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„War das das Glück?“, dachte er bei sich. Jedenfalls war das Mägdelein so wunderschön, wie er noch keines gesehen … Aber sein Drang in die Ferne war stärker als der Wunsch nach Glück; er dachte, das Glück werde er sich schon erwerben, das werde ihm nicht davon laufen. Carmen Sylva: Prinz Waldvogel Carmen Sylva war der Künstlername von Prinzessin Elisabeth zu Wied, der ersten Königin von Rumänien (1843-1916). Ihre schriftstellerische Tätigkeit ist in weitestem Sinne als Teil der höfischen Repräsentationskultur zu verstehen, denn sie versuchte mit ihren Werken eine größere Bekanntheit des 1881 gegründeten Königreichs Rumänien insbesondere in Deutschland zu erreichen. Ihr Sendungsbewusstsein ist auch in den zahlreichen Kunstmärchen festzustellen, die ihre Weltanschauung, erzieherischen Absichten, spirituellen Ansichten und autobiographischen Parallelen offenbaren. Der Band enthält eine Auswahl der schönsten Märchen Carmen Sylvas, die ihren eigenartigen Reiz bis heute bewahrt haben und dem Leser Einblick in die Gedanken- und Phantasiewelt der königlichen Autorin geben.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2015
ibidem-Verlag, Stuttgart
Carmen Sylvawarder Künstlernamevon PrinzessinElisabeth zu Wied, dererstenKönigin von Rumänien(1843-1916). Ihreschriftstellerische Tätigkeitistin weitestemSinneals Teil der höfischen Repräsentationskulturzu verstehen,denn sieversuchtemitihren Werkeneine größere Bekanntheit des1881gegründeten Königreichs Rumänieninsbesonderein Deutschlandzu erreichen.IhrSendungsbewusstsein istauch in denzahlreichenKunstmärchenfestzustellen,dieihreWeltanschauung, erzieherischen Absichten,spirituellen Ansichten undautobiographischen Parallelenoffenbaren.Der Band enthält eine Auswahl derschönstenMärchen Carmen Sylvas, die ihren eigenartigen Reiz bis heute bewahrt haben und dem Leser Einblick in die Gedanken- und Phantasiewelt der königlichen Autorin geben.
Die HerausgeberinSilvia Irina Zimmermann promovierte über das literarische Werk Carmen Sylvas an der Universität Marburg und veröffentlichte mehrere Bücherüber die dichtende Königin. Sie ist Initiatorin und GründungsmitgliedderForschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedischen Archivs in Neuwied.
© Bildnachweise: Fürstlich Wiedisches Archiv Neuwied, digitale Bearbeitungund Umschlaggestaltung: Silvia IrinaZimmermann
Es war einmal eine gute Königin, die wollte alles Leidstillen, das sie auf Erden sah. Je mehr sie aber Gutes tat, desto mehr schien die Not zu wachsen. Ihre Mittel reichten nicht, den Armenzu helfen, ihre Worte hatten nicht die Kraft, die Trauernden vom Schmerz zu befreien, und ihre Hand konnte nicht alle Krankheitenheilen. Sie meinte aber, die Erde könne unmöglich so schlecht vom lieben Gott gewollt sein, sondern wenn seine Menschenkinder es nur richtig anfingen, so müssten sie glücklich werden. Da ging sie in die Kircheund betete ein Gebet, dessen ganze Kraft und Verwegenheit sie in jener Stunde noch gar nicht ermessen konnte. Sie betete, wie es auch andre Menschen in ihrer Torheit tun, die nicht wissen, was es bedeutet, wenn sie erhört würden.
Sie sprach: „Lieber Gott, mach, dass, wenn ich einem Leidenden begegne, er durch meinen Blick glücklich wird, und müsste ich auch sein Leidenauf mich nehmen!“
Mit bangem Herzen trat sie hinaus, ob Gott sie wohl gehört, denn Gott scheint manchmal nicht zu hören, wenn wir beten. Aber schon an demselben Tage wurde ihr klar, dass sie vernommen worden.
