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Ich möchte mich nur um meinen Vater kümmern. Als ich also den Job meines Lebens bekomme, der unsere Rechnungen bezahlen wird, ergreife ich die Chance mit offenen Armen. Doch ich habe keine Ahnung, dass das Unmögliche von mir verlangt wird. Langsam verschwindet mein Lächeln, bis nur noch die kaputte Marionette übrig bleibt, die meine persönliche Hölle erschaffen hat. Brutal, gnadenlos und gefährlich wird Liam, der Kopf der irischen Mafia, von allen gefürchtet – selbst von dem Monster, das darauf aus ist, meine Seele zu zerstören. In dem Moment, in dem Liam bemerkt, was passiert ist, bietet er mir Schutz an, und obwohl er nur scharfe Kanten und ein bedrohliches Knurren hat, fühle ich mich bei ihm sicher. Aber kann ein Monster wirklich ein anderes besiegen, oder bin ich nur ein Mädchen, das vom Unmöglichen träumt?
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2025
Michelle Heard
OWNED by a sinner
Band 2
Übersetzt von Dejana Fulurija
OWNED by a sinner
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel
»Owned By A Sinner (The Sinners Series)«
Copyright © 2022 Owned By A Sinner by M.A. HEARD.
All rights reserved.
The moral rights of the author have been asserted,
Published by Arrangement with PODIUM PUBLISHING SUBCO, LLC, EL SEGUNDO, CA 90245 USA
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover,
Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe © 2025
OWNED by a sinner
by VAJONA Verlag GmbH
Übersetzung: Dejana Fulurija
Korrektorat: Michelle Markau
Umschlaggestaltung: Cormar Covers
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Jimmy Flanagan; Kiaras Vater
Vor fünfundzwanzig Jahren …
Ich sitze Tara gegenüber, die eigentlich nur ein weiterer One-Night-Stand sein sollte, und versuche immer noch, die Tatsache zu verarbeiten, dass sie schwanger ist.
Mit meinem Kind.
Jesus, Maria und Josef.
Ich stehe auf, aber in der Einzimmerwohnung gibt es nicht viel Platz zum Bewegen. Also lasse ich mich wieder auf das abgenutzte Sofa fallen.
»Mein Gott«, murmle ich.
»Du musst nichts tun. Ich dachte nur, du solltest es wissen.«
Ich schüttle den Kopf und mein Blick bleibt auf der Rothaarigen gegenüber von mir hängen. Das Aufflackern von Hoffnung in ihren sanften braunen Augen sorgt dafür, dass ich meine Stirn runzle. »Ich bin kein weißer Ritter, Mädchen.«
Ich bin am weitesten davon entfernt.
Tara befeuchtet nervös ihre Lippen und lässt ihren Blick durch den kleinen Wohnraum schweifen.
Gott, ist das ein verfluchtes Chaos. Aus einer Laune heraus gestehe ich ihr: »Ich bin ein schlechter Mensch.«
Taras Blick schweift zu mir, dann fragt sie: »Was meinst du?«
Ich beschließe, alle Karten auf den Tisch zu legen und sage: »Ich arbeite für die irische Mafia.«
Ihre Augen weiten sich, und die Hoffnung, die immer wieder aufgeflackert ist, stirbt einen plötzlichen Tod.
Ich seufze und schüttle den Kopf. »Ich kann finanziell aushelfen, aber mein Leben ist kein Ort für ein Kind … oder jemanden wie dich.«
Tara nickt und hat schwer an der Bombe zu schlucken, die ich gerade habe platzen lassen, während sie sich ängstlich die Hände an ihrem Rock abwischt. »Ich kann dem Kind sagen, dass du gestorben bist.«
Ich fixiere sie mit meinem Blick, als ihre Worte mich unerwartet hart treffen. »Nein.«
Ich will nicht, dass mein Kind denkt, ich sei tot. Ich habe in meinem Leben vielleicht viel Schlechtes getan, aber ich werde nie einem Kind den Rücken zuwenden, schon gar nicht meinem eigenen.
»Wie ich schon sagte, ich helfe finanziell aus. Ich werde nach dir und dem Kind sehen, wenn es sicher ist. Das ist das Beste, was ich tun kann.«
Tara denkt einen Moment nach, ihre Augen sind auf die Wand des benachbarten Wohnhauses, außerhalb des Fensters, gerichtet. »Ich habe die Horrorgeschichten über die Byrne-Familie, die auf der Straße kursieren, gehört. Ich möchte nicht, dass mein Kind in die Nähe der Mafia gerät.«
»Da sind wir einer Meinung.«
Ihr Blick wendet sich wieder mir zu. »Vielleicht können wir dem Baby sagen, dass du ein Handelsreisender bist?«
Mein Mundwinkel hebt sich. »Klingt nach einem Plan.« Ich stehe auf, ziehe mein Portemonnaie heraus und nehme das gesamte Bargeld, das ich bei mir habe, heraus. »Du bekommst noch mehr.« Ich lege das Geld auf dem Couchtisch ab, sehe Tara in die Augen und warne sie: »Niemand darf wissen, wer ich bin. Zu deiner Sicherheit. Sobald das Kind geboren ist, gibst du ihm deinen Nachnamen. Und komm nicht in die Nähe der Byrnes.«
Sie nickt, als sie aufsteht. »Ich werde es keiner Menschenseele erzählen.«
Ich lasse meinen Blick über die Frau schweifen, die für eine der besten Nächte meines Lebens verantwortlich ist. Für den Bruchteil einer Sekunde wünsche ich mir, die Dinge wären anders. Ich wünschte, ich hätte den Luxus, sie kennenzulernen. Vielleicht könnte es zwischen uns klappen.
Aber in dem Leben, das ich für mich gewählt habe, gibt es keine Wünsche. Mein Leben und meine Loyalität gehören Owen Byrne, dem Oberhaupt der irischen Mafia.
Ich muss Tara und unser ungeborenes Kind geheim halten.
Kapitel 1
Kiara
Liam, 39; Kiara, 24
Ich gehe den Weg hinauf und kann nicht aufhören zu lächeln. Heute war ein guter Tag, und ich kann es kaum erwarten, meinem Vater die Neuigkeiten mitzuteilen. In dem Moment, in dem ich die Haustür öffne, wird mein Lächeln noch breiter. »Dad?«
»In der Küche, Lass«, ruft er.
Meine Füße fühlen sich leicht an, als ich durch das gemütliche Wohnzimmer mit seinen abgewetzten braunen Sofas laufe.
Als Dad einen Herzinfarkt hatte, dachte ich, mein eigenes Herz würde aufhören zu schlagen. Ich war außer mir vor Sorge und konnte erst wieder aufatmen, als er mich wieder anlächeln konnte.
