OHNE DICH und doch mit Dir - Christina Bohnert - E-Book

OHNE DICH und doch mit Dir E-Book

Christina Bohnert

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Beschreibung

Im März 2014 verliert Christina Bohnert ihren Sohn Kay durch einen tödlichen Unfall. In diesem Buch beschreibt sie, wie ihr Leben und das ihrer Familie von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf gestellt wurde und wie sie lernte, ohne ihren Sohn Kay und doch mit ihm weiterzuleben. Sie schildert, wie sie immer wieder Zeichen von Kay wahrnehmen kann, die sie trösten und ermutigen, weiterzumachen ohne aufzugeben. Sie fordert uns auf, achtsam mit uns und anderen umzugehen. Offen zu sein für die Liebe, die uns ohne Grenzen zwischen Himmel und Erde mit unseren Lieben verbindet. Denn Liebe endet nie.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Der Unfall

Vorzeichen

Botschaften

Beisetzung

Trostgottesdienst

Weiterleben

Träume

Kays Geburtstag 2014

Wunder

Zeichen

USA - Reise

Weihnachten

Silvester

Noch mehr Wunder

Stimmungsbarometer

Der erste Todestag

Das Jahr danach

Unterstützung von Kay

Auf dem Bergweg

Epilog

Mein Dank

Literatur

Christina Bohnert

OHNE DICHund doch mit Dir

Die Reise einer Mutter, die ihr Kind auf der Erde verliert und in einer neuen Dimension wiederfindet.

1. Auflage Taschenbuchwww.begleitungundperspektive.de Umschlaggestaltung: Nadine Plocher Umschlagfoto: Nina Bohnert ISBN 978-3-9824296-0-1

Für Kay

in unendlicher Liebe

Inhaltsverzeichnis

Prolog 7

Der Unfall 10

Vorzeichen 22

Die Tage danach 31

Botschaften 59

Beisetzung 68

Trostgottesdienst 76

Weiterleben 85

Träume 99

Kays Geburtstag 2014 104

Wunder 126

Zeichen 141

USA - Reise 149

Am Seil entlang 158

Weihnachten 170

Silvester 182

Noch mehr Wunder 186

Stimmungsbarometer 193

Der erste Todestag 202

Das Jahr danach 209

Unterstützung von Kay 221

Auf dem Bergweg 228

Epilog 231

Mein Dank 234

Literatur 236

Prolog

… und von einem Augenblick zum anderen ist nichts mehr, wie es war.

Plötzliche Schockstarre. Gefangen wie unter einer Glasglocke. Gefühle und Gedanken überstürzen sich. Geräusche dringen wie durch einen Nebel in das Bewusstsein. Ich höre Worte, verstehe aber ihre Bedeutung nicht. Bin unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, strukturierte Entscheidungen zu treffen. Der Tod ist ohne Vorwarnung in unsere Familie eingebrochen. Eine unvorstellbare Katastrophe! Völlig unvorbereitet wird uns der Boden unter den Füßen weggerissen. Das Seil fehlt, das an jedem gefährlichen Berggrat und Abgrund befestigt ist, damit man sich daran festhalten und entlanghangeln kann, bis wieder sicherer Boden unter den Füßen zu spüren ist.

In der schlimmsten Zeit unseres Lebens benötigten wir Hilfe und Unterstützung von unserer Familie, von Freunden und von Fachkräften.

Unser Leben hatte sich in eine Tragödie verwandelt.

Schon bald nach Kays tödlichem Unfall spürte ich, dass ich ein Buch über alles Erlebte schreiben möchte. Es ergaben sich in kürzester Zeit so viele Hinweise, dass sein Tod nicht „zufällig“ gekommen war.

Kay, ein unglaublich positiver und lebensbejahender junger Mann mit 22 Jahren, hatte für alle immer ein offenes Ohr, eine helfende Hand und ein sehr fürsorgliches Herz. Dieser junge Mensch hatte sich für den Himmel vorbereitet, auch wenn es nicht bewusst geschah. Ich erzähle von Wundern und Zeichen, die wir seit Kays Unfall erlebten und welche Nähe wir zu ihm spüren – von der ersten Stunde an, als wir am Unfallort eintrafen, bis zum heutigen Tag. Unbekannte Möglichkeiten, die der Himmel für uns alle bereithält, unterstützten uns darin, diese völlig neue Lebenssituation anzunehmen. Aus der tiefsten Dunkelheit und Eiseskälte der Trauer spüren wir wieder wärmende Sonnenstrahlen der Hoffnung. Die Vorfreude auf unser Wiedersehen im Himmel schenkt uns Frieden. Unser christlicher Glaube wurde in dieser Zeit für uns zu einer festen Gewissheit.

Mit unseren Erlebnissen will ich kleine Lichtblicke senden und zum Aushalten der Trauer ermutigen. Um das Unfassbare annehmen zu können, bedarf es vieler kleiner Schritte. Diese schwere Zeit fordert täglich neu zum „Überlebenskampf“ heraus. Immer wieder meldet sich der Schmerz unerbittlich und lässt uns zusammenbrechen. Sehr oft fühlten wir uns als Opfer eines ungerechten Schicksals.

Doch die Trauer bietet auch Chancen, mit uns selbst achtsam und verantwortlich umzugehen. Sie führt uns in neue unbekannte Dimensionen. Auf der Suche nach unseren Lieben in ihrem „Himmel“ werden unsere Sinne geschärft. Wir lernen, unseren Wahrnehmungen zu vertrauen. Die subtilen Hinweise ihrer Nähe werden uns immer bewusster und trösten uns. Die Trauer fordert uns zu Entscheidungen auf. Bleiben wir in unserem unerträglichen Schmerz verhaftet oder sehen wir auch die schönen Momente in unserem Leben? Es ist elementar wichtig, den Sinn unseres Lebens wieder zu sehen und uns für die Rückkehr ins eigene Leben zu entschließen. Diese Entscheidung fällt schwer und kostet enorm viel Kraft, insbesondere wenn ein Kind gehen musste. Eine der schlimmsten Erfahrungen, die Eltern, Geschwister und alle Angehörigen erleben müssen.

Ich wünsche mir mit diesem Buch Herzen zu berühren, Wahrnehmungen zu stärken, Hoffnungslosigkeit in Zuversicht zu verwandeln und Augen und Sinne für das „Unsichtbare“ zu öffnen. Es darf Trost spenden und Emotionen in uns wachrufen. Halt geben und Verständnis wecken. Wer mag, kann es zu einem liebevollen Begleiter oder zu einem Kompass werden lassen, der durch die verschiedenen Phasen der eigenen Trauer führt.

