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Michaela Pfadenhauer führt in das komplexe und vielschichtige Gesamtwerk von Peter L. Berger (* 17. März 1929 in Wien) ein, der als weltweit prominentester Vertreter der sogenannten 'neueren Wissenssoziologie' gilt. 30 Jahre lang leitete Berger das von ihm gegründete 'Institute for Culture, Religion and World Affairs' (CURA) an der Boston University. Bereits in jungen Jahren ist Berger über die Grenzen seiner Wahlheimat USA hinaus mit jenen Büchern bekannt geworden, in denen er sich explizit mit Wissenssoziologie befasste. Ihr gemeinsamer Lehrer Alfred Schütz war es, der Peter L. Berger und Thomas Luckmann mit seinem Hinweis, die Wissenssoziologie müsse neu geschrieben werden, den Anstoß für deren Entwicklung einer 'Theorie der Wissenssoziologie' lieferte: Das Buch 'Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit' gab der Wissenssoziologie die entscheidende epochale Neuausrichtung, es nimmt auch in dieser Einführung einen prominenten Platz ein. Michaela Pfadenhauer zeigt, dass auch Bergers spätere Arbeiten thematisch äußerst vielseitig und nicht nur für die Religionssoziologie von Belang sowie von einer wissenssoziologischen Grundhaltung gekennzeichnet sind. Seine pointierten Studien zu Modernität und Pluralisierung, Religion und De-Säkularisierung, Kultur und sozioökonomischem Wandel begründen seinen Ruf als scharfer Analytiker der Gegenwart.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Klassiker der Wissenssoziologie
Herausgegeben von Bernt Schnettler
Die Bände dieser Reihe wollen in das Werk von Wissenschaftlern einführen, die für die Wissenssoziologie – in einem breit verstandenen Sinne – von besonderer Relevanz sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Autoren, zu denen bislang keine oder kaum einführende Literatur vorliegt oder in denen die wissenssoziologische Bedeutung ihres Werkes keine angemessene Würdigung erfahren hat. Sie stellen keinesfalls einen Ersatz für die Lektüre der Originaltexte dar. Sie dienen aber dazu, die Rezeption und das Verständnis des Œuvres dieser Autoren zu erleichtern, indem sie dieses durch die notwendigen biografie- und werkgeschichtlichen Rahmungen kontextualisieren. Die Bücher der Reihe richten sich vornehmlich an eine Leserschaft, die sich zum ersten Mal mit dem Studium dieser Werke befassen will.
»Thomas Luckmann« von Bernt Schnettler
»Marcel Mauss« von Stephan Moebius
»Alfred Schütz« von Martin Endreß
»Anselm Strauss« von Jörg Strübing
»Robert E. Park« von Gabriela Christmann
»Erving Goffman« von Jürgen Raab
»Michel Foucault« von Reiner Keller
»Karl Mannheim« von Amalia Barboza
»Harold Garfinkel« von Dirk vom Lehn
»Émile Durkheim« von Daniel Šuber
»Claude Lévi-Strauss« von Michael Kauppert
»Arnold Gehlen« von Heike Delitz
»Maurice Halbwachs« von Dietmar J. Wetzel
»Peter L. Berger« von Michaela Pfadenhauer
Weitere Informationen zur Reihe unter www.uvk.de/kw
Für Anne
Vorwort
I Einleitung und biografische Annäherung
II Einflüsse, Lehrer und Weggenossen
III Modernität und Pluralisierung
IV Religion und De-Säkularisierung
V Kultur und sozioökonomischer Wandel
VI Wissen und Wirklichkeit
VII Rezeption und Wirkung
Literatur
Zeittafel
Personenregister
Sachregister
Kann man einen Autor schon zu Lebzeiten als »Klassiker« bezeichnen? Und wann sogar als »Klassiker der Wissenssoziologie«, wie dies mit der hiermit vorgenommenen Einordnung in die von Bernt Schnettler herausgegebene Buchreihe geschieht?
