Paukenschläge aus dem Paradies - Ethel Smyth - E-Book

Paukenschläge aus dem Paradies E-Book

Ethel Smyth

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Beschreibung

Radikal, queer und urkomisch! Komponistin, Pionierin, Freigeist und Frauenrechtlerin – Ethel Smyth hatte viele Gesichter. Ihre außergewöhnliche musikalische Begabung, ihr rebellisches Wesen, ihre Zielstrebigkeit und die Leidenschaft, mit der sie ihre beruflichen und politischen Ziele verfolgte, beeindrucken bis heute. Mit wilder Entschlossenheit überwand sie alle gesellschaftlichen Hürden auf dem Weg zur professionellen Komponistin. Sie verkehrte mit Clara Schumann, Edvard Grieg und Johannes Brahms, war offen lesbisch, eng befreundet mit Emmeline Pankhurst und Virginia Woolf und komponierte die berühmte Suffragetten-Hymne »The March of the Women«. In ihren Erinnerungen lässt sie ihr außergewöhnliches Leben mit viel Witz, Charme und Selbstironie Revue passieren. »Sie ist vom Stamm der Pioniere, der Bahnbrecher. Sie ist vorausgegangen und hat Bäume gefällt und Felsen gesprengt und Brücken gebaut und so den Weg bereitet für die, die nach ihr kommen.« Virginia Woolf über Ethel Smyth

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ethel Smyth

Paukenschlägeaus dem ParadiesErinnerungen

Herausgegeben und aus dem Englischenübersetzt von Heddi Feilhauer

Inhalt

Sturmvogel Ethel

Leipziger Studienjahre

Imperiale Unterstützung

Ein stürmischer Winter

Strandrecht

Die Suffragetten

Meine Flucht nach Ägypten

Resümee meines Lebens

EpilogNachtrag ins Buch der Passionen

Anmerkungen der Herausgeberin und Übersetzerin

Sturmvogel Ethel

Eines Tages, es war zu der Zeit, als mein Bruder Johnny noch lebte, der eine Begabung für Mathematik und ein phänomenales Gedächtnis hatte, versuchten wir Kinder, das Datum unserer frühesten Erinnerungen herauszufinden. Bei mir handelte es sich um einen Sprung aus unserem Ponywagen, während dieser den St.-Mary-Cray-Hügel heraufkroch, und der damit endete, dass ich rücklings auf dem Weg landete. Ich hatte nicht genau zugeschaut und so war mir entgangen, dass Johnny und der Stallknecht immer in Fahrtrichtung absprangen. Auf diese Weise begann meine bewusste Lebensrückschau mit der ersten von einer langen Reihe schmerzhafter Landungen – gar kein schlechter Beginn!

Sidcup Place, in der Gemeinde Footscray in Kent, war ursprünglich ein kleines quadratisches Haus im Queen-Anne-Stil, dessen weitläufiger Garten zur Straße hin von einer hohen, efeubewachsenen Mauer geschützt war. In späteren Zeiten war es durch einen geräumigen Flügel erweitert worden, der sich die Gartenseite entlang erstreckte, wie eine mir damals endlos erscheinende Galerie, in der es sich herrlich toben und herumschreien ließ.

Es gab weiträumige Stallungen, und darüber erhob sich der uralte Kornspeicher, über den uns Kindern erzählt wurde, er sei durch und durch rattenverseucht – und das erfüllte seinen Zweck. Zur einen Seite des Kricketrasens standen eine riesige Akazie in nimmermüder Blüte und eine herrliche Zeder, zur anderen lag der Küchengarten, auf dessen hohe Mauern heimlich hinaufzuklettern und nach verbotenen Früchten zu angeln eine besondere Mutprobe war. Einmal erwischte uns der Gärtner, nahm die Leiter weg und drohte uns mit einer langen Gerte: »Jetzt hab ich euch, ihr Frettchen«, worauf ich Johnnys Beispiel folgte und, so klein ich auch war, in die rettende Tiefe sprang. Zwischen herabhängenden Weiden schipperten wir in Fässern und Bottichen auf dem Ententeich herum, an dessen Ufer Johnny und meine große Schwester Alice zusammen mit einem Freund in einer alten Ulme nach dem Vorbild des allseits beliebten Romans ›Die Schweizer Familie Robinson‹ von Johann Wyss ein Baumhaus gebaut hatten, was uns den Spitznamen ›The Smyth Family Robinson‹ einbrachte. Es hatte einen festen Boden und es gab jede Menge Bücher – wenn wir besonders brav waren, durften wir dort oben sogar Tee trinken.

Mein großer Bruder Johnny war mein Vorbild, denn ich bevorzugte seine Jungenspiele – eine Vorliebe, der er mit einer Mischung aus Missbilligung und Herablassung begegnete. Ich bemerkte bald, dass ich höher kletterte und waghalsiger war als er, was unsere Sympathie füreinander zuweilen etwas eintrübte; vielleicht fand er auch meine Art, wegen der mich meine Mutter ›Sturmvogel‹ nannte, viel zu ungestüm, denn er war ruhiger und gesitteter.

Ich erinnere mich noch besonders gut an zwei Geschichten. Einmal versprach mir ein Schulfreund von Johnny ein Sixpencestück, wenn ich auf Fairylight, unserem kräftigen, muskulösen Hausschwein, über den Hof reiten würde. Aus irgendeinem Grund waren wir alle gerade blitzsauber, gestärkt und herausgeputzt, und als ich nach meiner Landung auf dem Misthaufen von der erbosten Kinderfrau in das Arbeitszimmer meines Vaters gezerrt wurde, geriet er völlig außer Fassung.

