Problem Hund - Nora Brede - E-Book

Problem Hund E-Book

Nora Brede

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Beschreibung

Als Problemverhalten wird bei Hunden vieles bezeichnet: Vom gefährlichen Beißer bis hin zum netten, aber unerzogenen 40-kg-Wirbelwind. Über 10 Millionen Hunde gibt es in Deutschland und der Anteil an Hunden, die auffällige Verhaltensweisen zeigen, steigt stetig. Die Ursachen für Problemverhalten bei Hunden sind vielfältig. Ob ein Hund tatsächlich eine krankhafte Verhaltensstörung hat oder ob sein Verhalten problematisch ist, weil Vorurteile herrschen, ist das, was sich viele Menschen fragen, die einen solchen Hund halten. Der Leidensdruck ist groß, denn immer noch herrscht die Ansicht vor, der "beste Freund des Menschen" müsse immer lieb sein. Wie ist es also einzuordnen, wenn der Hund etwas tut, was auffällig ist? In diesem Übersichtswerk bilden wir das breite Spektrum des als problematisch empfundenen und des tatsächlich problematischen Verhaltens ab und erläutern, welche Aspekte es zu beachten gilt. Wir erörtern verschiedene Ursachen, bieten Fachwissen aus Forschung und Praxis zur Einordnung und zum Umgang. Fallbeispiele und grundsätzliche Praktiken zur Sicherung helfen bei den ersten Maßnahmen – mitsamt allem Wissenswerten über Maulkörbe als Hilfsmittel. Kernthemen sind grundsätzliche Herausforderungen im Training von Problemverhalten, allgemeine Herausforderungen in der Erziehung, Probleme mit Ruhe und Erregung, Jagen, Aggressions- und Angstverhalten, sowie Verhaltensstörungen. Zusätzlich bieten wir Orientierung zu Themen rund um die Verantwortung in der Haltung solcher Hunde, die Einordnung von Rassemerkmalen und hilfreiche erste Schritte im Alltag und Notfall.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nora Brede, Ute Heberer

Problem Hund

Vom Umgang mit herausfordernden Hunden

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Mit 154 Farbfotos.

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© 2025, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Pfizerstraße 5–7, 70184 Stuttgartkosmos.de/servicecenter Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-440-51284-5 Redaktion: Katja Pauls Produktion: Angela List E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

Bester Freund oder Belastung

© Nora Brede

„Ich bin hier, weil ich einen Problemhund habe.“ Herzlich willkommen! Problemhunde sind Utes und mein Beruf. Auf ganz unterschiedliche Weise haben wir beide, Ute allerdings einen ordentlichen Batzen mehr als ich, täglich mit Hunden zu tun, die Probleme machen. Sie sind ein Problem für ihre Menschen, für andere Menschen, für andere Hunde, andere Tiere, die Gesellschaft oder für sich selbst. Und die Probleme sind vielfältig! Sie können ganz konkret sein, latent schwelen, empfundene Probleme sein oder objektiv alarmierend. Sie sind hausgemacht, mitgebracht oder genetisch bedingt. Probleme sind eine Belastung und ein Problemhund trägt sie überall dort hin, wo er Menschen begleitet – und macht sie damit zu ihrem Problem.

In den letzten Jahrzehnten haben Ute und ich mit zahlreichen Herangehensweisen und in unterschiedlichsten Medien unser Bestes gegeben, um Menschen mit Problemhunden oder die Hunde selbst zu unterstützen. Was wir jetzt, nach vielen Jahren Freundschaft und Zusammenarbeit, versuchen möchten, ist ein Kompendium der Probleme zusammenzustellen – denn ganz häufig, wenn nicht immer, werden die Probleme des Hundes aus mehr als einer Quelle gespeist. Sie sind multifaktoriell. Und sie können gut angegangen werden, wenn man sich der Ursachen bewusst ist.

Unerwünschtes Verhalten

Der Hund pöbelt lauthals an der Leine, knurrt, schnappt oder beißt, lässt niemanden an sein Futter, zittert wie Espenlaub, wenn die Straßenbahn kommt, zerstört die halbe Wohnung, wenn er eine Stunde alleine bleibt, ist auf und davon, wenn er ein Reh auch nur riecht, hat Nachbars Huhn getötet, kann keine Minute still liegen, springt alles und jeden an, fletscht die Zähne, wenn eine fremde Person ihn anschaut, hört nicht auf zu buddeln, fiept und jammert, mutiert in der Tierarztpraxis zum Berserker, lässt den Mann nicht auf die Couch oder kommt nicht darunter hervor, seit er eingezogen ist, er gehorcht nicht oder rastet aus, wenn er seinen Menschen nicht beim Klogang begleiten darf, kläfft hysterisch und ohrenbetäubend oder rennt Autos hinterher. Die Aufzählung ist nicht annähernd vollständig. Das Füllhorn an Hundeproblemen ist unerschöpflich und ruht nie, neue Varianten auszuspucken.

Zweck des Buchs

Mit diesem Buch möchten wir mehr Verständnis schaffen und eine Orientierung für all jene bieten, die sich mit ihrem Problemhund oder auch allgemein mit Hunden befassen, die aus unterschiedlichen Gründen als problematisch eingestuft werden. Wir wissen, wie sich Menschen, die Gesellschaft und Medien den besten Freund des Menschen gerne vorstellen und welche Erwartungen damit an ein Tier geknüpft sind, die es überhaupt nicht erfüllen kann. Und wir wissen, wie viel Leid auf allen Seiten der Druck verursacht, so ein immer freundliches, immer fröhliches Wesen kreieren zu müssen.

Wir wollen Anleitung bieten, wo es möglich ist, die Faktenlage zugänglich machen, und wir werden von Fällen berichten, die exemplarisch für unterschiedliche Problemhunde sind. Letztendlich sind es individuelle Geschichten, deren Kernbotschaft aber immer eines transportiert: Die allermeisten Probleme können gelöst werden. Manches Mal nicht so, wie der Mensch sich das vorgestellt hatte, aber so, dass das Leben für beide, Mensch und Hund, besser wird und lebenswert ist. Ute und ich wollen in diesem Buch vor allem vermitteln: Wie der beste Freund des Menschen, sein treuster Begleiter, sich verhält, ist genauso individuell wie die Menschen an sich und ihre Ansprüche an Freundschaft und Begleitung es sind.

Ist es ein Problem für den Hund?

Nur weil es zum Normalverhalten gehört, ist ein Verhalten nicht weniger problematisch, denn es ist selten allein der Hund betroffen, sondern auch die Menschen in seinem Umfeld.

Eine der häufigsten Fragen, die im Themenkomplex von Problemverhalten bei Hunden aufgeworfen wird, ist die, ob das Problem denn tatsächlich ein Problem für den Hund oder ob es nicht eher normales Verhalten ist, das der Mensch problematisch findet. Diese Unterscheidung hat immer einen vorwurfsvollen Beiklang. Es wirkt, als würden Menschen ihre Hunde falsch lesen, ihr Verhalten nicht richtig einordnen – kurz gesagt: als liege das Problem beim Menschen. Es macht den Sachverhalt klein und lässt den Menschen als schwierig dastehen.

Betrachtet man die Äußerung „Ist es ein Problem für den Hund?“ genauer, dann muss man allerdings feststellen, dass es auf diese Frage nicht nur eine Antwort geben kann, sondern dass sie auf unterschiedlichen Ebenen beantwortet werden muss. Der Aspekt des Problems mag sich nicht auf der Ebene des Hundes befinden, aber vielleicht auf der Ebene des Menschen oder des Umfeldes, des gesellschaftlichen Drucks oder der Erwartungshaltung. Dadurch wird das Problem mitnichten kleiner. Wenn ein Problem mit dem Hund existiert, dann lässt sich sein Dasein nicht aufheben, indem man sich auf eine andere Komponente konzentriert. Brennt das eigene Haus, dann verschwindet der Brand nicht, wenn man ihm den Rücken kehrt und in den wunderhübsch bepflanzten Garten des Nachbarn auf der anderen Straßenseite schaut.