Diese Fragen habe nicht ich mir, sie hat Peter Berger mir gestellt, als ich ihn im Sommer 2006 mit meinem Ansinnen konfrontiert habe, das nunmehr vorliegende Buch über ihn zu schreiben. Bei den persönlichen Begegnungen, die der ersten elektronischen Kontaktaufnahme bald gefolgt sind und die dadurch möglich wurden, dass Berger bis heute mehrmals im Jahr Termine in Europa wahrnimmt und ich ihn im Sommer 2008 in seinem Institute for Culture, Religion and World Affairs an der Boston University aufgesucht habe und im Sommer 2009 die Gelegenheit hatte, am Summer Course des Instituts teilzunehmen, konnten diese seine Zweifel ausgeräumt werden: Eine ganze Reihe von Bergers Arbeiten sind durch einen wissenssoziologischen Zugang gekennzeichnet. Fraglos aber ist durch die gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste Social Construction of Reality, die im deutschen Untertitel – den Anspruch etwas forscher als das englische »treatise« formulierend – eine »Theorie der Wissenssoziologie« ankündigt, der Klassikerstatus berechtigt, ohne dass sich die Autoren der Eitelkeit bezichtigen lassen müssten.
In Anbetracht dessen, dass es der Soziologie an einer unumstrittenen methodologischen und inhaltlichen Identität fehlt, erfüllen gerade ›Klassiker‹ die zentrale Funktion der Stiftung und Begründung von Identität. Dergestalt wird mit Bänden in einer Klassiker-Reihe eine soziologische »Stammesgeschichte« (Kaesler 1999: 31) geschrieben. Für Peter Berger ist jede Form der Gruppenzugehörigkeit suspekt, und Soziologen hält er für einen, gelinde gesagt, ziemlich langweiligen »Stamm«. Somit trifft in seinem Fall in besonderem Maße Dirk Kaeslers (1999: 30) Einschätzung zu, dass es keine »(ein-)geborenen«, sondern nur »gemachte« Klassiker gebe und die »Klassizität« eines historischen Vorgängers durch das Bedürfnis der heutigen Soziologen begründet werde. Dieses Bedürfnis teile auch ich. Aber ich weiß auch, dass ich Peter Berger damit einiges zumute, ihn zu Lebzeiten zum Klassiker »zu machen«.
Der unschätzbare Vorteil eines Buches über einen ›lebenden Klassiker‹ besteht für dessen Autorin darin, dass sie diesen über vielerlei Aspekte befragen kann, die sich nicht oder nur schwer aus den Publikationen rekonstruieren lassen, und dabei überdies noch mit reichhaltigen biografischen Einblicken und Informationen zu Publikationshintergründen versorgt zu werden. Der Nachteil für die Autorin besteht darin, dass der Klassiker sich lebhaft zur Wehr setzen könnte, sollte ihm die Darstellung als ungenügend erscheinen. Peter Berger hat von seinen Reklamationsmöglichkeiten nur sehr begrenzt Gebrauch gemacht – vermutlich weniger mangels diesbezüglicher Anlässe als deshalb, weil der Humor-Liebhaber Berger davon überzeugt ist, dass »all autobiographical (or, to coin an adjective, ›autobibliographical‹) reflection typically presupposes a deficient sense of humor« (1986f: 221). Und seine Bereitschaft, sich von mir ausfragen zu lassen, kannte kaum Grenzen (›genervt‹ zu haben scheinen ihn nur meine Nachfragen zu seinen Vorstellungen von Hölle, über die ihn auszufragen mich meine Kommilitonen im CURA Summer Course animiert hatten). Für sein Entgegenkommen in beiderlei Hinsicht danke ich ihm von Herzen.
Auch wenn die Verantwortung für den Inhalt – in den zwei von Alfred Schütz (1972) unterschiedenen Varianten des Sich verantwortlich Fühlens und des Verantwortlich gemacht werden Könnens – allein bei der Autorin liegt, hat sie ihn gewiss nicht allein zustande gebracht: Unter den Mitwirkenden sind explizit Hans-Georg Soeffner und Winfried Gebhardt zu nennen. Ermuntert und ermutigt haben mich Bernt Schnettler und Hubert Knoblauch. Das meiste aber, was ich von und über Peter L. Berger verstanden zu haben meine, hat sich mir in Gesprächen mit Ronald Hitzler erschlossen, dem ich außerdem dafür danke, dass er mich überhaupt auf die Idee gebracht hat, dieses Buches zu schreiben.
