Porter - Stephan Massimo - E-Book

Porter E-Book

Stephan Massimo

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Beschreibung

Im letzten noch bewohnbaren Gebiet der Erde gerät der junge Porter in der Bann eines Geistes. Um eine kryonisierte Schauspielerin vor dem Tod zu retten, muss er in der Finsternis der Vulkaninsel Fogo nach der schwarzen Geliebten eines hochrangigen Politikers suchen. Ein undurchschaubarer Mann namens Montag und eine herrische, kleinwüchsige Frau erschweren dieses Unterfangen. Als sich die Welt nach einem Vulkanausbruch plötzlich aufzulösen scheint, wirft ein Tablett-Computer plötzlich existentielle Frage auf.

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2023

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STEPHAN MASSIMO

PORTER

©2023

Die Nacht ist schon der halbe Tod.

Der Tag ist das Leben und das Licht die Zeit.

CONSUMBIA

Es war brütend heiß. Die Luft flimmerte über dem Teer der Straße. Porter fuhr sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Im Vorbeifahren beobachtete er die silbrige Flotte von Flugzeugen, die mit laufenden Triebwerken am Saum der Startbahn des Jimmy Gedeon Airports auf die Starterlaubnis warteten. Eines nach dem anderen würde in den verhangenen Himmel aufsteigen und die Wolken mit Silbernitrat impfen. Seit vier Monaten hatte es keinen Tropfen mehr geregnet. Der kritische Punkt war offensichtlich erreicht. Sonst würden sie die Bomber mit dem Lapis Infernalis an Bord nicht losschicken. Treibstoff war reinster Luxus, vom Silber ganz zu schweigen. In ein paar Stunden würden sich Wolkenbrüche über die Savanne und Gedeon City ergießen und danach wäre der Himmel bis zum Horizont für eine Weile endlich wieder klar. Indigo, Azur, Cyan. Ganz egal. Irgendein Blau der Wellenlängen mit Intervallen zwischen 460 und 480 Nanometern, die es schafften, dass sich Porters Augen nicht mehr anfühlten wie Bleikugeln. Immer öfter verloren ganze Tage ihre Konturen in einer Art Unlicht. Farben und sogar Schatten versickerten darin und kamen für unbestimmte Zeit nicht wieder zum Vorschein.

Porter versuchte sich das Türkis des N’guru Sees vorzustellen, den blauen Himmel, die grünen Ufer. Das Gesicht von Tale mischte sich in diesen Tagtraum und flimmerte vor der Windschutzscheibe des Pick-ups wie heiße Luft, bis das Horn eines Supertrucks den Tagtraum zerfetzte. Das Ungetüm rauschte an Porter vorbei wie eine tosende Welle und riss Tale mit sich.

An der Auffahrt zum Shimabukuru Freeway stand ein schwarzer Junge mit den bloßen Füßen im Staub und schwenkte eine Wasserflasche. Porter zog den Pick-up auf den sandigen Randstreifen, hielt neben einem der vielen Lichtmasten, durch die seit Jahren kein Strom mehr floss und beobachtete im Seitenspiegel, wie der Junge näherkam.

»Wasser! Frisches Wasser! Sauberstes Wasser!«, rief der Junge. Porter ließ das Fenster herab.

»Jambo, Bwana! Heiße Scheiße. Der Tag ist eine Herdplatte unter deinem weißen Bootie. Chipo kann dir helfen, ihn abzukühlen.«

»Jambo, Kleiner. Was willst du für das Wasser?«

»Zwei Punkte.«

»Was zum Teufel willst du mit zwei Punkten?«

»Sind für meine Mutter. Sie ist krank. Muss sie dringend zum Daktari bringen,

Bwana. Sonst ist es aus mit ihr.«

»Und wie soll ich dir die Punkte überschreiben? Soll ich sie dir mit weichem Teer auf die Stirn malen?«

Der Junge kramte in den Taschen seiner verstaubten Shorts und zog zu Porters Überraschung einen Collector hervor.

»Wen hast dafür umgebracht?«

»Niemanden, Bwana.«

»Lüg mich nicht an, Kleiner. Das ist ein A-Collector, aber du bist garantiert kein i-Lite. Und erspar mir die Ausreden, die du dir dafür ausgedacht hast. Wo wohnst du?«

»Im Rahisi District«, sagte der Junge und ließ einen gleichmäßigen Zaun weißer Zähne zwischen seinen vollen Lippen hervortreten.

Rahisi war ein armseliger Vorort von Gedeon City. Abgesehen von Edfu unten im Norden die letzte Enklave der Schwarzen. Im Hafen von Rahishi gab es schon lange keine Boote und Fische mehr. Von Punkten und Collectoren ganz zu schweigen. Wer dort leben musste, gehörte einer aussterbenden Spezies an und durfte die drei Meilen Zone um den District nicht verlassen. Der Junge stand keine zwanzig Meter von den Warnschildern entfernt, hinter denen es lebensgefährlich für ihn wurde.

»Ich bringe morgen einen Arzt zu deiner Mutter, wenn du mir sagst, wem du den Collector gestohlen hast.