Es ist unsere eigene Geschichte, unsere Trauerbewältigung und unsere Sichtweise vieler Erlebnisse und Zusammenhänge. Ob diese für möglich erachtet oder als Wunschdenken eingestuft werden, darf jeder selbst für sich entscheiden. Ich freue mich, wenn ich dazu animieren kann, über das Leben und ein Leben nach dem Tod nachzudenken. Unsere Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie schnell wir geliebte Menschen verlieren können. Ich empfand es als einen Auftrag von Kay, aus allem Erlebten etwas Gutes entstehen zu lassen. Ich wollte, dass der tödliche Unfall von ihm nicht umsonst war. Es ist für mich wie ein Vermächtnis an mein Kind, dieses Buch zu schreiben. Zur Erinnerung an ihn, seine wunderbare Art Mensch zu sein – zu leben, zu lachen, zu lieben, mitzufühlen und DA zu sein. … und nun lade ich Euch herzlich zu einer gemeinsamen Wanderung ein – entlang am Seil – bis wir wieder festen Boden unter den Füßen spüren.

Der Unfall

… warum Du?

Sonntag, 30. März 2014

Ein wunderschöner Sonntag, der Beginn der Sommerzeit – die Temperaturen stiegen auf 24 Grad, strahlend blauer Himmel und die besten Bedingungen für eine kleine Motorradtour. Kay hatte sich mit seinem Cousin Yves und seinem Onkel Markus verabredet, eine kleine Tour in den Schwarzwald zu machen. Kay selbst wollte lieber mit seinem Motorroller (400ccm – fast ein vollwertiges Motorrad) fahren, da ihm das 1300ccm-Motorrad von seinem Vater Andreas zu schwer und zu groß war. Sie wollten sich gegen 14 Uhr treffen. Als gelernter Kfz-Mechatroniker war es für ihn immer wichtig, dass die technischen Rahmenbedingungen stimmten und so wollte er vor der Tour noch den Reifendruck überprüfen. Ausgerüstet mit Motorradstiefeln, Handschuhen und Helm kam er zu mir auf die Terrasse heraus, um mich zu umarmen und auf Wiedersehen zu sagen. Ich pflanzte gerade Stiefmütterchen (Kay nannte sie als Kind immer „Großmütterchen“) in einen Topf ein, als er bemerkte, dass er noch etwas vergessen hatte. Also ging er nochmals nach oben und als er sich zum zweiten Mal von mir verabschiedete, zeigte ich ihm das „Tränende Herz“, das ich gerade einpflanzen wollte. Er strahlte und meinte, dass er als kleiner Junge immer auf diese Tränen gedrückt hätte. Er umarmte mich nochmals, wir wünschten uns gegenseitig einen wunderschönen Mittag.

… und dann fuhr er los …

Ich war gerade damit fertig, meine kleinen Frühlingsblumen einzupflanzen, als das Telefon klingelte. Meine Schwägerin Monika war am Telefon und wollte wissen, wann Kay denn käme. Ich schaute auf die Uhr und sagte, dass er schon seit fast einer Stunde weg ist und längst da sein müsste. Sie meinte, dass er nicht an sein Handy ginge, obwohl Yves mehrmals probierte, ihn zu erreichen.

Ich fragte meinen Mann Andreas, ob Kay ihm etwas gesagt hatte, ob er noch etwas erledigen wollte oder eine Probefahrt machen würde, bevor sie losfahren wollten, aber er wusste auch nichts. Er probierte selbst noch einmal, ob er ihn telefonisch erreichen könnte, aber auch da ging Kay nicht ans Handy. Andreas hatte gleich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Wir fuhren los, um zu schauen, ob er vielleicht eine Panne hatte und irgendwo stand. Schließlich konnte auch der Akku des Handys leer sein. Mein Bruder und Neffe fuhren auch los, um von der anderen Seite der Strecke kommend, nach Kay zu suchen. Mit unserer Schwägerin vereinbarten wir, dass wir uns melden, wenn wir Kay gefunden hatten.

Wir fuhren die Strecke ab, die Kay gefahren war und nach fünf Kilometern bogen wir auf eine Bundesstraße ab, die in den Wald führt. Da stand schon ein Polizeiauto quer, um eine Weiterfahrt zu verhindern. Andreas sagte sofort: „Oh, das sieht nicht gut aus!“ Wir fuhren direkt darauf zu und der Polizist meinte, dass wir nicht weiter fahren könnten, es sei ein Unfall passiert. Auf meine Frage, ob ein Motorroller beteiligt sei, sah er mich völlig erstaunt an und ich sagte ihm, dass wir unseren Sohn Kay suchen. Er bat uns, kurz zu warten und nun ging ein für uns endloser Funkkontakt zwischen den Kollegen der beiden Polizeisperren los. Zwischendurch wurden für mich völlig nebensächliche Fragen gestellt, aber nur, wie sich später herausstellte, um Zeit zu gewinnen, weil man nicht wusste, wie man mit Eltern am Unfallort umgehen sollte, deren Kind soeben tödlich verunglückt war.

Ich stand vor dem Auto und wartete. Andreas saß im Auto um unsere wartende Schwägerin zu informieren, dass ein Unfall passiert war. Endlich kam ein Polizist auf mich zu und bestätigte, dass es sich bei der verunglückten Person um Kay handelte. Ich schaute ihn fragend an und erwartete, dass er mir sagen würde,

dass es glimpflich ausgegangen war, dass der Roller zwar beschädigt aber bei Kay alles in Ordnung sei, oder dass er vielleicht leichte Verletzungen hätte, der Krankenwagen aber schon vor Ort sei. Aber er sagte:

„Jetzt müssen Sie sehr stark sein! Der Unfall hatte tödliche Folgen.“

Das Wort „tödlich“ war so unfassbar und unwirklich, ich konnte die Tragweite in diesem Moment nicht erfassen. Er hätte auch Chinesisch mit mir sprechen können, ich hätte es genauso wenig verstanden. TOT ??? Meine Knie gaben nach, ich fiel auf den Boden und ich rief immer wieder nur: „NEIN!“, „NEIN!“, „NEIN!“.

