Otto John - Benjamin Carter Hett - E-Book

Otto John E-Book

Benjamin Carter Hett

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Beschreibung

Am 20. Juli 1954 taucht der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Ost-Berlin auf. Siebzehn Monate später kehrt Otto John in den Westen zurück und wird sofort als Überläufer verhaftet. Bis heute ist ungeklärt, ob John freiwillig in die DDR gegangen ist und dort Geheimnisverrat begangen hat. Benjamin Hett und Michael Wala schreiben die erste Biographie eines Mannes, der im Nationalsozialismus Kontakt zum Widerstand hatte und in der Nachkriegszeit in Deutschland Karriere machte. Der Fall, ein spannender Spionagethriller aus dem Kalten Krieg, markiert gleichzeitig eine historische Wegmarke für das Land.

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Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Benjamin Carter Hett • Michael Wala

Otto John

Patriot oder Verräter: Eine deutsche Biographie

 

 

 

Über dieses Buch

Seine Geschichte war der größte Skandal der jungen Bundesrepublik:

Hatte man Otto John im Sommer 1954 nach Ost-Berlin verschleppt, oder war der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz übergelaufen und zum Verräter geworden?

 

«Die Geschichte Otto Johns, der meinte, in die Politik eingreifen zu müssen, um die Einheit Deutschlands zu sichern und einen Krieg und das Wiedererstarken des Nationalismus zu verhindern, ist mehr als eine Geschichte des persönlichen Scheiterns. Was Otto John trieb, lässt sich nur verstehen, wenn man sein Handeln vor dem Hintergrund seiner Biographie und im Kontext der politischen Geschichte der frühen Bundesrepublik entschlüsselt.»

Vita

Benjamin Carter Hett, geboren 1965, ist Professor für Geschichte am Hunter College und am Graduate Center der City University of New York. Nach einem Jurastudium arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt, bevor er an der Harvard University in Geschichte promovierte. Für seine Forschungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. ein Guggenheim-Stipendium und den Ernst Fraenkel Prize in Contemporary History. 2018 veröffentlichte er «The Death of Democracy. Hitler’s Rise to Power».

 

Michael Wala, geboren 1954, ist Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er erforscht zurzeit die Geschichte der Spionageabwehr des Bundesamts für Verfassungsschutz von den Anfängen bis 1990 und hat 2015 zusammen mit Constantin Goschler «‹Keine neue Gestapo›. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit» veröffentlicht.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juni 2019

Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Umschlagabbildungen ullstein bild; Bettmann/Getty Images

Fotos der Autoren: Hett © privat; Wala © Drescher/Unger

Lithografie der Tafelteilabbildungen Susanne Kreher

Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

ISBN 978-3-644-05731-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

VorwortOtto John und der Kalte Krieg

Mit einer dramatischen, fast verzweifelt klingenden Radioansprache meldete sich Otto John am 23. Juli 1954 aus Ost-Berlin zu Wort: «Deutschland ist in Gefahr, durch die Auseinandersetzung zwischen West und Ost auf ewig zerrissen zu werden», warnte er und rief «alle Deutschen» auf, sich für die Wiedervereinigung einzusetzen. Er selbst habe drei Tage zuvor, am Gedenktag des Attentats auf Hitler, «einen entschlossenen Schritt» getan und «Verbindung mit den Deutschen im Osten aufgenommen».

Diese «demonstrative Aktion» war allerdings keine einfache Verbindungsaufnahme, denn John war Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz und meldete sich über den Rundfunk der DDR zu Wort. Zu den Aufgaben seiner Behörde zählte die Abwehr der Spionage des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und des KGB, aber in seiner Radiobotschaft klagte er nun über ehemalige Nationalsozialisten, die sich «überall im politischen und auch im öffentlichen Leben» der Bundesrepublik wieder regten. Ihm hingegen – dem ehemaligen Widerstandskämpfer, einem der wenigen Überlebenden des 20. Juli 1944 – habe der christdemokratische Innenminister Schröder die «Grundlage für eine politische Arbeit entzogen».[1] Fünf Tage später legte John in einer weiteren Sendung nach: Die «einseitige Bindung an die amerikanische Seite durch Dr. Adenauer» sei der falsche Weg, denn die «damit verbundene Remilitarisierung und Wiederbelebung des Nationalsozialismus führen zwangsläufig zu einem neuen Krieg».[2]

Am 11. August stellte sich John in Ost-Berlin auf einer Pressekonferenz dann schließlich den Fragen von fast dreihundert Journalisten aus aller Welt. Er blieb in vielen Punkten vage, wiederholte seine Befürchtungen und Klagen und fügte ihnen neue Anschuldigungen hinzu; so habe die Bundesregierung geheime Militärverträge mit den Westalliierten abgeschlossen, und die von den Amerikanern finanzierte Organisation Gehlen spioniere Frankreich aus. Umgekehrt wurde ihm unterstellt, er liefere bundesdeutsche Agenten der Sowjetunion ans Messer und trage mit seinem Verhalten dazu bei, dass die Widerstandskämpfer des 20. Juli nun alle als Verräter angeprangert würden.[3] Drei der anwesenden westlichen Journalisten – Johns alter Bekannter aus seiner Zeit im britischen Exil, Sefton Delmer, der für den Daily Express schrieb, Karl Robson vom News Chronicle und Gaston Coblentz von der New York Herald Tribune – hatten danach die Gelegenheit, vertraulich mit ihm zu sprechen. Im Westen wurde gerätselt, ob John verschleppt worden sei, aber die Unterhaltung ergab keinerlei Anzeichen dafür, dass er zu seinen Erklärungen gezwungen worden war.

In einem Gespräch mit Günther Gereke klang John kurz darauf allerdings anders. Der ehemalige CDU-Politiker (und einstiger Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung unter dem von Hitler ermordeten Reichskanzler Kurt von Schleicher) war zwei Jahre zuvor in die DDR übergesiedelt, weil er Adenauers Politik der Westbindung ablehnte; ihm gegenüber klagte John nun, er komme sich wie ein «Häftling» der Sowjets vor. Eigentlich habe er nur einige DDR-Funktionäre zu Gesprächen treffen und dann in den Westen zurückreisen wollen, nun aber werde er wie ein «Cirkus-Clown» herumgereicht und müsse reihenweise öffentliche Auftritte absolvieren.[4] Wenige Tage darauf wurde John nach Moskau und dann in den Ferienort Gagra am Schwarzen Meer gebracht. Wie zu erwarten war, wurde er in der Sowjetunion eingehend verhört. Erst im Dezember 1954 kehrte er nach Ost-Berlin zurück, hielt Reden und schrieb Pamphlete, in denen er für die Neutralität Deutschlands warb, um die Wiedervereinigung zu ermöglichen, und gab von Zeit zu Zeit Interviews, auch Journalisten westlicher Blätter.

Genauso überraschend, wie John sich nach Ost-Berlin abgesetzt hatte, tauchte er am 12. Dezember 1955 plötzlich wieder in West-Berlin auf. Der dänische Journalist Henrik Bonde-Henriksen hatte den notdürftig verkleideten John durch das Brandenburger Tor ganz einfach in den britischen Sektor chauffiert. Fortan behauptete John, er habe die ganze Zeit über versucht, aus der DDR zu entkommen, nun endlich sei es ihm gelungen.

Doch hatte man ihn wirklich verschleppt? Oder war der Präsident des westdeutschen Inlandsgeheimdienstes «in den Osten» übergelaufen und zum Verräter geworden?

Unstrittig war lediglich, dass sich John kurz vor seinem Übertritt nach Ost-Berlin mit einem Freund aus Zeiten des Widerstands getroffen hatte, dem Arzt Wolfgang Wohlgemuth. Der war einst Protegé des berühmten Ferdinand Sauerbruch gewesen und eine ziemlich schillernde Figur. Tagsüber arbeitete er in seiner Praxis in der Uhlandstraße in West-Berlin, nachts spielte er mit seiner Trompete Jazz, er unterhielt ein emsiges Liebesleben – und Kontakte zu sowjetischen und ostdeutschen Nachrichtendiensten. John erzählte später, der Arzt habe ihn gekidnappt: Am Abend des 20. Juli sei er von Wohlgemuth abgeholt worden, habe dann in dessen Auto das Bewusstsein verloren und sei erst in Ost-Berlin wieder zu sich gekommen – als Gefangener der Sowjets. Wohlgemuth erzählte in den folgenden Jahren eine ganz andere Geschichte. Das Treffen mit den sowjetischen Geheimdienstoffizieren sei zuvor verabredet gewesen, bei einem Abendbankett zu Ehren Johns habe der sich betrunken und spontan entschieden, im Osten zu bleiben.

 

Während die Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz noch rätselten, wie und warum ihr Präsident in die DDR gelangt war, ob er entführt wurde oder freiwillig nach Ost-Berlin ging, traf der Vorwurf des Verrats die Stimmungslage in weiten Teilen der bundesrepublikanischen Presse und auch der politischen Klasse. Viele hielten Johns Erklärung für vorgeschoben, er habe versucht, Fehlentwicklungen der bundesdeutschen Politik sowie dem Wiedererstarken von Militarismus und Nationalismus entgegenzutreten und damit einen Krieg zu verhindern. Als Angehörigem des Widerstands wurde ihm ohnehin häufig mit Misstrauen begegnet, und das nicht nur seitens derjenigen, die dem nationalsozialistischen Regime treu gedient hatten. John war 1944 aus Deutschland geflohen und hatte im englischen Exil mit den Westalliierten zusammengearbeitet. Da war der Vorwurf eines vermeintlich «neuerlichen» Verrats kaum eine Schreibmaschinenzeile oder Pressemitteilung weit entfernt. Sollten Johns Anschuldigungen gegen die Regierung in Bonn, seine übertrieben scheinenden Warnungen vor einer kriegstreiberischen Politik des Westens also von seinem eigenen Vergehen ablenken? Oder besorgte er mit seinen Äußerungen, wenn er sie tatsächlich ernst meinte, nicht zumindest in naiver Weise das Geschäft der DDR-Propaganda? War er ein Doppelagent im Dienste des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit oder des KGB – oder ein Idealist, der seine Möglichkeiten weit überschätzte, den Lauf des Kalten Krieges anzuhalten?