»Du bist doch kein Shaker? Oder, Bwana?«

»Ein Shaker? Sehe ich aus wie ein Cop, wie ein beschissener Filzer, Chipo? Wenn sie dich orten, werden sie dir die Hölle heiß machen.«

Die Augen der JGE waren überall. Die Diebstahlquote in Gedeon City tendierte gegen null Prozent. Wenn es doch einmal geschah und jemand aus Verzweiflung etwas aus dem Supermarkt mitgehen ließ, dauerte es nur Sekunden, bis die Shaker der JGE erschienen. Auf nichts so sehr Verlass, wie auf ihre Herzlosigkeit. Sie würden keine Sekunde zögern einen schwarzen Jungen, der einem i-Lite einen Collector gestohlen hatte, auf die Pacific Princess zu verbannen.

Die Princess war ein seeuntüchtiges, sechzehnstöckiges Kreuzfahrtschiff, das zwanzig Seemeilen von Consumbia entfernt an rostigen Ankerketten hing. Wer einmal Bekanntschaft mit der Prinzessin machte, kehrte meist nie mehr zurück. Es gab dort nichts als Hunger, Durst und endlose Langeweile, die viele ihre unfreiwilligen Gäste in den Wahnsinn trieb. Der Koloss konnte jederzeit mit gefährlichem Treibgut kollidieren und untergehen. Aber vermutlich war das für die armen Schweine, die sich dort befanden, noch die beste Option.

»Ich mach das Ding nur an, wenn es sein muss. Chipo ist ja nicht shushu, Bwana.«

»Sag mir lieber, wem du den Kasten gestohlen hast.«

»Er gehört meiner Schwester.«

»Klar. Was ist sie? Vizepräsidentin von Consumbia?«

»Yaya arbeitet im i-Joy-Center. Sie hat den schönsten Bootie von Rahisi und Dongdongs wie harte Coconuts, Bwana.«

»Wofür brauchst du dann zwei armselige Punkte? Wenn deine Schwester so eine begabte Sambatu ist, kann es nicht so schwer für sie sein, einen Arzt aufzutreiben.«

»Meine Mutter will keine Almosen von ihr. Es macht sie nur noch sikka, dass Yaya mit i-Lites fukki-fukki macht.«

»Mit i-Lites?«

»Hakika, Bwana. Die i-Lites sind ganz verrückt nach Yaya.«

»Klar. Und den Collector haben sie ihr einfach so überlassen. Einer Rahisi.«

»Er ist ein Geschenk. Eine Opfergabe. Die Liebe ist eine Macht.«

»Und wo ist Yaya, falls sie überhaupt existiert?«

»Sie ist verreist. Wie ein richtiger Mensch. Mit einem Koffer. In einem Flugzeug. Nach Fogo, Bwana.«

»Fogo? Ilhas de Sotavento? Mit einem Flugzeug? Junge, du solltest Märchen schreiben, falls du schreiben kannst. Seit mehr als zehn Jahren fliegt so gut wie niemand mehr mit einem Flugzeug herum. Schon gar keine Rahisi. Nicht mal wenn sie eine extra Kokosnuss oder eine zweite Muschi hätte.«

»Aber so ist es, Bwana. Ich furze einen heiligen Schwur, dass es die Wahrheit ist«,sagte Chipo.

»Das glaub‘ ich dir gerne.«

Der Junge klatschte in die Hände, begann zu singen, tanzte dazu und versuchte Porter mit guter Laune zu erweichen. Seine dünnen Arme schlackerten an seinem ausgezehrten Körper wie die Glieder einer Marionette. Chipo erinnerte ihn an Tale, aber das taten fast alle schwarzen Kinder in seinem Alter. Porter wünschte dem Jungen ein besseres Leben, eine Welt voller Farben, Gerüche, Urwälder und Tiere, voller Perspektiven und Hoffnung. Sie hatten die rauschende Party im Holzozän verpasst, waren zu spät dran, schuldlos auf die dunkle Seite der Geschichte geraten, ins Anthropozän, in dem der Mensch über die Erde herrschte. Über das, was von ihr übrig war. King of Nothing.

»Sind doch nur zwei Punkte, Bwana. Du bist ein i-Worker, stimmt‘s? Was zahlen sie dir? Zweitausend? Was sind zwei Punkte gegen das Leben meiner Mutter.«

Porter seufzte. Schweißperlen krochen seine Schläfen entlang. Der Junge grinste und hielt ihm den Collector in den Wagen.

»Wenn du Mist baust, werde ich Ärger bekommen.«

»Niemals, Bwana. Ich furze einen heiligen…«

»Ja, ja. Lass stecken, ist schon heiß genug.«

Er hielt den Collector des Jungen an sein eigenes Device und transferierte drei Punkte. Das waren zwei Stunden von Penelopes Leben. Er würde sie heute Abend mit einer Extraschicht bei der Sand Corp. wieder reinholen. Chipo lächelte. Seine Schönheit überstrahlte die Armseligkeit seiner Existenz. Er war mit edler Mattheit bedeckt, als sei er aus dem Humus und dem Staub der Erde geformt, fast schwarz wie Palissendre de Congo, Holz des Wengebaums, die Zähne weiß wie Klaviertasten, die Pupillen schwerelose Bernsteine in dunklem Wasser.