Andreas hob mich auf und wollte sofort an die Unfallstelle fahren, der Polizist gab uns aber die Auskunft, dass ein Bestatter Kay schon abgeholt hätte und wir nicht an den Unfallort könnten. Mein Mann blieb aber standhaft. Wir mussten unbedingt an die Unfallstelle, um zu begreifen, was in der vergangenen Stunde passiert war. Andreas ließ sich nicht beirren und teilte den Polizisten mit, dass er jetzt sofort fahren werde. Der Polizist sah ein, dass er uns nicht aufhalten konnte und so begleiteten sie uns zum Unfallort. Die Fahrt in Schrittgeschwindigkeit schien eine Ewigkeit zu dauern und wir hatten immer noch die verzweifelte Hoffnung, dass es sich um einen Irrtum handelte. Wenn ich daran zurückdenke, erscheint es unwirklich bis zum Schluss zu hoffen – Bitte lieber Gott, BITTE!!! – lass es jemand Anderes und nicht das eigene Kind, unser Kay, sein. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Kay konnte es gar nicht sein – er war immer so vorsichtig mit dem Motorroller gefahren. Andreas hatte immer bestätigt, dass er lieber hinter einem Auto herfuhr, als kurz und zackig zu überholen. Es gab überhaupt keinen Grund, dass er es sein konnte. Wir würden das schon aufklären können, dass es nicht Kay war, der da verunglückte.Bitte, lieber Gott, BITTE! Das kannst du uns doch nicht antun! ALLES - aber nicht unsere Kinder, nicht unseren Kay!

Ich hatte doch diesen Deal mit dir abgesprochen, als David, der Sohn einer lieben Freundin, vor sechs Jahren tödlich verunglückte. Damals sagte ich dir, als ich seine Mutter tröstend umarmte, dass ich alles ertragen kann, aber nicht, dass du mir eines meiner Kinder nimmst. Kannst du dich daran erinnern? Ich hatte es mit dir so abgemacht! Ich habe dir immer vertraut. So viel erlebte ich schon in meinem Leben! Du hast mich immer durch deine besonderen Engel durch diese tiefen Täler begleitet. Deshalb habe ich doch auch diese intensive Verbindung zu ihnen. Und jetzt vertraute ich auf dich, dass ich nicht durch das nächste Tal muss. Es darf jetzt auch wirklich mal nur eine normale und gerade Strecke sein. Berge habe ich genug versetzt! Mir war schlecht, ich konnte fast nicht atmen und doch betete ich stumm und inständig immer wieder wie ein Mantra diese Worte: „Bitte lieber Gott! BITTE! NICHT UNSER KAY!!!“

Nein, es ist nicht unmenschlich oder egoistisch, in diesem Moment diese Gedanken zu haben. Natürlich wollte ich nicht, dass eine andere Familie dieses Herzeleid erleben sollte. Aber es ist der Beschützerinstinkt einer Mutter, die ihr eigenes Kind vor etwas Schrecklichem bewahren will.

Nach ungefähr 700 Metern hielt der, vor uns herfahrende, Polizeiwagen an. Wir konnten, auf dieser ansonsten stark befahrenen Landstraße, ungestört laufen. Das war befremdlich, ebenso die Stille um uns herum. Wir hörten Vögel zwitschern. Ein schöner und warmer Frühlingstag, genau der richtige Zeitpunkt, um einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Und nun liefen wir hier auf der Straße völlig frei, ohne Autos, die normalerweise an einem vorbeirauschten. Vor uns sahen wir Einsatzfahrzeuge der Rettungskräfte und wir gingen an diesen Wagen vorbei. Wir sahen schon aus der Entfernung den völlig zerstörten Roller auf der linken Straßenseite liegen, der uns die unfassbaren Ausmaße und gewaltige Kraft des Unfalls verdeutlichte. Hand in Hand gingen Andreas und ich zielstrebig auf den Roller zu. Plötzlich nahm ich in meinem Schockzustand auf der rechten Straßenseite eine graue Decke wahr und wusste, dass da unser Kind lag.

Ich drückte die Hand von Andreas und sagte zu ihm:

„Da liegt er – da liegt KAY!“

Erst in diesem Moment nahm Andreas die Decke wahr. Völlig außer Kontrolle liefen wir auf unser Kind zu, als Polizisten versuchten, uns abzuwehren, um Kay nicht anzuschauen. Das war in diesem Moment für uns eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme. Nichts und niemand hätte uns daran hindern können, unser Kind zu sehen. Wir mussten wissen, wie schwer verletzt er war und es war uns völlig egal, wie er aussah. Widerwillig nahm der Polizist die Decke weg und wir sahen Kays Oberkörper.

Da lag er, so friedlich - unser Kayli.

Ich kniete mich zu ihm, streichelte ihn und fragte nur: „Bohni, was ist denn passiert?“ Ich sah seinen leblosen Körper, der noch warm war, vor mir liegen. Während ich mich über ihn beugte, spürte ich, dass er neben mir stand. Er war da und konnte mir in diesem Moment, für uns nicht hörbar, antworten. Als ich nach oben zu meinem Mann schaute, war der Himmel in einem strahlenden Glanz. Ich wusste, dass sich alle Engel versammelten, um uns nahe zu sein. Kay stand bei ihnen – mittendrin. Ich hatte das Gefühl, als würde plötzlich eine Decke um mich gelegt. Schützend, getragen, gehoben. Schwer zu beschreiben. Ich erlebte, welches Wunderwerk unser Körper ist. Solange ich die Tatsache, dass Kay tatsächlich tot war, nicht verkraften konnte, wurde ich beschützt. Mein Gehirn versetzte mich in eine Totenstarre. Die Realität fand keinen Zugang mehr. Als ich aufstand und wir unser Kind dort liegen lassen mussten, begann für uns die unwirklichste Zeit unseres Lebens.

… starr vor Entsetzen tat sich ein gähnender Abgrund vor uns auf, der Boden unter unseren Füßen war weg, es gab kein Seil, an dem wir uns festhalten konnten und es wurde in einem Augenblick stockfinstere Nacht.

Wir gingen zu unserem Auto zurück, vorbei am Abschleppwagen und fuhren in Schrittgeschwindigkeit an unserem, nun wieder zugedeckten, Kind vorbei. Unfassbar, welche Tragödie gerade geschehen war! Völlig betäubt, vor Fassungslosigkeit und Schmerz, fuhren wir das letzte Stück durch den Wald bis zur zweiten Straßensperre. Dort standen weitere Polizeiwagen, ein Krankenwagen, ein Notarzt und eine Notfall-Seelsorgerin. Wir parkten das Auto am Straßenrand und stiegen aus. Alle schauten zu uns und ich sah meinen Bruder Markus mit Yves, 15 Monate jünger als Kay und immer unzertrennlich, kreidebleich auf uns zukommen.

