Psycho-Maschine - Holger Scheerer - E-Book

Psycho-Maschine E-Book

Holger Scheerer

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Beschreibung

"Das Stück ist als Satire auf die Verstrickung von medizinischer Forschung, staatlichem Gesundheitssystem und Politik angelegt und verdeutlicht dies vor allen Dingen an der Figur des eitlen, redenschwingenden und profitorientierten Professors, der seine Patienten überhaupt nicht wahrnimmt oder zu Wort kommen lässt. Die Themenstellung ist durchaus aktuell." Bayerischer Rundfunk, Abteilung Hörspiel und Medienkunst Bei diesem Buch handelt es sich um die Druckfassung des 2012 im Cantus Theaterverlag, Eschach erschienen Stückes.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Körper ist ein Zellenstaat,

in dem jede Zelle einen Bürger darstellt.

Krankheit ist lediglich ein Konflikt der Bürger

dieses Staats,

den die Einwirkung äußerer Kräfte

herbeiführt.

Rudolf Virchow, Cellularpathologie

INHALTSVERZEICHNIS

ORT

PERSONEN

VORSPIEL

Szene 1

Szene 2

HAUPTSPIEL

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Szene 4

Szene 5

ZWISCHENSPIEL

Szene 1

Szene 2

NACHSPIEL

Szene 1

Szene 2

Szene 3

ORT

Psychiatrische Universitätsklinik

PERSONEN

Professor

Oberarzt

Arzt

Patient

Psychologin

Anatom

Kommissar

Schwestern, Studenten

(um Menschenmaterial zu sparen, können Anatom/Kommissar von Oberarzt/Arzt dargestellt werden)

VORSPIEL

Szene 1

Aufnahmezimmer in einer psychiatrischen Universitätsklinik. Arzt führt an Patient eine körperliche Untersuchung durch. Alles wird genauestens unter die Lupe genommen, von oben bis unten, von hinten bis vorn. Mit einem Hämmerchen werden die Reflexe getestet, ein EEG wird angelegt, mit einem Instrument wird der Rachen inspiziert, auch andere Körperöffnungen und Organe werden fachmännisch in Augenschein genommen etc.

ARZT. Guten Tag, mein Name ist Klingsoff, ich bin Arzt auf der Station.

PATIENT. Guten Tag, ich freue mich ihre Bekanntschaft zu machen, wirklich. Wo kommen Sie her?

ARZT. Aus Russland.

PATIENT. Oh, Sie sprechen aber gut Deutsch.

ARZT. Danke, Sie auch. Warum sind sie hier, Herr Schneider?

PATIENT. Das weiß ich auch nicht so genau. Das…

ARZT. Was wollen Sie hier?

PATIENT. Hm.

ARZT. Hm. Wir machen jetzt erst einmal eine Aufnahme (will einen Witz machen und tut so, als hätte er einen Photoapparat in der Hand).

PATIENT. Soll ich aufstehen?

ARZT. Bleiben Sie sitzen. Sie bekommen bei uns noch genügend Aussichten auf einen aufrechten Gang. Haben oder hatten Sie irgendwelche Krankheiten?

PATIENT. Das weiß ich nicht so genau. Das…

ARZT. Hm, ich meine körperlich?

PATIENT. Körperlich? Nicht dass ich wüsste…

ARZT. Adipositas.

PATIENT. Wie bitte?

ARZT. Adipositas, das können wir doch erst einmal feststellen, nicht wahr?

PATIENT. Sie meinen, dass ich zu fett bin?

ARZT. So habe ich das nicht gesagt. Sie haben nur… ich meine, Sie sind ein bisschen dick, nicht wahr?

PATIENT. Das ist unschwer festzustellen, denke ich.

ARZT. Denke ich auch. Puh, schönes Wetter haben wir heute, nicht? Ich werde sie jetzt neurologisch untersuchen.

PATIENT. Aha.

ARZT. Jaja, machen Sie sich frei…

PATIENT. Ich bin so frei.

ARZT. Und setzen Sie sich auf die Liege (nimmt sein Instrumentarium (Hämmerchen) und testet die Reflexe des Patienten). Alles in bester Sahne. Ihnen fehlt gar nichts. (Patient blickt irritiert) Jetzt kucken Sie nicht so komisch, war nur ein Scherz. Kein Grund zur Irritation. Sie sehen eigentlich ganz gut aus, finde ich.

PATIENT. Finden Sie.

ARZT (legt EEG an). Finde ich.

PATIENT. Das beruhigt mich ungemein.

