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Das Praktische Jahr. Die studentischen Erwartungen sind hoch, möchte man doch bestens für das zukünftige Dasein als Ärzt:in gewappnet sein. Aber Hand aufs Herz: Weiß man als PJ-Ersti eigentlich, was im Praktischen Jahr wirklich auf einen zukommt? Was muss man dafür überhaupt können? Was macht man, wenn man Startschwierigkeiten hat, wenn man mit Mitarbeiter:innen nicht zurechtkommt und welche Optionen hat man, wenn es einfach nicht läuft? Was sind die Lernziele im PJ? Wie erreicht man diese und was kann man tun, wenn man mit dem eigenen Fortschritt unzufrieden ist? Wird man auch dann ein guter Arzt oder eine gute Ärztin, wenn die anderen PJler*innen viel kompetenter sind als man selbst? Auf diese und viele weitere Fragen werdet ihr am Beispiel meines eigenen PJ-Erfahrungsberichtes Antworten finden. Das entstandene Buch soll euch als Leitfaden dienen, um euch so unbeschwert wie möglich durch diesen letzten Abschnitt des Medizinstudiums zu leiten. Darüber hinaus möchte ich euch dafür sensibilisieren, an welchen Stellschrauben des Praktischen Jahres es noch Verbesserungsbedarf gibt: Denn als baldige Ärzt:innen könnten wir keine günstigere Position innehaben, um in Eigenregie auf die PJ-Qualität unserer Nachfolger*innen Einfluss zu nehmen. - Es handelt sich um ein gemeinnütziges Projekt. Jegliche Einnahmen werden nach Deckung der Ausgaben an "Bunte Kittel" gespendet. -
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hinter „Bunte Kittel“ steht der Verein „Berliner Initiative für Wandel im Gesundheitssystem e.V.“. Dieser setzt sich für ein gemeinwohlorientiertes Gesundheitssystem im Sinne der Daseinsvorsorge ein: Hierzu gehören unter anderem gute Arbeitsbedingungen, verpflichtende Personalschlüssel, ein hoher Stellenwert von Aus- und Weiterbildung, eine sinnvolle bundesweite Bedarfsplanung, mehr Nachhaltigkeit sowie eine einheitliche Krankenversicherung. Die „Faires PJ“-Initiative der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (Bvmd) engagiert sich unter anderem für finanzielle Aufwandsentschädigungen, eine Änderung der Fehltageregelung sowie Vereinheitlichungen der Lehre.
*Spenden erfolgen ohne Gegenleistung. Nennungen von GmbHs wie Treatfairoder Ethimedis stellen unentgeltliche Empfehlungen dar.
Vorwort
Kapitel 1: Der schreckliche Anfang
Tag 0
„Willkommen im Klinikalltag, Newby!“
Die erste Woche nimmt ihren Lauf
Unverhofft kommt oft
Kapitel 2: Zwischen „Newby“ und „Angekommen
“
Aus der Rubrik: „Ich bin mal schnell Blut abnehmen“
Ja wo bleibt sie denn nun, die Lehre?
Perspektivenwechsel – Auf Intensivstation
Kapitel 3: Endlich selbst Ärztin spielen
Kapitel 4: Chirurgietertial – Augen zu und durch?
Wo gibt es hier diese „Einarbeitung“?
In den Klinikalltag einfinden – Klappe, die zweite
Wie überlebe ich die Hack-und-Pick-Ordnung im OP?
Hält man in der Chirurgie den ganzen Tag Haken?
Chirurgie-PJ, wie es sein sollte
Warum ist das Chirurgietertial ein Pflichttertial?
Kapitel 5: Was mache ich eigentlich hier?
Downward spiral
How to Lehre
The end
Literaturverzeichnis
Wir befinden uns in einer deutschen Kleinstadt des 21. Jahrhunderts. Ich absolviere gerade das erste Tertial meines Praktischen Jahres im Bereich der Inneren Medizin und drehe mich in einem steten emotionalen Karussell aus Begeisterung, Frustration, Motivation, Selbstzweifel, Lernwille, kreisenden Gedanken, Zukunfts- und Versagensängsten, Freude, Müdigkeit, Erfolgserlebnissen und Verwirrung.