Worte können dieses erste Zusammentreffen mit Yves und Markus, nach dem zuvor Erlebten, nicht beschreiben. Markus sagte mir später, dass er mich nicht erkannt hätte, wenn er nicht gewusst hätte, dass ich seine Schwester bin. Mein Gesicht war erstarrt. TOT! Ja, es war genau so, als wäre ich soeben an der Unfallstelle mit meinem Kind gestorben – mein Herz konnte es nicht verkraften, nicht diesen mörderischen Schmerz ertragen. Gab es eigentlich auch noch Erbarmen? Mildernde Umstände? Hatten wir etwas verbrochen? Was war denn das für ein Schicksal, das immer und immer wieder eine Tragödie nach der anderen zuließ? Ich stand da, starr vor Entsetzen, und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die Notfallseelsorgerin versuchte, mich in die Realität zurückzuholen, fragte mich irgendwelche banalen Dinge, die ich weder beantworten wollte noch konnte. Ich schob sie zur Seite und meinte, dass ich selbst Systemische Beratungen durchführe, dass ich schon weiß, wie man mit solchen Situationen umgeht, (obwohl ich in diesem Moment überhaupt nichts mehr wusste. Und übrigens – welche Situation?!). Ich sagte ihr auch, dass ich einen festen Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod habe. Ich wollte, dass sie endlich ging und nicht, dass ich über Dinge nachdenken sollte, die nicht wahr sein konnten! Ich hatte einen Deal mit Gott! Was erzählte sie mir denn ständig von Engeln und tollen Dingen, die alle im Himmel möglich waren? Mein Kind war gerade gestorben! Ich verstand die Welt nicht mehr! Wie sollte ich denn verstehen, was im Himmel so alles geschieht? Endlich ließ sie mich in Ruhe und ich konnte mich an Yves und Markus festhalten.

Markus und Yves erfuhren die furchtbare Gewissheit bereits durch einen Polizisten an der anderen Seite der Absperrung, als sie mit ihren Motorrädern eintrafen. Der Schock war auch für sie so groß, dass Yves direkt auf seinem Motorrad zusammensackte. Sie wurden in das Polizeiauto gebracht, damit sie sich setzen konnten. Dort warteten sie auf uns. Über den Polizeifunk erfuhren sie, dass die Eltern am Unfallort gerade eingetroffen und die Polizisten völlig verunsichert und überfordert waren. Sie fragten die Kollegen, wer denn die Eltern benachrichtigt hätte und was sie jetzt machen sollten. Die Notfallseelsorgerin war schon auf der anderen Seite der Absperrung bei Markus und Yves. Um zu verhindern, dass wir zur Unfallstelle fahren, sagte uns der Polizist, dass Kay schon vom Bestatter abgeholt worden sei.

Der Notarzt kam auf uns zu und kondolierte uns zunächst. Er war sehr einfühlsam, und doch wirkte es grotesk. Ich konnte einfach nicht annehmen, dass hier etwas passiert war, das sich mein Verstand nicht vorstellen und auf keinen Fall zulassen konnte. Wir wollten unbedingt von ihm wissen, was vor ein paar Minuten geschehen war und warum Kay diese schweren Verletzungen nicht überlebte. Er erklärte uns, dass bei dem Aufprall des Motorrollers mit der Leitplanke so starke Kräfte gewirkt hatten, dass Kay direkt einen Genickbruch erlitt und sofort tot war. Er musste nicht leiden. Was für ein Trost! Wenigstens musste er nicht leiden, wenn es schon sein Leben gekostet hatte! Nachdem er uns nun soweit alles gesagt hatte, fragte er mich, ob ich irgendwelche Beruhigungsmittel benötige und ich verneinte dankend. Beruhigungsmittel? Ich stand doch schon völlig erstarrt da, zu keiner Bewegung fähig – wozu auch noch Beruhigungsmittel? (Natürlich haben auch diese Mittel ihre Berechtigung, aber ich wollte jetzt nichts einnehmen. In diesem Moment war mir jedoch nicht bewusst, welche weittragenden Folgen noch auf mich zukommen sollten.) Ich wollte bei klarem Verstand sein, damit ich vernünftige Entscheidungen treffen konnte. Dass ich dazu gar nicht fähig war, merkte ich erst in den nächsten Stunden und Tagen.

Eine völlig abstruse Situation, fernab von Gut und Böse. Ein nicht enden wollender Alptraum! Solche Träume habe ich so gut wie nie und wollte jetzt unbedingt sofort daraus erwachen! Ich konnte auch dieses Gedankenkarussell nicht stoppen, alles wirbelte durcheinander. Es waren immer die gleichen Gedanken, die sich ständig den Ball zuwarfen: „Nein, das kann gar nicht sein“ und dann „Du hast es doch mit deinen eigenen Augen gesehen!“

Andreas sprach noch mit dem Notarzt und anschließend mit den Polizisten. Er wollte detailliert wissen, was sie herausgefunden hatten. Sie alle konnten sich nicht erklären, warum Kay gestürzt war. Er ist nicht zu schnell gefahren. Er war immer vorsichtig, wenn er ein Zweirad bestieg und war nie übermütig oder risikofreudig. Sie fragten, ob der Roller irgendeinen Defekt hatte, aber Andreas war zwei Wochen vorher noch beim TÜV gewesen. Der 400 ccm Motorroller war in einem top Zustand. Der TÜV-Prüfer wollte ihm den Roller sogar sofort abkaufen. Es ergab keinen Sinn, warum es zu diesem schweren Sturz gekommen war.

Nach diesen klärenden Gesprächen beschlossen wir, zunächst Yves nach Hause zu fahren. Es war unmöglich für ihn, auf dem Motorrad zu sitzen und selbst zu fahren. Markus kam mit seinem Motorrad nach, was mich sehr wunderte. Ebenso, dass Andreas noch Auto fahren konnte. Ich sah zwar die Straße, aber ich spürte meinen Körper nicht mehr. Alles war vor meinen Augen verschwommen. Wir würden jetzt nach Hause fahren und ich war unfähig zu begreifen, dass Kay nie mehr zur Tür hereinkommen, nie mehr laut „Hallo“ rufen würde.

Als erstes riefen wir seine Schwesterherzen (wie Kay die beiden liebevoll nannte) Jenny und Nina an, da Andreas sie zuvor aus dem Auto nicht erreichen konnte, um sie über das gerade Erlebte zu informieren. Die drei Geschwister waren immer unzertrennlich. Egal wie viele Kilometer sie trennten, sie bildeten eine sehr liebevolle Einheit.

Unsere Tochter Nina war bei den Eltern ihres Freundes ca. 120 km von Karlsruhe entfernt. Da sie nicht ans Handy ging, riefen wir bei ihrem Freund Mario an. Er gab Nina das Telefon und ich sagte ihr, dass Kay tödlich verunglückt ist. Ihr fiel das Handy aus der Hand und ihre Knie sackten direkt weg. Es folgte ein kurzer Black Out. Nach einigen Minuten, in denen sie sich gefangen hatte, rief sie zurück. Wir berichteten ihr, was soeben geschehen war. Ich konnte meinen eigenen Worten nicht glauben und das soeben Erlebte nicht realisieren. Jenny war im Auto auf dem Weg zu uns nach Hause, als Andreas ihr mitteilte, dass Kay gestorben ist. Sie konnte gerade noch eine Parklücke ansteuern, um die unfassbare Nachricht abfedern zu können. Wie sie anschließend erzählte, bekam sie vor Schreck keine Luft mehr und war minutenlang unfähig weiterzufahren. Als sie endlich bei uns zu Hause ankam, erlebte sie die schlimmsten Minuten ihres bisherigen Lebens.