Von Anne Honer1, der ich dieses Buch in inniger posttraditional-gemeinschaftlicher Verbundenheit widme, habe ich gelernt, dass wir nie so aus einem ›Feld‹ herauskommen, wie wir hineingegangen sind. Annes Schicksal zum einen und die meine eigene Existenz tangierenden, im Einlassen auf Peter L. Bergers Werk gewonnenen Einsichten zum anderen, haben meine bisherige Transzendenz-Borniertheit nachhaltig erschüttert. Nicht etwa im Schreiben bin ich, wie man so sagt, an meine Grenzen gestoßen, sondern die Koinzidenz von mitmenschlicher Widerfahrnis und zwischenmenschlicher Blickerweiterung haben mir meine »anderen« Grenzen evident werden lassen.
1 [Anm. d. Hg.:] Anne Honer hat in enger Zusammenarbeit mit Ronald Hitzler den von Michaela Pfadenhauer aufgenommenen Forschungsansatz der ›lebensweltanalytischen Ethnographie‹ entwickelt. Nach einer schweren Hirnblutung liegt Anne Honer seit Februar 2009 im Wachkoma.
In seiner Abhandlung zu Emile Durkheim als »Klassiker der Soziologie« zeigt René König (1976: 312f) drei mögliche Varianten auf, wie bzw. woraufhin ein solches Buch zu verfassen sei: Erstens lasse sich das Œuvre vor »dem historischen Hintergrund seiner Zeit mit Hinweisen auf Anreize und Auswirkungen« darstellen, zweitens auf die Frage hin, »welches eigentlich sein Beitrag zu einer als existierend vorauszusetzenden sociologia perennis gewesen ist«, oder drittens schließlich »müsste [es] die Darstellung der immanenten oder auch expliziten Philosophie eines soziologischen Klassikers herausarbeiten«. Die vierte Möglichkeit, die einer bloßen Inhaltsangabe, schließt König von Vornherein aus, weil sich damit dem Bild eines ›Klassikers‹ nicht gerecht werden lasse, insofern diesen gerade kennzeichne, dass er »nicht nur eine eigene Weltsicht, sondern eine eigene Stilfigur entwickelt« hat.
Wenn man das von Dirk Kaesler (1999: 30) formulierte Kriterium für einen Klassiker des soziologischen Denkens in Anschlag bringt, dass »dessen Werk einmal im Mittelpunkt der soziologischen Ideen und Vorstellungen einer Epoche, d.h. im Zentrum des soziologischen Diskurses, stand«, dann soll mit dem vorliegenden Buch die Relevanz des Bergerschen Œuvres für die Wissenssoziologie aufgezeigt werden. Es versteht sich von selbst, dass dabei die Social Construction of Reality (Berger & Luckmann 1966) einen prominenten Platz einnimmt. Anliegen dieser kritischen Würdigung ist es darüber hinaus, die Aufmerksamkeit der hiesigen soziologisch interessierten Leserschaft auf Bergers weiteres Schrifttum zu lenken. Damit soll dazu beigetragen werden, dass auch der spätere Berger nicht länger lediglich als Religionssoziologe oder gar nurmehr als theologisch bewanderter religiöser Autor rezipiert wird, sondern als ein thematisch vielseitiger Soziologe, dessen Gesamtwerk durch eine allenthalben – wenn nicht ohnehin offenkundig zu Tage tretende, dann zumindest unverkennbar durchschimmernde – wissenssoziologische Grundhaltung gekennzeichnet ist. Dies deutet bereits an, dass es sich hier um einen (aus der Masse von Sozialwissenschaftlern) ›herausragenden‹ Wissenschaftler handelt: In quantitativer Hinsicht ist Peter Berger als Verfasser zahlreicher, in viele Sprachen übersetzter Monographien, als Autor mannigfaltiger Aufsätze in Fachjournalen, Magazinen und Publikumszeitschriften und als Herausgeber kaum überschaubar vieler Sammelbände eindeutig in die Rubrik ›Vielschreiber‹ einzuordnen. Ein Ausnahme-Wissenschaftler ist er aber auch in qualitativer Hinsicht, weil er über Jahrzehnte hinweg in Amerika und weit darüber hinaus die öffentliche Debatte ebenso wie den wissenschaftlichen Diskurs mitgeprägt, ja mitbestimmt hat.
