Portugiesischer Pakt - Luis Sellano - E-Book

Portugiesischer Pakt E-Book

Luis Sellano

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Beschreibung

Henrik Falkners Antiquariat in der Altstadt von Lissabon ist eine Oase für Liebhaber alter Bücher und erstaunlicher Fundstücke. Und es ist dringend renovierungsbedürftig. Da kommt ein lukratives Geschäft gerade recht: Henrik soll für einen neuen Kunden Bücher aus dem Nachlass des kürzlich verstorbenen Senhor Monteiro erwerben. Die Bezahlung ist fast zu gut, um wahr zu sein. Doch dann finden sich Hinweise darauf, dass Senhor Monteiros Tod möglicherweise kein Unfall war. Als kurz darauf Henriks Auftraggeber spurlos verschwindet, ist klar, dass mehr hinter der Sache stecken muss. Henrik ermittelt – die Spur führt ihn zurück bis in die Siebzigerjahre, in die Zeit des politischen Umbruchs, und er kommt Stück für Stück einem tödlichen Geheimnis auf die Spur.

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Das Buch

Henrik Falkners Antiquariat in der Altstadt von Lissabon ist eine Oase für Liebhaber alter Bücher und erstaunlicher Fundstücke. Und es ist dringend renovierungsbedürftig. Da kommt ein lukratives Geschäft gerade recht: Henrik soll für einen neuen Kunden Bücher aus dem Nachlass des kürzlich verstorbenen Senhor Monteiro erwerben. Die Bezahlung ist fast zu gut, um wahr zu sein. Doch dann finden sich Hinweise darauf, dass Senhor Monteiros Tod möglicherweise kein Unfall war. Als kurz darauf Henriks Auftraggeber spurlos verschwindet, ist klar, dass mehr hinter der Sache stecken muss. Henrik ermittelt – die Spur führt ihn zurück bis in die Siebzigerjahre, in die Zeit des politischen Umbruchs, und er kommt Stück für Stück einem tödlichen Geheimnis auf die Spur.

Der Autor

Luis Sellano ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Auch wenn Stockfisch bislang nicht als seine Leibspeise gilt, liebt Luis Sellano Pastéis de Nata und den Vinho Verde umso mehr. Schon sein erster Besuch in Lissabon entfachte seine große Liebe für die Stadt am Tejo. Luis Sellano lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Regelmäßig zieht es ihn auf die geliebte Iberische Halbinsel, um Land und Leute zu genießen und sich kulinarisch verwöhnen zu lassen.

LUIS SELLANO

Portugiesischer

Pakt

EIN LISSABON-KRIMI

Wilhelm Heyne Verlag

München

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe 04/2024

Copyright © 2024 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Joscha Faralisch

Umschlaggestaltung und -motiv: Johannes Wiebel | punchdesign, München, unter Verwendung der Motive von shutterstock.com (Mykola Mazuryk, GViegas, ilolab) und AdobeStock.com (stevanzz, nonglak)

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-30291-7V001

www.heyne.de

»O amor espiritualiza o homem – e materializa a mulher.«

(»Liebe macht Männer spirituell – und Frauen materiell«)

Jose Maria de Eca de Queiroz

Auszug aus den persönlichen Aufzeichnungen der Person, die sich Albuquerque nannte.

1. Oktober 1974

Ich sollte hier nicht mit dem Tod beginnen. Nur gelingt es mir nicht, das Gefühl abzuschütteln, dass A Morte fortwährend um mich herumschleicht. Die wenigen, die von der Familie übrig sind, würden mich auslachen, berichtete ich ihnen von meinen Ängsten. Sie haben mich immer schon für morbide gehalten. Und für zu sentimental natürlich. Leicht dem Melancholischen verfallen, wie ich sie gelegentlich über mich flüstern höre. Ich mag nicht, wenn so hinter meinem Rücken geredet wird. Vor allem nicht von denen, die nur meinen, mich zu kennen.

Sie fürchten sich doch nicht weniger als ich. Fragen sich, wem man nach dem Umsturz denn überhaupt noch trauen kann. Ich sehe es in den Augen, nicht allein bei den Verwandten. Auch hier, auf dem Campus. Egal wen ich treffe, sie leben seit dem Frühjahr begleitet von dieser Angst. Angst davor, wie alles gekommen ist. Natürlich versuchen sie es zu verstecken hinter der Borniertheit und ihren arroganten Fassaden. Doch die Arroganz wird uns vergehen. Man wird sie uns austreiben, das hat man uns geschworen. Jeder ist ein Tor, der deswegen nicht die Hosen voll hat. Wären wir nicht die Zweit- oder Drittgeborenen unserer bis in alle Ewigkeit verdammten Väter, sie hätten uns längst nicht nur auf ihrer Liste stehen. Es ist leichtsinnig zu denken, den Sozialisten genüge es, uns in ihren Registern aufgeführt zu wissen. Oder gar zu glauben, dass wir in Vergessenheit gerieten. Sie haben ein Auge auf uns, so wie unsereins sie über Jahrzehnte davor unter Beobachtung gehalten hat. Wie sollte ich unter diesen Umständen nicht ständig an den Tod denken?

Nachdem das Sommersemester frühzeitig wegen der Revolution und Niederschlagung der Diktatur beendet wurde, haben sie mich im Herbst wieder mit dem Studium anfangen lassen. Eine Erweisung von Gnade, gewissermaßen, um das letzte Studienjahr abschließen zu können. Das Land braucht trotz allem Akademiker. Ich finde wenig Grund zur Freude darin, denn ich sehe trotz der vermeintlich großzügigen Zugeständnisse keine Zukunft mich. Fürwahr, da ist sie wieder, die Melancholie, die ich oft vorgeworfen bekomme. Doch ich kann nicht aus meiner Haut. Nicht in diesen Zeiten. Der Umbruch hat mich überrascht, doch da bin ich nicht der Einzige aus meiner Generation. Stets bekamen wir vorgehalten, wir seien die Elite, und mit einem Schlag erloschen die Sterne, die so hell für uns leuchteten. Nun kann ich nur rätseln, was sie uns noch alles zur Last legen werden. Rätseln und bangen. Froh sollen wir sein, dass man uns wieder an die Universitäten gelassen hat, bekommt man von überall her zu hören. Sogar die meisten Professoren sind noch da, wie ich dem Fakultätsregister entnehmen konnte. Nur die Extremisten fehlen, die dem Regime eng verbunden waren. Als wären wir im vorangegangenen Semester etwas anderes in den Augen der Sozialisten gewesen. Keiner von uns hat hier zuvor studiert, der nicht mit Pflicht, Blut und Ehre hinter dem System stand. Professoren, Studenten, allesamt.

Letztes Jahr noch die Elite, heute nur noch in Gnade geduldet. So wie meine, waren auch die Familien meiner Kommilitonen zuvor angesehen und erfolgreich. Ausgestattet mit der Macht in den Händen, dazu bestimmt, die Geschicke dieses unseres Landes zu lenken. Die Studentenverbindungen, denen die männlichen Nachkommen meiner Schicht angehörten, garantierten den Erfolg. Man erwartete von uns, dass unserer stolzgeschwellten Brust die Fähigkeit innewohnte, erfolgreich zu sein. Damit ist jetzt Schluss! Jetzt darf ich mich mit dieser schäbigen Stube hier arrangieren, weil sie die Verbindungshäuser dichtgemacht haben. Aber mein Onkel meint, es sei besser, auf dem Campus zu wohnen, um ein Zeichen zu setzen, das ich mich zugehörig fühle. Zugehörig! Zu wem? Zum Feind?

