Pfälzer Bausünden - Harald Schneider - E-Book

Pfälzer Bausünden E-Book

Harald Schneider

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Beschreibung

Nur wenige Eingeweihte wissen es: Der Bau der Ludwigshafener Hochstraßen vor rund 50 Jahren ist mit einem gefährlichen Geheimnis verbunden. Ein Mord im Turmrestaurant des Ebertparks bringt Kommissar Palzki auf die Spur dieses hochbrisanten Skandals, der Auswirkungen bis in die Gegenwart hat. Der geplante Abriss der baufälligen Hochstraße hätte fatale und tödliche Folgen für das Zentrum der Metropolregion. Bei seinen Ermittlungen kommt Palzki einem raffinierten Vertuschungsmanöver auf die Spur, in das auch die lokale Politikprominenz verstrickt zu sein scheint …

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Harald Schneider

Pfälzer Bausünden

Palzkis 19. Fall

Zum Buch

Hochstraßendesaster Nur wenigen Eingeweihten ist es bekannt: Der Bau der Ludwigshafener Hochstraßen in den 1960er und 1970er Jahren ist mit einem gefährlichen Geheimnis verbunden. Als ein Bogenschütze im Turmrestaurant des Ebertparks einen Mitarbeiter der Marketinggesellschaft der Stadt Ludwigshafen, kurz Lukom, ermordet, bringt die Tat den anwesenden Kommissar Palzki auf die Spur dieses hochbrisanten Skandals, der Auswirkungen bis in die Gegenwart hat.

Nach weiteren Taten steht für Palzki fest, dass der geplante Abriss der baufälligen Hochstraße fatale und tödliche Folgen für das Zentrum der Metropolregion hätte. Nebenbei entdeckt er auch noch interne Planungen zu dem Abriss des Rathauscenters und dem Neubau des Kreishauses des Rhein-Pfalz-Kreises, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Der Kommissar kommt einem raffinierten Vertuschungsmanöver auf die Spur, in das auch die lokale Politikprominenz verstrickt zu sein scheint …

Harald Schneider, 1962 in Speyer geboren, wohnt in Schifferstadt und arbeitet als Betriebswirt in einem Medienkonzern. Seine Schriftstellerkarriere begann während des Studiums mit Kurzkrimis für die Regenbogenpresse. Der Vater von vier Kindern veröffentlichte mehrere Kinderbuchserien. Seit 2008 hat er in der Metropolregion Rhein-Neckar-Pfalz den skurrilen Kommissar Reiner Palzki etabliert, der neben seinem mittlerweile neunzehnten Fall »Pfälzer Bausünden« in zahlreichen Ratekrimis in der Tageszeitung Rheinpfalz und verschiedenen Kundenmagazinen ermittelt. Im Jahr 2017 erreichte Schneider bei der Wahl zum Lieblingsautor der Pfälzer den 3. Platz nach Sebastian Fitzek und Rafik Schami.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Dirk / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6610-6

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Inhalt

Personenglossar

Kapitel 1 Der anthrazitfarbene Bogenschütze

Kapitel 2 Der unheimliche Getränkehändler

Kapitel 3 Das Gasthaus Am Ebertpark

Kapitel 4 Die Bande der Lukom

Kapitel 5 Der seltsame Presbyter

Kapitel 6 Der Statiker

Kapitel 7 Neues vom Landrat

Kapitel 8 Der Notarzt von Ludwigshafen

Kapitel 9 Der Tote Im Tunnel

Kapitel 10 Das Rätsel der roten Oberbürgermeisterin

Kapitel 11 Die Tür mit den sieben Codierstiften

Kapitel 12 Die toten Brücken von Ludwigshafen

Kapitel 13 Im Banne des Unheimlichen

Wie dieser Fall entstand

Danksagung

Und jetzt noch ein paar Sätze zur Zukunft:

Bonus 1 Ratekrimi Palzki und der fingierte Überfall

Bonus 2 Ratekrimi Palzki und der Chefkoch

Lesen Sie weiter …

Personenglossar

Fiktives Personal

Reiner Palzki: Kriminalhauptkommissar in Schifferstadt

Klaus P. Diefenbach: Dienststellenleiter der Kriminalinspektion Schifferstadt

Jürgen: Palzkis Kollege

Stefanie: Palzkis Ehefrau mit den Kindern Melanie, Paul, Lisa, Lars

Frau Ackermann: Die Frau, die schneller spricht als ihr Schatten

Dr. Matthias Metzger: Not-Notarzt ohne Kassenzulassung

Dietmar Becker: Regionalkrimiautor

Bernhard Zuse: wird ermordet

Heiner Gruber: wurde ermordet

N.N.: Bauingenieur, wird ermordet

*

Reales Personal

Markus Lemberger: Mitarbeiter der Ludwigshafener Kongress- und Marketing-Gesellschaft (Lukom)

Yann Fürst: Kollege von Markus Lemberger

Jutta Steinruck: Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen

Clemens Körner: Landrat des Rhein-Pfalz-Kreises

Paul Platz: Kultur-Ermöglicher Kreisverwaltung Rhein-Pfalz-Kreis

Lara Deuerling: Freiwilliges Kulturelles Jahr Kreisverwaltung

Anatol Elert: Pächter Turmrestaurant Ebertpark

Jochen und Doris Bruch: Geschäftsführer Getränke Bruch

Manfred Storck: Presbyter Friedenskirche

Gunter Engler: Hobbydetektiv

Günter Wallmen: Unfallchirurg, Lehrling und Doktorand von Prof. Dr. Metzger

Martin Kempf: Statiker, Gewinner Echtrollenauslosung

Steffen Boiselle: Cartoonist und Restaurantzeichner (100 % PÄLZER!)

Kapitel 1 Der anthrazitfarbene Bogenschütze

Es hätte so ein schöner Tag werden können.

Ludwigshafen ist die Hölle.

