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Man nennt ihn Geistesriesen. Letzten Intellektuellen des Landes. Eiger Nordwand unter den Philosophen. Die Rede ist von Professor Eiger, der an seinem Geburtstag mit einem großen Festakt von seinen Ämtern an der Universität verabschiedet wird. Es beginnt der Ruhestand – in emsiger Arbeit an Buchprojekten. Und es beginnt Eigers Niedergang: von den Kollegen bald vergessen, an der Universität kaum vermisst. Ein Niedergang, der sich auf vielen Ebenen abzeichnet, in Anzeichen wachsender Fehlleistungen, geistiger Verwirrung und zunehmender Einsamkeit. Akt für Akt kommt dem sprachgewaltigen Philosophen die Sprache abhanden. Und mit der Sprache das Gedächtnis und die Erinnerung. Joachim Zelters neuer Roman lotet die größtmögliche Fallhöhe des Tragischen aus – und legt gleichzeitig ein bewegendes Zeugnis tiefer Menschlichkeit ab.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2022
Joachim Zelter, 1962 in Freiburg geboren, studierte und lehrte Literatur in Tübingen und Yale. Seit 1997 freier Schriftsteller. Bei Klöpfer & Meyer erschienen u.a. Der Ministerpräsident (2010), nominiert für den Deutschen Buchpreis, sowie Im Feld (2018). Zuletzt erschien Die Verabschiebung (2021). Joachim Zelter erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Preis der LiteraTour Nord. Er ist Mitglied im Deutschen PEN.
www.joachim-zelter.de
Joachim Zelter
Professor Lear
Roman
1. Auflage
in der Edition Klöpfer
Stuttgart, Kröner 2022
ISBN DRUCK: 978-3-520-76601-4
ISBN E-BOOK: 978-3-520-76691-5
Umschlaggestaltung Denis Krnjaić
unter Verwendung eines Fotos von Oleg Elkov, istockphoto.com
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© 2022 Alfred Kröner Verlag Stuttgart · Alle Rechte vorbehalten
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Für Gisela
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Dank
LEAR: I fear I am not in my perfect mind. Methinks I should know you and know this man;Yet I am doubtful: for I am mainly ignorant What place this is, and all the skill I haveRemembers not these garments; nor I know not Where I did lodge last night.
WILLIAM SHAKESPEARE
King Lear
SCHON BEIM EINTRETEN IN Eigers Haus sieht man fast nur Bücher. Obgleich jeder Besucher mit einer Unmenge an Büchern rechnet – die tatsächliche Anzahl stellt alle Erwartungen in den Schatten. Sie reichen vom Boden bis zur Decke, umschließen wie eine zweite Wand das Haus von innen, erscheinen als ein gewaltiges Gebirgsmassiv, das von Zimmer zu Zimmer immer mehr an Höhe gewinnt, Steilwände geballten Wissens, eine fortwährende Ermahnung und Erinnerung: Wie viele Bücher es in diesem Haus gibt. Wie viele Bücher es noch zu lesen gilt. Und welche Bücher man unbedingt noch einmal lesen sollte. Ein ständiger Fingerzeig. Wo man auch hinschaut.
Frau Eiger, die mich hineinführt, deutet – im Weitergehen – auf einzelne Regale: deutsche Literatur, englische Literatur, französische Literatur, Strukturalismus, Poststrukturalismus … Doch dies scheinen nur belanglose Nebenregale angesichts ganz anderer Regale, die mit dem Betreten des Wohnzimmers wie ein Hochgebirge vor mir aufragen. Jeder Blick hinauf zeigt nichts als Hoffnungslosigkeit. Wer hier eintritt, der weiß, dass er nichts weiß und dass er nie irgendetwas Vergleichbares wissen wird.