Natürlich weiß ich, das ist nur Gerede vom ihm. Er will mich weghaben, bis der Sturm sich legt. Bis daheim wieder Ruhe einkehrt. Oder vielmehr, bis endgültig geklärt ist, was mit meinem Vater geschieht. Zu meinem eigenen Schutz also, weil ständig Leute von der antifaschistischen Untersuchungskommission wegen neuer Befragungen vor der Tür stehen. Ich soll ihm dankbar sein, doch es gelingt mir nicht. Er hat doch auch nur Angst. Angst davor, dass ich etwas Falsches sagen könnte.

Mein neuer Zimmergenosse kommt gerade herein …

1

Helena

Die Unfallstelle war abgesichert. Kreiselnde Blaulichter verwirbelten die Nacht. Inspetora Helena Gomes parkte hinter dem Streifenwagen, nahe an der Leitplanke. Es war kurz nach einundzwanzig Uhr. Sie hatte gerade Dienstschluss machen wollen, als der Anruf von Rui Dinis bei ihr einging. Dinis war Brigadekommandant bei der Polícia Municipal und sie waren lose befreundet, weshalb das Gespräch nicht über die Zentrale an sie weitergereicht worden war, sondern er sie direkt angerufen hatte. Daher war es für sie kaum möglich, es nicht entgegenzunehmen. »Wir haben hier einen Unfall. Sieht seltsam für mich aus, wie der Wagen den Abhang runter ist. Vielleicht ist aber auch gar nichts dran«, hatte er sie wissen lassen. Eine vage Andeutung, doch Helena kannte Rui als einen erfahrenen Hasen, der nicht unbegründet die Kripo einschalten würden. Also hatte sie eingewilligt vorbeizukommen, auch wenn die Fahrt hoch zum Parque da Pedra nicht gerade auf ihrem Heimweg lag. Abgesehen davon, dass die extreme Hitze, die Lissabon diesen August den Atem raubte, sie ohnehin davon abhalten würde, frühzeitig ins Bett zu gehen. So gesehen hatte sie auch noch ein bisschen durch die Nacht fahren können – mit offenem Fenster, hinauf auf die Anhöhe im Westen der Stadt. Eine Fahrt durch den bewaldeten Park, die ihr sogar ein wenig Abkühlung brachte.

Bevor sie ausstieg, schrieb sie eine WhatsApp: Wird später, warte nicht auf mich! Sie wartete nicht ab, ob die Nachricht zugestellt wurde, sondern steckte ihr Handy weg. Die Dienstvorschrift sah vor, dass sie auch ihrem neuen Teamleiter Sérgio Damasos Bescheid geben müsste, aber nach ihrem Ermessen handelte es sich bis zu diesem Zeitpunkt noch um keinen offiziellen Einsatz. Mittlerweile hatte sie gelernt, den Ermessensspielraum nicht mehr gar so eng zu nehmen. Zuerst wollte sie sich einen Überblick verschaffen und danach entscheiden, ob sie Damasos aus dem Bett klingeln würde.

Helena kannte die Stelle, die der Brigadeführer der Ortspolizei ihr beschrieben hatte, die Kehre unterhalb des Miradouro do Alto da Serafina, wo der bewaldete Hang steil hin zum Stadtteil Bairro da Liberdade abfiel. Sie passierte die zwei Polizeiwagen, die quer über der Straße standen, und folgte den Signalleuchten bis zur Unfallstelle. Dinis erwartete sie. Er war ein etwas schrulliger Mittfünfziger, dem sie immer mal wieder bei Einsätzen begegnete, und sie wusste, dass wegen seiner Eigenheiten nur wenige aus seinem Corps wirklich gut mit ihm auskamen. Vermutlich verstanden sie sich gerade deswegen, schließlich galt auch Helena als nicht besonders einfach im Umgang mit Kollegen.

Rui Dinis war stämmig und deutlich kleiner als Helena. Mittlerweile trug Rui eine ordentliche Plauze vor sich her, über die sein hellblaues Uniformhemd spannte. Unter seinen Armen hatten sich dunkle Schweißflecken gebildet. »Schön, dich mal wieder zu sehen, auch wenn die Umstände alles andere als schön sind. Wie geht’s deiner Tochter?«, begrüßte er sie. Wäre er in Zivil gewesen, hätte er sie vermutlich umarmt. Helena war es ganz recht, dass die Uniform und gewiss auch die anwesenden Polizisten und Rettungskräfte ihn davon abhielten.

»Sara fängt nächsten Monat mit der Schule an«, berichtete sie kurz. Dinis lupfte seine Mütze und wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Um seinen runden Kopf wuchs ein grauer Haarkranz. »Buh, wie die Zeit vergeht. Ihr solltet bald mal wieder auf einen Grillabend vorbeikommen. Inês würde sich freuen, deine Sara und dich wiederzusehen.« Bislang war Helena nur einmal nicht um eine Einladung zu den Dinis’ nach Hause herumgekommen. Und dieses eine Mal, als sie keine Ausrede fand und der Höflichkeit wegen schließlich zusagte, hatte sich Sara von der übertriebenen Herzlichkeit, die Ruis Ehefrau Inês ihr damals entgegenbrachte, eher bedrängt gefühlt. Zu viele Umarmungen und eindeutig zu viele feuchte Küsse. »Klar, machen wir«, sagte sie knapp und zeigte dann rüber zu dem mit Warnleuchten gekennzeichneten und abgesicherten Bereich auf der schmalen Bergstraße. »Dann lass mich mal sehen!«, verlangte sie.

Sie gingen zu der Stelle, ziemlich genau im Scheitelpunkt der Kehre, wo der Wagen die Leitplanke durchbrochen hatte. Danach hatte er sich etwa zwanzig Meter unterhalb der Straße im steilen Abhang zwischen knorrigen Pinienstämmen verkeilt. Die Feuerwehr hatte den Wagen mit einem Stahlseil vor dem weiteren Abrutschen gesichert.

»Wer ist der Fahrer?«

»Laut seinen Papieren, ein Dr. Eusébio Monteiro, siebzig Jahre alt.«

»Wo ist der Notarzt?«

»Schon wieder weg, war nichts mehr zu machen. Genickbruch, durch den heftigen Aufprall. Kommt davon, wenn man einen Oldtimer fährt, in dem noch keine Airbags verbaut sind.«

Helena sah genauer hin, konnte aber wegen der zerbeulten und halb um den Baumstamm gewundenen Karosseriesilhouette den Fahrzeugtyp nicht bestimmen.