Den Vorwurf des Verrats hat John erwartet. Einen Tag nach der Pressekonferenz schrieb er seiner Ehefrau, dass es sich wohl kaum umgehen ließ, als «Verräter abgestempelt» zu werden. Er bat sie aber um Verständnis dafür, dass es am 20. Juli «so plötzlich über mich kam». Er habe es einfach nicht mehr ertragen können, «nicht nur ein Mitläufer, sondern sogar Werkzeug einer Politik zu sein, die zur Zerstörung Europas führen muss und wird. Dagegen musste ich aufstehen, um der Welt die Augen zu öffnen.» Er habe ein gutes Gewissen – und brauche «nun auch keinen Whisky mehr, um die Stimmen zu unterdrücken, die mir lange zugeraunt haben, diesen Irrsinn nicht mehr weiter mitzumachen».[5] Im Brief an seine Frau tritt John als Erbwalter des Widerstands gegen Hitler auf, für den die nationale Integrität Deutschlands ebenso wichtig ist wie ein dauerhafter Friede und der dafür, ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen, hohe Risiken auf sich nimmt. «Nach nicht sehr langer Zeit», schrieb er seiner Frau, werden «immer mehr Menschen … mich verstehen.»[6]

Allerdings wäre sein Verhalten, wenn es tatsächlich durch solche pazifistischen und patriotischen Überlegungen motiviert gewesen ist, hochproblematisch. Hier maßte sich ein Geheimdienstchef an, die Politik der Bundesrepublik in eine andere Richtung zu lenken. Dafür war er weder gewählt worden, noch gehörte dies in irgendeiner Form in seinen Aufgabenbereich. Gerade die Neutralität des Bundesamts für Verfassungsschutz sollte verhindern, dass der deutsche Inlandsgeheimdienst erneut politisch missbraucht wurde. Ganz davon abgesehen hatte sich John als Geheimnisträger eigenmächtig in die Hände des Feindes im Kalten Krieg begeben.

 

Die Geschichte Otto Johns, der meinte, in die Politik eingreifen zu müssen, um die Einheit Deutschlands zu sichern und einen Krieg und das Wiedererstarken des Nationalismus zu verhindern, ist mehr als eine Geschichte des persönlichen Scheiterns. John sträubte sich gegen die zunehmende Isolierung der Überlebenden des Widerstands und dagegen, dass die politische Entwicklung der jungen Bundesrepublik über sie und ihre Ideale hinwegging.[7] Was Otto John trieb, lässt sich nur verstehen, wenn man sein Handeln vor dem Hintergrund seiner Biographie und im Kontext der politischen Geschichte der frühen Bundesrepublik entschlüsselt. Johns Geschichte ist daher eine biographische Sonde, die die Auseinandersetzungen zwischen Zukunftsvorstellungen der Überlebenden des Widerstands und den realpolitischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der jungen Bundesrepublik aufzeigt. Sie macht die grundlegenden Prozesse deutlich, die die politische Geschichte der jungen Bundesrepublik und die Neuausrichtung Deutschlands vor dem Hintergrund des Kalten Krieges bestimmt haben.

Kapitel 1Im Widerstand

«Mein Leben ist eigentlich bestimmt worden durch die Entwicklung zum Widerstand gegen Hitler», stellt Otto John fest, als er Mitte der 1990er Jahren für einen Dokumentarfilm interviewt wird. Sein Ton ist nüchtern und sachlich, und die Kamera fängt ein, dass er die Augen niedergeschlagen hat. Nur ein paar Momente später jedoch ändert sich seine Gemütslage, und er beschreibt, wie es ihm nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 gelang, nach England zu entkommen. Unvermittelt drängt sich ihm dann eine andere Erinnerung aus der Zeit nach Kriegsende auf: «Ich wurde eingeladen zur Vorführung von Filmen aus Konzentrationslagern», berichtet er, «also, ich habe da Filme gesehen, die ich gar nicht beschreiben kann … Das war so …»

Man kennt diese von alliierten Kriegsberichterstattern angefertigten Aufnahmen aus Dachau, Bergen-Belsen und Buchenwald nur zu gut: die ausgezehrten Überlebenden, die düsteren Baracken, die Leichen, die von Bulldozern in Massengräber geschoben werden. Dem älteren Herrn fehlen die Worte. Noch im selben Moment beginnt er zu schluchzen – übermannt von den Bildern vor seinem inneren Auge, die ihn auch nach fünfzig Jahren noch quälen. Unausgesprochen steht im Raum, dass kaum einer von Johns Freunden fliehen konnte. Die Nationalsozialisten nahmen die meisten von ihnen gefangen und ermordeten sie. Auch sein jüngerer Bruder, dem John eng verbunden war, wurde erst brutal gefoltert und dann erschossen. Die britischen Journalisten aber, die nach Kriegsende bei der Filmvorführung anwesend gewesen waren, wussten nur, dass John Deutscher war, und stellten ihn angesichts der Aufnahmen aus den Konzentrationslagern zur Rede: «Was sagen Sie dazu?» Im Interview in den 1990er Jahren, nun kaum noch in der Lage zu sprechen, kann John als Einziges hervorbringen: «Ich konnte ja nicht mehr heulen.»[8]

Otto August Walter John wurde am 19. März 1909 in Marburg an der Lahn geboren. Die Familie, in der er aufwuchs, und die Schulbildung, die er erhielt, waren typisch für große Teile des deutschen Bildungsbürgertums: konservativ und nationalistisch. Sein Vater, ein Vermessungsrat, war preußischer Beamter und Offizier der Reserve.

John war fünfeinhalb Jahre alt, als der Erste Weltkrieg begann. Zunächst teilte er die Begeisterung der Menschen um ihn herum für den Krieg. Als sein Vater das Eiserne Kreuz verliehen bekam und ein Foto von ihm in der Illustrierten Die Woche erschien, war er entsprechend stolz. Ein Onkel allerdings vermittelte ihm schließlich eine Erfahrung, die seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte. Dieser Onkel, ein Apotheker, nahm ihn eines Tages mit zum Bahnhof des kleinen hessischen Städtchens Treysa. Dort war gerade ein Zug mit Verwundeten eingetroffen. Erst folgte John seinem Onkel durch den langen Zug, konnte aber nicht mit ihm Schritt halten und blieb allein zurück. Zunächst begegnete John lediglich leicht verwundeten Soldaten, die ihn freundlich anlächelten. «Aber dann gelangte ich in die Waggons mit den Schwerverwundeten», erinnerte er sich später. «Ein widerlicher, penetranter Duft von Karbol nahm mir fast die Luft. Aschfahle Gesichter starrten mich an, blutdurchtränkte Verbände verstörten mich. Ich hörte erbärmliches Stöhnen … Ich musste hinaus.» Angestoßen von seinem Mitleid für die Soldaten, unter denen sich auch Franzosen befanden, begann er, sich Gedanken über den Sinn des Krieges zu machen. «Mit den Eindrücken von diesem Lazarettzug wurde ich lange nicht fertig», schrieb er im Rückblick. Mit seiner Begeisterung für den Krieg war es jedenfalls vorbei, Soldat wollte er nicht mehr werden.[9]

1922 zog die Familie nach Wiesbaden, wo John das Gymnasium besuchte. Die Eltern waren nicht gerade wohlhabend, und so fehlten ihm zunächst die Mittel, nach erfolgreich bestandenem Abitur unmittelbar ein Studium beginnen. John ging daher für ein Jahr bei dem pharmazeutischen Unternehmen A&E Fischer in Mainz in die Lehre, bevor er sich dann 1930 an der Universität in Frankfurt für Jura einschreiben konnte.[10]

Der Bonhoeffer-Kreis

John war im letzten Semester, als Hitler an die Macht kam. Ihm sei sofort klar gewesen, so schrieb er Jahre später, dass die Nationalsozialisten das Land in einen Krieg führen würden. «Das vorauszusehen, bedurfte keiner höheren politischen Einsicht, sondern nur einer nüchternen Betrachtung dessen, wie Hitler und seine SA seit ihrem Auftreten in den Jahren vor der Machtübernahme sich benommen hatten. … Mir war diese ‹Deutschland erwache!›-Bewegung von Anfang an widerwärtig.»[11] (Er vergaß nicht anzumerken, dass er Kommunisten genauso wenig schätzte.) Die meisten Menschen, ganz gleich, ob sie vor 1933 politisch links oder rechts standen, hatten sich John zufolge nach 1933 gegenüber den Nazis so unauffällig wie möglich verhalten oder aber mit ihnen kooperiert in der Hoffnung, eines Tages werde sich das für sie auszahlen. «Dabei konnte und wollte ich nicht mitmachen.» Alles an den Nazis habe er ekelhaft gefunden: «Die Gestalt des ‹Führers›, seine verlogene Ideologie und seine demagogischen Reden, die Phrasen der vielen kleineren Führer, das patzige Auftreten der Braun-Uniformierten, die Aufmärsche der Männer-, Frauen- und Jugendorganisationen, die Gleichgültigkeit der Massen angesichts der Staatsverbrechen und Gewalttaten gegenüber Oppositionellen, die feige Unterwürfigkeit all derer, die um ihr Geschäft oder ihre Karriere fürchteten.»[12] John und sein Bruder standen mit ihrer negativen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten ziemlich allein; im Exil erzählte er einem britischen Verhöroffizier, die meisten alten Freundschaften seien damals zerbrochen. Allerdings hätten sein Bruder und er nach und nach in einen neuen Kreis von Gleichgesinnten hineingefunden, allesamt Nazigegner wie sie selbst.[13]

