Pasta d’amore - Liebe auf Sizilianisch - Lucinde Hutzenlaub - E-Book

Pasta d’amore - Liebe auf Sizilianisch E-Book

Lucinde Hutzenlaub

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Beschreibung

Amore unter sizilianischem Sommerhimmel

Sommer auf Sizilien. Am Landgut La Mimosa blüht der Oleander, und es duftet nach Valentina Bartolamis berühmter Tomatensauce. Wie ihre Urenkelin Aurelia da alleine im fernen Bologna wohnen kann, ist Donna Lucia, dem Oberhaupt des Bartolami-Clans, ein Rätsel. Dio mio! Da muss schnellstens ein Ehemann her, ein sizilianischer, versteht sich. Und Lucia fasst einen Plan: Sie legt sich ins Bett und beschließt zu sterben. Aurelia bleibt nichts anderes übrig, als nach Palermo zu reisen, aber kaum ist sie da, verkündet Lucia: Ohne Hochzeit kann sie nicht abtreten. Doch da hat sie die Rechnung ohne Aurelia gemacht – denn die hat ihren eigenen Kopf ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 506




LUCINDE HUTZENLAUB ist Autorin, Kolumnistin bei der Donna und managt eine Großfamilie mit vier Kindern. Ihr Buch »Ich dachte, älter werden dauert länger« (mit Heike Abidi) stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Zur Belohnung gönnte sie sich eine Sizilienreise – verliebte sich in die Insel, das Essen und eine andere sehr große Familie und erfand die Geschichte zu »Pasta d’amore«, ihrem neuen Roman.

Außerdem von Lucinde Hutzenlaub lieferbar:

Lucinde Hutzenlaub/Heike Abidi: Ich dachte, älter werden dauert länger. Ein Überlebenstraining für alle ab 50

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Lucinde Hutzenlaub

PASTA D’AMORE

Liebe auf Sizilianisch

Roman

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Umschlag: Bürosüd

Umschlagmotiv: Gettyimages / grauy; www.buerosued.de

Redaktion: Lisa Caroline Wolf

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-23148-4V003

www.penguin-verlag.de

Für Fräulein Bartolami. Nur du konntest auf die Idee kommen, die Liebe zu berechnen.

Logik ist die Lehre vom folgerichtigen Denken.

ARISTOTELES, 384–322 V. CHR.

Wer die Geometrie begreift, vermag in der Welt alles zu verstehen.

GALILEO GALILEI, 1564–1641

Liebe ist trotzdem ein Rätsel.

AURELIA BARTOLAMI, ERSTGESTERN

Prolog

Freitag, 12. April, 6.45 Uhr, Fattoria Mimosa, Sizilien

Donna Lucia saß aufrecht im Bett und betrachtete ihre Füße, die sie auf dem gewebten Bettvorleger abgestellt hatte. Die Bettdecke hatte sie hinter sich geschoben, um sie als Stütze zu benutzen. Sie wackelte mit den knochigen Zehen und schüttelte den Kopf. Die hatten sich auch schon mal geschmeidiger bewegen lassen. Andererseits: Mit dreiundneunzig musste man ja vermutlich froh sein, wenn man ohne Hilfe das Bett verlassen konnte. Donna Lucia nahm ihr Gebiss aus dem Wasserglas neben ihrem Bett und klapperte versuchsweise damit, bevor sie es einsetzte. Dall’unghia si conosce il leone. An der Kralle erkannte man den Löwen. Das galt bestimmt auch für Zähne.

Unfassbar, wie schnell die Zeit vergangen war. Beinahe ein ganzes Jahrhundert war sie nun alt. Wer hätte ihr, Donna Lucia di Stefano, das damals zugetraut, als sie als fünfte von sieben Geschwistern auf einem Hof weit im Hinterland von Palermo auf die Welt gekommen war? Sie kicherte. Vermutlich niemand. Aber das konnten sie ihr ja demnächst auch alle selbst ins Gesicht sagen, wenn sie sich im Garten Herrgotts wiedertrafen. Es sei denn, sie waren dort oben nicht willkommen gewesen. Nun, das war deren Problem, nicht ihres. Und bis dahin – mühsam schob sie sich mithilfe ihres Nachtkästchens in den aufrechten Stand, wobei sie zweimal wieder auf ihr Hinterteil plumpste, bevor sie endlich stabil stehen und den ersten Schritt in Richtung Fenster machen konnte –, bis dahin würde sie hier unten noch ein wenig für Ordnung sorgen.

»Älter werden ist wirklich nichts für Feiglinge«, knurrte sie und tappte, einen zittrigen Schritt nach dem anderen, zum Fenster, um die Jalousien zu öffnen.

Auch wenn sie mehr als sieben Jahrzehnte hier auf der Fattoria Mimosa verbracht hatte (und einige dieser Jahre sogar beinahe glücklich gewesen war), so konnte sie sich nie an diesem unglaublichen Anblick sattsehen, der sich vor ihr ausbreitete: Unter ihr im Hof blühten üppige rosafarbene Kamelien, weiße Trompetenbäume und hellrosafarbene Kosmeen in den Terrakottatöpfen und leuchteten mit den pinkfarbenen Bougainvilleen, die den Eingang zur Küche einrahmten, um die Wette. Würden all diese Farben von Tönen begleitet, wäre dies der Höhepunkt eines unvergleichlichen Konzerts, gespielt von der Natur, diesem riesigen Orchester.

Donna Lucia lächelte und schloss für einen Moment die Augen. Es roch unvergleichlich nach Frühling. Der Morgen trug außerdem den Duft nach Kaffee und das Geplauder aus der Küche in ihr Schlafzimmer.

Es gab kaum eine Jahreszeit, die sie lieber mochte. Überall blühten jetzt die gelben Mimosen, die der Fattoria ihren Namen gaben, und ihr geliebter Mandelbaum, der mitten im Hof der Fattoria stand, war in eine Wolke aus rosafarbenen Blättern gehüllt. Für sie gab es keinen besseren Ort als unter seinem schützenden Dach und auf der Bank, die ihr Schwiegersohn Federico, »Papi«, um dessen knorrigen Stamm für sie gebaut hatte. Ab und zu machte sogar er etwas richtig. Musste man ihm ja nicht gleich auf die Nase binden. Anche uno scoiattolo cieco ogni tanto trova una noce. Auch ein blindes Eichhörnchen fand schließlich einmal eine Nuss.

Als sie damals mit neunzehn auf den Hof gekommen war, um Tommaso zu heiraten, Gott hab ihn selig, war der Mandelbaum schon da gewesen. Nicht so knorrig wie heute zwar, aber das traf auf Donna Lucia ja genauso zu. Über die Jahre waren sie Freunde geworden. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Eine Freundschaft mit einem Baum. Das kam wohl davon, wenn man zu früh Witwe wurde.

Auf den glatt geschliffenen Steinen des Innenhofs spielten die beiden Hofhunde mit einer frechen Katze Fangen, und aus der Küche dröhnte das Radio. Jemand schob den Vorhang aus bunten Schnüren vor der Küchentür beiseite und trat in den Hof. Gianni, ihr jüngster Urenkel, dehnte und streckte sich, während er herzhaft gähnte und gleichzeitig versuchte, nichts von dem kostbaren Kaffee zu verschütten, der sich vermutlich in der Tasse befand, die er in seiner linken Hand balancierte. Donna Lucia seufzte amüsiert. Mit seinen neunundzwanzig Jahren kam er ihr immer noch so vor wie der hübsche Junge, der schon in der Grundschule die Herzen aller weiblichen Wesen mit seinem verschmitzten Lachen und dem unglaublichen Charme zum Schmelzen gebracht hatte. Früher waren es die Tanten und Großmütter gewesen, heute war es die gesamte weibliche Bevölkerung von Sizilien ab Anfang zwanzig.

Allerdings hätte der liebe Gott bei Gianni ruhig ein bisschen großzügiger mit dem Grips sein können, dachte Donna Lucia, als ein Großteil des Kaffees sich über sein Hemd ergoss. Aber er hatte eben bei Aurelia, seiner älteren Schwester, schon alles verbraucht. Dio mio.

»Cavolo!« Gianni fluchte und schüttelte sein Hemd aus.

Donna Lucia lachte, als sie ihn so herumhüpfen sah. Seine Mutter Roberta streckte den Kopf durch den Vorhang.

»Per l’amor di Dio, Gianni! Der Tag hat noch nicht einmal richtig angefangen, und du fluchst schon?«

»Mamma, schau mich doch an!« Er zeigte auf die dunklen Flecken.

»Wieso sollte ich? Das tue ich doch oft genug!« Sie lachte. »Jedenfalls öfter, als mir lieb ist. Musst du nicht an die Universität, oder machst du neuerdings ein Fernstudium?«

»Dio mio, Mamma! Ich werde hier doch gebraucht!«

»Si certo. Vor allem beim Essen, non è vero?« Sie klopfte ihm auf den Bauch.

»Mamma!«

Donna Lucia lehnte sich ein wenig aus dem Fenster, sodass Gianni sie sehen konnte.

»Was ist das für ein Lärm am frühen Morgen?«

»Buongiorno,Donna Lucia!« Sofort breitete sich ein Strahlen auf Giannis Gesicht aus, als er seine Urgroßmutter entdeckte. Er winkte ihr begeistert zu. »Hast du gut geschlafen? Geht es dir gut?«

»Danke der Nachfrage. La salute è un tesoro che nessuno apprezza quando la possiede. Gesundheit ist ein Schatz, den niemand zu würdigen weiß, solange er ihn besitzt.«

»Oh. Soll ich dir vielleicht Medizin bringen?« Er schwenkte die Kaffeetasse und grinste.