© Nora Brede

Anhaltendes und schnell auszulösendes Bellen kann zu einer außerordentlichen Belastung für die Bezugspersonen werden: Im Mietshaus, wo sich die Nachbarn beschweren, oder wenn kein Telefonat oder Besuch mehr möglich ist, steigt der Druck – selbst wenn die Rasse, wie hier ein Islandhund, dafür bekannt ist, bellfreudig zu sein.

Was ist normal?

Ein Großteil der Verhaltensweisen von Hunden, die als problematisch eingestuft werden, gehört in den Normalverhaltensbereich. Was die Hunde zeigen, ist normal. Nicht immer bedeutet das, dass es für den Hund auch unproblematisch ist, denn in diesen Bereich gehören sehr viele Verhaltensweisen, die der Bewältigung von Stress und wahrgenommener Bedrohung dienen. Schafft es ein Hund, mit einem Verhalten eine für ihn stressige Situation zu überstehen, dann ist das erst einmal gut. Tritt dieser Stressor immer wieder oder anhaltend auf, kann auch das normalste Verhalten zu einem Problem für den Hund werden. Möglicherweise bewältigt der Hund mit seinem Verhalten auch die eine für ihn schwierige Situation, kreiert damit aber eine andere, kaum weniger unangenehme. Probleme sind wandelbar und erzeugen, ähnlich wie ein Splitter, der sich ins Fleisch bohrt, weitere Probleme, wenn sie nicht entfernt werden können. Da ist der Anfangsschmerz, der Schmerz der anhaltenden Reizung, der Schmerz der folgenden Entzündungsreaktion und der Schmerz, wenn der Körper versucht, den problematischen Fremdkörper loszuwerden. Der Splitter ist das Problem und nicht der Versuch des Körpers, mit ihm umzugehen.

Nicht selten ist der Hund mit seinem problematischen Verhalten so erfolgreich, dass es für ihn eine angemessene Lösung ist – die deswegen immer gezeigt wird, wenn er diese Situation bewältigen muss. Ebenfalls nicht selten begleitet der Hund derweil seinen Menschen und für den ist das Verhalten sehr wohl ein Problem. Der Mensch erkennt schnell, was das Verhalten auslöst, und wird, sobald sich diese Situation anbahnt, selbst Stress empfinden. Es ist unangenehm, wenn der eigene Hund Zeter und Mordio schreiend in der Leine hängt. Vor allem, wenn er mehr als 10 kg wiegt. Besonders in einer ruhigen Gegend und während das Gegenüber mehr oder weniger freundlich, aber vor allem ruhig die hündische Eskalation an der Leine passiert. Besonders wenn dabei wertende Blicke ausgetauscht werden und noch mehr, wenn der Hund einem Rassetypus angehört, dem bestimmte, meist gefährliche Attribute zugeschrieben werden. Besonders auch, wenn die Person, die diesen Hund versucht im Zaum zu halten, sich eigentlich einen Hund angeschafft hat, um mehr Kontakt mit Menschen zu haben, die Zeit in der Natur genießen wollte und an der Idee festhält, dass ein normaler Hund der beste Freund und Begleiter sein sollte.

In der Beziehung zwischen Mensch und Hund werden als problematisch empfundene Verhaltensweisen für Spannungen sorgen. Mitunter mag es schlichte, situativ bedingte Gereiztheit sein, aber auch die geht mit Reaktionen des Menschen einher, die auf einen Hund willkürlich und unvorhersehbar wirken. Mal hält man das Pöbeln an der Leine während des Spazierganges aus, weil man weiß, dass man es sowieso nicht abwenden kann. Ein anderes Mal reagiert man schon mit strengen Vorwarnungen und Korrekturen, wenn eine Leinenbegegnung bevorsteht, weil man sich nicht dazu in der Lage fühlt, an diesem Tag auch noch einen pöbelnden Hund auszuhalten. Kann ein Hund sich nicht auf das Verhalten seines Menschen verlassen oder es einem Kontext zuordnen, dann wird sich das wiederum auf sein Verhalten auswirken. Er wird unsicher wirken, betont unterwürfig, distanziert oder gar enthemmt aggressiv. Ein Hund orientiert sich an dem, was er erfahren und daraus gelernt hat, in der Bewältigung von Problemen und im Umgang mit seinem Menschen. Und damit wird ein vermeintlich kleines Problem, ein „normales“ Problem, im ungünstigen Fall zu einem viel komplexeren, das nicht nur die auslösende Ursache betrifft, sondern das gesamte Zusammenleben.

© Nora Brede

Viele größere Hunde wie dieser Belgische Schäferhund lernen schnell, dass sie mit Schnelligkeit und Kraft ihren Zweibeiner aus dem Gleichgewicht bringen können. Das Reißen an der Leine ist schmerzhaft, belastend und gefährlich – für beide Beteiligten. 

Bewertung durch das soziale Umfeld

Manche Verhaltensweisen eines Hundes werden nicht nur beobachtet, sie werden vom Umfeld aktiv bewertet – oft mit weitreichenden Folgen. Dabei wird der ursprüngliche Rahmen leicht überschritten: Ein Hund, der mit eingeklemmter Rute zitternd am Straßenrand steht, wird schnell als Opfer von Gewalt gesehen – jemand ruft die Behörden. Ein anderer, der überschwänglich das Gesicht eines Menschen abschlecken möchte, wird panisch mit einem Regenschirm abgewehrt, weil es so wirkt, als wolle er angreifen. Und manchmal sind diese Bewertungen nicht nur Missverständnisse, sondern gezielte Inszenierungen: Ein Hund einer als gefährlich geltenden Rasse wird auf dem Grundstück gehalten und darf am Zaun wütend bellen – um Angst zu machen. Er steht dort nicht, obwohl er aggressiv wirkt, sondern weil er es soll.

In all diesen Fällen entscheidet nicht der Hund, wie sein Verhalten verstanden wird – die Einordnung erfolgt durch das soziale Umfeld. Und das reagiert nicht neutral, sondern mit Erwartung, Projektion und manchmal auch mit Strategie.

Ein Problem können diejenigen bekommen, die einen Hund des gleichen Rassetyps halten und zeigen möchten, dass die Rasse an sich nicht das Problem ist. Ganz im Gegenteil: Sie bestehen darauf, dass die Hunde dieser Rasse äußerst freundlich und aufgeschlossen seien, wenn man sie entsprechend erzieht. Wenn so ein Hund diese Idee nicht immer erfüllen kann, vielleicht sogar, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen sich ihm gegenüber ängstlich oder vorsichtig verhalten, dann entsteht eine zusätzliche Ebene: Der Mensch registriert dieses Verhalten nicht oder blendet es aus, weil es sich mit der Idee des im Kern guten Hundes nicht vereinbaren lässt. Irgendwo zwischen dem tatsächlichen Individuum, seinem Aussehen und den Erwartungen, die daran geknüpft sind, musste der Hund über die in den Weg gelegten, absurd abstrakten Steine stolpern und befindet sich jetzt in einem unlösbaren Problemkonstrukt, das seine Lebensqualität einschränken kann.

