Psychodynamische Osteopathie - Christiane Kuhlmann - E-Book

Psychodynamische Osteopathie E-Book

Christiane Kuhlmann

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Beschreibung

Psychosomatische Erkrankungen diagnostizieren und behandeln.

Das erste Werk, das Ihnen die therapeutischen Möglichkeiten der Osteopathie bei psychosomatischen Erkrankungen aufzeigt – mit Darstellung der grundlegenden Patient-Therapeut-Beziehung.

Verstehen: Wie wirken sich psychosomatische Störungen auf den Körper aus und zu welchen Dysfunktionen können sie führen?

Nachvollziehen: Wie können Sie psychosomatische Erkrankungen osteopathisch diagnostizieren und behandeln?

Gestalten: Wie bauen Sie dabei eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihrem Patienten auf?

Entwickeln Sie sich als Therapeut weiter: Verstehen Sie psychosomatische Phänomene und was es funktionell bedeutet, wenn diese organisch kompensiert werden. So können Sie - neben der Beeinflussung auf körperlicher Ebene – auch auf psychischer Ebene unterstützend arbeiten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Psychodynamische Osteopathie

Ein Ansatz in der Traumabehandlung

Christiane Kuhlmann

17 Abbildungen

Vorwort

Die Osteopathie war eine Offenbarung für mich, als ich sie kennenlernte. Sie ist es bis heute, und es ist nicht absehbar, dass sich dies ändert.

Sie ist ein vollkommen schlüssiges Zusammenspiel, das sich zusammensetzt aus viszeraler Osteopathie, kraniosakraler Osteopathie und parietaler Osteopathie, den berühmten drei Säulen, auf die sich diese manuelle Medizinform stützt.

Dennoch stieß ich während meiner Behandlungen immer mal wieder an Grenzen, Grenzen, von denen ich hoffte, sie würden sich mehr und mehr nach außen verschieben, wenn ich nur mehr Berufserfahrung oder noch den ein oder anderen Kurs zur Vertiefung addieren könnte. Mich ließ die Frage nicht los, was die eigentliche Dysfunktion sein könne und wieso der Körper auf diese Weise reagiert hatte. Teilweise hatte ich mit dieser Lernstrategie Erfolg. Teilweise.

Meine innere Suchbewegung mit der Frage nach dem Warum und einem liebevoll durch eine meiner Mentorinnen in meinem Nacken platzierten Satz: „Dig on!“ wurde ein Finden. Natürlich vollkommen anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich wachte nicht eines Morgens auf und hatte eine Erkenntnis. Traumatische Ereignisse und Konflikte in meinem eigenen Leben gaben mir den Schlüssel in die Hand: Ich erfuhr am eigenen Körper und an seinen Reaktionen, was für ein unglaublich feines Messinstrument dieser Körper ist und wie genau er abbildet, was wir erleben. Auch erlebte ich leiblich, dass manche dieser Reaktionen noch lange erhalten bleiben, selbst wenn der Auslöser verschwunden ist.

Auf einmal erkannte ich ähnliche Abbildungen auch bei manchen Patienten und begann, eine Karte anzulegen. Ich hoffte, dass darin eine Regelhaftigkeit liegen könnte. Meine Anamnese wurde genauer, auch und vor allem im Hinblick auf psychische Traumata – und nach und nach fügte sich das Bild zusammen.

Gleichzeitig wurde mir klar, wie viel Verantwortung wir für unsere Patienten haben und dass ein alleiniges Ansprechen oftmals in eine Retraumatisierung führte, selbst wenn Patienten ins Weinen kamen. Weinen wird in vielen Therapieformen als ein wunderbares Lösungsgeschehen interpretiert – jedoch empfand ich es oft eher als kathartisch. Ich stellte fest, dass es unterschiedliche Arten des Weinens gibt und dass nur der Körper Auskunft darüber gibt, ob tatsächlich ein Lösungsprozess stattgefunden hat oder eine weitere Traumatisierung hinzugefügt wurde. Hier machen verschiedene Disziplinen den Unterschied zwischen emotionaler und vegetativer Entladung. Eine reine emotionale Entladung lässt sich, wenn die vegetative, körperliche Entladung nicht erfolgt ist, beliebig oft wiederholen und wird dadurch beileibe nicht gelöst.