»Jaguar, E-Type V12, Baujahr 1970, schätze ich. Schade um diesen Wagen.«

Helena sah ihn skeptisch an, doch Dinis bemerkte ihre Reaktion nicht und redete einfach weiter. »Nachdem nur noch der Tod des Insassen festgestellt werden konnte, bestand kein Bedarf mehr, ihn unverzüglich aus dem Wrack herauszuholen. Also habe ich angeordnet, dass er im Wagen bleibt, bis die Kripo sich ein Bild davon gemacht hat.« Dinis drehte sich um und schaute die Straße hoch, die sich um den Berg schlang und außerhalb der Flutlichtscheinwerfer des Rettungsteams in der Dunkelheit verschwand. »Die Leitplanken sind hier oben ziemlich marode. Stellenweise durchgerostet wegen der salzigen Luft. Dennoch muss er einen ordentlichen Zacken draufgehabt haben. Und was die Bremsspur angeht, die ist verdächtig kurz. Also entweder er war eingeschlafen und hat erst im letzten Moment die Kehre vor ihm bemerkt …«

»Oder?«, hakte Helena nach.

»Womöglich ist er absichtlich auf den Abhang zugefahren und hat es sich in letzter Sekunde dann doch anders überlegt. Aber da war es schon zu spät.«

Die Suizidtheorie behagte Helena nicht. Es war viel zu früh, um sich auf irgendetwas festzulegen. Immerhin konnten sie zum jetzigen Zeitpunkt auch ein technisches Versagen des betagten Wagens nicht ausschließen.

»Beides kein Grund, mich zu anzurufen«, wandte Helena ein. Dinis hob seine Mütze und kratze sich am ergrauten Haaransatz. »Na ja, vielleicht wurde er auch bedrängt.«

Helen wurde hellhörig. »Was meinst du damit?«

»Kann sein, dass ein zweites Fahrzeug beteiligt war. Vielleicht ein Rennen …«

»Ein Siebzigjähriger, der sich nachts ein Autorennen liefert? Sehr gewagt, Rui.«

Dinis druckste etwas herum. »Es gibt eine Zeugin, die möglicherweise einen zweiten Wagen gesehen haben will.«

»Möglicherweise?«

»Hat sie zumindest behauptet.«

Helena sah sich um, konnte aber im flutlichtbeleuchteten Bereich unter den uniformierten Einsatzkräften keine Zivilistin entdecken. »Wer?«

»Eine Obdachlose, die ein Stück weiter unten auf der Straße unterwegs war und dabei beinahe von einem Wagen erfasst worden wäre, der schnell den Berg runterkam, kurz nachdem sie hier oben den Lärm gehört hat. Allerdings kam sie den Kollegen, die als Erstes vor Ort waren, recht betrunken vor.«

»Wo ist sie?«

Dinis starrte auf seine Hände, als wollte er überprüfen, ob er noch alle Finger hatte. »Abgehauen«, raunte er.

»Ehrlich jetzt?«

»Tut mir leid. Sie hat sich wahrscheinlich irgendwo im Park verkrümelt, um sich einen Schlafplatz zu suchen.«

»Wissen wir wenigstens, wer sie ist?«

»Nur, dass sie Marta heißt. Sie hat keine Papiere …«

»Lass sie suchen!«

»Gleich?«

Helena nickte unmissverständlich.

»Dann muss ich noch mehr Leute anfordern. Kann ich das damit begründen, dass die Kripo jetzt offiziell ermittelt?«

Dinis wusste sehr wohl, dass das nicht allein ihre Entscheidung war. »Ist noch nicht beschlossen. Aber du findest diese Marta trotzdem für mich!«

Nach kurzem Zögern griff Dinis nach seinem Funkgerät und gab entsprechende Anweisungen weiter. Indessen sah Helena sich die Unfallstelle genauer an. Schneller als erwartet stand der Einsatzleiter wieder neben ihr. »Wir sehen uns um«, murrte er.

»Welche Art Doktor war dieser Monteiro?«

Dinis zuckte mit den Schultern.

»Wer hat den Unfall gemeldet?«

»Der Anruf kam von einem Anwohner unterhalb des Bergs.« Der Polizist zeigte runter zu dem Pinienwald, der sich in der Dunkelheit verlor.

»Er saß draußen auf der Terrasse und hat den Lärm gehört. Du kannst gerne mit ihm reden, aber er wird dir vermutlich nichts anderes erzählen als meinen Leuten.«

»Was denkst du, was wollte der Doktor um diese Zeit hier oben? Wo ist er hergekommen?«

»Vielleicht vom Sportclub?«, mutmaßte Dinis.

Helena nickte. »Sind da nicht die Bogenschützen?«

»Stimmt. Geht eher elitär zu bei denen, kann sich unsereins nicht leisten. Sollen wir das überprüfen?«

Helena nickte. »Ja, fragt auf jeden Fall nach. Und checkt die Verkehrsüberwachung!«

»Bereits in die Wege geleitet.«

»Gut! Dann gehe ich jetzt da runter«, ließ Helena ihn wissen.

»Willst du nicht besser warten, bis sie ihn hochgezogen haben?«

»Nein«, machte Helena klar, schon allein der Befürchtung wegen, dass die Bergung noch mehrere Stunden dauern würde. Und so angenehm kühl wie erhofft war es leider auch nicht. Es gab also keinen Grund, sich länger als nötig die Nacht um die Ohren zu schlagen.

»Wie du meinst, aber pass auf!«, warnte sie der Polizist und reichte ihr ein Paar Handschuhe, damit sie sich am Stahlseil, an dem der Wagen hing, nicht die Hände aufriss. Tatsächlich war der Abstieg auf dem ausgetrockneten, sandigen Untergrund ziemlich heikel. Helena hangelte sich am Sicherungsseil entlang und an Gestrüpp vorbei bis zu der Baumgruppe. Beim Wrack angekommen, roch es stark nach Benzin. Einer der Feuerwehrleute nahm sie in Empfang. »Besteht Brandgefahr?«, wollte sie wissen.

»Haben wir schon unterbunden, keine Angst«, bekam sie zur Antwort.

Helena schob sich vor bis zur Fahrertür, die bereits aufgehebelt worden war, und holte ihre Taschenlampe aus dem Etui am Gürtel. Was der harte Lichtstrahl ihr offenbarte, ließ sie zusammenzucken. Sie sog scharf die warme, von Pinienduft und Benzindunst durchsetzte Luft ein. Das antiquierte Edelholzlenkrad des Sportwagens hatte das Gesicht des Mannes gnadenlos zertrümmert. Sie entsann sich, dass auch ihr dreißig Jahre alter Peugeot 205 keinen Airbag hatte. Vermutlich würde sie bei einem frontalen Aufprall ebenfalls tödlich enden.

Der Tote trug einen leichten Sommeranzug und einen farblich passenden Seidenschal um den Hals. Darunter ein weißes Hemd. Alles war mit Blut getränkt. Offensichtlich hatte sein Herz nach der Kollision mit dem Baumstamm noch eine Weile geschlagen und reichlich Blut aus den Wunden an seinem Schädel gepumpt. Die Arme des Doktors hingen schlaff nach unten in den verbliebenen Spalt zwischen Armaturenbrett und Fahrersitz. Er trug eine goldene Uhr am Handgelenk, eine Rolex, wie sie im Taschenlampenstrahl erkennen konnte. Der Jaguar, der teure Anzug, der edle Chronograph. Hier war ein reicher Mensch in den Tod gefahren. Helena dachte an den vermeintlichen zweiten Wagen, der schnell den Berg hinuntergerast sein soll, unterband dann jedoch vorerst weitere Spekulationen. Noch war es zu früh für irgendwelche Theorien. Sie leuchtete den restlichen Innenraum aus, ohne noch etwas Auffälliges zu bemerken, und entschied, dass sie vorerst genug gesehen hatte. Der Anblick der Leiche würde ihr das Einschlafen später nur schwerer machen. Sie arbeitete sich wieder hangaufwärts, zurück zum Fahrzeugheck. Der bläuliche LED-Strahl ihrer Stablampe spiegelte sich in der verchromten Stoßstange, die in makellosem Zustand war. Bis auf eine verschrammte Stelle rechts unter dem Rücklicht. War hier jemand unabsichtlich oder gar bewusst aufgefahren, um den Wagen von der Straße zu drängen?

