1,99 €
In "Preußens militärischer Luther" wird die herausragende Figur des militärischen Führers im preußischen Kontext eingehend untersucht, wobei der Autor auf die Parallelen zwischen der reformatorischen Bewegung Luthers und der militärischen Transformation Preußens eingeht. In einem eindrucksvollen literarischen Stil, der sowohl akademische Gründlichkeit als auch ansprechende Lesbarkeit verknüpft, beleuchtet das Werk die strategischen Innovationen und die ideologischen Strömungen, die zur Schaffung einer der mächtigsten Militärmaschinerien Europas führten. Dabei wird die Rolle der militärischen Disziplin und der spirituellen Überzeugungen in der preußischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts kritisch reflektiert. Der anonyme Autor bringt eine fundierte Expertise in den Bereichen Militärgeschichte und Reformgeschichte mit, die durch eine intensive Auseinandersetzung mit archivalischen Quellen und zeitgenössischen Berichten ergänzt wird. Durch die Anonymität wird der Fokus gezielt auf den Inhalt gelegt, was den Leser dazu anregt, sich selbständig mit den dargestellten Positionen auseinanderzusetzen. Der Autor verknüpft eine detaillierte historische Analyse mit aktuellen Fragen zur Rolle von Glauben und Ideologie in militärischen Kontexten. Dieses Buch richtet sich an alle, die sich für Geschichte, insbesondere die militärische und reformatorische, interessieren. Es bietet nicht nur interessante Erkenntnisse über Preußen, sondern regt auch zur Reflexion über die tiefgreifenden Verbindungen zwischen Glauben, Ideologie und militärischer Macht an. "Preußens militärischer Luther" ist somit unverzichtbar für Historiker, Studenten und jeder, der die vielschichtigen Dynamiken von Militär und Gesellschaft verstehen möchte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Auf meiner letzten Sommerreise durch die herrlichen Auen Thüringens führte mich mein Weg nach dem jetzt so berühmt gewordenen Städtchen Sömmerda[1]. Unter den bescheidenen Häusern des freundlichen Ortes[1q] fiel mir auf der Straße, die, wie ich mich erkundigte, ihren Namen nach der benachbarten Kreisstadt Weißensee führt, vor Allem ein nettes einstöckiges Gebäude auf, an dessen
Nikolaus von Dreysse.Nach einer Originalphotographie vom Hofphotographen Frisch.
der Straße zugewandtem Giebel die schöne, charakteristische Inschrift: „Bete und arbeite![2q]“ prangte. Dem Wohnhaus sah man in der That an, daß das Gebet darin walten müsse;[3q] die Arbeit wurde ich in den zahlreichen zur rechten Seite des Gebäudes sich hinziehenden hohen Werkstätten, denen mächtige Dampfwolken entstiegen, gewahr. Ich trat in dies eine Sackgasse (Pfarrbeutel genannt, wie ich später erfuhr) bildende Gewirr von Fabrikgebäuden ein; ein Thorweg zu meiner Linken reizte meine Neugier[4q], weil derselbe zu dem Hofe jenes Hauses des Gebets und der Arbeit führte. An den überaus sauberen Hof, der zu seiner Rechten von einer anscheinend unbedeutenden Werkstätte begrenzt wurde, schloß sich ein sorgfältig gepflegter Garten mit zierlichen Blumenbeeten[5q], duftenden Rosen und dunkelrothen Nelken. Vor der Thür eines Gartenhauses stand ein alter Herr im schlichten, dunklen Hausrock[6q], der mit sinnenden Blicken auf den Blumenflor schaute, beleuchtet von den goldenen Strahlen der untergehenden Sonne. Seine ganze Erscheinung trug den Stempel bürgerlicher Tüchtigkeit[7q] und Gediegenheit; graues Haar bedeckte die trotz seines hohen Alters noch immer klare Stirn, unter welcher die hellen Augen mit jugendlicher Munterkeit leuchteten, während den milden Mund ein freundliches Lächeln zu umschweben schien. Es war ein gemüthliches Stillleben, das sich hier meinen Blicken darbot, der ehrwürdige Greis unter seinen Blumen verkörperte mir das Bild[8q] eines glücklichen Alters und ungetrübten Friedens. Man konnte ihn für einen wohlhabenden Bürger halten, der in beneidenswerther Ruhe ein gemüthliches, wenn auch beschränktes Dasein genießt, fern von dem Geräusch der großen Welt[9q] und unberührt von den blutigen Ereignissen und Kämpfen der kriegerischen Gegenwart.