Da sich die Rechtsprechung unter den Nationalsozialisten zunehmend zu einer Farce entwickelte und Gesetze dem «Führerwillen» untergeordnet wurden, sah John für sich als Juristen in Deutschland keine berufliche Zukunft. Allerdings fehlten ihm für die Auswanderung sowohl das Geld als auch die nötigen Verbindungen. Ein Freund aus Kindertagen war inzwischen Pilot bei der Lufthansa. Das brachte John auf die Idee, er könne sich ebenfalls dort bewerben und später eine Stelle in einer Auslandsvertretung des Unternehmens bekommen, etwa in Südamerika oder China.[14] Nach seiner Promotion trat John daher 1936 ein Volontariat bei der Lufthansa an, wo er zunächst unter anderem dazu eingeteilt wurde, auf dem Frankfurter Flughafen Koffer ein- und auszuladen. Das war zwar eine fachfremde Beschäftigung, ließ ihn aber eines Tages mit dem damaligen Lufthansa-Vorstand Carl August Freiherr von Gablenz zusammentreffen. John gewann schnell den Eindruck, er könne zu Gablenz offen sprechen, bekannte sich zu seiner Verachtung für die Nationalsozialisten und äußerte seinen Wunsch, Deutschland zu verlassen. Gablenz versprach, ihn für einen Auslandsposten bei der Lufthansa in Erwägung zu ziehen, sobald er sein Assessor-Examen bestanden habe. Also trat John das entsprechende Referendariat am Oberlandesgericht in Frankfurt an und arbeitete gleichzeitig als wissenschaftlicher Assistent im Bereich Luftfahrtrecht an der Universität Frankfurt.[15]

Im November 1937 wurde John in die Rechtsabteilung der Hauptverwaltung der Lufthansa übernommen – und fand über deren Leiter Kontakt zu einem Kreis sozial und kulturell namhafter Persönlichkeiten, die später den Kern des konservativen Widerstands gegen Hitler bildeten.[16] Johns Vorgesetzter, der Chefsyndikus der Lufthansa Klaus Bonhoeffer, war der Bruder des bekannten Theologen Dietrich Bonhoeffer, der schon im April 1933 öffentlich gegen die Judenverfolgung protestiert hatte. Christine Bonhoeffer, die Schwester von Klaus und Dietrich Bonhoeffer, war mit Hans von Dohnanyi verheiratet, dem persönlichen Referenten von Justizminister Franz Gürtner und späteren Reichsgerichtsrat. Klaus Bonhoeffer selbst wiederum war verheiratet mit einer Tochter des Historikers Hans Delbrück, über die eine freundschaftliche Verbindung zur Familie des Theologen Adolf von Harnack bestand.[17]

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass John ausgerechnet über die Lufthansa in diesen Kreis hineingezogen und damit aufgrund seiner politischen Grundhaltung auch immer mehr in den Widerstand involviert wurde. Jüngste Forschungen haben gezeigt, wie eng die Firma in das NS-Regime eingebunden war und in welch großem Ausmaß sie von den Möglichkeiten profitierte, die sich ihr unter der NS-Herrschaft boten, etwa beim Einsatz von Zwangsarbeitern.[18] Neben den familiär mit den Bonhoeffers verbundenen Personen gehörten bald eine ganze Reihe hoher Militärs sowie gesellschaftlich etablierte Persönlichkeiten zu der Gruppe, aus deren Reihen sich schließlich die Verschwörer des 20. Juli rekrutieren sollten. De facto wurde sie von Carl Goerdeler angeführt, ehemals Oberbürgermeister von Leipzig und in Weimarer Tagen prominentes Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Bei der Lufthansa schloss John auch eine enge Freundschaft mit dem ebenfalls dort tätigen Prinzen Louis Ferdinand, Enkel Kaiser Wilhelms II. und seit 1933 Thronanwärter des Hauses Hohenzollern. Dass sich John diesem Zirkel anschloss, war vor dem Hintergrund seiner konservativen Erziehung wenig überraschend. Nach wie vor prägten die traditionellen preußischen Tugenden seinen Wertehorizont.[19]

Noch bis 1939 hatte John darauf gehofft, emigrieren zu können. Die Freundschaft zu Louis Ferdinand machte ihn für den Widerstand jedoch zu wichtig; mit Hilfe des Prinzen wollte man monarchietreue Offiziere dazu bringen, sich gegen Hitler zu stellen. Nach und nach sah John ein, dass er wohl in Deutschland zu bleiben hatte. Bestätigt wurde er in seiner Haltung, als Dietrich Bonhoeffer im Sommer 1939 aus den USA zurückkehrte, wo ihm ein Lehrstuhl angeboten worden war, und erklärte, es sei eine Pflicht, den «unabwendbar gewordenen Krieg» in der Heimat «selbst mitzuerleiden».[20]

Als der Krieg begann, konnte Gablenz erreichen, dass John «UK» gestellt wurde, also für die Firma als unabkömmlich galt. Zur Begründung hieß es, seine juristische Expertise für die Obliegenheiten der ausländischen Tochterunternehmen der Lufthansa sei nicht zu ersetzen. «Das hat es mir ermöglicht, bis zu unserer Erhebung gegen Hitler als Syndikus der Lufthansa in einer gut getarnten Stellung für den Umsturz mitzuwirken.» Konkrete Vorbereitungen dafür setzten schon ein, bevor der Krieg überhaupt begann. Mit Admiral Wilhelm Canaris, dem Leiter der Abwehr, und seinem Stabschef Hans Oster verständigten sich die Widerständler, dass Hans von Dohnanyi im Rang eines Majors zum Nachrichtendienst der Wehrmacht kommen sollte. Dohnanyi und Oster hatten somit eine gute Ausgangsposition, um die Arbeit des Widerstands federführend voranzutreiben.[21]

Nicht, dass sie zu Beginn viel hätten tun können: Hitler fuhr einen Sieg nach dem anderen ein, und die Widerständler fürchteten, die Basis für eine neue «Dolchstoß-Legende» zu legen oder möglicherweise gar den Ausbruch eines Bürgerkriegs zu provozieren, wenn sie ihn auf der Höhe seines Erfolgs aus dem Amt entfernen oder töten würden. Einige der Verschwörer um Oster und Goerdeler hatten schon im Herbst 1938 einen Putsch ins Auge gefasst; die Pläne wurden allerdings zunichtegemacht durch die Demission von Generaloberst Ludwig Beck, der die Opposition der Generalität gegen Hitlers Kriegspläne anführte, als Generalstabschef des Heeres und die Beilegung der Sudetenkrise infolge des Münchener Abkommens.[22] Ein Jahr später kursierten in der Wehrmacht erneut Überlegungen zu einem Umsturz, doch einige der leitenden Offiziere befürchteten, ihre Truppen würden dann auf der Stelle gegen Frankreich und England in den Einsatz geschickt. Zudem blieben die Pläne dieses Mal weit unkonkreter – dem Historiker Danny Orbach zufolge waren sie nur ein blasser Widerschein der Verschwörung von 1938 – und so scheiterten die Generäle erneut an ihrer kollektiven Unentschlossenheit.[23]

Die erstaunliche Siegesserie der Wehrmacht – zuerst 1939 in Polen, dann 1940 in Skandinavien, in den Niederlanden und Frankreich, schließlich im Frühjahr 1941 auf dem Balkan und ab Juni 1941 in der ersten Phase des Russlandfeldzugs – machte es für den Widerstand lange Zeit geradezu unmöglich, irgendwelche Fortschritte zu erzielen. Erst nach der katastrophalen Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 bekamen die Bestrebungen der militärischen Opposition, Hitler zu töten und einen Regimewechsel zu erzwingen, wieder neuen Schub.[24] Wie die meisten Widerständler war John allerdings frustriert über Generäle, die hinter vorgehaltener Hand ihre Verachtung für Hitler äußern mochten, denen dann aber der Mut zum Handeln fehlte. Franz Halder etwa, der Nachfolger Ludwig Becks als Generalstabschef des Heeres, war für ihn «ein Held der konspirativen Gespräche, aber nicht der Tat».[25]

Als Emissär in Madrid

Mehrere Jahre lang kümmerte sich John für den Widerstand vorwiegend um die Lösung interner Fragen und den Ausbau des oppositionellen Netzwerks. Anfang 1942 betraute ihn Carl Goerdeler dann mit dem bis dahin wichtigsten Auftrag. Für die Lufthansa musste John regelmäßig nach Madrid reisen, um die Mehrheitsrechte des Unternehmens bei der spanischen Tochterfirma Iberia zu sichern. Diese Dienstreisen sollte er nun nutzen, um in Madrid Kontakt zu den Regierungen der USA und Großbritanniens aufzunehmen und herauszufinden, welche Waffenstillstandsbedingungen die Alliierten für ein Deutschland nach Hitler im Sinn hatten. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Alliierten noch nicht auf die strikte Forderung einer bedingungslosen Kapitulation festgelegt, das erfolgte erst ein Jahr später.[26]

John scheint in diese Geheimdienst-Halbwelt aus Desinformationen und Gegenspielen relativ naiv hineingestolpert zu sein. Zudem wurden seine ersten Versuche, eine Verbindung zu den Westalliierten aufzubauen, durch Goerdelers Vorgaben erschwert: Er sollte zwar Kontakt mit britischen und amerikanischen Stellen aufnehmen, bei seinen Gesprächen aber keine Namen nennen. Zu groß schien die Gefahr, dass die Gestapo Informationen über die Mitglieder des Widerstands abfangen würde. Dies trug allerdings nicht gerade zur notwendigen Vertrauensbildung bei. Auf britischer und amerikanischer Seite wusste man zudem offensichtlich auch nicht so recht, was von John zu halten sei.