Egal, wo ich hinschaute, mir wurde sofort schwarz vor Augen. Der Schwindel steigerte sich in eine diabolische Ekstase, die Lebensfeindlichkeit meiner Umgebung war unermesslich. In Ludwigshafen würde ich elendig sterben. Und zwar jetzt, in den nächsten Minuten oder sogar Sekunden. Leider hatte ich keinen Albtraum: den eigenen Tod vor Augen zu sehen, war bittere Realität. Ich hatte geahnt, auf welch lebensgefährliches Abenteuer ich mich einließ, als es hieß, nach Ludwigshafen fahren zu müssen. Mit Händen und Füßen hatte ich mich zu wehren versucht, vergeblich. Nur meiner eisernen Konstitution war es zu verdanken, dass ich so lange durchhalten konnte. Rheingönheim und Mundenheim, die ersten Vororte der größten pfälzischen Stadt, bereits dort hing mein Leben am seidenen Faden. Aber hier, mittendrin im Großstadtgetto der Stadtteile Hemshof oder Friesenheim, keine Ahnung, wo die Grenze verlief, hatte sich der seidene Faden zur lockeren Atomwolke verdünnt, eigentlich war es nur noch ein Hoffnungsschimmer. Ich schloss die Augen, da inzwischen die optischen Wahrnehmungen diffus und unbrauchbar waren.

»So, wir sind da.«

Das Bremsmanöver kam völlig überraschend. Mein Schädel knallte mit voller Wucht gegen die Windschutzscheibe.

»Warum haben Sie sich abgeschnallt, Palzki?« Der Fahrer reichte mir ein Taschentuch, während er die Scheibe nach einer Verunreinigung absuchte.

Benebelt wie ich war, tupfte ich die Platzwunde auf meiner Stirn. »Weil ich aus dem Wagen springen wollte«, nuschelte ich.

»Alles in Ordnung mit dir, Reiner?«, rief es aus dem Fond.

Ich öffnete die Tür, stieg mit wackligem Gang aus und erbrach mich direkt am Zaun, der den Parkplatz begrenzte. Auch hier leistete mir das Taschentuch gute Dienste. Gegen den sich schnell entfaltenden Geruch war ich machtlos.

Inzwischen waren auch die anderen Wageninsassen ausgestiegen. Die beiden Damen, die im Fond gesessen hatten, waren spürbar blass um die Nase, aber in wesentlich besserer Verfassung als ich. Vielleicht hatten sie die chaotische und extrem kriminelle Fahrweise meines Chefs nicht im Detail mitbekommen, weil sie sich mit einer intensiven Unterhaltung abgelenkt hatten.

»Jetzt schnappen wir noch etwas frische Luft, dann geht’s rein in die gute Stube.« Der gut gelaunte Dienststellenleiter der Schifferstadter Kriminalpolizei deutete ein paar Kniebeugen an, deren Vollendung aber wegen seiner steifen und maßgeschneiderten Uniform, letztendlich aber wegen der massenhaften Orden und Abzeichen, die an dieser befestigt waren, zum Scheitern verurteilt waren.

»Und passend zu unserem Exkurs haben wir herrliches Wetter, meine Damen«, sagte Klaus P. Diefenbach zu seiner und meiner Frau. »Fast könnte man meinen, hier wäre es schöner als in meiner Heimatdienststelle Schifferstadt.« Er drehte sich einmal um seine Achse und schaute, als wäre er das erste Mal an diesem Ort.

Ich dagegen war froh, einigermaßen gerade stehen zu können. Von Schönheit konnte ich nicht allzu viel sehen: ein sandiger Großparkplatz und im Hintergrund die Friedrich-Ebert-Halle. Die Halle war in die Jahre gekommen, galt aber immer noch als architektonisch wertvolle Veranstaltungshalle. Dort besuchte ich als Jugendlicher meine ersten Konzerte. Nach dem Debüt mit Smokie folgten Uriah Heep, Barclay James Harvest und viele weitere.

Meine Frau holte mich zurück in die Gegenwart, indem sie an meiner Krawatte herumzerrte. »Puh, riechst du aber komisch aus dem Mund. Willst du einen Bonbon?«

Ich wollte keinen Bonbon, sondern heim und den kneifenden Anzug ausziehen. Selbstredend nicht im Wagen von KPD, wie wir den Dienststellenleiter wegen seiner Initialen nannten. »Ich glaube, mir wird schlecht. Am besten ist es, wenn ich mir ein Taxi rufe und mich nach Hause fahren lasse. Kommst du ohne mich klar, Stefanie?«

Erneut zeigte sich, wie durchsetzungsschwach ich im Umgang mit meiner Frau war. Im Beruf stand ich meinen Mann und galt nach meiner eigenen Einschätzung als respektable Autoritätsperson, in der Familie versagte dieser Charakterzug regelmäßig, was leider auch meine Kinder seit Jahren viel zu häufig gnadenlos ausnutzten.

»Kommt nicht in die Tüte«, fuhr mich meine Frau barsch an. »Zugegeben, der Fahrstil von Herrn Diefenbach war ein wenig ruppig und sportlich, das ist aber kein Grund, deinen Chef mit seiner schweren Entscheidung alleine zu lassen.«

Ruppig und sportlich? Ob der krassen Fehleinschätzung musste ich hart schlucken. Wir waren mindestens zwei Dutzend Mal dem Tod nur durch reinen Zufall entkommen. KPD fuhr kein Auto, er flog ein Überschallflugzeug auf Straßenniveau. Hinzu kam, dass er extrem kurzsichtig war, sich aber keine Blöße gab und daher keine Brille trug. Das würde einen Vorgesetzten gegenüber seinen Untergebenen diskreditieren, hatte er einmal gesagt. Nach seiner Fahrweise zu urteilen, nahm er Gegenstände, die weiter als einen Meter von ihm entfernt waren, nur als verwischte Schatten wahr.

Der Fahrstil KPDs war das eine. Das andere war der Grund unserer Fahrt: Mein Chef steckte tief in den Vorbereitungen zu seinem 60. Geburtstag, eine Angelegenheit von höchster Priorität. Die Gästeliste strotzte nur so von regionaler und überregionaler Prominenz. Um der Feier ein geeignetes Ambiente zu verleihen, war er seit Wochen in der Region unterwegs, um für diesen Superevent geeignete Restaurants zu testen. Nur die Besten der Besten kamen für seinen Geburtstag infrage, war seine Devise. Heute stand das Turmrestaurant am Ebertpark auf dem Kalender, das vor wenigen Jahren von einem neuen Pächter übernommen worden war.

