Picknick auf dem Eis - Andrej Kurkow - E-Book
Beschreibung

Als Tagträumer hat es Viktor schwer im Kiew der Neureichen und der Mafia: Ohne Geld und ohne Freundin lebt er mit dem Pinguin Mischa und schreibt unvollendete Romane für die Schublade. Zum Überleben verfasst er für eine große Tageszeitung Nekrologe über Berühmtheiten, die allerdings noch gar nicht gestorben sind. Wie jeder Autor möchte Viktor seine Texte auch veröffentlicht sehen. Ein Wunsch, der beängstigend schnell in Erfüllung geht.

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EPUB

Seitenzahl:317

Sammlungen



Andrej Kurkow

Picknickauf dem Eis

Roman

Aus dem Russischen von

Christa Vogel

Titel der 1996

bei Alterpress, Kiew

erschienenen Originalausgabe:

›Smert’ postoronnego‹

Die deutsche Erstausgabe erschien 1999

im Diogenes Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2013

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 23255 4 (15.Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60319 4

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] 1

Zuerst landete einen Meter vor seinen Füßen ein Stein. Viktor sah sich um – zwei Männer beobachteten ihn grinsend. Sie standen auf der Straße neben einer Baustelle, das Kopfsteinpflaster war aufgerissen. Einer bückte sich, nahm noch einen Pflasterstein in die Hand und schleuderte ihn schräg wie auf einer Kegelbahn in Viktors Richtung. Nach dem ersten Schrecken machte er, daß er wegkam – sein Gang ähnelte dem eines Wettkampfgehers. ›Nur nicht rennen!‹ sagte er sich. Erst vor seinem Haus blieb er stehen und warf einen Blick auf die große Uhr an der Ecke – 21.00Uhr. Alles still und menschenleer. Als er bei der Haustür ankam, war seine Angst verschwunden. Die einfachen Leute langweilen sich heutzutage, Vergnügen können sie sich nicht mehr leisten. Da kegeln sie eben mit Pflastersteinen.

In der Küche war es dunkel. Wieder mal gab es keinen Strom und damit kein Licht. Im Finstern hörte man die watschelnden Schritte des Pinguins Mischa. Der war im Herbst vor einem Jahr in Viktors Leben aufgetaucht, als der Zoo hungrige Tiere an alle Leute verschenkte, die in der Lage waren, sie zu füttern. Viktor holte sich damals einen Königspinguin. Eine Woche vorher hatte ihn seine Freundin verlassen. Er hatte sich einsam gefühlt. Aber der Pinguin Mischa brachte seine eigene Einsamkeit mit, jetzt ergänzten [6] sich die beiden Einsamkeiten, was eher den Eindruck einer gegenseitigen Abhängigkeit als den einer Freundschaft erweckte.

Viktor suchte sich eine Kerze, zündete sie an und stellte sie in einem leeren Mayonnaisegläschen auf den Tisch. Im diffusen, aber poetischen Kerzenlicht suchte er im Halbdunkel Papier und Füller. Er setzte sich mit dem Blatt Papier vor der Kerze an den Tisch. Diese weiße Seite galt es zu füllen. Wäre Viktor ein Dichter gewesen, würden jetzt gereimte Zeilen über das leere Blatt fließen, aber er war kein Dichter, sondern ein Schriftsteller, der zwischen journalistischen Versuchen und kleinen Prosaarbeiten steckengeblieben war. Das Beste, was er zustandegebracht hatte, waren kurze Geschichten. Sehr kurze. So kurze, daß er, selbst wenn man ihm etwas dafür bezahlte, davon nicht leben konnte.

Draußen krachte ein Schuß. Viktor zuckte zusammen, duckte sich, schlich vorsichtig ans Fenster, aber es war nichts zu sehen. Dann kehrte er zu seinem Blatt Papier zurück. Seine Phantasie arbeitete schon an einer Geschichte um diesen Schuß herum. Diese Geschichte reichte genau für eine Seite – nicht mehr und nicht weniger. Bei den letzten tragischen Worten der neuen kurzen Erzählung ging das Licht wieder an. Die Deckenlampe flammte auf. Viktor pustete die Kerze aus, nahm gefrorene Fische aus dem Tiefkühlfach und warf sie in Mischas Schüssel.

[7] 2

Am nächsten Morgen, als er seine neue Geschichte noch einmal getippt und sich von dem Pinguin verabschiedet hatte, ging Viktor zur Redaktion einer neuen, großen Zeitung. Sie druckten alles mögliche ab, von kulinarischen Rezepten bis zu Neuigkeiten der postsowjetischen Kleinkunstbühne. Den Redakteur der Zeitung kannte er ziemlich gut – sie hatten einige Male fröhlich zusammen gepichelt, und danach hatte ihn der Chauffeur der Zeitung stets nach Hause gefahren.

Der Redakteur begrüßte ihn lächelnd und klopfte ihm auf die Schulter. Er bat die Sekretärin, einen Kaffee zu kochen, und überflog professionell mit einem Blick das mitgebrachte Werk.

»Nein, Alter«, sagte er schließlich. »Sei nicht sauer. Das geht nicht. Hier muß entweder mehr Blut her oder überhaupt was anderes, eine fulminante oder skandalöse Liebesgeschichte. Versteh doch, von einer Zeitungserzählung erwarten die Leute eine Sensation.«

Viktor verabschiedete sich, ohne auf den Kaffee zu warten.

Ganz in der Nähe befand sich die Redaktion der ›Hauptstadtnachrichten‹. Viktor gelang es nicht, zum Chefredakteur vorzudringen, also klopfte er bei der Kulturabteilung an.

»Eigentlich drucken wir überhaupt keine Literatur«, informierte ihn ein alter Kulturredakteur sehr freundlich und höflich. »Aber lassen Sie es mal da. Möglich ist alles. Vielleicht in irgendeiner Freitagsausgabe. Wissen Sie, aus [8] Gründen der Ausgewogenheit. Wenn es zu viele schlechte Nachrichten gibt, wollen die Leser gern was Neutrales. Ich werde mir Ihre Geschichte mal ansehen!«

Er befreite sich von seinem Besucher mit einer Visitenkarte und wandte sich wieder seinem mit Papieren überhäuften Schreibtisch zu. Erst da begriff Viktor, daß er nicht einmal ins Büro gebeten worden war. Das ganze Gespräch hatte zwischen Tür und Angel stattgefunden.