Der Vertrauensmann Johns, über den diese Kontakte liefen, war Juan Terraza, ein ehemaliger Attaché an der Spanischen Botschaft in Washington, DC. Er hatte in den 1920er Jahren zusammen mit Prinz Louis Ferdinand in Berlin studiert, insofern meinten die Widerständler, ihm vertrauen zu können. Und tatsächlich habe sich, schreibt John, «aufgrund unserer gleichgesinnten antifaschistischen Einstellung» schnell eine Freundschaft mit dem Mann entwickelt, den er als einen «in der Welt und in der internationalen Diplomatie und Politik erfahrenen Experten» erlebte.[27] Terraza stellte die Verbindung zu Willard L. Beaulac her, dem amerikanischen Generalkonsul in Madrid, und auch mit dem amerikanischen Militärattaché William D. Hohenthal traf sich John.[28] Der hatte in den 1930er Jahren als stellvertretender Militärattaché in der amerikanischen Botschaft in Berlin gedient, wo John ihm bereits einmal bei einer Party begegnet war.[29]

Goerdeler war davon ausgegangen, John könne von Madrid aus Verbindungen sowohl zu Churchill als auch zu Roosevelt aufbauen.[30] Aber die Gespräche waren kaum dazu geeignet, die große Zurückhaltung der Westalliierten gegenüber dem deutschen Widerstand zu überwinden, der zwar das NS-Regime in Deutschland stürzen wollte und auf Verhandlungen über einen Waffenstillstand drängte, sich aber nicht zu erkennen gab. Diese Kommunikationsschiene, auf die auch Canaris und andere Abwehroffiziere gesetzt hatten, lief zudem nicht zuletzt deshalb ins Leere, weil John nur wenig an kriegswichtigen Informationen anzubieten hatte, und das war die Währung, die man einsetzen musste, um Vertrauen aufzubauen. Was er über Umsturzpläne des Widerstands zu berichten wusste oder zu sagen wagte, war zudem nicht sehr substanziell. Zudem wollten Amerikaner und Briten ihre delikaten Beziehungen zum Franco-Regime und dessen Neutralität nicht durch allzu offensichtliche Unterstützung von NS-Gegnern aufs Spiel setzen.[31]

Über die Berner Mission des amerikanischen Militärgeheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) hatten die Amerikaner außerdem konkretere Informationen über den Widerstandskreis um Goerdeler und einen direkteren Zugang: OSS-Chef Allen W. Dulles stand in Kontakt mit dem deutschen Vizekonsul in Zürich, Hans Bernd Gisevius, und mit einem weiteren von Canaris’ Sonderagenten, Eduard Waetjen.[32] Letztlich waren aber deren Versuche ebenso erfolglos wie die von John, die Westalliierten für die Unterstützung des Widerstands um Goerdeler einzunehmen und von der Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation abzubringen.

Mit Jahresbeginn 1943 war es schließlich für jedermann offensichtlich, dass der Kriegsverlauf eine Wende zuungunsten der Deutschen genommen hatte. Vor dem Hintergrund der schweren Niederlagen in Stalingrad und in Nordafrika wurde ein Staatstreich gewagt; der Moment dafür war, wie John es ausdrückte, «psychologisch richtig gewählt». Im März stattete Hitler an der Ostfront dem Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte einen Besuch ab; im Stab dieses Verbands hatte sich das Zentrum des militärischen Widerstands herausgebildet, nun wagten dessen Offiziere den ersten Anschlagsversuch. Henning von Tresckow und Fabian von Schlabrendorff konnten dafür sorgen, dass in dem Flugzeug, mit dem Hitler den Rückflug antrat, eine als Likör getarnte Zeitbombe platziert wurde. Weil der Zünder im Frachtraum vereiste, explodierte diese Bombe jedoch nicht. Nur acht Tage später erklärte sich Oberst Rudolf Christoph von Gersdorff bereit, zwei Splitterminen bei sich zu tragen, wenn er Hitler zu einer Inspektion von erbeutetem Kriegsgerät ins Berliner Zeughaus begleiten würde. Ohne ersichtlichen Grund fuhr Hitler jedoch früher ab als geplant, und Gersdorff schaffte es nur knapp, die Sprengsätze noch rechtzeitig zu entschärfen.[33] Als ob diese Tiefschläge nicht schon genug wären, wurden Hans von Dohnanyi, Hans Oster, Dietrich Bonhoeffer und Josef Müller am 5. April verhaftet. Es führte kein Weg an der «bitteren Erkenntnis» vorbei, schrieb John später, dass insbesondere ohne Dohnanyi und Oster «der Verschwörung … bereits das Kreuz gebrochen war».[34]

Eine erneute Wende zum Positiven schienen die Dinge zu nehmen, als sich Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg Ende 1943 von den schweren Verletzungen, die er in Nordafrika erlitten hatte, so weit erholt hatte, dass er eine Stelle als Stabschef des Befehlshabers des Ersatzheeres in Berlin antreten konnte – und dort zur Leitfigur des Widerstands wurde. John hörte von einem seiner Freunde, dass Stauffenberg «endlich Schwung in die Bude» bringe. Der bat ihn, seine Madrid-Kontakte zu reaktivieren und sich über Hohenthal mit dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa Dwight D. Eisenhower in Verbindung zu setzen – Stauffenberg ging davon aus, er könne nach einem erfolgreichen Staatsstreich mit Eisenhower von «Soldat zu Soldat» einen Waffenstillstand aushandeln.[35] John selbst befürchtete allerdings zu Recht, dass es keine Alternative zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht gab.

Genau zu diesem Zeitpunkt verlor John seine «UK-Stellung». Gegenüber den Briten sagte er später, es habe bereits Gerede über den jungen Anwalt gegeben, der sich offensichtlich davor drücke, an die Front zu gehen.[36] Nachdem Gablenz im August 1942 bei einem Flugzeugabsturz umgekommen war, gab es bei der Lufthansa niemanden mehr, der seine schützende Hand über John hielt. Stauffenberg gelang es aber, ihn mit Hilfe seiner Kontakte in der Wehrmachtsführung bei der Abwehr unterzubringen, wo John fortan als sein persönlicher Vertrauensmann wirkte. Er verspürte nun «das befriedigende und befreiende Gefühl, nach jahrelangem vergeblichen Warten auf einen Staatsstreich der ‹Generale› endlich nun selbst auch bei der Vorbereitung des Staatsstreichs mitwirken zu können». John machte Stauffenberg mit dem Sozialdemokraten Julius Leber bekannt, der den Offizier so zu beeindrucken vermochte, dass er zu dessen Wunschkandidaten für das Kanzleramt avancierte, sollte der Staatsstreich gelingen.[37]

Im November 1943 und Februar 1944 reiste John erneut nach Spanien, um die Alliierten doch noch dazu zu bewegen, Deutschland im Falle eines erfolgreichen Staatsstreichs bessere Kapitulationsbedingungen einzuräumen, aber er sah sich vergeblich an verschlossene Türen klopfen. In jener Zeit galt das Hauptaugenmerk britischer und amerikanischer Dienste dem Bemühen, die Deutschen davon abzulenken, wann und wo die Operation Overlord, die geplante Invasion in der Normandie, stattfinden würde. Um den Gegner mit Falschinformationen zu füttern, waren Spanien und Portugal besonders gut geeignet, wo sich zahlreiche deutsche Agenten als Objekt anboten. Die Briten setzten in diesem Zusammenhang unter anderem Johann-Nielsen Jebsen ein, der für die Abwehr in Lissabon gearbeitet hatte und vom MI5 angeworben worden war. Der von den Briten unter dem Decknamen «Artist» geführte Doppelagent wurde Ende April 1944 jedoch von Aloys Schreiber gekidnappt, einem anderen deutschen Abwehroffizier. Die britischen Stellen befürchteten nun, Jebsen könne der deutschen Seite den vorgesehenen Ort der Landung am D-Day verraten. Diese Sorgen hatten sich Ende Mai noch nicht gelegt, als John wieder in Madrid auftauchte und Amerikaner wie Briten sich die Frage stellten, ob dieser nicht eventuell nur vorgab, zum Widerstand zu gehören. Möglicherweise, so die Befürchtung, war er in Wirklichkeit ein Agent des Sicherheitsdienstes des Reichssicherheitshauptamts, der Kapital daraus schlagen sollte, was «Artist» den Deutschen verraten haben könnte.[38]