Geschürt werden solche Konstrukte von Medien, die wissen, dass Themen rund um Hunde Interesse beim Publikum wecken. Es ist nicht relevant, dass weitaus mehr Personen durch Stürze von Leitern oder Pferden sterben. Das Publikum interessiert sich für den besten Freund des Menschen und nicht für das Haushaltsutensil oder das edle Fluchttier. Anstatt Verordnungen zu erlassen, die den Umgang mit Leitern mit einer Sachkunde verknüpfen, werden Menschen, die Hunde mit einem bestimmten Aussehen halten, teils über absurd hohe Steuersätze zur Kasse gebeten. Natürlich ist das eine überspitzte Darstellung – aber es ist der Vergleich der Reaktionen auf Äpfel und Birnen, geschürt durch Medien, die Fakten nutzen, ohne sie differenziert in einen sachlichen Rahmen zu setzen. Anders formuliert muss man feststellen, dass die mediale Aufmerksamkeit für das Thema Hund in keiner Relation zu seiner Gefährlichkeit oder den durch dieses Haustier verursachten Problemen steht. Das macht Vorfälle nicht weniger schlimm, aber auch hier spielt die Metaebene eine große Rolle in der Erzeugung von Problemen und ihren Ausmaßen.

© Nora Brede

Molosser wie dieser Mastino Napolitano gelten als gemütlich und dennoch eindrucksvoll. Dass sie eine kaum kontrollierbare Körpermasse haben, wenn sie einmal ausgewachsen sind, wird dann zum Problem, wenn der Hund fremden Menschen oder Hunden gegenüber nicht freundlich eingestellt ist. 

Bellen und Beißen

Bellen und Beißen sind die Zweifaltigkeit der hündischen Unannehmlichkeiten, die – einmal eskaliert – zu einem immensen Leidensdruck für Tier und Mensch führen kann.

© Nora Brede

Streitereien unter Hunden können passieren, dennoch ist es ein großer Schreckmoment, wenn der eigene Hund beteiligt ist – wird er beißen oder gebissen werden?  Besonders wenn problematische Rassen in Konflikte involviert sind, machen sich ihre Menschen große Sorgen. 

Probleme, die Hunde verursachen, lassen sich auf zwei Kernverhaltensweisen fokussieren, die nicht einfach behebbar sind: Bellen und Beißen.

Hunde bellen. Das Geräusch, das immer wieder Anlass für kapitale Nachbarschaftsstreits ist und die Behörden und Gerichte beschäftigt, ist ein Verhalten, das wir mit diesem Haustier überhaupt erst kreiert haben. Die Forschung geht heute davon aus, dass der Mensch durch Zuchtwahl das Bellen der Hunde in seiner heutigen Form erfunden hat. Es sind Lautäußerungen, die wir Menschen einordnen und damit verstehen können. Wölfe, als die nächsten Verwandten des Hundes, verbindet ein gemeinsamer Vorfahre, der ziemlich sicher nicht bellte. Lautäußerungen wie heulen oder knurren teilen beide Arten, Wolf wie Hund. Bellen können Wölfe hingegen nicht. Pongrácz et al. (2005) konnte zeigen, dass auch Menschen, die selbst keinen Hund besitzen, anhand der Art des Bellens grob einordnen können, welche Motivation dahintersteckt. Ist es ein verzweifeltes Bellen, ein freudig-erregtes Bellen oder ein wütendes Bellen? Menschen hören diese Geräusche und verstehen sie ähnlich einer Sprache – denn das ist das, was uns Menschen von anderen Tieren unterscheidet: unsere Fähigkeit zu sprechen.

Warum Hunde bellen

Nun bellen Hunde vor allem dann, wenn sie etwas mitteilen wollen und sich in einem Kontext befinden, in dem das Kommunizieren von Bedürfnissen nicht ausreichend durch andere Mittel wie Körpersprache dargestellt werden kann. Hunde bellen, um Fremde zu vertreiben, aus Frust oder aus Stress, wenn sie beispielsweise alleine sind. Haben Hunde den direkten Kontakt zu ihren Bezugspersonen, fühlen sie sich nicht alleine und empfinden zumeist auch keinen Frust. Einige Hunde werden auch keine vermeintlichen Eindringlinge melden, wenn vor Ort eine Person ist, die das Bellen dann als störendes Geräusch unterbinden wird. Hunde bellen, wenn keiner da ist, der sich daran stört. Das Problem ist die Umwelt, die Nachbarschaft, der Straßenzug, für den das Bellen störend ist. Und je häufiger, lauter und monoton lang anhaltender das Bellen ist, desto schlimmer ist es.

Selbst auf dem Land, wo beispielsweise einige Menschen, die Nutztiere wie Schafe oder Ziegen halten, jetzt dazu übergehen, ihren Herden Herdenschutzhunde an die Seite zu stellen, um sie vor Übergriffen durch Wölfe oder Hunde zu schützen, kommt es zu Beschwerden und Gerichtsverfahren. Denn während der Herdenschutzhund genau das tut, wofür er ursprünglich gezüchtet wurde, tut er es vor allem in der Dämmerung und nachts: bellen. Anhaltend und bei jedem Störgeräusch. Und da Nutztierherden heute immer mehr oder weniger in der Nähe von Wohnsiedlungen gehalten werden, gibt es viele Störgeräusche und viele, die sich an Geräuschen stören. Herdenschutzhunde werden auch reagieren, wenn sich Personen, besonders mit Hunden, der Nutztierherde nähern. Gleichzeitig sind aber die Flächen, auf denen vor allem Schafe gehalten werden, eben häufig in Landschaften zu finden, die naturnah und besonders geeignet für Wanderungen und Spaziergänge sind. Da sowohl der Herdenschutzhund als auch die Wandernden einen Weg oder ein Gebiet für sich beanspruchen werden, kommt es zu lauten Konflikten. Beide Parteien verlieren im ungünstigsten Fall weit mehr als nur einige laute Minuten, wenn es zu einer Attacke kommt. Das Problem als Stachel im Fleisch entzündet sich, wenn der Hund der Menschen, die dort spazieren gehen, oder gar die Personen selbst angegriffen werden.

Warum Hunde beißen

Beißt ein Hund, dann führt das in unseren Breiten zu einer Kaskade an Folgeproblemen. Mitunter reicht schon ein erstes, vergleichsweise leidenschaftsloses Schnappen, um Menschen so tief zu verunsichern, dass es sich wie ein schier unbewältigbares Desaster anfühlt. Über kaum eine andere Verhaltensweise eines Hundes wird mehr debattiert, berichtet und geurteilt. Anders als bei Hunden, die ängstliches Verhalten zeigen und in diesem Kontext eher besondere Aufmerksamkeit und Schutzwürdigkeit erfahren, gerät der aggressiv schnappende oder beißende Hund schnell und unverschuldet in eine Täterrolle. Die Frage nach dem Warum wird häufig emotional stark eingefärbt und oberflächlich beantwortet. Der Hund als vermeintliches Raubtier (denn streng genommen ist er in seiner ökologischen Rolle ein Omnivor) genießt nicht die gleichen Toleranzspielräume wie Fluchttiere, seien es attackierende Hähne, Pferde oder Rinder. Und dabei verfügen auch Fluchttiere über ein Normalverhaltensrepertoire, das nicht nur Ängste umfasst, sondern eben sehr wohl auch Aggressionsverhalten. Trotzdem gibt es keine Tierschutz-Pferde-Verordnung. Nicht selten wird deswegen konstatiert, dass sich ein Hund aus Angst aggressiv verhält – auch wenn es keine Anzeichen im Ausdrucksverhalten gibt, die eine solche Einschätzung untermauern. Denn ein „Angstbeißer“ ist vertretbarer als ein Hund, der aus anderen Gründen zulangt.