Ein andermal bestach ich, ebenfalls mit Sixpence, einen der Viehzüchter, damit er mich beim Schweineschlachten zusehen ließ – was meinen großen Bruder zutiefst erschütterte, denn ein solcher Anblick war doch reine Männersache! Das folgende Donnerwetter war im Prinzip überflüssig, denn noch Monate danach wurde ich grün im Gesicht, wenn ich irgendwo ein Schwein quieken hörte.

Ich glaube, wir waren ein ziemlich aufsässiger und streitlustiger Haufen. Mein Vater heftete sogar einmal einen Zettel an die Wand: »Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, dann halt gefälligst den Mund!« Ein Diktum, das zwar ein hervorragendes Erfolgsrezept für den gesellschaftlichen Umgang war, aber völlig unbrauchbar in einer Kinderstube wie der unsrigen, in der die unvermeidlichen Wortgefechte fast immer zu Handgreiflichkeiten führten – wir liebten den offenen Kampf. Ich erinnere mich sogar daran, meine Schwester Mary mit einem Messer am Kinn verletzt zu haben, worauf sie mich mit einer Gabel bedrohte, die meinem Auge gefährlich nahekam.

Wir wurden natürlich für unser Benehmen zur Rechenschaft gezogen und des Öfteren hart bestraft, wobei Ohrfeigen damals als ungefährlich galten und von meiner Mutter mit ihrem Sinn fürs Dramatische perfekt eingesetzt wurden. Mit zusammengepressten Lippen holte sie aus, hielt die Handfläche nahe vor unsere Augen, so als wolle sie sagen: »Schau sie gut an! Gleich wirst Du sie zu spüren bekommen« – und peng hatte man eins auf die Ohren bekommen!

Die einzige der sechs Smyth-Töchter jedoch, die einmal richtig verprügelt wurde, war ich. Es geschah, nachdem ich beim Stibitzen von Malzbonbons erwischt worden war und dennoch den Diebstahl hartnäckig leugnete. Mein Vater schlug mit Großmamas Stricknadeln zu, den langen mit dem Elfenbeinknopf an einem Ende. Er war eigentlich kein brutaler Mann und die Gegner der körperlichen Züchtigung werden sagen, dass es die Schläge selbst waren, die ihn immer mehr in Rage brachten, denn als ich schrie, sagte er nur: »Je mehr Lärm du machst, desto mehr schlage ich zu.« Und er schlug so hart zu, dass Alice, die bei einer Tante zu Besuch gewesen war, noch nach zwei Wochen beim Baden die Striemen bemerkte. Ich sagte ihr, sie kämen vom Sitzen auf meinem Reifunterrock. Noch Jahre später war meiner Mutter der Gedanke an diese Züchtigung unerträglich, aber ich für meinen Teil kann sagen, dass sie keine tiefe Verletzung bei mir hinterlassen hat.

Es wird niemanden verwundern, dass ich nichts für Puppen übrighatte, aber eigenartigerweise galt das auch für meine ältere Schwester Mary. Natürlich besaßen wir welche, aber sie waren meist unter strikter Quarantäne, weil wir ihnen immer hoch ansteckende Krankheiten andichteten. Die Tatsache, dass sie uns einfach nur langweilten, hätte zu viele Diskussionen heraufbeschworen, also erschien uns dies der plausibelste Grund, um die Puppen loszuwerden.

Damals wurde oft mein geliebtes Kricket gespielt, aber leider nicht auf Kindergeburtstagen. Ich hasste diese Gartenpartys, denn man wurde zu den unpassendsten Tageszeiten furchtbar fein gemacht, musste sich wie eine kleine Lady benehmen und nur dumm herumstehen; was bedeutete, dass der männliche Teil der Gesellschaft, der im Privaten nicht ohne uns auskam, uns in der Öffentlichkeit einfach überging – genau wie das viel später während der langen Kämpfe für das Frauenwahlrecht der Fall war. Und man kann sich vorstellen, wie sehr das schon damals einen tomboy, ein burschikoses Mädchen wie mich, geärgert hat.

Die folgende Episode aus meiner Kindheit wurde aus dem ersten Teil meiner Autobiografie, die während des Krieges 1917 in Paris erschien, auf ausdrücklichen Wunsch des englischen Verlegers, der dort auf Fronturlaub war (und vielleicht noch unter dem Kriegstrauma litt) gestrichen, obwohl zwei gute Bekannte ihn beschworen, sie unbedingt zu veröffentlichen, weil sie so herrlich komisch sei.

Wir Puritaner verschließen für gewöhnlich jegliche einsilbigen oder sonst haarsträubenden Wörter tief in unserer Brust. Aber nun, fast zwanzig Jahre später, versichern mir meine literarischen Freunde, dass die Prüderie der Vergangenheit angehört. ›Stimmt das wirklich?‹, fragte ich mich, gab es da nicht vor Kurzem diese Verurteilung eines Lyrikers, dessen Verleger seine Gedichte aus eben diesem Grund nicht nur ablehnte, sondern ihn schließlich hinter Gitter brachte? Und in mir steigt das Bild einer Dame von unvorteilhaftem Äußeren auf, wie sie für ihre Ausdrucksweise, die alles andere als ladylike ist, an den Pranger gestellt wird. Aber das wäre doch etwas – mit einem Doktortitel in Musik unerkannt vorgeladen zu werden! Inmitten dieser hinreißenden Roben bei Gericht zu sitzen, so ganz dem Protokollbüro des Lord Chamberlain zu entsprechen …

Risiko oder nicht, welche Konsequenzen auch folgen mögen, ich kann diese Geschichte, auch ›Der Wasserfall‹ tituliert, nicht länger für mich behalten: Wie die meisten kleinen Mädchen beneidete ich die Jungen in vieler Hinsicht, aber hauptsächlich wegen ihrer Kleidung, die jene Schwierigkeiten oder Gefahren gar nicht erst aufkommen ließ, die das Leben ihrer athletischen Schwestern überall und immer behinderten. Was für ein Segen, beim Bäumeklettern nicht dem Risiko ausgesetzt zu sein, plötzlich an deiner Schärpe mitten in der Luft festzuhängen; oder über einen Schubkarren zu springen, ohne dass sich dein Zeh im Kleidersaum verfängt; oder ungehindert von Unterröcken durchs Gebüsch zu kriechen; oder hinzufallen, ohne der zusätzlichen Blamage darüber ausgesetzt zu sein, was unsere französische Gouvernante eine entblößende ›exposition geben‹ nannte! Wie wunderbar müsste ein Leben ohne Haken und Ösen und Bänder und Nadelschließen sein, ein Leben, das nur auf soliden Knöpfen beruhte!