Hohenthal, Johns Kontaktmann in der US-Botschaft in Madrid, war gerade dabei, seinen Posten zu räumen, während ‹Tony› Graham Maingot, sein britischer Kontakt in der Spionageabwehrabteilung des MI6 in Lissabon, es rundheraus ablehnte, ihn zu treffen. Schließlich überbrachte Rita Winsor, die seinerzeit ebenfalls für den MI6 in Lissabon tätig war, John die Hiobsbotschaft, den britischen Geheimdienstmitarbeitern sei jeder weitere Kontakt mit Abgesandten des deutschen Widerstands untersagt. John vermutete später fälschlicherweise, dies sei auf Anordnung des berüchtigten sowjetischen Doppelagenten Kim Philby geschehen, der damals im Auftrag des MI6 für die Spionageabwehr auf der spanischen Halbinsel zuständig war, denn ein Separatfrieden Deutschlands mit den Westalliierten war natürlich nicht im Interesse der Sowjetunion.[39] Der Oxford-Historiker Hugh Trevor-Roper arbeitete während des Krieges wie Philby für den MI6 und schrieb später von dessen komplexen Machenschaften. Ende 1942 hatte Trevor-Ropers Büro ein Memorandum zusammengestellt, das auf die wachsenden Spannungen zwischen Admiral Canaris’ Abwehr und der nationalsozialistischen Führung hinwies. Man könne den Krieg erheblich verkürzen, so schlussfolgerte er damals, wenn man diese Spannungen schüre und die deutsche Generalität zu einem Staatsstreich ermutige. Ein Versuch deutscher Widerstandskreise, mit den Alliierten Kontakt aufzunehmen, würde wahrscheinlich über Spanien oder Portugal erfolgen – Philbys Verantwortungsbereich. «Das fertig ausgearbeitete Papier wurde Philby zur Abnahme vorgelegt», behauptet Trevor-Roper, «der die Weitergabe kategorisch untersagte und darauf bestand, es handele sich um reine Spekulationen.» Trevor-Roper fügt an dieser Stelle an, Philby habe danach in gleicher Art und Weise einen eintreffenden Bericht von Otto John als unglaubwürdig abqualifiziert und dessen Weitergabe unterbunden. John hatte britische Stellen in Portugal informiert, es gebe eine geplante Verschwörung gegen Hitler. Jahre später konstatierte Trevor-Roper: «Otto John war der Mann, den Canaris ausgewählt hatte, um Kontakt mit uns aufzunehmen und uns seine Bereitschaft zu einem Treffen mit ‹C› zu signalisieren.»[40]

Während Johns Anbahnungsversuche im Sand verliefen und die Kontakte, die Gisevius mit dem amerikanischen OSS aufgenommen hatte, wichtiger wurden, landeten die Berichte, die er den Briten bei seinem Aufenthalt in Lissabon im Dezember 1942 sowie im Jahr darauf übergeben hatte, beim sowjetischen Geheimdienst. John hatte sich demzufolge als Repräsentant des Widerstands gegen die Nationalsozialisten zu erkennen gegeben und die Pläne und Schwierigkeiten der Widerständler geschildert. In Moskau fügte man den Berichten Philbys über John hinzu, es gebe «keinen Anlass, von der Auffassung abzurücken, dass Johns Handeln und Reden von der Gestapo gebilligt, wenn nicht sogar diktiert werde».[41]

Es ist möglich, dass Philby den Hintergrund für diese Einschätzung geliefert hat, die zu dem generellen Misstrauen in Moskau passte, wo man fast alles in Deutschland als durch die Gestapo gesteuert vermutete. Philby war zudem hinsichtlich eines möglichen britischen Interesses an einem Verständigungsfrieden misstrauisch geworden, als sich MI6-Chef Stewart Menzies weigerte, ein Attentat auf seinen Gegenspieler Admiral Canaris zu bewilligen. Im Gespräch mit dem australischen Journalisten Phillip Knightley erzählte er 1988, aus Sicht seiner sowjetischen Führungsoffiziere habe seine vordringlichste Aufgabe darin bestanden, «Moskau auf dem Laufenden zu halten, was einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Großbritannien betraf». Zudem sei er «gedrängt worden, nicht nur jeden Schritt zu protokollieren, sobald sich so eine Entwicklung anbahnen sollte, sondern, wo immer möglich, aktiv derartige Pläne zu vereiteln». Knightley gegenüber erklärte Philby aber auch, dass das deutsche Friedensangebot «zu große Ansprüche stellte, als dass man hätte ernsthaft darüber verhandeln können». Der Widerstand habe Bedingungen vorgeschlagen, «die möglicherweise angemessen gewesen wären, wenn es noch so ausgesehen hätte, als ob Deutschland den Krieg noch gewinnen könnte, aber das war nicht der Fall. Völlig zu Recht wiesen wir sie ab und die guten Deutschen mussten im Alleingang handeln. Unglücklicherweise – vor allem für sie selbst – scheiterten sie damit.»[42]

Zwar hat Philby als sowjetischer Doppelagent sicherlich seinen Teil zum mangelnden Vertrauen beigetragen, mit dem man in Whitehall und Broadway, also bei Regierung und den Nachrichtendiensten, John und dem deutschen Widerstand begegnete. Die Positionen, die er bezüglich der «Ansprüche» des Widerstands vorbrachte, wurden an verantwortlichen Stellen in Großbritannien jedoch ohnehin weithin geteilt – es hätte seiner also nicht bedurft, um einen Separatfrieden zu verhindern. Trevor-Roper, der John wohlwollend gegenüberstand, betont diesen Punkt ebenfalls, wenn er schreibt, dass «die britische Regierung zu der Zeit gegenüber vorgeblichen deutschen Hitler-Gegnern nicht positiv eingestellt war. Die Versuche der Abwehr, über Dietrich Bonhoeffer oder den Bischof von Chichester Kontakt aufzunehmen, wurden ignoriert. Und als man ‹C› [MI6-Chef] schließlich berichtete, Canaris suche die Annäherung, antwortete der, er sei nicht interessiert.»[43] Außerdem, so Trevor-Roper, wäre Philby allein nicht in der Lage gewesen, sämtliche Informationen über die deutsche Opposition und ihre Initiativen zurückzuhalten: «Die politischen Entscheidungen eines Außenministeriums werden kaum auf einem so schmalen Zufluss an Informationen basieren, dass ein einzelner Mitarbeiter der Spionageabwehr diesen Zufluss angelegentlich unterbinden könnte.»[44]

Die Kontakte der deutschen Widerstandsemissäre zu Dulles vom amerikanischen OSS in Bern lagen ohnehin außerhalb des Wirkungsbereichs von Philby.[45] Es war das Foreign Office, das die Leitlinien setzte, und diese hießen: kein Abweichen von der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation, kein Bruch mit den sowjetischen Alliierten. Die Diplomaten waren über John und seine Mitstreiter informiert und misstrauten den Verschwörern des 20. Juli eben wegen deren Ideen eines gegen die Sowjetunion gerichteten Separatfriedens. Außerdem hegten sie Zweifel hinsichtlich der tatsächlichen Schlagkraft der Widerstandskämpfer um Goerdeler; man hielt sie für eine kleine Gruppe von Amateuren.[46]

Zurück in Deutschland, berichtete John Stauffenberg Anfang Juni über die Lage. Es gebe keinerlei Chancen, einen Keil zwischen die westlichen Alliierten und die Sowjets zu treiben, und genauso aussichtslos sei es, Washington und London von ihrer Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation abzubringen. John nahm an, dass die seit langem erwartete Invasion in Frankreich im Juni stattfinden werde.[47] Nur ein unverbesserlicher Optimist konnte in dieser Situation noch daran denken, einen Staatsstreich gegen Hitler zu wagen. Stauffenberg aber ließ sich von den schlechten Nachrichten nicht beirren; er bezweifelte sogar, dass es überhaupt zu einer Invasion der Westalliierten in Nordfrankreich kommen würde. Er meinte, dafür sei das Jahr schon zu weit vorangeschritten. Und wenn die Offensive dennoch käme, hätte Deutschland seiner Einschätzung nach eine gute Chance, den Angriff abzuwehren. Sollte das eintreten, würden die Briten, «die in diesem Krieg noch keine Blutverluste von wirklicher Bedeutung erlitten» hätten, zu Verhandlungen bereit sein.[48]

Scheitern

Im Juli 1944 reiste John wieder nach Spanien. Dort traf er Graf Josef von Ledebur-Wicheln, einen weiteren Abwehrmann, der ebenfalls seit Monaten Kontakt zu den Westalliierten suchte. Die Männer kannten sich schon aus den Jahren zuvor, und Ledebur wusste, dass John in seiner Rolle als Sonderbeauftragter für Canaris wahrscheinlich für den Widerstand arbeitete und zugleich die Abwehr mit ungeschminkten Berichten über die Lage Deutschlands versorgen sollte. Da John von Canaris angewiesen worden war, Nachrichten an die Abwehr nicht über die deutsche Botschaft laufen zu lassen, verschickte er seine Berichte über Ledeburs Funker. Im letzten Text, den Ledebur auf diese Weise zu lesen bekam, warnte John am 12. Juli vor dem kurz bevorstehenden und unausweichlichen Sieg der Alliierten über Deutschland.[49]

Wenige Tage später erfuhr John, dass Julius Leber verhaftet worden war. Der Adjutant Stauffenbergs, Werner von Haeften, ließ ihm ausrichten, sofort nach Berlin zurückzukehren. John traf am 19. Juli auf dem Flughafen Tempelhof ein, wo ihn sein Bruder Hans bereits erwartete. Der gab sich allerdings erst zu erkennen, als klar war, dass Otto nicht sofort festgenommen wurde. Im Auto wisperte Hans ihm dann zu: «Morgen!»[50] An diesem Tag, unmittelbar vor dem Putsch, diskutierte die Gruppe ein letztes Mal die Lage, unter anderem die Frage, welche Auswirkungen ein erfolgreicher Staatsstreich auf mögliche Waffenstillstandsverhandlungen mit den Westalliierten haben würde. John bekräftigte nochmals, so gab Klaus Bonhoeffer dessen Worte später in einem Gestapoverhör wieder, «dass die Feindseite nicht von einer bedingungslosen Kapitulation abgeht, gleichgültig, welche Regierung das Ruder in den Händen habe».[51] Die Hoffnung, ein Umsturz könne die totale Niederlage Deutschlands doch noch abwenden, war somit endgültig erloschen. Dennoch entschlossen sich die Verschwörer, wie vorgesehen am nächsten Tag loszuschlagen.