Auszug aus den persönlichen Aufzeichnungen der Person, die sich Albuquerque nannte.

1. Oktober 1974 – Nachtrag

Vermutlich war es weise, den Füller sofort wegzulegen, als die Tür aufging. Mein Onkel hatte selbstredend auch dahingehend seine Befürchtungen geäußert, dass man einen Sozialisten zu mir auf die Stube steckt. Jedenfalls kenne ich ihn nicht, er war bislang nicht an dieser Lehranstalt, was er sogleich auch offen eingesteht. Überhaupt gibt er sich redselig, allerdings ohne wirklich etwas von tieferem Sinn zu sagen. Er behauptet, zuvor an der Katholischen Universität studiert zu haben. Ein Sozialist bei den Katholiken, wie sollte das bis vor diesem Jahr funktioniert haben? Ursprünglich komme er aus dem Süden, behauptet er. Dabei möchte ich wetten, er stammt aus dem Norden, so wie er spricht. Wie auch immer, ich bin mir sicher, dass er lügt. Und auf die Frage warum, gibt es nur zwei mögliche Antworten. Entweder er ist ein Spitzel oder aber ihm wurde – ebenso wie mir – zu Hause untersagt, vor Wildfremden die wahre Herkunft auszuplaudern.

Bei Gott, hoffentlich wird das, was ich hier schreibe, niemals jemand lesen. Aber irgendetwas muss ich tun, um meine Gedanken zu besänftigen, denn behalte ich sie in meinem Kopf, werde ich früher oder später verrückt.

Ich könnte Vetter Raoul fragen, der daran festhält, weiterhin Kontakte bei der PIDE zu haben, auch wenn es die Geheimpolizei offiziell nicht mehr gibt. Doch es heißt, dass diejenigen in den Reihen des einstigen Staatsschutzes, die den politischen Umbruch überstanden haben, sich im Verborgenen bereithalten. Genau wie wir. Auch wir sollen stets bereit sein. Und währenddessen lauern. Unsere Kräfte bündeln und lauern. Anweisung meines Onkels. Ihn haben sie bislang nur nicht belangt, weil er als Chirurg zu wichtig ist, um ihn in den Kerker zu stecken. Das sagt er von sich selbst und es mag stimmen. Ich halte mich damit zurück, ihm nachzusagen, er sei ein Überläufer. Nur weiß ich, dass andere genau das denken. Wobei, nein. Ich glaube es nicht. Jedenfalls lassen die Sozialisten ihn seine Arbeit tun. Wenn sie es sich doch noch anders überlegen sollten, haben sie auch mich am Wickel. Der Gedanke schnürt meine Eingeweide zusammen. Zu allem Übel teile ich jetzt auch noch meine Bude mit einem von ihnen. Ich muss vorsichtig sein. Ab jetzt mehr denn je.

2

Zwei Wochen späterHenrik

Da die Rua do Almada morgens noch im Schatten lag, saß er in letzter Zeit gerne vor dem Antiquariat, direkt neben der offen stehenden Ladentür, auf einem wurmstichigen Holzstuhl, der unter seinem Gewicht knarzte, wenn er sich bewegte. Der Wind, der vom Fluss die Gasse heraufwehte, war erfrischend und gleichzeitig schon wieder viel zu warm. Doch er wusste, es war das erträglichste Lüftchen, das dieser Tag für ihn parat hielt. Auch wenn es nach Fisch roch, nach dem fauligen Obst und Gemüse, das von gestern noch in den Müllcontainern hinter der Markthalle verrottete, nach den Autoabgasen der morgendlichen Rushhour und nach dem Schweröl der Schiffe im Sund und an den zahlreichen Anlegestellen. Es war der Atem einer Stadt, die sich schon eine Weile nicht mehr die Zähne geputzt hat und den man auszuhalten hatte, wenn man hier lebte. Natürlich warteten alle auf die erlösende Reinigung. Auf ein heftiges Gewitter, oder besser noch auf lang anhaltende Niederschläge, welche den eingetrockneten Gestank dieses Hitzesommers endlich aus den Straßen wuschen. Regen, der Lissabon von Staub und Dreck befreite, die Farben auffrischte und wieder glänzen ließ. Henrik Falkner blickte hoch in den tiefblauen Himmel zwischen den Dachkanten. Er wusste, dass er heute vergebens auf den ersehnten Regenguss wartete und seufzte. Als er seinen Blick wieder senkte, stand ein Mann vor ihm.

»Sind Sie der Antiquar?«

Henrik musterte den frühen Kunden, der trotz der heute zu erwartenden Temperaturen jenseits der dreißig Grad einen Anzug trug. Sandfarben mit einem Stich ins Rötliche. Gedeckte Aprikose, dachte Henrik. Der Farbton passte zum von der Sonne ausgeblichenen Stadtbild. Dazu ein weißes Hemd, darüber die zum Anzug passende Weste und eine Fliege um den steifen Kragen. Die harten Absätze der blank polierten Budapester hätte er auf dem Kopfsteinpflaster hören müssen, als der Mann die Gasse heruntergekommen war. Doch vermutlich war er selbst nach der kalten Dusche noch nicht ganz wach. Oder mal wieder zu abgelenkt, was in den vergangenen Monaten nicht selten vorgekommen war.

»Bin ich«, bestätigte er dem Mann im Anzug, den er auf Mitte bis Ende sechzig schätzte. Er war keinesfalls Tourist. Die elegante Kleidung entsprach dem Stil, den gut situierte Portugiesen wie selbstverständlich pflegten. Er verortete ihn in Lissabon. Avenidas Novas oder Belém? Vielleicht aber auch Innenstadt. Santo António, ja, auch dort passte er gut hin. Henrik hatte den Mann jedenfalls noch nie zuvor im Antiquariat gesehen und ganz sicher wohnte er auch nicht in seinem Viertel. War der Anzugträger demnach extra zu ihm in die Rua do Almada gekommen? Fing dieser weitere, heiße Sommertag damit an, dass er womöglich ein paar Raritäten aus seinem verstaubten Warenbestand an einen interessierten Sammler loswerden konnte? Henrik erhob sich von seinem Stuhl und achtete darauf, nicht zu euphorisch zu wirken. »Treten Sie ein, sehen Sie sich in aller Ruhe um«, forderte er den Senhor auf. »Oder suchen Sie nach etwas Bestimmtem?«

Der Mann rückte seine Goldrandbrille auf seiner aristokratisch gebogenen Nase zurecht. Die lange Oberlippe darunter zierte ein akkurat gestutzter Schnauzer. »In der Tat suche ich nach Ihnen«, klärte er Henrik auf. »Oder vielmehr, nach Ihrem Dienst als Experte.«

Das Kribbeln unter dem Zwerchfell gewann augenblicklich an Intensität. Mittlerweile war in seinem Stadtteil hinlänglich bekannt, dass er nicht nur alte Bücher verscherbelte, sondern auch als Privatermittler tätig war. Und wenn Leute explizit nach seiner Person fragten, lief es meistens auf einen Auftrag in diese Richtung hinaus. »Einen Experten, also«, wiederholte Henrik.