Wir Kinder liebten das Verkleiden, das Herumwühlen in unserer großen Kleiderkiste von ›grandeurs‹, in der es alte Ballkleider, Kränze und Flitter meiner Mutter gab, alte Überbleibsel aus Vaters Militärzeit sowie Federn, Bärte, abgelegte Sachen von uns und vieles mehr.

An einem kalten Tag in den Herbstferien, an dem wir uns, wie es unser Fundus hergab, Fenimore Coopers Wildwestgeschichten angenähert hatten, stürzten wir allesamt mit Kriegsgebrüll in den Garten.

Ich hatte mir Sachen von meinem Bruder ausgesucht, die ich besonders bewunderte. Er war zwölf und ich erst acht und meine Idee wurde als herabwürdigend für die Manneskleidung angesehen, bis ich meinem Outfit eine goldverzierte Kappe der Nachschub-Artillerie und eine tiefrote Bauchbinde hinzufügte und damit gnädig zum Buschpolizisten ernannt wurde.

Meine Aufgabe war es, mich in den Büschen versteckt zu halten, um den Apachen aufzulauern. Aber sehr bald kam der Moment, in dem brave kleine Mädchen erklären, dass sie ihr Taschentuch im Haus vergessen hätten und ganz schnell wieder zurück wären. Nicht so diese Buschpolizei. Jetzt war die Chance gekommen, den größten aller Vorteile männlicher Kleidung auszuprobieren: Hatte ich nicht gesehen, wie mein Bruder hinter einem Baum verschwand – um im Nu wieder aufzutauchen und harmlos dreinzuschauen, als habe er nach einem Vogelnest Ausschau gehalten?… Die Apachen schienen schon schwächer zu werden … also keine Zeit mehr zu verlieren … ich sprang schnell tiefer ins Gebüsch …

Oh Graus! Mitten in die niederschmetternde Erfahrung hinein, wie wenig meine Vorstellung der realen Situation entsprach, ertönten mit dem Getrampel heraneilender Schritte die Rufe: »Ethel! Sammel Holz, wir bauen ein Wigwam, schnell, schnell, wir brauchen Holz!«

So gut wie erwischt in einer schockierenden Lebenslage, viel zu durcheinander für eine Ausrede, warum ich nicht ins Haus gelaufen war, wurde ich in meinem ganzen Elend dazu verdonnert, den Rest des eisigen Nachmittags meinen älteren Geschwistern Zweige anzureichen. Ich glaube, selbst der strengste Moralist muss zugeben, dass das Strafmaß weit über die Schwere der Verfehlung hinausging.

Die Tat wurde nie öffentlich gemacht; in Fällen wie diesen besitzen Kinder eine unendliche Findigkeit. So seltsam es für ein Landkind wie mich klingen mag, es dauerte noch Jahre, bevor ich wirklich begriff, warum dieses Experiment unweigerlich danebengehen musste. Kinder können sehr unaufmerksam sein, und das verhielt sich bei mir so.

Ich will nur hinzufügen, dass, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, vielleicht schon früher hätte ausdrücklich gesagt werden sollen, dass unser Wigwam genau an der Stelle gebaut wurde, an dem ein kleines Bächlein sich gurgelnd in den Teich ergießt. Und das ist der Grund – der einzige Grund –, warum diese Story später unter dem Titel ›Der Wasserfall‹ im New Statesman erschien. Der Herausgeber hat mir übrigens freundlicherweise eine Leserzuschrift zugeleitet, in der es heißt: »Es könnte Dame Ethel Smyth interessieren, dass das walisische Wort für Wasserfall Pistyll ist …«

In dieser Phase meiner Kindheit hatte ich großen Respekt vor meinem Vater, aber meine Mutter vergötterte ich. Oft lag ich schlaflos im Bett und weinte bei der Vorstellung, dass sie einmal alt werden und weniger hübsch sein könnte. Abgesehen davon machte eine wilde Zuneigung zu älteren Mädchen und Frauen einen großen Teil meines Gefühlslebens aus, und ich steigerte mich in diese Liebesqualen noch hinein, indem ich mir vorstellte, wie eine schreckliche Krankheit mir das Objekt meiner Leidenschaft entreißen würde. Ob das einfach Morbidität war oder die frühzeitige Intuition einer Wahrheit, wie sie von den Dichtern seit jeher beschrieben wird – von Jonathan und David bis Tristan und Isolde –, nämlich, dass Liebe und Tod Zwillinge sind, das weiß ich nicht. Nur, dass strotzende Gesundheit mich nicht von dieser Idee abhalten konnte. So verehrte ich zum Beispiel Ellinor B., eine kräftige junge Frau, die mit der Hundemeute jagte, eine fantastische Bogenschützin war und lauthals im Kirchenchor sang: Ein kerngesunderes Beispiel einer jungen Frau hätte man nicht finden können. Dennoch war ich überzeugt, sie würde demnächst von der Schwindsucht dahingerafft. Als ich meine Besorgnis einem älteren Bekannten mitteilte, meinte der jedoch fachkundig: »Es ist wohl möglich, dass sie vor lauter Sucht dahinschwindet, aber nicht in dem Sinn, den du meinst!«

