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Wer zahlt den wahren Preis für unsere Umweltkrise? Ciani-Sophia Hoeder über die Verflechtungen zwischen ökologischer Ungerechtigkeit und Rassismus Ob eine Person neben einer Mülldeponie oder im Grünen lebt, indigene Gemeinschaften zugunsten des westlichen Konsums enteignet oder durch »green gentrification« ganze Personengruppen verdrängt werden – all das ist kein Zufall, dahinter steckt Ökorassismus. Auch die fortschreitende Erderwärmung trifft systematisch People of Color, während der weiße Westen von einem Lebensstil profitiert, der die Welt an den Abgrund bringt. Eindrücklich zeigt Ciani-Sophia Hoeder, warum Bambuszahnbürsten die Welt nicht retten und was hinter »grünen Nazis« steckt. Ein Buch über die oft unsichtbaren Zusammenhänge zwischen Ökologie und Rassismus – aufrüttelnd, persönlich und hochaktuell.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wer zahlt den wahren Preis für unsere Umweltkrise? Ciani-Sophia Hoeder über die Verflechtungen zwischen ökologischer Ungerechtigkeit und RassismusOb eine Person neben einer Mülldeponie oder im Grünen lebt, indigene Gemeinschaften zugunsten des westlichen Konsums enteignet oder durch »green gentrification« ganze Personengruppen verdrängt werden — all das ist kein Zufall, dahinter steckt Ökorassismus. Auch die fortschreitende Erderwärmung trifft systematisch People of Color, während der weiße Westen von einem Lebensstil profitiert, der die Welt an den Abgrund bringt.Eindrücklich zeigt Ciani-Sophia Hoeder, warum Bambuszahnbürsten die Welt nicht retten und was hinter »grünen Nazis« steckt. Ein Buch über die oft unsichtbaren Zusammenhänge zwischen Ökologie und Rassismus — aufrüttelnd, persönlich und hochaktuell.
Ciani-Sophia Hoeder
Ökorassismus
Wie Weiße unsere Welt zerstören
hanserblau
Für all die Löwenzähne.
Die Folgen der Klimakrise treffen uns nicht alle gleich. Die Luft, die wir atmen, hängt davon ab, wo wir leben — und das hat wiederum oft mit unserer Hautfarbe zu tun. Wohne ich in einer begrünten Allee mit Bäumen und Parks? An einer Schnellstraße oder neben einer Müllverbrennungsanlage? Das ist Ökorassismus: Umweltbelastungen sind ungleich verteilt.
Wir sehen ihn überall: in unseren Städten, auf Spielplätzen, in Supermärkten. Grüne Oasen für die einen, Abgas-Sackgassen für die anderen. Pestizid-Paprika für den Discounter, Biogemüse für den Markt am Prenzlauer Berg. Arme und migrantische Communitys leben häufiger in Vierteln mit schlechterer Luft, mehr Lärm, weniger Schatten. Während reiche, weiße Familien in klimatisierten Häusern oder kühlen Altbauwohnungen mit Zugang zu Grünflächen sitzen, kämpfen andere gegen Hitze, Feinstaub und chronische Erkrankungen.
Ökorassismus entscheidet mit darüber, wer gesund bleibt, wer krank wird — und wer länger lebt. Doch dieser Zusammenhang wird kaum thematisiert. Deshalb schreibe ich dieses Buch. Es ist eine Kritik an der Art, wie wir Umwelt und Gerechtigkeit trennen — und ein Versuch, aufzuzeigen, was oft ignoriert wird: Die Ausbeutung der Natur folgt den gleichen kolonialen Mustern wie die Ausbeutung nichtweißer Menschen.
Auf den nächsten Seiten werde ich Ökorassismus sichtbar machen — die Mythen, die unsere Umweltdiskussionen beherrschen: von der Fetischisierung der »naturnahen Völker«, die »arm, aber glücklich« sind, über ethnonationalistische Ausgrenzung bis hin zur Frage, wessen Wissen über die Natur wirklich zählt. Wer ist im Umweltschutz sichtbar und wird gefeiert? Was haben Hygiene und Sauberkeit mit Macht zu tun? Wer bekommt Mitgefühl, und welche Menschen und Zonen gelten als opferbar?