Jede Ermahnung, jeder Versuch, ihn zu einem verantwortungsbewussten, ernsthaften jungen Mann zu erziehen, war beim Anblick seines Lächelns sofort vergessen. Man konnte ihm einfach nicht böse sein. Seine Mutter Roberta konnte es nicht. Und Donna Lucia noch viel weniger. Und das wollte wirklich etwas heißen.

»Kaffee wäre großartig.«

»Subito, Donna Lucia. Bin schon unterwegs!«

Er verschwand wieder in der Küche, und Donna Lucia ließ sich auf den gemütlichen Sessel fallen, der direkt am Fenster stand. Es war nicht wirklich sicher, ob Gianni ihr wirklich einen Kaffee bringen würde, aber zumindest, bis irgendetwas anderes seine Aufmerksamkeit erregte, hatte er es vor. Sie würde einfach einen Moment hier sitzen und, sollte es ihr zu lange werden, sich selbst in die Küche aufmachen.

Draußen versuchte Valentina gerade, die Hunde zu verscheuchen, und fluchte ebenfalls, als ihr das nicht gelang. Missbilligend schnalzte Donna Lucia mit der Zunge. Valentina war ihre Tochter und vierundsiebzig Jahre alt. Aber darauf, dass sich Nanna, wie sie alle nannten, irgendwann ihrem Alter entsprechend benehmen würde, konnte Donna Lucia wohl ewig warten.

Es war noch nicht einmal halb acht, und die Familie war wach.

Über mangelnde Gesellschaft konnte sich Donna Lucia jedenfalls nicht beklagen. Außer irgendwelchen Kunden, die immer in der Küche standen, um Olivenöl, Pecorino oder Ricotta zu kaufen, kamen auch ständig Freunde, die sofort genötigt wurden, mit der Familie zu essen. Meist von Nanna oder deren deutschem Mann Federico, der hier überhaupt niemand einzuladen hatte, wenn es nach Donna Lucia ging.

Es klopfte.

Nando, der Älteste von Roberta und Gianluca, trat ein. »Sie hatten Kaffee bestellt, Mylady?« Er stellte die Kaffeetasse mit einer formvollendeten Verbeugung vor Donna Lucia auf dem kleinen Tischchen ab.

»Lass den englischen Quatsch, Nando.« Donna Lucia war auf alles, was mit der englischen Sprache zu tun hatte, sehr schlecht zu sprechen. Immerhin war es die Sprache von diesem Jacobo, diesem Amerikaner. Dem Grund, warum Aurelia in Bologna lebte und nicht hier, wo sie hingehörte.

»Und überhaupt: Wo ist Gianni?«

»Oh, reiche ich Ihnen nicht, My…«

Donna Lucia zog streng die linke Augenbraue nach oben, und Nando verstummte sofort. Wenigstens einer, der Respekt vor ihr hatte.

»Er musste zur Uni«, ergänzte Nando.

Sicher nicht, dachte Donna Lucia, wenn er wirklich so oft zur Uni gehen würde, wie er behauptete, müsste er längst einen Doktortitel haben. Aber dafür konnte Nando ja nichts. Als er ihr einen Kuss auf die Wange drückte, strich sie schnell über seinen Arm, um sich für den Kaffee zu bedanken, und als er ihr Zimmer wieder verließ, sah sie ihm stolz nach. Wenigstens einer, der wusste, wo es langging. Nando hatte sein eigenes Studium sehr zielstrebig abgeschlossen und mittlerweile längst gemeinsam mit seiner Frau Stella die betriebswirtschaftliche Führung des Hofes übernommen. Vor allem aber hatte er ein gutes Herz. Und glücklicherweise als Ältester von den drei Geschwistern ein gewisses Verantwortungsgefühl, was den Hof anging. Ein wenig erinnerte er Donna Lucia an Tommaso, wie er damals versucht hatte, für seine kleine Familie ein Zuhause und eine Zukunft zu schaffen, bis dieses tragische Ereignis ihn aus dem Leben gerissen hatte. Energisch schob Donna Lucia den Gedanken an ihn beiseite, sonst würde sie den ganzen Tag von Trübsal begleitet werden, und dafür war es draußen eindeutig zu schön. Lieber dachte sie an das Kind, das Stella in ein paar Monaten auf die Welt bringen würde. Hoffentlich einen Sohn. Nicht, dass noch ein weiblicher Nobelpreisträger mit einem IQ von über … was auch immer normal war … die ganze Ordnung durcheinanderbrachte. Aurelia hatte ihre Intelligenz bestimmt den schlauen deutschen Federico-Genen zu verdanken. Donna Lucia hatte Nanna damals zwar gewarnt, als sie mit dem Deutschen ankam, aber chi non vuole sentire deve sentire, wer nicht hören will, muss eben fühlen. Und jetzt hatten sie den Salat. Eine Mathematiklehrerin war Aurelia. Und nicht genug: Sie lebte außerdem in Bologna. Mit diesem Jacobo, diesem Amerikaner. Und das Schlimmste: Ihre Urenkelin war die Einzige, die jeden Abend am langen Tisch in der Küche fehlte.

Donna Lucias Blick fiel auf die Palmen jenseits der Mauer, die ihre langen Blätter hinüberstreckten, als wollten sie sehen, wer im Innenhof der Fattoria einen solchen Tumult veranstaltete. Der Horizont war im Dunst der herannahenden Hitze schon ein wenig unscharf geworden und mit dem Meer zu einem Nebel aus Farben verschmolzen.

Wer freiwillig auf diesen Ort verzichtete, musste verrückt sein. Oder sehr stur. So verrückt und stur wie Aurelia Maria Bartolami eben. Es gab nichts zu beschönigen:

Donna Lucia vermisste ihre Urenkelin schmerzlich. Und es war an der Zeit, dass sie zurückkehrte.

Pünktlichkeit, viel Unvorhergesehenes und eine Beinahe-Umarmung

Freitag, 12. April, 7.17 Uhr, Bologna

Aurelia zog die Haustür hinter sich ins Schloss und schaute zur Sicherheit noch einmal auf die Uhr. Oh, sie wusste selbstverständlich, dass es genau 7.17 Uhr war, denn das war die Zeit, zu der sie grundsätzlich das Haus verließ, aber es war einfach immer wieder schön, dies auch auf dem Ziffernblatt ihrer altmodischen, halb automatischen Armbanduhr bestätigt zu sehen, die ihr Großvater »Papi« Friedrich ihr vor sieben Jahren zu Beginn ihres Studiums in Bologna geschenkt hatte. Und tatsächlich: 7.17 Uhr, auf die Sekunde genau. Aurelia lächelte zufrieden. Sie schob eine widerspenstige braune Locke hinter das Ohr und ihre Brille zurück auf die Nasenwurzel, wo sie hingehörte.

Ihre Schritte führten sie nun zwar nicht mehr an die Universität, sondern stattdessen an das Liceo Galvani, ein mathematisch-naturwissenschaftlich orientiertes Gymnasium, an dem sie höhere Mathematik unterrichtete. Aber das machte ja, was den pünktlichen Aufbruch am Morgen betraf, keinen Unterschied. Um genau zu sein, waren es 2167 Schritte bis zu ihrer Schule, verteilt auf 1,3 Kilometer, die sie üblicherweise in achtzehn Minuten zurücklegte. Sie zählte gerne Schritte. Das beruhigte sie. Genauso wie das Zählen von Worten, Silben oder gar Buchstaben. Manchmal, wenn ein Gespräch sie aus der Fassung zu bringen drohte, konzentrierte sie sich einfach darauf. Sofort konnten ihr die Bedeutung, der Inhalt des Gesagten nichts mehr anhaben. Schritte zählte sie hingegen aus purem Vergnügen. Sie hängte sich ihre braune Ledertasche über die Schulter und zog den Saum ihres dunkelblauen Blazers nach unten, den sie unter der Woche grundsätzlich trug, weil er so gut zu ihren blauen Augen passte und die Ernsthaftigkeit ihrer Berufung als Lehrerin optimal unterstrich. Aurelia Maria Bartolami, zweiunddreißig Jahre und hundertneunundvierzig Tage alt, war bereit.

Wenn die Ampel an der Hauptstraße grün war, konnte sie es sogar in sechzehn Minuten zur Schule schaffen. Das hieß, sie war zwischen 7.33 Uhr und 7.35 Uhr im Lehrerzimmer (die Distanz zu ihrer Wohnung berechnete sich auch aus den gelaufenen Metern innerhalb des Gebäudes). Das gab ihr genügend Zeit, Mantel und Tasche abzulegen, die Unterrichtsmaterialien aus ihrem Fach zu nehmen und ins Klassenzimmer zu gehen, ohne eine einzige Minute verschwendet zu haben oder ihre Schritte beschleunigen zu müssen, denn sich zu verspäten, verabscheute sie beinahe so sehr, wie zu früh da zu sein und warten zu müssen. Das Beste an ihrer perfekt ausgewählten Ankunftszeit aber war, dass sie spät genug kam, um nicht Gefahr zu laufen, in ein belangloses Gespräch über die Hobbys, Haustiere, Essgewohnheiten oder Familien ihrer Kollegen verwickelt zu werden. Denn abgesehen von den Hobbys, hatte sie von all dem selbst reichlich, wenn auch nicht unbedingt vor Ort, sondern zu Hause in Partinico, Sizilien. Aber auch auf die Entfernung deckte dies ihren Bedarf mehr als ausreichend.