Der Mann sah hinauf zu dem schwarzen Blechschild über der Tür, auf dem silberfarben in geschwungenen Lettern Antiquário e Antiguidade zu lesen war, als wollte er sich vergewissern, am richtigen Ort zu sein. »Sie verstehen doch was von antiquarischen Büchern. Wurde mir zumindest gesagt.«

Henrik nickte nun doch ein wenig zu eifrig. Gleichwohl hatte er zunächst erwartet, dass es darum ging, jemanden auszukundschaften oder gar ein Verbrechen aufzudecken. »Bitte!«, sagte er noch einmal und ließ dem Portugiesen den Vortritt.

Die meisten Menschen, die das Antiquariat in der Rua do Almada zum ersten Mal betraten, gerieten ins Stocken, überwältigt von den Eindrücken, die da auf sie einprasselten. Zuerst natürlich die Gerüche, die schneller als alles andere im Gehirn ankamen. Auf jeden Fall schneller als die optischen Eindrücke, die wegen der schlechten Beleuchtung einer gewissen Verzögerung unterlagen. Tausende alter Bücher atmeten einem entgegen und dabei war es unverständlicherweise egal, ob feuchtkalter Winter oder trockenheißer Sommer, die Ausdünstungen blieben dieselben. Die modrige Feuchte hockte geduldig zwischen den eng stehenden, überbordenden Regalen und unter der niedrigen Kassettendecke. Der bröckelnde Leim, der pilzbedingte Papierfraß, das, was über Jahrzehnte und gar Jahrhunderte in die Leder- und Leineneinbände gesickert war, brandete einem in einer olfaktorischen Welle entgegen. Der Mann, der vielleicht im Viertel Santo António wohnte, kam gut mit diesen Eindrücken zurecht. Ließen sie ihn zögern, bemerkte Henrik es nicht. Er verfügte über die Art Disziplin, die jungen Menschen heutzutage abhandengekommen war. Henrik mutmaßte, dass er eine militärische Karriere durchlebt haben könnte, deren Fundament auf Beherrschtheit und Gehorsam fußte. Angezogen von ein paar Buchrücken in einem der Regale, schweifte er ein wenig von der direkten Route hin zum Verkaufstresen ab. Doch schließlich schloss er zu Henrik auf, der sich zwischenzeitlich hinter der Kasse postiert hatte.

»Ich bin Dr. Tavares«, stellte der Mann sich vor. »Ich würde Sie gerne engagieren, um bei einer Bücherauktion ein paar ausgewählte Exponate für mich zu erwerben.«

»Aus dem Nachlass einer Haushaltsauflösung?«, hakte Henrik nach.

Dr. Tavares schüttelte den Kopf, wobei sich eine einzelne Strähne aus seinem silberfarbenen, nach hinten gekämmten Haar löste, die er sich sogleich wieder aus seiner faltigen Stirn strich. Mit einer zackigen Bewegung, als würde er salutieren, was Henriks Theorie einer Laufbahn bei der Armee stützte, wobei der Doktor wirkte, als habe er eher Befehle erteilt als empfangen.

»Nachlass. Ja, in der Tat. Meist ist es wohl der Tod, der einer derartigen Absicht vorausgeht. Wie auch immer, eine bedeutende Sammlung wird aufgelöst und die Auktion hierzu findet morgen Abend statt. Ich habe hier Adresse und Uhrzeit für Sie, zudem den Titel der Buchreihe, die Sie bitte für mich ersteigern!« Der Doktor legte ein Blatt veredeltes Briefpapier auf den Tresen. Die Handschrift darauf war klar und präzise, so wie alles an dem neuen Kunden, der sich anhörte, als hätte Henrik dem Auftrag bereits zugestimmt.

»Gemessen an der mir vorliegenden Expertise, ist die Qualität der Bücher, bei denen es sich um eine neun Bände umfassende Enzyklopädie handelt, einwandfrei. Ihr Budgetrahmen ist daher unbegrenzt. Wenn Sie erfolgreich sind, erhalten sie von mir zwanzig Prozent des Preises, für den Sie die Bücher ersteigern werden, als Honorar für Ihre Dienste. Kommen wir damit ins Geschäft?«

»Zwanzig Prozent«, wiederholte Henrik. »Wie hoch schätzen sie denn die Auktionssumme ein?«, fragte er vorsichtig nach.

»Nun, wir reden hier von einer extrem seltenen Erstausgabe, die nirgendwo mehr zu bekommen ist. Gehen Sie davon aus, dass Sie fünfundzwanzigtausend bieten müssen.«

Henrik konnte den Pfiff durch die Zähne nicht verhindern und hoffte gleichzeitig, dass der Mann nicht noch in Escudo, der einstigen portugiesischen Währung, rechnete. Jedenfalls konnte er zu einer Provision von fünftausend Euro unmöglich Nein sagen, auch wenn ihm der Job an sich nicht behagte. Wegen seiner angeschlagenen Psyche vermied er nach wie vor größere Menschenansammlungen. »Entschuldigen Sie, wenn ich frage, aber weshalb nehmen Sie nicht persönlich an der Versteigerung teil?«

Dr. Tavares sah ihn nur eindringlich an, so lange, bis Henrik den Blick senkte. »Gut, von meiner Seite ist damit alles geklärt«, entgegnete er. Der Doktor schob die Manschette seines Hemds zurück und schielte auf seinen sündhaft teuer aussehenden Chronografen am Handgelenk, eine Omega Seamaster, soweit Henrik das beurteilen konnte. »Wunderbar«, kommentierte Tavares. »Sie können nicht viel falsch machen, die Reihe wird nur am Stück verkauft werden, das ist im Auktionskatalog so vorgesehen. Um zu bezahlen, folgen Sie den Anweisungen hier! Mehr brauchen Sie nicht zu wissen!« Er tippte auf den letzten Absatz seines Zettels. Dann zog er ein schwarzes, schmales Kärtchen aus der Innentasche seines Jacketts und legte es neben das Blatt mit seinen Anweisungen. Es war etwas größer als eine Kreditkarte und alles, was sich darauf befand, war ein in Goldfarbe aufgedruckter Strichcode. »Das brauchen Sie, um eingelassen zu werden«, erklärte der Doktor, warf ihm einen prüfenden Blick zu und zeigte mit seinem arthritisch leicht verkrümmten Zeigefinger erneut auf seine mit schwarzer Tinte verfasste Anleitung. »Hier ist eine Telefonnummer, unter der Sie mich erreichen. Halten Sie sich an meine Instruktionen und lassen Sie die Bücher zuerst zu Ihnen ins Antiquariat liefern. Ich komme tags darauf, sagen wir um elf Uhr, um sie an mich zu nehmen und das Geschäft abzuschließen.«