3

Zwei Tage später klingelte das Telefon.

»Hier sind die ›Hauptstadtnachrichten‹«, ertönte eine helle, resolute Frauenstimme. »Der Chefredakteur möchte Sie sprechen.«

Der Hörer wanderte von einer Hand in die andere.

»Viktor Aleksejewitsch?« fragte eine Männerstimme.

»Ja.«

»Könnten Sie heute zu uns kommen? Oder sind Sie beschäftigt?«

»Ja – das heißt nein«, antwortete Viktor. »Ich habe Zeit.«

»Dann schicke ich Ihnen einen Wagen vorbei. Einen blauen Shiguli. Wo wohnen Sie?«

Viktor diktierte seine Adresse. Der Chefredakteur, der sich nicht einmal vorgestellt hatte, verabschiedete sich und sagte: »Bis gleich.«

›Ob das wegen der Erzählung ist‹, dachte Viktor, als er sich ein Hemd aus dem Schrank suchte. – ›Nein, wohl kaum wegen der Erzählung… Was brauchen die meine [9] Erzählung? Obwohl, man kann nie wissen, ach, hol’s der Teufel!‹

In dem blauen Shiguli vor dem Hauseingang wartete ein sehr höflicher Chauffeur, der Viktor in die Redaktion brachte.

»Igor Lwowitsch«, stellte sich der Redakteur vor und streckte die Hand aus. »Schön, Sie kennenzulernen.«

Der Chefredakteur sah eher wie ein gealterter Sportler als wie ein Journalist aus. Vielleicht war dem ja auch so, aber in seinen Augen schimmerte jene merkwürdige Ironie, die eher von Verstand und Bildung kommt als vom Konditionstraining in der Sporthalle.

»Setzen Sie sich doch! Einen Kognak?« Er unterstrich seine Worte mit einer herrschaftlichen Geste.

»Nein danke. Vielleicht einen Kaffee…«, bat Viktor, während er sich in dem Ledersessel vor einem imponierend großen Schreibtisch niederließ.

Der Chefredakteur nickte. Dann nahm er den Telefonhörer und sagte: »Zwei Kaffee.«

»Wissen Sie«, begann er und maß Viktor mit einem wohlwollenden Blick, »vor kurzem haben wir noch über Sie gesprochen, und gestern kommt unser Boris Leonidowitsch, unser Kulturredakteur, zu mir und sagt: ›Werfen Sie da mal einen Blick drauf‹ und schiebt mir Ihre kleine Erzählung hin. Eine hervorragende Erzählung… Da fiel mir wieder ein, daß wir neulich schon mal von Ihnen gesprochen hatten, und ich wollte Sie gern kennenlernen…«

Viktor hörte zu und nickte höflich. Igor Lwowitsch machte eine Pause, lächelte und fuhr fort.

»Viktor Aleksejewitsch, möchten Sie für uns arbeiten?«

[10] »Was soll ich denn schreiben?« fragte Viktor, dem sich schon bei der bloßen Vorstellung einer neuen journalistischen Zwangsarbeit das Herz zusammenkrampfte.

Igor Lwowitsch wollte antworten, aber gerade in dem Augenblick kam die Sekretärin mit dem Tablett herein, stellte die Tassen, Kaffee und Zuckerdose auf den Tisch. Der Chefredakteur brach mitten im Wort ab, als hielte er den Atem an, und wartete, bis die Sekretärin wieder draußen war.

»Es ist streng vertraulich«, sagte er. »Wir brauchen einen talentierten Autor für Nekrologe, einen Meister des kurzen Genres. Kompetent, kurz und ziemlich außergewöhnlich. Verstehen Sie?« Er sah Viktor hoffnungsvoll an.

»Das heißt, ich soll in der Redaktion sitzen und warten, bis jemand stirbt?« fragte Viktor leise und vorsichtig, als ob er eine bestätigende Antwort befürchtete.

»Natürlich nicht! Die Arbeit ist viel interessanter und verantwortungsvoller. Sie müßten eine Kartei von ›Kreuzchen‹ anlegen – so nennen wir hier die Nekrologe – von noch lebenden Menschen, angefangen bei bekannten Politikern über Gangster bis hin zu Prominenten in Kultur und Kunst. Ich möchte, daß Sie so schreiben, wie noch nie jemand über Tote geschrieben hat. Ihrer Erzählung nach zu urteilen, glaube ich, Sie können das!«

»Und wie sieht das mit dem Honorar aus?« fragte Viktor.

»Fangen wir mal mit 300Dollar an. Was die Arbeitszeit betrifft, haben Sie völlig freie Hand. Ich muß natürlich auf dem laufenden sein, wer sich in Ihrer Kartei befindet. Kein noch so zufälliger Unfall sollte uns unvorbereitet überraschen! Und noch eine Bedingung. Sie müßten unter Pseudonym schreiben. Das ist übrigens auch in Ihrem Interesse.«

[11] »Was für ein Pseudonym?« fragte Viktor, eher sich selber als den Chefredakteur.

»Denken Sie sich eins aus, und wenn Ihnen keins einfällt, können Sie erst einmal mit ›Der engste Freundeskreis‹ unterschreiben.

Viktor nickte.

4

Zu Hause trank Viktor vor dem Schlafengehen einen Tee und dachte über das Thema Tod nach. Es fiel ihm leicht. Er fühlte sich ausgezeichnet, hätte lieber einen Wodka als einen Tee getrunken. Aber Wodka war keiner da.

Man hatte ihm ein tolles Spiel angetragen. Und obwohl Viktor noch nicht wußte, wie er seine neuen Verpflichtungen erfüllen sollte, spürte er den wunderbaren Vorgeschmack von etwas Neuem und Außergewöhnlichem. Der Pinguin Mischa watschelte auf dem Korridor herum und stupste von Zeit zu Zeit an die geschlossene Küchentür. Schließlich fühlte sich Viktor schuldig und ließ Mischa herein. Der blieb neben dem Tisch stehen. Da er fast einen Meter groß war, konnte er alles auf dem Tisch überblicken. Er betrachtete die Teetasse, dann richtete er seinen Blick auf Viktor. Er sah ihn durchdringend an, wie ein durch Erfahrung klug gewordener Parteifunktionär. Viktor wollte dem Pinguin etwas Gutes tun, ging ins Badezimmer und ließ kaltes Wasser in die Wanne laufen. Der Pinguin schlurfte beim Geräusch des fließenden Wassers sofort heran und stürzte sich in die Fluten, ohne abzuwarten, bis die Wanne voll war.