Während sie sich in Richtung ihres angestrebten Zieles bewegte, hatte sie durchaus einen Blick für die Sonne, die ihre Strahlen schon so früh durch die Gassen schickte und den nahen Frühling ankündigte. Selbst in Bologna trauten sich die Knospen so langsam heraus, aber es war natürlich kein Vergleich zu der bunten Blütenpracht, die sich zu Hause mit den zunehmenden Temperaturen von Tag zu Tag üppiger über die Insel ergoss. Die einzige Farbe, die sie zu dieser Jahres- und Uhrzeit in Bologna zu sehen bekam, Frühling hin oder her, war die der Ampel. Sie war rot. Die Chance, dass sie auf Grün umschaltete, bis Aurelia dort ankam, stand allerdings gut, denn die jeweiligen Ampelphasen dauerten nie länger als drei Minuten. Vielleicht würde sie heute sogar schon um 7.34 Uhr da sein.

»Scusa, Signora.«

Ein Mann trat ihr in den Weg. Seine Bekleidung kennzeichnete ihn eindeutig als amerikanischen Touristen (Turnschuhe, Sportsocken, Shorts – im April! –, weißes Polohemd mit willkürlich angeordneten und sinnfreien rot-blauen Nummern darauf – nach Aurelias Meinung ein klassischer Fall von Zahlenverschwendung –, Sonnenbrille und Baseballcap). Außerdem hielt er einen Stadtplan in der Hand (falsch herum), und seine Reisebegleitung, eine Frau (hoffentlich nicht seine Frau, dachte Aurelia, sie sah furchtbar streng und verbittert aus, aber das war vielleicht auch kein Wunder, wenn man wie sie so viele dicke Ketten, Fingerringe und schwere goldene Ohrringe durch die Stadt schleppen musste) hatte genervt die Arme vor der Brust gekreuzt und schaute beleidigt in die entgegengesetzte Richtung. Ein Ehedrama in einem Akt, dachte Aurelia. Die Ampel sprang auf Grün. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie es noch rüber.

»Scusa.« Der Mann stand leider so, dass sie ihn regelrecht hätte umrunden müssen, und das wäre nun wirklich nicht besonders höflich gewesen. Er winkte, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, die er längst hatte, schließlich stand er weniger als einen Meter von ihr entfernt. Vielleicht waren es auch anderthalb. Maximal. Manche Menschen waren wirklich seltsam. »Kennen Sie sich hier aus?«

Aurelia schaute auf die Uhr. Sie konnte so tun, als sei sie selbst eine Touristin. Wie eine typische Italienerin sah sie mit ihren blauen Augen sowieso nicht aus. Andererseits verabscheute sie Lügen, selbst wenn sie der Sache dienten. Außerdem konnte sie die zwei Minuten, die sie beinahe an der grünen Ampel gewonnen hatte und nun durch diese überflüssige Unterbrechung verlor, wieder ausgleichen, wenn sie sich beeilte und direkt in die Klasse ging. Ihren Unterricht kannte sie auswendig, und der Mann tat ihr irgendwie leid. Schreckliche Frau. Außerdem mochte sie Amerikaner. Schließlich war ihr Freund Jacob auch einer. Und sie kannte sich ja tatsächlich aus. »Si certo«, antwortete sie also korrekterweise, »natürlich. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Nachdem sie ihm geraten hatte, seinen Stadtplan um hundertachtzig Grad zu drehen, war der Weg zur Piazza Maggiore, wo seine Frau (also doch) unbedingt in ein Café aus ihrem Reiseführer wollte, auch tatsächlich schnell erklärt (zweimal links, einmal rechts, etwas mehr als ein Kilometer, sprich ungefähr 1667 Schritte, circa zwölf Minuten). Der Mann bedankte sich überschwänglich, was Aurelia grundsätzlich sehr begrüßte. Dass er ihr dafür die Hand auf die linke Schulter legte, fand sie hingegen übertrieben und unhygienisch. Selbst als sie schon an der Ampel stand (endlich!), musste sie immer wieder nach links sehen, um zu überprüfen, ob er nicht einen Fleck auf ihrem Ärmel hinterlassen hatte. Dass Amerikaner immer alle anfassen mussten! Gut, da waren Italiener auch nicht besser. Mit einer Ausnahme: Aurelia Maria Bartolami selbst. Ihre Familie war hingegen genau wie alle anderen. Mit dem Unterschied, dass sie wenigstens wussten, dass Aurelia nicht unbedingt an Berührungen über das notwendige Maß hinaus interessiert war, und es akzeptiert hatten. Mehr oder weniger.

Das war es also gewesen mit ihrem entspannten Arbeitsweg. Wenn die Ampel nicht gleich grün wurde, würde Aurelia es wohl oder übel wie alle anderen hier in der Innenstadt machen müssen und bei Rot über die Straße gehen, auch wenn es ihr mehr als unangenehm war, eine Regel zu brechen, die jemand vermutlich aus gutem Grund aufgestellt hatte. Sie würde einfach auf eine Lücke im Verkehr warten und loslaufen. Zu spät kommen war noch schlimmer, als eine Regel zu brechen, die heute, wenn sie Glück hatte, von niemand überprüft wurde. Ihr Gewissen und ihr Sündenregister waren diesbezüglich ansonsten nahezu makellos. Exakt in diesem Moment, per l’amor di Dio, sprang die Ampel um, und Aurelia betrat um 7.38 Uhr, rechtzeitig zum Unterricht und nur drei Minuten hinter ihrem eigenen Zeitplan, sehr erleichtert das Lehrerzimmer. Sie würde sich nun nur ein kleines bisschen beeilen müssen, wenn sie vor den Schülern da sein wollte.

»Aurelia! Gut, dass du kommst!«

Aber das schien für heute nicht vorgesehen zu sein. Irritiert sah sie sich nach demjenigen um, der sich offensichtlich freute, sie zu sehen. War Vollmond? Oder irgendetwas anderes, was dieses unkontrollierte und grundlose Ansprechen von Menschen rechtfertigte? Aurelia fühlte sich jedenfalls wieder einmal darin bestätigt, dass es sinnvoll war, den übermäßig langen Aufenthalt im Lehrerzimmer unbedingt zu vermeiden. Ernesto Forlani, Sport und Englisch, strahlte sie an.

»Buongiorno, Aurelia!«

Was war nur los mit ihm? Aurelia spürte, wie sie zu schwitzen begann, und sie wusste aus früheren Erlebnissen wie diesen, dass sich das ganze Chaos auch als rote Flecken in ihrem Gesicht und am Hals niederschlagen würde. Je mehr sie allerdings darüber nachdachte, wie sie sie loswerden konnte, umso gestresster fühlte sie sich – und umso deutlicher sah man ihr das auch an. Wer wollte das schon? Sie behielt jedenfalls lieber die Kontrolle. Auch über ihr Aussehen. Der einzige, wenn auch für sie schwierigste Ausweg aus diesem Dilemma war, nachzugeben und ihre Vorstellungen von einem angemessenen Ablauf der nächsten Minuten loszulassen. Eine ihrer schwierigsten Übungen. Sie seufzte.

»Dir auch einen guten Morgen, Ernesto. Tutto bene? Alles in Ordnung?« Ihr ging es jedenfalls nicht mehr ganz so gut wie noch vor einer knappen halben Stunde, als sie ahnungslos ihr Haus verlassen hatte, voller Vorfreude auf einen vorhersehbaren und wohlgeordneten Vormittag, der sich schon jetzt in pures Chaos verwandelt hatte. Glücklicherweise war sie allerdings nicht ganz hilflos, was Notsituationen wie diese betraf. Im Gegenteil: Sie war vorbereitet. Sie hatte solche Konversationen regelrecht vor dem Spiegel trainiert, bevor sie ihre erste Stelle als Lehrerin angenommen hatte. Diesen Übungen hatte sie es zu verdanken, dass ihre Umwelt (insbesondere auch ihre Schüler), sie als strukturiert, selbstbewusst und sicher wahrnahmen. Und das war gut so. Musste ja niemand wissen, dass Aurelia sehr leicht aus dem Konzept zu bringen war, alles – und insbesondere sich selbst – ständig infrage stellte und überprüfte, ob ihr Verhalten korrekt und der Situation angemessen war. Dabei bediente sie sich ihres Verstandes und der Logik ebenso wie eines nahezu unerschöpflichen Fundus an Verhaltensweisen, die sie bei ihrer Familie ein Leben lang beobachtet hatte. Meist verbunden mit der Erkenntnis, dass sie selbst wenig bis gar nichts von deren Leichtigkeit im Umgang mit Menschen in sich trug. Aber sie bemühte sich, diesen Umstand, so gut es ging, zu kaschieren. Es gelang ihr oft, aber nicht immer. Ernesto war allerdings jemand, bei dem sie sich diesbezüglich keine Gedanken machen musste. Er hatte ein sehr mitreißendes Naturell und war grundsätzlich gut gelaunt, was ihn zu einem der beliebtesten Lehrer machte, und er selbst, so hatte Aurelia das Gefühl, mochte im Gegenzug ebenfalls einfach jeden.

»Na klar, es geht mir blendend!« Ernesto strahlte immer noch. Er war einfach nicht dafür gemacht, sich von einem eher reservierten Gesprächspartner aus der Fassung bringen zu lassen, sonst hätte er Aurelia wohl kaum angesprochen. Weder heute noch am Anfang des Schuljahres, als er offensichtlich beschlossen hatte, dass Aurelia Freunde brauchte. Leider mochten Jacob und er sich aus irgendwelchen Gründen nicht besonders, was sehr schade war, denn wenn man es genau nahm und von Jacob absah, war Ernesto der Einzige in Bologna, den Aurelia eventuell als Freund bezeichnen würde.

Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere und schaute demonstrativ auf die große Uhr. Am liebsten wäre sie einfach gegangen, allerdings würde sie Ernesto damit sicherlich vor den Kopf stoßen und das wollte sie auch wieder nicht. Immerhin war er es gewesen, der sie durch die kompletten Räumlichkeiten geführt hatte, als sie neu an der Schule gewesen war, und zwar inklusive der Herrentoiletten, was sie gleichermaßen schockierend und faszinierend fand. Dabei hatte er ihr alles erzählt, was sie über die Schule, die Kollegen und die Schüler wissen musste. Nun, und auch einiges, was sie im Grunde nichts anging und sie auch nicht unbedingt wissen wollte, wie zum Beispiel, dass Ernesto selbst eine innige Liebesbeziehung zu seinem Steuerberater und Lebensgefährten Antonio unterhielt und mit ihm ganz in der Nähe der Schule wohnte. Dass Ernesto schwul war, fand Aurelia nicht weiter erwähnenswert. Im Grunde war es ihr sogar recht. So musste sie sich keine Gedanken darüber machen, ob er über eine Freundschaft hinaus an ihr interessiert war. Manchmal, wenn sie ihren großen Bruder Nando besonders vermisste, war Ernesto ein guter Ersatz. Und das war schön.

Umso schmerzhafter, dass ausgerechnet er mit Jacob überhaupt nichts anfangen konnte. Und umgekehrt. Wobei, auch diesbezüglich hatten Ernesto und Nando viel gemeinsam.

Unbeirrt von Aurelias offensichtlicher Unruhe (noch vier Minuten bis zum Klingeln! Hatte der Mann keine Augen im Kopf?) fuhr Ernesto fort: »Allora, hier ist der Plan: Antonio, Martha und ich würden heute Abend gerne was unternehmen. Karaoke oder so. Und wir haben uns gedacht, es wäre vielleicht nett, wenn du mitkommen würdest?« Vor lauter Begeisterung hatte er Aurelia mittlerweile die Hand auf den Oberarm gelegt (dieses Mal war es der rechte; es würde sich nun beinahe lohnen, sich umzuziehen) und schaute sie erwartungsvoll an. Aurelia wusste nicht, was ihr unangenehmer war.

»Oh … ich, tja, ich weiß nicht …« Karaoke, sieben Buchstaben.

7.41 Uhr. Sie musste wirklich los. Ernesto natürlich auch, aber ihm war es nicht ganz so wichtig, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Etwas, das ihn bei den Schülern nur noch beliebter machte.

»Können wir das vielleicht später …?« Sie wusste natürlich, dass dies nur ein Versuch war, einer Entscheidung zu entgehen. Ein Teil von ihr hoffte darauf, dass Ernesto seine Idee bis zur nächsten Pause vergessen haben könnte, andererseits war das nicht sehr wahrscheinlich. Immerhin ging es um Karaoke, eine von Ernestos Lieblingsfreizeitbeschäftigungen.

»Ach, komm schon, Aurelia!« Er grinste und drückte ihren Arm fester. »Sei doch nicht immer nur Mathematiklehrerin!«

7.42 Uhr. Aurelia spürte, wie sich die roten Flecken bis auf ihre Kopfhaut ausbreiteten. Am liebsten wäre sie einfach aufgestanden und gegangen, andererseits lähmte sie Ernestos Berührung und der Blick auf den Sekundenzeiger der großen Uhr, die im Lehrerzimmer an der Wand hing. Ticktack. Schon der Gedanke an eine überfüllte Bar, sie selbst mittendrin mit einem Mikrofon in der Hand, in das schon unzählige andere hineingesungen oder gar gespuckt hatten, verursachten ihr leichte Übelkeit. Nein. Karaoke war einfach nichts für sie. Ernesto schaute sie erwartungsvoll an. 7.43 Uhr. Sie würde zu spät kommen, so viel war schon mal klar. Dieser Tag war wohl mit Abstand der furchtbarste, den diese Woche zu bieten hatte.

Jacob hatte heute Abend wieder eines seiner wichtigen Geschäftsmeetings mit anschließendem Dinner und deshalb ihre Verabredung abgesagt. Aurelia würde, anstatt mit ihm einen Cocktail im La Rosa zu trinken, zu Hause irgendeine Serie schauen und früh ins Bett gehen. Allerdings hatte Jacob versprochen, nach seinem Dinner zu ihr zu kommen, und morgen früh wollten sie gemeinsam auf den Markt gehen und am Abend mal wieder einen Kochversuch starten.

»Aurelia?« Ernesto war unerbittlich. »Sag Ja, Aurelia. Komm schon. Zu viert macht es doch viel mehr Spaß!«

Mittlerweile tickte der Sekundenzeiger in Aurelias Wahrnehmung so laut, dass sie das Gefühl hatte, ihre Brillengläser würden vibrieren. Sie musste in den Unterricht. Jetzt. Andernfalls blieb ihr nur noch, eine Ohnmacht vorzutäuschen, an der sie sowieso schon nahe dran war. Sie musste das Gespräch beenden, und zwar sofort, hatte aber nicht ausreichend Zeit, um sich gute Gründe für eine Absage zu überlegen. Vermutlich gab es keine. Sie schwitzte. Selbst nach einer weiteren kostbaren Überlegungssekunde fiel ihr nicht ein einziges Argument gegen einen Abend mit Ernesto, Antonio und Martha (Italienisch, Kunst) ein. Panik stieg in ihr auf. Sie gab sich einen Ruck. Dio mio. Wenn sie hier rauswollte, war eine Zusage die einzige logische Konsequenz.

»Ich … ich … komme mit.«

»Das ist toll, Aurelia! Du kommst mit! Ich hole dich um sieben ab, okay?« Ernesto breitete seine Arme aus, um sie begeistert zu umarmen.

Schnell hängte sich Aurelia ihre Tasche um und machte, dass sie davonkam. Beinahe wäre sie dank dem Amerikaner und seiner schlecht gelaunten Frau zu spät gekommen, dazu diese unendlich vielen Worte am Morgen, eine Verabredung zu Karaoke am selben Abend (nicht zu fassen: Karaoke!), und wenn sie nicht schnell genug war, drohte nun auch noch zu allem Überfluss eine Umarmung. Aurelia war schon erschöpft, bevor der Tag richtig begonnen hatte.

Jacob. Und Melissa, sieben Buchstaben

Freitag, 12. April, zwischen 7.48 Uhr und 17.55 Uhr

Die Schulglocke klingelte. Während Aurelia immer zwei Stufen auf einmal nahm, um Schadensbegrenzung bezüglich ihres Unterrichtsbeginns zu betreiben, fragte sie sich, wie sie da nur hineingerutscht war, und fand, bis sie das Klassenzimmer erreichte, keine Antwort darauf. Es war 7.48 Uhr, als sie sich an ihrem Pult niederließ und in fassungslose Schülergesichter blickte. Avanti, Aurelia, immer schön Souveränität vortäuschen! »Guten Morgen, Neuner. Ist etwas?«

Sie war drei Minuten zu spät gekommen, und die Welt drehte sich dennoch weiter. Niemals hätte sie das für möglich gehalten. Die Hitze in ihrem Körper spürte sie kaum noch, und ihr Atem kam auch langsam wieder zur Ruhe.

Glücklicherweise gab es bis zum späten Nachmittag keine weiteren Überraschungen. Die Schüler waren entweder nach wie vor geschockt über ihr Zuspätkommen (eher unwahrscheinlich), sehr ausgeglichen (dito) oder, der Nähe zum Wochenende geschuldet, ruhig bis schläfrig, was Aurelia ausnahmsweise als durchaus angenehm empfand, denn so konnte sie sich ein wenig von der Aufregung am Morgen erholen, während sie demonstrierte, wie man Polynomgleichungen löste oder trigonometrische Funktionen ableitete. Es war eine Freude, wie still ihre jeweiligen Klassen waren. Und obwohl Aurelia Überraschungen jeglicher Art als Zumutung empfand, konnte sie der Tatsache, dass Jacob am Tor des Liceo lehnte, als sie das Gebäude um 16.35 Uhr verließ, um nach Hause zu gehen und sich auf den Karaokeabend vorzubereiten, doch etwas abgewinnen. Er hatte einen Strauß Tulpen in der Hand und sah ihr lächelnd entgegen. Obwohl sie ja nun schon einige Jahre miteinander ausgingen, war sie wie immer freudig überrascht, wie gut er mit seinen wuscheligen hellbraunen Haaren, den blauen Augen und den verschmitzten Grübchen in den Wangen aussah. Aurelia erlaubte ihrem Herzen einen kleinen Freudensprung.

»Ciao«, sagte er zärtlich und küsste ihre Schläfe, als sie vor ihm stand.

»Ciao«, antwortete Aurelia und schmiegte sich in seinen Arm. Jacob war einer der wenigen Menschen, dessen Berührung sie nicht aus dem Konzept brachte. Einer der Gründe, warum sie ihn liebte. Die anderen (nach prozentualem Anteil am Gesamtbild) setzten sich insgesamt zu fünfzig Prozent aus seiner Klugheit, seinem guten Aussehen, seiner Körpergröße (er überragte sie um mehr als einen Kopf, und sie mochte das), der Übereinstimmung ihrer Interessen (er hatte ebenfalls kein Hobby; das passte also) und der Liebe zu seiner Arbeit zusammen. Die anderen fünfzig Prozent bestanden einzig und allein aus der Tatsache, dass er sie liebte, wie sie war. Dafür bewunderte sie ihn am meisten. Sie gehörten zusammen, daran hatte Aurelia keine Zweifel. Eins plus eins ergab schließlich zwei. Die simpelste aller Mathematikübungen, die auf jede Lebenssituation anwendbar war. Liebevoll strich sie über Jacobs Arm und lächelte. Das Leben war logisch. Eine stete Abfolge von aufeinanderfolgenden Ereignissen, die man leicht nachvollziehen konnte, wodurch sich entsprechend weitere – ebenfalls logische – Ereignisse wie beispielsweise ein Heiratsantrag prophezeien ließen, wenn man sich nur darauf einließ. Irgendwann würde Jacob ihr diesen Antrag machen und die Familie sich an ihn gewöhnen. Und bis dahin genoss sie einfach die Momente, die sie miteinander verbrachten.