3

Helena

Ihr letzter Streit lag jetzt vierzehn Tage zurück. Sie musste ausgerechnet jetzt daran denken, weil sie wieder mal den knappen Untersuchungsbericht von Eusébio Monteiros Autounfall vom Server geladen hatte. Es war schon weit nach Mitternacht gewesen, als sie nach ihrem späten Ausflug hinauf zum Parque da Pedra heimgekommen war. Henrik hatte noch wach gelegen. Vielleicht hatte sie ihn aber auch geweckt, obwohl sie darum bemüht gewesen war, leise zu sein. Sein Schlaf war wegen seiner PTBS, der posttraumatischen Belastungsstörung, die ihm die Ärzte diagnostiziert hatten, jedoch nach wie vor nicht der beste, und dazu kam nun auch noch die vorherrschende Sommerhitze, die auch nachts keine Abkühlung mehr fand. Kaum war sie durch die Tür, hatte er ihr unterstellt, sich mit Tiago getroffen zu haben. Bis heute wusste sie nicht, wieso er ihr ausgerechnet in dieser Nacht so einen Verdacht an den Kopf geworfen hatte. Nach der darauffolgenden Auseinandersetzung hatte sie bei ihrer Tochter Sara geschlafen, wobei von Schlaf keine Rede mehr sein konnte. Seitdem herrschte eine angespannte Stimmung in der Rua do Almada Número 38. In den letzten zwei Wochen hatte sich nicht viel bewegt, weder im Fall Monteiro, noch was ihre Beziehung mit Henrik betraf.

Der Autounfall hatte keine Priorität bekommen. Die Faktenlage hinsichtlich einer vermeintlichen Fremdeinwirkung basierte zu sehr auf Mutmaßungen, weshalb ihr Comandante Ralha Ressourcenverschwendung vorwarf, nachdem sie eine aus ihrer Sicht angemessene Untersuchung angestoßen hatte. Besonders ausgiebig hatte Ralha sich über ihre Anmaßung ausgelassen, die Polícia Municipal mit der Suche nach der obdachlosen Zeugin zu beauftragen.

Dass die Akte nicht sofort geschlossen worden war, verdankte sie Damasos’ Fürsprache. Auch wenn sie sich nicht sonderlich mochten, vertraute er dennoch ihren Instinkten. Und weil Helena hinter dem tragischen Tod des Doktors mehr als nur einen Verkehrsunfall vermutete, hatte er beim Comandante bewirkt, dass sie die Untersuchung weiterführen durfte, sofern sie zwischen ihren anderen Ermittlungen Zeit dafür erübrigen konnte. Man hatte ihr zwei Wochen dafür zugestanden, die heute zu Ende waren.

Einerseits war sie Damasos dankbar, andererseits hasste sie es, dass ihr Wort allein bei Ralha nicht zählte. Das war natürlich nichts Neues bei der Divisão de Investigação Criminal. Dennoch belastete sie dieser Zustand zunehmend mehr, was dazu führte, dass sie ihre Funktion bei der Kriminalpolizei immer häufiger infrage stellte.

Hinzukam, dass Sergio Damasos innerhalb der kurzen Zeit, die er nun in ihrer Abteilung tätig war, zum Liebling der Kolleginnen und Kollegen avanciert war. Nur die Gomes hat mal wieder ein Problem mit dem Neuen. Aber die konnte sich ja noch nie eingliedern, ist und bleibt das schwarze Schaf im Polizeikorps. Es war nicht so, dass sie Damasos seine Kompetenz als Kriminalist absprach. Ganz im Gegenteil, sie hatte schnell verstanden, wie gut er in seinem Job war. Nur konnte sie den Mann, der hinter dem brillanten Ermittler steckte, einfach nicht leiden. Und vor allem konnte sie ihn nicht riechen. Was auch immer der Sunnyboy, der alle anderen verzückte, an sich hatte, sein Körpergeruch verursachte bei Helena Aversionen, die sich nur mit Mühe beherrschen ließen.

Helena zwang sich dazu, wieder auf den Bildschirm zu schauen. Hatte sie die Akte Monteiro heute zum letzten Mal aufgerufen?

Das Ergebnis der Obduktion ergab, was schon am Unfallort sichtbar gewesen war. Der Mann war an einem Genickbruch gestorben, verursacht durch den heftigen Aufprall gegen den Baum, nachdem er von der Straße abgekommen war. Abgekommen oder abgedrängt? Das war die entscheidende Frage, für die sie auch nach zwei Wochen keine hinreichende Antwort hatte finden können. Es war nicht Tiago, der Chefpathologe der Gerichtsmedizin und ein guter Bekannter von ihr, der den Sektionsbericht unterzeichnet hatte, sondern ein ihr nicht bekannter Dr. da Silva. Tiago hatte den neuen Kollegen bislang nicht erwähnt, was ihr aber nur beiläufig in den Sinn kam. Sie lenkte ihre Gedanken zurück zu Dr. Monteiro. Die Spurenlage war nicht eindeutig genug, was die Beteiligung eines zweiten Fahrzeugs anging. Und die Zeugin, jene Obdachlose mit dem Namen Marta, war nicht mehr aufzufinden gewesen. Ihrer Aussage, die sie gleich nach dem Eintreffen der ersten Streife gemacht hatte, war zudem völlig lückenhaft. Keine Angaben zu dem Auto, keine Beschreibung, was genau vorgefallen war, unmittelbar nachdem Monteiro durch die Leitplanke brach. Alles, was sie den Einsatzkräften zu verstehen gegeben hatte, war, dass ein Wagen den Berg heruntergerast kam und sie dabei beinahe überfahren hätte. Ihr Ärger über den Verkehrsrowdy war der einzige Grund, wieso sie überhaupt hinauf zur Unfallstelle gegangen und dort auf die Polizei gewartet hatte. Nur um ihrem Ärger darüber Luft zu machen, dass sie genauso gut tot im Gestrüpp liegen könnte, das eine Kehre weiter abwärts den Berg hinaufwuchs.

Danach hatte Marta sich durch ihr plötzliches Verschwinden einer weiteren Befragung entzogen. Rui Dinis hatte Helena zwar versprochen, dass seine Leute die Augen offen hielten, aber ohne den nötigen Druck von oben war dies nicht mehr als eine Fleißaufgabe für die Ortspolizei. Erschwerend kam hinzu, dass der Streifenbeamte, dem sie ihr Leid klagte, in seinem Bericht vermerkt hatte, dass die Frau stark angetrunken auf ihn gewirkt habe.

Helena scrollte weiter zu der dürftigen Aussage des Mannes, der den Unfall gemeldet hatte. Der hatte aufgrund der Geräusche, die von der schmalen Bergstraße her zu hören gewesen waren, die richtigen Schlüsse gezogen. Allerdings war wegen des dichten Pinienbewuchses die scharfe Kurve von seiner Terrasse aus nicht einsehbar. Und ob er ein weiteres Fahrzeug gehört hatte, dazu wollte er sich nicht festlegen.

Neben der fraglichen Beobachtung von Marta fehlte ihnen somit jeglicher Hinweis auf einen zweiten Verkehrsteilnehmer und möglichen Unfallverursacher. Natürlich war da die Beschädigung der hinteren Stoßstange des Jaguars, an der allerdings keine fremden Lackreste gefunden wurden. Zudem konnten diese Kratzer auch schon ein paar Tage alt sein, wie der Sachverständige in seinem Bericht angemerkt hatte.