Ich solle mich doch setzen, so Frau Eiger, und ich setze mich, während sie in die Küche geht, um Tee zu bereiten, und ich nun das Regal entdecke, in dem sich die Werke ihres Mannes befinden. Sie stehen dort in den unterschiedlichsten Ausgaben und Auflagen, dicht gedrängt, in endlosen Serpentinen, von links nach rechts und dann wieder von rechts nach links: Eiger, Eiger, Eiger …
365 Wahrheitstheorien. So der Titel eines querliegenden Bandes. Er liegt auf einem Beistelltisch. Als sollte man darin nun blättern. Zu meiner Erleichterung entdecke ich einen Fernsehapparat, oder zumindest eine Art von Fernsehapparat, ein klobiger Kasten aus den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, womöglich schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Gebrauch. Er erscheint wie eine unbeholfene Kommode, auf der gerahmte Fotos stehen. Ohne eine sonstige Funktion. Daneben befinden sich ein Plattenspieler und ein Radioapparat, urzeitliche Geräte, über die man hinwegsieht, sobald man die Philosophenporträts an den Resten einer noch freiliegenden Wand erblickt: Platon, Husserl, Heidegger – und an einer Stelle auch ein Porträt von Helmut Eiger selbst. Mit Tusche und in spitzen Linien gezeichnet. Ein Student habe das Porträt angefertigt, so Frau Eiger, die nun den Tee bringt. Gar nicht so unbegabt, dieser Student, und sie holt noch eine Schale Gebäck.
»Helmut, es ist Besuch da.«
Sie ruft das unvermittelt.
»Besuch da.«
Der Besucher bin ich, und ich kann es kaum glauben, dass ich wirklich hier bin, an diesem Ort, nachdem ich Frau Eiger vor wenigen Tagen angerufen hatte, eigentlich nur wegen einer Lappalie, wegen einer Frage zu Eigers Mitgliedschaft in einer philosophischen Vereinigung, und sie am Telefon angefangen hatte zu sprechen, stundenlang, in einer Offenheit und Ausführlichkeit, die mich frappiert, wenn nicht überwältigt hatte. »Sie haben ja keine Ahnung«, so der Unterton ihrer Worte. Keine Ahnung. In dieser Art hatte sie gesprochen. Es muss endlich einmal gesagt werden, in aller Direktheit. »Sie können ja gerne einmal vorbeikommen. Und sich selbst ein Bild machen.«
Nun bin ich also hier, in Professor Eigers Haus. Er scheint im Nebenzimmer zu sitzen, und ich muss gestehen, dass ich darauf nicht vorbereitet bin, dass Professor Eiger einfach in einem Nebenzimmer sitzt, nach all dem, was mir Frau Eiger bereits telefonisch berichtet hatte. Doch warum sollte er nicht dort sitzen, irgendwo muss er ja sitzen, denke ich, während sie Teegeschirr bereitstellt und ihrem Mann zuruft: »Helmut, Besuch da.« Mit der größten Beiläufigkeit ruft sie das. Und dann führt sie mich zu ihm.
Man erkennt ihn auf den ersten Blick, ein schlagartiges Erkennen. Professor Helmut Eiger. Der berühmte Philosoph. Fast könnte man sagen: Er hat sich überhaupt nicht verändert. Mit der größten Selbstverständlichkeit sitzt er da, in einem Sessel neben seinem Schreibtisch. Als wäre alles in bester Ordnung. Ein friedliches Stillleben.
Ich stehe betreten. Nicht wissend, was ich jetzt tun soll. Ihm die Hand reichen oder sie besser nicht reichen. Frau Eiger bedeutet mir, keine Angst zu haben. Keine Angst vor seinem Zustand, keine Angst vor seiner Anwesenheit, keine Angst vor gar nichts.
Für einen Moment scheint es, als würde er Anstalten machen, sich von seinem Platz zu erheben, um mich zu begrüßen. Doch dies nur für den Bruchteil eines Moments. Er bleibt sitzen – fast regungslos – und blickt aus dem Fenster, freundlich und zurechtgerückt. Ein täuschend echtes Bild seiner selbst. Als ob er sich jeden Augenblick einschalten und sprechen könnte.
Doch er spricht nicht.
Wir gehen wieder ins Wohnzimmer zurück, Frau Eiger gießt den Tee ein und zeigt mir Bücher und Aufzeichnungen: Eigers Tagebücher, Eigers Notizen, Eigers philosophische Vorhaben und Pläne. Sie präsentiert Familienfotos und andere Fotos, zum Beispiel Fotos von Eigers Freunden und Weggefährten: Bertrand Russel, Norbert Elias und Erich Fromm. Philosophische Meilensteine, die hier, in diesem Haus, in Eigers Wohnzimmer gesessen hatten, oder die in Eigers Garten gestanden oder zusammen mit den Eigers in den Urlaub gefahren waren. Frau Eiger erklärt mir, wann und wo man sie getroffen habe, wie man mit ihnen verkehrte und welche Spuren sie in dem Haus hinterlassen haben. Es sind zahllose Spuren. Sie deutet auf eine langgezogene Schramme an der Wand: Bloch sei dort über das Ende eines Teppichs gestolpert und habe dabei ein ganzes Bücherregal zu Boden gerissen. Von wegen Das Prinzip Hoffnung. Es sei ein Chaos gewesen. Sie zeigt auf Spuren dieses Unfalls, auf eine Delle neben der Tür, sowie auf einen Spazierstock Heideggers, den er hier vergessen und nie mehr abgeholt habe. Er steht noch immer in der Ecke.