Ich begann, mehrere psychotherapeutische und alternativmedizinische Aus- und Weiterbildungen zu machen. Nun kam ich mit den wunderbaren Sichtweisen und Erkenntnissen vieler neuer Lehrer in Kontakt, erkannte, dass meine durch eigene und Patientenerfahrung gespeiste körperliche Landkarte und ihre Abbildungen der Traumata erweitert und ergänzt werden konnte durch die längst beschriebene Organ- und Körpersprache anderer Disziplinen wie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), die Kinesiologie und die klassischen Psychotherapiegrundlagen der Übertragung und Gegenübertragung, die in einen körperlichen Dialog münden können. Ich lernte verschiedene körperpsychotherapeutische Methoden wie die biodynamische Psychotherapie. Später fügte ich die Hypnotherapieausbildung nach Milton Erickson hinzu mit dem Wunsch, auf jeden Fall gewährleisten zu können, einen Patienten stabil nach Hause zu entlassen, wenn eine Therapiestunde vorüber, das Problem aber noch nicht gelöst war. Auch die Ausbildung im Somatic Experiencing von Peter Levine und die Ausbildung in Systemaufstellungen bei Albrecht Mahr fügten meinem Werkzeugkoffer wertvolle Instrumente hinzu. Und schließlich studierte ich anthroposophische Medizin und Physiognomie und konnte darüber Thesen aufstellen, welche Person vermutlich wie auf ein bestimmtes Problem reagieren würde oder reagiert hatte analog den ihr eigenen und einzigartigen Strukturen. Wiederum wurde die Kartografie des Körpers ergänzt und lebendiger.

Ich verstehe mich als Vollblutosteopathin und so integrierte ich sämtliches Gelernte in die körperliche Organisation und ins Erfahrbare und Palpierbare im menschlichen Körper.

Meine Frage war dann schnell, ob diese Erkenntnisse und die Umsetzung in eine für uns Osteopathen wichtige Gewebequalität samt deren Beeinflussbarkeit meiner eigenen Intuition geschuldet sei oder ob dem eine auch für andere erfahrbare Regel innewohnt. Ich lud sowohl Studenten wie auch Therapeuten in mein Osteopathiezentrum ein, um in Erfahrung zu bringen, ob diese Art der Anamneseergänzung und des Sicht- und Tastbefunds sowie der therapeutische Umgang damit für sie erstens nachvollziehbar und zweitens bereichernd für ihre Therapie sei. Ihre Antwort war einhellig und bestätigte mir, dass darüber das große Feld der psychosomatischen Erkrankungen über die Osteopathie erschließbar und ergänzend behandelbar wurde – die psychodynamische Osteopathie war geboren. Mir ist durchaus klar, dass wir als Osteopathen in langer Tradition mit vielen Techniken ebenfalls psychosomatische Manifestierungen im Körper behandeln, auch ohne dies psychodynamische Osteopathie zu nennen. Jedoch – und daher kommt der Name psychodynamische Osteopathie – führe ich ganz bewusst die Sprache mit ein in die Behandlung. Neben dem körperlich-geweblichen Dialog gibt es einen verbalen Dialog, der Bewusstwerdung über das eine oder andere zugrunde liegende Thema ermöglicht und sich nach der Bearbeitung im körperlichen Nervensystem eine Alternative eröffnet, die ewige Schleife der Wiederholung zu durchbrechen und eine andere, reife Entscheidung zu treffen.

Immer noch bin ich auf der Reise, immer noch auf der Suche im Finden. Mich hat eine tiefe Ehrfurcht ergriffen vor den erahnbaren inneren und äußeren Zusammenhängen des Seins und des Lebens – obgleich die Erkenntnis nur ein Bruchteil dessen sein kann, was es wirklich ist. Viele der Gedankengänge sind noch nicht zu Ende gebracht und zeigen meine derzeitigen Grenzen. Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass das Sammeln und das erkennende Zusammenfügen ein fortlaufender, wahrscheinlich lebenslanger Prozess sein wird und dass es viele Blickwinkel gibt, so wie es ganz unterschiedliche Patienten gibt, die in ihrer Vielgestalt und zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Prozesses differenzierte und sicher nicht konforme Interventionen benötigen, um den nächsten Schritt auf ihrer individuellen Reise zu tun. Die weitere Entwicklung liegt längst in unser aller Hände und hat es immer getan.

Die psychodynamische Osteopathie ist eine durch viele Lehrer und Disziplinen gespeiste Therapieergänzung und beileibe nicht durch mich ganz neu erfunden. Dennoch kann ich nur verantwortlich zeichnen für das, was ich erprobt habe: Aus diesem Grund gibt es einen speziellen Behandlungsaufbau, der den Namen PDO trägt. Allein dieser Behandlungsaufbau ist durch empirische Arbeit in seiner Wirkweise gestützt.