Sie begegnete einem Knaben in seinem Rollwagen, der noch niemals einen Schritt hatte gehen können. Sie kannte ihn schon lange, und er liebte die gute Königin mit der ganzen Kraft seiner Seele. Wie sonst trat sie zu ihm heran, nahm seine schmale Hand in die ihre und sprach mit ihrer wohlklingenden Stimme von baldigem Genesen. Immer größer wurden des Knaben Augen. Sie hatte das Gefühl, als sauge er alle Kraft aus den ihren, als würde sie von nie empfundener Müdigkeit überfallen. Und auf einmal richtete sich der Knabe hoch auf: „Ich glaube, ich kann gehen!“, sagte er, als spräche er im Traum, erhob sich von seinem Schmerzenslager und wandelte dahin, als wäre er niemals lahm gewesen. Die Königinlächelte müde seinem Jauchzen nach, ging nach Hause, legte sich nieder und wurde für viele Wochen lahm. Ihre Beine waren wie abgestorben. Sie aber verweigerte ärztliche Hilfe und sagte, wenn es an der Zeit sei, würde Gottdas Leidenvon ihr nehmen. Und so war es auch. Von da an lud sie sich auf diese Weise eine Krankheit nach der anderen auf, sie wurde blind, taub, stumm, fiebernd, aber immer schöner, jünger und verklärter ging sie aus diesen Prüfungszeiten hervor. Niemals hörte man sie eine Klage äußern. Bald aber wurde ihre wunderbare Heilkraftbekannt, obgleich sie niemals davon sprach, und die Menschen bestürmten und quälten sie mit ihren Leiden, ohne zu ahnen, welche Opfer sie ihnen brachte. Es hieß nur, die Königin sei aller Ansteckung ausgesetzt und wolle sich nicht hüten lassen, zumal wenn es sich um Kinder handle. Mit der Armutging es bald ebenso. Sie war erfinderisch im Arbeitgeben, sie selbst hatte aber schon längst nichts mehr, sie konnte sich nie die kleinste Freudeerlauben, da ihr stets dazu die Mittelfehlten, und wie oft ihr zärtlicher Gemahl ihr auch aushalf – es ging ihr wie der heiligen Elisabeth, sie hatte kaum noch einen Mantel. Ihr Name wurde tausendmal gesegnet; man suchte, in ihre Nähe zu kommen, sie zu berühren, einen Blick zu erhaschen; denn ihrer Augen Glanz tröstete jeden, der hineinsah. Man wurde zufrieden und still und fand, man habe doch ein schönes Los, wenn man eben noch mit Gott gehadert hatte. Dem Frieden, der von ihr ausströmte, konnte niemand widerstehen.
Was schwerer zu ertragen war, waren die Stunden der Verkennung, wenn sie Unfrieden gestillt hatte und dafür im eignen Heim böse Reden anhören musste. Fast hätte sie dann vergessen, dass dies ein Teil ihrer segensreichen Gabesei, und weinte im Stillen. Bald aber lichteten sich die Wolken wieder, und sie sah, dass sie auch auf geistigem Gebiete der andern Ungemach auf sich zu nehmen habe. Von da an war ihre Geduldunerschütterlich. Und die Menschen vergaßen, dass sie sie misshandelt, sondern meinten, sie stets geliebt und nie verkannt und geschmäht zu haben. Sie lächelte dann still in sich hinein. Ein Blick ihrer Augen hatte ihnen das Vergessen geschenkt.
Eine sehr merkwürdige Erfahrung war es für sie, einem in schwere Versuchung verfallenen Menschen auf die wahre Bahn geholfen zu haben, dafür aber Reue und Gewissensqualen zu erdulden, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Das war sehr schwer zu ertragen, denn sie wusste sich schuldlos, und doch pochte das arme Herz in Todesangst Tag und Nacht. Auf Augenblicke wurde es ihr klar, dass das nur ein vorübergehender Zustand sei, wie alle die andern; aber das Leidenwar sehr groß.
Eines Tages wurde sie von einer armen Frau angerufen: „Ach, liebe Frau Königin! Mein einziger Sohn ist im Sterben! Und ich weiß, Ihr habt wunderbare Kräuter, die helfen, wo keiner mehr helfen kann!“ Ohne Zaudern eilte sie an das Sterbelager, auf dem der Jüngling röchelte. Doch öffnete er die brechenden Augen und sah sie noch einmal an, und der eine Blick entfachte die Lebensflamme wieder, der Atem kehrte in die Brust zurück, die bleichen kalten Lippen wurden rot und warm, und die dankbare Mutter stürzte der Königin zu Füßen, bald deren Knie, bald ihren geretteten Sohn umarmend.
