Phänomen Grundschule - Mari Hardt - E-Book

Phänomen Grundschule E-Book

Mari Hardt

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Beschreibung

Untersucht werden sowohl offizielle Richtlinien als auch das, was sich hinter den schönen Fassaden wohlklingender Konzepte verbirgt. Der Leser erhält einen Blick hinter die Kulissen privater Grundschulen, Tipps und Antworten auf Fragen, die zum Beispiel Eltern bei der "richtigen" Schulwahl für ihr Kind helfen. Die Autorin zeigt Perspektiven auf, was in Zukunft besser zu machen geht.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Mari Hardt

Phänomen Grundschule

Wege durch Labyrinthe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Phänomen Grundschule

Impressum neobooks

Phänomen Grundschule

Einleitung

Wer schon einmal eine erste Unterrichtsstunde einer ersten Klasse bei der Einschulung miterlebt hat, dem wird sich das erwartungsvolle, offene Leuchten in den Augen der Schulanfänger als unvergesslich eingeprägt haben. Aus diesen Augen der Kinder sprechen Neugier, Mut, Forscherdrang, Abenteuerlust, Aufnahmebereitschaft und Tatendrang, manchmal sogar Ungeduld. Lange schon im Vorfeld dieses bedeutenden Tages, mit dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt, freuen sich die Kinder auf die Schule. Dann soll es endlich losgehen. Es ist vielleicht ein wenig vergleichbar mit dem ersten Blick eines neugeborenen Kindes hinaus in die Welt. Von diesem „menschlichen Urvertrauen“ ist bei den Meisten beim Eintritt in die Schule noch eine gehörige Portion übrig. Nun kommt es darauf an, dieses Vertrauen nicht zu beschädigen oder gar zu zerstören, damit es so lange wie möglich, möglichst ein ganzes Leben lang, erhalten bleibt und nicht enttäuscht wird. Hier liegt der Nährboden für eine gute Entwicklung und zugleich eine gewaltige Verantwortung in den Händen derer, denen die Kinder anvertraut sind. Wie viel Einfühlungsvermögen und Behutsamkeit braucht der Umgang mit den Kindern zum Beispiel von Seiten der Lehrer in den ersten Schuljahren? Welche Erziehungsziele sind von Bedeutung? Wissensvermittlung allein reicht natürlich nicht aus, um die Kinder angemessen auf das Leben vorzubereiten. Diesen Fragen gehe ich in dem vorliegenden Buch nach. Dabei kann ich aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, und aus Beobachtungen, die ich in meiner zweiten beruflichen Laufbahn als Lehrer-Quereinsteigerin machen konnte. In den Grundschulen, in denen ich unterrichtete, konnte ich hautnah erleben, wie so genannte alternative Pädagogik in der Praxis umgesetzt wird. Ich möchte den Leser mitnehmen in die Erlebenswelt heutiger Schulkinder und Lehrer. Durch ein besseres Verständnis soll mein Buch Eltern helfen, heraus zu finden, was ihre Kinder brauchen und welches die „richtige“, passende Schulform für sie ist. Erwachsenen wird darüber hinaus angeboten, die eigene Schulzeit zu verarbeiten. Studenten, die den Lehrerberuf in Erwägung ziehen, finden Entscheidungshilfen und Möglichkeiten zur Selbstreflexion.

Ich bin als Autorin mit meiner Biografie mit dem „fremden Blick“ ins Lehrerzimmer gekommen – eine Insiderin mit dem Blick von außen.

In der DDR studierte ich Informationstechnik/Akustik und übte den Beruf der Toningenieurin beim dortigen Fernsehen aus. Als Folge der Kollision mit dem Arbeiter- und Bauernstaat lernte ich gezwungenermaßen beruflich andere Bereiche kennen. Ich arbeitete im Dienstleistungsgewerbe in der Fototechnik, beim Binnenhandel und tat im Privaten das mir Mögliche, um Veränderungen in der DDR mit herbeizuführen und damit dann auch die gesamtdeutsche Entwicklung zu forcieren. Nach der Maueröffnung orientierte ich mich neu und entschied mich, Lehrerin zu werden. Zu diesem Zweck absolvierte ich eine Waldorflehrer-Ausbildung. Danach folgten befristete Verträge an privaten Grundschulen mit überwiegend reformpädagogischem Profil – ein Blick nach innen.