Der Super-GAU war, dass er dieses Mal nicht nur seine Frau mitnahm, sondern zusätzlich Stefanie und mich. Geplant war das nicht, aber kürzlich hatten meine Frau und ich zufällig meinen Chef im privaten Rahmen auf einer Veranstaltung getroffen. In der Pause kamen er und Stefanie ins Gespräch, und wie es zu erwarten war, ging es schnell um kulinarische Themen. Mein Einwurf, dass es nichts Leckeres gab als die hochkalorischen Monsterburger bei meiner geliebten Speyerer Currysau, wurde mit bösen Blicken abgestraft. Meine Frau, eingefleischte Vegetarierin, fachsimpelte mit KPD, und ich stand wie ein Depp daneben und glaubte, die beiden unterhielten sich in Swahili.

»Nein, das geht so nicht.«

KPD riss mich aus meinen Gedanken. Verständnislos schaute ich auf. Der Blick meines Vorgesetzten war in Richtung Turmrestaurant gerichtet, kaum 100 Meter von unserem Standort entfernt.

»Das ist nicht gut für mein neues Schuhwerk«, fuhr KPD fort. »Warum hat man diesen Sandweg nicht asphaltiert? Palzki, öffnen Sie mal das Gittertor, damit ich näher an das Restaurant fahren kann.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg er in seinen Wagen und ließ den Motor an. Gemeinsam mit unseren Frauen öffnete ich das unverschlossene Tor, das den Parkplatz vom Ebertpark trennte.

Das Turmrestaurant war, zumindest von vorn betrachtet, streng symmetrisch angelegt. Zentral in der Mitte stand der vieleckige und dreistöckige Turm, der durch die unterschiedlichen Etagenhöhen Ähnlichkeiten mit einer Hochzeitstorte oder einer Kaffeemühle hatte. Die gelb-weiße Fassadengestaltung mit den fast raumhohen Fenstern ging nahtlos in die beiden rechteckigen Nebengebäude über, die das Bauwerk zu einer architektonisch interessanten Einheit verschmolzen. Der Eingang und die über die gesamte Breite verlaufende Außenterrasse lagen ein paar Treppenstufen erhöht über dem Entree des Ebertparks. KPD parkte direkt in der Sichtachse zwischen zentralem Eingang und einer mehrsternig angelegten Brunnenanlage auf der Wiese des Parks. In einem auf der Außenterrasse integrierten Blumenbeet stand die mannshohe Skulptur eines nackten anthrazitfarbenen Bogenschützen, der gerade den Bogen spannte. Aus dem Winkel, aus der ich die Szene betrachtete, sah es aus, als würde der Schütze in diesem Moment seinen Pfeil in meine Richtung abschießen. Noch witziger war allerdings, dass der Schütze aufgrund seines höheren Standpunktes direkt auf dem Wagendach meines Vorgesetzten zu stehen schien. Dies bemerkte mit einem Lachen auch meine Frau, die sofort reagierte und mit ihrem Smartphone fotografierte. Schnappschuss gegen Pfeilschuss, dachte ich amüsiert.

KPD, wenig feinfühlig wie stets, war längst zur Eingangstür vorgegangen und wartete ungeduldig auf uns. »Wir sind gerade noch so in der Zeit«, sagte er mit einem Blick zur Uhr, als wir zu ihm aufgeholt hatten.

Die Tür führte direkt in das Zentrum des Rondells. Das Ambiente empfand ich als geschmackvoll elegant, ohne allzu luxuriös zu wirken. Der komplette Rundbau war innen hohl, das heißt, ohne störende Zwischendecken. Im ersten Obergeschoss gab es eine umlaufende Empore, neben der Theke entdeckte ich die Treppe nach oben. Zu beiden Seiten des Turminneren konnte man zum einen direkt in die bestuhlten Räumlichkeiten der Nebengebäude gelangen, zum anderen führten großzügige Durchgänge nach hinten, wo ich die Küche und die Toiletten vermutete.

KPD zeigte auf einen Tisch. »Die telefonische Reservierung hat ja schon mal geklappt. Mal schauen, wie meine Bewertung nach dem Dinner ausfällt.« Er ließ seine Frau nicht nur stehen, er beachtete sie nicht einmal, während er als Erster Platz nahm. Ich hingegen ließ den beiden Damen den Vortritt, während ich das Schild auf dem Tisch belächelte: »Reserviert für Klaus P. Diefenbach, den guten Dienststellenleiter der Kriminalinspektion Schifferstadt«. Ich dachte an den Pächter dieser Location und hoffte, dass er nicht nur bei der telefonischen Annahme der Reservierung ein dickes Fell für die Macken KPDs hatte, sondern auch in den folgenden Stunden.

»Nein, ihr habt das immer noch nicht begriffen.«

Erstaunt drehte ich mich nach hinten und sah am Nachbartisch drei Personen sitzen, die rege diskutierten. Als sie mich wahrnahmen, senkte der Wortführer seine Stimme. Daraufhin rückten sie ihre Köpfe näher zusammen.

Mein Chef hatte dies nicht mitbekommen, da er längst die Getränkekarte durchstöberte. Kurz darauf kam die Bedienung, und er bestellte für uns ohne Rückfrage einen Aperitif. Das war mir recht, auch wenn ich nicht wusste, was er bestellt hatte. Ich hoffte, dass es einigermaßen trinkbar war.

»Guten Abend, Herr Diefenbach.« Ein freundlich lächelnder Mann im weißen Hemd war zu uns getreten. Er wartete keine Antwort ab, sondern gab KPDs Frau und danach Stefanie die Hand. »Mein Name ist Anatol Elert«, stellte er sich vor. »Wir haben miteinander telefoniert, Herr Diefenbach. Ich bin der Pächter des Turmrestaurants. Ich darf Sie und Ihre Gäste recht herzlich willkommen heißen.«

»Dann wollen wir mal sehen, ob Ihr guter Ruf der Realität entspricht«, antwortete KPD erneut völlig taktlos. »Für meinen 60. Geburtstag muss es nicht nur das Beste, sondern das Allerbeste sein. Mein Lebensmotto lautet nämlich, ganz vorne zu stehen, ist immer noch zu weit hinten.«

Erneut kam es zu einem kurzen Wortgerangel am Tisch nebenan. Elert zeigte sich nur kurz irritiert, bevor er KPD weiter schmeichelte. »Davon bin ich überzeugt, Herr Diefenbach. Unsere Expertisen haben wir bereits besprochen, und per Briefpost habe ich Ihnen jede Menge Referenzen zugeschickt.«

»Ja ja«, unterbrach KPD. »Das war alles in Ordnung, sonst wäre ich schließlich nicht gekommen. Was können Sie uns empfehlen?« Mein Chef blätterte in der Speisekarte, dann stutzte er. »Was sind das für komische Bilder?« Er zeigte auf kleine Zeichnungen, mit denen die Karte aufgelockert war. »Damit kann ich gar nichts anfangen. Fakten, Fakten, Fakten, lautet meine Devise.«

»Die bringen mich um, wenn die das erfahren.«

Das Trio am Nachbartisch bemerkte die unbeabsichtigte Aufmerksamkeit. »Tschuldigung«, murmelte einer der drei.