Als sie diesmal heimkehrte, fühlte sie sich nicht so müde als sonst. Doch erwartete sie sicher schwere Krankheit, vielleicht gar der Tod. Wie erschrak sie aber, als am nächsten Tage ihr einziges Kindschwer erkrankte und mit raschen Schritten dem Tod entgegeneilte. „Mein Gott! Mein Gott!“, jammerte sie, „das Opfer fordre du nicht von mir! Denn es geht über meine Kraft!“ – Vergebens ihr Flehen. Vergebens ihre erfahrungsreiche Pflege! Auch ihr Blick hatte seine Kraft verloren. Ihr Kind schlug die Augen nicht auf und lallte nur von wunderschönen Engeln und Blumen, bis es still und weiß in ihren Armen lag und sie, eine gebrochene Frau, tränenlos, klaglos, kraftlos, nur fühlte, als verbrenne sie vor Schmerz. Von Stund an schien auch ihre Gabe von ihr gewichen.
Die Menschen sagten, sie habe das Vertrauen zu ihren Wunderkräutern verloren. Es kam eine dunkle Zeit für die arme Königin. Sie fluchte sich und ihrem Gebete. Sie sagte sich, sie sei Schuld, dass ihr angebeteter Gemahl so unglücklich sei wie sie selber. Ihr war die Welt so dunkel, als sei nur ringsum Nacht und kein Sonnenaufgang mehr und kein Frühling mehr und keine schönen Bäume und kein Vogelsang, nichts, nichts mehr von allem, woran sich sonst ihr Herz erquickte. Sie, die nie gemurrt hatte, solange sie dachte, sie habe andern ihr Leidenabgenommen, diesmal schien ihr der Himmel grausam, und sie hatte nicht die Kraft, sich für die andre Mutter zu freuen, die vor dem furchtbarsten Leid bewahrt worden war.
Nach langer, langer Zeit, wo sie in Not und Zweifel umhergetastet, war sie endlich einmal eingeschlafen. Da war es ihr, als ginge die Tür auf, als träte ihr Kind herein, strahlend, glückselig, als setzte es sich zu ihr auf des Lagers Rand, nähme ihr mit der Hand den bleiernen Schmerz von der Brust, hauchte ihr mit veilchenduftendem Atem Freude zu und spräche mit Glockenstimme: „Mutter! weine nicht! Du hast mich so glücklich gemacht, wie du es auf der Erde nie gekonnt hättest, mit deiner heißesten Liebe nicht! Denn du hast mir den Himmel aufgetan! Und ich habe ohne Schmerz und Sünde dahin zurückkehren dürfen, dank deinem Opfer, Mutter! Weine nicht! Ich bin beständig bei dir! Du hast einen frommen Irrtum begangen, da du meintest, allem Weh auf Erden abhelfen zu dürfen. Und den musstest du im Staube sühnen. Denn die Erde ist so, wie Gottsie haben will, ein Bergwerk, ein Hochofen, ein Schmelztiegel, ein ganz kurzer Durchgang von einem Dasein ins nächste Dasein, das höher oder geringer ist, je nachdem was wir auf Erden gelernt. Geduld, Mutter! Deine Erlösungsstunde schlägt, und ich bin immer bei dir mit meinem Licht und meiner Kraft. Du kannst immer noch trösten, weil du an das kommende Leben glaubst, ja weil du sicher weißt, es wartet auf uns alle! Es gibt keinen Tod! Es gibt nur ein neues Geborgenwerden, und, o Mutter! Wenn du wüsstest, wie schön! So würdest du glückstrahlend harren und nie mehr seufzen! Armutmuss sein und Krankheitund Ungerechtigkeit und Kampf. Alles ist nur zum Läutern, zum gegenseitigen Helfenund Erbarmen. Darum sind alle selig, die den Leidendenhelfen mit aller Kraft und allen Opfern und dem Einsetzen von allem, was sie zu geben haben. Aber die Erde zum Paradiesemachen, das können sie nicht, und das dürfen sie nicht; denn die Erde ist eine Werkstatt, die man nach irdischen Begriffen Hölleoder Fegefeuer nennt!“ –
Da erwachte die Königin, und von Stund an zog Friedenin ihr Herz. Sie konnte wieder wohltun, trösten, erfreuen – heilennicht! Und sie begehrte noch gar nichts mehr, sondern war still, zufrieden und breitete Ruhe um sich her.
Ich schreibe viel bei der Nacht. Im Sommer mache ich dann meine Balkontüre auf, dass der Mond und die Sterne herein scheinen; dann stehen die Tannen so schwarz da wie Riesen, die das Schloss umgeben, wie eine mächtige Wand.