Frau Eiger erzählt das alles. Wer hier war. Wer was zu Abend aß. Wer was vergessen hat. Die Vergesslichkeit der Philosophen und ihre überfallartigen Eingebungen und Launen. Mit wem man bis heute freundschaftlich verbunden ist. Und mit wem nicht. Oder nicht mehr. Gastgeschenke, Kamingespräche und Anekdoten: Wittgenstein, ein unverbesserlicher Kinogänger; Derrida, ein katastrophal Englischsprechender. »Man verstand ja kein Wort.« Wie ein hilfloser Grundschüler habe er um die einfachsten Worte gerungen. »Kaum zu glauben, dass ein Philosoph ein so schauderhaftes Englisch spricht.« Sie erzählt das aus dem reichen Anekdotenfundus ihres Hauses, wie eine Vor- oder Frühgeschichte. Erste Präliminarien und Hinführungen – und noch einmal eine Kanne Tee. Und weitere Fotos und Porträts: Platon, Shakespeare und Nietzsche. Ganz besonders Nietzsche. Sie erzählt die Geschichte von einem Taxi, das Jean-Paul Sartre von Paris direkt hierhergebracht hatte – und die Rechnung für dieses Taxi! Ein atemberaubender Betrag. Und welch eine Enttäuschung das Gespräch mit Sartre letztendlich war, ein unbeholfenes Abtasten und ein gegenseitiges Sich-Belauern. Und dafür eine tagelange Taxifahrt.
Ich erzähle meine Geschichte, also bin ich. Eigers Worte. Also bin ich. Oder werde ich. Und werden andere mit ihm. Ein wechselseitiges Werden. Und Vergehen. Obgleich Sartre das völlig falsch verstanden hatte, geradezu unphilosophisch falsch … So erzählt sie, in immer neuen Anläufen: von den ersten, fast noch unbeholfenen Seminaren, die Eiger als junger Dozent am Philosophischen Seminar gehalten hatte (und in denen sie sich kennengelernt hatten), bis hin zum großen Festakt im Marmorsaal der Universität, als er schließlich in den Ruhestand versetzt wurde. Vor nicht einmal sieben Jahren. Ein Festakt im Marmorsaal des Audimax. Acht Minuten – Ovationen. »Als mein Mann feierlich verabschiedet wurde.« Es war der Abschied aus einer anderen Welt, aus einem anderen Jahrhundert. »Hunderte geladener Gäste. Alle Gebäude der Universität beflaggt. Der Ministerpräsident war da. Und der Wissenschaftsminister. Alles schien an diesem Tag möglich. Alles. Werner Mönch hielt eine wunderschöne Rede …«
EINE REDE, DIE NICHTS aussparte und so vieles auf den Punkt brachte … Er begrüßte all die geladenen Gäste und Ehrengäste: Eminenzen und Exzellenzen, den Rektor der Universität, den Dekan der Fakultät, den Wissenschaftsminister, den Ministerpräsidenten, den Bischof der Evangelischen Landeskirche sowie den Vertreter der Katholischen Bischofskonferenz; den Schweizer Botschafter in Deutschland und den deutschen Botschafter in der Schweiz; die Vertreter der Akademie der Wissenschaften und den Präsidenten der Royal Society, Lord Boone. »Danke, Lord Boone, dass Sie gekommen sind.« Und natürlich begrüßte er die vielen Studentinnen und Studenten, die bei der Feier anwesend waren, die für einen anderen Geburtstag wohl kaum in solchen Massen gekommen wären, die bei einem anderen Professor nicht in dieser Beharrlichkeit Seminare über Platon oder Popper besucht hätten, die ohne die Strahlkraft des Namens Helmut Eiger das Studium der Philosophie vielleicht nie ergriffen, die ohne einen Professor wie Eiger an dieser Universität womöglich gar nicht studiert hätten. Wer weiß.