»Ich habe mir gedacht, ich könnte dich zu einem After-Work-Drink entführen, bevor ich mich mit den Kollegen treffe.« Prüfend sah er sie an. Er wusste natürlich genau, dass Spontaneität nicht unbedingt ganz oben auf Aurelias Qualitätenliste stand.

Dieses Mal musste sie allerdings nicht auf die Uhr sehen, um eine Entscheidung zu treffen. Sie hatte definitiv ausreichend Zeit für einen Drink mit Jacob, denn schließlich hatte sie ihr Karaoke-Outfit im Kopf schon während des letzten Tafelaufschriebs geplant, einer Betätigung, bei der sie ihren Gedanken am besten freien Lauf lassen konnte. Sie würde einen dunkelblauen Rock, ein weißes Shirt, die dunkelblauen Ballerinas und eine dunkelblaue Strickjacke tragen. Ein Ensemble, das – ähnlich ihrer persönlichen Schulbekleidung – gut passte, ihr hervorragend stand und sie keinerlei Risiken aussetzte. Perfekt. Das Zuspätkommen am Morgen hatte ihre Kapazitäten im Hinblick auf Experimente völlig erschöpft. Abgesehen davon war es ein freundlicher Frühlingsfreitagnachmittag, die Sonne schien immer noch, und Jacob war an ihrer Seite. Das Leben war schön. Einen Aperitif darauf zu trinken, konnte definitiv nicht schaden.

»Sehr gern! Ins La Rosa?«

»Natürlich. Wohin denn sonst?« Er zog sie lächelnd an sich und küsste ihren Scheitel.

In ihrer Lieblingsbarwar es um diese Uhrzeit zwar voll, aber Jacob ergatterte einen Platz an der Bar für sie beide und sorgte so dafür, dass Aurelia nicht mitten im Gedränge stehen musste. Er bestellte ein Bier für sich und einen Veneto für Aurelia, ein Aperitif, der im La Rosa aus Weißwein, Campari und ein wenig Soda bestand. Aurelia trank hier immer das Gleiche. Zu Hause bevorzugte sie allerdings die Bellinis ihres Bruders Gianni oder den tiefroten Nero d’Avola aus den Weinbergen bei Partinico. Schließlich war sie Sizilianerin. Wasser und Kaffeeunterlagen keinen Heimatgefühlen und konnten sowohl zu Hause als auch in Bologna getrunken werden.

»Erzähl mir von deinem Tag, amore«, bat Jacob, als die Getränke vor ihnen standen.

Aurelia wäre seiner Bitte sehr gerne nachgekommen, aber bis auf den Amerikaner und Ernestos Einladung gab es nicht viel zu berichten, und außerdem war es ziemlich laut hier drin. Aurelia hätte also ihre Stimme deutlich erheben müssen, damit er sie überhaupt verstand, und zu schreien, missfiel ihr zutiefst. Sie war sehr stolz darauf, ihre Schüler allein mit ihrer fachlichen Kompetenz zu Respekt und Ruhe bringen zu können, ohne je laut werden oder Strafen androhen zu müssen, und so war sie beinahe froh, dass Melissa plötzlich vor ihnen stand, und ihr somit jegliches Herumschreien in der Öffentlichkeit erspart blieb.

Melissa war ein wahr gewordener amerikanischer Männertraum, jung, blond, blauäugig, wohltrainiert und schön, der direkt dem Cover der Sports Illustrated entsprungen schien, einer Zeitschrift, die auf Jacobs Couchtisch lag und wenig Informationen, dafür viele bunte Bilder von schönen Menschen enthielt. Menschen wie Melissa. Sie war die Assistentin ihres Freundes.

»Hallo, Aurelia«, sagte sie und schaute dabei Jacob an.

Aurelia hob die Hand zum Gruß und bemühte sich um ein einigermaßen freundliches Lächeln. Melissa, sieben Buchstaben. Jacob, der bis vor einer Millisekunde Aurelia noch tief in die Augen geschaut hatte, nahm sie nun überhaupt nicht mehr wahr. Melissa war das Mensch gewordene schwarze Loch des Universums mit einer ausgeprägten Anziehungskraft auf Jacobs komplette Aufmerksamkeit. Und Aurelia ein orientierungsloser Planet im dunklen Universum des La Rosa. Sie spürte, dass sich die roten Flecken nur vorübergehend zurückgezogen hatten und jetzt unbedingt wieder ihren Weg in ihr Gesicht suchten. Hitze stieg in ihrem Körper auf und der Veneto, von dem sie schnell einen Schluck nahm, um sich zu beruhigen, schmeckte plötzlich schal. Sie fühlte sich unwohl und fehl am Platz und so, als würde sie stören. Vielleicht half es ja, sich kurz eiskaltes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen? Weder Melissa noch Jacob reagierten, als Aurelia von ihrem Barhocker glitt.

»Ich gehe mal kurz auf …« Sie hätte genauso gut mit ihrem Drink sprechen können. Die beiden sahen noch nicht einmal zu ihr hin, als sie einen Schritt in Richtung Toilette machte. Melissa drehte ihr demonstrativ den Rücken zu und schob sich noch ein wenig näher an Jacob, wenn das überhaupt möglich war. Beinahe berührte sie mit ihren Sports Illustrated-Brüsten seinen Arm. Ekelhaft.

»Gut, dass ich dich hier so zufällig treffe, Jacob. Wir sollten unbedingt noch kurz über die Sache mit Du-weißt-schon-wem sprechen …«

Als ob die beiden sich nicht bis vor einer Stunde bei der Arbeit hätten austauschen können und Melissa bei dem Meeting später nicht dabei sein würde. Schließlich war sie überall dort, wo Jacob war.

Lasciatemi cantare!

Freitag, 12. April, 18 Uhr bis 23.30 Uhr, Bologna

»Nein, amore, das bildest du dir ein!«

Jacob versuchte, den Arm um Aurelias Schultern zu legen, aber ausgerechnet jetzt, da sie sich am meisten nach Bestätigung sehnte, konnte sie seine Berührung kaum ertragen. Sie wand sich und beschleunigte ihren Schritt, um sich von ihm zu lösen, aber Jacob tat es ihr gleich.

»Melissa ist überhaupt nicht an mir interessiert.« Er schüttelte lachend den Kopf und griff nun nach ihrem Ellbogen, um Aurelias Tempo ein wenig zu drosseln. »Hey, Süße, bitte bleib mal kurz stehen.« Er legte den Kopf schräg, damit er Aurelia ins Gesicht sehen konnte. »Sie ist nur vielleicht …«, er hob ihr Kinn mit seinem Zeigefinger an, sodass Aurelia ihn ansehen musste, »… ein wenig … anhänglich.« Er grinste und gab ihr einen Kuss, den sie nur zögerlich erwidern konnte.

Sie wollte ihm glauben. Andererseits fühlte sie sich nicht gut dabei. Irgendetwas war äußerst merkwürdig. Und auch wenn sie sich im Allgemeinen lieber auf ihren Verstand als ihre Gefühle verließ, war dieses Misstrauen aufgrund ihrer Beobachtungen entstanden – und die waren mehr als real gewesen. Melissa hatte Jacob eindeutig über die Grenzen einer normalen Chef-Assistentinnen-Beziehung hinweg angesehen und berührt. Nachdem Aurelia von der Toilette im La Rosa zurückgekommen war, hatte sie jedenfalls beschlossen, sich doch schon ein wenig früher auf den Karaoke-Abend vorzubereiten, und nachdem sie sich knapp verabschiedet hatte, war sie gegangen. Damit, dass Jacob ihr hinterherlaufen würde, hatte sie nicht wirklich gerechnet, schließlich hatte er davor dank Melissas Brustoffensive kaum Notiz von ihr genommen, aber offensichtlich hatte sein Pflichtgefühl gesiegt. Nun, ob sie ausgerechnet Pflichtgefühle in ihrem Freund auslösen wollte, nachdem er gegenüber seiner Assistentin offensichtlich zu anderen fähig war …?

Andererseits: Jetzt stand er hier und bemühte sich um sie, während sich Melissa vermutlich immer noch wunderte, warum sie plötzlich allein mit zwei Drinks an der Bar saß. Wahrscheinlich hatte Jacob recht und Aurelia übertrieb. Vermutlich hatte sie sich das alles nur eingebildet. Kein Wunder, nachdem ihre Nerven den Tag über ja wirklich bereits mehr als überstrapaziert worden waren. Sie überlegte, den Karaoke-Abend doch noch abzusagen, verwarf den Gedanken daran aber gleich wieder, als sie Ernesto schon vor ihrem Haus stehen sah. Er war mehr als eine Stunde zu früh und winkte ihr aufgeregt zu, sobald er sie sah.

»Aurelia! Gut, dass du kommst! Los, beeil dich!«, rief er, obwohl sie noch mindestens zehn Meter von ihm entfernt war. Jacob nahm seinen Arm von ihren Schultern. »Im Pinocchio ist Happy Hour und ich konnte dich nicht erreichen. Wir haben also beschlossen, schon früher hinzugehen.« Er wedelte aufgeregt mit den Armen. »Hallo, Jacob«, ergänzte er deutlich weniger euphorisch, als Aurelia und er näher gekommen waren.