Meine Mutter war sehr sprachbegabt. Sie sprach fließend Französisch, denn sie hatte, bis zu deren Mesalliance, bei meiner geheimnisumwobenen Bonne Maman in Paris gelebt, von der es unter anderem hieß, sie sei sehr schön gewesen, habe eine wunderbare Stimme gehabt und in ihrem Salon Chopin persönlich empfangen. Zudem konnte meine Mutter Deutsch, Italienisch und Spanisch, obwohl sie diese Länder nie besucht hatte, und sie hatte in den Jahren, in denen mein Vater in Indien stationiert war, dort Hindustani gelernt. Zudem besaß sie eine außerordentliche, angeborene Musikalität. Alte Freunde sagten immer, dass ihr Gesang in der Jugend Steine zum Schmelzen gebracht hätte, was ich sehr wohl glaubte, denn obwohl sie später vieles davon verloren hatte, blieb noch genug zurück, sodass ich ihr ganz besonderes, bewegendes Timbre kennenlernen konnte.

Was meine eigene Musikalität betrifft, so erinnere ich mich an kein ernsthaftes Interesse, bevor wir nach Frimhurst umzogen. In Sidcup habe ich jedenfalls noch nicht komponiert, aber Mary und ich sangen einfache, kleine Duette, wobei ich die zweite Stimme und das Klavier übernahm. An der Art meiner Begleitung hätte man vielleicht meine Begabung erkennen können, aber dazu wäre ein kundigeres Ohr nötig gewesen als das meiner Mutter, die keine fachliche Ausbildung hatte. Das Transponieren in eine andere Tonart und das Spiel nach Gehör geschahen bei mir ebenso selbstverständlich wie bei ihr, und so habe ich sie damit nicht beeindruckt. Vielleicht dachte sie auch, ich sei schon selbstsicher genug, als dass man von diesem Punkt viel Aufhebens machen sollte. Also spielte die Musik zunächst keine große Rolle für mich.

Der Umzug war nötig geworden, weil mein Vater, Generalmajor Smyth, der nach der Rückkehr von seinem Einsatz in Indien den Posten des Kommandeurs der Königlichen Artillerie in Aldershot erhalten hatte, den Dienst quittierte. Es war im Jahr 1872, als einigen wohlverdienten Offizieren seines Ranges die Möglichkeit geboten wurde, sich mit der Beförderung zum General und der stattlichen Generalspension in den Ruhestand zu begeben. Da er eine große Familie zu versorgen hatte und seine nächste Versetzung ihn wahrscheinlich wieder nach Indien geführt hätte, nahm mein Vater das Angebot an und kaufte Frimhurst, das in der Gemeinde Frimley liegt, einige Meilen entfernt von Farnborough; dort lebten wir bis 1894.

Es war eine kluge Entscheidung, dass der alte Soldat seinen zivilen Wohnsitz nicht zu weit entfernt von seinen weiterhin aktiven Kameraden wählte; ich glaube, er liebte es, dass einige seiner früheren Untergebenen, die inzwischen weiter die Leiter hinaufgestiegen waren, ihm immer noch mit Verehrung begegneten. Er konnte sogar nicht weit von unserem neuen Grundstück manche Übungseinsätze beobachten; und da er nicht zu den Veteranen gehörte, die stets der Meinung sind, dass alles den Bach heruntergeht, nur weil sie ausgeschieden sind, führte er mit den Mitgliedern seiner alten Einheit die lebhaftesten Unterhaltungen über technische und sonstige Verbesserungen und Neuheiten in der Armee.

Der Kontakt zu den ›nice people‹ in der Umgebung von Frimley wurde gewissenhaft gepflegt. Nachbarschaft und Unterhaltung wurden, wie der sonntägliche Kirchgang, als Pflichtübung betrachtet; wer einen Garten hatte, gab Gartenpartys, wer es sich leisten konnte, gab Dinnerpartys, wo nach dem Essen schreckliche musikalische Darbietungen stattfanden. Einer unserer ›nice people‹-Nachbarn erschien zu jeder Einladung mit seinem Kornett, auf dem er ›Ah, che la morte ognora‹ aus Verdis Troubadour zum Besten gab, wozu seine Frau sanft lächelte; sie erzählte immer, dass sie sein Kornett auch deshalb so schätze, weil der Transportkoffer ihr in der Kutsche die Füße so schön vor der kalten Luft schützte.

Ich weiß noch, dass eine gewisse, unausgesprochene moralische Rigorosität vorherrschte. Über ein Ehepaar ging das Gerücht, dass vor langer Zeit die Dinge zwischen den beiden nicht so waren, wie sie sein sollten. Er war das ziemliche Gegenteil eines Schwerenöters, ein dicklicher, einfältig aussehender Kerl, sie hochgewachsen und elegant. Beide befleißigten sich eines unterwürfigen, fast entschuldigenden Tons, was nur rechtens war, wie man fand, denn es gab da wohl etwas Undurchsichtiges, wenn überhaupt … und es war schon so lange her, dass man nicht mehr so recht wusste … aber der dunkle Fleck blieb. Immerhin, sie lebten mitten unter uns, kinderlos, mittelalt und eng verbunden in ehelicher Gemeinschaft. Nichtsdestoweniger war die Ausgrenzung ihr Schicksal geworden, eine zwar gemilderte, aber unabänderliche. Zu großen Gartenpartys wurden sie eingeladen, zu kleineren so gut wie nicht, zum Dinner niemals. Doch, einmal hat die ehrenwerte Mrs. Soundso, die Frau des Offiziers der Führungsakademie, deren Namen ich vergessen habe, aber deren freundliches Herz ich noch nachträglich preise, diese Außenseiter tatsächlich zum Dinner gebeten. Und damit schossen ihre Aktien durch die Decke. Doch da die ehrenwerte Mrs. Soundso zu den Zugvögeln der Garnison gehörte, konnte ihre Extravaganz nach ihrem Weggang nicht die gefestigte Meinung der eingesessenen Gemeinschaft ändern; das arme Ehepaar wurde wieder »auf Eis gelegt«.