Am 20. Juli 1944 reiste Stauffenberg gemeinsam mit seinem Adjutanten Werner von Haeften zu einer Lagebesprechung in der «Wolfsschanze», Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen. Der Plan sah vor, dass Stauffenberg zwei Bomben in einer Aktentasche im Besprechungsraum abstellen und den Raum sofort unter dem Vorwand verlassen sollte, er müsse einen Telefonanruf entgegennehmen. Er würde dann nach Berlin zurückfliegen, um den Staatsstreich anzuführen. Weil Stauffenberg allerdings aufgrund seiner Verletzungen die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand fehlten, gelang es ihm lediglich, eine der beiden Bomben scharf zu machen. Aufgrund des heißen Sommerwetters fand die Besprechung auch nicht wie üblich im Bunker statt, sondern in einer Baracke. In letzter Minute stellte ein Offizier Stauffenbergs Aktentasche ein Stück weiter unter den massiven Tisch, wodurch Hitler teilweise von der Druckwelle abgeschirmt war. Alle diese Faktoren zusammengenommen führten dazu, dass die Explosion weit weniger zerstörerisch ausfiel als geplant und Hitler mit vergleichsweise geringen Verletzungen davonkam, während vier Offiziere in seiner Nähe ihr Leben ließen. In jedem Fall war das Attentat erstaunlich dilettantisch organisiert worden, sodass der Staatsstreich noch am gleichen Abend kläglich fehlschlug.[52]

Johns Augenzeugenschaft bei den Ereignissen des 20. Juli haftet etwas an, das einen an Odysseus bei Polyphem denken lässt – wie ein Niemand bewegt er sich durch die Szenerie und spricht angelegentlich mit den Hauptakteuren, auch mit Stauffenberg. John traf am späten Nachmittag am Bendlerblock ein, dem Sitz des Befehlshabers des Ersatzheeres und in diesen Stunden die Kommandozentrale des Umsturzversuchs. Bei seiner Ankunft bemerkte er im Hof des Gebäudes einen schwarzen BMW mit dem Kennzeichen POL-7, offensichtlich ein Wagen, der einem hochrangigen Mitglied der Gestapo gehörte. Während der nächsten Stunden beobachtete er Zigarette rauchend, was sich ihm als ein chaotisches Kommen und Gehen mit einer Reihe von ebenso unzusammenhängenden Telefongesprächen darstellte. Seines Erachtens schien er nur im Weg zu sein, und so entschied er sich, nach Hause zu gehen. Er gab Haeften Bescheid, er werde sich am nächsten Morgen telefonisch melden. Zu diesem Zeitpunkt glaubten die Verschwörer noch, alles sei gutgegangen. Etwa gegen halb neun Uhr abends verließ John den Bendlerblock und begab sich auf den Heimweg, um mit seinem Bruder auf Hitlers Tod anzustoßen. Kurz nachdem er gegangen war, wurden die Verschwörer im Anschluss an ein kurzes Feuergefecht auf den Gängen des Gebäudes überwältigt und von Stauffenbergs Vorgesetztem Generaloberst Friedrich Fromm verhaftet, der inzwischen die Seiten gewechselt hatte. Aus Angst davor, was die Verschwörer über seine passive Beteiligung an dem Coup enthüllen könnten (er war in die Pläne eingeweiht und hatte sich geweigert, sie aktiv zu unterstützen, sie aber stillschweigend geduldet), ließ Fromm Stauffenberg und Haeften kurzerhand standrechtlich erschießen. Als Otto und Hans John zusammen mit Klaus Bonhoeffer spät in der Nacht das Radio einschalteten, hörten sie Hitler in einer Rundfunkansprache versichern, er sei am Leben, obwohl eine «kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere» ihn habe töten wollen.[53]

Von der Ansprache ließen sie sich nicht abhalten, weiterzufeiern, hielten daran fest, dass das Attentat geglückt sein müsse, der Sprecher die Stimme Hitlers nur imitiere. Der 20. Juli 1944 war ein Donnerstag, und erst im Verlauf des Freitags mussten sie sich eingestehen, dass «die Sache schiefgegangen» war. Das gesamte sich anschließende Wochenende wartete John schicksalsergeben auf seine Verhaftung, die allerdings nicht stattfand. Sein Bruder Hans, Klaus Bonhoeffer und Adam von Trott zu Solz, ebenfalls einer der Anführer der Verschwörung, überredeten John, seine Verbindungen bei der Lufthansa zu nutzen und nach Spanien zu fliegen. Vor allem Trott drängte ihn dazu, sich abzusetzen, «um der Welt zu sagen, was wir gewollt hatten und woran wir gescheitert waren». Tatsächlich setzte John genau das um, als er am Montag, dem 24. Juli, problemlos einen Lufthansaflug bestieg und noch am selben Tag sicher in Madrid ankam.[54]

Die meisten seiner Freunde gerieten dagegen in das Mahlwerk der Verfolgung. Hans von Dohnanyi, zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als ein Jahr in Haft, war todkrank. Ferdinand Sauerbruch hatte von Zeit zu Zeit erwirken können, dass die Haftbedingungen für Dohnanyi erleichtert wurden, sodass es für Freunde wie John möglich war, ihn zu besuchen.[55] Zunächst konnte die Sicherheitspolizei keine Beweise für Dohnanyis Beteiligung an der Verschwörung finden. Ende September entdeckten Ermittler jedoch ein Versteck mit Unterlagen über NS-Verbrechen, die Dohnanyi seit 1933 gesammelt hatte. Mit diesem Fund kam die Gestapo zu dem Schluss, Dohnanyi sei der «intellektuelle Kopf» des Widerstands. Nur wenige Wochen vor Kriegsende wurde Dohnanyi im KZ Sachsenhausen nahe Berlin hingerichtet. Am gleichen Tag erhängten SS-Männer auch Dietrich Bonhoeffer und mit ihm den ehemaligen Chef der Abwehr, Wilhelm Canaris, im KZ Flossenbürg in Bayern. Adam von Trott zu Solz starb bereits im August 1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee durch die Drahtschlinge, im Januar 1945 wurde dort auch das Todesurteil an Julius Leber vollstreckt, den John wie Stauffenberg so hoch geschätzt hatten.[56]

Das schlimmste Trauma war für Otto John jedoch das Schicksal seines geliebten Bruders Hans. Direkt nach Kriegsende stellte Eberhard Bethge, ein Freund und späterer Biograph Dietrich Bonhoeffers, Nachforschungen zum Verbleib von Hans John an. Dieser war im August 1944 verhaftet und brutal gefoltert worden. Am 2. Februar 1945 wurde er zusammen mit Klaus Bonhoeffer, Ottos ehemaligem Chef bei der Lufthansa, und einigen anderen von Roland Freisler zum Tode verurteilt. Diese Männer waren die Letzten, die der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofs in den Tod schickte; Freisler starb am nächsten Tag bei einem Bombenangriff. Ende April 1945 führte die SS mehr als ein Dutzend Gefangene, darunter Hans John und Klaus Bonhoeffer, aus dem Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit ab und brachte sie auf das Gelände des Universum-Landesausstellungsparks, ganz in der Nähe des heutigen Berliner Hauptbahnhofs gelegen, um sie dort durch Genick- und Kopfschüsse zu ermorden. Wie durch ein Wunder überlebte einer der Gefangenen seine Verletzung; er konnte entkommen und später von den Ereignissen berichten.[57]

Der Verlust seines Bruders und enger Freunde war ein Schicksalsschlag, von dem sich Otto John nie erholte. Im Laufe der Jahre wurde er für ihn durch verschiedene Umstände sogar noch schwerer zu verkraften.

Johns Gegner haben später oftmals bezweifelt, dass er eine bedeutende Rolle innerhalb des Widerstands gespielt hat, und versucht, diesen Anteil herabzusetzen. Zuweilen wurde ihm sogar unterstellt, er habe in Wirklichkeit für die Nationalsozialisten gearbeitet.[58] Einer der wenigen anderen Überlebenden des 20. Juli, Fabian von Schlabrendorff, erinnerte sich dagegen an John nicht nur als einen Mann, der sich im Widerstand mit «großer Aktivität» engagiert habe, sondern der zudem aufgrund seiner Kontakte nach Spanien «sehr nützlich» und insgesamt «ein besonders kluger und begabter Kämpfer gegen Hitler» gewesen sei.[59] Wie absurd die Vorstellung ist, John könne für das NS-Regime gearbeitet haben, zeigt der Blick in die Dokumente der Gestapo, die ihn schon bald nach seiner Flucht ins Visier nahm. Sein Name erscheint regelmäßig in den Ermittlungsberichten zum Attentat des 20. Juli, die Erich Kaltenbrunner als Chef des Reichssicherheitshauptamtes in der Folgezeit für Bormann und Hitler erstellt hat; John wird dabei stets als wichtiges Bindeglied innerhalb zusammenhängender konspirativer Aktivitäten gesehen. So schrieb Kaltenbrunner etwa am 2. Oktober 1944 in einem Bericht über «Die Rolle von Otto John»: «Otto John kam am 19.7. mit dem Flugzeug aus Spanien an. Er war für den 20.7. in die Bendlerstraße bestellt. Über seine Tätigkeit in der Abwehr sagt sein Bruder aus, dass er Auftrag hatte, über spanische Freunde Beziehungen zu den Westmächten herzustellen.»[60] Ein Netzwerk von Widerständlern innerhalb Deutschlands zu schmieden und aufrechtzuerhalten sowie Verbindung mit den Alliierten aufzunehmen, waren zwei der wesentlichen Herausforderungen, mit denen sich der Widerstand konfrontiert sah, und John fand man jeweils im Zentrum des Geschehens. Er hatte nicht den Auftrag, eine Bombe in Hitlers Hauptquartier zu schmuggeln wie Stauffenberg, er war auch keine der fraktionsübergreifenden Führungspersönlichkeiten wie Beck oder Goerdeler. Und doch übernahm er als Person der zweiten Reihe innerhalb der Kommandostruktur des Widerstands eine wichtige Rolle und begab sich damit in große Gefahr[61] – und um diese Rolle auszufüllen, brauchte man gewiss eines: Mut.