In der Zwischenzeit hatte ich einen Blick in die Karte geworfen und einen großen Verdacht, wer der Urheber der Zeichnungen sein könnte. »Steffen Boiselle?«, fragte ich aufs Geratewohl.

»Treffer«, antwortete Elert lächelnd. »Herr Boiselle ist in der Tat für diese, wie ich meine, sehr gelungenen Zeichnungen verantwortlich. Wir bekommen sehr viel positives Feedback.«

»Boiselle?«, hakte mein Chef nach. »Woher kenne ich den Namen, Palzki? Habe ich den mal festgenommen?«

Ich musste aufgrund der Unwissenheit meines Chefs grinsen. »Nein, Herr Diefenbach. Steffen Boiselle ist der bekannte Pfälzer Karikaturist, der in der RHEINPFALZ am SONNTAG die herrlich schrägen Cartoons zeichnet. 100 % PÄLZER!, davon haben Sie doch bestimmt schon gehört.«

»Mag sein«, antwortete er lapidar. »Trotzdem kann ich damit in einer Speisekarte nichts anfangen.«

»Unseren Gästen gefällt es«, sagte Elert vorsichtig.

»Steffen Boiselle ist ein Freund von Dietmar Becker«, erklärte ich meinem Chef weiter. »Die beiden haben Ihnen schon mehrfach bei der Auflösung von Verbrechen geholfen.«

Nur mit Widerwillen kam mir dieser Satz über die Lippen. Becker, der ewige Archäologiestudent störte mich seit Jahren bei der Aufklärung schwieriger Fälle. Um seinen Unterhalt zu finanzieren, jobbte er nebenbei als freier Mitarbeiter der hiesigen Tageszeitung. Viel schwerwiegender war die Tatsache, dass er sich als Regionalkrimiautor in der Kurpfalz etabliert hatte. Um sich aus der Menge der Autoren hervorzuheben, versuchte er die Authentizität seiner mehr als kruden Geschichten mit zweifelhaften Mitteln zu erhöhen. Becker, dem falschen Fuffziger, war es tatsächlich gelungen, sich bei KPD einzuschleimen. Regelmäßig erhielt er seitdem inoffizielle Informationen über den Stand von streng geheimen Ermittlungen. Als Gegenleistung hatte der Student in seinen Krimis den Dienststellenleiter nach KPD benannt. Seitdem hatte KPD seine eigene Krimireihe, und die Fans der Reihe, viele können es nicht sein, stürmten ein- oder zweimal im Jahr die Buchhandlungen, um den neuesten Diefenbach zu erwerben. Was mich noch viel mehr ärgerte, war der Umgang mit meiner Person. Irgendwann kamen KPD und Becker auf die Idee, einen sogenannten Antiprota­gonisten in die absolut irrwitzigen Handlungen einzubauen, der Diefenbach ständig bei der Aufklärung der Kriminalfälle störte. Klar, dass sie dafür ungefragt meinen guten Namen nutzten. Seitdem kam ich überall ständig in Erklärungsnot, um meinen guten Ruf halbwegs zu verteidigen. In der Wirklichkeit war es nämlich genau andersrum: Ich selbst löste die verzwicktesten Fälle, immer von diversen Störfeuern vonseiten des Studenten bombardiert, und KPD erntete stets die Lorbeeren. Dies war seit Jahren mein trauriges Schicksal.

»Ach der«, antwortete KPD ohne sichtliche Regung. »Was hat das mit diesen komischen Zeichnungen in der Karte zu tun?«

Elert versuchte ihn abzulenken. »Herr Boiselle ist heute übrigens ebenfalls bei uns zu Gast. Eine Hochzeitsgesellschaft, die hinten im großen Saal feiert, hat ihn als Hochzeitszeichner gebucht.«

KPD gab sich immer noch nicht zufrieden. »Hochzeitszeichner, was soll das denn? Kann man da nicht einfach fotografieren?«

Ich übernahm die Erklärungen für Elert. »Herr Boiselle wird rege für Hochzeiten und andere Festlichkeiten gebucht. Dort karikiert er die Gäste, die dann ein schönes Andenken an das Fest mit nach Hause nehmen können. Wäre das nicht auch etwas für Ihren 60. Geburtstag, Herr Diefenbach? Die Prominenz würde sich bestimmt über Karikaturen freuen.«

KPD überlegte nur kurz. »Nein, Palzki, das mache ich auf keinen Fall. Mit Zeichnungen und Karikaturen wird immer die Wirklichkeit verfälscht. Für meine Feier engagiere ich erstklassige Fotografen. Für mich zählen nur die Realität und wie Sie bereits wissen: Fakten, Fakten, Fakten.«

Ich merkte, dass das Thema Boiselle beendet werden musste. Wahllos strich ich mit dem Finger über die Speisekarte und blieb verblüfft an einem Punkt hängen. »Genau das nehme ich«, sagte ich voller Freude. Dass ich auf der Karte ein Gericht fand, das ich namentlich zuordnen konnte, verschaffte dem Turmrestaurant auf meiner persönlichen Liste erste Bonuspunkte. Für das Cordon bleu, eines meiner Lieblingsgerichte außerhalb des Universums der Currysau, gab es einen Punktezuschlag. Der Abend war gerettet.

