
»Da solltest du dich in einen meditativen Zustand versetzen und dich quasi mit deinen Ahnen verbinden.«
»Mit den Ahnen? Von mir aus. Und dann?«
»Können sie dir Energien zukommen lassen, Wünsche erfüllen und so. Das magische Ritual dazu wäre: Du schreibst alle deine Herzenswünsche auf einen Zettel und den verbrennst du genau um Mitternacht.«
»Das geht nicht. Ich kann im Flugzeug keine Zettel verbrennen.«
»Na ja, dann verbrennst du ihn halt am Neujahrstag. Die Ahnen werden Nachsicht haben.«
»Meinst du, sie verzeihen mir die Verspätung?«
Er grinste. »Das Universum wird die lautere Absicht anerkennen – und um zwölf Uhr denkst du eben ganz intensiv dran.«
Ich hatte drei Wünsche aufgeschrieben. Gesundheit und Glück für meinen Sohn, Exmänner und Familie (das war ein Wunsch), Erfolg für das neue Seminarprojekt – und Liebe! Ich wollte endlich mehr Liebe, Liebe, Liebe, die lag seit fast drei Jahren auf Eis vor lauter Berufskampf, Karriere, Workaholismus. Der Zettel wanderte gefaltet in meine Handtasche.
*
Am Neujahrstag machte ich mich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg. Der Kande Vihara Tempel, nur wenige Kilometer vom Hotel, war mein Tempel, es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Es gab beeindruckendere, größere, den Zahntempel in Kandy, im Landesinneren der Insel, ein Wunder an Architektur und Ausstattung, aber ich fühlte mich dort überflüssig, verloren zwischen Massen von Touristen, am falschen Platz. Im Kande Vihara Tempel war ich zu Hause, wie ich überhaupt in Sri Lanka ein Gefühl des Zuhauseseins spürte, vom ersten Augenblick an, ein Déjà-vu, als hätte ich hier schon einmal gelebt. Sri Lanka war meine geistige Heimat, als habe meine spirituelle Suche ein Ende. Sri Lanka flüsterte mir zu: Du bist angekommen, hier findest du, wonach du immer gesucht hast.
Als ich den Tempel betrat, war es Nacht. Die Schuhe blieben vor dem Eingang, mit nackten Füßen betrat ich den gepflasterten, nachtwarmen Steinboden. Links das Rondell, in dem sich die Bildergeschichte des Bodhi-Baums befand, kurz Bo-Baum, ältester Baum der Welt, Baum der Weisheit, unter dem Buddha die Erleuchtung erfuhr, berühmtester Baum Sri Lankas. Am Boden sitzend, betende alte Frauen in Lumpenkleidern, in klagenden Tönen monotone Litaneien singend. Ich umschritt den Bilderkreis und fühlte mich als blonder Eindringling in fremdem Gewand und adaptierter Buddhisten-Pose. Hier im Tempel beteten gläubige Einheimische, dunkelhäutige Menschen, es war ihr Tempel. Ich ging wieder hinaus.
Zur Rechten ein langes gusseisernes Gestell, in dem Dutzende von Ölkerzen aufgestellt waren, unzählige Räucherkerzen steckten in sandgefüllten Rinnen. Im Tempel hörte man die Mönche singen. Ich betrat den heiligen Raum mit Ehrfurcht und innerem Schweigen, versuchte zumindest, meine Gedanken still werden und die drei Meter hohen Buddha-Statuen auf mich wirken zu lassen. Der Hinduismus der Tamilen ist dem Buddhismus ähnlich; nur dass es im Hinduismus eine Unmenge Götter gibt. Im Buddhismus gibt es nichts Wesentliches außer dem einen Buddha und der ist ein erleuchteter Mensch mit göttlichen Zügen, kein Gott.
An der Kopfseite ein Tisch, ein Tempelpriester in weißem Spitzenumhang segnete Früchte, Familien, Männer, Frauen, Kinder, Alte warteten geduldig, bis sie ihre Obst- und Gemüseschale dem Priester zur Segnung reichen durften, auch Gegenstände, Autoschlüssel, Amulette, Halsketten. Jedes Mal stimmte der Priester von neuem seinen Gesang an.
Als ich fertig war mit meiner kleinen Andacht und mit einem Gebet für meinen Sohn und meine Eltern, ging ich zu den Ölkerzen hinaus, zog meinen Zettel aus der Tasche und faltete ihn auf. Verstohlen sah ich mich um und kam mir etwas töricht vor mit meiner Astroaktion, aber es waren nur mehr wenige Betende da und einige Mönche, die den Boden kehrten.