Was auch immer sein Motiv ist: Ein beißender Hund kann schwere und lebensgefährliche Verletzungen zufügen. Das gilt nicht nur für große Hunde, sondern auch für kleine. Dennoch haben diverse Bundesländer eine sogenannte 20/40-Regelung, die ein besonderes Gefährdungspotenzial von Hunden ausgehen sieht, die über zwanzig Kilogramm wiegen und größer als vierzig Zentimeter sind. Die Frage ist immer, ab wann ein Abweichen von freundlich-neutralem Verhalten vom Menschen bereits als relevante Eskalation wahrgenommen, wie die Botschaft verstanden und wie darauf eingegangen wird. Wartet man, bis es tatsächlich zu einer Verletzung gekommen ist, dann kann ein problematisches Verhalten schon so gefestigt sein, dass es weitaus schwieriger wird, eine bessere Alternative mit dem Hund zu erarbeiten. Reagiert man massiv auf erste Anzeichen einer Abwehr, beispielsweise ein Knurren, und straft das Verhalten ab, anstatt die Situation zu betrachten, dann kann ein Hund lernen, warnende Lautäußerungen oder entsprechendes Ausdrucksverhalten nicht mehr zu zeigen, bevor er weiter eskaliert. Allein dass genau dieser letztere Ausgang immer wieder mahnend angebracht wird, hält viele Menschen davon ab, sich mit dem unfreundlichen Verhalten ihrer Hunde auseinanderzusetzen.

Gesellschaft, Medien, Meinung und Fakten

Das Lebensumfeld unserer Hunde ist hochkomplex und für sie selbst überhaupt nicht zu erfassen – gesellschaftliche Konstrukte und ethische Werte belasten vor allem die Menschen, die Hunde halten.

© Nora Brede

Die Continental Bulldog-Hündin ist eigentlich ein überaus freundlicher Hund, außer in Leinenbegegnungen. Dann schießt sie, nachdem sie den entgegenkommenden Hund drohfixiert hat, nach vorne und lässt sich von ihrer zierlichen Halterin kaum noch halten, während sie bellend und grollend pöbelt. 

Die Haltung von Hunden in unserer westlichen Gesellschaft ist mit Abstand die komplizierteste unter allen Haustieren. Kein anderes Haustier ist mit so vielen Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert, wird in so vielen Gesetzen und Verordnungen angesprochen und reglementiert und muss sich zeitgleich auch noch derart in das Leben einer völlig anderen Art, dem des Menschen, einpassen. Obwohl wir Hunde häufig kastrieren und stark kontrollieren, mit wem und ob überhaupt sie sich vermehren dürfen, ist diese ökologische Strategie für den Hund als Tierart überaus erfolgreich. Global betrachtet haben Hunde die gleiche Gesamtbiomasse, 20 Millionen Tonnen, wie alle auf diesem Planeten vorkommenden wilden Landwirbeltiere zusammen (Greenspoon et al. 2023). In unseren Breiten hat sich die Anzahl der Hunde in den letzten 15 Jahren von 5,3 Millionen in 2010 auf 10,5 Millionen in 2023 verdoppelt. Jeder fünfte Haushalt hält mindestens einen Hund (Statista). Hunde sind omnipräsent in unserer Gesellschaft. Kotend und bellend bewegen sie sich zwischen uns Menschen und erfüllen ihre Aufgabe als Haustier, Sozialpartner, Prestigeobjekt, Freizeitbeschäftigung, Sportgerät oder Gebrauchshund. Diese Aufzählung mag etwas provokativ klingen, aber letztendlich begleiten uns Hunde aus ganz unterschiedlichen Gründen – und die allermeisten davon sind vollkommen legitim. Denn zwischen der Motivation, sich einen Hund anzuschaffen, und der Umsetzung seiner Haltung gibt es nicht unbedingt gravierende Unterschiede. Ob ein Hund artgerecht gehalten wird, hängt vor allem vom Menschen ab – von dessen Bereitschaft, seinen Möglichkeiten und seinem Willen, sich ernsthaft mit Hundehaltung auseinanderzusetzen. Entscheidend ist dabei weniger, welche konkrete Rolle der Hund im Leben des Menschen erfüllt.

Polarisierung unter Hundehaltern

Menschen schaffen es, sich selbst innerhalb der Hundehaltung in Fraktionen aufzuspalten und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das jeweilige Einsatzgebiet eines Hundes wird oft direkt verknüpft mit Vorurteilen über Zwingerhaltung, Kindersatz oder gewaltvoller Erziehung. Dabei wissen wir alle, dass pauschale Unterstellungen und Vorwürfe noch nie dazu geführt haben, dass ein Mensch sich der Ansicht der agitierenden Person geöffnet hat. Wenn es um die Haltung von Hunden geht, scheiden sich in so vielen Aspekten die Geister, dass es dem Betreten eines Minenfeldes gleicht: das Aussehen des Hundes – abseits der völlig berechtigten Debatte über Defektzuchten, Rassepräferenzen und -verurteilung –, die Haltung zwischen Couch und Zwinger, das Führen an Halsband oder Geschirr, die Fütterung mit Trockenfutter oder Rohfleisch, die Erziehung allein mit Belohnung erwünschten Verhaltens bis hin zu der Anwendung von Strafen. Die Auseinandersetzungen werden durch soziale Plattformen, Foren, Blogs, Podcasts, Fernsehsendungen, Bücher und jede andere Form der Veröffentlichung einem breiten Publikum präsentiert. Wer heute einen Hund hält, bewegt sich nicht mehr nur ausschließlich zwischen dem Wissen der benachbarten Zuchtstätte, den Beratungen durch die eigene veterinärmedizinische Praxis und den Erfahrungswerten auf dem Platz des lokalen Hundevereins. Wer sich aus ehrlichem Interesse in die Materie vertiefen will, gerät schnell in eine wütende See: Wellen lautstark propagierter Meinungen schlagen von allen Seiten ein. Man wird hin- und hergerissen, rudert dilettantisch mit den Armen, versucht irgendwie, den Kopf über Wasser zu halten – und hofft dabei, den eigenen Weg an einen sicheren Strand zu finden.

Die Welt der Hundehaltung ist nicht immer geprägt von wohlwollender Unterstützung. Stattdessen stößt man auf Schuldzuweisungen, laut auftretende Fachfassaden, egogetriebener Profilsucht und jede Menge Marketing – bei dem weniger das Wohlergehen von Mensch und Hund im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr der Profit. Die Intensität der Auseinandersetzungen nimmt zu, weil der Großteil der Menschen heute, wie zwar zu allen anderen Zeiten auch, den Hund als Begleiter wahrnimmt, aber das Leben über die Hundehaltung hinaus immer komplexer und stressiger wird. Die allermeisten Menschen, die von Hunden begleitet werden, werden heute angeben, dass ihr Hund für sie ein wertvolles Familienmitglied ist. Hunde geben uns ein Gefühl des wertfreien Wahrgenommenwerdens. Sie bieten Zuwendung, körperlich und durch ihre Aufmerksamkeit, Gemeinsamkeit und Wärme. Sie sind unsere Begleiter, die sich auch dann nicht von uns abwenden, wenn wir schlecht gelaunt sind oder eine Entscheidung treffen, die (menschliche) Freunde und Familie verurteilen würden. Sie geben uns den Freiraum, zu sein, wer wir sind – denn sie tolerieren viel, weil es schlicht nicht in ihrer Biologie liegt, abstrakte menschliche Beweggründe zu bewerten. Darüber hinaus gehört leider zu diesen Eigenschaften auch, dass Hunde ungünstige Lebensbedingungen nicht verlassen, selbst wenn sie es können. Sie gehen mit Gewalt und Ausgrenzung um, mit Hunger und mit Durst, mit Krankheit und Verletzung und haben in ihrem Verhaltensrepertoire keine Option, das eigene Leben um jeden Preis zu sichern. Nicht in der für sie nicht erfassbaren Umwelt aus Futtersäcken und Transportboxen, verschließbaren Haustüren und stabilen Zäunen. Menschen lieben Hunde, weil Hunde bleiben und Nähe suchen, auch wenn sich im schlimmsten Fall alle menschlichen Gefährten bereits abgewandt haben. Letzteres ist natürlich ein Szenario, das selten vorkommt – es soll nur verdeutlichen, warum wir Hunde in ihrer Unvoreingenommenheit unseren vermeintlichen Fehlern und Schwächen gegenüber so schätzen.