ARZT. Sie haben nur etwas Probleme mit der Haut, sehe ich.

PATIENT. Sehen Sie.

ARZT. Ja, zum Beispiel im Gesicht. Haben Sie es schon mit Wodka probiert?

PATIENT. Was?

ARZT. Wodka, das ist bei uns so eine Art Generalmedizin. Ich habe immer ein Fläschchen im Badezimmer stehen. Mir hat es echt geholfen, ich nehme den Wodka auch nach dem Rasieren.

PATIENT. Und wie viel Wodka müssen Sie trinken, damit sich ihre Haut beruhigt?

ARZT. Aber nicht doch trinken! Wodka ist nur zur äußerlichen Anwendung gedacht. Wenn Sie den Wodka trinken, dann macht das sehr schnell Spaß. Und wenn Sie Spaß haben, werden Sie sehr schnell abhängig. Alles, was Spaß macht, ist gefährlich, auch Tabletten zum Beispiel, fangen Sie also gar nicht erst an mit dem Spaß.

PATIENT. Und deshalb schmieren Sie sich den Wodka lieber ins Gesicht? Das ist aber ein teurer Spaß.

ARZT. Nicht nur ins Gesicht. Ich reibe auch meine Füße damit ein. Nach so einem arbeitsreichen Tag mit dem ganzen Her- und Hin- und Auf- und Abgelaufe wirkt das geradezu wundervoll. Und teuer ist das gar nicht. Eine Flasche Wodka reicht bei mir ein Jahr. Manchmal musste ich ihn sogar wegkippen, weil er schlecht geworden war und seine Wirkung verloren hatte. Dann bringen mir meine Verwandten welchen aus Russland mit. Wissen Sie, der russische Wodka wirkt aseptischer als der finnische oder gar der deutsche, von dem ganz abzuraten ist.

PATIENT. Es ist wahrscheinlich vom Alkoholgehalt abhängig.

ARZT. Jaja, das ist ein viel verbreitetes Vorurteil. Es kommt aber darauf an, woraus der Wodka gemacht ist. Roggen ist gut, Weizen und Gerste eher schlecht. Am besten sind Kartoffeln. Aber da ist heute schwer ranzukommen. So jetzt sind wir eigentlich fertig. Ich habe jedenfalls bereits genug gesehen und gehört. Vorsicht, Sie treten da in eine Ameisenspur!

PATIENT. Wie bitte?

ARZT. Na hier, Sehen Sie das nicht? In warmen Sommern haben wir hier immer ein Ameisenproblem. Die Insekten kriechen aus ihren Löchern im Wald, verlassen ihre Arbeitsstätten und Hügel und marschieren schnurstracks auf unsere Klinik zu. Wir versuchen mit weißem Pulver gegenzusteuern, Ameisenpulver. Aber die Ameisen gewöhnen sich sehr schnell an das Pulver.

PATIENT. Vielleicht haben Sie Spaß daran.

ARZT. Jedenfalls wirkt es nur einen Sommer lang. Dann haben sie sich daran gewöhnt. Dann ist das Pulver wirkungslos, und wir müssen in der nächsten Saison ein anderes einsetzen. Es ist ein Kampf mit der Windmühle, es ist zum Verzweifeln, verstehen Sie?

PATIENT. Und, wie geht es jetzt weiter?

ARZT. Morgen kommt der Professor.

PATIENT. Ich meine, wie geht es jetzt weiter?

ARZT. Morgen kommt der Professor. Jetzt ruhen Sie sich erst mal aus.

PATIENT. Und, bekomme ich Medikamente?

ARZT. Das besprechen sie morgen mit dem Professor, wenn der Professor kommt.

PATIENT. Sie sind doch Psychiater, oder?

ARZT. Wieso, brauchen Sie einen?

PATIENT. Wir sind hier doch in einer psychiatrischen Klinik, oder?

ARZT. Das kann schon möglich sein, ist sogar wahrscheinlich. Aber Sie dürfen das nicht zu eng sehen. Entspannen Sie sich. Gehen Sie auf ihr Zimmer. (Schwester taucht auf) Die nette Schwester wird Sie begleiten. Sie ist ihre Bezugsschwester.

PATIENT. Was soll das sein?