»Hast du das schon der Polizei gesagt?«

»Um Himmels willen, wie soll ich das be…«

Schon wieder hatte sich die Herrenrunde am Nachbartisch verbal hochgepuscht. Anatol Elert reagierte und wandte sich mit ruhigen und freundlichen Worten an das Trio. Ich verstand von dem kurzen Gespräch keine Zusammenhänge, erkannte jedoch, dass Elert die Personen persönlich kannte. Nach einem kurzen kollektiven Lachen kam Elert zu uns zurück und nahm den Faden wieder auf. »Einmal Cordon bleu für Sie, mein Herr. Damit haben Sie eine gute Wahl getroffen. Haben Sie die Zeichnung neben dem Gericht gesehen? Laut Herrn Boiselle ist Cordon bleu das Lieblingsgericht eines gewissen Reiner Palzki, der in den hiesigen Regionalkrimis des Autors Dietmar Becker mitspielt. Herr Becker ist und isst übrigens auch regelmäßig hier bei uns. Ob es diesen Reiner Palzki tatsächlich gibt, wie Herr Boiselle behauptet, weiß ich allerdings nicht. Ich habe leider nur wenig Zeit zum Lesen.«

Während KPDs blasse Frau wie schon die ganze Zeit völlig teilnahmslos dasaß und keinen Mucks von sich gab, reagierte meine Frau mit einer entsetzten Mimik. Viel schlimmer aber war, dass KPD gerade etwas sagen wollte.

Rüde nahm ich ihm das Wort: »Ich nehme trotzdem das Cordon bleu. Der ganze Krimiquatsch ist mir völlig egal.« Symbolisch knallte ich die Speisekarte zu. »Was willst du essen, meine liebe Gattin?«, fragte ich in Richtung Stefanie.

Da nun Stefanie ihre Bestellung aufgab, war für KPD Sendepause. Als er an der Reihe war, bestellte er für sich und seine Frau mit weitschweifenden Erklärungen mir absolut unbekanntes Zeug, ohne weiter auf die Themen Zeichnungen, Boiselle oder Cordon bleu einzugehen.

»Ich gehe noch schnell auf die Toilette«, sagte meine Frau nach dem Aperitif. Nach ein paar Minuten kam sie zurück. In der Hand hielt sie einen Flyer, den sie mit einem verschmitzten Lächeln in ihre Handtasche steckte.

»Einen Flyer von Steffen Boiselle?«, fragte ich neugierig.

»Boiselle?«, fragte sie überrascht. »Nein, den habe ich überhaupt nicht gesehen.«

Meine Neugierde war damit nicht befriedigt. Ich wollte gerade noch mal nachfassen, da sprach mich KPD an. »Was ich Ihnen schon immer mal sagen wollte, Palzki: Dass Sie nicht gerade zu meinen fähigeren Untergebenen gehören, das wissen Sie bestimmt selbst. Aber meine von mir sehr gut geführte Dienststelle muss auch mal einem schwachen Untergebenen eine zweite Chance geben. Klar, bei Ihnen ist es bereits die wasweißichwievielte Chance, aber darum geht es mir heute nicht. Sie sind mir in Ihrem Grundcharakter einfach zu passiv, Palzki. Während ich auch einmal einem gesuchten Verbrecher mit vollem Körpereinsatz hinterherhechte, bleiben Sie sitzen und verkünsteln sich anschließend ausschließlich in reine Verwaltungsarbeit. Protokolle schreiben und so. Ich weiß, dass Sie körperlich nicht so auf dem Damm sind, wie man es Ihrem Alter nach erwarten dürfte. Aber ein wenig mehr Aktivität würde ich mir von Ihnen schon wünschen. Zeigen Sie mir, dass Sie mehr können, als nur dazusitzen und nichts beizutragen.«

Mit einem Blick zu Stefanie gab ich ihr zu verstehen, genau zuzuhören. Sie glaubte mir nämlich regelmäßig meine Berichte über KPD nicht. Ich würde maßlos übertreiben, entgegnete sie meist. Nun wurde sie selbst Zeuge und hörte mit erschrockener Miene zu.

Während KPD sich immer weiter in verbale Beleidigungen hineinsteigerte, kam das Essen. Zunächst allerdings nur mein Teller. Das Cordon bleu ließ mir meine Magensäure aufpoppen. Ohne Rücksicht auf die anderen, im Hintergrund sah ich allerdings, dass in wenigen Sekunden auch die anderen Essen serviert werden würden, schnappte ich mir Messer und Gabel und schnitt ein für mich gerade noch essbar großes Stück ab. Das Stück Fleisch berührte bereits meine Lippen, als am Nebentisch ein brutaler Schrei ertönte. Der Schrei war noch nicht verklungen, da schepperten die Teller mit Diefenbachs Essen und dem meiner Frau mit einem dumpfen Knall zu Boden, während die Bedienung in den nach wie vor aktiven Schrei einfiel. KPD, hinter dessen Rücken die Teller auf den Boden knallten, erschrak dermaßen, dass er rückwärts vom Stuhl direkt in den Porzellanscherbenhaufen und das Essen kippte. Meine Frau zeigte ebenfalls eine Reaktion: Sie schnellte von ihrem Platz hoch und warf dabei ihr volles Glas um, dessen Flüssigkeit mein Cordon bleu ruinierte. Nur KPDs blasse Frau saß da, als sei sie nicht nur taub, sondern querschnittsgelähmt.

Während sich KPD auf dem Boden sortierte und seine missliche Lage begriff, rannte die Bedienung weg. So war für mich der Blick frei zum Nebentisch, wo der das Chaos auslösende erste Schrei hergekommen war. Zwei Personen des Trios standen neben dem Tisch, ihre Gesichter waren kreideweiß. Sie starrten auf den dritten im Bunde: einen in seinem Stuhl versunkenen Mann Anfang 60 mit leicht ergrautem Haar. Sein Gesichtsausdruck drückte Entsetzen und Überraschung gleichzeitig aus: Mit seinem plötzlichen Ableben hatte er sicherlich nicht gerechnet. Der Tod kam bestimmt nicht freiwillig, worauf der große, sich vergrößernde Blutfleck, der sich durch sein hellblaues Hemd drückte, hinwies. Ich selbst hatte schon einige Menschen sterben sehen und noch viel mehr, die bereits tot waren, als ich sie das erste Mal sah. Todesarten kannte ich wie Sand am Meer, auch ziemlich skurrile. Diese Art von Tod kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen und dort nur aus den vielen Western, die ich als Kind und Jugendlicher so sehr schätzte.