Ich habe eine spezielle Behandlungstechnik entwickelt und sie zunächst den „Kuhlmann-Release“ genannt. Diese habe ich weder gelehrt bekommen noch irgendwo beschrieben gefunden. Wenn wir über das Gleiche reden wollen, müssen wir einen Namen haben. Es dient also nichts anderem als der Unterscheidbarkeit. Mir ist folgendes Phänomen aufgefallen: Wie sehr verbinden wir mit dem Namen Lisfranc das Leben und Wirken des gleichnamigen Herrn? Gar nicht – jedoch wissen wir sofort, wo die von ihm beschriebene Gelenklinie liegt. Und so bekommt der Name ein eigenes, vollkommen Losgelöstes von dem tatsächlichen Ich der Person. Und statt der Aufzählung sämtlicher Gelenkpartner ebendieser Linie am Fuß sagen wir einfach „Lisfranc“. Ein zweites Problem ist die noch nicht nachgewiesene Wirkachse. Sollte ich also den Namen Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achsen-Release wählen, würde dies bedingen, dass eine wissenschaftliche Nachweisbarkeit des Releases dieser Achse gewährleistet ist. Das ist es noch nicht. Ich experimentiere gerade mit einem einfachen Kortisolspeicheltest und der Herzratenvariabilität. Aber auch dadurch lässt sich nicht zweifelsfrei belegen, dass es wirklich diese Achse ist, der wir die Wirkung zuschreiben dürfen. Daher bot sich auch vor diesem Hintergrund ein neutraler Name, d.h. ein Projektname, an. Vor allem jedoch geht es mir darum, dass wir in den Kursen sogleich und ganz unvoreingenommen beginnen, zu forschen und zu experimentieren und uns nicht an Namen abzuarbeiten, von denen mein Anatomieprofessor ganz richtig sagte, sie seien nur Schall und Rauch. Und so bin ich mit der Zeit dazu übergegangen, das weniger strittige Wort PDO-Release zu wählen.

Ich bin sicher, dass das Feld der psychodynamischen Osteopathie ein so großes ist, dass immer mehr Dinge folgen werden. Sie alle haben ihren Platz darin. Denn das bisher Gefundene kann nur der Rahmen sein. Sie werden es weiter füllen oder haben längst andere Bausteine hinzugefügt.

In diesem Buch möchte ich den Neugierigen teilhaben lassen an den kleinen Mosaiksteinchen, die ich fand, und wie sie sich für mich in das große Bild einfügen.

Sie sind herzlich eingeladen, es auszuprobieren und auf Ihrer eigenen Reise als Inspiration zu nehmen.

Hamburg, im Juli 2019

Christiane Kuhlmann

Zum Gebrauch dieses Buches

Weder bin ich eine Philosophin noch bin ich eine Neurobiologin oder Bindungsforscherin. Was mich ausmacht, ist meine leidenschaftliche Neugier und Offenheit für verschiedene Richtungen. Ich bin neugierig darauf, was den Menschen ausmacht, sein Wachsen und Werden, sein Sein und sein Zusammensein mit anderen. Mich interessiert, weshalb Menschen nicht ihr volles Potenzial leben, und auch, was ich in meiner kleinen Osteopathiepraxis dazu beitragen kann, dass hemmende Hindernisse nicht mehr im Weg stehen, sondern der Weg in die eigene Erfüllung freigegeben wird. Ich bin überzeugt davon, dass Menschen dann weder ein Burn-out erleiden noch auf irgendeine andere Art und Weise symptomatisieren müssen. Letztendlich ist das für mich vielleicht sogar eine Form der Friedensarbeit: Denn wenn ein Mensch in Kontakt mit seinem Herzen und seiner Seele ist, ist es nicht mehr so leicht, andere über den Tisch zu ziehen oder sich unredlich zu verhalten – es würde im Widerspruch zur eigenen Wahrheit stehen. Damit wird der Mensch zur Quelle des friedlichen Miteinanders.

Daher habe ich begonnen, verschiedene Quellen aus Unterrichtsmaterial, Kursen und Kongressen, Büchern, Vorträgen und Aufsatzpublikationen, aus Gesprächen und eigenen Beobachtungen, Gedanken und Erfahrungen zusammenzutragen. Sie finden am Ende des Buches diese Quellenangaben, Urheber und Inspiratoren und Sie sind eingeladen, sich persönlich von der Reichhaltigkeit ihrer Arbeit zu überzeugen – für viele ist es ihr Lebenswerk. Diese zu achten und gleichzeitig einen Überblick zu geben über das, was in der Traumaarbeit meines Erachtens wichtig ist und mit hineinspielt, ist ein Drahtseilakt. Und muss ob der Fülle bruchstückhaft bleiben.