Wen wundert es, dass ein Hund, der in diesem Labyrinth aus Erwartungen und Lebenskonzepten auch noch durch problematisches Verhalten auffällig wird, schnell verurteilt wird? Wen wundert es, dass sich Menschen ob des immensen Drucks hilflos fühlen oder besorgt reagieren?

© Ute Heberer

Kinder setzt man bewusst oder unbewusst Situationen aus, die situativ zunächst als unangenehm empfunden werden können. Das macht sie nachweislich resilienter. In der westlichen Hundewelt ist eine solche Vorgehensweise stark umstritten.

Der Mensch in der Krise

Menschen, die einen Problemhund haben, suchen oft auf den unterschiedlichsten Wegen nach Hilfe. Sich mit anderen auszutauschen, ist zumindest eine Entlastung.

Es ist immer gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Schwieriger wird es, wenn man eine spezialisierte Hundeschule finden möchte. Nach unserer Erfahrung braucht es häufig mehrere Anläufe, bis man eine Fachperson gefunden hat, die dazu in der Lage ist, neben dem eigentlichen Problem auch die Bezugsperson mit einzubeziehen. Es hilft nichts, über Wochen und Monate an einem Verhalten zu arbeiten, wenn der Ursprung des Konflikts nicht angesprochen und bearbeitet wird. Und das in Abstimmung mit der Person, die das letztendlich zu Hause und durchgehend umsetzen muss.

Was bringt es, einem an der Leine pöbelnden Hund verständlich machen zu wollen, dass er das nicht mehr tun soll, wenn er schon in seinem Zuhause nie gelernt hat, dass es Dinge gibt, die er nicht darf, und dass eine Ansprache durch seine Bezugsperson optional und nicht obligatorisch ist? Was bringt es, bei einem eingefleischten Jagdhund die Schleppleine jede Woche um einen Zentimeter zu kürzen, wenn dem Hund nie verständlich gemacht wurde, dass er sich am Menschen orientieren und auf dessen Regeln achten muss? Was bringt es, für den Border Collie einen sauber aufgebauten und positiv verknüpften Ruheplatz aufgebaut zu haben, wenn der gleiche Hund viermal in der Woche zum Agility- oder Flyballtraining geht – zusammen mit seinen vor Erregung schreienden und kläffenden Hundekumpels?

Die Grundlagen eines problematischen Verhaltens zu verstehen, ist ein Anfang. Mit einer professionellen Begleitung kann man viel erreichen. Man braucht Geduld. Man braucht Durchhaltevermögen. Man muss Rückschläge verkraften. Aber eines wissen wir aus der Erfahrung der letzten Jahrzehnte: Es kann wieder gut werden.

Chance zum Wachsen nutzen

Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber: An einem Problemhund wächst man. Vielleicht erfährt man zum ersten Mal, wie es ist, wenn man nicht beliebt oder wenigstens angepasst unscheinbar ist. Mit einem Mal fühlt man die verurteilenden Blicke, hört das Getuschel oder erfährt, wie es ist, wenn eine Unterhaltung abgebrochen wird, sobald man sich nähert. Selbst Freundschaften werden belastet, weil Erzählungen vom Hund mit einem Mal nicht mit Niedlichkeitsbekundungen quittiert werden, sondern mit Schweigen.

Was ist, wenn mein Hund einen anderen verletzt? Oder sogar einen Menschen? Die Sorgen sind groß und berechtigt. Wir hoffen, auf den kommenden Seiten aufzuzeigen, wie vielfältig Probleme sein können, welche Faktoren eine Rolle spielen, und wir schreiben es hier, falls wir es in einem Kapitel nicht ausdrücklich genug getan haben: Habt den Mut, euch der Verantwortung zu stellen! Es findet sich eine Lösung, so unkonventionell sie auch erscheinen mag.

© Nora Brede

War es beim Welpen oder Junghund noch niedlich, stellt sich ab der Pubertät plötzlich heraus, dass das Anspringen des eigenen Hundes gar nicht nur aus überbordender Freude passiert – sondern mit schmerzhaften Schrammen der Krallen oder blauen Flecken durch Zwicken einhergeht. Hunde, die ihre Menschen einzuschränken versuchen, wie es dieser Australian Cattle Dog tut, können zu einem Problem werden.

© Nora Brede

Um einen reaktiven Gebrauchshund wie diesen Border Collie zu einem ausgeglichenen Begleiter zu machen, bemühen sich viele Menschen, Action zu bieten. Nicht selten führt das zu Problemen, wenn der Hund nicht gleichzeitig lernt zu ruhen – gerade Hütehunde schaffen das häufig nicht ohne Hilfe. 

Sicherheit und Selbstschutz

© Nora Brede

Die Gesundheit steht im Fokus

Wir halten es für das einzig Richtige, zuallererst über Möglichkeiten der Sicherung zu sprechen – für sich selbst, den Hund und das Umfeld. Der Schutz aller Beteiligten ist das, was im Falle des Falles als Erstes angegangen werden sollte.

Gleichzeitig engagieren wir uns schon seit Jahren für einen offenen und wohlwollenden Umgang mit Maulkörben, dem gängigsten aller Hilfsmittel, die uns für Hunde neben Halsband bzw. Geschirr und Leine zur Verfügung stehen. Vor allem, aber nicht nur, wenn es um Hunde geht, die problematische Verhaltensweisen zeigen.

Wir nutzen dieses Werk auch, um einen umfassenden Einblick in die inzwischen bunte Welt der Maulkörbe zu geben, denn immer noch gibt es viele Vorurteile und schlecht sitzende Schutzhilfen. Wenn es um Problemverhalten geht, dann bieten Maulkörbe in der Haltung und im Training einen sicheren Puffer, der kleine Fehler bei Hund und Mensch nicht zu Desastern werden lässt. Fehler passieren und sind der beste Weg, um etwas Neues zu lernen – aber wenn es um jagende oder beißende Hunde geht, dann sollte man das Ausmaß des Fehlers nicht außer Acht lassen. Entsteht mit einem Maulkorb ein Hämatom, wäre es ohne ebendiesen eine Bisswunde geworden, deren Heilung sich über Wochen zieht. Ein gut sitzender Maulkorb ist heute ein Zeichen des verantwortungsvollen Umgangs mit Hunden in einer dicht besiedelten Landschaft mit vielen potenziellen Gefahren und Opfern.

Wir sprechen auch Maßnahmen an, die im Umgang mit Problemverhalten sinnvoll sind und nicht ausschließlich durch Hilfsmittel abgedeckt sind. Es gibt eine ganze Reihe an präventiven Verhaltensregeln, die angewandt werden können, um die Flucht eines Hundes oder einen Angriff zu vermeiden.

© Nora Brede

Hunde wie dieser Malamute-Mischling, die häufig und lange einen Maulkorb tragen, werden durch ihn so wenig gestört wie durch ein angelegtes Halsband. Wie tief ein Maulkorb sein sollte, hängt dabei maßgeblich vom Hechel-Bedarf des Hundes und den Temperaturen ab.

Sicherung mit Maulkorb

Der Maulkorb ist Fluch und Segen: Trägt der Hund ihn, wird seine vermeintliche Gefährlichkeit für andere sichtbar. Passiert etwas, bleibt es meist bei einem blauen Fleck anstatt einer klaffenden Wunde.

© Karin Tramposch

Ein stabiler, sicherer Maulkorb ist nicht nur ein hübsches Accessoire, sondern er gibt dem Hund die Freiheit zurück. Hunde mit Maulkorb sind dadurch in nichts eingeschränkt, können kommunizieren und wir können gesichert an ihren Defiziten im Sozialverhalten arbeiten.