Der Arzt sagte, wir hätten Glück gehabt. Ich habe Dads Ernährung umgestellt und dafür gesorgt, dass er keinen Stress hat, der ihn aufregen würde.
Als ich die Küche betrete, finde ich meinen Vater und Kristine am Vierertisch. Kristine ist eine Aushilfskrankenschwester, die ich eingestellt habe, und deren Lohn ich von dem Geld, das ich von all den Aushilfsjobs gespart habe, die ich im Laufe der Jahre hatte, bezahle. Es ist nicht viel, aber es hilft, die Rechnungen zu bezahlen.
Dad wirft mir einen mürrischen Blick zu, dann starrt er auf die Karotten auf seinem Teller. »Schau, was sie mich zwingt zu essen.«
Ich beuge mich hinunter und drücke ihm einen Kuss auf den Scheitel seines schütteren, graumelierten Haares. »Du hast gehört, was der Arzt gesagt hat. Du brauchst das Gemüse. Du kannst dich nicht länger nur von Pizza und Burgern ernähren.«
»Aye«, murmelt er, mürrisch wie immer. Anstatt sich zu wehren, schaufelt er sich eine Gabel Karotten in den Mund und kaut übertrieben genüsslich. Stirnrunzelnd fragt er mich mit forscher Stimme: »Was machst du hier?«
Aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund ist Dad dagegen, dass ich ihn in seinem Haus besuche. Anfangs tat es weh, wenn er mich jedes Mal aufforderte, mich zu beeilen und zu gehen, aber jetzt ignoriere ich seine Mürrischkeit einfach und sage mir, dass es daran liegt, dass es ihm nicht gut geht.
Meine Eltern haben nie geheiratet. Ich war das Ergebnis eines One-Night-Stands, aber sie gaben mir nie das Gefühl, unerwünscht zu sein. Meine Mutter zog mich auf, und obwohl mein Vater beruflich viel unterwegs war, versuchte er, mich so oft wie möglich zu sehen. Er ist vielleicht nicht der beste Vater der Welt, aber er hat nie einen meiner Geburtstage verpasst, und die wenige Zeit, die wir zusammen verbringen konnten, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen.
»Ich wollte nach dir sehen, und ich habe gute Neuigkeiten«, grinse ich und setze mich auf einen der freien Stühle. Ich stibitze eine Karotte von Dads Teller und stecke sie mir in den Mund.
»Und?« Er zieht ungeduldig eine Augenbraue hoch. »Spann mich nicht auf die Folter.«
»Ich habe gerade meinen ersten festen Job bekommen!« Aufregung und Erleichterung sprudeln über meine Lippen. »Als Empfangsdame.«
Gott, ich kann es immer noch nicht glauben.
Ein Lächeln umspielt Dads Mund. »Wo?«
Ich nicke auf seinen Teller, damit er noch etwas isst. Widerstrebend schaufelt er einen weiteren Bissen Karotten in sich hinein. »Byrne Enterprises. Ich werde in der Lobby arbeiten. Es ist ein großes Unternehmen, also gibt es viele Möglichkeiten sich fortzubilden«, sage ich und meine Aufregung wächst mit jedem Wort.
Nur die Sterne setzen mir eine Grenze.
Gott, ich brauchte diesen Job. Meine Ersparnisse reichten nur aus, um Kristine bis Ende des Monats zu bezahlen.
Jetzt kann ich sie mir leisten, bis Dad wieder auf den Beinen ist, und ich kann aus dem Schuhkarton, in dem ich derzeit lebe, aus- und in eine bessere Wohnung einziehen.
Dads Gesichtszüge verfinstern sich und er zieht die Augenbrauen zusammen. »Byrne Enterprises.« Er sieht nicht aus, als würde er sich für mich freuen, und seine Stimme ist warnend.
Mein Blick huscht über seine Gesichtszüge, während ich versuche, seine Stimmung einzuschätzen. »Ja. Ich habe mich in der ganzen Stadt beworben, und zu meinem Glück stört sie meine mangelnde Erfahrung nicht. Ich brauchte wirklich etwas Stabileres, und die Bezahlung ist gut.«
Dad schüttelt den Kopf, die Mundwinkel nach unten gezogen, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass ich in einem Müllcontainer arbeiten würde und nicht in einem milliardenschweren Unternehmen. »Nur über meine Leiche, wirst du bei Byrne Enterprises arbeiten.«
Was?
Meine Blase des Glücks platzt, und ich sacke in meinem Stuhl zurück. Ich dachte wirklich, Dad würde sich für mich freuen. Ich verstehe wirklich nicht, warum er dagegen ist, dass ich diese Stelle annehme. »Ich verstehe nicht. Der Job wird gut bezahlt, und ich werde mir ein besseres Leben aufbauen können. Warum bist du dagegen?«
Der Gesichtsausdruck meines Vaters wird immer grimmiger, und ich befürchte, dass das Gespräch seinen Blutdruck in die Höhe treiben wird, und das können wir nicht zulassen. Unter normalen Umständen würde ich bei meinem Standpunkt bleiben, aber ich kann nicht riskieren, dass Dad einen weiteren Herzinfarkt erleidet. Der Arzt hat gewarnt, dass der nächste Infarkt tödlich sein könnte.
Wut schwingt in der Stimme meines Vaters mit, als er mit Nachdruck sagt: »Du wirst nicht bei Byrne Enterprises arbeiten. Wenn es dir finanziell schlecht geht, zieh wieder zu deiner Ma.«
Mom lebt in einer kleinen Einzimmerwohnung, und abgesehen davon, dass dort kein Platz für mich ist, bin ich vierundzwanzig und muss mir ein eigenes Leben aufbauen. Warum kann Dad das nicht verstehen?
Mein Blick fällt auf Kristine, und als sie den Kopf schüttelt und mir leise sagt, ich solle Dad nicht noch mehr aufregen, stehe ich vom Stuhl auf und schenke mir ein Glas Wasser ein.
So hatte ich mir den Verlauf des Gesprächs nicht vorgestellt. Verdammt, ich dachte wirklich, Dad würde sich für mich freuen.
Kristine fängt an, den Tisch abzuräumen, dann überprüft sie Dads Vitalwerte. Mit einem strengen Blick auf ihn sagt sie: »Sie müssen sich beruhigen. Kommen Sie«, sie hilft ihm vom Stuhl auf, »lassen Sie uns die Autoshow ansehen, die Sie so gerne mögen.«
Die Augen meines Vaters ruhen einen Moment lang auf mir, und mir entgeht nicht die Sorge, die in seinen grünen Augen liegt. »Trink das Wasser aus, Lass. Du musst jetzt gehen.« Er wendet sich zur Tür, hält dann inne und fügt hinzu: »Komm nicht wieder vorbei. Du weißt, dass ich das nicht mag.«
Mit Enttäuschung im Herzen beobachte ich, wie Kristine meinen Vater ins Wohnzimmer führt.