Ich handelte tatsächlich so, als würde ich aus diesem Alptraum jeden Moment erwachen. Ich wusste, dass ich Kay, sobald er zu Hause war, diesen schlimmen Traum gleich erzählen musste. Und wir würden lächeln. Dankbar und überglücklich, dass wir dieses Horrorszenario, Gott sei Dank, nicht wirklich erleben mussten!

Als wir zu Hause ankamen, wartete Jenny schon auf uns. Sie hoffte bis zu diesem Moment, dass sie sich verhört hatte und dass es sich um einen Bekannten von uns, der auch Kay heißt, handelte. In dem Moment, als ich zur Tür hereinkam und sie mich sah, wusste sie, dass es ihr geliebter kleiner Bruder war, der soeben tödlich verunglückt war.

Es war unfassbar!

Weinend und stockend und nach Halt suchend, erzählten wir ihr kurz, was geschehen war. Sie sagte uns später, dass wir in unserem Schock wohl gleich ans Telefon gingen, um zunächst alle Geschwister zu informieren. Sie selbst erfuhr erst nach und nach, was passiert war. Es ist unbeschreiblich, welche Reaktionen die Nachricht von Kays Unfall bei allen auslöste. Andreas und ich reagierten völlig mechanisch. Nummer aus dem Telefonbuch wählen, auf grün drücken und auf das Freizeichen warten. Unsere Geschwister freuten sich zunächst, als sie die ihnen bekannte Telefonnummer sahen und begrüßten uns freudig. In dem Moment, als ich ihnen die furchtbare Nachricht mitteilte, hörte ich einen kurzen Aufschrei am anderen Ende der Leitung und dann: „Wir kommen sofort!“

Als Nina nach ca. einer Stunde, und einer gefühlt nicht enden wollenden Fahrt, bei uns zu Hause eintraf, öffnete ihre Schwester Jenny die Tür. Diesen Moment werden beide nie vergessen! Ein Blick – der Schmerz war unerträglich – ihr geliebter Bruder Kay war nicht mehr da! Weinend umarmten sie sich minutenlang und suchten gegenseitig Halt und Trost. Als Nina mich sah, sackten ihr die Beine erneut weg und wir mussten sie stützen. In diesem Moment traf sie die furchtbare Gewissheit, dass Kayli wirklich nicht mehr da war, mit solch einer Wucht, dass ihr die Beine versagten.

Wir fühlten uns wie in eine Totenstarre versetzt. Unser Gehirn hatte Hormone ausgeschüttet, damit unser Körper diesen Schock überleben konnte. Seele und Geist fehlte nun die Verbindung, das Gefühl wurde von unserem Verstand abgespalten. Wir funktionierten nur noch wie Roboter. Im Laufe der nächsten zwei Stunden kamen über dreißig Personen zu uns nach Hause. Fassungslos standen wir da, erzählten immer wieder, was in jeder einzelnen Minute geschehen war. Wir weinten, schwiegen, hielten uns in den Armen. Alle Lebendigkeit war in diesen Stunden in unseren Herzen und Gedanken erloschen.

Wir empfanden es sehr tröstlich, dass innerhalb von einer Stunde auch drei Seelsorger unserer Kirche zu uns nach Hause kamen. Sie waren über Kays Unfall informiert worden und standen uns sofort in unserem Schmerz zur Seite. Es war ein Kommen und Gehen, nur wir blieben zurück. Ungläubig, unbeweglich, erstarrt in unserer eiskalten und unbarmherzigen Trauer.

Kay hatte am Vortag noch für seine Arbeitskollegen im Geschäft ein gemeinsames Grillen organisiert. Alle waren gekommen und so sahen sie Kay an diesem Samstag zum letzten Mal. Er brachte einige Baguettes zurück, die übrig geblieben waren. Bevor er aus der Küche ging, sah ich die Brote und fragte ihn, wer denn jetzt die Brote essen sollte? Wir waren doch nur zu dritt zu Hause. Seine Antwort war klar und deutlich: „Das wird heute schon noch gegessen werden.“ Welche Bedeutung diese Aussage haben sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Am späten Abend wurden diese Brote jedoch tatsächlich dankbar angenommen und gegessen.

… die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.Psalm 126,5

Vorzeichen

… was nur das Herz versteht.

Am Abend saßen die Geschwister von Andreas und mir, zusammen haben wir acht Geschwister, mit ihren Familien sowie Freunde bei uns. Wir waren alle in der Trauer um unseren Kay vereint. Fassungsloses Schweigen, unaufhörliche Tränen, ein nie gekannter Schmerz. In diesen Stunden erzählten einige von den letzten Erlebnissen mit Kay. Langsam kristallisierte sich ein Bild heraus, das uns zeigte, dass Kay nicht wissentlich, aber dennoch intuitiv eine Vorahnung von seinem Tod gehabt haben musste. Wie sich herausstellte, hatte er sich im Vorfeld von vielen lieben Menschen bereits unbewusst verabschiedet. Es begann am 29. Dezember 2013, als er mit Ninas Freund Mario, dessen Vater Heinz und weiteren Freunden in Oberstdorf zum Skispringen war. Er erlebte dieses sportliche Event dort zum ersten Mal und war total glücklich, dass er dabei sein konnte. An diesem Tag sagte er zu Heinz: „Heinz, dass wir das noch zusammen erleben dürfen.“ Bei Kays humorvoller Art an sich kein Grund, über diesen Satz genauer nachzudenken. Heinz wunderte sich dennoch darüber, weil er es mehrmals an diesem Tag zu ihm sagte und Heinz kurz davor war zu fragen: „Sag mal Kayle, willst du sterben?“ Zwei Wochen später, im Januar 2014, kam ein langjähriger Freund von uns zu Besuch. Er war zu diesem Zeitpunkt schon sehr von seiner Krebserkrankung gezeichnet. Als er sich verabschiedete, sagte Kay zu ihm: „Norbert, ich freue mich darauf dich wiederzusehen, wo auch immer.“Das erzählte Kay seiner Tante Monika am Donnerstag, 27. März 2014. Norbert war einen Tag vorher an den Folgen seiner Krankheit verstorben. Kay verunglückte vier Tage später tödlich – am 30. März 2014.