Aufbruch in den privaten Bildungsdschungel (Biografisches)

Erziehung und Geheimlehre

Was sind das nur für merkwürdige verwischte Schattierungen dort an der Wand? Und da drüben genau das Gleiche. Wahrscheinlich haben irgendwelche Eltern beim Renovieren der Räume mitgeholfen, die sind ja auch nicht gerade immer Profis im Anstreichen. Solche oder ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich einmal, vom Vorlesungsgeschehen abgeschweift, ins Träumen und Sinnieren geraten, urplötzlich wieder zurück in die Realität einer Unterrichtseinheit, in eine der ersten Stunden, die ich dort hörte, geholt wurde. Damals war ich noch vollkommen unbelesen, ein unbeschriebenes Blatt, was die Waldorfpädagogik anbelangt. Aber im Laufe meines zweijährigen Studiums zur Waldorflehrerin konnte ich neben einigen anderen Ungereimtheiten auch dieses Phänomen aufklären.

Es hat etwas zu tun mit Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber allen Erscheinungen dieser Welt. Im Besonderen soll den Kindern, die erzogen werden wollen, Weite und Grenzenlosigkeit übers Unterbewusste vermittelt werden, damit sie offen bleiben für alles, was sie lernen können, sollen und wollen. Viel spezifischer und zielorientierter findet sich dieser gedankliche Ansatz im Malunterricht der Waldorfschulen wieder. Es wird grundsätzlich nur mit Aquarellfarben gearbeitet, von klein an. Dahinter verbirgt sich wieder die These vom Verwischt- und Verschwommensein, vom Ineinanderfließen der Farben, welche eine freie Interpretation des Dargestellten erleichtert. Künstlerische Entwicklungsprozesse sollen nicht zu früh abgeschlossen und vollendet erscheinen und dadurch unter- oder abgebrochen werden, vermeintliche Grenzen und Abgrenzungen sollen deshalb vermieden werden. Diese Ansicht geht auf Rudolf Steiner zurück, den Urheber der Waldorfpädagogik. Nach seinem Verständnis kommt bei der Erziehung nicht nur dem Inhalt des Vermittelten Bedeutung zu, sondern auch der Form und Erscheinung desselben wie zum Beispiel 1dem Rhythmischen, dem Takt, der Melodie oder der Zusammenstimmung von Farben. Bildende Kunstausübung wird ebenso erst möglich durch Prozesse der Wiederholung, die vorwiegend unbewusst ablaufen. Also stellt die spezielle Wandbemalung in den Waldorf-Räumen ein gelungenes Beispiel für die Umsetzung von Theorie in Praxis dar und überzeugt außerdem schon lange als Verkörperung einer echten „Corporate Identity“, wie man heute nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu sagen würde.

In Anlehnung an die Art der Wandgestaltung in den Räumen aller, aber auch wirklich aller mir bekannten Waldorfeinrichtungen wird auch denen, die sich entschieden haben, sich die Pädagogik zu eigen zu machen und nach ihr zu lehren, ein gehöriges Maß an Offenheit und Unvoreingenommenheit, ja mitunter gar Unbedarftheit und Blauäugigkeit abverlangt und eine Menge Neugier erwartet und vorausgesetzt. Dies betrifft vor allem die Auseinandersetzung mit der Lehre der Anthroposophie, einer Art Menschenkunde, die von Rudolf Steiner erfunden wurde. Sie bildet die Grundlage der Pädagogik. In Vorbereitung des Studiums wurde mir ein einschlägiges Werk zum Lesen mitgegeben („Theosophie – Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“), das mich schon etwas schockiert hat wegen der bedeutenden Rolle der Leiber, Seelen und Geister im Jenseits, welche ich dann aber der Entstehungszeit des Buches schuldete und als nicht ganz zeitgemäßen obskuren esoterischen Kult abtat. Dem Seminar gegenüber erklärte ich, dass ich mich im Laufe meines Lebens schon des Öfteren mit Psychologie und Ähnlichem beschäftigt hätte und mir derartige Betrachtungsweisen nicht fremd wären. Als man hörte, dass das Arbeitsamt meine Ausbildung gegebenenfalls fördern würde, beeilte man sich, alles unter Dach und Fach zu bringen.