Der Maulkorb ist eines jener Hilfsmittel, an dem sich die Geister scheiden. Für die einen ist er immer Tierquälerei, für die anderen die letzte Möglichkeit, einem Hund ein sicheres und erfülltes Leben zu ermöglichen. In manchen Fällen entscheidet er sogar darüber, ob ein Hund weiterleben darf oder nicht. Dabei ist der Maulkorb vor allem eines: ein effektives Werkzeug, das Mensch und Hund im Alltag entlastet.

In der öffentlichen Wahrnehmung steht der Maulkorb meist für Gefährlichkeit (Racca & Baudouin, 2009). Ein Hund, der einen Maulkorb trägt, beißt – oder könnte beißen. Warum sonst sollte man ihm einen Maulkorb anlegen? In vielen Fällen geht es aber nicht um Gefährlichkeit, sondern um Vorschriften: Im öffentlichen Nahverkehr, in bestimmten Städten oder Regionen gilt Maulkorbpflicht – unabhängig davon, ob der Hund beißt oder zahnlos ist. Maulkörbe haben in den letzten Jahren einen Imagewandel erlebt. Neue Materialien, bessere Passformen und wachsende Akzeptanz machen sie heute alltagstauglich. Was weiterhin fehlt, ist ein Überblick, der aufklärt: über Vorurteile, Anwendungsbereiche und das enorme Potenzial dieses oft missverstandenen Hilfsmittels.

Fremd- und Selbstschutz

Unsere Lebensräume sind dicht besiedelt, voller Reize und Gefahren. Hunde leben heute in einem hochgradig durchstrukturierten Umfeld: Straßen, Verkehr, Kindergärten, Supermärkte, Parks, Bahnhöfe. Was für uns normal ist, ist für Hunde oft eine Überforderung. Gleichzeitig stoßen sie auf zahllose Risiken: weggeworfene Lebensmittel, Kot (auch menschlicher), Drogenreste, Glasscherben, Giftköder. Was wie ein urbaner Dschungel aussieht, ist für Hunde voller potenziell gefährlicher Reize – viele davon riechen oder schmecken interessant, sind aber hochgradig gesundheitsschädlich.

Die Argumentation, dass Hunde früher oder in anderen Kulturen auch ohne Maulkorb zurechtkamen, greift zu kurz. Denn wir erwarten heute ein anderes Miteinander. Hunde sind keine Straßenhunde, die allein für ihr Überleben sorgen. Sie sind Teil unserer Familien – und damit gelten für sie auch andere Maßstäbe. Kein Hund soll durch Vergiftung oder Schreck lernen, was gefährlich ist. Kein Hund soll durch den Verlust eines Auges erfahren, dass der Nachbarskater keine Beute ist. Was bleibt, ist ein Tier zwischen drei und 80 Kilogramm in einem komplexen Umfeld, das ursprünglich nicht für Hunde gedacht ist. Das führt zu Spannungen – besonders dort, wo hohe Hundedichte auf individuelle Eigenarten trifft. Nicht jeder Hund ist anpassungsfähig. Nicht jede Haltung ist sinnvoll. Und nicht jede Reaktion der Umwelt ist fair oder vorhersagbar.

Maulkörbe dienen längst nicht nur dem Schutz anderer. Sie helfen, den Hund zu sichern, zu entlasten und ihm neue Spielräume zu eröffnen. Viele Menschen, die einen Hund haben, sind zu Beginn zögerlich – häufig, weil sie fürchten, ihr Hund könne stigmatisiert werden. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum ein Hund einen Maulkorb trägt, und wenn es die Sicherheit anderer nicht gefährdet, dann ist es nicht unbedingt wichtig, was man als Grund angibt.

Der Maulkorb wird oft mit Beißschutz gleichgesetzt – im Alltag bewährt er sich aber genauso als Fressschutz. Hunde, die regelmäßig Dinge aufnehmen, können ihre Menschen an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Wer seinen Hund ständig beobachten muss – auf Spaziergängen, im Garten, im Haus – trägt eine enorme Verantwortung. Besonders dann, wenn bereits eine oder gar mehrere Notaufenthalte in einer Tierklinik notwendig waren und beim kleinsten Fehler Lebensgefahr besteht.

Auch typische Rassedispositionen können problematisch sein: Terrier, die Kleintiere töten, Labrador und Flat Coated Retriever haben eine genetische Disposition für Fresslust (Dittmann et al. 2024) – oder auch verschiedene Rassen, die zu Problemen mit der Verdauung neigen, die aus Stress oder Krankheit Gras, Plastik, Stoff oder Kot fressen. Koprophagie, also das Fressen von Kot (dem eigenen, von anderen Hunden oder anderen Tieren), mag biologisch erklärbar sein, wird aber spätestens dann zum Problem, wenn kleine Kinder im Haushalt leben oder der Hund Kot mit gefährlichen Erregern aufnimmt.

Ein Maulkorb kann diese Risiken nicht nur minimieren, sondern auch das Training unterstützen: Wenn das gefährliche Verhalten nicht mehr zum Erfolg führt, entstehen neue Lernmöglichkeiten – bis hin zu gezieltem Anzeigeverhalten.

Der Zweck des Maulkorbs

Verletzungen vermeiden

Der Hund zeigt enthemmtes Aggressionsverhalten, reagiert offensiv auf Bedrängung oder ist artgenossenunverträglich. Oder anders gesagt: Der Hund beißt entweder Menschen und / oder Hunde.

Aufnahme verhindern

Der Hund frisst Abfall, Kot oder andere Dinge, die seine Gesundheit gefährden – sei es aus Neugier oder Stress. Oder er tendiert dazu, ein Übermaß an Gras zu fressen. Gegebenenfalls jagt der Hund auch mehr oder weniger erfolgreich und es gilt, im Notfall Verletzungen bei der Beute zu verhindern.

Krankheit

Der Hund leidet unter Verdauungsproblemen (s. Aufnahme verhindern), Impulskontrollstörungen oder Infektionskrankheiten. Vielleicht hat er auch eine OP-Wunde oder einen Hotspot, also eine entzündliche Hautläsion, oder zeigt eine Verhaltensstörung, die sich autoaggressiv gegen beispielsweise seine Pfoten oder die Rute richtet.

Von außen bestimmt

Es bestehen Auflagen durch Behörden, Verkehrsregeln oder einfach ein Bedürfnis nach mehr Sicherheit. Dazu gehört auch die Gewöhnung an den Maulkorb, weil der Hund später einmal in öffentliche Verkehrsmittel mitgenommen wird oder sich an öffentlichen Orten aufhält, wo eine Maulkorbpflicht besteht. Es gibt auch einige Urlaubsländer, die das Maulkorbtragen, beispielsweise in Gondeln von Bergbahnen, verlangen.

Natürlich bleibt der Maulkorb als ein Beißschutz das beste Hilfsmittel der Wahl. Aber statt ihn als „letzte Maßnahme“ zu begreifen, sollten wir ihn als präventive Sicherheitsmaßnahme und Entlastung verstehen. Aggressives Verhalten ist Teil des Normalverhaltens von Hunden. Aber in unserer Gesellschaft wird dieses Verhalten selten akzeptiert – noch weniger gegenüber Menschen als gegenüber anderen Hunden.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen machen unmissverständlich klar: Wer einen Hund hält, muss ihn jederzeit kontrollieren können. In dicht besiedelten Regionen, wo Hunde auf engem Raum aufeinandertreffen, entstehen Konflikte oft schneller, als Menschen eingreifen können – besonders dann, wenn Hunde wenig Erfahrung im Umgang mit Artgenossen haben. Der Maulkorb kann hier einen wichtigen Beitrag zur Deeskalation leisten: Er schützt nicht nur andere, sondern auch den Hund vor den Folgen eines möglichen Fehlverhaltens.