Einst hatte dieser Kontinent den Schwarzen gehört, den von der Erde geformten. Die ganzen dreißig Millionen Quadratkilometer Afrika. Bevor die anderen gekommen waren. Missionare, Kolonialherren, gefolgt von Ausbeutern, die versprachen den Hunger abzuschaffen und die ihr am Ende ihr Wort gehalten hatten – tote Schwarze haben keinen Hunger.

Porter sah den Jungen an, einen der letzten Generation, der letzten Beweise ihrer Existenz. Nach ihnen käme nichts mehr. Nur noch weiße i-Lite Babys und weiße Scheiße in der schwarzen Wiege der Menschheit.

Wenn du das Ende wissen willst, schau auf den Anfang.

Aus den ersten Menschen, mochten sie nun Adam und Eva oder Angablu und Edem geheißen haben, waren kriegslustige, unversöhnliche Nationen hervorgegangen. Es hieß, niemand würde als schlechter Mensch geboren, aber daran glaubte Porter nicht. Wenn der Mensch von Geburt an gut war, warum hatte er es sich dann nicht zu Aufgabe gemacht, den einzigen Ort, an dem er leben konnte, zu hüten wie seine eigenen Augäpfel?

Er gab dem Jungen den A-Collector zurück und hielt ihm eines der beiden Sandwiches hin, die er sich am Morgen eingepackt hatte.

»Ein Sandwich? Ich glaub es nicht. Drei Punkte und ein Sandwich. Du bist ein Heiliger, Bwana. Jetzt sag bloß noch, es ist mit Kuku gefüllt?«

»Kuku? Ich habe seit zehn Jahren kein Huhn mehr gesehen, du vielleicht?«

»Ich habe noch nie ein Kuku gesehen, Bwana. Meine Mutter sagt, sie machen boak, boak, boak und wenn man ihnen den Hals umdreht, flattern sie manchmal noch wild mit den Flügeln, obwohl sie schon tot sind«, sagte Chipo. Er lachte und führte mit seinen knochigen Ellbogen einen seltsamen Tanz auf.

Da war etwas, das Porter einfach nicht verstand. Der Junge besaß nichts, außer der Luft in seinem Bauch, und dennoch lächelte er wie ein satter König. Die i-Lites mussten weder Armut, Krankheit oder den Tod fürchten. Aber keinen von ihnen hatte Porter je so strahlen gesehen wie Chipo.

Manchmal, wenn er völlig erledigt von der Sand Corp. nach Hause fuhr, fragte er sich, ob irgendwo eine Demarkationslinie existierte, jenseits derer er den Tod dem Leben vorziehen würde. Was trieb ihn dazu, selbst das jämmerlichste Leben erträglicher zu finden, als das Unbekannte danach? Wie die meisten i-Worker konnte auch Porter nicht damit aufhören davon zu träumen, eines Tages der elitären Gesellschaft der i-Lites anzugehören, eine der Sandsteinvillen in Hanging Gardens zu bewohnen, und von den Resten an Vergnügen und Luxus zu kosten. Ob er dann auch nur einen Tag lang so glücklich und zufrieden sein würde wie Chipo, stand in den Sternen. Der Junge schien sich keinerlei Sorgen zu machen ob die Welt morgen unterging, und mit ihr Consumbia – der Limbus der Menschheit. Vielleicht würde er ja eines Tages der letzte Mensch auf Erden sein. Derjenige, der das Licht ausmachte.

»Asante. Wie heißt du, Bwana?«, rief der Junge.

»Porter.«

»Porter? Heiliger Tembo. Porter! Hab schon von dir gehört«, rief Chipo aufgeregt. Er lief davon als sei er dem heiligen Geist begegnet. »Porter! Ich habe Porter gefunden! Chipo hat Porter gefunden! Hört ihr! Porter!«

Porter hatte keinen Schimmer, was den Jungen so euphorisch stimmte. Bestimmt verwechselte er ihn mit jemandem, der den gleichen Namen, aber eine besondere Gabe und eine ganz andere Nummer hatte. Er sah Chipo nach, bis er den Freeway überquert hatte. Ein Supertruck zog vorbei und drückte brennende Luft in den Pick-Up.

»Hey! Was ist mit meinem Wasser!« rief Porter, aber da war der Junge schon nicht mehr zu sehen. Es waren nur Punkte, alberne drei Punkte.

GEDEON CITY

Zehn Kilometer weiter westlich ging dem Pick-up fast der Treibstoff aus. Seit Tagen ignorierte Porter die Tankanzeige. Er war spät dran. Alles wegen einer Flasche Wasser und seinen sentimentalen Gefühlen für Tale.

An der Tankstelle von Dankward Holm kratzte Porter mit dem Fingernagel aufgeplatzten, knallroten Lack von der verrosteten Ladestation und legte sie in die Keksdose, die Sally für ihre selbstgebackenen Cookies benützt hatte. Hinter dem Blech tuckerte das Aggregat, das Wasserstoff in den Pick-up drückte. Dass er den Wagen immer noch fahren konnte, hatte er der roten EV Plakette zu verdanken, hatte er Mazzini zu verdanken. Sie klebte windschief an Porters Frontscheibe und klassifizierte den Pick-up als Notfall-Fahrzeug bei Sandstürmen und anderen Unwetterlagen. Emercency Vehicle.