[12] Morgens fuhr Viktor in die Redaktion der ›Hauptstadt-nachrichten‹, um sich vom Chefredakteur ein paar praktische Tips geben zu lassen.

»Wie soll ich die Personen aussuchen?« fragte Viktor.

»Nichts einfacher als das. Schauen Sie nach, über wen die Zeitungen schreiben. Sie können sich natürlich auch selber Leute aussuchen – das Vaterland kennt ja nicht alle seine Helden, viele bleiben auch gern inkognito…«

Nachdem er alle nur möglichen Zeitungen gekauft hatte, kam Viktor abends nach Hause und setzte sich an den Küchentisch.

Die ersten Zeitungen gaben ihm Stoff zum Nachdenken, er unterstrich die Namen der Very Important Persons und schrieb sie in ein Arbeitsheft. Viel Arbeit wartete auf ihn. Allein aus den wenigen Zeitungen hatte er ungefähr sechzig Namen herausgeschrieben.

Dann trank er Tee und dachte weiter nach, jetzt schon über die literarische Gattung. Seine Texte sollten lebendig und gefühlvoll sein, so daß selbst ein einfacher Kolchosbauer mit den Tränen zu kämpfen hätte, wenn er den Nachruf über den ihm unbekannten Verstorbenen las. Am nächsten Morgen suchte er sich eine Person für das erste ›Kreuzchen‹ aus. Nun brauchte er nur noch das Okay des Chefs.

5

Morgens um halb zehn, nach der ›Absegnung‹ durch Igor Lwowitsch, einer Tasse Kaffee und der feierlichen Überreichung eines Presseausweises, kaufte Viktor eine Flasche [13] finnischen Wodka am Kiosk und machte sich auf den Weg zum Empfangszimmer von Alexander Jakornitzkij, ehemals Schriftsteller, nun Parlamentsabgeordneter.

Als der Abgeordnete hörte, daß ihn ein Korrespondent der ›Hauptstadtnachrichten‹ interviewen wollte, war er sehr erfreut. Er bat die Sekretärin gleich, allen weiteren Besuchern abzusagen und niemanden mehr zu ihm zu lassen.

Nachdem er es sich bequem gemacht hatte, stellte Viktor die Flasche finnischen Wodka und ein Diktiergerät auf den Tisch. Der Abgeordnete stellte ebenso flink zwei Kristallgläschen neben die Flasche.

Der Abgeordnete redete munter drauflos, ohne irgendwelche Fragen abzuwarten. Über sein Amt, über seine Kindheit, über seine Zeit als Komsomolzengruppenleiter an der Uni. Als die Flasche zur Neige ging, prahlte er mit seinen Fahrten nach Tschernobyl, wobei sich angeblich Tschernobyl positiv auf seine Potenz ausgewirkt hatte, was im Zweifelsfall seine Frau, Lehrerin einer Privatschule, bezeugen könne und auch seine Geliebte, Sängerin an der Nationaloper.

Beim Abschied umarmten sie sich. Der Abgeordnete hinterließ bei Viktor einen äußerst lebendigen Eindruck, vielleicht sogar zu lebendig für einen Nekrolog. Aber das war ja der Witz: jeder Verstorbene war gerade noch lebendig gewesen, und die Zeilen des Nekrologs sollten seine schwindende Wärme bewahren. Die Texte durften nicht hoffnungslos düster sein.

Zu Hause schrieb Viktor schnell den Nekrolog – er setzte ein ›Kreuzchen‹ neben den Namen des Abgeordneten –, eine zwei Seiten lange warmherzige Erzählung über einen [14] lebendigen, sündigen Menschen. Er brauchte noch nicht einmal in die Tonbandaufzeichnung hineinzuhören, alles war noch ganz frisch in seinem Gedächtnis.

Als Igor Lwowitsch am nächsten Morgen den Text las, war er sehr angetan.

»Das ist ja ein Kunstwerk!« sagte er. »Wenn nur der Ehemann dieser Opernsängerin den Mund hält…« ›Um ihn mögen heute viele Frauen trauern, aber wir, obwohl wir auch ihrer gedenken, bringen all unser Mitgefühl der Gattin und noch einer Frau entgegen, deren Stimme, wenn sie zu der Kuppel der Nationaloper hinaufflog, nur für ihn erklang und doch für alle hörbar war.‹ Schön! Sehr schön! Weiter so!«

Kühner geworden, wandte sich Viktor an Igor Lwowitsch: »Mir fehlen ein paar Informationen, und wenn ich mit jedem ein Interview machen soll, dann brauche ich dafür viel Zeit. Haben Sie in Ihrer Zeitung nicht eine Art Kartei…«

Der Chef lächelte.

»Natürlich«, sagte er. »Das wollte ich dir schon selber vorschlagen. In der Kriminalabteilung. Ich sage Fjodor Bescheid, damit du überall dran kannst.«

6

Viktors Leben organisierte sich nun wie von selber entsprechend seinem Arbeitsplan. Er arbeitete mit voller Kraft. Gut, daß Fjodor von der Kriminalabteilung ihm alles, was er hatte, anvertraute. Und er hatte viel: von den Namen der Liebhaber und Liebhaberinnen der Very Important Persons [15] bis zu den konkreten Sündenfällen dieser Leute, aber auch anderen Ereignissen ihres Lebens. Von Fjodor erhielt Viktor die fehlenden Details aus den Lebensläufen, die wie besonders pikante indische Gewürze den Nachruf – ein langweiliges Gericht aus einer traurigen Grundsubstanz – in ein Gericht für Gourmets verwandelten. Und regelmäßig legte er dem Chef die nächsten Texte auf den Tisch. Alles lief ausgezeichnet. In seiner Hosentasche klimperte Geld – nicht sehr viel, aber für Viktors bescheidene Bedürfnisse völlig ausreichend. Das einzige, was ihn manchmal quälte, war der fehlende Ruhm, und sei es auch der eines anonymen Schriftstellers. Allzu zählebig waren seine Helden. Von mehr als hundert ›zu Tode‹ geschriebenen VIPs war nicht nur keiner gestorben, sondern nicht einmal einer krank geworden. Aber diese düsteren Gedanken brachten Viktor nicht aus dem Arbeitsrhythmus. Er blätterte fleißig die Zeitungen durch, schrieb Namen heraus, verbiß sich in die Biographien dieser Leute. ›Das Vaterland soll seine Helden kennen‹ – sagte er sich immer wieder.