Kein Biologie-Lehrbuch, keine Klimawissenschaft — sondern eine soziokulturelle Analyse, gewürzt mit biografischen Einblicken. Es wird ums Einkaufen gehen, um Stadtpolitik, um zwischenmenschliche Dynamiken, globale Ungleichgewichte, TikTok-Ästhetiken, Popkultur und wirtschaftliche Ignoranz — und vor allem um eins: Macht.
Was erzählen uns Schrebergärten und die Romantik über das westliche Verhältnis zur Natur? Was bedeutet der »Nature Gap«, die ungleiche Verteilung von Erholungsräumen? Und warum liebt der Westen Eisbären so sehr?
Dieser Band vereint Theorie und persönliche Perspektive. Ich schreibe als Schwarze Frau über das Aufwachsen in der Berliner Arbeiter:innenklasse — zwischen Lauben und Aldi, Gartenzwergen und grauen Wohnblocks. Und ich beziehe die Geschichten und Ideen Schwarzer und indigener Denker:innen ein, die seit Jahrzehnten aufzeigen, wie tief Rassismus und Umweltfragen miteinander verwoben sind. Ich schreibe aber auch über Feminismus und Klasse — denn Ökorassismus ist intersektional.
Von Nazis in Birkenstocks bis zur »Green Gentrification«, bei der meist arme, migrantische Menschen verdrängt werden, weil die Umgebung lebenswerter wird: Es ist Zeit, Ökorassismus sichtbar zu machen. Vor unserer Tür. Jetzt.
Wie kann die Erderwärmung rassistisch sein? Rassismus ist ein soziales Konstrukt. Klimawandel ein naturwissenschaftliches Phänomen. Auf der einen Seite: Narrative, Macht, Ideologien. Auf der anderen: CO₂, schmelzende Gletscher, steigende Meeresspiegel. Zwei getrennte Welten? Sozial. Biologisch. Weit voneinander entfernt.
Doch dieser Planet existiert nicht losgelöst von gesellschaftlichen Realitäten — in unserer Welt entscheiden Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht darüber, wer sich schützen kann — und wer nicht.
Der Klimawandel ist nicht rassistisch. Seine Folgen sind es — weil sie sich entlang bereits existierender Ungleichheiten entfalten. Sie treffen Schwarze Menschen, Native Nations und People of Color weltweit besonders hart: in den Townships von Kapstadt, wo das Wasser versiegt. In den überfluteten Gassen von Dhaka, wo Kinder durch braune Brühe waten. In den verdorrten Feldern des Sudan, wo der Regen ausbleibt und der Hunger wächst.Währenddessen sitzen die Hauptverursacher — mehrheitlich weiße Menschen im Globalen Norden — in der Kühle ihrer mit Klimaanlagen ausgestatteten Häuser.
Die, die den Planeten ruinieren, kommen oft besser durch die Krise. Die, die am wenigsten zur Erderhitzung beitragen, zahlen den höchsten Preis.
Das ist kein Zufall. Das ist kein Schicksal. Es ist System. Dahinter steckt ein strukturelles Ungleichgewicht: Ökorassismus.
Der Klimawandel ist also nicht nur eine Umweltkrise — er ist eine Gerechtigkeitskatastrophe. Denn unsere ganze Gesellschaft basiert auf einem System, das ökorassistische Strukturen festigt. Alltägliche Dinge, wie das Smartphone in unserer Tasche, enthalten Materialien, die unter unmenschlichen Bedingungen in weit entfernten Minen abgebaut werden — zum Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo. Ein Land, das reich an Ressourcen wie Kobalt, Kupfer und Coltan ist, aber dessen Bevölkerung in Armut lebt.