Der Soziologe Berger hat sich dabei auf dreierlei Weise betätigt: als Theoretiker des modernen Lebens, als Analytiker moderner Religiosität und als Empiriker globaler Wirtschaftskultur. Seine soziologischen Arbeiten lassen sich zu den Themenfeldern Modernität und Pluralisierung (Kapitel III), Religion und De-Säkularisierung (Kapitel IV) sowie Kultur und soziökonomischer Wandel (Kapitel V) gruppieren, wobei die Perspektive auf Prozesse (statt auf Ist-Zustände) in allen drei Bereichen charakteristisch für Bergers Denken ist.
Bei den Themenfeldern, die Berger im Laufe der Zeit bearbeitet hat, darf nicht vergessen werden, dass er sich in Einführungsbüchern und Übersichtsartikel mit der Soziologie als Fach befasst hat – allen voran die nach Einschätzung vieler Kollegen bis heute »unübertroffene« (Schnettler 2006: 54) und lange vergriffene, aktuell aber im UVK wieder aufgelegte Invitation to Sociology (1963a, dt. 1969), aber auch das gemeinsam mit seiner Frau Brigitte verfasste Lehrbuch Sociology – A Biographical Approach (1972, dt. 1974), und die mit seinem Schwager Hansfried Kellner publizierte Abhandlung Sociology Reinterpreted (1981a, dt. 1984).2Schon an dieser kurzen Auflistung fällt auf, dass Berger kein »einsamer« Schreiber ist: Aus der Zusammenarbeit mit Thomas Luckmann etwa sind zwei Bücher und drei Aufsätze hervorgegangen. In späteren Jahren hat Berger mit zahlreichen Kollegen, unter anderem mit Richard Neuhaus, Samuel Huntington, Grace Davie und Anton Zijderveld publiziert.
Als »Besonderheit« charakterisiert Manfred Prisching (2001: 12) Bergers Buch Redeeming Laughter. The Comic Dimension in Human Experience (1997a). Auch wenn, wie Berger selbst im Vorwort zu diesem Buch schreibt, die »zugrunde liegende Argumentation und sein Finale religiöser Natur« (dt. 1998: IX) sind, liegt dieses Buch quer zu den vielen Themen, die er im Laufe seines Lebens bearbeitet hat. Es ist gewiss nicht der Schlüssel zu seinem Gesamtwerk, vermutlich aber ein Schlüssel zum Verständnis seiner Person: »Die Frage nach dem Wesen des Komischen hat mich mein ganzes Leben lang obsessiv beschäftigt – seit mein Vater, ein unermüdlicher Witzeerzähler,3 mich ermunterte, meine eigenen Witze zu machen (etwa zu dem Zeitpunkt, als ich in den Kindergarten kam, wo ich, zuverlässigen Quellen zufolge, durch getreuliches Befolgen des väterlichen Gebotes unangenehm auffiel). Früher oder später musste ich dieses Buch schreiben« (1997a, dt. 1998: X).4
Nicht vergessen werden darf zu guter Letzt, dass Berger zwei Romane – The Enclaves (1965a) und Protocol of a Damnation (1975a) – verfasst hat, die seinem Empfinden nach mehr Aufmerksamkeit verdient hätten als ihnen zuteil geworden ist (vgl. dazu aber Mechling 1986): Den Ersten hat er aus Sorge vor einem Imageverlust als ernsthafter Gelehrter noch unter einem Pseudonym veröffentlicht. Der Zweite war, wie er selbst sagt, ein Produkt der Langeweile während eines Auslandssemesters an der Universität zu Köln, zu dem er vom eingangs erwähnten René König eingeladen worden war. Seine Lebenszeit nicht unproduktiv verstreichen zu lassen, war auch ein Antrieb dafür, während einer ihn zu Immobilität zwingenden Fußverletzung – zunächst ohne Veröffentlichungsabsichten – seine Kindheits- und Jugenderinnerungen zu Papier zu bringen. Schreiben ist für Berger in der Regel zwar nicht bloßer Zeitvertreib, es scheint ihn aber weit weniger Anstrengung zu kosten als dies für die meisten von uns der Fall ist.5 Berger selbst ist in den Zeiten zwischen den Büchern ruhelos, bis der Entwurf für ein neues Buch Gestalt angenommen hat. Noch vor dem Erscheinen des gemeinsam mit Anton Zijderveld verfassten In Praise of Doubt (2009, dt. 2010), dessen Titel auf die Schrift In Praise of Folly (Das Lob der Torheit, zuerst 1509) des niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam anspielt, hat er denn auch die Idee für ein weiteres autobiographisches Werk »ausgebrütet«, in der Berger selber die Genese seines Œuvres rekonstruiert.