Ich verstehe seine Reaktion auf die guten Neuigkeiten nicht. Ich dachte, er würde sich für mich freuen.
Schweren Herzens folge ich ihnen ins Wohnzimmer. Ich warte, bis Dad sich auf eine der Couches gesetzt hat, dann beuge ich mich über ihn und drücke ihm einen Kuss auf die Stirn. »Bye, Dad.«
Als ich mich zurückziehe, sieht er zu mir auf, und seine Augen sind voller Zuneigung. »Ich mag vielleicht ein Schwätzer sein, aber ich liebe dich, Lass. Ich will nur das Beste für dich, und Byrne Enterprises ist das nicht.«
Ich nicke und zwinge mich zu einem Lächeln. »Ich liebe dich auch. Ruh dich aus, okay?« Er nickt, dann deutet er mit einem Nicken auf die Haustür. »Geh schon.«
Mich selbst hinauslassend, schließe die Haustür hinter mir und mache mich auf den Weg zum klapprigen Tor. Ich schaue zurück und wünschte, es wäre anders gelaufen. Ich verstehe nicht, warum Dad so reagiert hat.
Während ich die Straße zur Bushaltestelle hinunterlaufe, ziehe ich mein Handy aus der Tasche und wähle Moms Nummer, in der Hoffnung, dass sie anders reagiert.
Nach ein paar Mal klingeln nimmt sie ab: »Hey, Süße.«
»Hi, Mom.« Die Enttäuschung verhindert, dass sich meine Lippen zu einem Lächeln verziehen. »Ich habe einen festen Job bekommen.«
»Das hast du?« Sofort schwingt Begeisterung in ihrer Stimme mit, was meine Stimmung ein wenig aufhellt. »Das sind wunderbare Neuigkeiten, mein Schatz. Und wo? Wie ist die Bezahlung? Was wirst du tun?«
Langsam kehrt die Aufregung in mein Herz zurück. »Ich habe eine Stelle als Empfangsdame. Die Bezahlung ist fantastisch. Mein Anfangsgehalt beträgt dreitausendfünfhundert.«
»Wow, ich freue mich so für dich, Kiara! Das sind die besten Neuigkeiten aller Zeiten«, ruft Mom aus.
Als ich die Bushaltestelle erreiche, schaue ich die Straße auf und ab. »Dad ist überhaupt nicht glücklich darüber.«
»Warum? Was hat er gesagt?«, ich kann die Überraschung in ihrer Stimme hören.
»Er hat gesagt, er will nicht, dass ich dort arbeite.«
»Das ist seltsam.« Mom hält inne und fragt dann: »Wo wirst du arbeiten?«
»Bei Byrne Enterprises. Es ist ein riesiges Unternehmen, also habe ich viele Möglichkeiten mit weiterzubilden.«
»Oh …« Als sie dieses Mal innehält, runzle ich die Stirn, denn es fühlt sich anders an. »Eh …« Ich schüttle den Kopf, und mein Stirnrunzeln vertieft sich. »Was stimmt denn mit Byrne Enterprises nicht?«
»Nichts.« Sie zögert, dann sagt sie: »Ich habe nur gehört, dass es ein harter Arbeitsplatz sein soll.«
»Ich kann hart arbeiten.«
»Ich weiß, Süße. Ich will nur nicht, dass dein erster fester Job dich abschreckt.«
»Das wird er nicht. Schlimmer als in Joes Diner kann es nicht sein.«
»Ja … wahrscheinlich nicht.«
Die Reaktionen meiner Eltern sind geradezu entmutigend, aber dadurch will ich den Job erst recht antreten.
Sie sind einfach nur überfürsorglich. Ich werde mein Bestes geben und ihnen zeigen, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann.
Vor allem für das Gehalt, das Byrne Enterprises mir anbietet. Ich brauche das Geld jetzt mehr denn je.
Ich wechsle das Thema und frage: »Ist Mr Rodgers immer noch eine Nervensäge?«
»Ugh.« Ich höre, wie Mom in ihrer Wohnung umherläuft. Das ist ein weiterer Grund, warum ich diesen Job brauche. Damit Mom zu mir ziehen kann. »Ich schwöre, der Mann versucht, mich in den Wahnsinn zu treiben. Gestern habe ich eine Topfpflanze in den Flur gestellt, nur um den leeren Raum zu verschönern, und er hat mir deswegen die Hölle heiß gemacht.«
»So ein Griesgram«, kommentiere ich. »Versuch, ihn zu ignorieren. Hoffentlich findet er jemand anderen, den er belästigen kann.«
»Dein Wort in Gottes Ohr.«
»Ich werde am Sonntag vorbeikommen«, sage ich, als mein Blick auf den herannahenden Bus fällt.
»Kannst du mir eine Kiste von dem Kaffee mitbringen, den ich mag?«
»Sicher. Bis dann.«
Ich beende den Anruf und warte darauf, dass der Bus anhält, und sobald sich die Türen öffnen, steige ich ein. Nachdem ich mich auf den ersten freien Platz fallen lasse, und wir uns in Bewegung setzen, starre ich aus dem Fenster.
Als wir an Dads Haus vorbeikommen, sehe ich, wie Kristine die Haustür für zwei Männer öffnet. Alle lächeln, und es beruhigt mich, zu wissen, dass Dad Freunde hat, die nach ihm sehen.
Verdammt, ich wünschte, meine Eltern würden sich für mich freuen. Ich hatte erwartet, dass sie stolz wären und mit mir feiern würden.
Ich lasse die Schultern hängen, während ich blindlings auf die vorbeiziehende Landschaft starre, und kann nicht verstehen, warum sie so reagiert haben.
Das ist eine einmalige Chance, und ich werde sie auf keinen Fall vorbeiziehen lassen. Ich werde mir den Arsch aufreißen und ihnen zeigen, dass ich erfolgreich sein kann.
Kapitel 2
Kiara
Ich stelle eine dampfende Tasse Kaffee vor Denise ab, bevor ich mich an den Empfangstresen setze.
»Du bist eine Lebensretterin«, grinst sie und nimmt die Tasse in die Hand. »Wenn ich dir das nächste Mal sage, dass ich unter der Woche ausgehe, halte mich auf. Dieser Kater versucht mich umzubringen.«
Ich gluckse leise vor mich hin. »Ich habe dir gesagt, dass es eine schlechte Idee ist.« Mein Blick wandert über ihr hübsches Gesicht. »Keine Sorge, von dem Kater ist nichts zu sehen. Du siehst wie immer wunderschön aus.«
Ich schwöre, Denise und Beyoncé könnten eineiige Zwillinge sein. »Das liegt an meinen krassen Make-up-Skills«, kichert sie.