Der Bergbau ist kein Job, den man freiwillig wählt — die Menschen ertragen ihn, weil sie keine Wahl haben. Über 77 Millionen Menschen in der Demokratischen Republik Kongo sind von Armut betroffen. Im Jahr 2025 waren 11 Millionen Menschen auf lebensnotwendige Hilfe angewiesen. Das ist der Grund, warum so viele im Bergbau arbeiten — um zu überleben. Aus Not. Auch Kinderarbeit ist dabei keine Seltenheit.
Hier prallen globale Wirtschaftsmacht und politische Instabilität aufeinander, und die Menschen vor Ort bezahlen den Preis.
Über 69 Prozent des weltweit geförderten Kobalts stammt aus dem Süden der Demokratischen Republik Kongo. Ohne dieses Metall gäbe es keine leistungsfähigen Akkus — nicht nur keine Smartphones, sondern auch keine Laptops, Elektroautos und schon gar keine Energiewende »Made in Silicon Valley«.
Der Preis: Kinder graben in instabilen Schächten — etabliert zu Zeiten der belgischen Kolonialzeit, ohne Schutz. Ganze Dörfer werden verdrängt. Flüsse verseucht. Und all das, um einen Konsumhunger zu stillen, der nicht in Lubumbashi, der kongolesischen Kobalt-Hauptstadt, entsteht — sondern in New York, Berlin, Shanghai.
Im Vergleich zu anderen Regionen der Erde ist Europa bei kritischen Metallen klar im Nachteil, sagt Mineralogin Antje Wittenberg von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR): »Unter Weltmarktbedingungen ist die Rohstoffgewinnung für kritische Rohstoffe in Europa derzeit kaum konkurrenzfähig.«
Zwar gibt es auch in Europa Rohstoffvorkommen — etwa für Lithium oder Graphit — doch der Abbau ist hier wegen strenger Umweltauflagen, hoher Personalkosten und gesellschaftlicher Widerstände kaum durchsetzbar. Die Umwelt- und Sozialstandards verhindern eine Ausbeutung à la China, der Demokratischen Republik Kongo oder anderen Ländern, in denen die Risiken billigend in Kauf genommen werden.
Kurz gesagt: Die Rohstoffe sind zwar da, aber der Abbau scheitert an europäischen Maßstäben für Umwelt- und Arbeitsschutz. Was man hier nicht riskieren will, wird woanders bedenkenlos umgesetzt — mit gravierenden Umweltschäden und unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.
Damals wie heute diktieren weiße Machtzentren die Regeln — und Schwarze Regionen zahlen den Preis. Die Gewinne wandern nach Norden, die Schäden bleiben im Süden. Globale Konzerne und lokale Eliten teilen sich das kongolesische Kobalt in Deals, die mehr nach Kolonialzeit als nach freiem Markt klingen. Neokolonialismus im neuen Gewand — alte Muster neu verpackt als Teil der globalen Wirtschaft.
All das ist lange schon bekannt. Es gibt Berichte, Bilder, Dokus und Studien über die Schattenseite des Kobaltabbaus im Kongo. Im Westen wird kurz hingesehen — dann weitergewischt zum nächsten Clip. Auf einem Gerät, das aus genau jenen ausbeuterischen Verhältnissen stammt, über die man gerade noch entsetzt war.
Was diesen Zustand ökorassistisch macht, ist nicht nur die Ausbeutung selbst. Es ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid Schwarzer Menschen. Das Ergebnis kolonialer Narrative ist nicht nur, dass Kobalt unter Gewaltbedingungen gefördert wird — sondern dass wir es wissen. Und trotzdem weiterkonsumieren. Neokolonialismus ist die Praxis der Ausbeutung. Ökorassismus ist ihre Legitimation. Das eine ist die Struktur — das andere die Ideologie, die sie am Laufen hält.
Der US-amerikanische Bürgerrechtler, Umweltaktivist und Vater des Begriffs »environmental racism« Reverend Benjamin Chavis schrieb: »Rassismus wurde schon immer genutzt, um die Vergewaltigung der Natur zu rechtfertigen.«
Diese Aussage entlarvt eine zentrale ideologische Verbindung zwischen der Ausbeutung von Menschen und der Natur. In der kolonialen Logik standen Schwarze Körper, indigene Gemeinschaften und natürliche Ressourcen gleichermaßen außerhalb des Schutzes, den weiße westliche Gruppen für sich beanspruchten.