In der Entfernung schälte sich die Skyline von Gedeon City aus der sandigen Luft. Seit Porter auf der Farm in Jakobs Green wohnte, mochte er die Stadt nicht mehr. In den zumeist baumlosen Straßen von Gedeon City fühlte er sich inzwischen wie ein Gefangener, an Routinen gefesselt, von digitalen Augen minutiös überbewacht.

Vor drei Jahren war er in einer schlaflosen Nacht auf den beunruhigenden Gedanken verfallen, i-Worker könnten nichts weiter als hochentwickelte ALIS sein, Auto-Learning-Intelligences mit einem vorprogrammierten Ablauf. Aber dann hatte er sich Hals über Kopf so wahrhaftig in Penelope verliebt, wie es einer ALI nie möglich sein würde. Zumindest glaubte Porter nicht an die Möglichkeit, dass sich derart irrationale Regungen programmieren ließen. Sobald er nach der Arbeit auf der Fahrt zur Farm den Kontrollposten hinter sich ließ, weitete sich seine Brust und das Gefühl von Freiheit kehrte zu ihm zurück wie ein entlaufenes Haustier. Natürlich hatte die JGE auch im Outback Augen und Ohren, aber das Netz wies einige Löcher auf. Auf einem dieser blinden Flecken, fern ab der Main Road, stand Porters verwittere Farm. Niemand würde ihr Beachtung schenken, zumindest war das seine Hoffnung, und davon gab es nicht mehr viel.

Eine Woche nach seinem sechsten Geburtstag hatten seine Eltern ihn nach Consumbia geschickt. Jedes Mal, wenn er an Dankwards Tankstelle herumstand, beschwor der Geruch der letzten Neige Benzin, die aus rostnarbigen Kanistern aufstieg, jene fernen Tage wieder herauf. Die lange Schiffsreise, das Gefühl von Fremdheit und Verlorenheit, die Ungewissheit, wie sein Leben weitergehen würde. Die Einsamkeit, die er empfunden hatte. Angst war eine Substanz, die man spüren und riechen konnte. Die Visa-Anträge seiner Eltern waren aus Altersgründen abgelehnt worden waren. Als er am Hafen von Gedeon City ankam, machte er sich Gedanken darüber, was sie falsch gemacht hatten, denn Sally und Rasmus hatten es geschafft, obwohl sie weitaus älter waren. Die beiden konnten seine Großeltern sein. Sie begrüßten ihn herzlich und zugleich voller Zweifel, was auf sie zukommen und sie möglicherweise überfordern würde. Vermutlich ahnten sie, wie gravierend die Veränderungen werden würden. Für ihn, für sie, für die Welt oder das, was von ihr übrig war. Bis wir nachkommen wirst du es gut bei ihnen haben, hatte seine Mutter gesagt. Da er Sally und Rasmus nicht fragen wollte, wie sie es nach Consumbia geschafft hatten, blieb es für lange Zeit ein Rätsel.

In der ersten Zeit nach ihrer Übersiedlung arbeitete Sally bei der JG-Beneficence. Ihre Aufgabe bestand darin, i-Lites zu motivieren, der JGB eine Kopie ihrer DNA zu stiften. In London hatte sie in einem Waisenhaus gearbeitet. Es fiel ihr leicht mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Ramon Fox Obrador, der Boss der JGB, wusste diese Gabe zu schätzen. Er war einer der wenigen i-Worker, die es geschafft hatten, den Status eines i-Lites zu erlangen. Obrador war es gelungen, den König davon zu überzeugen, klare DNA zu horten und es erkrankten i-Workern zu ermöglichen, einzelne Abschnitte zu erwerben. Im Austausch gegen Unmengen von Punkten versteht sich, eine Bedingung, die Sally sehr missfiel. Im Grunde glich die JGB dadurch mehr einem profitablen Unternehmen, als einer wohltätigen und gemeinnützigen Organisation. Ihr Feigenblatt war die jährliche Tombola, bei der i-Worker eine vollständige i-Lite-DNA gewinnen konnten. Es war der schnellste Weg, unsterblich zu werden, eine Verlockung, der viele nicht widerstehen konnten. Einmal im Jahr – am Geburtstag des Königs –, konnten die meistbietenden 1001 i-Worker Lose erstehen. Aber da nur einer von ihnen gewinnen konnte, verloren jedes Jahr tausend von ihnen nahezu alles. Ihre Punkte, die Hoffnung, die Zukunft und ihre Chance auf ein Ticket. Für Sally, die eine humanistische Erziehung genossen hatte, war es ein unwürdiges Schauspiel. Sie verließ den gutbezahlten Posten bei der JGB und heuerte ehrenamtlich auf einer Wildfarm nahe der Ölsandfelder in Edfu an. Damit opferte sie die Chance auf ein Life-Extension-Ticket ihrem unverbesserlichen Idealismus. Es war eine weitreichende Entscheidung, mit der Rasmus lange haderte.

Rasmus war in Oslo zur Welt gekommen, hatte in London Biochemie studiert und Sally in der Warteschlange vor einem Impfzentrum kennengelernt. Um ihr zu gefallen, beteiligte er sich neben dem Studium an der Entwicklung von synthetischem Quallenschleim, der die Fähigkeit echter Quallen kopieren sollte, große Mengen CO2 zu binden. Es war also kein Wunder, dass die Kronos Laboratories in Gedeon City Rasmus gut gebrauchen konnten. Die einzige Dinge, an denen in ganz Consumbia niemals Mangel herrschte, waren besorgniserregende Entwicklungen.