»Du musst mir etwas von dieser Magie beibringen.«
Nach dem morgendlichen Ansturm ist es ruhig in der Lobby. Ich arbeite seit zwei Wochen bei Byrne Enterprises und habe so viel gelernt. Denise ist geduldig mit mir und eine gute Lehrerin. Wir sind schnell Freundinnen geworden.
Gerade als ich einen Schluck meines Kaffees nehme, klingelt das Telefon. Denise nimmt den Anruf entgegen, was mir Zeit zum Schlucken gibt. »Byrne Enterprises, Denise am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?« Sie hört zu und antwortet: »Einen Moment, bitte.« Ich beobachte, wie sie die Durchwahl für die Chefetage drückt.
Als sie ihre Tasse wieder in die Hand nimmt, sage ich: »Ich bin nervös wegen des Treffens mit dem CEO und dem Direktor.« Ich habe mir die Hierarchiestruktur eingeprägt. Byrne Enterprises ist im Besitz von Liam Byrne. Sein jüngerer Bruder, Finn, ist ein Direktor.
Denise schenkt mir ein ermutigendes Lächeln. »Mach dir keine Sorgen. Mit uns niederen Angestellten reden sie nicht.« Nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hat, fügt sie hinzu: »Denk einfach daran, dass Liam der CEO ist. Er sollte in ein oder zwei Wochen zurück sein. Finn ist der jüngere Bruder. Er …« Plötzlich hält sie inne und schiebt ihre Tasse aus dem Blickfeld.
Ich tue dasselbe und folge dabei ihrem Blick.
»Das ist Finn Byrne. Lächle einfach und überlass das Reden mir, wenn er an der Rezeption hält.«
»Okay«, murmle ich, als ich einen Mann Anfang dreißig aus einem roten Ferrari aussteigen sehe. Er liest etwas auf seinem Handy, als er die Lobby betritt, dann wirft er einen beiläufigen Blick in unsere Richtung. Einen Moment lang wendet er seine Aufmerksamkeit seinem Gerät zu, doch dann schnellt sein Kopf wieder zu uns und sein Blick bleibt an mir hängen.
Mein Magen zieht sich zusammen, als er die Richtung ändert und auf den Empfangstresen zusteuert.
Ich betrachte den makellosen, dreiteiligen Armani-Anzug, den er trägt, sein zerzaustes rotes Haar und, sobald er nah genug ist, seine braunen Augen. Finn ist überdurchschnittlich groß und schlank, und obwohl er attraktiv ist, spüre ich bereits die Arroganz, die in Wellen von ihm ausgeht.
Lächle einfach und tritt in kein Fettnäpfchen.
Er bleibt auf der anderen Seite des Tresens stehen und steckt sein Handy in die innere Brusttasche seines Jacketts, während er von Denise zu mir blickt. »Wo ist Julia?«
»Sie hat etwa zu der Zeit gekündigt, als Sie in den Urlaub gefahren sind«, antwortet Denise, bevor sie mich vorstellt. »Kiara kam vor zwei Wochen zu uns.«
Ich stehe auf und strecke meine Hand aus. »Kiara Murphy. Freut mich, Sie kennenzulernen, Sir. Ich danke Ihnen für diese Gelegenheit und werde mein Bestes geben.«
Finn umgreift meine Finger mit seinen, der Griff ist nicht zu fest. »Willkommen, Kiara.«
Kurz bevor es unangenehm wird, lässt er meine Hand los. Sein Blick ist streng, als er mich noch einen Moment lang anstarrt, dann läuft er zu den Aufzügen.
Ich setze mich und stoße meinen angehaltenen Atem aus. »Das war ja so gar nicht nervenaufreibend.«
»Ja, aber wenigstens ist es vorbei.« Denise runzelt die Stirn und starrt auf Finns Rücken, dann wendet sie sich mir zu. »Ich habe gehört, dass die Arbeit mit ihm nicht gerade angenehm ist. Wenigstens sind wir hier unten sicher.«
Neugierig frage ich: »Was meinst du mit ›nicht angenehm‹?«
Sie zuckt mit den Schultern, aber bevor sie antworten kann, klingelt das Telefon. Ich nehme den Anruf schnell entgegen. »Byrne Enterprises. Kiara am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Stellen Sie mich zu Mr Byrne durch«, schnauzt mir ein Mann ins Ohr.
»Zu welchem, Sir?«
»Liam!«
»Er ist derzeit außer Landes. Kann ich Sie mit …«
»Scheiße, das habe ich vergessen. Ist Finn aus dem Urlaub zurück?«
»Ja, Sir. Einen Moment bitte.« Ich drücke die Durchwahl für die Chefetage, um den Anruf weiterzuleiten, bevor ich Denise meine Aufmerksamkeit schenke.
Sie ist gerade damit beschäftigt einen Lippenbalsam aus ihrer Tasche zu kramen. Nachdem sie ihn aufgetragen hat, sagt sie: »Ich verbreite nicht gerne Gerüchte, aber ich habe gehört, dass Finn aufbrausend ist.« Sie rümpft die Nase. »Andererseits ist Liam anscheinend noch schlimmer. Er schnauzt alles an, was sich bewegt. Einmal hat er Julia zum Weinen gebracht, weil sie versehentlich einen Anruf in sein Büro durchgestellt hat, während er in einer Besprechung war.«
Okay. Keine versehentlichen Anrufe.
Nachdem ich mir eine Notiz gemacht habe, frage ich: »Warum hat Julia gekündigt? Hat sie einen besseren Job bekommen?«
Denise zuckt mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, warum sie gegangen ist. Es kam ganz plötzlich und sie hat es nicht einmal angekündigt, also kann ich nur vermuten, dass es persönliche Gründe waren.«
»Verdammt, ich hoffe, es geht ihr gut.« Ich nehme die beiden Tassen in die Hände und stehe von meinem Stuhl auf. »Ich bin gleich wieder da.«
Während ich über den gefliesten Boden der Lobby laufe, schenke ich Mark, einem der Sicherheitsbeamten, der am Eingang steht, ein Lächeln. Gerade als ich die kleine Küche erreiche, öffnet sich die Tür, und Kevin grinst mich an, während er die Tür aufhält, damit ich hineinschlüpfen kann.
»Danke.«
»Gern geschehen.«
Kevin und Mark haben mich auch sehr freundlich aufgenommen. Es war leicht, sich mit dem Personal in der Lobby anzufreunden, aber wir sind ja auch nur zu viert hier unten. Bei dem anderen Personal in den oberen Etagen ist dem nicht so. Alle sind zu beschäftigt und wuseln herum wie Ameisen. Nachdem ich die Tassen abgespült und auf den Abtropfständer gestellt habe, gehe ich schnell auf die Toilette, um mich zu erleichtern. Während ich mir die Hände wasche, überprüfe ich mein Aussehen und vergewissere mich, dass keine der wilden Strähnen meines kupferfarbenen Haares falsch sitzt. Ich habe keine große Auswahl an Klamotten und kombiniere so ziemlich alles mit den zwei Anzughosen und dem einen Rock, die ich habe. Niemand scheint den Mangel an Abwechslung in meiner Garderobe zu bemerken, aber sobald ich meinen ersten Gehaltsscheck bekomme, werde ich ein paar Sachen kaufen, damit ich professioneller aussehe.