Ziemlich zentral zum Brustbein war ein Sportpfeil in den Körper des Opfers eingedrungen. Meine Gedanken rotierten wie wild. Wie konnte sich ein Schütze mit Pfeil und Bogen in diesem überschaubar großen Rundbau in Position gebracht haben, um diesen, meiner Meinung nach ex­trem genauen Herzschuss abzugeben? Nirgendwo gab es geeignete Verstecke, doch dann bemerkte ich, dass der Pfeil in einem relativ schrägen Winkel in den Mann eingedrungen war. Selbst wenn man bedachte, dass das Opfer saß und der Täter stand, passte der Winkel Pfeil zu Mann nicht. Der einzige Rückschluss führte unmittelbar zum Ziel: Während die anderen nach wie vor auf die Leiche schauten, hob ich meinen Blick. Auf der Empore hantierte eine in einem dunklen Overall verhüllte Person mit der mutmaßlichen Tatwaffe. Sie musste sich ihrer Sache sicher sein, denn sie packte in aller Ruhe irgendwelche Utensilien in eine Tasche. Ich sprang, abgesehen von KPDs Frau, als Letzter auf und hüpfte behände über meinen Chef, der in den Scherben und dem Essen kniete und lautstark herumschimpfte. Er rief mir etwas hinterher, doch auf meinem Weg zur Treppe, die auf die Empore führte, verstand ich nur Bruchteile.

Die Treppenstufen, die ich hinaufeilte, hallten hart durch das Rondell, in dem eine merkwürdige Stille eingekehrt war. Keine Schreie waren mehr zu hören, nur geschocktes Gemurmel. Meiner Erfahrung nach würde es noch einen kurzen Moment dauern, bis sich die Anspannung der Zuschauer löste und wahrscheinlich eine Panik ausbrach. Zu diesem Zeitpunkt begriffen die meisten Zeugen, dass der Täter durchaus mehrere Opfer im Visier haben könnte. Ich dagegen wusste es besser. Der Schütze hatte seine Tat vollendet und war dabei, zu verschwinden. Wohin auch immer. Die Treppe war augenscheinlich der einzige Weg nach oben. Ich hatte kaum die Hälfte geschafft, da bemerkte mich der Vermummte. Um mich mit seinem Bogen zu bedrohen, war die Waffe viel zu umständlich zu handhaben, und es war vor allem zu zeitraubend, sie zu spannen. Der Täter, der wohl nicht mit einem Verfolger rechnete, rannte die kreisrunde Empore entlang. Zunächst folgte ich ihm, doch dann erkannte ich, dass es sich um einen Trick handeln könnte. Wenn er schneller war als ich, so konnte er nach einer Runde als Erster zur Treppe gelangen und nach unten fliehen. In dem heillosen Durcheinander im Restaurant würde bestimmt niemand auf die Idee kommen, sich ihm in den Weg zu stellen. Mit dieser Feststellung war ich allerdings in der Zwickmühle: Würde ich ihn nicht verfolgen, könnte er von der gegenüberliegenden Seite der Empore in aller Seelenruhe seinen Bogen spannen und auf mich anlegen. Verstecke oder Rückzugsorte gab es hier keine. Ein paar Tische und Stühle nebst gastronomischem Equipment, das darauf hindeutete, dass hier oben hin und wieder Empfänge oder kleinere geschlossene Gesellschaften stattfanden. Alternativ konnte ich nach unten gehen und die Polizei rufen. Würde es mir gelingen, das Restaurant zu evakuieren, damit der in die Enge getriebene Schütze nicht unbedacht von oben weitere Gäste erschoss?

Mein Gegner schien ähnliche Überlegungen anzustellen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Mit seiner Reaktion hatte ich nicht gerechnet: Er stieg nach oben. Der dritte Stock des zentralen Turms war nur ein Scheinstockwerk. Wie ein Hut war er auf dem Emporestockwerk aufgesetzt. Innen gab es weder eine Zwischendecke noch eine sichere Möglichkeit, um nach oben zu gelangen. Keine Ahnung, wie die kleinen Fenster im oberen Bereich gereinigt wurden. Der Mörder hängte sich seine Tasche um und warf den Bogen auf den Boden. Dann sprang er behände auf das Geländer der Empore, welches vor einem Sturz in das Restaurant schützte. Völlig ohne Anstrengung zog er sich nach oben zu einer umlaufenden Bordüre. Ein kurzer Schwung und er hing wie ein Affe knapp unter der Decke neben einem der Fenster. Aus seiner Tasche zog er einen Gegenstand, der aussah wie eine Zündkerze, einem effektiven Gegenstand, um auch dickere Scheiben zu zertrümmern. Drei oder vier Schläge, mehr benötigte er nicht, um das Glas verletzungsfrei aus dem Rahmen zu schlagen. Ein kurzer Blick zu mir, ich stand inzwischen nur noch wenige Meter von ihm entfernt, und er verschwand durch das Loch nach draußen.

Mein Adrenalinspiegel war maximal gesättigt, ich fühlte mich wie Superman. Ohne mich um mein Alter und meine körperlichen Fähigkeiten zu kümmern, versuchte ich, mich auf das Geländer der Empore zu schwingen. Meine Schienbeine knallten schmerzhaft an den umlaufenden Handlauf. Ich hatte bereits bei der ersten sportlichen Aktion kläglich versagt. Wenn ich es nicht einmal aus eigener Kraft auf das Geländer schaffte, wie sollte ich da oben an das Fenster rankommen? Im ersten Moment dachte ich daran, mir aus einem Tisch und ein paar Stühlen eine Hilfestellung aufzubauen. Doch dazu hatte ich nicht die Zeit. Außerdem wurde mir langsam bewusst, dass meine objektive körperliche Belastungsfähigkeit mit der subjektiven nicht ganz nach meinen Wünschen übereinstimmte. Vor ein paar Jahren noch, oder waren es tatsächlich schon Jahrzehnte, hätte ich bei solch einer Verfolgungsjagd garantiert nicht den Kürzeren gezogen.