Während ich in meiner Phantasie das Bild ausmalte, trat ein kräftiger Arbeiter mit rußigem Schurzfell[10q] aus der zur Seite des Hofes befindlichen unansehnlichen Werkstatt an den alten Herrn heran und reichte ihm einen in der Sonne blitzenden Gegenstand. Meine Neugierde war erregt, als ich ein Gewehr zu erkennen glaubte, und zwar eine jener furchtbaren Waffen[11q], welche in der jüngsten Zeit durch ihre vernichtende Wirkung dem Krieg eine ganz veränderte Gestalt verliehen und das Gleichgewicht Europas in seinem Grunde erschüttert haben. Beim Anblick dieser Waffe zeigte das Gesicht des gemüthlichen Alten eine wunderbare Veränderung, seine Züge belebten sich[12q], seine Stirn furchte sich nachdenklich, und prüfend richtete er seine Augen auf den künstlichen Mechanismus. Bald hob er das Gewehr, bald senkte er es wieder, indem er es von allen Seiten sorgfältig untersuchte, den Hebel auf- und niederdrückte, hier keine Schraube, dort einen Stift berührte, worauf er mit einem beifälligen Nicken dem Arbeiter die Waffe wiedergab[13q], mit der sich dieser, ehrfurchtsvoll grüßend, entfernte, während der alte Herr noch einen Blick auf seine Blumen warf und sich dann, an mir vorübergehend, in sein Wohngebäude zurückzog.
Unwillkürlich hatte dieser an sich unbedeutende Vorgang[14q] meine Neugierde noch gesteigert, so daß ich den nächsten Mann, der zufällig vorüberging, ansprach und nach dem Namen des alten Herrn fragte.
„Sie müssen wohl ein Fremder sein[15q],“ erwiderte derselbe, „sonst würden Sie wissen, daß in dem Hause dort der Geheimrath von Dreysse wohnt.“
„Wie?“ rief ich überrascht[16q]. „Der alte Herr der Erfind…“
„Der berühmte Erfinder des Zündnadelgewehr[2]s[17q],“ ergänzte mein gefälliger Cicerone, der sich mir bald als einen ebenso gebildeten, wie gut unterrichteten Beamten zu erkennen gab.