Kay erfüllte sich seinen Traum und kaufte sich ein wunderschönes schwarzes, spritziges, neues Auto. Er war so glücklich und fuhr oftmals kleine und größere Umwege, damit er es richtig genießen konnte. So fuhr er auch zwei Wochen vor seinem Unfall, an einem wunderschönen Abend nach der Arbeit, zum Grab seiner Oma Olga. Das war ungewöhnlich, da der Friedhof ungefähr zwanzig Kilometer entfernt ist. Die Grabpflege übernahm ihr ältester Sohn, der direkt an diesem Friedhof wohnt. Abends kam Kay freudestrahlend nach Hause und ließ mich raten, wo er denn heute noch gewesen sei. Ich hatte natürlich keine Ahnung und nach einigen falschen Rateversuchen sagte er: „Mom, ich war heute bei Oma Olga auf dem Friedhof“, und strahlte mich an. Ich freute mich darüber, dass er sich die Zeit nahm, um bei seiner Oma am Grab einmal kurz vorbeizuschauen. Er war richtig glücklich darüber.

Kay hatte sein neues Auto noch selbst getunt. Deshalb vereinbarte er für Freitag, den 21. März 2014, in einer Spezialwerkstatt in Ulm einen Termin zur Messung auf dem Leistungs-Prüfstand und zur TÜV-Eintragung. Anschließend fuhr er zu einem Freund nach Regensburg, den er unbedingt besuchen wollte. Er vereinbarte mit seiner Schwester Nina, dass er das Wochenende bei ihr in München verbringen würde. Er wollte gerne mit ihr, seiner Tante Elli und seinen Cousinen den Zoo besuchen. Dort waren gerade kleine Eisbärzwillinge geboren worden. Da es aber zeitlich nicht mehr klappte, verschoben sie diesen Besuch auf einen anderen Zeitpunkt. (Diesen Besuch im Spätsommer erlebte Kay von seinem höheren Blickwinkel – aus dem Himmel. Dass er zu diesem Zeitpunkt dabei war, zeigte sich ihnen in dem Moment, als sie alle vier am Eisbärgehege standen und plötzlich eine Frau, die etwas abseits stand, „Kay!“ rief. Sie suchte nach ihrem kleinen Jungen – dass dieser ausgerechnet Kay hieß, war für alle kein Zufall).

Nina war samstagnachmittags noch zum Geburtstag einer Freundin eingeladen und verabschiedete sich früher von der Geburtstagsrunde. Sie verspürte den Drang, noch Zeit mit ihrem Bruder zu verbringen. Unwissentlich, dass es die letzten gemeinsamen Stunden mit Kay sein würden. Als er sonntagabends nach Hause fuhr, rief er vorher noch in der Mitfahrzentrale an, um einen Beifahrer mitzunehmen. Auch an diesem Tag wollte er noch ein gutes Werk vollbringen. Solche Ideen hatte Kay oft. Es meldete sich tatsächlich eine junge Frau, die in der Nähe unseres Heimatortes wohnt. Sie freuten sich beide darüber, dass sie sich so herrlich unterhalten konnten, sodass die Fahrt wie im Flug verging. Er brachte sie bis nach Hause, weil er sie sicher am Ziel wissen wollte. Das Benzingeld, das sie ihm geben wollte, lehnte er ab und bedankte sich bei ihr, dass er so eine schöne Fahrt mit ihr erlebte. Sie las eine Woche später völlig entsetzt die Nachricht in Facebook, dass Kay tödlich verunglückt war. Vor kurzem schrieb sie mir und ich habe mich riesig darüber gefreut:„Liebe Christina, das klingt vielleicht ein wenig komisch... aber es spendet Trost. Ich bin letztens wieder nach München gefahren und immer wenn ich diese Strecke fahre, denke ich ganz feste an Kay und bete, dass es seiner Familie gut geht. Kay ist für mich wie ein kleiner Schutzengel geworden, der auf mich aufpasst wenn es mir nicht gut geht und mir in Gedanken sagt, dass ich nicht aufgeben darf. Wollte dir das nur mitteilen! Ich wünsche dir viel Lebensfreude und Energie. Liebe Grüße …“

Dienstags war ich noch bei unserem Freund Norbert am Sterbebett und als ich nach Hause kam, weinte ich. Kay setzte sich zu mir, nahm mich in seinen Arm und sagte zu mir: „Mami, du weißt doch, dass ich dich so lieb habe!“ und er fügte noch hinzu „und gehe an den Bodensee, ich vertraue dir!“ Er wusste, dass ich gerne meine Systemischen Beratungen ausweiten und auch Aufstellungen am See machen wollte. Es war für mich wie ein Vermächtnis, dass er mir das sagte und ich wusste, dass ich seinen Segen dazu hatte! Und heute spüre ich immer seine Nähe, wenn ich arbeite und weiß, dass ich unter einer göttlichen und gesegneten Führung stehe.

Donnerstagabend, 27. März 2014, war er noch bei seinem Cousin und Bruder Yves, um nach langer Zeit einen Spieleabend zusammen zu verbringen. An diesem Abend sagte er zu Yves, der ein paar Wochen vorher seine Gesellenprüfung abgelegt hatte, wie unendlich stolz er auf ihn sei, wie toll er seine Prüfung bestanden hätte. Er fand es sehr beachtlich, wie Yves zusätzlich das ganze Arbeitspensum im eigenen Familienbetrieb bewerkstelligte. Über diese Anerkennung freute sich Yves. Sie hatten viel Spaß, spielten und lachten bis tief in die Nacht. Mein Bruder Markus erzählte uns, dass ihre Freude und ihr Lachen so ansteckend wirkte, sodass er mehrmals mitlachen musste, obwohl er einen Stock tiefer im Zimmer saß.

Am Freitagnachmittag kam Kay vom Autohaus zurück und freute sich, dass er seinem Dad die Winterreifen gewechselt hatte. Er wollte sie sofort im Keller verstauen und anschließend fuhren sie gemeinsam in eine Eisdiele. Kay bezahlte die Eisbecher von seinem Geld. Andreas wollte das nicht und sagte ihm, dass er jetzt dran sei, nachdem er ihm schon die Reifen wechselte. Kay wollte davon aber nichts wissen. Heute lud er seinen Vater ein! Das hatte er vorher noch nie gemacht…

Am Abend schrieb er Nina noch eine kurze Textnachricht: „Na Schwesterherz, was machst du Schönes?“ Als Nina die Nachricht las, beschlich sie ein komisches Gefühl. Sie hatten zwar fast jeden Tag, spätestens aber jeden zweiten Tag Kontakt, aber die Art, wie er die Frage stellte, war ungewöhnlich. Es schien so, als wollte er sich versichern, dass sie gut aufgehoben ist.