Alles begann, als ich mich – zugegebenermaßen zunächst just for fun – auf das Casting-Gesuch eines deutschen Privatfernsehsenders hin bewarb und es tatsächlich bis in die Endauswahl schaffte. Die Produzentin plante, PJ-Studierende während ihres gesamten Praktischen Jahres zu begleiten, um einem größeren Personenkreis Einblicke in die ärztliche Ausbildung zu verschaffen. Aus verschiedenen Gründen verlief sich das Projekt jedoch im Sande. Dennoch ließ mich der Gedanke nicht mehr los, meine Erlebnisse und Gedanken festzuhalten und mit anderen zu teilen.
Ich möchte mich mit diesem Buch in erster Linie an Medizinstudierende wenden, denen ihr PJ noch bevorsteht oder die sich schon mittendrin befinden. Ihr seid mit dem alltäglichen Wahnsinn nicht allein und werdet euch sicherlich an vielen Stellen dieses Buches in der einen oder anderen Form wiedererkennen. Denn als PJler*in befindet man sich in einem merkwürdigen Transzendenzstadium: Mal ist man der oder die frisch examinierte Student*in, der oder die im Weg steht und dem oder der nichts zugetraut wird, im nächsten Moment wird einem als vollwertigem Mitglied des ärztlichen Kollegiums eigenverantwortliches Handeln abverlangt – und dann ist man wieder die austauschbare Billig-Arbeitskraft, die zum Blutabnehmen oder Hakenhalten „abgerufen“ wird.
Mit meinem Erfahrungsbericht hoffe ich, euch Tipps und Ratschläge an die Hand geben zu können, mit Hilfe derer ihr eure PJ-Zeit auf die für euch bestmögliche Art und Weise gestalten könnt. Ich persönlich habe viele unausgesprochene Übereinkünfte, Regeln und Abläufe des Klinikalltages erst nach mehreren Wochen meines PJs verstanden. Was sind meine Aufgaben? Wo stehe ich, was darf ich, wann kann ich mich einmischen, wann halte ich meinen Mund? Was muss, was soll und was kann ich lernen? Wie entwickele ich mich selbst weiter und bin ich mit meinem Fortschritt zufrieden? Was passiert, wenn ich Fehler mache? Wie gehe ich mit schwierigen Situationen im Kontakt zu Patient*innen oder Kolleg*innen um und was kann ich an diesen ändern?
Mithilfe von Pro-Tipps, welche ich im Laufe meines PJs mit zunehmendem Verständnis der Klinik-„Gesetzmäßigkeiten“ rückblickend meinen Erzählungen hinzugefügt habe, möchte ich all diese Fragen anhand meiner Erlebnisse für euch aufarbeiten.
Selbstverständlich habe ich in meinem PJ viele positive Erfahrungen gesammelt. Da ich aber vorrangig auf den Umgang mit herausfordernden Alltagsproblemstellungen eingehen möchte, liegt mein Erzählfokus auf entsprechend „schwierigen“ Geschehnissen. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass ihr euch auf eine vergleichbare Menge an Komplikationen gefasst machen müsst – ganz im Gegenteil: Ich möchte euch dazu ermuntern, möglichst unvoreingenommen und positiv in euer PJ zu starten. Dieses Buch soll euch nicht abschrecken, sondern euch das nötige Werkzeug an die Hand geben, damit ihr euch für den Umgang mit „blöden“ Situationen gewappnet fühlt. Ich möchte euch ein Gefühl dafür vermitteln, dass Unsicherheiten und Zweifel menschlich sind und dass wir alle mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so wirken mag. Traut euch, aufeinander zuzugehen, euch auszutauschen und Probleme zu thematisieren.