»Ciao, Ernesto.«

»Also dann, amore«, Jacob küsste sie auf die Wange. »Viel Spaß euch allen. Ci vediamo dopo, wir sehen uns!« Er drehte sich um und winkte den beiden über die Schulter hinweg zu. Hatte sich Aurelia getäuscht, oder klang das vielleicht doch ein wenig erleichtert?

Aurelia bat Ernesto nach oben, schließlich hatte sie bisher keine Gelegenheit gehabt, sich umzuziehen, und sie sehnte sich nach der vertrauten, wohlgeordneten und harmonischen Umgebung ihrer Wohnung. Ein Espresso schadete außerdem nie. Hier oben, im zweiten Stock eines alten bolognesischen Hauses, fühlte sie sich sicher und geborgen. Wenn es nicht, wie gerade jetzt, schon langsam dämmerte, war es der hellste und freundlichste Ort in Bologna, den Aurelia kannte. Außerdem bestand ihre Einrichtung aus sehr wenigen weißen Möbeln, die sich klar von den dunklen Dielen abhoben und durch ihre gleichfarbige Oberfläche ihren Augen einen angenehmen Kontrast zu ihrem Klassenzimmer in der Schule und den bunten, lauten und vollen Straßen dieser Stadt boten. Eine Oase der Ruhe, wo es Aurelia unter normalen Umständen kaum aushielt, wenn die Kleider in ihrem Schrank nicht nach Farbe sortiert waren (was einigermaßen unkompliziert war, denn sie trug beinahe ausschließlich blau) und es sie irritierte, wenn süße und salzige Lebensmittel im Kühlschrank durcheinandergerieten. Sie genoss jede Form von Ordnung und lehnte alles ab, was schlecht sortiert war: Eintöpfe, Karneval, zu viel Kosmetik.

Dafür liebte sie Effizienz, Klarheit und exakte Zeitangaben. Dank ihrer akribischen Ordnung reichten ihr auch jetzt genau die zwanzig Minuten, die sie dafür vorgesehen hatte, um sich umzuziehen und ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Als sie sich im Spiegel betrachtete (weißes Shirt, blauer Rock, blaue Strickjacke, blaue Ballerinas, etwas Wimperntusche, Lipgloss), fühlte sie sich ziemlich gut. Nein, solange sie es in der Hand hatte, würde es heute keine weiteren Überraschungen geben. Und schon gleich gar nicht bei ihrer Garderobe. Ein irritierender Gedanke blitzte in ihrem Bewusstsein auf und verschwand genauso schnell wieder, wie er gekommen war, ohne, dass sie ihn greifen konnte. Energisch schob sie das merkwürdige Gefühl beiseite, den er hinterlassen hatte, zog ihren Rock glatt, lächelte sich selbst zu und beschloss, einen schönen Abend zu haben. Gefühle, merkwürdig oder nicht, waren auch nichts anderes als aus ihren vorgesehenen logischen Bahnen entwichene Gedanken.

Als sie kurze Zeit später im Pinocchio ankamen und Antonio und Martha ihnen jeweils einen Veneto in die Hand drückten, vergaß Aurelia die Bedenken, die sie wegen des Abends gehabt hatte, sehr schnell wieder. Die Bar war dunkel getäfelt und wie ein englischer Pub eingerichtet, mit einer langen hölzernen Bar, kleinen Nischen, in denen man sitzen konnte, und einer winzigen Bühne, hinter der eine Leinwand aufgebaut war. Es war gemütlich und – was Aurelia noch mehr für sie einnahm – sehr sauber. Außer ihnen waren bereits ein paar Gäste da, aber im Vergleich zum La Rosa war es leer.

Ernesto ging sofort auf die Bühne und gab »Mamma Mia« von Abba zum Besten, während Antonio ihn einerseits belustigt und andererseits sehr verliebt beobachtete. Aurelia beneidete Ernesto um seinen Mut und begann, innerlich die Fibonacci-Reihe aufzusagen, die sich bisher – meist im Zusammenhang mit aufmüpfigen Schülern – zur Beruhigung bewährt hatte. Dazu musste sie nur die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen bilden, die dann die nächste ergab, beginnend mit zweimal der Zahl eins. Aurelia mochte an dieser Reihe besonders gern, dass sie zwar vorhersehbar, aber dennoch nicht langweilig war. 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21.

Vielleicht, wenn sie jemals jemand fragen würde, wie sie ihr Leben gerne hätte, dann würde sie diese Antwort geben: Oh, danke der Nachfrage. Mein Leben? Sehr gerne wie die Fibonacci-Reihe: Vorhersehbar, aber nicht langweilig. 34, 55, 89, 144, 233. Ein bisschen musste sie bei den höheren Zahlen manchmal sogar nachdenken. Auch das passte gut. Grundsätzlich. 233, 377, 610, 987.

Nur drei Songs und einen weiteren Veneto später hatten Ernesto, Martha und Antonio sie aber ebenfalls so weit: Während sie noch auf dem Weg zur Bühne ihre Reihe bis 1597 addierteund oben angekommen erst einmal das Mikro an ihrem Rock abwischte (was ein grässliches Geräusch verursachte, sodass sie vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre), stieg gleichzeitig ein Glücksgefühl in ihr auf, das sie bisher so noch nie erlebt hatte. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, zu Hause in der Küche der Fattoria zu stehen, wo vierundzwanzig Stunden am Tag italienische Schlager liefen und vor allem ihre Mutter Roberta und ihre Nanna grundsätzlich lauthals mitsangen. Sie nahm sich vor, auch in ihrer eigenen Wohnung öfter Radio zu hören. Und als die ersten Töne von Toto Cutugnos »LasciatemiCantare« erklangen, stiegen in ihrem Bauch kleine Glücksbläschen auf, als hätte sie zu viel Prosecco getrunken oder als sei sie frisch verliebt, und sie kam zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Aurelias Glück bestand aus mehr als Zahlen und Logik. Und es hatte ausnahmsweise überhaupt nichts mit Jacob zu tun.

Eins plus eins ergibt drei, verdammte Mathematik

Samstag, 13. April, 5.16 Uhr, Bologna

Es dauerte einige Sekunden, bevor Aurelia begriff, dass das Klingeln nichts mit ihrem Traum zu tun hatte, sondern mit dem Geräusch, das ihr Telefon auf dem kleinen Tischchen neben ihrem Bett verursachte. Bevor sie allerdings zum Hörer greifen konnte, war schon der Anrufbeantworter angesprungen und eine ihr wohlvertraute Stimme schallte durch die ansonsten so stille Wohnung. Es musste mitten in der Nacht sein, denn selbst für bolognesische Verhältnisse war es draußen noch ziemlich dunkel, und Aurelia kannte nur eine einzige Person, die freiwillig um diese Uhrzeit telefonierte.

»Biscottini?« Ihre Mutter. »Ich weiß doch, dass du da bist, meine Süße!«

Aurelia sollte den Anrufbeantworter dringend auf lautlos stellen, dachte sie.

Jacob grunzte im Traum und drehte sich auf die andere Seite. Aurelia hielt die Luft an. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig.

Sie tastete zuerst nach ihrer Brille, dann nach dem Wecker und schielte auf das matt leuchtende Ziffernblatt. Unglaublich, wie spät es war. Vielmehr wie früh. Toto Cutugno kreiselte schon wieder durch ihren Kopf. Scheinbar war er genau so ein Frühaufsteher wie ihre Mutter. Aurelia lächelte beim Gedanken an den gestrigen Abend und nahm sich vor, gleich zum Frühstück das Radio auf denselben Sender einzustellen, den sie zu Hause immer hörten.

»Biscottini, bist du da?« Ihre Mutter Roberta nannte Aurelia sehr gern und sehr hartnäckig bei ihrem Kosenamen aus Kindertagen.

»Mamma. Ja. Ich bin da«, flüsterte sie, nachdem sie den Hörer abgenommen hatte. »Weißt du eigentlich, wie viel Uhr es ist?«

»Ja, weiß ich. Es ist fünf Uhr dreißig morgens! Babbo, dein Vater, ist gerade …«

»Mamma. Ganz genau ist es fünf Uhr sechzehn und Samstag! Ich schlafe!« Und wenn es nach ihr ginge, noch mindestens drei Stunden.

»Ach, was soll’s! Il mattino ha l’oro in bocca. Morgenstund hat Gold im Mund, richtig? Ich muss dir unbedingt was erzählen! Und überhaupt: Warum flüsterst du? Ist etwa dieser Jacobo bei dir, dieser Amerikaner, dieser …«

Aurelia hörte das Misstrauen in der Stimme ihrer Mutter genau. Seufzend zog sie sich das Kissen über den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Nein, Mamma. Ich schlafe. Können wir nicht später sprechen? Sagen wir in ein paar Stunden? Und bitte, nenn mich nicht biscottini!«

»Aber du bist doch mein kleiner Keks, oder etwa nicht? Und so weit weg! Gönnst du deiner Mutter nicht mal mehr einen Kosenamen für ihre einzige Tochter, die …«

Es war also beinahe fünf Uhr dreißig an einem dunklen Samstagmorgen in Bologna – wie überall sonst in Italien. Schließlich wohnte Aurelia nicht am anderen Ende der Welt, auch wenn ihre Mutter immer so tat, als sei sie weiter entfernt als der Mond.