Als ich zum Empfangstresen zurückkomme, wirft mir Denise einen ermutigenden Blick zu. »Du wurdest in die Chefetage gerufen. Viel Glück.«
Mist. »Habe ich etwas falsch gemacht?«
Sie schüttelt schnell den Kopf. »Nein, Finn will dich wahrscheinlich nur kennenlernen. Er macht das immer mal wieder.«
»Wenn ich in dreißig Minuten nicht zurück bin, komm und rette mich«, scherze ich, bevor ich zu den Aufzügen gehe.
Auf dem Weg nach oben ziehen meine Nerven meinen Magen zu einem harten Knoten zusammen.
Gott, es fühlt sich an, als würde ich noch einmal zum Vorstellungsgespräch gehen.
Als sich die Fahrstuhltüren öffnen, zwinge ich mich zu einem Lächeln und hoffe, dass es natürlich aussieht.
Devon, der Sekretär der Chefetage, schenkt mir ein professionelles Lächeln. Der Mann scheint es zur Kunstform erhoben zu haben. Von ihm kann ich definitiv noch etwas lernen.
»Mr Byrne erwartet Sie.« Devon zeigt auf den Flur rechts von uns. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, der perfekt in seine luxuriöse Umgebung passt. »Das Büro am Ende des Flurs. Gehen Sie einfach hinein.«
»Danke.« Ich wische mir nervös die Handflächen an den Seiten ab, während ich die cremefarbene, schwarze und goldene Einrichtung betrachte. Die Kunst an den Wänden und die schlichten, modernen Büros hinter Glaswänden sehen teuer aus. Die Üppigkeit ist ein bisschen überwältigend und einschüchternd.
Als ich das Ende des Flurs erreiche, kann ich durch die Milchglasscheiben an den Seiten der Tür nichts sehen. Ich atme tief ein und klopfe dann.
»Kommen Sie herein.«
Meine Hände sind immer noch schweißnass, als ich den Türknauf greife und sie öffne, wobei ich mich vergewissere, dass mein Lächeln sitzt.
Das Erste, was mir auffällt, als ich eintrete, ist eine Ledercouch zu meiner Rechten. Finn steht hinter einem beeindruckenden Schreibtisch aus Stahl und Glas auf. Er deutet auf einen der Ledersessel vor seinem Schreibtisch. »Nehmen Sie Platz.«
Seine Augen verfolgen jeden meiner Schritte, und erst als ich mich gesetzt habe, nimmt er wieder Platz. Einen entnervenden Moment lang starrt er mich nur an, und das leichte Lächeln auf seinem Gesicht trägt nicht dazu bei, mich zu beruhigen.
»Ich habe Ihre Akte gelesen.«
Da ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, nicke ich einfach.
»Sie haben nach dem Abschluss nicht weiter studiert.«
Gott, bitte lass nicht zu, dass er mich wegen meiner mangelnden Erfahrung feuert.
»Ich arbeite hart.«
»Da bin ich mir sicher«, gluckst er. »Gina scheint mit Ihnen zufrieden zu sein.«
Wenn die Leiterin der Personalabteilung mit meiner Arbeit zufrieden ist, ist das doch gut, oder?
»Erzählen Sie mir von sich«, sagt er, während er sich lässig in seinem hohen Schreibtischstuhl zurücklehnt und mich mit zusammengekniffenen Augen mustert.
Ich fürchte mich immer vor dieser Frage, weil ich nie weiß, wie ich sie beantworten soll. »Eh … ich bin vierundzwanzig.« Gott, ich bin so schlecht darin. »Ich bin in Chicago geboren und aufgewachsen.«
Mit einer hochgezogenen Augenbraue sagt er: »Das habe ich schon in Ihrer Akte gelesen.« Das Nervenbündel, das einmal mein Magen war, zieht sich weiter zusammen. »Was ist Ihre Schwäche?«
»Donuts«, antworte ich ehrlich und muss dann verlegen kichern. »Ich kann ein Dutzend essen, wenn mich niemand aufhält.«
Ich könnte genau jetzt ein Dutzend essen.
Finns Lippen verziehen sich zu einem zufriedenen Lächeln. »Und Ihre größte Stärke?«
»Ausdauer. Ich scheue mich nicht davor, hart zu arbeiten.«
Das ist besser. Ich schaffe das.
»Warum wollten Sie hier arbeiten?«
Mein Lächeln ist nicht mehr so steif, und meine Nervosität lässt ein wenig nach. »Hier gibt es viel Raum für Weiterentwicklung. Ich habe das Gefühl, dass ich bei Byrne Enterprises viel erreichen und beitragen kann.«
Finn nickt und legt den Kopf schief, sein Lächeln wird breiter: »Und jetzt erzählen Sie mir von sich.«
Ich fühle mich viel entspannter als noch vor einigen Minuten, und antworte ganz natürlich: »Ich liebe es, anderen zu helfen. Während meines Urlaubs helfe ich überall, wo ich gebraucht werde, sei es in einer Suppenküche oder in einem Tierheim. Außerdem liebe ich es, im Freien zu sein. Ich kann stundenlang im Park sitzen und einfach nur die Tauben füttern.«
Finn starrt mich einen langen Moment lang an und fragt dann: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, nach Feierabend zu arbeiten?«
Ich schüttle schnell den Kopf. »Nein. Wie gesagt, ich arbeite hart. Was immer die Firma braucht.«
Langsam nickt er. »Das ist gut zu hören.« Er zeigt zur Tür. »Sie können wieder an die Arbeit gehen.«
Ich erhebe mich und nehme mir einen Moment Zeit, um zu sagen: »Danke für diese Gelegenheit. Ich weiß sie wirklich zu schätzen.«
Als ich mich umdrehe und das Büro verlasse, spüre ich seine brennenden Augen auf meinem Rücken.
Das hast du gut gemacht.
Denke ich.
Kapitel 3
Liam
Der letzte Monat war so verdammt anstrengend, dass ich erschöpft bin. Ich steige aus meinem Privatjet und ein müdes Lächeln umspielt meine Mundwinkel, als ich auf meinen Onkel zugehe.
Cillian mag der jüngere Bruder meines Vaters sein, aber sie sind sich überhaupt nicht ähnlich. Es gab viele Momente, in denen ich mir wünschte, Cillian wäre mein Vater. Mein eigener ist nur an Profiten interessiert, und in letzter Zeit an Weltreisen.