Grundsätzlich bilden meine Erzählungen durchschnittliche Erfahrungswerte ab. Mein PJ war weder besonders toll noch besonders schlecht. Um euch dennoch möglichst repräsentative Eindrücke zu vermitteln, habe ich an vielen Stellen Berichte befreundeter Kommiliton*innen miteinfließen lassen.
Natürlich obliegt es am Ende jedem und jeder von uns selbst, sich in seiner oder ihrer Rolle als PJler*in im Klinikalltag zurechtzufinden. Viele Dinge versteht und verinnerlicht man erst durch eigene Erlebnisse. Trotzdem hoffe ich, dass dieses Buch dem einen oder der anderen als orientierender Leitfaden dienen mag – denn ungeachtet aller Hürden, Sorgen und Ängste wird jede*r von uns am Ende seinen oder ihren Weg finden und gehen.
Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn möglichst viele von euch nach ihrer Approbation ihren eigenen Teil dazu beitragen würden, dem Mediziner*innennachwuchs ein PJ mit Mehrwert zu verschaffen. Denn wenn wir uns dafür sensibilisieren, welche Ausbildung wir uns im Praktischen Jahr wünschen, können wir selbst als Ärzt*innen durch Weitergabe unserer Werte und Strukturen eine nachhaltig verbesserte PJ-Kultur schaffen, ohne auf langwierige Überarbeitungen des PJ-Curriculums warten zu müssen.
Bereits im Praktischen Jahr könnt ihr damit beginnen etwas zu verändern, indem ihr beispielsweise eure PJ-Erfahrungsberichte auf Plattformen wie jener von PJ-Ranking oder Ethimedis für eure Nachfolger*innen zur Verfügung stellt. Ethimedisbeispielsweise haben zusammen mit der „Faires PJ“-Initiative der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (Bvmd) das „Faires PJ-Zertifikat“ ins Leben gerufen, welches adäquate Rahmen- und Ausbildungsbedingungen im PJ gewährleistet. Mit eurem Feedback könnt ihr auf Missstände aufmerksam machen und tragt dazu bei, insbesondere für Kliniken mit schlechten Bewertungen einen Anreiz für den Erwerb eines „Faires PJ-Zertifikats“ und damit einhergehende Optimierungen zu schaffen.
Die geschilderten Geschehnisse veranschaulichen meine vielfältigen Erfahrungen während meines Praktischen Jahres. Zwecks Einhaltung von Datenschutz und Schweigepflicht habe ich selbstverständlich insofern von einer wahrheitsgetreuen Darstellung der Erlebnisse abgesehen, als dass alle Zeit-, Orts- und Personenangaben abgeändert und anonymisiert worden sind.
Ich möchte an dieser Stelle außerdem explizit darauf hinweisen, dass ausgeübte Kritik in keinster Weise dazu dienen soll, das Verhalten einzelner Personen zu beanstanden. Vielmehr möchte ich durch eine umfangreiche Abbildung verschiedenster Ereignisse einen weitreichenden Einblick in das deutsche ärztliche Ausbildungssystem ermöglichen.
Falls ihr Anmerkungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge oder anderweitige Anliegen äußern möchtet, schreibt mir doch gerne unter [email protected]. Ich freue mich über jegliche Form der Rückmeldung und bin mir sicher, dass potenzielle Folgeauflagen von euren Meinungen und Gedanken sehr profitieren werden.
Ich beginne mein Praktisches Jahr an einem trüben Montagmorgen im November. Das Klinikum meiner Wahl liegt am Rande einer deutschen Kleinstadt und streitet sich mit dem Himmel darüber, wer denn nun die intensivere graue Farbe und Trostlosigkeit ausstrahlen kann. Es handelt sich um ein winziges, universitäres Lehrkrankenhaus, für das ich mich aufgrund der Nähe zu meiner Heimatstadt und der vom Haus gewährleisteten Aufwandsentschädigung entschieden habe.