Helena rief die Seiten über die Sektion der Leiche auf. Auch diese war sie schon mehrfach durchgegangen. Monteiro war vollkommen nüchtern gewesen, als er starb. Weiter unten hing dazu auch die Aussage der Tochter an, die ihren Vater als hervorragenden Autofahrer beschrieb, der seinen hochmotorisierten Oldtimer zu beherrschen verstand. Außerdem hätte er nie riskiert, den wertvollen Jaguar durch unbedachtes Rasen zu beschädigen, wie sie bei dem Gespräch mit Helena beteuert hatte. Der Bolide war das Heiligtum des Doktors, er hätte ihn nie einfach so in den Abgrund gefahren.

Alles in allem zu wenige handfeste Indizien für Ralha, um sie weiter ermitteln zu lassen. Da half ihr auch nicht, was sie sonst noch über den Verunglückten zusammengetragen hatte. Dr. Eusébio Monteiro hatte seinen Doktortitel in Politikwissenschaften gemacht und war bis zu seinem Ruhestand eine Koryphäe im Beratungssektor für Banken und große Wirtschaftsunternehmen. Da er jedoch schon nahezu zehn Jahre pensioniert war, hatte sie nicht viel Sinn darin gesehen, sich bei seiner ehemaligen Arbeitsstelle umzuhören. Das hätte in den Augen des Comandante ohnehin nur wieder für zu viel unnötiges Aufsehen gesorgt.

Damit blieb nach dem aktuellen Ermittlungsstand nur eine Sache, der sie noch gerne nachgegangen wäre. Helena wusste, dass Monteiro in der Nacht seines Todes tatsächlich aus dem Sportclub Atlético e Academia gekommen war, wo er trotz seiner siebzig Lebensjahre immer noch als Bogenschütze aktiv war. Bereits am Tag nach dem Unfall hatte sie dort mit ein paar Vereinsmitgliedern gesprochen. Deren Aussagen deckten sich allesamt. Monteiro hatte am besagten Abend in gewohnt ruhiger und konzentrierter Weise seine Pfeile ins Ziel gebracht. Jeder, mit dem sie sich unterhalten hatte, bestand darauf, dass Monteiro kein redseliger Mensch gewesen war. Eine Attitüde, die ihn für seine Leidenschaft im Bogenschießen prädestinierte. Hier waren Stille und Versunkenheit gefragt, solange man auf die Scheiben schoss. Natürlich saßen einige der Clubmitglieder hinterher gerne zusammen, doch Monteiro gesellte sich nur sehr selten zu diesen Runden. Auf die Frage, ob es jemanden im Verein gab, mit dem der Doktor im Zwist lag, waren sich die Befragten ebenfalls einig. Wenn, dann kam da nur einer infrage. Wie sich herausstellte, verfügte auch dieser elitäre Verein über seinen Querulanten. Einen gewissen Carlos Ribeiro, der zum Leidwesen der Vereinsmitglieder den Vorstand des Sportclub Atlético e Academia leitete, weshalb er sich stets im Recht sah. Und ebendieser Ribeiro hatte auch tatsächlich an jenem schicksalhaften Abend eine Auseinandersetzung mit dem Doktor gehabt. Leider konnte ihr keiner der Befragten sagen, worum es bei dem Disput ging. Was allerdings auch nicht relevant zu sein schien, denn der streitlustige Bogenschütze legte sich offenbar selbst wegen den nichtigsten Dingen gerne mit allen anderen an. Womöglich, so die allgemeine Ansicht, hatte Dr. Monteiro einfach nur das Pech, mal wieder wegen einer Lappalie mit dem Dauernörgler aneinandergeraten zu sein.

Es mochte ein Zufall sein, dass Carlos Ribeiro am Tag nach Monteiros Tod in sein Ferienhaus an die Algarve gefahren war. Allerdings war es ihr bis heute auch noch nicht gelungen, ihn dort zu erreichen. Alle Anfragen, egal ob per Telefon oder per E-Mail, blieben bislang unbeantwortet.

»Immer noch im Dienst?«

Helena fühlte sich ertappt. Sérgio Damasos war neben ihr aufgetaucht. Seine Oberschenkel berührten fast die Kante ihres Schreibtisches. Sie begann flach zu atmen. Wie immer trug er einen Maßanzug, diesmal einen salbeifarbenen. Er verzichtete trotz der Hitze auch niemals auf die farblich darauf abgestimmte Krawatte. Der Anzug verhüllte eine schlanke Statur, die ihr aber nicht sonderlich athletisch vorkam. Doch hier konnte sie sich auch täuschen. Sie wusste es nicht mit Gewissheit, glaubte aber, dass er Vegetarier war. Sein dunkles Haar hatte er auf die seit Längerem aus der Mode geratene Art nach hinten geschleckt. Sein Gesicht war schmal, die tiefbraunen, stets wachen Augen lagen nahe an der Nasenwurzel. Seine Haut war bleich, selbst die intensive Sommersonne schaffte es nicht, ihr eine dunklere Farbe zu verleihen, was Helena schon beinahe etwas gruslig fand. Damasos schielte auf ihren Bildschirm. »Hat sich noch was ergeben?«, fragte er, obwohl er mit Sicherheit wusste, dass sie in den vergangenen Tagen keinen Schritt weitergekommen war. »Könnte ich zwei, drei Leute aus der Abteilung mit ins Boot nehmen, wäre ich schon weiter«, entgegnete sie. »Der Mann war immerhin ein hochrangiger Akademiker und ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Eigentlich beste Voraussetzungen dafür, dass Ralha eine lückenlose Aufklärung verlangt«, fügte sie trotzig an. »Aber hier akzeptiert er anstandslos einen Autounfall.«

»Weil das der Faktenlage entspricht«, konterte Damasos. »Sie sollten sich nicht beschweren, immerhin hat er Sie bis jetzt daran arbeiten lassen.«

Das Vibrieren ihres Handys unterbrach ihre Unterhaltung. Henriks Nummer leuchtete auf dem Display. »Entschuldigen Sie, da muss ich rangehen«, erklärte sie Damasos und drehte ihm den Rücken zu. Sie wartete, bis er sich nach kurzem Zögern entfernte, bevor sie das Gespräch entgegennahm. »Alles in Ordnung?«, wollte sie wissen und ärgerte sich sogleich über ihre Frage. War es nicht diese Art der Bemutterung, die er ihr in letzter Zeit nur zu gerne vorhielt? Helena musste sich beruhigen und atmete tief ein. Jetzt, da ihr Kollege nicht mehr neben ihr stand, ging das ja wieder. Henrik schien ihren bevormundenden Tonfall diesmal allerdings nicht bemerkt zu haben.

»Ich wollte dich nur rechtzeitig informieren, dass ich morgen Abend sehr wahrscheinlich nicht auf Sara aufpassen kann. Also, falls du vorhast, wieder ewig im Büro zu bleiben, brauchen wir einen Babysitter.«

Ihre Unterhaltung blieb also doch nicht ganz ohne Stichelei. »Neuer Auftrag?«

»Keine Ermittlung. Was wegen Büchern.«

»Bücher?«

»Eine Nachlassversteigerung. Ich wurde angeheuert, für einen Kunden auf ein paar seltene Ausgaben mitzubieten.«

»Von wem?«, fragte Helena.