Frimhurst wurde nach dem Kauf erweitert, wir durften nie nach den Kosten fragen, die die Schätzungen wohl weit übertrafen. Es wurde sogar ein Sandplatz für Tennis angelegt (dummerweise lag ein Abwasserkanal in der Nähe, sodass mein Vater bei einer bestimmten Windrichtung immer von einem ›herzhaften Stink‹ sprach). Da wir nun wohlhabender waren, kaufte er einige Pferde hinzu, es wurden Zäune gesetzt, und er ermutigte, nein, drängte uns geradezu, uns mit den Pferden auf den angrenzenden Feldern nach Herzenslust auszutoben. Marys Sache war das überhaupt nicht, aber als sie unter meines Vaters Zurufen immer schneller ritt und zweimal stürzte, hielt er sie sofort wieder dazu an, erneut aufzusteigen. Ein Elternteil, das seine Kinder mehr ermutigte, Risiken einzugehen, als er es tat, kann man sich kaum vorstellen. Er traute uns viel zu und wusste, wir konnten auf uns aufpassen; wenn wir wieder einmal nach einem unserer notorischen Unfälle von einem halsbrecherischen Wagenrennen zurückkamen, fragte er immer als Erstes: »Das Pferd ist doch nicht verletzt?«

Nach seiner Pensionierung entwickelte mein Vater ein stärkeres Interesse an den landwirtschaftlichen Möglichkeiten unseres Hauses, denen die Schönheiten des Blumengartens zum Opfer gefallen wären, wenn meine Mutter keinen Einspruch erhoben hätte; sie schätzte zwar frische Sahne und Eier, aber sie hatte etwas dagegen, dass die Hühner überall herumscharrten und die Kühe alles zertrampelten. Eine unserer Jersey-Kühe gab unübertroffen viel Milch, so viel wie zwei andere zusammen, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie sich eines uneingeschränkten Daseins erfreuen durfte. Manch eine Morgenandacht der Hausgemeinschaft musste mein Vater, der von seinem Lesepult die ungehinderte Aussicht auf den Rhododendron hatte, mit einem geflüsterten »Schnell, Boy – die Kuh!« unterbrechen, worauf der eben noch kniende Knecht sich auf Zehenspitzen hinausschlich. Und wieder wurde ein ›Vater Unser‹ mit lauten Warnrufen durchsetzt und mit Schlägen verstärkt. Diese Jersey-Kuh war eine ganz eigene Persönlichkeit. Sogar im kältesten Winter verweigerte sie den Stall und bestand darauf, im tiefen Schnee herumzuwandern, gut eingepackt in Sackleinen. In einem Winter erschien sie auf einmal in einem neuen Kostüm, einem schönen Aubusson-Teppich, der kein bisschen abgenutzt war; meine Mutter hatte sich an ihm sattgesehen und ihn voreilig im Stroh abgelegt, wo ihn der Stallknecht an sich genommen hatte, nicht, um ihn selbst zu benutzen, sondern für seine Jersey. Das Muster setzte sich aus lauter Kornähren und blühenden Zweigen zusammen – und wir Kinder glaubten fest daran, dass die Kuh auf diese Weise meinte, es sei Sommer, und daher mehr Milch gab.

Die Zeit in unserem neuen Haus Frimhurst teilt sich für mich in zwei Epochen, die der Gouvernanten und die der Mädchenschule. Unsere englischen und deutschen Gouvernanten bilden vor meinem inneren Auge eine lange, triste Prozession meist hässlicher, von chronischen Magenbeschwerden oder schlechter Laune geplagter Damen, denen es nur sehr bedingt gelang, den Unterricht spannend oder gewinnbringend zu gestalten. Wir waren sicher schwierige Schüler, frech und renitent, aber wir waren auch aufgeweckte Kinder.

Bis auf eine, die, ohne es wirklich zu beabsichtigen, meinen Lebensweg bestimmte, waren all unsere Erzieherinnen ziemliche Dilettanten. Das ganze Gouvernantensystem erscheint mir heute grässlich und ineffektiv, sogar als Kind bedauerte ich diese armen, unwilligen Eindringlinge in den familiären Kreis.

Als ich zwölf Jahre alt war, erschien ein ›neues Opfer‹ für unsere Streiche, doch diese Erzieherin hatte am Leipziger Konservatorium studiert, und sie war es, die mir die klassische Musik näherbrachte. Ich fing an, die leichteren der Klaviersonaten von Beethoven einzuüben, und damit betrat ich eine ganz neue Welt. Meine wahre Veranlagung war mir eröffnet worden, und ich fasste auf der Stelle den Entschluss, den ich dann sieben Jahre später umsetzte, in Leipzig zu studieren und mein Leben ganz der Musik zu widmen. Sofort erzählte ich allen von meinem Plan. Niemand nahm ihn ernst, was mich aber nicht störte – ich wusste, mein Traum würde irgendwie und irgendwann wahr werden, ich hatte keine Eile, denn mein Entschluss stand felsenfest. Ach, wie sehr habe ich später diese sieben verschwendeten Jahre bereut!

Kurz darauf wurden Mary und ich in ein Internat nach Putney geschickt, wo wir bis 1875 blieben. Es war unseren Eltern wärmstens von Mrs. Longman, der Gattin des bekannten Verlegers, empfohlen worden, und die Direktorin überzeugte meine Mutter vollends, als sie durchblicken ließ, dass die Töchter eines Baronet und anderer Honoratioren ihre Schule besuchten.