Mönchs Begrüßung nahm kein Ende: Er begrüßte Eigers langjährigen Verleger, Herrn Dr. Beyer, bei dem in all den Jahren die Werke des Jubilars erschienen waren. Und dann begrüßte er Eiger selbst, dem all diese Feierlichkeiten galten, Helmut Eiger und seine Frau Gertrud Eiger und seine Enkelin Cordelie.
»Lieber Helmut Eiger.«
Mönch machte eine Pause.
»Lieber Helmut Eiger.«
Was könne man über ihn überhaupt noch sagen, was nicht schon von zahlreichen Mitarbeitern, Weggefährten, Kollegen, Studenten, Lesern, Kritikern, Rezensenten, Übersetzern und von so vielen anderen über ihn immer wieder gesagt worden sei: Geistesriese. Letzter Intellektueller des Landes. Philosophenkönig. Eiger Nordwand unter den großen Denkern. Ein Jahrhundertphilosoph. Eine philosophische Schule, ein philosophischer Begriff …
Ein philosophischer Begriff.
Alles, was er jetzt noch hinzufügen würde, sei in unzähligen Reden, Büchern, Festschriften über Eiger bereits geschrieben oder gesagt worden. Jedes weitere Wort wäre also zu viel und doch zu wenig.
Zu viel.
Und zugleich zu wenig.
Dass der heutige Tag, so fuhr Mönch fort, nicht irgendein Tag war, sondern Eigers Geburtstag, und dass dieser Geburtstag nicht irgendein Geburtstag war, sondern Eigers 65. Geburtstag, dass Eiger mit Beginn des Sommersemesters also in den Ruhestand gehen werde, in den wohlverdienten Ruhestand …
Ruhestand.
Was könnte oder sollte er, Mönch, angesichts von all dem also noch sagen – allein das Aufzählen von Eigers Büchern würde eine kleine Ewigkeit dauern, und es seien ja nicht irgendwelche Bücher, sondern Meilensteine, Bücher, so bahnbrechend, umfassend und wortgewaltig, dass sie zuletzt (dies als Ausweis größter Souveränität) ohne jede Fußnote auskamen.
Ohne jede Fußnote.
Doch wolle er, fuhr Mönch fort, doch wolle er heute von etwas anderem sprechen. Nicht von Eigers Preisen, nicht von seinen Auszeichnungen, nicht von seinen Ehrendoktor- oder anderen Würden. »Es ist deine Schreibmaschine, über die ich sprechen möchte.«
Der Saal horchte auf.
Eigers Schreibmaschine.
Niemals, so Mönch, sei Eiger ohne seine Schreibmaschine. Nirgendwohin gehe er ohne eine Schreibmaschine. Selbst bei Wanderungen trage er eine kleine Schreibmaschine mit sich. Eine Reisemaschine. Er trage sie in einem Rucksack, um sich jederzeit setzen und schreiben zu können. Ohne Schreibmaschine würde er sein Haus nicht verlassen.
Und wenn er erst einmal zuhause sei, dann sitze er ohnehin an keinem anderen Platz als an seiner Schreibmaschine. Wann immer man ihn besuchen komme, das Erste, was man noch auf der Straße stehend höre, das sei das Tippen seiner Schreibmaschine. Mehr als tippen. Er spiele wie auf einem Instrument. Er spiele seine Worte und Gedanken wie ein Musiker. Jedes einzelne Wort sei eine eigene, unersetzliche Welt. Man höre es geradezu, Wort für Wort, Satz für Satz. Jeder nicht geschriebene Satz wäre wie ein Tod. So höre es sich an, das Tippen, der Klang von Eigers Schreibmaschine …
Mönch hielt inne, blickte aufmunternd zum Jubilar, der auf einem gesonderten Stuhl saß. Dann gab er einem Mitarbeiter das Zeichen, mit einer Kiste zum Rednerpult zu kommen. »Lieber Helmut.« Mönch deutete auf die Kiste, die er öffnen ließ. »Lieber Helmut. Zum Abschied und Ruhestand dir eine neue … Schreibmaschine.« Eine Schreibmaschine für all die Bücher, die Eiger im Laufe seines Ruhestandes noch schreiben werde, ja, unbedingt noch schreiben müsse. Jedes ungeschriebene Buch wäre eine unerträgliche Leere, ein kaum zu heilender Schmerz. Weil ihm, Mönch, dies ein Herzenswunsch sei, einem Menschen wie Eiger das zu schenken, was ihn in seinem ganzen Wesen ausmache.