Wenngleich durchaus erfolgsverwöhnt, hat Berger zunächst mit Erstaunen, zunehmend jedoch mit Misstrauen das österreichische Medienecho zur Kenntnis genommen, das die Veröffentlichung der seine Kindheit und Jugend beleuchtenden Autobiographie Im Morgenlicht der Erinnerung (2008a) begleitete: Deren Erscheinen war mit der Verleihung des Paul-Watzlawick-Ehrenrings gekoppelt, die ihn als eine dem Dialog mit dem Menschen verpflichtete »Persönlichkeit von internationalem Rang« ehrt. Sie fiel zeitlich vermutlich nicht zufällig auch mit dem 70. Jahrestag des »Anschlusses« zusammen, was Berger dazu motivierte, sich in allen Interviews ausdrücklich dagegen zu verwehren, zu einem Opfer des Nationalsozialismus stilisiert zu werden.
Gerade wegen seiner jüdischen Wurzeln hatte der lutherische Protestant Berger zunächst gezögert, die Niederschrift seiner Erinnerungen zu veröffentlichen; er befürchtete, dass sich jüdische Freunde durch seine Entscheidung gegen eine jüdische Identität brüskiert fühlen könnten, die er gerade nicht als mit der durch das Nazi-Regime erforderlich gewordenen Flucht aus Wien erzwungen verstanden wissen will. Deutlich weist er darauf hin, dass die Familie zunächst nicht aus religiösen, sondern politischen Erwägungen »getauft« worden war.
Darin kommt ein charakteristischer Wesenszug Peter Bergers zum Ausdruck: Wie dem Protagonisten in Musils Mann ohne Eigenschaften (1930ff.) ist ihm jegliche Gruppensubsumption suspekt – gleich, ob Minderheit oder Mehrheit.6 Sich nicht in die Schublade einer Kollektivkategorie – Opfer des Nationalsozialismus, jüdischer Emigrant, gläubiger Christ, konservativer Intellektueller – stecken zu lassen, ist ihm von größter Wichtigkeit. Der Kollektivismus erscheint ihm als eine ›billige‹ Lösung des Problems der Irritation aller Ordnungssysteme der modernen Welt ebenso wie der modernen Persönlichkeit. Wie für Musil bietet auch für Berger die Verschmelzung der Ichs in eine »erträumte Einigkeit« kollektiver Identität nur illusorischen Trost (vgl. 1992b, dt.1994: 122).
In seinen Memoiren schildert er eine als überwiegend glücklich erfahrene Kindheit und Jugend, und interpretiert sie wegen der vielfältigen Wahlmöglichkeiten, die sich in seiner Biografie offenbaren – bzw. existentialistisch formuliert, weil der moderne Mensch zur Freiheit verdammt ist –, als Fallstudie der Situation des modernen Menschen.
Endlich ist mit diesen Erinnerungen der wiederkehrenden Fehlmeldung die Grundlage entzogen, Peter L. Berger sei 1929 in Triest geboren. Er hat als Kind zwar jeden Sommer in Italien verbracht, der Heimat des mütterlichen Zweigs der Familie, und er spricht italienisch, ist aber gebürtiger Wiener. Und seiner Geburtsstadt fühlt er sich, trotz der erzwungenen Auswanderung über Palästina in die Vereinigten Staaten, in denen er eine Heimat gefunden hat, bis heute eng verbunden. Mehr noch: Die ersten Jahre in Wien sind ihm nicht nur in guter Erinnerung, sondern sie waren auch in einem solchen Maße identitätsprägend, dass er, auf die Gegensätze zwischen ihm und Thomas Luckmann angesprochen, sie beide als die zwei Extrempole österreichischer Kultur charakterisiert: Der eine (Berger) ist in seinem Wohlgefallen an luxuriös-urbanem Ambiente eine typische Ausprägung des Wiener Kaffeehaus-Intellektuellen, der andere (Luckmann) in seiner Naturverbundenheit und Leidenschaft fürs Fischen ein typischer Repräsentant des österreichisch-slowenischen Bergeremiten.