Mein Schulleben erscheint mir rückblickend wie ein geschlossener Block, es heben sich nur einige Details heraus. Natürlich vervollständigte ich den »Katalog meiner Passionen«, jener Liste von über hundert Mädchen und Frauen, die ich, wäre ich ein Mann gewesen, um ihre Hand gebeten hätte. Auf einem der Ausflüge, bei denen wir immer zu zweit Hand in Hand gehen mussten, klopfte mein Herz zum Zerbersten, als wir am Haus von Jenny Lind vorbeikamen. Die Berichte über ihre herausragende Stimme im Punch und von meiner Mutter hatten sie längst zu meiner angebeteten Heldin gemacht, und hätte mir damals jemand erzählt, dass ich diese schrecklich beeindruckende ›schwedische Nachtigall‹ einmal persönlich kennenlernen würde, wäre das Schulmädchen, das ich war, sicher völlig verrückt geworden. Für die Fächer Musik, Zeichnen, Astronomie und Chemie kamen eigens Lehrer aus London. Ich hatte begonnen zu komponieren, den Schwestern zu Hause meine Lieder und Hymnen beizubringen und dem Musiklehrer, Herrn A. S., meine Kompositionen zu zeigen. Ich glaube, ein Teil seines Lehrvertrages bestand darin, dass er seine eigenen Werke an die Eltern zu einem kleinen Preis verkaufen durfte; ich fand sie ziemlich uninteressant und schaute sie nicht einmal an, was nur verständlich ist, da ich mich bereits mit Schumann, Schubert und Beethoven beschäftigte.

Mary und ich meinten, dass wir im Großen und Ganzen doch einiges im Internat gelernt hatten, wobei ich immer noch denke, dass es sich dabei im Wesentlichen um das Strümpfestopfen und Einsortieren sauberer Laken in den Schrank handelt – nämlich immer schön unter den Wäschestoß, was ich auch beibehielt, als ich selbst ein Haus mein Eigen nannte. Und was das Stopfen betrifft – es ist doch viel mehr als nur nähen, es ist wie Brücken errichten und Häuser bauen (denn so erstellst du Putzträger für den Putz eines Gewölbes) oder wie Gartengestaltung (denn so kannst du etwas heranziehen, wo vorher nichts wuchs). Kurzum, es hat den Charme von all diesen Tätigkeiten, die mit der Formel beginnen: »Bei einer Öffnung beginnt man mit …«, und die ich tunlichst vermeide.

Gegen Ende der Schulzeit zählte Mary nicht nur jenen umschwärmten blonden Oxfordstudenten mit den grauen Augen, sondern viele weitere zur Schar ihrer glühenden Verehrer, wobei sie auch ihre früheren nicht vergaß. Johnnys langjähriger, enger Freund Maunsell B. brachte sich ernsthaft in Stellung und verlobte sich heimlich mit ihr – was seine Mutter Mrs. B. in höchste Aufregung versetzte, als sie zu ahnen begann, was da vorging; zwar war sie mit unserer Mutter befreundet, aber sie hatte nicht die Absicht, ihren geliebten einzigen Sohn ein Mädchen mit begrenzten Mitteln ehelichen zu lassen. Bekanntlich hatte mein Vater nach Beendigung seines Dienstes durch den Zusammenbruch der argentinischen Agra Bank leider einen Großteil seiner Ersparnisse verloren, nun ein geschmälertes Einkommen und sechs Töchter zu verheiraten! Aber in diesem Moment war Mrs. B. weit weg, und Mary und Maunsell saßen in der Abenddämmerung auf dem Sofa und baten um sanfte Musik. Und da ich, wie schon bemerkt, allen Liebesaffären wohlgesonnen war, entsprach ich ihrem Wunsch mit dem ersten Satz der Mondscheinsonate, der die emotionale Situation in besonderer Weise aufzunehmen schien. Wer auch immer meine musikalischen Darbietungen nicht zu schätzen wusste, diese beiden gehörten sicher nicht dazu.

Es kam der von mir lange gefürchtete Tag, an dem Mary ihr Debüt hatte und das Internat verließ. Das war schrecklich, aber schließlich gaben meine Eltern meinem Drängen nach, und ich durfte die Schule vorzeitig beenden; für die bereits gezahlten Gebühren nahm meine bedauernswerte Schwester Nina meinen Platz ein. Nun wurde ich zu Hause von meiner Mutter in Italienisch unterrichtet, was wir beide genossen, denn sie war eine famose Lehrerin. Ich unterzog mich außerdem dem lokalen Cambridge-Examen, fiel aber wegen schwerwiegender Mängel in Mathematik durch. Johnny ging wortlos darüber hinweg, aber unser stets herziger Cousin schrieb mir eine reizende Beileidskarte, auf der er seiner großen Freude Ausdruck verlieh, dass ich nun M.A. hinter meinen Namen setzen könnte, ›Mathematik Ausfall‹ – was ich gar nicht lustig fand.