Mönchs Mitarbeiter überreichte das Geschenk, und ein Mitarbeiter Eigers eilte auf die Bühne, um es für ihn entgegenzunehmen, während Eiger nun aufstand und auf die Bühne trat und von Mönch dort empfangen wurde. Sie reichten einander die Hand – fast ahnte man die Andeutung einer Umarmung.
Applaus. Minutenlange stehende Ovationen. Der Applaus für ein ganzes Leben. Alles war mit diesem Applaus auf den Punkt gebracht. Eigers Werk, Eigers Wesen, Eigers ganzes Leben. Eiger stand überwältigt, andeutungsweise achselzuckend. Nie in seinem Leben hatte er einen derartigen Applaus gehört. Kameras und Mikrofone umkreisten ihn. Fast schien es, als würde er ein wenig abseitsstehen, abseits seines eigenen Applauses. Doch holte man ihn immer wieder hinein, in diesen minutenlangen Applaus.
NACH DEM APPLAUS HERRSCHTE im Marmorsaal zunächst eine verlegene Stille. Die ersten Gäste standen auf und gingen ins Freie. Andere unterhielten sich in kleinen Gruppen oder bewegten sich Richtung Büffet. Auf einem Tisch neben dem Rednerpult stand die neue Schreibmaschine. Mönch erklärte noch ihre zahlreichen Vorteile und Neuerungen, während ein Mitarbeiter Eigers das Büffet eröffnete. Eiger nahm in beiläufigen Gesten Grüße und Gratulationen entgegen. Ein Reporter näherte sich ihm …
»Herr Eiger …«
»Was gibt’s?«
»Was werden Sie die nächsten Wochen machen?«
»Mich sammeln.«
»Haben Sie weitere Bücherpläne?«
»Wenn nicht vorher so manches Buch Pläne mit mir hat.«
»Welches Buch planen Sie als Nächstes?«
»Ein Platonbuch.«
»Ein Platonbuch?«
»Jawohl, ein Platonbuch.«
Denn die abendländische Philosophie bestehe letztendlich nur aus Fußnoten zu Platon. Also ein längst überfälliges Buch, so Eigers ständige Überlegung. Überfällig, weil gerade er es war, von dem ein solches Buch erwartet wurde, wenn nicht jetzt, wann dann – weil er sich womöglich irgendwann einmal fragen lassen müsse, warum er nicht schon längst dieses Buch geschrieben habe. So Eiger im Soll und Haben seiner ständigen Buchgedanken. Sein Assistent trat zu ihm und reichte Lachsschnittchen.
Eiger: »Ich habe keinen Hunger.«
»Ihre Frau schickt mich.«
»Sie soll mich mit Essbarem verschonen.«
»Sie lässt anfragen, auch weil der Wissenschaftsminister … und einige geladene Gäste … und Lord Boone … im Kaminzimmer … auf Sie warten.«
Wissenschaftsminister. Contradictio in Adjecto. Kaminzimmer. Ausgerechnet im Kaminzimmer. Karl Popper hatte bereits in diesem Zimmer gesessen. Und mit Popper zusammen hatte Eiger dort gesessen. Er hatte stundenlang dort mit ihm sitzen müssen, in einem ausufernden, völlig sinnlosen Kamingespräch.
»Nächste Frage.«
Der Assistent ging mit seinen Lachsschnittchen zu Cordelie, die ein wenig abseitsstand … Keiner, der sie sah, hätte in ihr ernsthaft die Enkelin Eigers gesehen, nicht einmal sie selbst.
»Ihr Großvater …«
Über wen sonst hätte er mit ihr sprechen können als über ihren Großvater, zumal an diesem Tag. Cordelies Großvater, der zugleich sein Doktorvater war.
Im Hintergrund hörte man, wie Eiger Antwort auf Antwort auf die Fragen des Reporters gab. Antworten wie: »Die Leiche im Keller der Philosophie …« Oder: »Verifikation. Lateinisch veritatem facere. Etwas wahr machen, das nicht wahr ist, aber wahr sein könnte. Oder wahr sein sollte …« Oder: »Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners …«