Ich bin aufgeregt, habe wie immer vor einem neuen Abschnitt viel zu wenig geschlafen und habe keine Ahnung, was mich erwartet. Der heutige Tag soll für uns frisch examinierte PJ-Beginner*innen als Einführungsveranstaltung dienen. Nun geht es also endlich los mit dem Ausbildungsteil, den sich die meisten Medizinstudent*innen während der verschulten Kliniksemester sehnlichst herbeiwünschen. Die Bücher werden gegen Kittel und Stethoskop eingetauscht, das theoretische Ballastwissen über Bord geworfen. Das klinische Arbeiten beginnt.
Mit einem Stapel von Einführungsunterlagen mache mich auf den Weg durch das Kliniklabyrinth zu einem Konferenzraum, in dem bereits eine Handvoll zukünftiger Mitstreiter*innen wartet. Zögerlich suche ich mir einen Platz und blicke mich um: Keiner rührt den bereitstehenden Kaffee an, niemand sagt etwas. Ich erkenne einige Gesichter wieder, man nickt sich zu. Wirklich kennen tue ich allerdings niemanden, denn ich habe während des Studiums mehrere Semester mit meiner Doktorarbeit sowie mit einem Auslandssemester verbracht. Daher befinden sich die meisten meiner Uni-Freund*innen nicht mehr am gleichen Ausbildungspunkt wie ich. Ich habe mich zwar längst daran gewöhnt, auf mich allein gestellt zu sein, aber in diesem Moment hätte ich nichts dagegen, den kommenden Studienabschnitt mit ein paar guten Freund*innen zusammen anzutreten. Trotz großer Vorfreude habe ich immensen Respekt vor dem mir bevorstehenden Jahr. Was wird in den nächsten Wochen auf mich zukommen? Nach Monaten des Lernens für das zweite Staatsexamen habe ich das Gefühl, alle meine praktischen Fertigkeiten verloren zu haben.
Um Punkt halb neun ist Anpfiff und mein Praktisches Jahr beginnt – *Trommelwirbel* – mit einer Hygienebelehrung. Wir erhalten einen Zettelstapel, der das, was uns im Folgenden erklärt wird, offenbar zusammenfasst und dessen schiere Höhe mir jegliche Lust nimmt, mich weiter damit auseinanderzusetzen.
In der nächsten Stunde beobachte ich mit mildem Interesse, wie sich eine engagierte Hygienefachbeauftragte mit einer Engelsgeduld Schutzkittel, -masken und Handschuhe an- und auszieht, sich die Hände desinfiziert und dabei umfangreiche Erklärungen von sich gibt.
Ich bin etwas irritiert, denn Schutzkittel und Handschuhe ziehen wir uns alle spätestens seit dem ersten klinischen Semester jeden zweiten Tag an und aus, und bisher ist noch nie jemand auf die Idee gekommen, zu erklären, wie das geht. Generell ist mir bei allen praktischen Aufenthalten selten ärztliches Personal begegnet, das Zeit für Anleitungen gehabt hätte; vielmehr ist grundsätzlich davon ausgegangen worden, dass ich mir sämtliche praktischen Fertigkeiten im bisherigen Studium bereits selbst angeeignet hätte.
Ich erinnere mich beispielsweise noch gut an meine erste periphere Venenverweilkanüle (VVK), die ich in meiner ersten Famulatur morgens um 8 Uhr als Antrittshandlung legen sollte. Eine Einweisung in den Ablauf, die in diesem Klinikum genutzten Materialien oder die zu versorgende Patientin hatte ich vorher nicht erhalten. Erst auf mehrmalige Nachfrage erklärte sich die zuständige Stationsärztin bereit, mir in Ruhe einmal alles zu zeigen. Vorher hatte ich nur ein einziges Mal in einem Untersuchungskurs eine VVK bei einem Kommilitonen mit unverfehlbaren Ofenrohr-Venen gelegt – damals hatte ich ein Blutbad veranstaltet, weil ich bei noch am Arm festgezurrten Stauschlauch die Nadel rausgezogen hatte, ohne vorher einen passenden Verschluss für den Zugang bereit gelegt zu haben. Ein entsprechend mulmiges Gefühl beschlich mich in jener ersten Famulatur also bei der Vorstellung, das gleiche Unterfangen auf mich alleingestellt an einer „echten“ Patientin auszuüben. Nach der auf mein Drängen jedoch tatsächlich erfolgten Einweisung funktionierte das Legen der Viggo zwar erstaunlich gut; da es für die Patientin aber nur einen Flurstuhl gab, lief versehentlich Blut auf ihre sündhafte teure Handtasche, sodass mein Erfolgserlebnis in ihrem lautstarken Gezeter unterging. Natürlich fühlte sich für vollgeblutete Taschen niemand zuständig, und so versuchte ich hilflos, die aufgebrachte Patientin zu beruhigen.