Da ich mich nach wie vor zu den Gewinnertypen zählte, konnte ich nicht so vorschnell aufgeben. Der Weg war das Ziel, und hier gab es mehrere Wege. Da mir der eine Weg wegen meiner momentanen körperlichen Schwäche verwehrt war, nahm ich den alternativen Weg. Wozu gab es eine Treppe nach unten? Der Täter musste umständlich und sicherlich nicht gefahrlos vom Gebäude klettern, während ich einfach die Treppe nehmen konnte. Ziemlich außer Atem rannte ich nach unten. Immer noch standen die Gäste und die Bekannten des Opfers herum und diskutierten. Ich konnte nur hoffen, dass irgendjemand inzwischen die Polizei gerufen hatte. KPD war es nicht. Der saß hoffnungslos überfordert auf dem Boden und schrie mit Herrn Elert herum, den er anscheinend als Hauptverantwortlichen ausgemacht hatte. Als mein Chef mich entdeckte, rief er nach mir, doch ich ignorierte seine Rufe. Hatte er mir vorhin nicht Passivität vorgeworfen und dass er selbst stets den Mördern hinterherjagte? Hoffentlich bemerkte meine Frau meine Aktivitäten und den Unterschied zu dem Verhalten meines Chefs. Ohne mich weiter um das Chaos im Restaurant zu kümmern, stürmte ich nach draußen. Kaum im Freien, sah ich, wie die Gestalt an der Dachrinne des rechten Nebengebäudes hinunterkletterte. Überrascht sah der Mörder in meine Richtung. Dass ich so schnell auftauchte, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Nun entschied nur die reine Fitness. Wer war schneller, er oder ich?

Das Wettrennen dauerte nur kurz und war alles andere als fair. Mein Gegner sprang in einen Lieferwagen, und wenige Augenblicke später heulte der Motor auf. Ich hatte inzwischen die Außenterrasse hinter mir gelassen und stand mitten auf dem Weg. Da die Wahrscheinlichkeit sehr hoch lag, dass mich der Mörder einfach über den Haufen fuhr, sprang ich in letzter Sekunde zur Seite. Ein aus dem Fenster gestreckter Mittelfinger war vorläufig sein letztes Lebenszeichen.

Die Aufschrift des Lieferwagens verblüffte mich: Getränke Bruch. Der Oggersheimer Getränkehandel mit mehreren Filialen war bei einem meiner früheren Fälle in den Fokus der Ermittlungen geraten: Speziell einer der beiden Geschäftsführer galt damals lange Zeit als einer meiner Hauptverdächtigen. Auch wenn es sich damals nicht bewahrheitete, so war ich immer noch felsenfest davon überzeugt, dass das Unternehmen seine Geheimnisse besaß, die mindestens hart an der Grenze zur Illegalität lagen oder diese Grenze sogar überschritten.

War der Täter wirklich so selbstsicher, dass er mit dem Wagen des eigenen Unternehmens zum Tatort fuhr? Handelte es sich um den damals verdächtigen Geschäftsführer? Die Statur könnte passen. Ich hatte noch eine weitere Idee: Getränke Bruch belieferte jährlich das Parkfest, das größte Ludwigshafener Volksfest, das im Juni auf dem Parkplatz zwischen Turmrestaurant und Friedrich-Ebert-Halle gefeiert wurde. Was wäre, wenn der Händler auch das Restaurant belieferte und die heutige Lieferung als Tarnung für den Anschlag nutzte?

Mein Puls hatte sich nur unwesentlich beruhigt. Während der Lieferwagen in hohem Tempo über den Parkplatz nach vorne zur Erzbergerstraße raste, hatte ich eine meiner berühmten Spontanideen. Der Gedanke sprang mich förmlich an, da ich direkt vor KPDs Luxuskarosse stand. Zwei, drei Schritte, und meine Vermutung bestätigte sich: Mein Chef schloss niemals seinen Wagen ab. Seine Fahrlässigkeit ging sogar noch einen Schritt weiter. Bei KPDs Wagen, der für einen normal sterblichen Polizeibeamten unbezahlbar war, handelte es sich um eine schlüssellose Variante. Am Armaturenbrett gab es einen Taster, der den Motor startete. Das funktionierte aber nur, wenn der Fahrer gleichzeitig einen verschlüsselten Funkchip bei sich trug. Da KPD für solche technischen Spielereien kein Verständnis hatte und bereits mehrmals den Chip verlegt hatte, hatte er diesen der Einfachheit halber im Handschuhfach deponiert. »Meinen Wagen klaut sowieso keiner«, hatte er mal behauptet und bisher damit sogar recht gehabt. Vielleicht lag es an der auffälligen Sonderlackierung. Die Grundfarbe war zwar neutralweiß, doch auf beiden Seiten prangte in roter Farbe groß der Schriftzug »Hier fährt Klaus P. Diefenbach, der gute Polizeichef aus Schifferstadt«. Auf dem Heck des Wagens stand ein weiterer Spruch. Mit solch einem auffälligen Wagen würde sich kein noch so dreister Dieb auch nur eine Sekunde befassen.

Ich legte den ersten Gang ein und gab vorsichtig Gas. Es war nicht vorsichtig genug. KPDs Luxusgut gab eindeutig lebensverkürzende Geräusche aus dem Motorraum von sich, während es mich hart in den Sitz drückte. Nachdem der Wagen ein paar wilde Bocksprünge hingelegt hatte, konnte ich erschrocken vom Gas gehen. Quasi aus dem Stand heraus hatte der Wagen in Nullkommairgendwas Sekunden auf 80 Stundenkilometer beschleunigt. Und das im ersten Gang. Ein Hochschalten erübrigte sich, da ich das Ende des Parkplatzes erreicht hatte und die kurze Steigung hoch zur Erzbergerstraße nutzte, ein gewagtes Bremsmanöver zu testen. Die Bremsen funktionierten. Vielleicht hätte KPD für solche Fälle ein paar Kotztüten im Handschuhfach deponieren sollen, dann würde es jetzt im Fahrzeuginnern nicht so streng riechen. Gegen die letzten Sekunden war jede Achterbahnfahrt ein Mittagsschläfchen. In der Ausfahrt touchierte ich ein paar Büsche, die kratzend über den Lack zogen, und mit dem Kotflügel einen leeren Blechmülleimer. Kaum zu glauben, was da alles so in der Gegend herumstand und Autofahrer wie mich in der Konzentration unnötig ablenkten.