Am Samstag organisierte Kay ein Grillen mit seinen Arbeitskollegen im Geschäft. So etwas war vorher noch nie geplant worden. Sie trafen sich höchstens zu den gemeinsamen Weihnachtsfeiern oder wenn im Autohaus „Tag der offenen Tür“ war. Dann kamen die Angestellten, um beim Grillen, Verköstigen und Beraten zu helfen. Dieses Mal war es völlig außerplanmäßig und zum ersten Mal.

Andreas wollte gerne, dass Kay noch den Rasen vorher mäht, weil er anschließend noch verschiedene Gartenarbeiten erledigen wollte. Gartenarbeit gehörte nicht zu Kays Lieblingsarbeiten, aber an diesem Morgen mähte er den Rasen sehr sorgfältig. Andreas musste dafür noch Baguette für Kays Grillparty besorgen. Damit sein Vater gleich mit den Gartenarbeiten weitermachen konnte, richtete Kay noch alle Gartengeräte fein säuberlich hin. Da er den Garten nach getaner Arbeit immer schnellstens verließ, um nicht noch etwas dort tun zu müssen, freute sich Andreas umso mehr darüber. Nachdem er alles erledigt hatte, fuhr er zu seinen Kollegen ins Autohaus. Alle waren gekommen, sogar sein Chef war mit dabei. Sie erlebten gemeinsam einen fröhlichen Mittag und beschlossen, so etwas nun öfter zu planen.

Am Abend verabredete er sich noch mit seinem besten Freund Marcel – sie waren schon seit den Kindergartentagen Freunde – und weiteren guten Bekannten. In dieser Konstellation waren sie seit 2 Jahren nicht mehr zusammen gewesen. Als Marcel sich nicht festlegen wollte, wann sie denn am Abend losziehen würden, wurde Kay richtig ungeduldig, was sonst nicht seine Art war. Er fragte Marcel ungehalten, was denn jetzt los sei und drängte darauf, dass das Treffen stattfindet. An diesem Abend fotografierten sie sich gegenseitig und hatten viel Spaß miteinander. Marcel beobachtete, wie Kay eine Zeit lang auf einem Barhocker in sich gekehrt dasaß und zufrieden lächelte. Er hatte den Eindruck, als würde Kay etwas Revue passieren lassen. Als Marcel ihn ansprach, ob alles ok sei, schien es, als käme er von weit her aus seiner Gedankenwelt. Er schaute ihn lächelnd an, nickte und die Party ging weiter.

Nina war an diesem Wochenende des Unfalls mit ihrem Freund Mario bei dessen Eltern in der Nähe von unserem Wohnort zu Besuch. Sie nahm in diesen Tagen vermehrt Füchse wahr, die aus dem Dickicht der Wälder in Richtung Straße liefen. Der Volksmund spricht davon, dass Füchse Grüße aus dem Himmel bringen. Sonntagmorgens waren sie in der Kirche und es wurde ein Lied mit den Abschlussworten „Wiedersehen, ach wie schön“ gesungen. Auch hier hatte Nina dieses komische Gefühl, das sie schon freitags durch Kays Textnachricht hatte. Dieses Lied wurde bestenfalls an Beerdigungen gesungen und es passte nicht zu diesem Sonntagmorgen.

Als wir sie nach dem Unfall zu Hause anriefen um ihr zu sagen, dass Kay tödlich verunglückt ist, sah sie ihn in diesem Moment mit dem Motorroller die Strecke im Wald entlangfahren, die er tatsächlich gefahren war, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, wo und wie der Unfall passiert war.

Am Sonntagmorgen veröffentlichte ich einen neuen Beitrag auf meiner Homepage mit einem besonderen Bild, das wir erst ein paar Tage vorher fotografiert hatten. Ich wollte diesen Text bereits eine Woche vorher veröffentlichen, verschob ihn aber, aus einem Impuls heraus, auf den nächsten Sonntag:

„Wenn ich wüsste …“

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist, dass ich Dich einschlafen sehe, würde ich Dich besser zudecken, und zu Gott beten, er möge Deine Seele schützen.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist, dass ich Dich zur Türe rausgehen sehe, würde ich Dich umarmen und küssen und Dich für einen weiteren Kuss zurückrufen. Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist, dass ich Deine Stimme höre, würde ich jede Geste und jedes Wort auf Video aufzeichnen, damit ich sie Tag für Tag wiedersehen könnte.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist, dass ich einen Moment innehalten kann, um zu sagen „Ich liebe Dich“ anstatt davon auszugehen, dass Du weißt, dass ich Dich liebe.

Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist, dass ich da sein kann, um den Tag mit Dir zu teilen, weil ich sicher bin, dass es noch manchen Tag geben wird, so dass ich diesen einen verstreichen lassen kann.

Es gibt sicherlich immer ein „morgen“ um ein „Versehen/Irrtum“ zu begehen und wir erhalten immer eine 2. Chance, um einfach alles in Ordnung zu bringen. Es wird immer einen anderen Tag geben, um zu sagen: „Ich liebe Dich“. Und es gibt sicher eine weitere Chance um zu sagen: „Kann ich etwas für Dich tun?“ Aber nur für den Fall, dass ich falsch liegen sollte und es bleibt nur der heutige Tag möchte ich Dir sagen, wie sehr ich Dich liebe. Und ich hoffe, dass wir nie vergessen: Das „Morgen“ ist niemandem versprochen, weder jung noch alt und heute könnte die letzte Chance sein die Du hast, um Deine Lieben festzuhalten. Also, wenn Du auf Morgen wartest, wieso tust Du es nicht heute? Falls das „Morgen“ niemals kommt, wirst Du bestimmt bereuen, dass Du Dir keine Zeit genommen hast, für ein Lächeln, eine Umarmung oder einen Kuss und Du zu beschäftigt warst, um jemanden etwas zuzugestehen, was sich im Nachhinein als sein letzter Wunsch herausstellt. Halte Deine Lieben heute ganz fest und flüstere ihnen ins Ohr, sag‘ ihnen, wie sehr Du sie liebst und dass Du sie immer lieben wirst.

Nimm Dir die Zeit zu sagen: „Es tut mir leid“, „Bitte verzeih‘ mir“, „Danke“, oder „Ist in Ordnung“.

Und wenn es kein „Morgen“ gibt musst du den heutigen Tag nicht bereuen.

Dr. H. Solomon in Gedenken an die Opfer des 11. September 2001

Am Mittag um 14.14 Uhr verunglückte Kay tödlich.

Es gab nichts mehr zu sagen, nichts zu klären, nichts zu bereuen. Wir umarmten uns und er fuhr in einer großen Freude und in einem tiefen Frieden los – er hatte unbewusst alles in seinem Leben geregelt.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben. Erinnerungen sind kleine Sterne, die tröstend in das Dunkel unserer Trauer leuchten.Rabindranath Tagore

Die Tage danach

… wieso dreht sich die Welt einfach weiter?