Schwarze und indigene Lebenswelten wurden — und werden weiterhin, aber weitaus subtiler — als »wild«, »chaotisch«, »unzivilisiert« markiert — und genau deshalb als frei verfügbar. Wer als minderwertig gilt, dessen Leid ist irrelevant. Wer als »naturvölkisch« entmenschlicht wird, dessen Umwelt gilt als Rohstofflager.
Im kolonialen Denken sind Mensch und Natur nicht gleichwertig: Der weiße Mensch steht über der Natur — rational, zivilisiert, ordnend. Die kolonialisierten Anderen stehen in der Natur — irrational, wild, zu zähmen.
Diese Trennung lebt bis heute fort — in der globalen Klimapolitik, in der »nachhaltigen« Rohstoffgewinnung, in grünen Technologien, die auf extraktivistischen Prinzipien beruhen. Der Rassismus liefert die Erzählung, warum bestimmte Zerstörungen nicht als solche gelten. Warum manche Länder leergeräumt werden dürfen, warum manche Kinder in Minen arbeiten, und andere Kinder mit Tablets pauken.
Chavis’ Zitat zeigt nicht nur eine historische Tatsache, sondern auch eine ideologische Verbindung, die bis heute die ökologische Krise prägt: Wenn Schwarze Leben als weniger wertvoll angesehen werden, betrifft das auch die Umwelt, in der sie leben — die Flüsse, Wälder und Böden. Die Ungleichheit zwischen den Menschen spiegelt sich in der Ungleichheit ihrer Lebensräume wider.
Wir im Westen — du, ich — profitieren davon. Nicht nur durch unsere Smartphones. Auch in Form von Kleidung, Schokolade oder Kaffee. Unsere gesamte Wirtschaft ist verflochten mit einem System, das auf Ausbeutung basiert. Rassismus erleichtert Ausbeutung. Rassismus zerstört die Umwelt.
In vielen Black-, Indigenous- und PoC-Communitys ist dieses Bewusstsein längst da. Sie kennen die Verflechtung von Umweltzerstörung und Unterdrückung — aus Erfahrung. Doch ihre Perspektiven finden im öffentlichen Diskurs kaum Gehör.
Das jahrhundertealte Wissen indigener und kolonialisierter Gemeinschaften über nachhaltiges Leben, über das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt, wurde nicht nur verdrängt — es wurde abgewertet, ausgelöscht, lächerlich gemacht.
Dabei läge genau dort oft der Schlüssel: in einer Haltung der Beziehung, nicht des Besitzes. In der Anerkennung von natürlichen Limits, nicht in der endlosen Expansion.
Der indigene Schriftsteller Jack D. Forbes beschreibt in Columbus and Other Cannibals das Konzept Wetiko — eine zerstörerische Gier, ein selbstsüchtiges Verhalten, das nicht nur das Individuum, sondern auch die Gemeinschaft und die Umwelt vergiftet.
Die Cree, eine Native Nation Nordamerikas, sprechen von einer Krankheit der Trennung — dem Gefühl, losgelöst zu sein: von anderen Menschen, von der Natur, vom Spirituellen. Für sie ist genau diese Entfremdung der Ursprung vieler Krisen — sozial wie ökologisch.
Schon lange warnen indigene Stimmen: Wer die Natur ausbeutet, zerstört letztlich sich selbst. Was wir der Erde antun, tun wir uns selbst an. Alles ist verbunden.