Cillian schenkt mir ein schiefes Grinsen. »Du siehst beschissen aus.«
Ich gluckse und umarme ihn kurz. Ich hasse es, berührt zu werden. Es gibt keinen Grund dafür. Ich habe einfach immer jede Form von Körperkontakt verachtet.
»So fühle ich mich auch«, gebe ich zu. Das ist noch so eine Sache bei Cillian: In seiner Nähe kann ich einfach ich selbst sein.
Ich sehe mich auf der Insel um, die Damien und Winter Vetrov gehört. Sie handeln mit Blutdiamanten, und Cillian ist, solange ich denken kann, ihr Sicherheitschef.
Aufgrund dessen, dass er sich mit meinem Vater nicht versteht, hat er für sich einen anderen Weg gewählt, anstatt sich der irischen Mafia anzuschließen.
»Sind Damien und Winter immer noch beruflich unterwegs?«, frage ich, um sicherzugehen. Ich besuche sie nie, wenn sie zu Hause sind.
»Ja, sie sind in zwei Wochen zurück. Du kannst dich entspannen«, beruhigt mich mein Onkel. Er neigt seinen Kopf in Richtung des Hauses und wir entfernen uns vom Privatjet. »Viel zu tun auf der Arbeit?«
»Du hast ja keine Ahnung«, seufze ich und rolle meine Schultern, um die Anspannung zu lösen. »Wir haben uns um die Sizilianer gekümmert.« Gott, sie sind mir schon viel zu lange ein Dorn im Auge gewesen. Als ich sie endlich aus Chicago vertrieben hatte, zogen sie nach Vancouver, nur um Nikolas Stathoulis die Hölle heiß zu machen. Er ist Teil der Priesterschaft, zu der ich gehöre.
Wir bestehen aus den fünf Oberhäuptern der bekanntesten Verbrecherfamilien, die die Welt beherrschen. Da bin ich, das Oberhaupt der irischen Mafia, und Gabriel Demir, das Oberhaupt der türkischen Mafia. Nikolas leitet das griechische organisierte Verbrechersyndikat, und Luca Cotroni ist der Don der italienischen Mafia. Luca ist sehr eng mit Viktor Vetrov befreundet, der für die Bratva zuständig ist.
Die Priesterschaft wurde gegründet, um einen Krieg zu vermeiden, und ehrlich gesagt war, ihnen beizutreten das Beste, was ich je getan habe. Die vereinte Macht, die wir besitzen, hat uns alle unschlagbar gemacht.
»Das wurde aber auch Zeit«, schmunzelt Cillian. »Hat ja auch lange genug gedauert.«
Ich werfe meinem Onkel einen gespielt finsteren Blick zu, der aber schnell wieder verschwindet, als ich sage: »Jetzt kümmere ich mich um Finn.« Cillians Augenbrauen heben sich. »Macht er dir immer noch Probleme?«
»Mehr denn je.« Als mein Vater Finns Mutter heiratete, wurde das Arschloch irgendwie zu meinem Problem. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her, und ich verstehe immer noch nicht, warum mein Vater Finn legal adoptiert hat. Ich meine, verdammt, Finn war mit siebzehn praktisch ein erwachsener Mann.
Du weißt warum.
Damit sollte ein Wettbewerb zwischen uns geschaffen werden, der Finn das falsche Vertrauen gab, dass er die irische Mafia an meiner Stelle regieren könnte.
Das wird nie passieren.
Ich bringe ihn um, lange bevor er meine Stadt und meine Männer in seine gierigen Hände bekommt.
»Was führt der kleine Scheißer denn jetzt im Schilde?«
»Das, was er nicht tun sollte.« Ich schaue meinem Onkel in die Augen und gebe zu: »Ich glaube, er ist auf den Geschmack der Sexsklaverei gekommen.«
Cillians Augen weiten sich, dann schüttelt er den Kopf. »Was wirst du tun?«
»Ihn auf frischer Tat ertappen, damit mein Vater nichts sagen kann, wenn ich den Wichser umbringe.« Wenn es etwas gibt, was die Priesterschaft missbilligt, dann ist es der Handel mit Körpern. Alles andere ist erlaubt.
Bevor das Gespräch weitergehen kann, tritt Dana auf die Veranda, und ich mache mich auf die Umarmung gefasst, die mir bestimmt bevorsteht.
»Liam, es ist zu lange her. Wie geht es dir?« In dem Moment, in dem ich auf die Veranda trete, beugt sie sich für die gefürchtete Umarmung vor.
Dana und Cillian haben spät im Leben geheiratet und sind das perfekte Paar. Obwohl ich sie mag, verkrampft sich mein Körper, als sich ihre Arme um mich schlingen. Sofort kriecht Abscheu über meine Haut, und ich beiße die Zähne zusammen gegen dieses überwältigende Gefühl. Meine Brust zieht sich zusammen, und ich konzentriere mich darauf, bis drei zu zählen, bevor ich mich zurückziehe.
»Mir geht’s gut. Wie geht es dir?«, frage ich höflich.
»Cillian hält mich auf Trab«, antwortet sie mit einem neckischen Ton in der Stimme, während ihr Blick liebevoll auf ihrem Mann ruht.
Wir gehen alle hinein, und bevor ich weiß, wie mir geschieht, setzt mich Dana an den Küchentisch und befüllt einen Teller mit Essen. »Du musst nach dem langen Flug hungrig sein. Nachdem du gegessen hast, wird Cillian dich in dein Zimmer bringen, damit du dich ausruhen kannst.«
»Du hast immer noch die Angewohnheit, Leute zu füttern?«, scherze ich mit ihr, als ein Teller mit Fleisch und Gemüse vor mir abgestellt wird.
»Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Deshalb lieben mich alle«, kichert sie.
»Clever.«
Cillian setzt sich mir gegenüber, und nachdem er einen Bissen von seinem Essen genommen hat, sieht er mir in die Augen. »Wie geht es Owen?«
»Vater reist mit Gemma um die Welt. Ich habe seit Monaten nicht mehr mit ihm gesprochen. Ehrlich gesagt, rede ich mehr mit dir als mit ihm.«
Nicht, dass es mich stört. Ich hatte nie ein enges Verhältnis zu meinem Vater.
Cillian schüttelt den Kopf, offensichtlich verärgert über meine Antwort. »Es ging ihm immer nur ums Geld.«
»Ich habe dich, also spielt es wirklich keine Rolle.« Cillian ist mehr als nur mein Onkel. Neben Will, meiner rechten Hand, ist Cillian der einzige andere Freund, den ich habe.
An der Spitze der Nahrungskette zu stehen, wäre ohne die beiden Männer in meinem Leben verdammt einsam.
Sie sind auch die einzigen Menschen, bei denen ich mich nicht verstellen muss. Als Oberhaupt der Mafia muss ich immer dominant und bedrohlich sein, aber wenn ich mit einem von ihnen allein bin, kann ich tatsächlich meine Schutzmauer runterlassen.