Es war an einem Novemberabend. Draußen regnete es. Mischa-Pinguin nahm wieder mal ein Bad. Und Viktor dachte gerade an die sture Langlebigkeit seiner Helden. Plötzlich klingelte das Telefon.

»Igor Lwowitsch hat mir Ihre Telefonnummer gegeben«, sagte eine heisere Männerstimme. »Ich muß Sie sprechen. Ich habe ein Anliegen.«

Als er den Namen des vertrauten Redakteurs hörte, war Viktor gern zu einem Treffen bereit.

Eine halbe Stunde später begrüßte er bei sich zu Hause einen etwa vierzigjährigen, durchtrainierten, geschmackvoll [16] gekleideten Mann. Der Gast brachte eine Flasche Whisky mit, und sie setzten sich gleich an den Tisch.

»Mischa«, stellte der Gast sich vor. Viktor lachte auf und wurde sofort verlegen.

»Entschuldigen Sie, so heißt mein Pinguin«, sagte er.

»Ich habe einen guten alten Freund, der sehr krank ist…«, begann der Gast. »Wir sind gleich alt und kennen uns seit unserer Kindheit. Er heißt Sergej Tscherkalin. Ich möchte seinen Nekrolog bei Ihnen bestellen. Nehmen Sie so was an?«

»Natürlich«, antwortete Viktor. »Aber ich brauche Fakten aus seinem Leben, möglichst etwas Persönliches.«

»Kein Problem«, sagte Mischa. »Ich weiß alles über ihn. Ich kann Ihnen alles erzählen…«

»Bitte.«

»Er ist der Sohn eines Schlossers und einer Kindergärtnerin. Seit seiner Kindheit träumte er von einem Motorrad, und als er die Schule beendet hatte, kaufte er sich schließlich eine ›Minsk‹, aber dafür mußte er ein bißchen was stehlen. Jetzt schämt er sich sehr für seine Vergangenheit. Dabei ist sein heutiges Leben auch nicht viel besser. Wir sind Kollegen, wir befassen uns mit der Gründung und Schließung von Trusts, nur daß ich dabei erfolgreich bin und er nicht. Vor kurzem hat ihn seine Frau verlassen, und nun ist er völlig allein. Er hatte noch nicht einmal eine Geliebte.«

»Wie hieß seine Frau?«

»Lena… Es geht ihm überhaupt ziemlich mies, dazu kommt noch sein Gesundheitszustand…«

»Was hat er denn?« fragte Viktor.

»Verdacht auf Magenkrebs und eine chronische Prostatitis.«

[17] »Und was ist für ihn das Wichtigste im Leben?« fragte Viktor.

»Das Wichtigste? Ein silbriger ›Lincoln‹, den er nie besitzen wird…«

Sie begossen ihr Gespräch mit Whisky. Diesem Cocktail von Worten und Alkohol entstieg eine dritte Person. Neben ihnen am Tisch saß der von seiner Frau verlassene Pechvogel Sergej Tscherkalin in erbärmlichem Zustand, krank, einsam mit seinem unerfüllbaren Traum von einem silbrigen ›Lincoln‹.

»Wann soll ich vorbeikommen?« fragte Mischa zum Schluß.

»Morgen.«

Als Mischa gegangen war, hörte Viktor auf der Straße das Geräusch eines anspringenden Automotors. Er blickte aus dem Fenster und sah vor seinem Hauseingang einen silbrigen ›Lincoln‹, lang und protzig, davonfahren.

Er fütterte Mischa mit einer gefrorenen Scholle. Dann kehrte er in die Küche zurück, setzte sich an den Tisch und begann, den bestellten Nekrolog zu schreiben. Durch das kleine Fenster zwischen Bad und Küche konnte er das Plätschern des Wassers hören. Und während er einen Entwurf für das ›Kreuzchen‹ niederschrieb, lächelte er und dachte an den Pinguin, der das klare kalte Wasser so liebte.

[18] 7

Der Herbst ist die beste Zeit, um Nekrologe zu schreiben; die Zeit des Welkens, des Trauerns, der Suche nach dem Vergangenen. Der Winter dagegen ist eine gute Zeit fürs Leben, er ist an sich fröhlicher mit seinem erfrischenden Frost und dem in der Sonne glitzernden Schnee. Aber bis zum Winter war es noch ein paar Wochen hin, und während dieser Zeit konnte man schon einen ganz schönen Vorrat für das nächste Jahr anhäufen. Eine Menge Arbeit war zu bewältigen.

Draußen goß es wieder in Strömen, als Mischa-Nicht-Pinguin zu ihm kam. Er las den Nekrolog und war sehr zufrieden. »Wieviel?« fragte er und zückte seine Brieftasche.

Der Hausherr zuckte mit den Schultern. Bis jetzt war er immer monatlich bezahlt worden.

»Na hör mal«, sagte Mischa. »Gute Arbeit muß auch anständig bezahlt werden.«

Mit dieser Feststellung konnte man schwerlich nicht einverstanden sein, und Viktor nickte.

Mischa überlegte.

»Du solltest wenigstens doppelt so viel wie die teuerste Nutte bekommen… Sind 500Grüne okay?«

Die Bemessung des Honorars nach dem maximalen Tarif für Prostituierte gefiel Viktor gar nicht, die Summe dagegen sehr. Er nickte wieder und bekam von Mischa fünf Hundertdollarscheine.

»Wenn du nichts dagegen hast, suche ich dir noch ein paar Kunden!« schlug Mischa vor.

Viktor hatte nichts dagegen.

Mischa-Nicht-Pinguin ging fort. Draußen hielt das graue [19] Regenwetter an. Die Zimmertür schwang auf, und Mischa-Pinguin stand auf der Schwelle. Er stand eine Minute lang da, ging dann zu seinem Herrchen, schmiegte seinen Körper an dessen Knie und blieb so stehen. Viktor streichelte das liebe Tier.

8

Nachts hörte Viktor, der einen leichten Schlaf hatte, den unter Schlaflosigkeit leidenden Pinguin in der Wohnung hin- und herschlurfen. Er watschelte herum und ließ alle Türen sperrangelweit offen. Manchmal schien er stehenzubleiben und tief zu seufzen, wie ein alter Mann, der des Lebens und seiner selbst überdrüssig war.