Inzwischen bestätigen auch wissenschaftliche Studien, was Native Nations seit Jahrhunderten sagen: Die Abholzung des Regenwalds beeinflusst globale Wettermuster. Werden Bäume abgeholzt und sinkt die Anzahl an Bäumen, verdunstet weniger Wasser über dem Wald — das bedeutet weniger Wolken, weniger Regen und veränderte Luftströme. Diese Veränderungen können das Wetter nicht nur lokal, sondern weltweit beeinflussen: mehr Dürren in Afrika oder stärkere Stürme in Europa. Die Regenwälder sind also wie ein riesiger, globaler Klimaregler — fällt er weg, gerät das Klima aus dem Gleichgewicht. Auf dieselbe Weise destabilisiert der Verlust von Artenvielfalt ganze Ökosysteme. Zerstörung ist nie lokal. Sie zieht weite Kreise. Wenn Tiere oder Pflanzen aussterben, funktioniert das System schlechter — denn jede Art erfüllt eine Funktion im Gesamtgefüge. Nahrungsketten brechen zusammen, Krankheiten breiten sich leichter aus, Böden erodieren. Die Folgen reichen weit über den ursprünglichen Ort hinaus — Zerstörung findet niemals isoliert statt.
Während der Globale Süden die Folgen der Klimakrise schon länger trägt, erreichen ihre Konsequenzen nun auch den Globalen Norden — trotz besserer Infrastruktur und größerer Ressourcen zur Schadensbegrenzung.
Doch Wohlstand schützt nicht ewig. Die Flut im Ahrtal riss 2021 ganze Orte fort — über 189 Menschen starben. In Ostdeutschland trocknen Böden aus, das Grundwasser sinkt. Städte wie Berlin und Frankfurt ächzen unter Hitzewellen, die immer gefährlicher werden. An der Nordsee muss der Küstenschutz neu gedacht werden, weil der Meeresspiegel weiter steigt. Die Klimakrise ist längst hier angekommen — laut, zerstörerisch und ohne Halt vor Grenzen.
Und während der Westen sich abschottet, nimmt er sich die Ressourcen, die der Süden dringend braucht: Reiche Länder des Globalen Nordens plündern die Rohstoffe und Arbeitskraft des Globalen Südens — zu Bedingungen, die den Süden arm und den Norden reich machen. Diese Ressourcen — insgesamt 242 Billionen Dollar zwischen 1990 und 2015 — könnte die extreme Armut weltweit 70-fach beenden. Ökonom:innen bezeichnen dieses Prinzip als »ungleichen Austausch«: Es ermöglicht reichen Ländern Wachstum und Wohlstand. Gleichzeitig befeuert diese Dynamik globale Ungleichheit und Umweltzerstörung.
Mauern bauen grenzt sich nicht nur vom Problem ab, sondern auch von der Lösung. Es ist Zeit, Brücken zu schlagen: zum Antirassismus. Zum Feminismus. Zum Antiklassismus. Für eine intersektionale Nachhaltigkeit. Weniger Darwinismus. Mehr Solidarität. Weniger Hierarchien. Mehr Zusammenarbeit. Für ein gutes Leben — nicht für mehr, sondern für eine nachhaltige Welt. Nicht nur für ein paar.
Denn Ökorassismus ist mehr als eine Kritik an Zwei-Euro-Schokolade oder Smartphones. Es geht um die Geschichten, die diese Welt geformt haben — um koloniale, kapitalistische, rassistische Narrative, die Ungleichheit legitimieren und die Krise verschärfen.
Wenn wir diese Narrative entmystifizieren, schaffen wir die Grundlage für etwas Neues.
Dieses Buch ist ein Versuch, genau diese Lücke zu schließen: zwischen Ökologie und sozialer Gerechtigkeit. Zwischen Klimabewegung und Antirassismusbewegung. Ein Plädoyer für neue Allianzen. Für radikales Umdenken. Für die Kraft, die entsteht, wenn Kämpfe zusammengeführt werden.
Denn: Soziale Ungleichheit ist nicht nur eine Folge der Klimakrise — sie ist ihr Motor. Das erkennen auch Organisationen im Westen inzwischen.
Wer das Klima retten will, wer Menschen retten möchte, muss über Macht sprechen. Über Besitz. Über Verteilung. Und auch über die Narrative, die ihnen zugrunde liegen. Genau das werden wir jetzt tun.