Dann höre ich den Peleschunten rauschen, und die Springbrunnen um das Schloss herum plätschern die ganze Nacht. Da treten dann die Feen bei mir ein, die Feemit den schönen weißen Haaren und der weißen Kunkelund die Fee Imagina und alle die Feen aus den Bäumen und Blumen, die noch tief schlafen unter der Last von Tau, die ihre Häuptchen fast zu Boden drückt.
Das ist dann wunderbar schön, denn ich mache sehr hell in meinem Zimmer, ich habe gern Licht, da kommen freundliche Gedanken, und es sieht einladender aus für die Feen. Manchmal wandle ich auch auf meinem Balkon umher, und sieht dann die Schildwache herauf und denkt, ich wäre selbst eine von den Feen, die mich besuchen, und weiß nicht, ob man grüßen muss oder nicht.
Denn sie denken nicht, dass Leute, die ein Schlosshaben und ein gutes Bett, schon um zwei oder drei Uhr morgens aufstehen. Sie wissen natürlich nicht, dass das die allerbeste Feenzeit ist, denn die erzählen nur, wenn alles schläft. Und am Abend wachen manchmal noch Menschen, am Morgen aber da schläft alles, nur der Mond und die Sterne wachen. Und die glitzern so hell.
So trat eines Morgens die Fee mit den weißen Haaren bei mir ein und hielt etwas in der Hand. Sie lächelte. „Ich weiß, dass du den Kindern gern Märchen erzählst!“, sagte sie, „nun habe ich dir etwas mitgebracht, da brauchst du nur hineinzublicken, und die Märchen fallen dir entgegen. Es ist ein Feenkaleidoskop, wie es Menschen noch niemals haben machen können. Die Menschen haben Glasstückchen hineingetan, so dass die Farben durcheinander spielen, wir haben aber ganz andere Sachen darin, die durcheinander spielen, und sehen die ganze Welt in unserm Kaleidoskop!“
Ich dankte ihr sehr für die schöne Gabe, aber ich dankte nicht genug, denn ich wusste noch nicht, was ich für eine Freudedaran finden würde.
Als ich es an die Augen hob, da sah ich zuerst nur ein Gewühl wie Ameisenhaufen, so lief da alles durcheinander, ich nahm es herunter und sah die Feean. Die lächelte. „Verstehst du noch gar nichts davon?“, fragte sie.
„Nein, ich begreife das Gewühl gar nicht, was ist denn das?“
„Sieh nur länger hinein, dann wirst du es sehen, was es ist.“
Und als ich länger hineinsah, da sah ich ein Land, in welchem sich die Menschen bewegten, und die Menschen schienen mir Japanerzu sein, das rannte alles hin und her und hatte so große Eile, und als ich das Kaleidoskop ein wenig drehte, da sah ich Westminster Abbeyund wusste, dass ich in Londonsei, und da war Rotten Rowmit allen Ritternund Wagen, und da war die Themseund die Schiffe und die Häuser der Elenden, die Viertel, die keiner kennt, und ohne zu wollen, drehte ich wieder, da war ich auf einmal am Vesuvund sah einen Ausbruch, da strömte die Lava in solchen Massen, dass ich das Kaleidoskop entfernte, weil ich das Gefühl hatte, als würde ich selbst von dem Lavastrom erreicht und verbrannt werden. Aber vor lauter Neugierde hob ich das Instrument wieder an die Augen, da war ich in Chicagound sah mir die Ausstellung an, da waren aber so viele Sachen und ein solches Menschengewühl, dass ich müde wurde und einen Augenblick ruhen musste.