Dann zog der Sommer von 1875 herauf, der die am meisten geliebte Tochter Alice aus dem Haus führen sollte – und in dem meine Mutter gleichzeitig den entsetzlichsten Kummer ihres Lebens erlebte. Alice war verlobt mit Harry Davidson, einem jungen Schotten, und die beiden warteten auf seine anstehende Beförderung, um zu heiraten, als auch Mary sich verlobte. Nicht etwa mit Maunsell B., sondern mit Charlie Hunter, dem Bruder einer Schulkameradin; im Juli war die Doppelhochzeit geplant und die Einladungen bereits verschickt. Da verschlechterte sich Johnnys Krankheit plötzlich dramatisch. Nach einem Reitunfall war er bereits seit Langem an den Rollstuhl gefesselt und das hatte zu monatelangem Siechtum geführt. Nun hatte sich ein Tumor in seinem Kopf gebildet, der zu platzen drohte. Seine letzten klaren Worte waren: »Lasst meine Krankheit nicht die Heirat der Mädchen aufhalten!« Da man jedoch hoffte, dass er noch eine Weile unter uns bliebe, hatten wir zwar die Einladungen zum Hochzeitsfest abgesagt, aber die Eheschließungen fanden früh morgens in der Kirche von Frimley statt – mit mir als einziger Familienangehöriger. Die beiden Bräutigame fuhren buchstäblich von der Kirchentür zurück nach London, nur um ein paar Tage später zu Johnnys Beerdigung wieder zurückzukommen. Als er starb, waren die Mädchen bei einer freundlichen Nachbarin, und Nelly erzählte, dass die Mutter sie tränenüberströmt mit der Nachricht an der Haustür empfing und dennoch versuchte, sie anzulächeln. Ein Bild des Jammers, das sie nie wieder verlassen hat.

Dies war meine erste Begegnung mit dem Tod, und sein fremdes, hartes Gesicht rief Schrecken und Schmerz hervor. Am Tag nach der Beerdigung fuhren die beiden jungen Ehepaare davon, und ich war fortan die Älteste der Geschwister im Haus.

Während all der Zeit, ob in der Schule oder zu Hause, hatte sich mein Lebensziel, wiewohl mitunter verdunkelt, doch niemals gewandelt. Es verhielt sich mit ihm ähnlich wie mit dem Basso Ostinato, der, bisweilen an eine weniger auffällige Position inmitten der anderen Stimmen tritt, wie mich meine Musikstudien gelehrt hatten, und es daher für weniger Kundige so scheint, als sei er ganz verschwunden.

Ich spielte in Gedanken die verschiedenartigsten Lebensentwürfe durch, wie zu heiraten, zu reisen, zum Katholizismus zu konvertieren oder sogar Nonne zu werden. Letzteres erscheint mir heute wie ein Fantasiegebilde, aber damals, gleich nach meiner Konfirmation, war ich der festen Überzeugung, und bin es in einem anderen Sinne immer noch, dass nur eine einzige Sache wirklich zählt – dein Verhältnis zu Gott. Und wenn dem so ist, wie steht es mit deinem Gehorsam gegenüber den Eltern? Ich wusste, dass mein Vater mir niemals gestatten würde, ins Ausland zu gehen, und sei es auch nur aus ökonomischen Gründen. Ich sah völlig ein, dass es einen Unterschied machte, einer verheirateten Tochter eine Mitgift mitzugeben, für deren Zukunft er nicht mehr verantwortlich war, oder auf unbestimmte Zeit die unproduktive Marotte einer unverheirateten zu finanzieren. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er mich als Versagerin sah, die sich zu spät auf dem Heiratsmarkt zeigte und deren Lebensunterhalt er zwangsläufig weiterhin würde finanzieren müssen; und das bei seinem Einkommen, das zwar die Kosten seines eigenen Haushalts deckte, aber nicht sehr viel mehr!

Und dennoch, inmitten meiner Zukunftsszenarien, die kamen und gingen, wurde der Basso Ostinato immer lauter, die Wiederholungen drängten immer mehr nach vorn. Ich ließ Bemerkungen fallen, bemühte mich, dem Vater meinen unverrückbaren Wunsch zu übermitteln, aber er würgte alle Anspielungen mit dem Geraschel seiner Times ab und murmelte nur: »Verdammter Blödsinn.« Und obwohl meine Mutter ihn selbstverständlich unterstützte, hatte ich das Gefühl, dass sie heimlich auf meiner Seite war.

So wie die Gouvernante, die mir einst klassische Musik vorgespielt hatte, der erste Meilenstein auf meinem Weg war, tauchte nun ganz plötzlich, als ich am wenigsten mit etwas Dramatischem rechnete, der zweite auf: Zu meiner großen Begeisterung wurde Alexander Ewing, Offizier und Komponist des allseits bekannten Kirchenlieds Jerusalem the Golden in Aldershot stationiert, zusammen mit seiner Frau Judy, der Verfasserin der Kindergeschichten in Aunt Judy’s Magazine! Nach dem etwas armseligen Herrn A.S. würde ich endlich einem wahren Musiker begegnen. Und ich behielt recht; zudem stellte sich Mrs. Ewing als eine der liebenswürdigsten, originellsten und verschmitztesten Personen der Welt heraus! Meine Mutter und Mrs. Ewing wurden sofort ein Herz und eine Seele, und wir Kinder durften sie Tante Judy nennen. Sie war dem anderen Geschlecht sehr zugetan und hatte gleichzeitig mit zweien oder dreien der Offiziere der Royal Engineers, die als die Intellektuellen in der Britischen Armee galten, einen diskreten, harmlosen Flirt, der natürlich auf rein geistigem Austausch beruhte. Das fand allerdings gar nicht meine Zustimmung, vermutlich aus Eifersucht, denn sie war sofort zu meiner »Passions«-Königin im Katalog der Leidenschaften geworden. Und Mr. Ewing wollte mich tatsächlich unbedingt spielen hören und meine Kompositionen sehen – worauf er unserem gesamten kleinen Universum mitteilte, dass ich die geborene Musikerin sei und sofort unterrichtet werden müsse.

Mein Vater schäumte vor Wut; er konnte meinen neuen Freund nicht leiden, denn er sah voraus, dass die Leipzig-Idee nun wiederbelebt und von einem Kenner unterstützt werden würde. Was ihn endgültig in Rage versetzte, war, dass Mr. Ewing anbot, mich selbst in Harmonielehre zu unterrichten. Unterstützt von Mrs. Ewing, die große Stücke auf ihres Mannes Urteil hielt, wechselte meine Mutter an diesem Punkt offen auf meine Seite. Also wurde beschlossen, dass ich zweimal wöchentlich nach Aldershot fuhr, um meine Übungen von Mr. Ewing begutachten zu lassen.