Am Morgen rief Igor Lwowitsch an und bat Viktor, in die Redaktion zu kommen.

Bei einer Tasse Kaffee erörterten sie den letzten Stand der ›Kreuzchen-Kartei‹. Grundsätzlich war der Chef zufrieden.

»Unser einziges Manko ist«, sagte er, »daß alle unsere zukünftigen Verstorbenen Kiewer sind. Natürlich zieht die Hauptstadt alle mehr oder weniger bedeutenden Leute magnetisch an, aber auch in anderen Städten leben berühmte Leute.«

Viktor hörte aufmerksam zu und nickte von Zeit zu Zeit.

»Wir haben unsere Korrespondenten überall«, fuhr der Chef fort. »Sie sammeln schon die notwendigen Informationen. Man muß nur hinfahren und alles, was sie gesammelt haben, bei ihnen abholen. Mit der Post ist es hoffnungslos, [20] und dem Fax sollte man solche Sachen nicht anvertrauen. Übrigens würde ich Sie bitten, sich dessen anzunehmen…«

»Wessen?« fragte Viktor.

»Man muß in einige Städte fahren, um alle diese Materialien abzuholen… Erst nach Charkow, dann nach Odessa, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Natürlich auf Kosten der Redaktion…«

Viktor war einverstanden.

Auf der Straße nieselte es wieder. Auf dem Nachhauseweg ging Viktor in ein Café, bestellte einen einfachen Kognak und einen doppelten Mokka. Er wollte sich aufwärmen.

Das Café war leer und ruhig. Die richtige Atmosphäre für jemanden, der von der Zukunft träumen – oder auch umgekehrt – sich an die Vergangenheit erinnern wollte.

Viktor nippte am Kognak. Ein vertrauter Geruch kitzelte seine Nase. »Hm! Echter!« freute er sich.

Der angenehme Aufenthalt im Café, diese Ruhepause zwischen Vergangenheit und Zukunft, mit einem Gläschen Kognak und einem Täßchen Kaffee, stimmte ihn romantisch. Er fühlte sich weder einsam noch unglücklich, sondern eher als vollwertiger Cafébesucher, der sein geringfügiges Bedürfnis nach innerer Wärme befriedigte. Fünfzig Gramm echter Kognak – und schon strömte die Wärme in zwei entgegengesetzte Richtungen – nach oben, in den Kopf, und nach unten, in die Füße. Und die Gedanken verlangsamten sich.

Früher hatte Viktor davon geträumt, Romanschriftsteller zu werden. Aber er hatte es noch nicht einmal bis zu Novellen geschafft. Obwohl er ein paar unvollendete Manuskripte zwischen Aktendeckeln herumliegen hatte. Aber das [21] war es dann auch, es war ihr Schicksal, unvollendet zu bleiben. Er hatte einfach kein Glück mit den Musen. Aus irgendeinem Grund hielten sie sich in seiner Zweizimmer-wohnung nie lange genug auf, als daß er wenigstens eine Erzählung hätte zu Ende schreiben können. Daher auch sein Mißerfolg in dieser Gattung. Die Musen waren erstaunlich unbeständig in ihrem Verhältnis zu ihm. Vielleicht war er auch selber schuld, weil er sich so unzuverlässige Musen aussuchte. Nun aber, allein mit seinem Pinguin, beschäftigte er sich trotz allem weiter mit dem kurzen Genre, und wurde jetzt nicht mal schlecht dafür bezahlt.

Durch und durch aufgewärmt, verließ er das Café. Draußen regnete es immer noch. Der Tag war fad und feucht.

Bevor er nach Hause zurückkehrte, kaufte er in einem Geschäft noch ein Kilo gefrorenen Lachs für Mischa.

9

Vor der Reise nach Charkow mußte Viktor noch ein Problem lösen: bei wem sollte Mischa-Pinguin bleiben? Wahrscheinlich würde der Pinguin eine dreitägige Einsamkeit problemlos überstehen, aber Viktor machte sich Sorgen. In Gedanken ging er alle Bekannten durch – Freunde hatte er leider keine –, aber sie waren alle eher entfernte Bekannte, und Viktor wollte sich nicht an sie wenden. Er kratzte sich am Hinterkopf und trat ans Fenster.

Draußen nieselte es. Neben dem Hauseingang unterhielt sich ein Polizist mit einer alten Nachbarin. Viktor erinnerte [22] sich an den alten Witz vom Pinguin und dem Polizisten und lächelte. Er ging zum Telefon und suchte in seinem Notizbuch die Nummer seines Revierpolizisten.

»Leutnant Fischbein«, antwortete eine klare Männerstimme am anderen Ende der Leitung.

»Entschuldigen Sie«, stammelte Viktor und suchte nach Worten. »Ich habe eine Bitte an Sie… Ich wohne in Ihrem Revier…«

»Ist was passiert?« unterbrach ihn der Revierpolizist.

»Nein. Bitte, denken Sie nicht, daß ich einen Witz mache. Das Problem ist, ich muß für drei Tage auf eine Dienstreise, und ich habe niemanden, bei dem ich meinen Pinguin lassen kann…«

»Wissen Sie«, entgegnete ihm der Revierpolizist mit fester, ruhiger Stimme. »Leider habe ich keine Möglichkeit, Ihren Pinguin bei mir unterzubringen, ich wohne zusammen mit meiner Mutter in einem kleinen Zimmer…«

»Sie haben mich falsch verstanden«, sagte Viktor aufgeregt. »Ich wollte Sie nur bitten, ein paarmal zu mir zu kommen und ihn zu füttern… Ich gebe Ihnen die Schlüssel.«

»Das kann ich machen. Sagen Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse, und ich komme bei Ihnen vorbei. Sind Sie gegen drei Uhr zu Hause?«

»Ja.«

Viktor setzte sich in den Sessel.

Noch vor einem guten Jahr hatte auf dessen breiter Armlehne normalerweise Olja gesessen, eine zierliche Blondine mit sympathischer Stupsnase und ewig vorwurfsvollem Blick. Manchmal hatte sie ihren Kopf auf seine Schulter gelegt, und als wäre sie eingeschlafen, tauchte sie in ihre [23] Träume ein, in denen wahrscheinlich kein Platz für ihn war. Er durfte nur in der Wirklichkeit existieren. Aber auch da fühlte er sich selten von ihr gebraucht. Sie war schweigsam und nachdenklich. Was hatte sich seit der Zeit, als sie ohne jede Erklärung gegangen war, geändert?