Dennoch waren ihre Begabungen nicht der Grund dafür, dass Sally und Rasmus es nach Consumbia geschafft hatte. Als Porter die wahre Geschichte eines Tages erfuhr, änderte sie seine Meinung über sie jedoch kein bisschen. Die beiden hatten unermüdlich dazu beigetragen, das Leben besser zu machen. Bis zu ihrem Ende waren sie überzeugte Philanthropen geblieben, und das kam Porter, nach all dem, was Menschen ihresgleichen, der Natur und den Tieren jahrhundertelang angetan hatten, wie ein Wunder vor. Er hatte es wirklich gut bei ihnen gehabt. Nur mit der anderen Sache hatte seine Mutter sich getäuscht. Weder sie, noch sein Vater hatten es nach Consumbia geschafft.

Porter war in Lewisham, einem der Bezirke der Docklands im Osten von London aufgewachsen. An den ehemaligen St. Katharina Docks, dem Limehouse Basin und den West India Docks waren noble Wohnhausblöcke mit Blick auf Wasser wie Pilze aus der Erde geschossen. Sein Vater hatte eine krisensichere Anstellung bei den Stadtwerken. Seine Mutter arbeitete als Sprachtherapeutin, weshalb sein Vater sie liebevoll Sparchteuropatin nannte. Gemeinsam hatten sie einen Kredit aufgenommen und sich im festen Glauben, die sie bis zum Ende ihres Lebens abzubezahlen und Porter vererben zu können, eine der schicken neuen Wohnungen in den Docks geleistet.

Aber leider sollte sich der Wind nur zwei Jahre später drehen. Das früher als kühl und neblig bekannte London ächzte immer häufiger unter unerträglicher Hitze oder sah sich tagelang sintflutartigen Regengüssen ausgesetzt. Die Ernten brachten ungewohnt schwache Erträge. Die Inflation galoppierte. Die Börsen wankten und die Lieferketten bekamen immer größerer Löcher. Die Pfeiler der Weltwirtschaft neigten sich und begannen bedrohlich zu schwanken. Die Sorge, sie könnten fallen und alles mit sich reißen, beunruhigte nicht nur seine Eltern. Noch ehe Porter zum ersten Mal die Prendergast Vale School betreten konnte, brachten sie ihn auf das Schiff nach Consumbia. An vieles erinnerte er sich nicht mehr. Als die ersten verheerenden Nachrichten über den Zusammenbruch Europas in Consumbia eintrudelten, hielt man sie für das hysterische Narrativ ehrloser Medien, denen alles Recht war, so lange es ihnen Aufmerksamkeit bescherte. Inzwischen gab es keine Medien mehr. Niemand konnte es sich leisten, gute Energie für schlechte Nachrichten zu verschwenden. i-Lites wollten ohnehin nichts mehr von der alten, versunken Welt hören. Es hieß, dass viele von ihnen ihren Teil zum Untergang beigetragen hatten oder Nachfahren der führenden Köpfe jener Konzerne und Banken waren, die die Welt beherrscht und ausgebeutet hatten. Niemand klagte sie an oder machte ihnen den Prozess. Es waren nur Gerüchte. Auch Porter hegte keinerlei Groll, wenngleich er sich manchmal betrogen fühlte. Während die älteren von ihnen viele Jahrzehnte im Überfluss gelebt hatten, musste er sich mit dem zufrieden geben, was noch übrig war. Er war hundert Jahre zu spät zur Welt gekommen. Aber dafür konnten sie ja nichts.

Jack Wilson, der in gewisser Hinsicht als Porters Großvater bezeichnet werden konnte, und es dennoch nicht war, zählte zu den Glücklichen, die zum richtigen Zeitpunkt zur Welt gekommen waren. Er hatte den zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden und war – wie viele seiner Generation – in den goldenen Strom des Weltwirtschaftswunders geraten. Mit zwanzig gründete er die Autoreifen-Fabrik Wilson Wheels, mit dreißig besaß er bereits sieben weitere Produktionsstätten, die über ganz England verstreut Profit abwarfen. In einem halben Jahrhundert hatte er mehr als zweihundert Filialen auf der ganzen Welt aufgebaut, die unablässig dazu beitrugen, dass sich ganze Landstriche in Altreifen-Deponien verwandelten. Kurz nach seinem einundachtzigsten Geburtstag blickte Jack Wilson zum letzten Mal auf sein Leben in Saus und Braus zurück. Er hatte an die zweitausend Flaschen besten Wein getrunken, fünftausend Kilo Fleisch verzehrt, hunderttausend Liter Benzin verbraucht und mit seinen Fabriken Milliarden Tonnen Giftstoffein die Welt gesetzt, an der Börse spekuliert, sich in obskure Immobilien-Projekte und Hedgefonds eingekauft, in Containerschiffe investiert und mit Devisenkursen und Tagesgeschäften jongliert. Mit vier der ungefähr hundert Frauen, mit denen er geschlafen hatte, hatte er neun Kinder in die Welt gesetzt. Fünf Hochzeiten waren fünf Scheidungen gefolgt. Im Alter von fünfundsiebzig zitierte er eine seiner jungen Angestellten namens Alice Maahn – Porters Großmutter, in sein Büro, bedrängt sie und schwängerte sie gegen ihren Willen. Als Jack Wilson schließlich an einem kalten und nebligen Montag aus dem Leben schied, waren seine Reifenfabriken keinen Pfifferling mehr wert und der Schuldenberg, den er hinterließ, warf einen langen Schatten auf die Zukunft seiner Nachkommen. Sein Niedergang war nur eines von vielen Anzeichen, das etwas gehörig aus dem Ruder gelaufen war. Die Jack Wilsons der Welt hatten ein Leben lang anschreiben lassen und jetzt bezahlten ihre Urenkel die Rechnung. Porter konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum sie die Erde sehenden Auges in eine so aussichtslose Notlage manövriert hatten. Es schien ihnen nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass die Transformation der Welt in eine Shopping Mall für elf Milliarden Kunden eines Tages ihren Tribut zollen würde. Als es schließlich soweit kam, desertierten sie und alle anderen musste zusehen, wo sie blieben.