Es hilft auch nicht, dass mich die Menschen im Allgemeinen verdammt nerven. Es versteht sich von selbst, dass ich von Natur aus nicht extrovertiert bin und die Leute mich mürrisch und kalt finden. Aber das ist mir egal, denn es macht meine Arbeit leichter, wenn meine Mitarbeiter viel zu viel Angst haben, etwas zu vermasseln.
Mein Handy vibriert, und als ich es aus der Tasche ziehe, sehe ich eine Textnachricht von Will.
Finn ist nach seinem angeblich wohlverdienten einmonatigen Urlaub zurück im Büro.
Ich tippe schnell eine Antwort.
Behalte das Arschloch genau im Auge.
Ich stecke das Gerät zurück in meine Tasche und konzentriere mich darauf, etwas von dem Essen zu mir zu nehmen, das Dana zubereitet hat, obwohl ich es hasse, etwas zu essen, das ich nicht selbst zubereitet habe.
Nach der Mahlzeit folge ich Cillian in das Zimmer, in dem ich normalerweise immer übernachte, wenn ich zu Besuch bin. Da die Insel schwer bewacht ist, ist dies neben St. Monarch’s der einzige Ort, an dem ich mit geschlossenen Augen schlafen kann.
»Versuch, mehr als vier Stunden Schlaf zu bekommen«, murmelt Cillian scherzhaft.
»Genau das habe ich vor.« In einem seltenen Moment der Zuneigung lege ich meine Hand auf die Schulter meines Onkels und ziehe sie dann zurück. Mein Blick schweift über sein ergrautes Haar, bevor er auf seine blauen Augen fällt, die meinen so ähnlich sind. »Du wirst alt.«
»Ja, jedes einzelne dieser grauen Haare verdanke ich dir und Winter«, lacht er.
Winter mag wie eine Tochter für Cillian sein, aber wir standen uns nie nahe. Aber sie ist gut zu Cillian, und das ist alles, was am Ende des Tages zählt.
Als ich die Tür hinter mir schließe, gehe ich zu dem Gepäck, das einer der Wachen hereingetragen hat. Ich nehme mir ein paar Minuten Zeit, um zu duschen, bevor ich mir eine graue Jogginghose anziehe und mich auf das Kingsize-Bett fallen lasse, um anschließend an die Decke zu starren.
Meine Gedanken kreisen sofort um das einzige wirkliche Problem, das ich im Moment habe. Finn.
Um ihn davon abzuhalten, sich bei der Mafia einzumischen, habe ich ihn bei Byrne Enterprises untergebracht. Er sollte in der Poststelle arbeiten, anstatt den Sitz des Direktors zu besetzen.
Für den exorbitanten Betrag, der ihm gezahlt wird, leistet er nicht einmal die Arbeit eines halben Tages, und er ist verdammt gut darin, sein Arbeitspensum an die anderen Mitarbeiter zu delegieren.
Außerdem mag ich zwar ein verdammtes Arschloch bei der Arbeit sein, aber ich lasse meine Angestellten in Ruhe arbeiten, wohingegen Finn sie so sehr stört, dass ich mich mit Klagen wegen sexueller Belästigung herumschlagen musste.
Deshalb habe ich Devon, der am Empfangstresen für die Chefetage arbeitet.
Ehrlich gesagt, ist Finn mir einfach ein verdammt lästiger Dorn im Auge, und ich verliere langsam die Geduld mit ihm.
Eines Tages werde ich bei diesem Arschloch durchdrehen, und ob es nun einen Familienkrieg auslöst oder nicht, ich werde ihm eine Kugel direkt zwischen die Augen jagen.
Kapitel 4
Kiara
Nachdem ich den Terminkalender für die Woche aktualisiert habe, um zu wissen, wen wir für ein Treffen mit einem der Mitarbeiter erwarten können, gebe ich eine Bestellung für Zugangskarten auf, da der Vorrat etwas knapp ist.
»Du hast den Dreh wirklich raus«, lobt mich Denise.
Ein warmes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. »Das liegt daran, dass du so eine gute Lehrerin bist. Sobald ich meinen Lohn bekomme, lade ich dich zum Essen ein.« Wir können nie zur gleichen Zeit zu Mittag essen, also müssen wir nach der Arbeit gehen.
»Ich werde dich auf jeden Fall daran erinnern«, kichert sie.
Als das Telefon klingelt und wir sehen, dass es sich um einen internen Anruf aus der Chefetage handelt, murmelt Denise: »Du bist dran. Ich habe den letzten angenommen.«
Ich rümpfe die Nase und antworte: »Kiara am Apparat.«
»Kommen Sie in mein Büro«, sagt Finn schroff.
Ich habe seit seiner Rückkehr aus dem Urlaub nicht mehr mit Finn gesprochen und frage mich, warum er mich wiedersehen will.
»Ich bin gleich oben, Sir.«
Ich nehme meinen Ohrstecker heraus und lege ihn auf den Tresen. »Ich wurde in die Chefetage beordert.«
»Viel Glück.«
Auf dem Weg zu den Aufzügen fällt mir kein Grund ein, warum Finn mich sehen will. Hoffentlich habe ich nichts falsch gemacht. Als ich in den Aufzug einsteige, drücke ich den Knopf für die oberste Etage und überprüfe dann schnell mein Aussehen in dem Spiegel, der die Wände bedeckt. Ich streiche mir eine verirrte Locke hinters Ohr und denke, dass ich mein Haar hätte hochstecken sollen, anstatt es heute zu flechten.
Als sich die Türen öffnen, lächle ich Devon an, der heute einen hellblauen Anzug trägt. Der Mann sieht immer aus, als wäre er einer Modezeitschrift entsprungen.
»Mr Byrne will mich sehen.«
Devon atmet schwer. »Lieber Sie als mich. Mach dich auf einen Berg von Arbeit gefasst.«
Arbeit schaffe ich. Erleichterung macht sich in meiner Brust breit, jetzt, da ich weiß, dass ich nicht in Schwierigkeiten bin.
Nachdem ich geklopft habe, drücke ich die Tür auf und betrete das Büro.
Finn blickt von seinem Sitz auf dem Ledersofa auf, während er etwas auf dem Tablet in seinen Händen liest. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, und er legt das Gerät weg. »Da ist ja der frische Wind, den diese Firma braucht.«
Das plötzliche Kompliment trifft mich unvorbereitet, und ich stehe unbeholfen mit einem Lächeln, das alle meine Zähne zeigt, da. Er deutet auf den Schreibtisch. »Wie gut sind Sie mit der Datenerfassung?«
»Eh … ziemlich gut.« Ich folge ihm zum Schreibtisch, und als er mir zu verstehen gibt, dass ich auf seinem Stuhl Platz nehmen soll, runzle ich fast die Stirn, halte mich aber noch rechtzeitig zurück.