Ich hatte den Lieferwagen nach Norden in Richtung Sternstraße fahren sehen. Wegen der nicht so ganz angepassten Geschwindigkeit schloss ich recht zügig zu dem Wagen auf. Ein paar entgegenkommende Fahrzeuge und rund eine Handvoll Fußgänger wichen mir geschickt aus. Alles in allem hatte ich bei meinen ersten Fahrversuchen mit KPDs Wagen den gleichen Fahrstil drauf, wie mein Chef ihn immer hatte. Falls es zu Beschwerden kommen sollte, der Name des Ansprechpartners stand schließlich groß und deutlich auf dem Wagen.

Auf der ewig langen und kerzengeraden Sternstraße in Richtung Westen bemerkte mein Gegner, dass er verfolgt wurde. Die Sternstraße war der absolute Liebling der hiesigen Straßenbauunternehmen und Versorgungsbetriebe. Seit gefühlten Jahrzehnten war ununterbrochen mindestens eine Teilstrecke aufgrund von Bauarbeiten in der Benutzung eingeschränkt. Die Baustellen wechselten in der Regel wöchentlich und völlig unvorhersehbar ihren Standort, was die Befahrung dieses wichtigen BASF-Zubringers für die dort arbeitenden Personen zu einer besonderen Herausforderung machte.

Mit waghalsigen Lenkmanövern versuchte er, außerhalb und auch innerhalb der Baustellenbereiche ein Überholen zu verhindern. Doch das hatte ich sowieso nicht vor. KPDs Karosse hatte zwar ein paar Pfund mehr Gesamtgewicht als mein privater Mittelklassewagen, doch aus dem Physikunterricht wusste ich nur zu gut, wer der Gewinner und der Verlierer war, wenn ein, vielleicht sogar noch beladener, Lieferwagen in einen Pkw knallte.

Im Nu rasten wir über die Bahnbrücke. Die große Ampelanlage zwischen Oggersheim und der Unfallklinik wurde komplett ignoriert. Wie in einem alten Slapstickfilm driftete der Lieferwagen zwischen dem abbremsenden Gegenverkehr in Richtung Osten zur Mannheimer Straße. Nur durch ein Wunder gab es weder Blechschäden noch Verletzte.

Kapitel 2 Der unheimliche Getränkehändler

Ich hatte mich noch nicht beruhigt, da gab es bereits das nächste waghalsige Fahrmanöver. Dort, wo von der Mannheimer Straße rechts die Semmelweisstraße zur Unfallklinik abzweigte, verschwenkten die Straßenbahngleise, die sich von Oggersheim kommend zwischen den Fahrstreifen befanden, nach rechts über die Straße. Genau an dieser Stelle schoss der Lieferwagen über die Gleise hinweg auf die Gegenspur und wurde zum Geisterfahrer. Ich sah, wie der Lieferwagen auf den Firmensitz des Getränkehändlers Bruch einbiegen wollte. Da in diesem Moment ein PKW zum Tor heraus kam und auf die Straße abbog, sah es für einen Moment so aus, als würde es zu einem Frontalzusammenstoß kommen. Der Fahrer des Transporters riss das Lenkrad herum, um weiterhin als Geisterfahrer auf der Mannheimer Straße zu bleiben. Als Verfolger wurde ich Zeuge, wie der Getränkewagen 50 Meter weiter mit einer erneuten Drift durch den Lieferanteneingang des Firmensitzes von Getränke-Bruch rutschte. Das halb geschlossene Metalltor, das gerade von einer Person geschlossen wurde, flog aus der Verankerung und knallte an den Torpfosten.

Ich handelte ein wenig gefahrbewusster. Bevor ich dem Wagen auf das Firmengelände folgte, ließ ich den aus dem ersten Tor kommenden Verkehrsteilnehmer passieren, der mir aggressiv den Vogel zeigte. Sekunden später erreichte auch ich den Lieferanteneingang. Das an den Pfeiler geknallte Metalltor fiel in dem Moment, als ich die Stelle passierte, zurück, was zu weiteren Lackschäden und mutmaßlichen Dellen an KPDs Wagen führte.

Im ersten Moment dachte ich an ein Déjà-vu: Vor wenigen Jahren war ich bereits einmal Teilnehmer einer äußerst wilden Verfolgungsjagd quer über das Betriebsgelände von Getränke-Bruch. Zusammenhanglose Erinnerungsbruchstücke schwirrten mir durch den Kopf, während ich dem Transporter näher kam. Damals hatte hier eine Lehrerin aus England den wertvollen Oldtimer ihres deutschen Gastgebers geschrottet, als sie den Mörder ihrer Freundin verfolgte. Auch ich trug damals meinen Part dazu bei und hatte in einer körperlich überaus strapaziösen Jagd den Mörder zu Fuß durch die weitläufigen und verwinkelten Hallen des Betriebes verfolgt. Nur wegen eines blöden Zufalls war ich damals gescheitert. Letztendlich führten meine Ermittlungen dennoch zum Ziel, auch wenn KPD wie immer die Lorbeeren dafür einheimste.

Der Lieferwagen sauste über das Betriebsgelände nach hinten. Der Fahrer touchierte mit dem Außenspiegel einen waghalsig gestapelten Turm mit vollen Cola-Zero-Kisten, der erst zwei- oder dreimal bedenklich hin und herschwankte, bevor er der Schwerkraft nachgab und mit lautem Getöse zu Boden krachte. Jedenfalls das meiste davon. Einige der Plastikflaschen wurden aus den Kästen katapultiert und zerplatzten auf der Motorhaube und der Windschutzscheibe des Dienstwagens. Durch die von mir während der Fahrt geöffnete Seitenscheibe spritzte mir die klebrige Brühe entgegen. Intuitiv, vielleicht auch zufällig, hatte ich an dem reichhaltigen Armaturenbrett die Scheibenwischer entdeckt und eingeschaltet. Die Gummis waren nicht colatauglich, wie ich sofort an dem sich bildenden Schmierfilm feststellte. Im Blindflug raste ich weiter, trotz der Colakisten, die sich lautstark in den Radkästen zerkleinerten und dem Reifenprofil sicherlich nicht allzu wohlgesonnen waren.