»Aurelia?«

Sie gab auf. Hier war sie, Aurelia Maria Bartolami, zweiunddreißig Jahre alt, und flüsterte. Mit ihrer Mutter. Unter ihrem Kissen. Und obwohl der Mann neben ihr der Mann war, den sie irgendwann einmal heiraten würde, verheimlichte sie ihr seine Anwesenheit. Und warum? Nun, das war leicht zu beantworten. Weil er immer noch nicht um ihre Hand angehalten hatte und, schlimmer noch, ihre Familie froh darüber war.

»Ja, Mamma. Was gibt es denn so Wichtiges?«

Roberta würde nicht lockerlassen, so viel stand fest. Besser Aurelia gab nach und sprach mit ihr, bevor Jacob aufwachte. Vielleicht konnte sie sich nach dem Gespräch noch einmal an ihn kuscheln und wenigstens ein wenig dösen, bevor sie gemeinsam einen Kaffee trinken und zum Markt gehen würden. Vielleicht sogar im Bett? Nein, diesen Gedanken verwarf Aurelia sofort wieder. Kaffee im Bett wäre wie eine Brioche mit Salsiccia. Die einzelnen Bestandteile schätzte sie sehr, aber in Kombination bescherten sie ihr Gänsehaut.

»Bist du noch dran, biscottini?«

Am liebsten hätte Aurelia Neingesagt. Wie gut, dass sie heute noch so viel Schönes vorhatte. Nach dem Telefonat.

»Ja, Mamma.«

»Wenn du nicht willst, dass ich dich um halb sechs wecke, musst du eben nach Hause kommen. Da kann ich dir immer alles erzählen und muss nicht mitten in der Nacht anrufen, damit ich dich auch ja nicht verpasse!«

»Mamma. Du verpasst mich doch nicht. Ich wohne nun mal in Bologna, aber ich telefoniere sehr gern mit dir. Doch vielleicht finden wir eine andere Zeit, zu der wir sprechen können?« Aurelia schielte zu Jacob hinüber.

»Zu anderen Zeiten bin ich immer beschäftigt. Oder du. Warum musst du auch unbedingt in Bologna leben? Und noch dazu mit diesem Jacobo, diesem Amerikaner? Gibt es in Sizilien etwa keine guten Männer? Ich hab meinen dort gefunden!« Sie kicherte. Das hier war fast schon ein Ritual.

Jacob murmelte verschlafen irgendetwas von einem Meeting.

»Mamma«, flüsterte Aurelia, während sie sich aus der Bettdecke schälte und mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf ihr Kopfkissen in Richtung Badezimmer wankte, dem einzigen Ort, an dem sie sprechen konnte, ohne dass Jacob sie hörte oder ihre Mutter mitbekam, dass sie bezüglich seiner Anwesenheit vorhin ein klitzekleines bisschen geflunkert hatte. »Du hast eben Glück gehabt und deine große Liebe vor der Haustür getroffen. Wieso darf ich denn nicht ein bisschen weiter weg genauso glücklich sein?«

»Ja, aber das ist etwas anderes. Du hast hier ja noch nicht einmal richtig gesucht, und der Amerikaner ist … eben ein Amerikaner, biscottini. I castagni non fecero mai arance! Ein Kastanienbaum hat noch nie Orangen getragen«, sagte sie triumphierend.

»Mamma! Dein Vater, mein Großvater, ist immerhin aus Deutschland!« Genervt schob Aurelia ihre Brille mit einem Stirnrunzeln auf die Nasenwurzel zurück. Eine unbewusste Grimasse, die vor allem bei ihrer Urgroßmutter überhaupt nicht gut ankam. Donna Lucia nannte es das »Hexengesicht« und verbat sich Aurelias Gesichtsakrobatik, wenn sie in der Nähe war. »So bekommst du nie einen richtigen Mann, biscottini.Da nulla si scava nulla. Von nichts kommt nichts«, war einer ihrer Lieblingssprüche, wobei sie völlig außer Acht ließ, dass Aurelia bereits einen Mann hatte und keinen anderen wollte.

Kurz hörte man nur ein Schnauben am anderen Ende der Leitung. Von solchen Kleinigkeiten ließ sich eine Roberta Bartolami nicht aufhalten.

»Das zählt nicht. Papi ist im Herzen schon immer Sizilianer gewesen!« So viel zur Logik ihrer Mutter. Sollte mal einer Donna Lucia erzählen, dass ihr Schwiegersohn Friedrich, blauäugig, hochgeschossen und aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie, genauso sizilianisch war wie sie selbst. Aurelia musste allein bei dem Gedanken an ihren drohenden Tobsuchtsanfall grinsen. Aber selbstverständlich würde ihre Mutter so etwas in Anwesenheit von Aurelias Urgroßmutter niemals wirklich behaupten.

»Was wolltest du mir denn jetzt eigentlich so Wichtiges erzählen?«, fragte Aurelia, während sie sich in ihren Bademantel einwickelte und sich bemühte, es sich auf dem Klodeckel einigermaßen gemütlich zu machen. Je früher sie das Gespräch hinter sich brachte, umso besser.

»Ah ja. Hätte ich beinahe vergessen. Also: Weißt du noch, Professoressa Bianchi? Mathematik und Geografie?«

»Ja, Mamma, ich erinnere mich an sie. Immerhin hat sie mich die letzten vier Jahre bis zu meinem Abschluss unterrichtet.« Und sie war es auch gewesen, die Aurelia dazu inspiriert hatte, ebenfalls Mathematiklehrerin zu werden. Aurelias Neigung zu Zahlen war zwar schon immer offensichtlich gewesen, aber dass sie das zum Beruf machen könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen. Immerhin gab es für keines der Familienmitglieder, die aus der direkten Linie von Donna Lucia und ihrem Mann Tommaso entstammten, etwas Schöneres, als ihr jahrhundertealtes riesiges Landgut zu betreiben und einen nie enden wollenden Strom an Gästen zu bewirten. Noch nicht einmal Valentina, Aurelias Großmutter, konnte sich vorstellen, dass es Menschen gab, die sich lieber mit irgendetwas Theoretischem beschäftigten, als bis zu den Ellbogen in Teig zu stecken, riesige Töpfe Hackfleischsoße zuzubereiten oder meterlange Tafeln zu decken und Menschen darum herum zu versammeln. Obwohl sie mit Friedrich verheiratet war, dem einzigen Zahlenmenschen außer Aurelia, der zu ihrer Familie gehörte. Und Valentina hatte ihn immerhin völlig freiwillig geheiratet.

Jedenfalls hatte sich Professoressa Bianchi damals sehr für Aurelia eingesetzt und war sogar zur Fattoria gekommen, um mit ihren Eltern über Aurelias Begabung zu sprechen und über ihren Wunsch, Mathematik zu studieren. Ihrem Einsatz und Papis Unterstützung hatte Aurelia es zu verdanken, dass ihre Eltern nicht nur akzeptiert hatten, dass sie Lehrerin werden wollte, sondern auch, dass sie in Bologna studieren durfte. Wie ihr das gelungen war, blieb für Aurelia nach wie vor ein Rätsel. Aber sie hatte es geschafft. Es grenzte an ein kleines Wunder. Und seit es Jacob in ihrem Leben gab, war er ihr Bollwerk gegen die Ansprüche ihrer Familie und derjenige, der ihr immer wieder den Kopf gerade rückte, wenn sie Zweifel daran hegte, ob es richtig war, ihren Platz und die Distanz zur Fattoria und der Familie zu behaupten. Er wischte ihr schlechtes Gewissen, die Sehnsucht nach zu Hause und die Zweifel, ob sie ihren Platz schon gefunden hatte, mit einem Lächeln beiseite. Aurelia war süchtig danach und brauchte diese Bestätigung. Verträumt schob sie die Brille nach oben. Jacob war nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihr Anker.

»Aurelia? Hörst du mir überhaupt zu? Also, was ich sagen wollte: Professoressa Bianchi hört nach diesem Schuljahr auf!« Begeisterung schwang in ihrer Stimme mit.

»Ja?« Aurelia rieb sich die Augen. Irgendwie erschloss sich ihr nicht, warum ihre Mutter deshalb mitten in der Nacht bei ihr anrufen musste.

»Biscottini, Liebes, das ist doch supertoll, eh?«

»Mamma, ich …« Professoressa Bianchi, Rente, Schuljahr, supertoll, eh … Es war einfach zu früh zum Denken. Um was ging es gerade?

»Jetzt kannst du doch endlich nach Hause kommen! Musst du sogar! Du wirst hier gebraucht! Als Mathematiklehrerin an deiner alten Schule! Biscottini, das wäre doch ideal!« Aufgeregt und sehr zufrieden mit sich schnaufte sie in den Hörer.

Aurelia sah ihre Mutter förmlich vor sich, wie sie euphorisch in ihrem Kaffee rührte und nebenher schon mal plante, was sie bei dem »Willkommen zu Hause, Aurelia!« – Essen kochen würde. Ein Wort der Zustimmung von ihr, und Roberta würde einkaufen gehen, das Bügelbrett aus Aurelias altem Zimmer räumen, damit sie wieder dauerhaft dort einziehen konnte, und im Sekretariat des Liceo Scientifico Ernesto Basile, ihrer alten Oberschule, mit einem Korb selbst gebackener Cornetti vorbeigehen, um den Damen mitzuteilen, dass sie sich keine Sorgen um die Nachfolgerin von Professoressa Bianchi machen müssten, denn die sei dank ihrer Tochter gewährleistet. Ideal. In Roberta Bartolamis Augen jedenfalls.