Sobald ich Platz genommen habe, sagt Finn: »Übertragen Sie all diese Berichte in das System.«
Bevor ich nach dem ersten Bericht greifen kann, legt Finn seine Hand auf die Stuhllehne, beugt sich ein Stück über mich und deutet auf die erste Seite. »Sie werden sehen, es ist einfach und sollte schnell zu verstehen sein.«
Ich nicke, und als ich aufblicke, bemerke ich, wie nahe er mir ist. Der würzige Duft seines Rasierwassers weht in der Luft umher, die ich einatme, und für einen Moment fühlt sich das alles unangebracht an. Eine weitere Welle der Unbehaglichkeit überkommt mich und lässt mich unruhig auf dem Stuhl hin- und herrutschen.
Dann zeigt Finn auf den Bildschirm des Laptops. »Geben Sie die erste Zeile ein, damit ich sicher sein kann, dass Sie wissen, was zu tun ist.«
»Ja, Sir.« Ich überprüfe alle Zahlen doppelt, während ich die Informationen eingebe, und als ich fertig bin, sehe ich Finn an.
Er legt seine Hand auf meine Schulter, drückt sie leicht und murmelt: »Braves Mädchen.«
Sofort verkrampfen sich meine Muskeln, und ein beunruhigendes Gefühl macht sich in meinem Bauch breit.
Definitiv unangebracht.
Als Finn zurück zur Ledercouch geht, atme ich tief durch, bevor ich mich auf die anstehende Arbeit konzentriere. Ich überprüfe immer wieder alles zweifach, was ich vom Bericht auf den Laptop übertrage, um keinen einzigen Fehler zu machen.
Die Stille im Büro wird immer größer, und als ich den vierten Bericht auf den fertigen Stapel lege, stelle ich fest, dass es bereits zehn nach sechs ist. Mein Blick wandert zur Couch, von wo aus Finn mich anstarrt.
Das unbehagliche Gefühl kehrt mit voller Wucht zurück, und mein Magen krampft sich vor Nervosität zusammen.
Langsam neigt er den Kopf, und seine Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln, das eher raubtierhaft als freundlich wirkt. »Sie sagten, es macht Ihnen nichts aus, länger zu arbeiten, nicht wahr?«
Scheiße.
Ich nicke schnell. »Müssen alle Berichte heute Abend fertig werden?« Es sind sicher noch zehn oder mehr zu erledigen. Ich versuche auszurechnen, wie viel Zeit das in Anspruch nehmen wird.
»Ja. Ich bin sogar so nett und bestelle Ihnen etwas zum Abendessen. Irgendwelche Wünsche?«
Ich will nichts essen, sondern nur die Arbeit erledigen, damit ich auf dem Heimweg bei Dad vorbeischauen kann. Seit ich angefangen habe zu arbeiten, kann ich ihn nicht mehr so oft besuchen, wie ich es gerne würde.
»Das ist schon okay. Ich habe ausgiebig zu Mittag gegessen«, lehne ich das Angebot ab, bevor ich mich wieder an die Arbeit mache.
Erst lange nachdem es draußen vor den bodentiefen Fenstern dunkel geworden ist, hebe ich wieder den Kopf. Ich prüfe, wie viele Berichte noch übrig sind, und bin erleichtert, als ich vier zähle.
Plötzlich spüre ich einen Druck auf der Stuhllehne, und Finn beugt sich über mich, um auf den Bildschirm des Laptops zu schauen. Sein Duft dringt in meine Nase, und ich bleibe ganz still sitzen, während ich darauf warte, dass er die Tabelle überprüft.
Wieder legt er seine Hand auf meine Schulter, aber dieses Mal bleibt die Berührung unangemessen lang bestehen. Ich muss dem Drang widerstehen, mich ihm zu entziehen.
Er steht immer noch dicht bei mir, dreht den Kopf und lächelt mich an. »Fast fertig.« Sein Daumen streicht über die freiliegende Haut am Kragen meiner Bluse, dann zieht er sich endlich zurück.
Er geht nicht zurück zur Couch, sondern lehnt sich an den Schreibtisch, wo der fertige Stapel Berichte liegt.
So sehr ich mich auch bemühe, es fällt mir schwer, mich auf die Zahlen zu konzentrieren, und ich muss die Arbeit schließlich dreimal überprüfen. Die Atmosphäre im Büro wird immer angespannter, und als ich die letzten Ziffern eingebe, schmerzen meine Schultern und mein Nacken vor lauter Stress.
Ich habe die letzten vier Berichte auf einen neuen Stapel gelegt und dabei Finns Nähe gemieden. Den Stuhl zurückschiebend, gehe ich auf die andere Seite des Schreibtischs und frage: »Wäre das alles, Mr Byrne?«
Er gluckst. »Sie haben das viel schneller gemacht, als ich es gekonnt hätte. Ich danke Ihnen.«
Ich hebe meinen Blick zu seinem Gesicht und zwinge ein Lächeln auf meine Lippen. »Ich mache nur meinen Job, aber gern geschehen. Ist es okay, wenn ich nach Hause gehe?«
»Wenn es sein muss.« In seiner Stimme liegt ein neckischer Ton, und jetzt, wo die Arbeit getan ist, beginne ich zu befürchten, dass Finn die Grenze überschreitet.
»Ich wünsche Ihnen eine Gute Nacht, Sir«, sage ich, und das Unbehagen, das ich empfinde, schwingt in meiner Stimme mit.
Er hat nur deine Schulter berührt, Kiara. Mach nicht so ein Theater daraus.
»Ich Ihnen auch«, lächelt Finn mich an, und seine Augen verfolgen jeden meiner Schritte, bis ich aus seinem Büro verschwunden bin.
In dem Rest der Büros ist es ruhig, als ich zum Empfang hinuntergehe, und nachdem ich meine Handtasche eingesammelt habe, lächle ich dem Nachtwächter zu, als ich das Gebäude verlasse.
Um Zeit zu sparen, halte ich ein Taxi an und gebe dem Fahrer Dads Adresse. Ich werde nur für ein paar Minuten vorbeischauen.
Während der Fahrt von der Stadt in den Vorort macht sich die Erschöpfung vom Arbeitstag in meinen Knochen bemerkbar.
Gott, ich werde heute Nacht wie eine Tote schlafen.
Meine Gedanken kreisen wieder um Finn und dem unguten Gefühl, das er mir heute Abend vermittelt hat. Es ist nicht das typische Gefühl, das man hat, wenn man von einem Chef eingeschüchtert wird, sondern eher das Gefühl, dass man hat, wenn man es mit einem Mann zu tun hat, der sich für einen interessiert, aber man seine Gefühle nicht erwidert.