Besonders bei jungen, kräftigen, reaktiven Hunden ist es sinnvoll, kontrollierte Kontakte mit Maulkorb zu ermöglichen. So können sie lernen, wie ihr Verhalten wirkt, ohne dass die Beteiligten Gefahr laufen, ernsthaft verletzt zu werden.

Verletzungen durch Hundebisse sind nicht nur schmerzhaft – sie bergen Infektionsrisiken, können bleibende Schäden verursachen und die Lebensqualität massiv einschränken.

© Nora Brede

Es ist verständlich, dass Menschen sich davor scheuen, ihren Hund an einen Maulkorb zu gewöhnen. Gerade wenn das Zusammenleben konflikthaft ist, bietet ein Maulkorb die Freiheit, sicher und fehlertolerant mit dem Hund umzugehen, ohne sich selbst oder andere zu gefährden.

Maulkörbe im Detail

Damit ein Maulkorb auf so einem empfindlichen und mit unzähligen Sinnesorganen besetzten Körperteil einwandfrei sitzt, lohnt es sich, sich genauer mit der Materie zu befassen.

Der Hundeschädel ist individuell geformt, was die Maulkorbwahl erschwert und hin und wieder auch eine individuelle Lösung notwendig macht. Ein gut sitzender Maulkorb muss die empfindlichen Strukturen des Kopfes berücksichtigen, um Verletzungen zu vermeiden, und damit der Maulkorb auch bei längerem Tragen vom Hund akzeptiert werden kann. Es macht deswegen Sinn, sich mit den neuralgischen Punkten des Hundekopfes zu befassen.

Grundsätzlich besteht der Schädel aus Ober- und Unterkiefer. Der Oberkiefer ist fest mit dem Hirnschädel verbunden, während der Unterkiefer frei hängt und nur durch Muskeln gehalten wird. Beim Öffnen und Schließen des Mauls bewegt sich deswegen ausschließlich der Unterkiefer. Deswegen ist es auch so wichtig, dass ein Maulkorb, der praktisch immer auf dem fest verwachsenen Nasenrücken aufliegt, nach unten genug Tiefe bietet, weil der Hund zum Hecheln und Trinken den Unterkiefer bewegt.

Der Nasenschwamm (Nasenspiegel) geht in die Nebenhöhlen über, die eine große Oberfläche zur Geruchswahrnehmung bieten und besonders wichtig für die Temperaturregulation des Hundekörpers sind. Etwa unterhalb des Nasenschwamms, im Maulraum des Oberkiefers, liegt das Jakobsonsche Organ, das chemische Signale aus Körperflüssigkeiten analysiert. Seitlich am Oberkiefer liegt das Foramen infraorbitale, eine tastbare Öffnung für Nerven, die von den Vibrissen (Tasthaaren) zum Gehirn führen. Diese Haare dienen der Wahrnehmung und Reflexsteuerung. Seit 2022 ist das Kürzen der Vibrissen in Deutschland verboten, da sie eine wichtige sensorische Schutzfunktion haben: Sie lassen den Hundekopf besonders schnell reagieren.

Das Auge wird durch die Hornhaut (Cornea) geschützt, die für klares Sehen feucht gehalten wird. Die Tränendrüsen an der Außenseite des Auges produzieren Flüssigkeit, die über den Lidschlag verteilt und durch die Tränenkanäle zur Nasenschleimhaut abgeleitet wird – daher kann ein Hundetränenfluss zu einer feuchten Nase führen. Also ja, die feuchte Hundenase sind eigentlich Tränen. Der Korneal-Reflex schützt das Auge: Berührungen der Hornhaut lösen sofortiges Blinzeln und verstärkte Tränenproduktion aus.

Da der Maulkorb in direkter Nähe aller dieser empfindlichen Strukturen liegt, muss er so sitzen, dass weder Druckstellen entstehen noch Sinnesorgane beeinträchtigt werden. Besondere Vorsicht gilt dem Nasenschwamm, den Vibrissen, dem Foramen infraorbitale und der Augenpartie, um schmerzhafte Reizungen oder Verletzungen zu vermeiden.

Drahtmaulkörbe

Drahtmaulkörbe bestehen aus verzinktem, pulverbeschichtetem oder kunststoffummanteltem Eisendraht. Die Drahtdicke beeinflusst das Gewicht und die Stabilität. Während dünnere Drähte das Tragen angenehmer machen, bieten dickere Varianten mehr Sicherheit. Punktgeschweißte oder gebogene Verbindungen sorgen für Stabilität. Manche Modelle besitzen seitliche Wangenbügel, die den Korb erweitern und ein Abstreifen erschweren. Diese Konstruktionen verhindern auch, dass sich der Maulkorb zu nah an die Augen schiebt. Pulverbeschichtungen ermöglichen verschiedene Farben, um das martialische Erscheinungsbild abzumildern oder die Optik beispielsweise an das Fell des Hundes oder seine sonstige Ausstattung – wie ein schickes Halsband – anzupassen.

Der Plastikmaulkorb

Plastikmaulkörbe sind leichter und günstiger als Metallvarianten, jedoch weniger stabil. Sie bestehen aus Hartplastik, aufgeschäumtem Kunststoff oder Biothane. Hartplastikmodelle können durch die verwendete Produktionsmethode scharfe Kanten haben, die Irritationen verursachen oder Vibrissen beschädigen. Weiche, aufgeschäumte Kunststoffe sind elastischer und leichter, aber oft so flexibel, dass Hunde damit Gegenstände greifen können. Um halbwegs stabil zu sein, sind sie normalerweise nicht sehr tief und bieten damit wenig Raum für Hecheln. Neue, tiefere Modelle aus massivem Kunststoff bieten mehr Tiefe, wirken allerdings recht wuchtig. Biothane-Maulkörbe sind in Wunschfarben erhältlich und nach Maß anfertigbar. Sie bestehen aus vernieteten Einzelriemen, die jedoch nicht so stabil sind wie Drahtmodelle. Die engmaschige Konstruktion kann das Hecheln einschränken, weil es zu einem geringeren Luftaustausch kommt. Kunststoffmaulkörbe sind prinzipiell sehr pflegeleicht und hygienisch, während Biothane-Maulkörbe durch die vielen Nietenverbindungen Verunreinigungen sammeln und schlecht zu reinigen sind.

© Marita Allweiler

Auch Kunststoff-Maulkörbe erfüllen ihren Zweck: Sie sind leicht und werden deswegen gut akzeptiert, sie sind flexibel und passen sich deswegen vielen Kopfformen an und sie sind teils so konzipiert, dass sie die Aufnahme von Objekten erschweren, was bei Hunden, die in diesem Bereich problematische Verhaltensweisen zeigen, sehr praktisch ist.

Maulkörbe aus anderen Materialien

Früher waren Ledermaulkörbe weit verbreitet, doch sie wurden größtenteils durch Kunststoffe ersetzt. Leder ist vergleichbar mit Biothane, jedoch pflegeintensiver und anfälliger für Abnutzung. Es kann brüchig werden, wenn es nicht regelmäßig gefettet wird. Häufiges Nasswerden und Trocknen kann das Material verhärten, was zu scharfen Kanten führt, die Haut und Fell irritieren. Auch gefärbtes Leder birgt Risiken, da einige Farbstoffe in Verbindung mit Feuchtigkeit abfärben oder gesundheitlich bedenklich sein können.

Maulschlaufen

Maulschlaufen halten die Schnauze eines Hundes geschlossen und verhindern das Hecheln – ein lebenswichtiger Mechanismus zur Temperaturregulation. Daher sollten sie nur für wenige Minuten und unter direkter Aufsicht verwendet werden, etwa bei Tierarztbesuchen. Dennoch werden sie oft als Schutz gegen Beißen, Fressen oder Bellen verkauft, was ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt. Maulschlaufen bestehen meist aus Nylon, Mesh oder Leder. Einige Modelle besitzen Klettverschlüsse zur Anpassung an die Schnauzenform. Auch andere Maulkörbe können so gefertigt sein, dass sie das Maul vollständig geschlossen halten. Sie sind ebenso ungeeignet für den langfristigen Einsatz.