Darüber verfügte Otto John ohne Frage. Und Mut würde er auch weiterhin brauchen, nachdem er wenige Tage nach dem 20. Juli auf Drängen seiner Mitverschwörer nach Spanien floh, um die Arbeit des Widerstands fortzusetzen. Im September 1945 sollte Christine von Dohnanyi, die Witwe von Hans, an John schreiben: Es sei «schöner zu wissen, wofür man stirbt, als eigentlich nicht mehr recht zu wissen, wofür man leben soll. Und so wird es uns allen wohl zunächst gehen …»[62] Diesem Motto hätte John sicherlich bereits im Juli 1944 zugestimmt.

Kapitel 2Auf der Flucht

Spanien konnte für John nur eine Zwischenstation sein. Auch wenn der spanische Diktator Franco 1943 auf Abstand zu Deutschland gegangen war und seitdem den Ausgleich mit den Westalliierten suchte, war Madrid nicht sicher. Zu Kriegsbeginn, als die Achsenmächte noch siegreich waren, hatte Franco zunächst die Neutralität Spaniens aufgegeben und erklärt, sein Land stehe als nichtkriegführende Nation an der Seite Deutschlands. So war es auch möglich, dass die deutschen Geheimdienste dort fast ohne Einschränkungen agieren konnten. Als jedoch die Wehrmacht an der Ostfront in die Defensive gedrängt wurde und sich abzeichnete, dass die Alliierten das Heft des Handelns übernommen hatten, wendete sich das Blatt. Franco kehrte zu einer Politik der Neutralität zurück und begann, mit den Alliierten zu verhandeln: Wohlwollen im Austausch für Treibstofflieferungen, die das Land so notwendig brauchte. Im Zuge dieses Seitenwechsels sollte auch das umfangreiche deutsche Agentennetz in Spanien aufgelöst werden, das bislang eng mit den spanischen Diensten kooperierte.[63] Allerdings geschah dies nur äußerst schleppend, sodass die Gestapo im Land weiterhin aktiv blieb.

Agentenspiele

Madrid war also ein gefährlicher Ort, und das musste auch John ahnen. Umso mehr erstaunt es, wie offen er sich dort zunächst bewegte, sich mit alten Freunden zum Abendessen traf, durch die Stadt schlenderte. Wie bei seinen Reisen zuvor quartierte er sich im Luxushotel Palace ein, besuchte häufig die Hotelbar und traf dort auf zahlreiche Bekannte, Spanier und Deutsche, die in der Stadt weilten; bei der Flucht hatte er nicht nur seine Ausweispapiere, Passierscheine und einen erheblichen Dollar-Betrag mitgenommen, sondern auch seinen Smoking.[64] Es war allgemein bekannt, dass das Palace stark von deutschen Agenten frequentiert wurde. John gab sich über die Ereignisse in Deutschland ahnungslos, aber ob dies, wie er in seinen Memoiren behauptet, wirklich eine effektive Tarnung für die Zeit bis zu seiner bereits in die Wege geleiteten Flucht nach England war, darf bezweifelt werden.[65] Denn dass John nicht nur wieder in Madrid war, sondern möglicherweise auch direkt mit dem Attentat des 20. Juli in Verbindung stand und zu Amerikanern oder Briten überlaufen könnte, war schnell auch den deutschen Geheimdienstmitarbeitern in der Stadt bekannt. Wie groß die Gefahr war, von der Gestapo nach Berlin verschleppt zu werden, hatte schon die Entführung des enttarnten Doppelagenten Johann-Nielsen Jebsen Ende April gezeigt. Als knapp zwei Monate später auch Botschaftsrat Erich Heberlein zusammen mit seiner spanischen Ehefrau aus Spanien entführt wurde, zeigten die deutschen Stellen, dass sie in dieser Beziehung keinerlei Skrupel hatten, solange die Beziehungen zu Franco dadurch nicht in Gefahr gerieten.[66]

John war nicht der einzige mit der Abwehr verbundene Deutsche, der in diesen Tagen aus Deutschland nach Spanien flüchtete. Ledebur traf ein paar Tage nach ihm in Madrid ein und lief kurz darauf zu den Briten über. John vertraute sich ihm am 28. Juli verzweifelt an; er ging davon aus, dass nicht nur wichtige Mitglieder des Widerstands bereits enttarnt, verhört und ermordet worden waren, sondern auch Georg Alexander Hansen, der Nachfolger von Canaris als Chef der Abwehr. Der war ebenfalls in die Attentatspläne sowie Johns geheime Aufgaben auf der Iberischen Halbinsel eingeweiht. (Tatsächlich war Hansen bereits am 22. Juli ins Reichssicherheitshauptamt zum Verhör bestellt und festgenommen worden; am 8. September wurde er hingerichtet.) John musste also befürchten, dass der Gestapo in Madrid seine Verbindung zum Widerstand bereits bekannt war.[67] Er blieb dennoch lange Zeit nach seiner Ankunft unschlüssig, ob er Bekannten anvertrauen sollte, dass er zu den Briten überzulaufen gedachte.[68]

Für die Briten war Ledebur zunächst allerdings ohnehin von größerem Interesse als John – er war für die Abwehr in Paris tätig gewesen und hatte genauere Kenntnisse über eine ganze Reihe von Operationen und die Struktur von Abwehr und SD des Reichssicherheitshauptamts. Noch mehr interessierte die britischen Stellen aber, ob «Garbo» – ihr wichtigster Doppelagent – infolge der Verschleppung von Jebsen aufgeflogen war. Auch hier konnte Ledebur möglicherweise viel bessere Auskunft geben als John, der nur am Rand der Abwehr gestanden hatte. Außerdem wollten sie wissen, was Ledebur über den Agentenring wusste, den Karl-Erich Kühlenthal von Madrid aus unterhielt.[69] Kühlenthal war der wichtigste Abwehragent in Spanien und glaubte zu diesem Zeitpunkt noch, dass sein Agent «Alaric» in Großbritannien ein fast dreißig Informanten umfassendes Netzwerk namens «Arabel» aufgebaut hatte und ihn mit wichtigen Informationen versorgte. Dass «Alaric» in Wirklichkeit Juan Pujol García hieß, unter dem Decknamen «Garbo» schon seit langer Zeit als Doppelagent für die Briten arbeitete und es die dreißig Informanten überhaupt nicht gab, ahnte die Abwehr nicht. Pujols Aufgabe hatte unter anderem darin bestanden, den Ort der Landung am D-Day zu verschleiern – erfolgreich konnte er den Deutschen vorgaukeln, die Invasion sei für die Region Pas de Calais geplant.[70]

Zu dem Zeitpunkt, als John und Ledebur in Madrid eintrafen, hatte die Invasion in der Normandie zwar schon längst stattgefunden, aber für die Westalliierten waren ihr gut funktionierendes Agentennetzwerk und die offensichtlich überzeugende Desinformationskampagne Pujols auch weiterhin von sehr hohem Wert. Dessen Agentenführer Tomás Harris suchte daher sofort nach Möglichkeiten, den Übertritt von John und Ledebur für ein neues Desinformationsspiel auszunutzen. Beide fanden sich so ohne ihr Wissen für Pläne der britischen Geheimdienste ausgenutzt. Harris überlegte, wie die deutsche Seite auf die Nachricht vom Überlaufen Johns und Ledeburs reagieren würde. Dabei musste er in Betracht ziehen, inwieweit die beiden über das vermeintlich ja von Kühlenthal gelenkte Agentennetzwerk um «Alaric» informiert waren und was sie eventuell verschwiegen. Wichtiger allerdings – und unkalkulierbarer – war aber, was die Abwehrleute meinten, welche Informationen die Abtrünnigen über «Alaric» haben könnten. Um das herauszufinden, war es ratsam, zunächst abzuwarten, den Funkverkehr der deutschen Seite weiter abzuhören und auf entsprechende Hinweise zu hoffen. Die beiden Deutschen, die immer dringender auf eine baldige Ausreise nach Großbritannien hofften, mussten sich also gedulden, wurden ohne ihr Wissen zu Spielmaterial der Nachrichtendienste. Dass John nicht mehr im Hotel Palace bleiben konnte, war aber allen bewusst, und so wurde er mit Hilfe eines britischen Botschaftsangehörigen in ein Versteck gebracht.

Zu schnelles oder gar unbedachtes Handeln barg große Gefahren, nicht nur für Leib und Leben der von den Briten geführten Doppelagenten. Sollte nämlich die deutsche Seite davon ausgehen, dass Ledebur von «Alaric» wusste und den Briten nun Einzelheiten über dessen vermeintliches Netzwerk in Großbritannien verriet, dann musste die britische Seite ihn «enttarnen» und ausschalten. Dies würde ja von der deutschen Seite erwartet. Pujol alias «Garbo» hätte sich dann nicht weiter als «Alaric» ausgeben und die Abwehr mit Falschinformationen füttern können. Falls man aber auf deutscher Seite davon ausging, dass John und Ledebur keinerlei Kenntnisse über die Aktivitäten von «Alaric» gehabt haben konnten, dann wäre es für diesen ja nicht notwendig, plötzlich und scheinbar grundlos die Arbeit einzustellen. Würde er dies dennoch tun, dann wäre das ein Zeichen dafür, dass er schon längst für die Briten gearbeitet hatte und nun vorsichtshalber abgezogen wurde. Das wiederum würde dann auch andere Doppelagenten in Gefahr bringen, von denen die deutsche Seite glaubte, sie würden ihnen Informationen liefern, die aber in Wirklichkeit sehr erfolgreich für Briten arbeiteten. Darunter waren der Pole Roman Czerniawski und der Däne Wulf Dietrich Christian Schmidt, der für die Briten unter dem Decknamen «Tate» agierte.