Aufmerksam geworden auf dieses Studium war ich durch ein verlockendes Inserat im Stellenservice der Arbeitsagentur. Als mein Sohn neun Jahre alt war, und ich auf der Suche nach einem sinnvollen, ausfüllenden Job, entschied ich mich für die Arbeit mit Kindern. Ich hatte schon einige Praxiserfahrung gesammelt. Alles was mir fehlte, war ein entsprechender Abschluss. Lehrerin zu werden schien mir ein lohnendes Ziel. Die vollmundige Verheißung einer lohnenswerten Ausbildung in der Annonce bestätigte sich im Grunde im Verlauf des Aufnahmegespräches. Meine Bedenken,dass ich nicht mehr die Jüngste sei, wurden weggewischt mit der Bemerkung, Lehrer mit Lebenserfahrungwürden dringend gebraucht und gesucht, auch bei den Waldorfschulen. Später zeigte sich, dass die Waldorfschulen nicht auf einem anderen Stern angesiedelt waren und über jeglichen Zeitgeist und gesellschaftliche Manipulationen erhaben, sondern sehr wohl an staatliche Vorgaben gebunden, besonders wenn es um Finanzen und die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Schulen ging. Es sei denn, ich hätte mich vollkommen überzeugen lassen und wäre Anthroposophin geworden. Dann hätten mir alle Türen und Wege offen gestanden! Dann hätte man mich auch ohne die erforderlichen Abschlüsse auf eigene Kosten an einer Waldorfschule eingestellt. Obwohl mir immer noch der Satz geläufig ist, zu Zeiten der Ausbildung oft genug vernommen: „Man muss kein Anthroposoph sein, um Waldorflehrer zu werden!“ Aber man muss ganz schön hart gesotten sein, um die wöchentlichen Lehrerkonferenzen in den Schulen ein ganzes Berufsleben lang einigermaßen „unbeschadet“ an Geist und Seele zu überstehen! Denn hier wird Tacheles geredet und kein Blatt vor den Mund genommen. Die Schriften und Vorträge von Steiner werden wortwörtlich gelesen und gedeutet, auf ihre Alltagstauglichkeit hin akribisch untersucht und in der Regel für richtig befunden. Und wer da mal anderer, zweifelnder oder gar ablehnender Haltung ist, wird schief angeschaut. Abweichler sind nicht gern gesehen, werden nicht wirklich geduldet. Dies kann sich bei entsprechender Hartnäckigkeit und Uneinsichtigkeit des Querulanten noch steigern und bedrohliche Ausmaße annehmen. Das Klima unter den Lehrern, in der Belegschaft, ist an vielen Waldorfschulen kein kollegiales. Es gibt unzählige Mobbingfälle, die belegbar sind. Aber auch dies ist von Schule zu Schule verschieden. Es liegt eben an den Menschen, die vor Ort sind. Werden Absolventen der Waldorf-Ausbildungseinrichtung an Schulen neu eingestellt, erfolgt vorab eine Rückfrage bei eben dieser auf „Unbedenklichkeit“. Es wird sozusagen ein „Persilschein“ ausgestellt oder auch nicht. All dies trägt leider sehr sektiererische Züge. Prägt das die Lern- und Unterrichtsatmosphäre an den Schulen mit? Gibt es Auswirkungen auf die Schüler? Langzeitstudien zu diesem Thema existieren nicht. Laut Gesetz ist es den Lehrern und Schulen untersagt, Anthroposophie in den Lehrbetrieb hinein zu tragen. Das bedeutet, die Lehre darf nicht gelehrt werden. Die Stoffinhalte müssen sich an den jeweiligen Rahmenlehrplänen der Länder orientieren. Inwieweit halten sich die Schulen nun tatsächlich daran? Fest steht auf jeden Fall, dass die Reinheit und Bewahrung der Lehre mit an oberster Stelle rangiert. Engstirnigkeit und Borniertheit haben Einzug gehalten. So entsteht der Eindruck, dass sich eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut. Dabei hatte alles einmal so redlich und schön begonnen…