Der Gedanke, dass auch seine Eltern in die reißende Strömung des Untergangs geraten waren, schmerzte Porter. Er konnte sich kaum noch daran erinnern, wie sie ausgesehen, wie sie gerochen oder welche Farben ihre Augen gehabt hatten. Sally und Rasmus lebten auch nicht mehr. Seite an Seite lagen sie nun schon seit vier Jahren am East Burial Ground im heißen Sand vergraben. Im Gegensatz zum ihm mussten sie sich keine Sorgen mehr um die Zukunft machen.

Porter trennte den Tankadapter vom Pick-up und schob ihn zurück in die Ladestation. Am Horizont flimmerte die Silhouette von Gedeon City. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, wieder dort zu leben. Seit er die Farm hatte, verstand er, was Freiheit bedeutete. Sie half ihm die Wirklichkeit auszublenden und in ein anderes Leben zu entfliehen, das ihm viel wahrhaftiger erschien, voller Hoffnung, Zuversicht und Sinn. Das kleine Haus und der Grund auf dem es stand, waren ein eigenes Land, eine Zelle, die am Rücken des maroden Organismus von Gedeon City haftete, wo sie still und vergessen wuchern konnte.

Seit Porter denken konnte, hing ein schmieriges Moskitonetz vor dem Eingang des Tankstellenhäuschens. Er schob es beiseite, trat ein und schob seinen Collector durch die Aussparung in der blinden Plexiglasscheibe, die Dankward Holm vor Bakterien und Keimen schützen sollte. Manchmal, wenn mehrere Personen an der Kasse anstanden, trug er sogar einen Mundschutz, aber es war nicht mehr als eine Marotte. In der Werkstatt lagerten noch vierzig Kisten mit FFP-3 Masken, Erbstücke, die in Zeiten der Pandemie Hochkonjunktur gehabt hatten. Dankward war ein bulliger Kerl, dessen Vorname sich von der deutschen Bezeichnung für jemanden, der an einer Tankstelle arbeitete – Tankwart – kaum unterschied. Das konnte einen auf die Idee bringen, seine Vorfahren könnten humorvolle Besitzer eines Ölimperiums gewesen sein, aber das hatte mit der Wahrheit so wenig zu tun, wie mit der Bedeutung seines Namens – Hüter des Gewissens.

Bevor Dankward aus Köln nach Gedeon City geflohen war, hatte er in einer Fabrikhalle Tag für Tag hunderte von Tieren geschlachtet, mit elektrischen Sägen in Stücke zerteilt und ihr Blut mit einem Wasserschlauch in Gullys befördert. Viel Blut, so viel, dass er manchmal nachts davon träumte, wie es wieder an die Oberfläche kam, den Globus überschwemmte und die Menschen darin ertranken. Mitleid mit den Tieren verspürte er dennoch nicht. Auge um Auge, Zahn um Zahn. So sah Dankward nun einmal das Leben, und offensichtlich kam er gut damit durch. Inzwischen gab nichts mehr, was er schlachten konnte. Nicht mal mehr Sparschweine.

Auf dem Weg nach Gedeon City gab es drei blitzblanke Ladestationen, an denen Porter seinen Collector nur an die Zapfsäule halten musste, ehe er weiterfahren konnte, aber er zog eine kleine Unterhaltung dem Zeitgewinn und der Sauberkeit vor. Dankward sammelte alles, was ihm in die Hände fiel. Rund um die Tankstelle sah es aus wie auf einem Schrottplatz. Wenn Porter Zeit hatte – was nicht mehr oft vorkam –, streunte und stöberte er gerne dort herum. Dankward war stets bereit für ein Tauschgeschäft oder eine kleine Schummelei, von der niemand etwas erfuhr. Der Mann konnte schweigen wie ein Grab. Ein Deutscher eben, dachte Porter, obwohl er selbst nur ein Migrant war, der keine Ahnung hatte, auf welche Weise sich die Mentalitäten verschiedener Nationen unterschieden hatten. Inzwischen hatten alle das Gefühl, hier geboren zu sein, aber abgesehen von den Menschen im Rahishi District und in Edfu, stammte niemand von hier.