Die Jahre in Palästina präsentieren sich Berger im Rückblick vor allem als eine Zeit der religiösen Identitätssuche, die mit der Ankunft in seinem »gelobten Land« Amerika (2008a: 201) ihren Abschluss findet. Genauso überzeugt, wie er bei der Einreise nach Palästina seine nationale Identität als »österreichisch« angibt, bekennt er sich bei der Einreise in die USA zum lutherischen Protestantismus. Stark beeinflusst durch eine »Religiosität lutherischer Färbung« (2008a: 134) während seines zweijährigen Besuchs einer Schweizer Missionsschule in Haifa und beeindruckt vom »mitreißend gelebten Christentum« (2008a: 138) des mit der Familie Berger befreundeten Ehepaars Neumann, wird er bereits in Palästina in eine uneuropäische7 Art praktischer Religionsausübung eingelebt, die sich nicht auf eine Kirchengemeinde festlegt, sondern die Wahl der Kirche für den Gottesdienstbesuch – erst presbyterianisch, dann anglikanisch – von der jeweils gebotenen ›Leistung‹ abhängig macht. Mindestens ebenso wichtig für Bergers religiöse Identitätsfindung erweist sich das Selbststudium theologischer und philosophischer Literatur, in dem er vor allem durch Fritz Neumann angeleitet wird, mit dem Berger nicht nur, aber insbesondere auch die Faszination für Kierkegaard teilt. Seine lutherisch-theologische Bildung bezieht Berger aus der Lektüre von Büchern aus der zurückgelassenen Bibliothek eines Pfarrers der deutschen lutherischen Kirche in Haifa, Pastor Berg, die eine Entwicklung beförderte, die Berger (2008a: 189f) als »Paradoxon« beschreibt: »Ohne mit einem einzigen Lutheraner Kontakt gehabt zu haben, dachte ich mir ein Luthertum aus. Es war allerdings ein von der Vernunft geprägter Nachbau und später verstand ich, dass er nicht dem Original entsprach. Aber ich würde sogar heute noch sagen, dass ich gefühlsmäßig nicht weit daneben lag. Folglich konnte ich, als sich mein Wissen über das Luthertum im Lauf der Jahre vertiefte, meine ursprünglichen Erkenntnisse verifizieren. Obwohl inzwischen mein theologisches Verständnis viel liberaler geworden ist und ich daher das Augsburger Bekenntnis nicht mehr voll unterschreiben kann, würde ich sagen, dass ich trotz vieler Vorbehalte viel mehr lutherisch bin als irgendetwas anderes Christliches. Vielleicht habe ich damals – möge Spinoza es mir verzeihen – meine anima naturaliter lutherana entdeckt.«
Bei seiner Ankunft in New York ist Berger fest zum Theologiestudium entschlossen, um seinen als Berufung erfahrenen Berufswunsch, evangelischer Pfarrer, zu realisieren. Das durch Aufenthalte an Colleges in Ohio und Philadelphia ergänzte Studium am – »nur nominell lutherischen« (2008a: 213) – Wagner College auf Staten Island, das er mit einem Bachelor of Arts abschließt, schafft die nötige Voraussetzung dafür, an einer theologischen Fakultät zu studieren. Für einen Immigranten, der er ist, hält er es dann aber für angebracht, sich mit der amerikanischen Gesellschaft vertraut zu machen, wofür ihm die Soziologie als besonders zweckdienlich erscheint. Da die New School die einzige Universität in New York ist, an der er neben seinen zur Sicherung seines Lebensunterhalts notwendigen Fulltime-Jobs abends studieren kann, schreibt er sich eben dort ein – zunächst in ein Seminar von Albert Salomon, der zu dieser Zeit über den französischen Romancier Balzac liest. Mit einigem Schmunzeln berichtet Berger, dass grundsätzlich ja nichts dagegen einzuwenden sei, Balzac zum Gegenstand soziologischer Lehre zu machen, da diesem daran gelegen sei, mit seinen Romanen ein Bild der französischen Gesellschaft zu zeichnen. Für ihn, Berger, hat dies aber zur Folge, dass er nach einem Jahr, in dem er unter anderem in einer Hausarbeit Balzacs Erzählung »L’illustre Gaudissart« mit dem damals just (1949) erschienenen Drama »Death of a Salesman« von Arthur Miller vergleicht, viel über die französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, kaum aber etwas über die amerikanische Gegenwartsgesellschaft in Erfahrung gebracht hatte.