„Nun, was sagst du zu meinem Geschenk?“, fragte de Fee. „Gefällt es dir?“
„Ja“, sagte ich, „es gefällt mir, aber du hättest mir noch viel, viel größere Freudegemacht, wenn du mir ein Kaleidoskop gegeben hättest, das in den Herzen liest! Das Treiben auf den Straßen interessiert mich gar nicht so sehr, das kann ich mir denken, aber ich möchte gern sehen, was die Menschen denken und fühlen, so dass ich sie trösten kann und ihnen solche Dinge sagen, die ihnen wirklich Freude machen.“
„Das sollst du auch haben!“, lachte die Fee. „Du gefällst mir, man zeigt dir die ganze Welt, und du bist nicht zufrieden!“
„Die ganze Welt ist mir nichts gegen ein einziges Menschenherz, ich bin nicht neugierig und will keine Reisebeschreibungen schreiben, aber was die Menschen denken und fühlen, das will ich wissen und davon erzählen, denn sie machen den Mund zu und lassen ihre Augen nicht sprechen, und da kann ich nicht wissen, was in ihnen vorgeht. Ich will in ihr Innerstes hineinsehen, so, als wäre kein Schädel da und kein Riegel und kein Geheimnis.“
„O weh!“, sagte die Fee, „da wird es dir aber oft gar nicht gefallen.“
„Kann ich sehen, wen ich will?“
„Ja, das werde ich dich lehren, dass du sehen kannst, was und wen du willst, denn du irrst dich sehr, wenn du meinst, du wolltest nicht auch manchmal Städte und Orte sehen; wenn ich dir zeigen will, was deine Lieben machen, die weit fort sind, dann wirst du sehr zufrieden sein, deine Heimat, deinen Rhein, deinen Wald zu sehen, und was sie eben machen, und wäre es auch nur, dass sie um den Frühstückstisch sitzen und Zeitungen lesen!“
Und während sie so sprach, hielt sie mir wieder das Kaleidoskop vor, und ich sah wirklich alles, was sie versprochen hatte, und war so glücklich, als wenn ich mitten unter meinen Lieben und in meiner Heimat wäre: ich sah den Waldam Rhein, ich sah die alten Burgen, ich sah mein Schloss, in dem ich geboren bin, und das Waldhaus, das ‚Monrepos’, meine Ruhe, heißt und alle und alles! Ja, das war so große Freude, dass mir die Tränen in den Augen standen.
Da drehte die Fee, und da sah ich etwas, das ich noch nie gesehen: die Gedanken der Menschen in lauter Bildern. Es war so merkwürdig, dass ich fast einen Schrei ausstieß. Es war, als öffneten sich alle Herzen vor mir, und als wären darin schöne und hässliche Aussichten und Bilder ohne Ende; das war noch viel reicher als vorher das Menschengewühl und noch erschütternder als meine Heimat und alle meine Lieben. Ich sah, dass ein Kind das andere beneidete, denn in seinem Herzen waren alle die Sachen, die sein kleiner Freund hatte, so lebendig, als wären sie sein eigen, aber mit dem Schleier darüber, und der Schleier war dunkel und machte die Sachen nicht mehr so schön. Da war ein Puppenhaus, nein, aber so reizend, mit lauter Zimmern und Wasser in Röhren und Licht und Treppen und Speicher und Keller und so wunderschönen Puppen darin, die aussahen wie wirkliche Kinder, und in der Küche brannte das Feuer im Herde und wurde wirklich etwas gekocht, es war wunderschön; aber da war der hässliche dunkle Schleier, denn das Kind dachte, dass das Puppenhaus nicht sein wäre, und das verdarb ihm die Freude daran. Da sah ich aber in des Kindes Herz, dem das Puppenhaus geschenktworden war, und das hatte einen schweren Kampf zu bestehen, denn es hatte den Neid in seinem kleinen Freunde wahrgenommen, und nun quälte es sich mit dem Gedanken, ob es sein Puppenhaus dem nicht schenken müsse. Das war ein sehr liebes Kind, in dem war alles hell, da war gar kein dunkler Schleier, da war es so licht, dass ich gar nicht das Kaleidoskop drehte, um noch länger in sein liebes Herzchen hineinzusehen. Es kämpfte lange, und endlich sagte es zum andern: „Nimm du mein schönes Puppenhaus, nur lass mich damit spielen, so oft ich will!“
„Nein“, sagte das neidische Kind, „nein, ich will es ganz allein haben, ich mag nicht teilen.“
„Dann bekommst du es gar nicht.“
Da war nun auch in dem lichten Herzen ein dunkler Schatten, und das Kind war ganz traurig, denn es hatte eine reine Freude machen wollen. Aber das war doch zu ungerecht, dass es nur gar nichts mehr von der schönen Gabehaben sollte, da fand es, das andre verdiene es nicht. Und man hatte ihm doch das Haus geschenkt.
Da war ein Kind, das hatte eine kranke Mutter, ich sah es in seinem Herzen, wie die krankeMutter darin wohnte, denn das Kind sah sie immer und immer, ob es bei ihr war oder nicht, da war die Mutter und war so blass, und das Bett sah aus, als wäre es schon ganz ausgehöhlt vom langen Darinliegen.