»Liebe Ahnen«, sprach ich leise und hielt meinen Zettel über die Flamme, »die große Ahnennacht war gestern, aber hier sind mein Gebet und mein Anliegen, bitte nehmt meine verspäteten Wünsche auf.«
Ich verbrannte andächtig meinen Wunschzettel in der Flamme der Ölkerze und warf den brennenden Rest in die Sandrinne, wo er zu schwarzer Asche zerfiel. Die Atmosphäre der warmen Nacht mit den flackernden Öllämpchen und dem monotonen Gesang der Mönche schien magisch, verzaubert zu sein und ich hatte das sichere Gefühl, die Ahnen spielten mit. Der Glauben an die Macht eines Rituals verstärkt die Energie, wer heilt, hat Recht. Und ob nun die Ahnen oder der Glaube an sie Wünsche wahr machten, fiel nicht so ins Gewicht.
Gut eine Woche später begab ich mich auf den nächtlichen Strandwalk. Jeden Abend zwischen zehn und elf Uhr entfloh ich der Fünf-Sterne-Langeweile des Hotels, in dem es abends nichts gab außer leerem Smalltalk und einer verlässlich schlechten Regionalband mit regelmäßig verstimmter Gitarre, und flüchtete an meinen Strand. Der Strand war dunkel, kein Licht, nur der schwache Schein der großen Hotels erhellte den Sand ein wenig und setzte Lichter auf die schäumenden Wellen. Ich liebte diese nächtlichen Gänge. In früheren Jahren hatte ich mich in solchen Stimmungen heißblütig zersehnt nach Liebe, Zärtlichkeit und romantischen Begebenheiten, nun war ich gelassener. Ich hatte es sein lassen, mich zu zerfleischen nach dem, was nicht war, nahm an, was sich anbot. Und wenn nichts war, war es auch recht, dann las ich im Urlaub eben meine Bücher. Das Leben war jetzt – und jetzt schlenderte ich alleine diesen mondbeschienenen Strand entlang, zog die nackten Füße durch den Sand und hing meinen Gedanken nach, als ich am Restaurant Blue Lagoon vorbeikam – in dieser magischen Nacht, in der alles begann.
*
Der nächste Tag war heiß und schwül, die Luft drückte. Wir trafen uns gegen drei Uhr nachmittags und fuhren mit dem Boot an den menschenleeren Strand am anderen Ufer des Bentota-Flusses, wo keine Strandverkäufer nervten und sich kaum Touristen aufhielten. Und die, die dort waren, wollten auch ihre Ruhe.
Wir setzten über und liefen nebeneinanderher bis zum Meer. Ich war betört von Nuan und seinen leicht schrägen, so großen, schwarzen Märchenaugen, den langen, seidigen Wimpern, den glänzenden, dicken, schwarzen Locken, die ihm in die Stirn fielen und dem Mund, dem aufgeschwollenen, großen Mund, den Lippen, die wie eine riesige, dicke Knospe im Tropenregen aufsprangen. Er wirkte wie ein Prinz aus Tausendundeiner Nacht und war bei Tageslicht noch schöner als in der Nacht. Ich zog mein Kleid aus und lief im Bikini aufs Wasser zu. Er blieb am Strand stehen, deutete auf seine Shorts und gab zu verstehen, dass er keine Badehose dabeihabe, nur seine Unterhose.
»Egal«, sagte ich.
»O.k.«, lachte er. Er zog die Shorts aus und ging ins Wasser. Ich blieb hinter ihm zurück und betrachtete ihn. An seinem sehnigen, schmalen Körper brachen sich die Wellen, die Sonne glitzerte in den Wassertropfen, die an der dunklen Haut hinabperlten. Schultern und Rücken waren breit und das knabenhafte schmale Gesäß lockte wie der sprichwörtliche Apfel. Er war wunderschön, wie er da so mit den Wellen spielte, ein unschuldiges Sexsymbol, das (noch) nicht um seine Wirkung wusste.
Nach dem Schwimmen setzten wir uns ins flache Wasser, spielten mit dem Sand und versuchten eine kleine, kokette Unterhaltung. Nuan schien einer Annäherung nicht abgeneigt und ich war etwas fassungslos und aufgeregt, denn damit hatte ich nicht gerechnet, nur geträumt davon … Er lachte über seine nasse, klebende »Badehose«, kokettierte mit seinem schönen Körper, war bereit, aber nicht schamlos, schüchtern und etwas verlegen, dennoch willens, geschehen zu lassen, was ich auch zuließ. Wir sprachen über Belanglosigkeiten, alles war recht, was Anlass und Erlaubnis gab, uns unverfänglich und spielerisch zu berühren. Nun gut, er flirtet, dachte ich, das ist nett. Dann spürte ich, das wird ernst – nicht später oder abends, im Dunkeln oder nachts – nein, hier und jetzt, am helllichten Nachmittag am Strand wollte er es tun.
»Aber … .«
Unsere Hände fanden sich, spielten, die Lippen suchten sich, ich dankte, innerlich frohlockend, dem Leben für diesen Moment, war froh, dass ich braun war, leidlich trainiert – und mutig. Sei einfach mutig, sprach etwas in mir. Viele meiner scheuen Geschlechtsgenossinnen hätten das wohl nicht zugelassen. Und doch … es lebe die Chance des Augenblicks! Ich hätte warten, auch Nuan warten lassen können – aber wozu? Ich fand dafür keinen wirklich triftigen Grund.