ARZT. Immer vorpreschen, wie? Jetzt seien Sie doch mal etwas geduldiger, entspannen Sie sich. Mit dem Kopf durch die Wand, da kommen Sie bei uns nicht vorwärts, das muss ich ihnen gleich mit auf den Weg geben. Lassen Sie es langsam angehen. Was eine Bezugsschwester ist, das wird ihnen ihre Bezugsschwester schon noch begreiflich machen. Jetzt gehen Sie auf ihr Zimmer. Entspannen recht fein. Und packen ihren Koffer aus. Morgen kommt der Herr Professor, wenn er kommt, der Herr Professor.

SCHWESTER (zu Patient im Abgehen). Es ist eigentlich ganz einfach. Ich bin ihre Bezugsschwester, das heißt, wenn Sie einen Bezug brauchen, kommen Sie zu mir. Aber jetzt gehen Sie erstmal auf ihr Zimmer und beziehen ihr Bett. Bezüge gibt’s genügend im Schrank auf dem Flur. Den Schlüssel zum Schrank habe ich, wenn Sie ihn brauchen.

Szene 2

ARZT (sitzt an einer altertümlichen Schreibmaschine und tippt seinen Bericht für die Krankenakte, verzweifelt mit den Tasten ringend). Übergewichtiger, leger gekleideter Patient, erscheint pünktlich zum vereinbarten Termin, wirkt leicht provozierend, sonst aber recht betulich und gemütlich, Prognose: wird keine größeren Schwierigkeiten verursachen, wenngleich ein Restrisiko natürlich immer offen ist; Patient ist bewusstseinsklar, allseits orientiert, berichtet aber eher stockend, langsam, schwerfällig, wirkt leicht gehemmt, nach menschlich-ärztlichem Ermessen ist es unwahrscheinlich, dass eine Gefahr von ihm ausgeht, typischer Pseudointellektueller, will immer dazwischenquatschen, ist aber händelbar; die Stimmung des Patienten ist depressiv, ängstlich; obwohl er krampfhaft bemüht ist, Scherze zu machen, wirkt er insgesamt eher gelangweilt; keine Auffälligkeiten feststellbar hinsichtlich Auffassungsgabe, Konzentration, Vigilanz, Gedächtnis, die affektive Schwingungsfähigkeit scheint nicht eingeschränkt, Mnestik allenfalls leicht; auffällige Arroganz, ist aber formbar; formales Denken weitgehend geordnet, teilweise aber sprunghaft, produktiv-psychotische Symptomatik wird verneint; Patient ist im Kontakt streckenweise freundlich zugewandt, dann aber teils distanzlos, mithin gar feindselig wirkend, affektiv teils Wechsel zwischen Niedergestimmtheit und aggressivpolterndem Verhalten, teils gut auslenkbar, teils aber auch affektiv starr wirkend, Antrieb deutlich herabgesetzt, psychomotorisch eher unruhig; tastbare Lipome im Bereich des linken Oberarmes sowie der linken und rechten Oberschenkel, im Abdomenbereich deutliche Striae distensae, linksseitiger Leistenbruch, drei ausgebrannte Hämorrhoiden; artefaktgestörtes 9–11/s Alpha-EEG, zum Teil sehr niedrig gespannt, zu Beginn der Ableitung teilweise Alpha-Zerfall, später zunehmende Besserung der Modulierung, soweit beurteilbar kein Herd oder Seiten, keine Zeichen erhöhter cerebaler Erregbarkeit, insgesamt eher unauffälliger allgemein-internistischer und neurologischer Untersuchungsbefund. Deutlich zeigt sich jedoch ein chronifiziertes, persönlichkeitsstrukturell verankertes psychisches Störungsbild mit komplexer, systemischer, interaktioneller und intrapsychischer Dysfunktionalität sowie ein insgesamt eher reduzierter Allgemeinzustand (Arzt stöhnt auf). Puh, geschafft, was für eine Affenhitze. Werde mir die Akte des Burschen morgen früh nochmals zu Gemüte führen, um den Professor, wenn er kommt, umfänglich informieren zu können über die psychischen Aspekte des mir insgesamt eher harmlos erscheinenden Falls (Frauenstimme im Hintergrund: Doktörchen, Feierabend! Abendbrot! Jetzt komm doch endlich, Schnick-Schnack!). Morgen ist auch noch ein Tag. Wenn der Professor kommt, kommt er eh erst am späten Vormittag, wenn der Professor kommt. Wenn der Professor nicht kommt, bleibt wieder alles an mir hängen. Puh, immer das Kreuz mit der Verantwortung!