Nun passierte mir aber etwas, an das ich nicht gedacht hatte. Ich konnte das Elend sehen und der Menschen Herzen lesen, aber ich konnte nicht helfen, denn ich konnte oft diejenigen gar nicht erreichen, die ich sah, ja ich wusste nicht einmal immer, wo sie sich befanden, und so wurde ich traurig.
Ich saß in meinem Zimmer mit meinem Wunderteleskop in der Hand, und mochte es gar nicht mehr an die Augen halten, weil ich so vieles darin sah, das traurig war, und wo keine Hilfe möglich schien. Sogar ganz in der Nähe waren Fehler zu bemerken, die ich viel lieber nicht gesehen hätte.
So oft ich es an die Augen hob, kam mir irgendein Leidentgegen, irgendeine Krankheit, oder ein Fehler, oder eine Schwäche der Menschen, und da legte ich es fort. Den nächsten Morgen trat aber in einem Mondstrahl die FeeImagina bei mir ein und sagte: „Ich sehe wohl, dass du meine Wundergabenicht so hoch hältst, als du es tun solltest; du hast begehrt, der Menschen Herz zu durchschauen, als lägen sie offen vor dir, und nun tust du das Kaleidoskop fort, und willst gar nicht mehr hineinsehen, ist das recht? Habe ich mir darum die Mühe gegeben, deinen Wunsch zu erfüllen?“
Ich war sehr beschämt, aber ich sagte doch: „Wenn ich helfen könnte, dann würde mir’s nicht so schwer werden, dann würde ich es immer fragen und zu Rate ziehen.“
„Aber wir können selbst nicht immer helfen, was willst du armes Menschenkind denn alles für die Menschen tun?“
„Was mir zu tun gestattet wird, nur nicht sehen müssen, wie sie leiden und dann nicht helfenkönnen!“
„Nun, ich will deinem Kaleidoskop die Kraft schenken, so oft du es auf eine Stelle richtest, und dabei den festen Willen hast, Gutes zu tun, du einen hellen, warmen Strahl an die Stelle senden kannst, der froh macht und warm, mehr kann ich dir nicht gewähren.“
Ich dankte, aber ich hatte nicht sehr großes Vertrauen zu der Kraft meines Strahls, wenn ich doch sah, wie die liebe Sonne selbst die Menschen nicht zufrieden und glücklich machen könnte, und sie den einen zu viel, den andern zu wenig schien. Ich setzte es wieder an die Augen und sah Leute, deren Häuschen von Regengüssen überschwemmt war und drohte einzustürzen, bevor Hilfe da war, die Armen zu retten. Ich sah sie auf ihrem Dache die Hände ringen und beten, und sah kein Boot weit und breit. Da dachte ich mit meines Herzens ganzer Kraft: „Das Wasser soll ablaufen!“ Und vor meinem Blicke floss das Wasser ab, das Häuschen lag im hellsten Sonnenschein und wurde von einem Augenblick zum andern trocken. Mein Herz lachte vor Freude, und ich sah zu, wie die Leute Gott dankten auf ihren Knien, dass sie gerettet wurden, und meinten, es sei ein Wunder. In meiner Freudedrehte ich unversehens das Kaleidoskop und verlor das Bild, von dem ich nicht einmal wusste, wo es gewesen. Da sah ich ein kleines Kind am Wege sitzen und weinen, es schien kalt zu haben und etwas zu suchen, das es in der hereinbrechenden Dunkelheit nicht finden konnte. Da richtete ich meiner Seele ganze Kraft darauf und merkte bald, dass das Licht und die Wärme aus meinem Kaleidoskop genau von dem Grade meines Mitleidens abhing, und je mehr ich zu helfen wünschte, umso wärmer und feuriger wurde mein Strahl. Da sah ich, wie das Kind am Himmel nach der Ursache dieser plötzlichen Helle suchte, dann am Boden umhersuchte und offenbar den Gegenstand gefunden hatte, den es so eifrig suchte und der mir ein Groschen zu sein schien, dann wollte es weiter gehen; als es aber merkte, dass der Strahl dann aufhörte und die Kälte wieder groß wurde, kehrte es noch einmal in denselben zurück, bis es ganz warm hatte, und dabei hörte es nicht auf, sich zu wundern und immer am Himmel nach der unbekannten, fremden Sonne zu suchen. Da kamen andre Leute aus einem fernen Hause, und eine schöne Frau lief drohend und scheltend auf das kleine Mädchen zu und wollte es schlagen; das Kind aber hielt lächelnd der Frau den Groschen entgegen und zog sie in den warmen Schein von meinem Kaleidoskop, und das arme Weib wärmte sich und wurde ganz freundlich und streichelte des Mägdleins Wange. Als ich fühlte, dass es ihnen wohl geworden, drehte ich ein wenig weg, und da veränderte sich wieder alles.