Nuan stand auf, nahm mich bei der Hand und führte mich in Richtung der Büsche, die die fast leere Hotelanlage vom Strand trennten. Er wird doch nicht … dachte ich noch und wusste, er wird, und jetzt war es zu spät. Ich kannte mich – und ihn lernte ich nun kennen. Verdeckt von Lianen, den Blick auf Strand und Meer, begannen wir uns zu betasten und an uns herumzuspielen, suchten und fanden alle Variationen der Liebe – fast alle … Nicht ohne Kondom, dachte ich mit einem Rest von Vernunft, den ich noch greifen konnte, bevor mir der Kopf wegflog und wir in Küssen und Liebkosungen verschmolzen. Meine Fassungslosigkeit verließ mich nicht und begleitete mich während des ganzen Geschehens, wurde aber von der Erregung beiseite gedrängt, die in mir überfloss und mich schaudern ließ. So etwas kommt nicht vor in der alltäglichen Frauenwirklichkeit, auch nicht in meinen vergangenen Jahren voller Arbeit und sexueller Entbehrung. Ich fühlte mich wie poröser Ton, der mit Wasser begossen wird.
Mein erster Eindruck war, schon während des beginnenden Liebesspiels – aber da war es zu spät, um schockiert zu sein –, dass Nuan ein Strichjunge war, eine männliche Prostituierte – oder eine Schlampe von Natur aus. Nuan, die Strandnutte. Ja, das war’s … Anders konnte ich mir seine Erfahrung im Umgang mit einem Frauenkörper und sein Wissen um erotische Phantasien und deren Umsetzung nicht erklären. Nuan war von einer überwältigend zärtlichen, vertrauten Versautheit, die all meine kühnsten Träume überflügelte. So, nun hast du also auch einmal eine männliche Nutte erwischt, einen Profi, eine Vollschlampe, dachte ich – wie sonst kann er in diesem Alter so viel wissen und … können? Und wie so skrupellos sein? Er konnte kaum älter als Anfang zwanzig sein. Wahrscheinlich wollte er einfach Geld und erwartete eine gute Bezahlung für einen guten Service? Wie auch immer, es funktionierte.
Und es dauerte lang, lang, lang. Immer begann er wieder von neuem, mich zu berühren, meine Hand zu führen, mich sanft in eine andere Position zu schieben, um wieder mit den Liebkosungen und Küssen fortzufahren. So muss es im Weiberparadies sein, dachte ich, und dass jeden Augenblick Strandbesucher vorbei kommen konnten, verschärfte die Spannung. Ich verfiel ihm von diesem Augenblick an und sicher war ich auch geistig verwirrt durch das heiße Blut, das die Gefühle zum Kochen brachte.
Wir zogen uns an, wanderten schweigend und erhitzt, in stillem Einverständnis zwar, aber recht durcheinander und etwas ratlos-verlegen zurück zu unseren Kleidern. Ich vermied es, ihm in die Augen zu sehen und hing meinen konfusen Empfindungen nach, konnte nicht fassen, was mir da eben widerfahren war, auch nicht, dass ich es hatte geschehen lassen. Es musste die tropische Hitze gewesen sein …
Nuan blickte mit scheuem Augenaufschlag zu mir herüber und lächelte ein wenig, nicht stolz, nicht überheblich. Das ist jetzt so, weil wir es so wollten, und es ist in Ordnung so, sagte sein Blick. Hand in Hand gingen wir zu den Booten zurück.
So war es das erste Mal mit Nuan, wild, fern aller Konvention, verwegen, und von diesem Moment an sahen wir uns täglich und waren unzertrennlich.
*
Die Fahrt zum Mönch war ein Abenteuer, die kleinen Dörfer, das chaotische Treiben auf den Straßen, der irrwitzige Verkehr, der lärmende Markt, der Schmutz, die Männer in den Sarongs, Frauen in den farbenfrohen Saris, die tropische Pflanzenvielfalt, die bunten Blüten und hohen Palmen, die zwitschernden und tschilpenden Pirole, Finken und Spechte, dazu die Hitze, feucht auf der Haut, exotisch, fremd, erregend, schön.
Nuan holte mich mit einem Tuktuk vor der Hotelrezeption ab. Das Tuktuk ist ein kleines, drolliges Gefährt auf drei Rädern, einem Kabinenroller ähnlich. Man kann es nicht als Auto bezeichnen, eher als eine Art überdachten Motorroller für drei Personen inklusive Fahrer. Die Höchstgeschwindigkeit dürfte bei achtzig Stundenkilometer liegen. Das Tuktuk erfüllt für kurze Trips bis zu einer Dreiviertelstunde völlig seinen Zweck. Dann allerdings wird es recht unkomfortabel.