Jetzt stand Mischa-Pinguin neben ihm. Er war schweigsam, aber auch nachdenklich? Was ist das eigentlich: Nachdenklichkeit? Vielleicht nur die Beschreibung eines Blicks?

Viktor bückte sich und sah in die Augen des Pinguins. Er betrachtete sie aufmerksam und suchte nach Anzeichen von Nachdenklichkeit, fand aber nur Trauer.

Der Revierpolizist kam Viertel vor drei. Er zog sich die Schuhe aus und ging ins Zimmer. Sein Äußeres entsprach nicht seinem Nachnamen. Er war ein breitschultriger, hellhaariger und blauäugiger Bursche, fast einen Kopf größer als Viktor und hätte sicher eher in eine Baseballmannschaft gepaßt als in die Polizei. Aber trotzdem war ausgerechnet er der Revierpolizist.

»Nun, wo haben Sie denn das Tier?« fragte er Viktor.

»Mischa!« rief Viktor, und der Pinguin kam aus seinem Winkel hinter dem dunkelgrünen Sofa hervor. Während er auf Viktor zuwatschelte, betrachtete er den Polizisten mit großem Interesse.

»Nun, Mischa«, sagte Viktor und wandte sich dann an den Revierpolizisten. »Entschuldigen Sie, wie war noch mal Ihr Vorname?«

»Sergej.«

Viktors Blick blieb auf dem Revierpolizisten haften.

»Merkwürdig, Ihrem Namen nach dachte ich… aber Sie sehen überhaupt nicht wie ein Jude aus…«

[24] »Ich bin auch kein Jude«, sagte Fischbein lächelnd. »Mein richtiger Name ist Stepanenko…«

Viktor zuckte mit den Schultern und sah wieder den Pinguin an.

»Mischa«, sagte er zu ihm, »dieser Mensch heißt Sergej, und er wird dir Futter geben, solange ich auf Dienstreise bin.«

Dann zeigte Viktor Sergej, wo alles zu finden war, und gab ihm die Zweitschlüssel für die Wohnung.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte der Revierpolizist beim Rausgehen. »Es geht alles in Ordnung.«

10

In Charkow war es eisig kalt. Als Viktor aus dem Zug stieg, war ihm gleich klar, daß er sich die Stadt besser nicht ansehen sollte, er war viel zu leicht angezogen.

Nachdem er im Hotel ›Charkow‹ untergekommen war, rief er den Korrespondenten der ›Hauptstadtnachrichten‹ an, nannte seinen Namen, und sie verabredeten sich im Souterrain-Café der Oper.

Der Abend, und damit der Termin der Verabredung rückte näher. Viktor ging die Sumskaja-Strasse entlang zur Oper, obwohl er spürte, wie die Kälte über sein Gesicht kroch und wie seine Hände in den Taschen der kurzen Pelzjacke taub wurden.

Die Stadt hing grau über den Bürgersteigen, die Passanten hetzten herum, als fürchteten sie, die Häuser würden einstürzen oder die Balkone abbrechen, was schon seit langem keine Seltenheit mehr war.

[25] Noch fünf Minuten, dann mußte er sich in das unterirdische Labyrinth unter der Oper voller Bars, Geschäfte und Cafés begeben, dort ein doppelstöckiges Café mit einer Bühne suchen und sich auf dem oberen Rang an der Seite, mit dem Gesicht zur Bühne setzen. Und er sollte sich ein Glas Orangensaft und eine Dose Bier bestellen, aber die Bierdose nicht öffnen.

Viktor beeilte sich, obwohl eine halbe Stunde Spielraum ausgemacht war – die Begegnung sollte zwischen halb sieben und sieben stattfinden. Die Kälte trieb ihn vorwärts.

›Ich werde da was Warmes essen‹, dachte Viktor unterwegs. ›Ein Stück Fleisch…‹

Als er zur Oper kam, sah er den Eingang in einen bewohnbar gemachten Keller. Aus der einen Dunkelheit, die nur von den Fenstern der abendlichen Stadt erleuchtet war, tauchte er in eine andere, die von den grell erleuchteten unterirdischen Schaufenstern unterbrochen war.

Auf den ersten Treppenstufen standen zwei alte Frauen, die die Hand aufhielten, und ein ziemlich junger Säufer mit aufgequollenem Gesicht.

Lichtkorridore führten Viktor zum Eingang des Cafés. Hinter der Glastür saß ein Milizionär und las ein Buch. Er ließ sich von dem eintretenden Viktor ablenken.

»Wohin?« fragte er zwar nicht streng, aber militärisch fordernd.

»Was essen…« antwortete Viktor.

Der Beamte nickte und zeigte geradeaus.

Viktor ging an einer Bar vorbei, an deren Theke einige, dem Aussehen nach kriminelle Gäste Bier tranken. Der glatzköpfige Barkeeper lächelte Viktor schief an, als ob er [26] ihn mit seinem Blick beiseite schieben wollte, schweig, geh weg und dreh dich nicht um!

Vor ihm lag ein grell erleuchteter Raum, der geradezu einladend wirkte, und Viktor machte einen Schritt vorwärts.

Er blieb vor einer kleinen Bühne stehen, an deren Seiten im Halbkreis zwei Tischreihen standen. Die oberen einen halben Meter über den unteren.

Er ging zur Bar, bestellte ein Glas Orangensaft und eine Dose Bier.

»Ist das alles?« fragte die Bardame, eine stark geschminkte dicke Blondine.

»Haben Sie ein Fleischgericht?« fragte Viktor als Antwort.

»Geräucherter Störrücken, Rührei…« antwortete sie monoton.

»Dann ist das alles«, seufzte Viktor. »Erst mal alles.«

Er bezahlte und setzte sich an seinen Tisch auf der oberen Estrade, mit dem Gesicht zur Bühne. Er nippte am Saft und verspürte nur noch größeren Hunger.

›Na schön‹, dachte er. ›Essen wir eben im Hotel, da gibt es ja ein Restaurant.‹

Er sah auf die Uhr: zwanzig Minuten vor sieben.