Nach der Gründung war Consumbia ein Schmelztiegel unterschiedlichster Ethnien, Hautfarben und Mentalitäten gewesen. Mittlerweile waren die Unterschiede verblasst. Die lange Liste sinnloser, unverständlicher Konflikte und idiotischer Vorurteile schien endlich abgearbeitet. Im Turm von Babel sprachen jetzt alle die gleiche Sprache. Der Koran, der Tanach, die Bibel und die Upanishaden waren nur noch Bücher, aber keine Anlässe mehr, sich gegenseitig zu vernichten. Nicht einmal mehr von Männern ging noch Gewalt aus. Dankward Holm, durch dessen Hände abertausende von Tieren ums Leben gekommen waren, würde keiner Fliege mehr etwas zu leidtun.

»Hey, Givemesix. Wie geht’s?«, sagte Porter und deutete auf Dankwards bandagierte Hand. Nach dem Austausch einiger degenerierter Zellen, war ihm ein sechster Finger an der rechten Hand gewachsen. So was passierte schon mal. Seit einer Woche waren sie wieder nur zu fünft.

»Och. Hatte mich schon dran gewöhnt. Aber Erika fand es gruselig. Wahrscheinlich hatte sie Muffe, dass mir nach der nächsten Kur eine zweite Ndizi zwischen den Eiern wächst«, sagte Dankward mit seinem kantigen Akzent. Er zwinkerte Porter mit seinen blauen Augen zu, die von dicken Büscheln blonder Augenbrauen überwuchert waren, und deutete mit dem Kinn auf zwei halbverfaulte Bananen, die auf der Kühltruhe lagen. Früher war sie bis zum Rand voller Eis, Tiefkühlpizza und Bierdosen gewesen, aber seit langer Zeit herrschte Ebbe, und sie wussten beide, dass die guten Zeiten nie mehr zurückkehren würden. Dankward hatte es aufgegeben, darüber zu jammern.

»Wie viel?«, sagte Porter.

»180 Punkte. Das war es dann übrigens mit deinem Wasserstoff-Kontingent für diesen Monat. H-Over, mein Freund. Und wenn mich meine Augen nicht im Stich lassen, ist in einer halben Stunde dein Back-Up fällig ist. Wenn du den verbockst, geht der Pick-up völlig auf Entzug.«

»Weiß ich. Bin spät dran heute. Hab mich mit so einem kleinen Rahishi vertrödelt, der mir Wasser andrehen wollte«, sagte Porter.

»Und, hat er?«

»Keine Chance«, sagte Porter. Er boxte gegen die klobige Faust von Dankward gesunder Hand und machte sich auf den Weg.

»Immer schön im Sechsten fahren. Spart Fusel!« rief der Deutsche ihm hinterher.

Porter nahm den kürzeren Weg, der durch den Lower Town Distrikt führte, wo die i-Tems lebten, die Namenlosen, die nur noch Nummern trugen. Die allerletzte Generation Ungebildeter, die bereits keine Ahnung mehr hatte, was eine Schule war. Die Nachkommen der Slogger, die nie etwas anderes als Schmierfett für die große Maschine gewesen waren. Jahre lang hatte die JGE sie nach Sodom, auf die größte Mülldeponie der Welt geschickt, die sich westlich von Consumbia, unweit von Accra, im ehemaligen Territorium von Ghana befand. Sodom war ein Schattenreich, eine Hölle aus Elektronik-Schrott, Chemie-Abfällen, verwesenden Tieren, Biomüll und Gefahrgut aller Art; die Endstation des Auswurfs der ehemals reichsten Länder der Welt. Die Slogger durchkämmten sie in der gleißende Sonne nach Resten von Lithium, Kupfer, Aluminium, Palladium, Platin, Kobalt, Niob, Wolfram, Gallium oder Indium. Die Arbeit verbog ihre Rücken, brach ihre Widerstandskraft und vergifte ihre Lungen. Die Luft war geschwängert mit Quecksilberdämpfen, Chlorparaffinen und polyaromatischen Kohlenwasserstoffen. Brände und Explosionen waren an der Tagesordnung. Zu allem Überfluss tobten in Sodom oft Sandstürme der höchsten Kategorie. Die Rückfahrt nach Gedeon City war nicht weniger gefährlich. Die Züge waren in miserablen Zustand und blieben oft im Niemandsland zwischen der Hölle und Consumbia liegen. Als der Müll schließlich nichts mehr Brauchbares hergab, beendete die JGE das Programm. Die Slogger gingen einer nach dem anderen an den Spätfolgen ein, die Sodom ihn eingebrockt hatte. Zu der Zeit als Porter in Consumbia eintraf, wurden die Hinterbliebenen der Slogger zu i_Tems erklärt. Es gab keine Verwendung mehr für sie, keine Arbeit, nicht mal mehr in Sodom. Seitdem spielte sich ihr gesamtes Leben in den Straßen von Lower Town ab.