© Nora Brede

Maulschlaufen, die so konzipiert sind, dass sie das Maul des Hundes verschließen, sind keine günstige Alternative zu einem richtigen Maulkorb – auch wenn Firmen sie immer wieder entsprechend anpreisen. Die Schlaufen verhindern, dass der Hund hecheln oder trinken kann und stellen damit eine akute Gesundheitsgefahr für ihn dar.

Einzelelemente des Maulkorbs

Das Nasenpolster ist entscheidend für den Tragekomfort eines Maulkorbs. Es verteilt das Gewicht des Korbes auf den Nasenrücken und hebt den Korb an, um direkten Kontakt mit dem Nasenschwamm zu vermeiden. Ein schlecht sitzendes oder verschmutztes Nasenpolster kann Reizungen verursachen, die sich entzünden und schwer heilen.

Verschiedene Materialien kommen auf der Unterseite des Nasenpolsters zum Einsatz: Leder, Filz, Kunststoffe oder Kombinationen daraus. Breite Nasenpolster entlasten lange Schnauzen, können bei kurzen jedoch Augen oder Nasenschwamm irritieren. Ein zu schmales Polster kann keinen ausreichenden Halt bieten, wodurch der Korb kippt oder auf dem Nasenschwamm aufliegt. Das kann ausgeglichen werden, indem man die Position des Nasenpolsters verändert und beispielsweise weiter nach vorne oder hinten setzt.

Die Beschaffenheit der Unterseite ist entscheidend: Sand, Grashalme oder Verschmutzungen können bei Bewegung kahle oder wunde Stellen verursachen. Filz passt sich gut an, nimmt aber Feuchtigkeit auf, was die Haut aufweicht und anfälliger für Verletzungen macht. Besonders glatte Nasenpolster verhindern das Festsetzen von Fremdkörpern und sind leicht zu reinigen, bieten aber keine Flexibilität.

Ein sinnvoller Mittelweg sind mittelbreite Riemen mit einer Unterseite aus weichem, aufgeschäumtem Kunststoff mit kleinen Aussparungen, die Fremdkörper aufnehmen und Feuchtigkeit verdunsten lassen. Manche Hersteller setzen stattdessen auf einen Stirnriemen, um den Nasenrücken zu entlasten. Eine in Tierschutzkreisen und unter Bastelfreudigen verbreitete Lösung ist der Austausch bestehender Nasenpolster gegen Neopren. Mit Kunststoffdruckknöpfen lässt sich das Material leicht befestigen und individuell anpassen. Neopren ist strapazierfähig und gut verträglich, was es zu einer beliebten Alternative macht.

Ein guter Befestigungsriemen besteht aus Leder oder stabilem Gurtmaterial wie Biothane. Kunstleder ist ungeeignet, da es spröde wird und reißen kann. Leder hält lange, muss aber regelmäßig gepflegt werden.

Drei Riemen sichern den Maulkorb am Kopf: der Nackenriemen, der Kehlriemen und – gegebenenfalls – der Stirnriemen. Der Nackenriemen verläuft hinter den Ohren und hält den Maulkorb auf der Nase. Ist er zu locker, kann der Hund den Korb mit den Pfoten abstreifen. Bei Modellen mit Wangenbügeln kann eine Hebelwirkung entstehen, die den Riemen über die Ohren zieht. Hunde lernen schnell, diesen Effekt auszunutzen. Der Kehlriemen verläuft unter dem Unterkiefer vor der Kehle und verhindert das Abstreifen des Maulkorbs über den Kopf. Er sollte nicht zu eng anliegen, um Druck auf das Zungenbein zu vermeiden. Ist kein Kehlriemen vorhanden, kann dessen Funktion durch ein festes Halsband ersetzt werden, das den Nackenriemen sichert, indem der durch das Halsband geschlauft wird. Der Stirnriemen führt von der Korbbasis über die Stirn zum Nackenriemen und stabilisiert den Maulkorb, besonders bei Hunden mit kurzer Schnauze, wo keine Auflagefläche für einen Nasenriemen zur Verfügung steht. Er ersetzt manchmal das Nasenpolster und hilft, Druckstellen auf dem Nasenrücken zu vermeiden.

Für eine optimale Passform müssen die Riemen individuell angepasst werden. Neue Löcher sollten mittig und mit Abstand zu anderen gesetzt werden, um das Material nicht zu schwächen. Leder kann sich mit der Zeit dehnen – regelmäßige Sitzkontrollen sind daher wichtig.

Es gibt derzeit drei Varianten für Maulkorbverschlüsse: Schnallen mit Dorn, Klickverschlüsse aus Plastik und magnetische Schnallen. Klickverschlüsse sind praktisch, weil sie leicht einrasten und ein schnelles Anlegen des Maulkorbs ermöglichen. Sie bestehen aus verschiedenen Kunststoffen – günstige Varianten können jedoch schnell spröde werden und brechen. Die Längeneinstellung erfolgt über ein Zugsystem, das nicht immer optimal hält. Dornschnallen sind stabiler und bei Draht- und vielen Kunststoffmaulkörben Standard. Sie bieten eine sichere Fixierung, sind aber umständlicher zu schließen, besonders wenn der Hund noch nicht an den Maulkorb gewöhnt ist oder sich wehrt. Oft müssen zusätzliche Löcher gestanzt werden, um die richtige Passform zu erreichen. Neu auf dem Markt sind magnetische Schnallen, die ursprünglich für Prothesen aus dem humanmedizinischen Bereich entwickelt wurden. Sie schließen sicher, halten hohen Belastungen stand und lassen sich mit einer Hand bedienen. Dieses System könnte sich als besonders sicher und praktisch etablieren. Die Wahl des Verschlusses sollte vom Einsatzzweck abhängen. Qualitativ hochwertige Materialien sind essenziell – und oft lassen sich Verschlüsse auch nachträglich anpassen.

Die richtige Passform

Maulkörbe müssen individuell zur Kopfform des Hundes passen, um Scheuerstellen zu vermeiden und den Tragekomfort zu gewährleisten. Dabei spielen Tiefe, Länge, Umfang, Winkel der Bügel und der Sitz im Kehlbereich eine entscheidende Rolle.

Ein moderner Maulkorb sollte nicht nur das Beißen verhindern, sondern dem Hund auch das Hecheln, Trinken und gegebenenfalls Fressen ermöglichen. Die Tiefe bestimmt, wie weit der Hund sein Maul öffnen kann. Stark hechelnde Hunde, etwa bei sportlicher Aktivität, benötigen tiefere Modelle. Besonders wichtig ist Tiefe auch für das Trinken: Hunde formen ihre Zunge zu einer Schöpfkelle, um Wasser aufzunehmen – ein zu flacher Maulkorb verhindert das.

Die Länge des Maulkorbs spiegelt die Länge des Nasenrückens wider. Vor dem Nasenschwamm sollte etwa eine Nasenschwamm-Länge Platz sein, ebenso vor den Augen, um Druck auf die Hornhaut oder den Tränenkanal zu vermeiden. Ist der Maulkorb zu kurz, kann sich der Hund ihn mit den Pfoten abstreifen. Die Einstellung des Nackenriemens beeinflusst ebenfalls, ob der Maulkorb in die Augen drückt oder korrekt sitzt.

Ein gut passender Maulkorb liegt flächig auf dem Nasenrücken auf, ohne zu locker oder zu eng zu sein. Zu enge Modelle können die Lefzen einklemmen und Verletzungen verursachen. Kunststoffmaulkörbe mit scharfkantigen Verstrebungen können Vibrissen abbrechen, was die Wahrnehmung des Hundes einschränkt.