Im Café war es ruhig. An den Nebentisch setzten sich zwei Aserbaidschaner und tranken schweigend Bier.

Viktor drehte sich um, musterte das ganze Café, als ihn plötzlich ein Blitzlicht blendete. Er blinzelte, rieb sich die Augen, öffnete sie und sah einen jungen Mann mit einem Fotoapparat in der Hand das Café verlassen.

Viktor sah sich noch einmal um und versuchte zu begreifen, wen der junge Mann hatte fotografieren wollen. Aber [27] außer ihm und den beiden Aserbaidschanern war in diesem Teil des Cafés niemand.

›Sicher wollte er die Aserbaidschaner…‹, dachte er und trank wieder einen Schluck von dem verdünnten Orangensaft.

Die Zeit verging. In dem hohen Glas war nur noch ein kleiner Rest übrig. Viktor betrachtete die ungeöffnete Bierdose und beschloß, das Bier zu trinken und eine neue Dose zu kaufen.

Auf seinen Tisch steuerte ein Mädchen in Jeans und Lederjacke zu. Auf dem Kopf, der eine makellose Schädelform verriet, trug sie ein fest gebundenes Rockertuch mit einem Knoten im Nacken. Darunter quoll ein kastanienbrauner Pferdeschwanz hervor.

Sie setzte sich neben ihn und sah ihn mit ihren geschminkten Augen an.

»Du wartest wohl nicht auf mich?« fragte sie ihn lächelnd.

Viktor fuhr zusammen, richtete sich auf, die Situation war ihm peinlich.

›Nein‹, dachte er fieberhaft. ›Der Korrespondent ist ein Mann… Obwohl, er könnte sie ja an seiner Stelle geschickt haben…‹

Viktor musterte das Mädchen flüchtig, er suchte nach einer Tasche oder einer Aktenmappe, in der sie die für ihn wichtigen Papiere mitgebracht haben könnte, aber sie hatte nur eine winzig kleine Handtasche bei sich, in die noch nicht einmal eine Bierdose gepaßt hätte.

»Na was ist, Schätzchen? Oder hast du keine Zeit?« machte sie sich wieder bemerkbar, und Viktor war sofort klar, daß er auf sie wirklich nicht wartete.

[28] »Danke«, sagte er, »Sie haben sich geirrt.«

»Im allgemeinen irre ich mich selten«, plapperte sie mit süßer Stimme, während sie aufstand. »Aber alles ist möglich…«

Als Viktor wieder allein am Tisch saß, seufzte er erleichtert auf und betrachtete die ungeöffnete Bierdose. Dann sah er auf die Uhr. Vier Minuten vor sieben. Jetzt könnte er aber wirklich kommen.

Aber der Korrespondent erschien nicht. Um halb acht leerte Viktor die Bierdose und ging. Er aß im Hotelrestaurant. Von seinem Zimmer aus rief er wieder seinen Korrespondenten an, aber das Telefon klingelte und klingelte, schließlich legte Viktor auf.

Die Augen fielen ihm zu. Die Wärme des Hotelzimmers ließ ihn faul und schläfrig werden.

So beschloß er, den Korrespondenten am nächsten Morgen anzurufen, legte sich auf sein Bett und schlief sofort ein.

11

In Kiew nieselte es mal wieder. Der Revierpolizist Sergej Fischbein-Stepanenko ging in Viktors Wohnung, zog sich die Schuhe aus, lief auf grünen Wollsocken in die Küche, zog ein großes Stück Lachs aus dem Eisfach, zerbrach es auf den Knien in zwei Hälften und legte eine Hälfte in Mischas Schüssel, die auf einem niedrigen Kinderhocker stand.

»Mischa!« rief er und horchte.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er ins erste Zimmer, dann ins Schlafzimmer, wo er Mischa entdeckte, der [29] schläfrig – oder auch traurig – hinter dem Sofa an der Wand stand.

»Komm, komm was essen!« rief der Revierpolizist ihn freundlich.

Mischa sah dem Polizisten in die Augen.

»Na komm schon!« bat der Revierpolizist. »Dein Herr-chen kommt bald zurück! Du hast Sehnsucht, ja? Komm!«

Der Pinguin watschelte ohne jede Eile in die Küche, und Sergej folgte ihm mit vorsichtigen Schritten. Er begleitete ihn bis in die Küche zu der Schüssel, verfolgte noch den Anfang der Mahlzeit und zog sich dann mit bestem Gewissen im Flur seine Schuhe an und lief hinaus in den Kiewer Nieselregen.

›Wär das schön, wenn es heute keinen Einsatz gäbe!‹ dachte er, während er den tief hängenden düsteren Himmel betrachtete.

12

Am Morgen weckte Viktor das Echo einer wilden Schießerei auf der Straße. Gähnend stand er auf und sah auf die Uhr: Es war acht Uhr früh. Er ging zum Fenster. Unten standen ein Polizeijeep und ein Krankenwagen.

Als er den Blick hob, bemerkte er einen tiefblauen Himmel und eine blaßgelbe Sonne, deren erste Strahlen hinter den grauen stalinistischen Gebäuden auftauchten. Das Wetter versprach schön zu werden.

Viktor setzte sich an den Tisch, auf dem das Telefon stand, und wählte die Nummer seines Korrespondenten.

[30] »Hallo!« ertönte eine Frauenstimme. »Wen möchten Sie sprechen?«

»Kann ich Nikolaj Aleksandrowitsch sprechen?« fragte Viktor.

»Wie ist bitte Ihr Name?« fragte die Frauenstimme.

»Ich bin von der Zeitung … von den ›Hauptstadtnachrichten‹«; antwortete Viktor, der eine seltsame Anspannung in der Stimme der Frau spürte.

»Wie ist Ihr Name?« fragte die Stimme.

Irgendwas stimmte da nicht, und als Viktor bemerkte, daß seine Hand zu zittern begann, legte er auf.

»Kaffee!« soufflierte er sich. »Du mußt einen Kaffee trinken.«

Nachdem er sich angezogen und zwei Handvoll Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, ging er runter in die Restaurantbar und bestellte an der Theke einen doppelten Mokka.

»Setzen Sie sich irgendwo hin, ich bringe Ihnen den Kaffee«, sagte der Barkeeper.

Viktor suchte sich einen Platz in der Ecke der Bar, setzte sich auf einen breiten, weichen Samtpuff vor einem Tisch mit einer Glasplatte. Er zog einen schweren Glasaschenbecher näher zu sich heran und drehte ihn nachdenklich hin und her.