Montag, 31. März 2014

Wenn ich an die Tage nach Kays Unfall zurückdenke, fühle ich auch heute noch eine bleierne Schwere; eine Nebelbank, durch die es kein Sonnenstrahl schaffte, ein bisschen Helligkeit in die Trauer zu bringen.

Wir erlebten die erste Nacht wie in Trance, aufgewühlt, mit tausend Fragen im Kopf, auf die nicht eine einzige vernünftige Antwort gegeben werden konnte. Ich selbst saß noch lange völlig teilnahmslos vor meinem Computer und konnte es nicht fassen, als ich sah, wie viele liebe Freunde und Bekannte in Facebook sofort ihr Profilbild mit einer Kerze tauschten. Viele schrieben in ihrer Fassungslosigkeit auf Kays Seite. Es war unglaublich tröstlich für uns zu spüren, für wie viele Menschen Kay wichtig gewesen war. Ein Freund schrieb:

Traurig, geschockt und ohne genau zu wissen, was mir meine Gedanken und Gefühle genau vermitteln wollen, sitze ich fassungslos hier und schreibe diese Zeilen... Auch wenn dich sehr viele hier wohl wesentlich besser kennen und kannten als ich, so habe ich jede Minute mit dir genossen. Danke für all diese schönen und lustigen Stunden, deine offene und ehrliche Art. Danke, dass du es mir mit vielen anderen so einfach gemacht hast, in eurer Jugend / eurem Freundeskreis so viele tolle Menschen kennenlernen zu können. Du bist und bleibst ein Teil von mir und uns allen. Wir sehen uns wieder irgendwann, nimm dir den schönsten Platz im Himmel, hast ihn verdient, ein Leben lang. R.I.P.

Und am nächsten Tag schrieb zum Beispiel ein Kollege:

Man hofft jedes Mal, wenn die Tür von Peugeot aufgeht, dass du durchgelaufen kommst mit einem Auftrag in der Hand und einem Grinsen im Gesicht. Ich kann es immer noch nicht glauben. Wir denken an dich und werden dich nie vergessen. R.I.P. Wir hatten den Eindruck, dass auf der Startseite von Facebook ein Flammenmeer von Kerzen entzündet worden war. Ich ging erst nach zwei Uhr nachts ins Bett, um gegen sieben aufzustehen. Geschlafen hatte ich keine Minute. So ging es uns allen und die Sonne schien – wie konnte denn eigentlich an solch einem Tag noch die Sonne scheinen? Wie konnte sich die Welt einfach weiterdrehen, ohne unseren geliebten Kay??? Da wir nicht wussten, wo Kay hingebracht worden war, wann wir ihn sehen würden und welcher Bestatter zuständig war, konnten wir für den Moment nur darauf warten, bis die Polizei sich meldete. Am frühen Montagmorgen fuhren wir als erstes zu unserem Hausarzt, damit er uns arbeitsunfähig schreiben konnte. Er war auch fassungslos, als er hörte, dass Kay verunglückt ist. Zwei Wochen vorher war Kay noch zu einer Routineuntersuchung bei ihm gewesen. Kerngesund und fröhlich hatten sie ein nettes Gespräch geführt. Er verschrieb uns ein Schlafmittel, da es in unserem Schockzustand schwer war, Schlaf zu finden. Er empfahl uns, dieses Hilfsmittel für den Moment bei Bedarf in Anspruch zu nehmen. Also nahm ich für zwei Wochen jeden Abend gegen 23 Uhr eine Tablette, die mir fünf Stunden zum Schlaf verhalf. Wie mit einem Schalter wurde das Grauen ausgeknipst und nach fünf Stunden war es wieder übergangslos da.

Der Erste, der ein bisschen strukturierter und klarer denken konnte, war Andreas – Kay wusste immer, dass er sich auf seinen Vater verlassen konnte.

Andreas rief bei der Polizei an und fragte nach, ob die Unfallursache schon bekannt sei? Er wollte wissen, wie die Unfallzeugen hießen, wo Kays Wertsachen abzuholen seien und wohin der verunglückte Motorroller abgeschleppt worden war. Dann fuhr er in Begleitung unserer Tochter Nina, die auch Motorradfahrerin ist und sich bisher den Motorroller mit Kay teilte, am Vormittag los.

Nachdem sie die Unfallstelle genauer betrachtet hatten, um sich den Unfall erklärlich zu machen, fuhren sie zum Abschleppunternehmen. Auf einem kleinen Fleck lag das Wrack von Motorroller. Außen herum kleine Einzelteile, die mitsamt dem Wrack verdeutlichten, welche gewaltigen Kräfte am Vortag gewirkt hatten. Zusammen mit Kays Motorradhelm, dem Nummernschild, den Anzeige-Instrumenten, einem Motorradstiefel und der Wasserflasche, die sich Kay für den Ausflug mitgenommen hatte, kamen sie nach Hause.

Die Geschäftsführerin des Abschleppunternehmens war am Tag zuvor an der Unfallstelle eingetroffen, als wir uns von Kay verabschiedeten. Wir hatten sie nicht wahrgenommen, aber im Nachhinein sagte sie zu Andreas, wie sehr sie ihn dafür bewunderte, mit welcher Ruhe und Umsicht er den ganzen Sachverhalt klären konnte. Sie sei selbst Mutter und wenn sie sich vorstellt, dass ihren Kindern etwas passiert, könnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Anschließend fuhren sie zur Autobahnpolizei, um die Wertgegenstände von Kay abzuholen. Unglaublich, dass sich dieser Behördengang nicht im Wesentlichen darin unterschied, als würde man ein Ausweisdokument abholen. Der Beamte wirkte zwar betroffen und war sehr hilfsbereit, trotzdem mussten die Wertgegenstände routinemäßig zur Ausgabe aufgeschrieben werden. Andreas wollte gerne noch den Personalausweis von Kay mitnehmen. Dieser wurde jedoch direkt ins Einwohnermeldeamt geschickt. Makaber war, dass nach ein paar Wochen ein Schreiben von der Stadt, an Kay adressiert, kam. Er wurde darauf aufmerksam gemacht, dass er seinen Ausweis abholen könnte. Ein maschineller Vordruck ohne Unterschrift. Für uns ein Stück gefühlte und unwirkliche Normalität in einem Zustand der Schwerelosigkeit und Gleichgültigkeit.

Ich selbst war nach wie vor zu keinem klaren Gedanken fähig und den Bericht von Andreas nahm ich auch mehr oder weniger im Nebel wahr.

---ENDE DER LESEPROBE---