Diese Praxisstunden waren die Highlights meines damaligen Lebens. Die Ewings wohnten in einem der Holzhäuser, aus der die gesamte Garnison, mit Ausnahme der Kasernen, bestand; im Sommer stickig und im Winter eisig, besaßen sie dennoch großen Charme, und das Ewing-Haus hatte sogar einen Garten, den die Hunde- und Pflanzenliebhaber sehr genossen. Ich brachte der von mir angehimmelten Tante Judy oft einen selbst gepflückten Strauß ihrer Lieblingsblumen mit, wenn ich um elf Uhr zum Unterricht erschien. Mein Lehrer analysierte stets auch meine Kompositionen, und ich spürte, wie seine Kritik bei aller Gnadenlosigkeit fundiert und gehaltvoll war. Mit seinen Fingern, die eher für die Orgel als für das Klavier geschaffen waren, und seiner harten, knarzigen Stimme schlug und brüllte er sich durch die Szenen von Lohengrin und dem Fliegenden Holländer, um mir Wagner nahezubringen. Ich erinnere mich, dass ich Beethoven und andere Komponisten lieber hatte, aber dennoch faszinierte mich die Oper als Kunstform, was bis zu meiner Leipziger Zeit im Hintergrund blieb – aber ich schrieb in mein Tagebuch, dass es mein größter Wunsch sei, vor meinem vierzigsten Lebensjahr eine Oper in Deutschland zur Aufführung zu bringen. Und er sollte wahr werden! Nach dem Lunch korrigierte Mrs. Ewing mitunter meine kleinen Artikel, die ich für ein lokales Blättchen schrieb, und meinte wohlwollend, sie könnte aus mir eine Schriftstellerin machen, wenn ich mich etwas anstrengte, aber ich spielte lieber mit den Hunden oder unterhielt mich mit den Ewings, während sie im Garten arbeiteten. Aber letztendlich wurde Officer Ewing – ›that fellow‹, wie mein Vater, der nie aufhörte, ihn misstrauisch zu beäugen, ihn zu nennen pflegte – an einen anderen Standort versetzt.

Danach folgte ich der Einladung von Colonel O’Hanlon, einem Freund meines Vaters, zu seiner Familie nach Irland, wo ich viel mit dessen Tochter zu Pferd unterwegs war, die zu seinem Stolz eine bessere Figur im Sattel machte als jedes andere irische Mädchen. Seine freundliche Frau gab mir den gut gemeinten Rat, dass da ein gewisser, benachbarter junger Gutsherr nicht uninteressiert scheine und ich nur den kleinen Finger heben müsse, und sie fügte hinzu: »Denk daran, meine Liebe, dein armer Vater hat immer noch vier Mädchen unter die Haube zu bringen …!« Worauf ich erwiderte, dass ich nicht zu heiraten gedächte, weil ich andere Pläne hätte. Diese Antwort erwies sich allerdings als etwas erstaunlich im Lichte des Abenteuers, das sich auf meiner Heimfahrt von Irland zutrug.

Meine Begleitung für die Reise, Mrs. Wood, hatte für uns vor der Überfahrt einen Aufenthalt bei ihrem Schwager Lord Fitzgerald in Bray arrangiert. Dort traf ich Mr. William Wilde, einen jungen Rechtsanwalt, mit dem ich Tennis spielte, über Poesie und Kunst diskutierte und in den abgelegeneren Winkeln des Gartens auch über Philosophie. Mir fiel gleich auf, dass er sehr clever war, und nach dem Dinner zeigte er seine musikalische Ader, indem er zu den Chopin-Etüden sein eigenes Ende spielte. Wahrscheinlich hätte ich ihm dafür zu späteren Zeiten die Finger mit dem Klavierdeckel gebrochen, aber an jenem Abend fand ich es ganz wundervoll, und ich freute mich, als es hieß, dieser von unserem Gastgeber überaus hoch geschätzte junge Mann werde mit uns zusammen nach England zurückreisen.

Als wir am folgenden Abend an Bord gegangen waren, zeigte er auf eine große, dunkelblaue Gestalt, die an der Reling lehnte und auf die See hinaussah: »Mein Bruder, der Dichter«. Es war der große Oscar Wilde, den er mir vorstellte und auf den ich, wie ich später hörte, glücklicherweise einen guten Eindruck gemacht hatte. Aber da er sich außerhalb von Oxford noch keinen Namen gemacht hatte, begegnete ich ihm relativ gleichgültig.

Es war eine herrliche Nacht, Vollmond und windstill, und so wunderte ich mich, dass Mrs. Wood sich gleich in ihre Kabine zurückzog, denn auch auf dem Hinweg nach Irland hatte das Meer ruhig wie ein Mühlteich dagelegen, sodass ich allmählich den schlechten Ruf der Irischen See für absolut ungerechtfertigt hielt. Willie Wilde holte Wolldecken, und wir saßen an Deck und diskutierten über – Auguste Comte! Auf einmal begann ich die Art, wie der Mast langsam vor dem Mond von einer Seite auf die andere schwankte, gar nicht mehr schön zu finden. Ich muss etwas in der Richtung gesagt haben, denn mein Begleiter eilte sogleich hinweg, um etwas Brandy zu holen, der, wie er versicherte, alles in Ordnung bringen würde. Im nächsten Augenblick stolperte ich an seinem Arm in den Ladys-Waschraum, und noch bevor die Stewardess mir beistehen konnte, »schlug das Schicksal zu«, wie ein alter Freund zu sagen pflegte, »und die Verdammnis nahm ihren Lauf«. Willie Wilde zog sich fluchtartig zurück, aber ich war schon jenseits jeder Sorge, wer eventuell was gesehen haben könnte.