Da war ein Wald, und durch den Wald wanderte ein einzelner Wagen, der offenbar den Weg verfehlt hatte. Es war dunkle Nacht, und eben sah ich aus dem Dickicht zwei Männer sich leise und vorsichtig dem Wagen nähern, mit Pistolen in den Händen. In demselben Augenblick blendete ich sie mit einem starken Lichtstrahl und erleuchtete den Weg, so dass der Kutscher sehen konnte, wohin er fuhr, und zugleich die Insassen des Wagens die Räuber entdeckten, die aber so geblendet waren, dass sie nicht mehr zielen konnten. Der Kutscher hieb in die Pferde, und fort jagte der Wagen der verfehlten Straße zu, die Räuber aber rieben sich die Augen und sahen ihn nicht mehr, da sie eine Sonne in den Augen hatten und dadurch die Nacht für sie noch schwärzer war. Ich sah den Reisenden noch einmal nach, die rollten ruhig dahin, weit aus der Schussweite, die Räuber aber ballten die Faust gegen das unbegreifliche Licht, das ihnen die Augen verbrannt und die sichere Beute entrissen hatte. Ich musste lachen über ihre ohnmächtige Wut. Was die Reisenden dachten, das konnte ich nicht sehen, denn sie waren weit weg und der Wagen geschlossen, sie haben aber gewiss an ein Wunder geglaubt. Ich dankte der guten Feein meinem Herzen für das schöne Geschenk, wagte nun gar nicht mehr, es aus der Hand zu legen, da ich so viel Gutes tun konnte, aber da schlief ich vor lauter Müdigkeit ein und schlief bis in den Tag.
Nun war das beinahe ein Herzeleid für mich, dass ich nicht immer wachen konnte und Gutes tun mit meinem Wunderkaleidoskop. Aber die gute Fee erklärte mir, dass das Böse auch manchmal in der Welt geschehen muss, und dass es uns Menschen nicht immer gestattet wird, es zu verhindern, selbst dann nicht, wenn wir es noch so eifrig möchten.
Heute sah ich eine Hochzeitdarin, die war wirklich reizend, die Braut hatte Goldflitterin den Haaren, so lang wie ihr langes weißes Kleid, das drei reizende kleine Kinder trugen, die waren auch in Weiß, und ihre kleinen Füße verwickelten sich in den Goldflitter und in den Schleier, der darüber bis zu dem Kleidessaume niederwallte, und da wandte sich die Braut, die den Altar umschritt, und sah mit rosigem Angesicht auf die Kleinen nieder, die nur ihr in die Augen sahen und gar nicht auf die Schleppe, die sie tragen sollten. Sie sah aus wie eine Fee und die Kinder wie Elfen, und voran und nach gingen die Brauteltern mit weiß bekränzten Kerzen in den Händen. Und Bräutigam und Braut hatten goldene Reife um den Kopf, mit einem Kreuze daran, das sich über ihrer Stirn erhob, und das sie küssten, bevor es ihnen der Geistliche in großem reichem Ornat um die Stirn legte. Der Bräutigam war auch so jung und hatte einen so lieben Blick wie ein Engel und sah seine Braut so strahlend an, und dann lächelte er über die winzigen Schleppenträger, deren Füßchen mit den weißen Schuhen im Goldfaden verwickelt waren, und die gar nicht merkten, dass die Braut nicht weiter gehen konnte. Das war ein reizendes Bild, eine richtige rumänischeHochzeit, und andere Kinder warfen dem Brautpaar Blumen unter die Füße, während es den Altar umwandelte, und die jungen Mädchen bückten sich und hoben von den Blumen auf, damit sie auch übers Jahr einen Bräutigam hätten.