„Ich gestehe, daß ich mir den Mann ganz anders vorgestellt habe[18q] nach dem Portrait, das unlängst eine illustrirte Wochenschrift gebracht hat, das indeß, wie ich nun sehe, eine Caricatur ist. Wie hätte ich aber auch ahnen sollen, daß dieser an einigen Blumen sich mit so sichtlichem Behagen erfrischende schlichte Mann[19q] der Erfinder jenes tödtlichen Geschosses sei, das eine förmliche Revolution in der Welt und namentlich in der Bewaffnung der Armeen hervorzurufen bestimmt ist; daß dieser friedlich freundliche Greis der Besitzer und Lenker einer der bedeutendsten, jedenfalls aber nunmehr der berühmtesten Gewehrfabriken Europas sei?“
„Ich begreife Ihr Erstaunen. Aber hat nicht ein frommer Mönch in seiner stillen Zelle das Pulver erfunden[20q], welches den mittelalterlichen Feudalstaat in die Luft gesprengt? Werfen Sie außerdem nur einen Blick auf die Geschichte der Erfindungen und besonders der deutschen Erfindungen; wer waren die Männer und welchen Standes, deren Geistesblitze so unendlich segenbringend für die Völker wirkten? Wer sind heute die Männer, die an der Spitze unserer berühmten deutschen Industrie-Stätten stehen, und was waren sie einst? Sind sie nicht alle aus dem Volke im reinsten Sinne des Wortes hervorgegangen? Dreysse ist der Sohn eines Bürgers und Schlossermeisters; Dreysse war Beides selbst; heut’ ist der Name Dreysse jedem Kinde in unserm Vaterlande bekannt, heute wird der Name Dreysse auf der östlichen wie auf der westlichen Hemisphäre genannt; der Mann selbst ist trotz Orden und Adel, womit er von seinem Könige geehrt worden, trotz seines, beiläufig bemerkt, vielfach überschätzten Reichthums der liebenswürdige, bescheidene und schlichte Bürger Sömmerda’s geblieben.“
Mein Begleiter, der sich mir immer mehr als Gesinnungsgenossen zu erkennen gab, wandte sich zum Gehen und forderte mich in freundlicher Weise zu einem Spaziergang vor das Thor hinaus auf, wo wir in einen öffentlichen, wenn ich nicht irre, der Sömmerdaer Schützencompagnie gehörenden Garten einkehrten. Wir fanden daselbst mehrere Bürger und zahlreiche Beamte, Meister und Arbeiter der Gewehrfabrik im eifrigen Gespräch, das sich natürlich um die letzten Zeitereignisse drehte und bald auch auf die berühmte Erfindung ihres Landsmanns Dreysse zurückkam.
„Ja,“ sagte ein grauköpfiger Bürger. „Wer hätte das denken sollen, daß unser Nikolaus noch einmal in die Weltgeschichte kommen würde! Ich kenne den Dreysse noch von der Schule her, wo wir manchen tollen Streich zusammen ausgeführt haben. Seitdem waren wir Freunde und sind es auch geblieben, obgleich er jetzt ein reicher Mann geworden und sogar geadelt ist.“
„Da können Sie mir gewiß über sein Leben und seine Erfindung Auskunft geben. Sie würden mir damit einen großen Gefallen erweisen.“
„Das will ich gern thun, wenn Ihnen damit gedient ist. Freilich ist es schon lange her, aber ich erinnere mich noch deutlich an die alte Zeit, wo noch in Sömmerda die Franzosen hausten. Damals wohnte der Vater Dreysse’s gerade gegenüber von der alten Mohren-Apotheke und betrieb die Schlosserei; das Haus können Sie heut’ noch auf der langen Gasse sehen, es gehört schon seit vielen Jahren dem Bruder des Geheimraths und seinem treuen Helfershelfer, dem Oberrevisor Rudolph Dreysse. Nebenbei hatte der Vater Dreysse eine kleine Feldwirthschaft und besaß, wie so mancher Bürger in jenen Tagen, die Gerechtigkeit Bier zu brauen und auszuschenken, wenn die Reihe an ihn kam. Der alte Johann Christian Dreysse war ein Ehrenmann von damals mehr als gewöhnlicher Bildung und freierer Anschauung, der sich redlich nährte, in allgemeiner Achtung stand und durch sein gediegenes Urtheil seinen Mitbürgern wie Gästen imponirte. Wenn drüben über der französischen Grenze Dinge vorgingen, über welche die guten Sömmerdaer Philister die Köpfe schüttelten und die Hände zusammenschlugen, so gingen sie zum alten Dreysse und der setzte ihnen auseinander, daß die französische Revolution trotz der unendlichen Gräuel und Blutscenen viel Gutes zur Folge haben müsse, nicht für Frankreich allein, sondern auch für Deutschland, und daß ihre Kinder gewiß noch die aus jenem, leider auch vielem unnütz vergossenen Blute entspringenden Früchte ernten würden.