Es summte. Hinter dem Garten meiner Großmutter breiteten sich die Himbeersträucher aus, deren Früchte an grünen und gelblichen Stängeln hingen. Es war Sommer, und das bedeutete Laubenzeit. Mit einem Korb über dem rechten Arm begleitete mich meine Oma zu den Beeten, zeigte mir, wie man die kleinen, knubbligen Beeren behutsam pflückte. Es war mehr ein sanftes Ziehen als ein Zupfen. Von den Beeren, die ich pflückte, landeten mehr und mehr in meinem Mund und ich genoss den süßen Geschmack, bis meine Großmutter mich ermahnte, dass für später nichts mehr übrig bleiben würde, wenn ich so weitermachte. Diese Erinnerung trägt meine ersten Schritte in die Natur in sich. Der Garten stellte einen Kontrast zu der urbanen Umgebung dar, in der ich aufwuchs: umgeben von hohen Häusern und asphaltierten Innenhöfen, die meine Spielwiese waren. Der Duft, der die Luft erfüllte, war nicht der von Bäumen und Wiesen, sondern von Fast Food und Benzin.
Bei dem Garten meiner Großeltern handelte es sich um einen Schrebergarten in der Sonnenallee in Berlin — ein Ort, der heute nicht mehr existiert. Er wurde abgerissen, und an seiner Stelle erhebt sich jetzt eine Autobahn, an der seit Jahren gebaut wird und die noch viele weitere Jahre eine Baustelle bleiben wird.
Der Zugang zu Grünflächen ist nicht allen Menschen gegeben. Grundstücke entlang von Wäldern, Meeren und Flüssen sind meist den reichen Weißen vorbehalten — die dort ihre Villen und Bungalows bauen und hohe Mauern und Zäune darum errichten. Ein Leben im Grünen gilt für viele als Ideal — ist aber oft teuer. Das Paradoxe dabei: Gerade Menschen mit höherem Einkommen, die sich Naturverbundenheit leisten können, hinterlassen statistisch gesehen den größten ökologischen Fußabdruck. Dabei geht es nicht nur um Wohnorte, sondern auch um Konsumverhalten, Mobilität und Urlaubsreisen. Wer weniger verdient, lebt oft unfreiwillig ressourcenschonender — etwa durch kleinere Wohnungen, weniger Flugreisen oder Verzicht auf ein eigenes Auto. Auch in der Mittelschicht finden sich Menschen, die sich ein Haus leisten — dafür an anderer Stelle sparen. Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Umweltbelastung ist komplex, aber eindeutig: Mit wachsendem Wohlstand steigen meist auch die Emissionen. Statt Fahrrad: SUV. Statt Zug: Privatjet. Statt Urlaub um die Ecke: mit der Yacht um die Welt cruisen.
Das reichste 1 Prozent verursacht nicht nur durch seinen exzessiven Lebensstil überproportional viele Emissionen — das reichste 0,1 Prozent der Weltbevölkerung stößt jährlich mehr als 200 Tonnen CO₂ pro Kopf aus — über 1000-mal mehr als das ärmste 1 Prozent.
Gleichzeitig hat diese Konsumelite die Möglichkeit, sich von den Folgen abzuschirmen. Sie kaufen Bioprodukte, während im Globalen Süden Pestizide Mensch und Natur vergiften. Sie investieren in klimaschützendes Wohnen, während andere an lauten Straßen oder in schlecht isolierten Mietshäusern leben. Sie leben nachhaltig — aber nur, wenn es ihnen selbst nützt. Die Krise bleibt draußen: vor der Tür, hinter der Mauer.
Während Luxusverschmutzer:innen im Gentrifizierungsparadies mit Blick auf Wald und Wiese ihr Filet Mignon grillen, spüren andere die Hitze der Klimakrise direkt auf der Haut.
In der Wohnpolitik Deutschlands macht sich der Ökorassismus vor unseren eigenen Haustüren bemerkbar. Wer in welchem Stadtbezirk lebt, wird durch das Einkommen bestimmt. Und das Geld auf dem Konto wiederum hängt von Faktoren wie Race,