Fürgewöhnlich trieben sie sich den lieben langen Tag vor den Hutches von Lower Town herum, lang gestreckten monolithischen Häusern, die der JGE gehörten. Sie spielten Karten, sahen sich auf öffentlichen Plätzen eine der zahllosen Serien von i-Lusion an, deren schier endlosen Episoden die nutzlosen Stunden ihrer Tage totschlugen; manche spielten auf staubigen Freiflächen mit Bällen oder vögelten sich hinter verschlossenen Türen ziellos durch ihr strukturloses Leben. Was sollten sie auch sonst tun. Sie waren sterilisierte, zum Aussterben bestimmte Wesen. Alles was ihnen zustand, war das Wohnrecht in den Hutches, Zweihundert Punkte im Monat und die Zusicherung der JGE, dass sie bis zum Ende ihres Lebens versorgt waren, solange sie sich nichts zu Schulden kommen ließen. Sie wurden dafür bezahlt, i-Worker nicht von der Arbeit abzuhalten, i-Lites nicht beim Denken zu stören und friedlich zu bleiben. Und das taten sie. Sie mochten innehalten, wenn sich ein Wagen in ihren Distrikt verirrte, aber es war unwahrscheinlich, dass sie jemals gewalttätig werden würden. Der Entzug des i-Tem Status bedeutete das Ende. Ein One-Way-Ticket auf die Princess.

Porter bog auf die Remack Bridge ab, an deren Ende sich die Hanging Gardens aus dem Dunst erhoben wie eine Fata Morgana. So lange er denken konnte, war es sein Wunsch eines Tages dort anzukommen, aber seit einigen Wochen machte ihn der Anblick plötzlich nicht mehr high. Immer mehr i-Lites litten an Schwermut, Hoffnungslosigkeit und Angstzuständen, deren Rezeptoren sich nicht in ihrer DNA aufspüren ließen. Es schien sich wie eine Seuche auszubreiten, die ausschließlich die Bewohner der reichen Quartiere befiel, aber Mitleid von Sterblichen konnten i-Lites nicht erwarten. Seit vielen Generationen lebten sie im Wohlstand, waren es gewohnt, sich alles zu nehmen und hielten es nach all der Zeit sogar für ihr gutes Recht. Nur eines stand ihnen nicht zu – das Recht sich zu beklagen.

Es war zwei Minuten vor acht, als Porter endlich im RBU Center in der New Cologne Street ankam. Es ging ihm gehörig gegen den Strich, jede Woche für ein Back-Up antreten zu müssen, aber so waren nun einmal die Vorschriften. Sonst existierte man von einer auf die andere Sekunde nicht mehr, verlor alle Punkte, seinen Namen und war nur noch eine Nummer irgendwo in Lower Town.

»Mutig. In sechsundneunzig Sekunden hätte ich sie gelöscht, Porter iw233553«, sagte Yukiko und bedeutete ihm, sich zügig in den Scanner zu legen.

»Und Penelope«, murmelte Porter.

»Von einer Frau steht nichts in ihrem Protokoll. Wenn sie außerhalb eines i-Joy Centers sexuell aktiv geworden sind, muss ich das eintragen und sie impfen.«

»Nicht nötig. Meine Beziehung zu Penelope Kasdan ist momentan rein platonisch.«

»Sie kennen eine Frau mit zwei Namen? Eine i-Lite? Sie wissen, dass ich das melden muss. Ich hoffe nur, Sie meinen es ernst mit ihr. Den i-Lite Status zu verlieren ist gravierender, als viele glauben. Ist nicht einfach, plötzlich Arbeit zu verrichten. Ich meine – harte Arbeit.«

»Penelope ist Schauspielerin.«

»Tatsächlich? Ich sehe mir so ziemlich alles an, aber der Name Penelope Cladden …?«

»Kasdan.«

»Sagt mir beim besten Willen nichts.«

»Penelope hat für ihre Rolle in „Lost in Blue“ die erste Supernova gewonnen, die i-Lusion je verliehen hat.«

»Die erste Supernova? Wie lange ist das her? Eine Ewigkeit, würde ich behaupten. Sie könnten ihr Sohn, wenn nicht sogar ihr Enkel sein. Wie alt zum Himmel ist sie?«

Seit zwei Jahren rackerte Porter mehr als die Hälfte seiner Arbeitsstunden für eine Frau, die er eigentlich gar nicht kannte, aber seit sie existierte, hatte er endlich ein Ziel. Es war gleichgültig, ob jemand wie Yukiko es verstand oder nicht. Penelope war ein Fixstern, ein Kompass, dessen Nadel in eine gute Zukunft wies.

»Fünfundzwanzig«, erwiderte Porter. »Penelope Kasdan ist fünfundzwanzig Jahre und fünfzehn Tage alt.

PENELOPE

Penelope Kasdan entstammte einer amerikanischen Dynastie von filmwütigen Regisseuren, Kameramännern, Drehbuchautoren und Schauspielern. Im Alter von neun Jahren avancierte sie als Maggie in der Fernsehserie Little girls don‘t pick in noses zum Kinderstar. Als ihr zwei Jahre darauf zwei apfelgroße Brüste wuchsen, die gnadenlose Paparazzi zusammen mit dem Rest ihres blanken Körpers dem World Wide Web zum Fraß vorwarfen, war es damit vorbei, und es wurde still um sie. Die Klatschpresse berichtete noch eine Weile – ohne einen einzigen Beweis –, von Drogenexzessen und delikaten Ausschweifungen. Aber da weder Penelope, noch ein Mitglied ihrer Familie sich je dazu äußerten, ließ das öffentliche Interesse rascher nach, als es einer Person lieb sein konnte, die von der Aufmerksamkeit anderer lebte.