Harris, der diese Aktivitäten von Lissabon aus koordinierte, wäre es offensichtlich am liebsten gewesen, wenn die für John und Ledebur zunehmend gefährliche Lage noch möglichst lange weiter bestanden hätte. Nichts deutet jedenfalls darauf hin, dass er sich so um das Wohlergehen der beiden Deutschen sorgte, wie um den Erhalt seines Desinformations- und Doppelagentennetzwerkes.[71] Sollte es sich aber als unbedingt notwendig erweisen, die beiden Männer zu evakuieren, so schlug Harris vor, solle auch dies in die Desinformationskampagne eingebaut werden. Unmittelbar bevor John und Ledebur ausgeflogen würden, sollte «Alaric» der Abwehr mitteilen, dass die Briten den Übertritt nutzen wollten, um Spanien zu der längst versprochenen Ausweisung deutscher Geheimdienstmitarbeiter zu drängen. Harris rechnete damit, dass dann zahlreiche weitere Deutsche überliefen. Außerdem hoffte er, Kühlenthal werde die Aktivitäten der Abwehr in Spanien dann zumindest zurückfahren oder gar aus Furcht, von den Spaniern verhört und deportiert zu werden, freiwillig das Land verlassen.[72]

Von Versteck zu Versteck

Angst vor Verhaftung und Deportation hatte zunächst aber vor allem John. Seine in Aussicht gestellte baldige Abreise nach Großbritannien über Gibraltar verzögerte sich von Woche zu Woche. Erst vier Wochen nach seiner Flucht aus Deutschland kam endlich das erhoffte Signal für den Aufbruch und das Ende seiner bedrückenden Isolation. Allerdings ging es nicht, wie von ihm erhofft, nach Gibraltar und dann von dort per Flug nach Großbritannien, sondern nur in ein weiteres Versteck: Am 21. August brachte ihn ein Wagen der britischen Botschaft über Vigo an der Atlantikküste zur Grenze nach Portugal. Ein Schmuggler ruderte ihn über den Miño, wo ihn am westlichen Ufer des Flusses ein Taxi aufnahm, das ihn zunächst nach Porto brachte. Von dort ging es dann in einem Wagen der britischen Botschaft weiter nach Lissabon. Wieder war es ein Versteck, in dem man ihn unterbrachte, wieder musste er ausharren, diesmal bei einer portugiesischen Familie, wieder verging Woche um Woche.[73]

In Sicherheit konnte John sich auch hier nicht wiegen: Deutsche Stellen in Lissabon erfuhren bereits nach kurzer Zeit, dass er im Land war, und überlegten, wie sie ihn davon abhalten könnten, endgültig zu den Briten überzulaufen. Das Ansinnen der Abwehr in Madrid, Kontakt zu John aufzunehmen und ihm zu versprechen, man werde sich für seinen verhafteten Bruder und die Eltern in Deutschland einsetzen, wenn er kooperiere, wurde jedoch von Berlin abgelehnt.[74] Möglicherweise hätte ein solcher Vorstoß sogar Erfolg gehabt, denn John verzweifelte angesichts der Ungewissheit darüber, wie es Freunden und Familie erging, und darüber, dass ihm die Hände gebunden waren.[75]

Sein Versteck in einem Vorort von Lissabon erwies sich zudem als schlechte Wahl, denn plötzlich wurde John verhaftet. Die Unterbringung bei der portugiesischen Familie wäre möglicherweise für eine kurze Zeit ein gutes Versteck gewesen, aber in die Gegend hatte sich auch eine Reihe von spanischen Kommunisten geflüchtet. Bei einer Razzia der Polizei landete er im Gefängnis, ohne Papiere und in dem Glauben, seine wahre Identität nicht preisgeben zu dürfen. Ein Zufall war seine Festnahme allerdings nicht, vielmehr diente die Razzia gegen die spanischen Kommunisten als Vorwand, um John zu verhaften – sie fand auf Betreiben deutscher Stellen in Lissabon statt. Der Leiter des Sicherheitsdienstes der SS an der deutschen Gesandtschaft in Lissabon, SS-Sturmbannführer Erich Schröder, und Major Fritz Cramer, zuständig für die Gegenspionage der Abwehr in Portugal, hatten durch ihre Informanten erfahren, wo John sich versteckte.[76] Als Polizeiverbindungsführer in Portugal hatte Schröder beste Kontakte zur portugiesischen Geheimpolizei PVDE. Es war auf seine Bitte hin, dass John verhaftet wurde.

Das Verhör führte dann Hauptmann José Correia d’Almeida von der PVDE, der sofort alles, was er von John erfuhr, an die deutschen Kollegen weitergab, die diese Informationen wiederum nach Berlin funkten. Zunächst behauptete John, er sei Offizier der Royal Air Force, dessen Flugzeug abgeschossen worden war und der nun versuche, nach Großbritannien zurückzukommen. Allerdings passte diese Geschichte schlecht zu den von einem deutschen Schneider gefertigten Kleidungsstücken in seinem Gepäck – er hatte sogar seinen Smoking wieder mit auf die Flucht genommen. D’Almeida gelang es bald, sich in Johns Vertrauen einzuschleichen, und so berichtete der ihm nun nicht nur von seinen geschäftlichen Aufgaben für die Lufthansa, sondern auch von seinem Versteck in Madrid, von seiner Flucht nach Portugal und der Rolle des britischen Militärattachés in Lissabon bei der Wahl seines neuen Unterschlupfes. John bat ihn sogar um politisches Asyl, und d’Almeida, der den «guten Bullen» ganz ausgezeichnet spielte, erklärte, dem Antrag stünden nur noch einige wenige Formalitäten im Wege. In Wirklichkeit war d’Almeida darum bemüht, John so lange festzuhalten, bis der Auslieferungsantrag aus Berlin in Lissabon eingetroffen war und er ihn an die Deutschen übergeben konnte.[77] Eilig wurden Vorbereitungen getroffen, die Ausweisung Johns aus Portugal und die Rückführung nach Deutschland mit dem Argument durchzusetzen, John habe portugiesische Gesetze gebrochen und sei in den Anschlag auf Hitler verwickelt.[78]

Nun aktivierte jedoch auch die britische Seite ihre Kontakte, und kurz darauf wies das portugiesische Außenministerium die PVDE an, John für eine Befragung in die britische Botschaft zu überführen. Der Vorwand war erfolgreich. Mit neuen britischen Ausweisdokumenten ausgestattet, war John alias «John Collinson» zunächst geschützt und sollte nun endlich nach England gebracht werden. Aber wieder lief nicht alles nach Plan. Als John am 1. November nach Gibraltar ausgeflogen werden sollte, hob das Flugzeug zwar tatsächlich ab, kehrte aber nach einer halben Stunde zum Flughafen von Lissabon zurück. Sofort vermuteten die Deutschen, dass die Briten John gar nicht wirklich nach Großbritannien bringen wollten und dieser Flug nur der Tarnung diente, um ihn in Portugal bei ihrer Arbeit gegen das Reich einzusetzen. Es war aber diesmal kein Spiel der Nachrichtendienste, sondern das Wetter, das interveniert hatte. Ein Sturm war aufgezogen und hatte die Landung in Gibraltar verhindert. Zwei Tage später, am 3. November, erreichte John dann endlich und unbemerkt an Bord eines British Airways-Clippers englischen Boden, mehr als ein Vierteljahr nach seiner Flucht aus Deutschland und nach Wochen der Angst, in denen er ein Spielball der Nachrichtendienste war.[79]

Im Vorfeld hatte Harris seine Einschätzung über den Flüchtling nach London übermittelt: Er bezweifle sehr, dass John in Großbritannien von Nutzen sein würde. Harris schätzte ihn ganz richtig als Mitglied einer vehement antisowjetischen Gruppe ein, die versucht hatte, Verhandlungen für einen Separatfrieden zwischen Westalliierten und Deutschland in die Wege zu leiten, um eine bedingungslose Kapitulation abzuwenden. Dies passte Ende 1944 nicht in das politische und militärische Kalkül Großbritanniens. Für die Propagandatätigkeit sei er daher nicht geeignet, und Harris empfahl, ihn auch nicht in einer anderen Abteilung der britischen Regierung zu beschäftigen.[80] Diese Einschätzung sollte sich für John als schwere Hypothek erweisen.

Kapitel 3Im Exil

John hatte gehofft, im britischen Exil als Sprachrohr des deutschen Widerstands wirken zu können, immerhin war er der einzige Verschwörer des 20. Juli, der sich ins Ausland hatte retten können. Da er den Westalliierten durch seine früheren Verbindungen in Madrid wohlbekannt war, sah er sich zudem als wichtigen Kontaktmann und als eine hervorragende Quelle über die Zustände in Deutschland. Aber der MI5 hatte ihn nicht nach England evakuiert, weil man dort sehnsüchtig einen Überlebenden des Widerstands erwartete, um das deutsche Volk mit Radiosendungen durch eine authentische Stimme aufzurütteln. Der wirkliche Grund für die Anstrengungen der Briten war weitaus profaner und hatte mit dem sensiblen diplomatischen Parkett in diesen letzten Kriegsjahren zu tun.

Samuel Hoare, der britische Botschafter in Madrid, hatte befürchtet, dass die Anwesenheit Johns und Ledeburs in einem safe house