HAUPTSPIEL

Szene 1

Die Handlung des Hauptspiels findet ausschließlich im Krankenzimmer des Patienten statt und erstreckt sich über den Zeitraum eines Vierteljahrs. Um den Zuschauer nicht über Gebühr zu langweilen, findet das Ganze im Zeitraffer statt. Denkbar ist eine Konstruktion mit zwei Türen. Während der letzte der Kolonne den Raum auf der einen Seite verlässt, betritt der erste der Kolonne den Raum auf der anderen Seite wieder. Nachdem sich der Patient auf sein Bett gesetzt hat, bleibt ihm so genügend Zeit zum Aufstehen. Auftritt Professor, Oberarzt, Arzt, im Gefolge Psychologin, Schwestern und Studenten, Modell: römische Kohorte bei der Hausdurchsuchung.

PROFESSOR (begrüßt Patient mit Handschlag). Guten Tag.

PATIENT. Guten Tag.

PROFESSOR. Na, was haben wir denn da?

PATIENT (will etwas sagen, wird aber nach einer Vorsilbe unterbrochen).

OBERARZT (blickt Arzt über die Schulter, der Krankenakte hält und liest darin). Ein ganz komplizierter Fall. Er sagt, er sei depressiv…

PROFESSOR.…depressiv?

OBERARZT. Depressiv, schon seit Jahren, depressiv…

PROFESSOR. Wie viel Jahre?

OBERARZT. Acht Jahre.

PROFESSOR. Acht Jahre will er schon depressiv sein, kaum zu glauben (blickt sich um). Sehen sie sich das genau an, meine Damen, meine Herrn, depressiv will er sein, acht Jahre! Ein Mann wie ein Baum. Was sagen denn Sie dazu?

PATIENT (will etwas sagen, wird aber nach einer Vorsilbe unterbrochen).

ARZT (liest in der Krankenakte). Mindestens depressiv, Herr Professor. Vielleicht sogar Schlimmeres. Unsere Vorgänger…

PROFESSOR.… unsere Vorgänger, ich wusste es, Doktor! Meine Damen, meine Herrn, so ist’s bei den meisten unserer Kunden, sie sind bereits irgendwo auffällig geworden, haben irgendwo, in irgendeinem Keller, bereits eine Akte hinterlassen, auf die wir nun zurückgreifen können. Die meisten Kunden sind so zufrieden mit uns, dass sie immer wieder kommen (allg. Heiterkeit), bis sie geheilt sind sozusagen von der Krankheit, uns immer wieder aufzusuchen (allg. Gelächter). Einige tauchen auch nie wieder auf. Sie sehen also, dass man es diesen Leuten – bei aller Liebe – nicht allzu bequem hier machen darf, sonst wollen sie überhaupt nicht mehr gehen (allg. Heiterkeit). Aber bitte, ich will mich nicht allzu lang aufhalten mit unseren charmanten Damen – und Herrn (zu Oberarzt). Was sagen denn Sie dazu?

PATIENT (will etwas sagen, wird aber nach einer Vorsilbe unterbrochen).

OBERARZT. Ja, mich dürfen Sie nicht fragen zu diesem Fall. Ich hatte ja noch keine Zeit, mich damit zu befassen. Sie wissen ja selbst, Herr Professor, ich bin quasi aus der Forschungsabteilung gar nicht mehr herausgekommen in letzter Zeit. Ich befinde mich am Rande meiner Leistungsfähigkeit. Im ganzen letzten Jahr habe ich das Licht der Sonne nicht gesehen. Meine Kinder müssen ohne mich aufwachsen. Also, entschuldigen Sie mich bitte. Was sagen denn Sie dazu?

PATIENT (will etwas sagen, wird aber nach einer Vorsilbe unterbrochen).

ARZT. Ja also, unsere Vorgänger haben sich auch recht schwer getan, in der Beurteilung dieses Falles hier. Ich zitiere aus dem Bericht der Psychiatrischen Bezirksklinik Oberbayern…

PROFESSOR. Auweia.

ARZT. Der 28-jährige, ledige, ehemalige Philosophie- und Literaturstudent (während des gesamten Vortrags immer wieder Gemurmel, Heiterkeit oder ähnliche Reaktionen im Gefolge), der zuletzt als Journalist für eine Lokalzeitung tätig gewesen sein will, berichtet über eine nachgiebige und überprotektive Erziehung als Einzelkind.

PROFESSOR. Aha, interessant.

ARZT. Bereits im Kindergartenalter entwickelte er Flucht- und Separierungstendenzen und zeigte Neigung für das Einzelgängertum.

PROFESSOR. Soso, das ist aber nicht schön.