Also komme ich mir am Tag der PJ-Einführung vier Jahre später, als mir im 11. Fachsemester jemand erklären möchte, wie man Schutzkittel anlegt, grenzwertig veralbert vor.
Der interaktive Part, ergo Kittel und Handschuhe an- und ausziehen, fällt weg, da Material gespart werden muss – wir dürfen uns als Entschädigung dafür aber alle einmal die Hände desinfizieren.
Die Hygienedame wird durch den abgehetzt wirkenden PJ-Beauftragten abgelöst, dessen offizielle Begrüßung eigentlich zu Beginn der Veranstaltung hätte stattfinden sollen. Uns wird mehrfach versichert, dass wir uns bei Problemen, Wünschen und Verbesserungsvorschlägen gerne jederzeit bei ihm persönlich melden könnten. Es folgt eine Vorstellungsrunde und langsam erschließt sich uns allen, mit wem wir in Zukunft in welcher Abteilung zusammenarbeiten werden. Zu spät fällt mir auf, dass auf die Frage, in welche Richtung es später einmal gehen soll, die Antwort „ich überlege, bei meiner Doktormutter an einem anderen Klinikum als Assistenzärztin anzufangen“ zwar die ehrlichste, aber nicht unbedingt die diplomatischste gewesen ist, wenn man seinen Vorgesetzten einen Anlass für eine umfassende Ausbildung geben möchte. Das ist mir dann aber auch schnell wieder egal, denn wir werden nun endlich darauf hingewiesen, dass wir den bereitstehenden Kaffee auch wirklich trinken dürfen.
Bevor wir allerdings großartig miteinander ins Gespräch kommen können, betritt die klinikinterne IT-Spezialistin den Raum. Erneut schweigend beobachten wir sie mehrere Minuten lang dabei, wie sie verzweifelt versucht, den Laptop des Konferenzraumes und danach die Kliniksoftware in Gang zu setzen. Als sie es endlich geschafft hat, folgt eine einstündige, zusammenhangslose Informationsüberflutung über die Eigenschaften und Funktionen der Patientenverwaltungssoftware, während derer sich das System regelmäßig aufhängt und die arme IT-Dame händeringend versucht uns zu versichern, dass dies auf gar keinen Fall die Regel ist. Ich fühle mich nach fünf Minuten so wie meine Mutter sich fühlen muss, wenn ich ihr ungeduldig im Schnelldurchlauf die Funktionsweisen ihres Laptops zu erklären versuche, und schalte ab. Aus meinem Halbschlaf werde ich im Folgenden nur durch die mitleidsvollen Lacher meiner Kommiliton*innen gerissen, weil unsere Dozentin in regelmäßigen Abständen flachste Witze der Kategorie mummy-jokes reißt, die sie ganz offensichtlich seit Jahren bei jeder Veranstaltung dieser Art an den immer gleichen Stellen einbringt. Mir tut mein mangelnder Enthusiasmus ein wenig leid, denn sie gibt sich wirklich Mühe.
Während wir uns an das Kantinen-Essen gewöhnen, habe ich endlich Zeit, die anderen PJler*innen kennenzulernen. Sie studieren alle an anderen deutschen Universitäten. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und ich bin froh, dass ich die kommenden Mittagsmahlzeiten mit lieben Menschen zusammen verbringen werde.
Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass die anderen genauso wenig wie ich darüber wissen, was auf uns zukommen wird. Zugegebenermaßen beruhigt mich das etwas, denn zwischenzeitlich hat mich die Befürchtung ergriffen, dass ich die Einzige sein könnte, die sich für die kommenden Wochen nicht richtig gewappnet fühlt. Natürlich hätte ich mich in gewisser Weise besser „vorbereiten“ können: Ich hätte mehr Erfahrungsberichte als nur eine Handvoll Klinik-Bewertungen bei PJ-Ranking oder im Ethimedis-Ranking lesen können, ich hätte mehr mit befreundeten PJler*innen sprechen können, ich hätte Lernstoff und Untersuchungstechniken wiederholen können. Stattdessen habe ich halbherzig ein paar „PJ“-Kapitel bei AMBOSS überflogen, bevor ich die Motivation verloren habe; wusste ich doch nicht genau, was man an meinem neuen Arbeitsplatz von mir erwarten würde. Warum sollte ich also meine dringend benötigte, vierwöchige Freizeit zwischen Examen und PJ-Start mit möglicherweise völlig unnötigem Lernen verschwenden? Ich schaltete den Computer aus und beschloss, das Praktische Jahr ohne konkrete Vorstellungen und Erwartungen unvoreingenommen auf mich zukommen zu lassen – ob es mir nun Angst machte, so subjektiv „unvorbereitet“ in dieses neue, letzte Studien-Abenteuer zu starten, oder nicht.
Pro-Tipp No 1: Nutzt die Zeit nach dem schriftlichen Staatsexamen, um euch zu erholen. Ihr werdet im PJ genügend Zeit haben, euch mit allem auseinanderzusetzen, was ihr nicht ausreichend gut zu können glaubt. Wartet erst einmal ab, was überhaupt von euch erwartet wird, und ergänzt diese Erwartungen dann um eure persönlichen Lernansprüche. Nicht selten laufen Dinge in der Praxis ohnehin ganz anders als im Lehrbuch ab. Das PJ ist zum Lernen da. Ihr müsst nicht im Vorfeld schon perfekt sein, und sollte es Kolleg*innen geben, die das von euch erwarten, dann können sie euch mit einem freundlichen Hinweis auf die Bedeutung des Begriffs work-life-balance den Buckel herunterrutschen. – Wenn ihr trotzdem vorab schon Einblicke in den Klinikalltag erhalten möchtet, empfehle ich euch Erfahrungsberichte von Ethimedis oder PJ-Ranking zu lesen. Hilfreiche Informationen findet ihr weiterhin auf der Website „PJ Input“ des Kompetenzzentrums Praktisches Jahr.
In Gedanken versunken stelle ich irgendwann erschrocken fest, dass ich längst beim Betriebsarzt hätte sein sollen. Ich brauche geschlagene fünf Minuten, um mit dem uralten Klinikfahrstuhl aus dem achten Stock ins Erdgeschoss zu gelangen, denn natürlich hält der knarrende, graue Blechkasten auf jeder Etage einmal an. Dann lege ich einen Sprint über das Klinikgelände hin, während ich versuche, mich im strömenden, eiskalten Regen zu orientieren. Architekt für Krankenhäuser darf man anscheinend nur werden, wenn man gewährleisten kann, dass sich nach Fertigstellen der Räumlichkeiten auf dem Klinikgelände niemand mehr zurechtfindet. Zielloses Rumgehetze verträgt sich auf jeden Fall nicht mit dem Kantinen-Essen, wird mir bewusst. Dies soll im Nachhinein auch der einzige nachhaltige Lerneffekt des Einführungstages bleiben.
Endlich beim Betriebsarzt angekommen, erhalte ich denselben Gesundheitscheck, den ich auch schon vor Antritt des PJs im Rahmen einer Eignungsuntersuchung von meiner Heimatuniklinik erhalten habe. Die Untersuchung ist in meinen Augen überflüssig, zumal ich auch noch einen entsprechenden Nachweis des universitären Betriebsarztes vorlege. Naja, Hauptsache, ich habe mich abgehetzt und bin klitschnass geworden.