Die Gründung der ersten Waldorfschule

Der Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, Emil Molt (in Berlin ist eine Schule nach ihm benannt), bat Rudolf Steiner, der sich zu diesem Zeitpunkt durch öffentliche Vorträge über Erziehung und Schulfragen und eine bereits 1907 veröffentlichte Schrift über die Erziehung des Kindes schon einen Namen gemacht hatte, im Jahre 1919, eine Schule für die Kinder der bei ihm beschäftigten Arbeiter pädagogisch zu betreuen. Steiner übernahm die Ausbildung und Beratung des Lehrerkollegiums. Die Schule wurde am 7. September 1919 als Betriebsschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe gegründet. Von Anfang an wurden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet. Dem Kommerzienrat und Fabrikdirektor schwebte vor, seinen Arbeitern neue Welten zu eröffnen, ihnen die Künste näher zu bringen, dadurch auch wiederum frischen Wind in das Betriebsklima zu bringen und zur Arbeit zu motivieren. Deshalb gab es auch schon abendliche Zirkel für die Belegschaft, an denen man kostenlos teilnehmen konnte. Da dies dauerhaft nicht den erhofften Zuspruch fand, erkannte Molt, dass man wesentlich früher ansetzen musste. Er kam auf die Idee, schon die Kinder seiner Arbeiter entsprechend zu schulen und zu bilden. Die Ansichten Rudolf Steiners faszinierten ihn und schienen ihm die richtige theoretische Basis seiner neuen Schule. Die Lehrer kamen ausnahmslos aus anderen als den schulischen Bereichen, sie waren allesamt „Umschüler“ bzw. Quereinsteiger und nicht akademisch vorgebildet, eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Projektes. Sie sollten unvoreingenommen und offen für reformpädagogische und andere „moderne“, progressive Ansichten sein und bereit, Neues zu probieren. Aus organisatorischen Gründen wurden sie erst 40 Tage vor der Schulgründung mit der Theorie und Praxis konfrontiert, Steiner hielt täglich von früh bis abends Vorträge für sie, die alle mitgeschrieben wurden. In den ersten Schultagen wurde morgens unterrichtet. Nach Schulschluss am Nachmittag ging es in einem Seminar weiter bis in die späten Abendstunden hinein. Es wurde ihnen einiges abverlangt, den ersten „Waldorflehrern“!

Erziehung und die Vermittlung von Wissen und Bildung betrachtet Steiner als „Kunst“. Die Lehrer sind demnach „Erziehungskünstler“. Diese Lehrkunst speist sich aus Können, der Lehrer soll sich auskennen auf seinem Fachgebiet und er soll Techniken und Methoden beherrschen, mit denen er das Wissen und die Kenntnisse vermitteln kann. Da Kunst nicht allein auf Können basiert, fehlt noch eine andere wesentliche Komponente, die der Inspiration. Bei der Erziehung und Wissensvermittlung hat die Intuition des Lehrers eine ähnliche Bedeutung. Es handelt sich hierbei um die Fähigkeit, das Wesen der Kinder und das Besondere einer Situation gefühlsmäßig zu erfassen, um die adäquaten Maßnahmen und Methoden zu finden und anzuwenden. Um diese Ziele zu erreichen, werden den zukünftigen Lehrern verschiedene Anleitungen und Hinweise gegeben, die helfen sollen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Hierfür schöpft Steiner vor allem aus seiner Lehre der Anthroposophie. Diese Menschenkunde begründet die empfohlenen Herangehensweisen. Die angehenden Lehrer sollen natürlich wissen, warum es sinnvoll ist, in dieser, und zwar genau dieser Reihenfolge schreiben und lesen zu lehren und zu lernen und nicht etwa umgekehrt. Dabei geht Steiner vom sich entwickelnden Kinde aus, dieses steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Daran orientieren sich noch heute die Ausbildungsinhalte, das macht das Waldorfseminar als Ausbildungsstätte so sympathisch. Im Nachhinein betrachtet, war es ein Segen für mich persönlich, dass es mir vergönnt war, in den Genuss einer derartig künstlerisch geprägten Ausbildung zu kommen.