Die Entscheidung für die New School for Social Research ist richtungsweisend: Weil die 1934 als Teil der New School gegründete European University in Exile, die später in Graduate Faculty of Social and Political Studies umbenannt wird, in den 1950er-Jahren zum Auffangbecken für die vom Faschismus vertriebene europäische Intelligenz avanciert, kommt Berger dort mit der Tradition der europäischen Geistes- und Sozialwissenschaften und nur vermittelt mit der zeitgenössischen amerikanischen Soziologie in Berührung, die ihn vermutlich nicht für die Soziologie als solche eingenommen hätte, weil sie ihm in weiten Teilen als uninteressant erschien. Im Studium an der New School, das er mit einer religionssoziologischen Dissertation über den Bahaismus abschließt, sollten sich – neben Albert Salomon – Carl Mayer und Alfred Schütz als besonders einflussreiche Lehrer für Berger erweisen (vgl. hierzu Kapitel II).
Bergers Einberufung zum Militärdienst verhindert seine Mitarbeit an einem von Carl Meyer geleiteten Forschungsprojekt über die Religion im Nachkriegsdeutschland – eine Tätigkeit, die auf seine Initiative hin Thomas Luckmann übernehmen wird, den er in einem Seminar bei Karl Löwith kennen gelernt hat und mit dem er seither in engem wissenschaftlichen und freundschaftlichen Kontakt steht (s. auch dazu Kapitel II). Eine Anstellung als Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Bad Boll wird ihn aber zwei Jahre später, nach Abschluss des Militärdienstes, sowohl nach Deutschland als auch zur Thematik Religion und Kirche in Deutschland heranführen.
Zunächst gestaltet sich jedoch der Militärdienst – jedenfalls nach der Grundausbildung, die ihm, der sich in der Schulzeit mit Freunden zu einer ›Anti-Sport-Liga‹8 zusammengeschlossen hatte, ein Gräuel sein musste – nicht nur deshalb angenehm für ihn, weil er in die Zeit zwischen Korea- und Vietnamkrieg fiel. Mit dem Einsatz als ›Social Worker‹9 in einer psychiatrischen Klinik wird Berger zudem eine Beschäftigung mit regelmäßigen Arbeitszeiten zugewiesen, die ihn zugleich in hautnahen Kontakt zu einem Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung kommen lässt.
1956 zieht es ihn nicht nur wieder in die akademische Welt, sondern dezidiert an die amerikanische Universität zurück. Diese scheint ihm bis heute mehr als die deutsche oder auch österreichische Hochschullandschaft dazu angetan, das entfalten zu können, was er »intellektuelles Unternehmertum« nennt – jenes Projekt, das mit der Gründung des Bostoner Instituts 1985 an Fahrt aufnimmt, das seinen Ausgang aber in der Produktivität und im Erfolg seines Schreibens hat.
Dem ersten Höhepunkt seiner akademischen Karriere, der Berufung an die New School for Social Research im Jahr 1963, gehen zwei10 Stationen voraus: Die Jahre am Women’s College der University of North Carolina (1956–58) und am Hartford Theological Seminary (1958–63) sind ihm nicht weiter erwähnenswert, dürften aber für seine Entwicklung als Hochschullehrer nicht unerheblich gewesen sein. Darauf weist seine eindrucksvolle Beschreibung der Erfahrung des auch als »Kulturschock« bezeichneten »Sinns für das Prekäre« hin, der prinzipiell jedem Sozialwissenschaftler zu eigen sein sollte, der mit zunehmender Professionalisierung dann aber zur Routine wird: »Bis zu einem gewissen Grad ist das vermutlich unvermeidlich. Am Ende kann man nicht ständig mit offenem Mund leben. Deshalb ist die Lehre, insbesondere das gelegentliche Lehren von Einführungskursen, eine für professionelle Sozialwissenschaftler höchst nützliche Aktivität. In den Reaktionen der Studierenden auf seine Ausführungen kann er die Frische, mitunter sogar die wahrlich befreiende Qualität der ›soziologischen Denkweise‹11 wiedererleben. Die Erfahrungen von Studienanfängern – überflüssig zu betonen, dass es hier vor allem um die helleren unter ihnen geht – bieten eine vorzügliche Illustration des Kulturschocks, den die Sozialwissenschaften zu vermitteln in der Lage sind« (1961b: 15).