»Mamma, ich …«

»Also, wann kommst du, Kind?« Roberta konnte sehr stur und hartnäckig sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Aurelias Blick fiel auf Jacobs Anzug, den er am Abend zuvor im Bad ausgezogen hatte, um sie nicht zu wecken. Sie musste bei der Erinnerung daran lächeln, wie er sie auf den Scheitel geküsst und ein »Gute Nacht, amore« geflüstert hatte, als er sich neben sie legte. Er hatte ein wenig nach Alkohol gerochen und nach dem Parfüm, das sie so liebte. Was hatte sie nur für ein Glück mit diesem liebevollen und fürsorglichen Mann. Er gab ihr Liebe und Halt. Nein, sie konnte hier nicht weg. Sie wollte hier nicht weg. Und sie würde hier auch nicht weggehen. Adesso basta. Stur und hartnäckig war Aurelia auch.

»Mamma, ich war doch erst Ostern zu Hause. Das ist gerade mal zwei Wochen her. Nicht mehr lange, und es ist Sommer, dann bin ich schon wieder da.«

Sie hörte ihre Mutter seufzen.

»Mamma? Nur noch sechs Wochen? Ein bisschen mehr als einen Monat, bene? Ich liebe dich, Mamma. Ti amo, cara Mamma! Sei nicht enttäuscht, aber ich bleibe hier. Okay?«

Roberta seufzte noch einmal. Noch lauter.

»Weißt du, es ist immer das Gleiche, Aurelia. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Das wirst du schon sehen! Invan si pesca, se l’amo non ha l’esca! Man fischt umsonst, wenn der Angelhaken keinen Köder hat! Hättest du die Liebe hier gefunden, gäbe es genug Gründe, um nach Hause zu kommen. Alles nur wegen diesem Jacobo, diesem Amerikaner!«

Aurelia musste lachen. Je wütender Roberta war, umso besser wurden ihre Sprichwörter. »Deine Pasta alla Norma ist doch der beste Köder der Welt!« Beim Gedanken an ihr Lieblingsgericht lief Aurelia das Wasser im Mund zusammen. Robertas Nudeln mit Auberginen, Tomaten und Ricotta konnte Aurelia wirklich zu jeder Tages- und Nachtzeit essen.

Roberta schnaubte nur.

»Hab einen schönen Tag und sag’ Grüße an Papi und Nanna, an Donna Lucia, an Nando, Stella und Gianni! An Babbo! Und natürlich an Professoressa Bianchi, wenn du sie siehst!«

Aurelia hörte, wie Roberta ein drittes Mal seufzte. Aber auch wenn sie kämpfte wie eine Löwin, wirklich damit gerechnet, dass Aurelia Ja sagen würde, hatte sie vermutlich nicht.

»Das mache ich, biscottini, meine Kleine. Bist du wirklich ganz sicher? Und passt du gut auf dich auf, ja? Es ist bestimmt kalt in Bologna. A presto! Bis bald, ja? Ruf mich an. Vielleicht in einer Woche oder … morgen oder so. Addio, amore. Ich liebe dich!«

Bald war in ihrer Familie mehr als relativ. Während Aurelia fand, dass es reichte, einmal pro Woche (und dann zu einer passenden Uhrzeit) zu telefonieren, galt für ihre Mutter die Zeitspanne von vierundzwanzig Stunden bis zum nächsten Anruf als gerade noch erträglich. Maximal achtundvierzig Stunden ohne persönlichen Kontakt beunruhigten sie, und spätestens nach drei Tagen war sie bereit, die carabinieri loszuschicken, weil ganz bestimmt etwas passiert war. Sie und alle anderen Familienmitglieder waren unglaublich fürsorglich. Freundlich ausgedrückt.

Plötzlich hatte Aurelia einen Kloß im Hals. Sie spürte es eben doch, das Heimweh nach dem Hof, den tausend Geräuschen der weiten Natur, der Stille an einem heißen Julitag, nach ihrer Familie, dem Gelächter und Krach am großen Küchentisch. Nach einfach allem, was das große Zuhausegefühl ausmachte – und was ihr innerhalb kürzester Zeit dort sehr schnell und sehr zuverlässig auf die Nerven ging. In diesem Moment aber hätte sie viel dafür gegeben, ihre Mutter kurz zu umarmen, einen Espresso vor der Küchentür in der Sonne zu trinken oder besser noch auf der Bank unter dem alten Mandelbaum mitten im Hof. Sie schloss die Augen. Es waren genau zweiundzwanzig Schritte von der Küchenschwelle bis zu Donna Lucias Lieblingsplatz. Aber nein. Sie hatte sich entschieden. Wieder einmal. Und es war die richtige Entscheidung, da war sie sich sicher. Sie würde sich einfach an Jacob kuscheln und wieder einschlafen und auf sein Lächeln warten, das noch vor dem Aufstehen jeden geringsten Zweifel und winzigen Funken Heimweh in Luft und Leichtigkeit auflösen würde. Beim bloßen Gedanken daran fühlte sie sich schon besser, und sie lächelte, während sie noch einmal über den teuren Stoff seines Anzugs strich.

Unter ihrer Hand vibrierte es. Offensichtlich hatte er vergessen, sein Handy aus der Tasche zu nehmen und es auszuschalten. Kein Wunder, es musste weit nach Mitternacht gewesen sein, als er heimgekommen war. Gedankenverloren angelte Aurelia nach dem Telefon, um es mit zur Ladestation im Flur zu nehmen. Bestimmt würde er sich darüber freuen, dass es aufgeladen war, wenn er wach wurde. Es gab schließlich nichts Lästigeres als ein mobiles Telefon mit leerem Akku.

Es vibrierte wieder. Und während sie sich überlegte, wer außer ihr wohl ebenfalls das Vergnügen hatte, an einem Samstagmorgen um halb sechs wach zu sein, las sie die Nachricht, die ihre Welt, wie sie sie bis vor ein paar Sekunden gekannt hatte, zum Einsturz brachte. Denn offensichtlich machte die einfachste Rechenaufgabe der Welt seit heute keinen Sinn mehr. Eins und eins ergab nicht mehr zwei. Eins plus eins ergab drei, wovon die Dritte keine Unbekannte war. Verdammte Mathematik.

M. oder die Macht feindlicher Buchstaben

Dritte Aprilwoche, immer noch Bologna

Ich danke dir für den wundervollen Abend und die leidenschaftlichen Stunden. In Liebe, M.

Aurelias Augen hatten die Worte gelesen, und sie waren auch bis zu ihrem Gehirn durchgedrungen, aber ihr Herz weigerte sich hartnäckig zu begreifen, was da stand. Liebe? Leidenschaft? M.? Und das alles auf Jacobs Handy? Das konnte, das durfte einfach nicht stimmen!

Während sie mit dem Mobiltelefon in der Hand am Türrahmen entlang hinabglitt, fragte sie sich kurz, ob es angemessener wäre, sich in dieser Situation zu übergeben, ohnmächtig zu werden oder den Mann, dem sie bis vor ein paar Sekunden absolut vertraut hatte, hysterisch kreischend aus dem Bett zu zerren und zur Rede zu stellen. Am liebsten hätte sie alles auf einmal getan. Zumindest Letzteres entsprach ihr jedoch leider überhaupt nicht. Allerdings gelang es ihr auch nicht, mittels Buchstabenzählen oder der Fibonacci-Reihe ihren Geist zu beruhigen. Geschah das gerade wirklich? Oder spielte ihr jemand einen üblen Streich? Aber noch nicht einmal ihr kleiner Bruder Gianni würde so etwas Grausames tun. Dies war ihr Leben, alles, was sie hatte, alles woran sie glaubte – und dennoch schien es vertauscht worden zu sein, und zwar mit einem, in dem es keinen Boden gab, keine Möglichkeit, die Gefühle zu sortieren, vernünftig nachzudenken, die Logik zu bemühen und eine Erklärung für all das zu finden. In diesem Leben gab es nur tiefe, unendliche Schwärze.

Ihre Kraft reichte gerade so, um regungslos auf dem Boden zu verharren. Aurelia bestand nur noch aus Einzelteilen, die nichts mehr miteinander anfangen konnten. Glücklicherweise hatte irgendein eigenständig arbeitendes inneres Schaltrelais übernommen und sorgte wenigstens dafür, dass sie atmete und ihr Herz schlug, wenn auch in einem grausamen Takt, während ihre Seele auf Stand-by-Modus geschaltet hatte. Aurelia lief auf Autopilot. Einatmen. Ausatmen. M. Ein einziger Buchstabe. Und so viel mehr. Eine Eins war eine Eins. Eine Vier war eine Vier. Selbst dreihundertfünfundzwanzigtausend war auch nur eine Zahl. Aber dieses M. war eben nicht einfach nur eine Zickzacklinie auf dem Papier, nicht nur der Buchstabe zwischen L und N, der Anfangsbuchstabe von Meer, Mais oder Mozart. M. war ein Schriftzeichen gewordener Albtraum, eine ganze Geschichte von Betrug und Lügen, von Verrat und verschenkter Liebe. M. stand für einen Namen. Und zwar einen, den Aurelia kannte. Der gestrige Abend, das Zusammentreffen mit Melissa im La Rosa, Aurelias merkwürdiges Gefühl, überflüssig zu sein, und Jacobs Beteuerungen, dass sie sich das nur einbildete, all das lief wie ein Film noch einmal vor ihrem geistigen Auge ab. Sie bemühte sich, die herumwirbelnden Gedanken, Gefühle und Bilder in ihrem Kopf zu beruhigen, um einen Anfang zu finden. Etwas, woran sie eine Erklärung für diese Situation knüpfen konnte. Aber es gelang ihr nicht. Und nicht eine einzige Zahl, die ihr hätte helfen können.