Ein lang gehegter Wunsch

Als junger Mensch in der DDR war es mir versagt worden, ein Studium zu beginnen, das meinen Neigungen und Interessen entspricht. Diese gingen eher in die schöngeistige und künstlerische Richtung. Meine Lieblingsfächer in der Schule waren Deutsch, Englisch, Russisch, Geschichte und Bildende Kunst. An unserer Erweiterten Oberschule gab es einen Sonderbeauftragten, der mir von Anfang an nahe legte, dass es keinen Sinn für mich hat, mich für eine entsprechende Studienrichtung zu bewerben, da ich das notwendige und alles entscheidende Zusatzprädikat „Zum Studium besonders geeignet“ nicht erhalten hatte. Das lag nun weniger an mir als vielmehr an meiner sozialen Herkunft. Mein Vater repräsentierte als selbstständiger Handwerker eine Art Kleinbürgertum, das man nicht weiter heranzüchten wollte. Welche Doppelzüngigkeit, war man doch auf selbstständige Bäckereien und Bäckermeister ganz besonders angewiesen, um die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigsten zu gewährleisten. Die Staatsmacht der DDR des Jahres 1972 wollte durch diese restriktiven Maßnahmen verhindern, dass sich innerhalb der Bevölkerungsstruktur Kasten ausbilden. Ärztekinder durften nicht Medizin studieren usw. So gut wie unabhängig von den schulischen Leistungen erhielten nur die Kinder von Arbeitern und Bauern das begehrte Prädikat. Zuständig für die Durchsetzung dieser Anweisung aus dem Bildungsministerium der Margot Honecker und die Erteilung der besagten Prädikate waren die Erweiterten Oberschulen selbst. Nachdem mein modifizierter Wunsch, an der TU Dresden Psychologie zu studieren, abgelehnt wurde, gab es sogenannte Umlenkungsgespräche mit den Zurückgewiesenen. An der Tür des Besprechungsraumes war ein Zettel angebracht, auf dem verschiedene Studienfächer angeboten wurden. Ich hatte nun Betriebswirtschaft ausgesucht. Da ich die Letzte auf der Liste war und diese der Reihe nach abgearbeitet wurde, teilte man mir im Verlaufe des Gespräches mit, dass nur noch ein Platz übrig wäre, nämlich Informationstechnik/Akustik an der TU Dresden. Anscheinend waren die Studienplätze tatsächlich abgezählt. So kam es, dass ich nach Dresden ging.

Was hingegen für ein Reigen an wunderbaren Fächern auf dem Stundenplan des Waldorfseminars zu finden war! Angefangen mit Sprachgestaltung, Plastizieren, Malen, Bildhauerei, Darstellendem Spiel, Chor, Eurythmie, Musiktheorie bis zu Methodik für Klassen- und Fachlehrer. Der Sprache als Ausdrucksmittel kommt in ihren unzähligen Facetten eine große Bedeutung zu. Die Musik ist wesentlicher Unterrichtsbestandteil, das gemeinsame Singen und Musizieren nimmt einen großen Raum ein, ebenso das gemeinsame Sprechen, wodurch soziale Lernprozesse bei den Kindern begünstigt werden. Auch Bildende Kunst wird umfassend praktiziert. Die Künste spielen eine zentrale Rolle, greift doch in diesem Metier der Aspekt der Wiederholung genau so wie beim Erlernen von Liedern, Gedichten und anderen Texten. Ohne diesen Vorgang kann man nicht künstlerisch tätig sein. Das wiederum hat auch Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, Charakterformung und Willensbildung. So bewegen sich die zukünftigen Lehrer auf einem Terrain, das dem ihrer späteren Schüler nicht unähnlich ist. Spezielle Vorlesungen gab es in bestimmten Wissensbereichen, z.B. in Kunstgeschichte, Erdkunde, Geschichte, Biologie (Pflanzenkunde und Tierkunde), Himmelskunde sowie Kurse für Fachmethodik der Fremdsprachen (Englisch, Russisch), für Werken, Handarbeit und Sport. Da es in den Waldorfschulen keine zentrale Schulleitung gibt, werden Sachkreise von den Lehrerkollegien demokratisch gewählt, die dann autonom alle für die Schule wichtigen Entscheidungen treffen. Trotzdem hat es sich so eingeschliffen, dass auf den wöchentlichen Konferenzen über alle Themen ausführlich und breit bis in die Nächte hinein diskutiert wird. Oftmals waren letztlich diese Runden dann doch nicht beschlussfähig aufgrund übergeordneter Entscheidungsträger. Bereits in der Ausbildung wurde Raum zur freien Diskussion gegeben. So erhielten wir einen Vorgeschmack auf das, was uns in den Schulen erwarten sollte. Solch ein Meinungsaustausch kann fruchtbar sein, es kommt auf Thema und Problematik an.

Sehr schöne Erinnerungen habe ich an den dreiwöchigen Bildhauerkurs, in dem am Stück, zeitlich betrachtet, als auch wortwörtlich zu sehen, aus einem Sandstein in intensiver täglich mehrstündiger Auseinandersetzung mit der Materie ein Porträt-Kopf entstand. Eine für mich gewaltige Herausforderung, auch weil immense körperliche Anstrengung damit verbunden war. Ebenso haben die wunderschönen eurythmischen Einstudierungen Bach’scher Musikstücke oder von Werken Rachmaninows, Schuberts und anderer Komponisten und Goethe’scher und anderer Verse und Gedichte einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Selektion und Züchtigung