– Warum berichte ich so ausführlich von diesem absolut unspektakulären Einführungstag? Weil es sich mir nicht erschließt, warum bei jeder einzelnen Tertial-Einführungsveranstaltung ausschließlich organisatorische Aspekte abgehandelt werden. Natürlich ist es wichtig, diese formellen Rahmenbedingungen zu thematisieren. Aber wären jene erstmaligen Zusammentreffen nicht eigentlich auch die Gelegenheit zu besprechen, wie die universitär vorgegebenen Tertial-Ziele aussehen, was die Studierenden von ihrem klinischen Praktikum erwarten und inwiefern diese beiden Aspekte miteinander vereinbar sind? Wäre es nicht sinnvoll, klar zu definieren, welche Aufgaben man als PJler*in hat und wie groß die jeweiligen Anteile von „Lehrzeit“ und „Arbeitszeit“ ausfallen sollen? Wäre es nicht möglich, an Einführungstagen praxisrelevantes Wissen zu vermitteln, wie zum Beispiel die Abläufe auf Station oder wie man sich im OP korrekt verhält? Warum „verschwendet“ man die Zeit mit umfangreichsten Hygieneund Software-Einweisungen, von denen in diesem Ausmaß niemand einen Mehrwert hat, anstatt uns auf die Anforderungen des Tertials vorzubereiten?
Pro-Tipp No 2: Ihr nehmt von den stundenlangen Einführungsveranstaltungen kaum etwas mit und stellt nach ein paar Wochen in der Praxis fest, dass ihr von dem am Einführungstag Gelernten nichts gebrauchen könnt? Dann macht es anders als ich: Schluckt euren Unmut nicht einfach herunter (oder lasst euch später in einem Buch darüber aus), sondern nehmt die Dinge selbst in die Hand und führt ein Gespräch mit den PJ-Beauftragten. Gebt ihnen ehrliche Rückmeldung darüber, was euch gefehlt hat und was euren Nachfolger*innen helfen würde.
An meinem ersten offiziellen Arbeitstag am Folgetag fahre ich viel zu früh los. Natürlich regnet es immer noch und das Klinikum hätte an diesem grauen Dienstagmorgen um 07:15 Uhr nicht trostloser aussehen können. Ich bin mir sicher, dass das ganze Gebäude grau ist, und stelle zu meiner großen Überraschung erst Wochen später fest, dass es sich um rote Backsteine handelt.
Freue ich mich auf die neue Herausforderung? Bin ich aufgeregt? Oder möchte ich einfach nur zurück in mein warmes Bett? In der Nacht vor jenem ersten Arbeitstag habe ich noch weniger geschlafen als in der Nacht zuvor. Obwohl ich mir nicht bewusst das Hirn darüber zermartert habe, was auf mich zukommen könnte, bin ich angesichts der mir bevorstehenden Ungewissheit unterbewusst wohl doch angespannter, als ich glaube.
Ich treffe meine Mitstreiter*innen vor dem Klinikeingang. Zusammen klopfen wir bei der zuständigen Sekretärin, welche sich als Urlaubsvertretung der eigentlichen Sekretärin entpuppt und entsprechend wenig mit uns anzufangen weiß. Nachdem wir der in ihrer Überforderung ganz hektisch werdenden Dame erklärt haben, was wir vermutlich bei ihr abholen sollen, erhalten wir alle ein kleines Telefon und einen Dienstschlüssel. Zwischendurch platzt die Chefin der Inneren Medizin auf dem Weg zu ihrem Büro hinein. Sie stellt sich kurz vor und fragt nach unseren Namen, dann ist sie auch schon wieder verschwunden. Da die Sekretärin in der Zwischenzeit telefonisch niemanden erreicht zu haben scheint, der sich für uns vier neue PJler*innen der Inneren Medizin zuständig fühlt, stehen wir nach unserem erfolgreichen Beutezug erst einmal wieder auf dem Flur herum. Durch die Tür hören wir, wie die Chefin sich erkundigt, „wer denn die Leute dort vor der Tür seien“.