In der Bar war es ruhig.

Der Barkeeper stellte eine Tasse Kaffee auf den Tisch.

»Sonst noch was?« fragte er.

»Nein, danke.« Viktor nickte vor sich hin, dann hob er den Blick und sah den Barkeeper scharf an. »Sagen Sie, was war das für eine Schießerei heute morgen?«

Der Barkeeper zuckte mit den Schultern.

[31] »Sie haben wohl irgend so eine Valutanutte ermordet… hat wahrscheinlich jemanden beleidigt.«

Der Kaffee schmeckte ein wenig bitter, aber Viktor verspürte fast sofort seine wohltuende Wirkung. Seine Hände zitterten nicht mehr, und gewisse Nervenstränge in seinem Schädel verlangsamten ihr schnelles Zucken. Viktor wurde wieder ruhig. Er versuchte, seine Gedanken zu sammeln.

›Es ist nichts Schlimmes passiert‹, hörte er seine eigene innere Stimme, die so überzeugend klang, daß es unmöglich war, ihr nicht zu glauben. ›So ist einfach das Leben. Das ganz gewöhnliche Leben. Du mußt den Chefredakteur anrufen, fragen, was du tun sollst.‹ Als Viktor ausgetrunken und gezahlt hatte, ging er nach oben in sein Zimmer und rief in Kiew an.

»Sie haben eine Rückfahrkarte für heute«, sagte Igor Lwowitsch ruhig. »Kommen Sie zurück. Sie beschäftigen sich weiter mit Kiew. Mit der Provinz werden wir uns vorläufig noch etwas gedulden…«

Erst in seinem Abteil des Zuges nach Kiew schlug er die auf dem Bahnhof gekaufte ›Charkower Abendzeitung‹ auf. Beim Durchblättern entdeckte er die Kriminalrubrik mit den neuesten Verbrechen. Unter der Spalte ›Morde‹ las Viktor: »Gestern gegen fünf Uhr wurde in seiner Wohnung der Korrespondent der ›Hauptstadtnachrichten‹ Nikolaj Agniwzew von unbekannten Tätern erschossen.«

Viktor wurde mulmig zumute. Er ließ die aufgeschlagene Zeitung auf die Knie sinken. Der Zug ruckte plötzlich an, und die Zeitung fiel auf den Boden.

[32] 13

Als er morgens die Treppe zu seiner Wohnung hochstieg, begegnete Viktor dem Revierpolizisten.

»Ah, guten Morgen!« freute sich Sergej Fischbein-Stepanenko. »Sie sehen etwas blaß aus…«

»Wie geht es Mischa?« fragte Viktor gehetzt.

»Alles in Ordnung!« lächelte der Revierpolizist. »Natürlich hat er sich ohne sein Herrchen gelangweilt. Und im Gefrierfach ist kaum noch Fisch.«

»Vielen Dank!« Viktor versuchte, dankbar zu lächeln, aber sein Lächeln fiel schwächlich und säuerlich aus. »Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet! Vielleicht trinken wir mal einen Wodka?«

»Danke. Da sage ich nicht nein«, nickte der Polizist. »Rufen Sie an, meine Nummer haben Sie ja! Und wenn ich noch mal auf Ihren Zögling aufpassen soll – genieren Sie sich nicht! Ich mag Tiere. Natürlich nur echte, nicht die, mit denen ich es im Dienst zu tun habe…«

Mischa freute sich, daß sein Herrchen wieder da war. Er stand schon auf dem Flur, als Viktor hereinkam und das Licht anmachte.

»Hallo, mein Lieber, du!« Viktor hockte sich hin und sah dem Pinguin in die Augen.

Ihm schien es, als ob Mischa lächelte.

In den Augen des Pinguin blitzten tatsächlich Freudenfunken auf, und er machte einen plumpen Schritt vorwärts, seinem Herrchen entgegen.

›Wenigstens einer, der in dieser Welt auf mich wartet!‹ dachte Viktor.

[33] Er erhob sich, zog seinen Mantel aus und ging ins Zimmer. Der Pinguin watschelte hinter ihm her.

14

Am Morgen hatte Viktor Kopfschmerzen. Er lag im Bett und hatte überhaupt keine Lust aufzustehen.

Der Wecker zeigte halb zehn.

Während er sich mit offenen Augen von einer Seite auf die andere wälzte, entdeckte er den Pinguin am Kopfende seines Betts.

»Ach du lieber Gott!« seufzte Viktor und schwang seine Beine aus dem Bett. »Ich habe ihn ja seit gestern nicht gefüttert.«

Und ohne weiter auf das schmerzhafte Dröhnen im Kopf und auf die pochenden Schläfen zu achten, begann er sich zu waschen und anzuziehen.

Die kalte Luft draußen machte ihn munterer. Anscheinend war ihm der Winter von Charkow aus hierher gefolgt.

›Ich muß den Chef anrufen…‹, dachte Viktor auf dem Weg. ›Ich muß ihm sagen, daß ich krank bin… Und Zeitungen muß ich holen, vielleicht kann ich ja trotzdem ein bißchen arbeiten…‹

In der Fischabteilung kaufte er ein Kilo gefrorene Scholle. Dann, nach kurzem Zögern, noch ein Kilo lebende Fische.

Zu Hause ließ er kaltes Wasser in die Badewanne, warf drei lebende silbrige Karpfen hinein und rief Mischa.

Als der die in der Wanne schwimmenden Fische sah, drehte er sich um und schlurfte zurück ins Zimmer.

[34] Viktor zuckte mit den Schultern, er verstand seinen Zögling nicht.

Es klingelte an der Tür.

Durch den Spion sah Viktor Mischa-Nicht-Pinguin und öffnete die Tür.

»Guten Tag!« sagte Mischa beim Hereinkommen. »Ich habe ein paar Aufträge für dich. Wie geht es?«

Viktor nickte nur.

Sie gingen in die Küche. Sofort kam auch der Pinguin hinterhergewatschelt.

»Ah, Namensvetterchen!« lachte der Gast. »Grüß dich!«

Dann wandte er sich an Viktor.

»Und wieso guckst du so düster?« fragte er. »Bist du krank oder was?«

»Ja.« Viktor nickte. »Und überhaupt ist alles beschissen…«