»Keine Ahnung, ich kannte ihn bisher nicht. Ein Dr. Tavares.«

»Ich meinte, wessen Nachlass unter den Hammer kommt.«

Henrik schwieg für einen Moment. »Mal sehen, ich hab hier eine Adresse im Lapa-Viertel. Rua Sacramento.«

Augenblicklich fühlte sie eine Kälte, die ihr die Wirbelsäule hinaufkroch und die nicht von dem runtergekühlten Luftstrom aus der Klimaanlage stammte. »Welche Hausnummer?«

»Siebzehn.«

»Monteiro«, entfuhr es ihr.

»Volltreffer! Woher weißt du das?« 

4

Henrik

Es gab eine Busverbindung ohne Umstieg. Er benötigte zwanzig Minuten. Nummer 17 in der Rua Sacramento da Lapa lag schräg gegenüber einer Außenstelle der US-Botschaft, was die Sache ein Stück kniffeliger machte. Gegenüber residierte zudem der dänische Botschafter, doch der machte ihm keine Sorgen. Außerdem bot das Anwesen einen Blick auf das Casa do Visconde de Sacavém, eine – wegen der ungewöhnlichen Keramikdekoration und der Besonderheit der verwendeten Fliesen – historische Sehenswürdigkeit der Stadt.

Die Monteiro-Villa passte hervorragend in die Reihe der ansprechenden Architektur in dieser Straße. In die Renovierung und Restaurierung der Gebäude in der Rua Sacramento war in den letzten Jahren eine Menge Geld geflossen, sicher auch wegen der internationalen Anwohner. Solche aufwändig wiederhergestellten Straßenzüge begegneten einem immer häufiger, was gut war für das Stadtbild. Doch es gab auch eine Kehrseite, denn in den meisten Fällen waren es ausländische Inverstoren, die dahintersteckten, und wenn nicht schon der Umbau dafür sorgte, waren es letztlich die dadurch immens in die Höhe gestiegenen Mietkosten, die im Nachgang die bisherigen Bewohner vertrieben. Nun, bei Monteiro mochte die Sache anders liegen. Henrik schätzte, dass sich die aus dem 19. Jahrhundert stammende dreistöckige Stadtvilla schon lange Zeit in Familienbesitz befand.

Er war vor der Zeit angekommen, um die Lage zu sondieren, ganz der alten Gewohnheit folgend, als würde er einen Ermittlerjob erledigen. Und er war mindestens genauso aufgeregt, was widersinnig erschien. Einerseits hatte er noch nie an einer so exklusiven Auktion teilgenommen, andererseits brauchte er lediglich auf ein paar alte Bücher zu bieten. Henrik hatte verstanden, dass Tavares nicht wollte, dass dessen Name bei der Auktion auftauchte. Natürlich wüsste er zu gerne, warum, aber bei dem in Aussicht gestellten Honorar war er unschlüssig, ob er dies überhaupt hinterfragen sollte. Obwohl auch das weitere Vorgehen verdächtig diskret vonstattengehen würde. Sobald der Preis feststand, für den die antiquarischen Werke den Besitzer wechselten, war er angewiesen, eine Telefonnummer anzurufen. Dort kümmerte sich dann jemand um den Geldtransfer. Es gab demnach keinen Grund, nervös zu sein, allerdings piesackte ihn diese Geheimniskrämerei, die Tavares um den Erwerb der Bücher veranstaltete. Dazu kam, dass er gesundheitlich immer noch nicht wieder der Alte war.

Seitdem man im Frühjahr auf ihn geschossen und er im Krankenhaus mehrere Tage um sein Leben gerungen hatte, hatte er mit Folgeschäden zu kämpfen. Vor allem in psychischer Hinsicht. Er war posttraumatisiert, was sich in Angststörungen auswirkte, die es ihm gelegentlich immer noch unmöglich machten, auf die Straße und unter Leute zu gehen. Freilich, es war in den letzten Wochen deutlich besser geworden, seit er sich endlich dazu hatte durchringen können, die ihm verordneten Medikamente einzunehmen. Doch auch die Psychopillen, wie er sie nannte, waren nicht grundlegend eine Garantie dafür, dass sein fragiles System funktionierte. Vor allem litt seine Aufmerksamkeit unter den Tabletten. Aber einen Tod musste er sterben.

Henrik hätte bei der Summe, die Tavares zu zahlen bereit war, mit deutlich bekannteren Werken gerechnet. Erstauflagen von Pessoa, vielleicht Melvilles Moby-Dick, einen Don Quixote im spanischen Original oder Voyage au centre de la Terre von Jules Verne – nun vielleicht keine Ausgabe aus dem 17. Jahrhundert, das wäre vermessen, aber zumindest irgendwelche jahrhundertealten Bücher, die zu exorbitanten Preisen gehandelt wurden. Aber eine Enzyklopädie, die scheinbar niemand kannte? Das war ebenfalls rätselhaft. Er hatte über die Bücherreihe mit dem eigenwilligen Titel Encyclopedia mundorum intermediorum nichts Brauchbares in Erfahrung bringen können. Im Internet hatte er dazu nur einen knappen Foreneintrag entdeckt, in dem das Sammelwerk als eine Abhandlung von Mystizismus, Metaphysischem und Schwarzmagischem beschrieben wird, dessen Existenz im weiteren Chatverlauf des fragwürdigen Portals sogar in Zweifel gezogen wurde. Leider deutete die schlecht gemachte Website alles in allem darauf hin, dass sich hier nur ein paar verschrobene Verschwörungstheoretiker austobten. Was wiederum überhaupt nicht zu seinem Auftraggeber passte. Mit seiner nüchternen Art kam ihm Dr. Tavares nicht so vor, als wäre er für Esoterik, Dämonenlehre oder einen sonstigen Irrglauben empfänglich. Jedenfalls handelte es sich um neun Bücher und unwillkürlich musste Henrik an die neun Pforten zur Hölle denken. Gab es da nicht mal einen Film mit Johnny Depp? 

Überdies hatte er auch nicht herausbekommen, welches der vielen Auktionshäuser in der Stadt die Versteigerung durchführte. Weshalb er auch keinen Auktionskatalog dazu finden konnte. Die Geheimnistuerei ging also weiter. Diese Veranstaltung fand, wie Tavares schon angedeutet hatte, tatsächlich nur für eine exklusive Auswahl geladener Gäste statt. Konnte er es sich demnach verdenken, nicht allein der Sommerhitze wegen ein wenig ins Schwitzen zu geraten? Henrik schob einen Finger in den Kragen seines Hemds, um sich mehr Luft zu verschaffen. Er hatte sich dazu durchgerungen, trotz der immer noch heißen Abendtemperaturen einen Anzug zu tragen. Zu Hause, vor dem Spiegel im Schlafzimmer hatte er darin gar nicht so schlecht ausgesehen. Auch wenn die Hose ihm mittlerweile etwas zu weit war, nachdem er seit seinem Krankenhausaufenthalt im Frühjahr einige Kilos verloren hatte. Doch das Sakko machte breite Schultern. Und er mochte sein nun schon recht auffällig graumeliertes Haar, das er wieder hatte wachsen lassen. Bis es erneut zu einem Pferdeschwanz reichte, würde allerdings noch ein halbes Jahr vergehen, schätzte er. Ja, alles in allem hatte er gemocht, was der Spiegel ihm gezeigt hatte. Und auch Helena hatte es gefallen, auch wenn sie es nicht kommentierte. Aber vermutlich würde er sich auf der Auktion dennoch deplatziert fühlen.