Mein Kaleidoskop hatte sich, ohne dass ich es wusste, in meiner Hand gedreht, und ich stand in einer Schmiedemit meinen Augen, und siehe, das Feuer wollte ausgehen, als ich aber mein Rohr darauf richtete, wurde es mit einmal so hell, als ob hundert Bälge hineinbliesen. Der Schmied griff mit erneuter Kraft nach seinem Hammer und arbeitete, indem er sich manchmal erstaunt umsah, woher ihm denn Hilfe gekommen im Augenblicke, da seine Burschen das Nachlegen und Blasen versäumt und er in hellem Zorn dastand und ihnen eine Tracht Prügel zugedacht. Die Burschen waren aber bei einer Feuersbrunst im Dorfezurückgehalten worden, von der der Schmied in seiner eifrigen Arbeit nichts gehört. Er schwang seinen Hammer, und die Glut wurde immer größer, sein Eisen gab so wundervolle Funken, die ich in allen Farben leuchten sah, die er aber in seinem Eifer gar nicht beachtete. Die Burschen aber, die hatten löschen helfen, kehrten wieder und sahen die Funken und auch die Glut in der Esse und konnten gar nicht begreifen, woher die kam. Sie sahen sich nach allen Seiten um, und ihre verwunderten Gesichter machten mich lachen. Der Meister war aber so in der Arbeit, dass er die Strafe vergaß, die er ihnen zugedacht, und nur ungeduldig aufsah und meinte, das Feuer sei weniger stark von ihren Blasebälgen als von meinem Rohre. Er drohte den Schlingels, die davongelaufen waren, mit seiner starken Faust, aber da gab ich ihm noch einmal eine solche Glut, dass es war, als schiene eine Sonne aus seiner Esse, und er wollte keinen Augenblick verlieren und hämmerte auf sein glühendes Eisen mit neuer Kraft.
Es war, als kämen freundliche Gedanken und Güte aus meinem Kaleidoskop, ich hatte offenbar noch nicht alle seine Eigenschaften ergründet. Ich fragte die Fee, ob ich auch einmal ihr Märchen- und Traumland mit meinem Rohre ansehen dürfe.
„Gewiss!“, sagte sie, „das darfst du, sogar so oft du die Erde müde bist, oder wenn du traurig bist, so darfst du dich mit einem Blick in mein Märchenlanderquicken.“
Wie soll ich beschreiben, was ich sah! Was ist die Erde gegen Märchenland! Da waren Gärten, natürlich wundervolle Gärten, in denen alles blühte und die herrlichsten Früchte reiften; da waren frohe Gesichter von lauter reizenden Elfen, die sich da tummelten, schwebend, fliegend, schwimmend, in den Blumenkelchen sich schaukelnd, um die Blumen Reigentänze aufführend, und zwar durch die Luft wie leichte Samenflocken, nein, es war ein reizender Anblick! Und zwischen all diesen glückseligen Elfenkindern schritt die Fee hindurch wie ein Sonnenstrahl, der alles noch schöner und noch fröhlicher machte; sie hatte immer kleine Geschenkefür ihre Elfenkinder in der vollen Kunkel, und die Elfen streichelten die Kunkel, aus der ihnen so viel Gutes kam.
Da waren Lauben voller Trauben, die golden hineinhingen, und Kastanienbäume voller reifer Kastanien, die herunterfielen und von den Elfen verzehrt wurden; da waren allerhand wunderschöne große Wasservögel, wie Reiher und Flamingos, aber von so entzückenden Farben, wie man sie in Wirklichkeit niemals sieht. Da flogen Kolibris umher, wie Feuerfunken, so glitzerten ihre Federchen im Sonnenlicht; da waren sogar herrliche kleine Schlangen mit Krönchen von Smaragden und Saphiren auf ihren Köpfchen, mit goldenen Augen und Lidern, die in allen Farben schillerten. Und niemand hatte Furcht vor den wunderschönen Tierchen, die so harmlos um die Blumenstängel glitten, als müsste es so sein, und sich von den Elfenfangen ließen, die sie liebevoll streichelten. Es war ein Reich der Liebe und des Friedens, in das ich hineinsah. Die Elfen hatten durchsichtige Kleidchen an, immer von der Farbe der Blume, aus der sie kamen, rosa aus den Rosen, lila aus den Herbstzeitlosen, blau aus Vergissmeinnicht, grün aus den Gräsern, so dass es schien, als bewegten sich die Blumen selber im reizenden Reigen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an all der Herrlichkeit; wie erstaunte ich aber, als die Fee jedem ihrer kleinen Elfen einen Auftrag zu geben schien und die rasch nach allen Seiten auseinanderstoben. Ich verfolgte ihre Schritte und ihren Flug mit meinem Roh