Das Buch ist in die Themenbereiche aufgeteilt, die ich in meinen Kursen unterrichte. Sie entsprechen dem Behandlungsaufbau einer PDO-Behandlung und beinhalten die Quintessenz der hierzu erforderlichen Informationen. Hintergrundinformationen zu den sehr komplexen und ganzheitlichen Betrachtungsweisen der Anthroposophie, TCM oder des Ayurveda, die ebenfalls einfließen, können und sollen nicht vollumfänglich dargelegt werden:

Grundlagen: In diesem Kapitel finden Sie verschiedene Grundlagen zur therapeutischen Beziehung, hier: therapeutische Haltung mithilfe des Tetraeders.

Trauma: Um das Trauma als solches und dessen Folgen nachvollziehen zu können, folgen in diesem Kapitel Grundlagen zur Entwicklung des Gehirns, zur Dissoziation und Spaltung und der Funktionsweise des Gehirns und Nervensystems bei Gefahr. Die Polyvagal-Theorie mit den adaptiven Reaktionen des autonomen Nervensystems, zu denen die Defensivreaktionen gehören, ist beschrieben, und es wird ein Überblick über die beiden Traumaformen, das Schock- und das Entwicklungstrauma, gegeben. In diesem Zusammenhang darf das Thema Bindung nicht fehlen.

Erkennen: Diesem Kapitel zugeordnet ist das, was der Körper als Ausdrucksfläche der Seele erkennen lässt: der Körper als Prozess. Hier ist in meinem Unterricht auch die Physiognomie platziert als Ausdruck gewordene Eigenschaften. Da es mittlerweile das gut strukturierte Buch Physiognomik von Rau und Rau ▶ [186] gibt und diesem nichts weiter hinzuzufügen ist, habe ich diese Inhalte nicht aufgenommen. In diesem Buch finden stattdessen exemplarisch drei für unsere Arbeit in der PDO wichtige Organe aus dem Blickwinkel der Anthroposophie Platz: das Blut als Organ, das Herz und die Niere.Hier würden darüber hinaus alle übrigen Organe aus dem anthroposophischen Blickwinkel betrachtet sowie Dinge, die Sie aus der viszeralen Osteopathie, der TCM oder dem Ayurveda gelernt haben, hineingehören: Organbedeutungen, Ausdruckszonen etc. Auch Mimik und Körpersprache sind ein großer Bereich des Erkennens eines Gegenübers – all dies hat hier keinen Platz gefunden, würde den Rahmen jedoch wundervoll füllen. Fühlen Sie sich eingeladen, genau das zu tun!

Benennen: Hierunter finden Sie ein Plädoyer für die Sprache in der Osteopathie. Da dies vielleicht ungewöhnlich ist, habe ich etwas mehr Raum für dieses Thema vorgesehen. Es geht um Reden und Schweigen – und um die Tücken der Erinnerungen.

Behandeln: Im Mittelpunkt steht natürlich vor allem eines, das Behandeln. In diesem Kapitel finden Sie sprachliche Mittel und Tools, in diesem Sinne spezielle Techniken. Und Sie lernen etwas über den Behandlungsaufbau, den ich auf diese Weise entwickelt habe, der Sie aber nicht einengen soll: Sie können hier wiederum den Rahmen füllen. Die Trance bzw. der innere Raum und der Grundgriff, der in den PDO-Release mündet, bilden das Gerüst, auf dessen Basis Sie z.B. wunderbar Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) oder systemische imaginative Elemente einsetzen können.

Zum Abschluss des Buches finden Sie einen Überblick über einen Behandlungsaufbau.

Fallbeispiele, denen reale Behandlungen zugrunde liegen, die allerdings namentlich verändert wurden, habe ich in die verschiedenen Bereiche eingestreut. Diese Behandlungen kann man so oder ganz anders durchführen, sie bilden meine zu diesem Zeitpunkt getroffene therapeutische Entscheidung ab.

Grundlage aller therapeutischen Wege kann die Herzkohärenz sein, die Ihnen ziemlich sicher den Weg weist. Die Reaktionen des Patienten sind maßgebend dafür, ob die Richtungen dann beibehalten oder verändert werden müssen. Die Absicht, die wir therapeutisch haben, darf nicht über der Wirkung stehen.

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Vorwort

Zum Gebrauch dieses Buches

1 Grundlagen

1.1 Grundlegendes zur Arbeit mit Traumatisierung

1.2 Tetraedermodell der Intelligenzen (Synergie-Modell)

1.2.1 Rationale Intelligenz

1.2.2 Emotionale Intelligenz

1.2.3 Strukturelle Intelligenz

1.2.4 Inspirative/spirituelle Intelligenz

1.2.5 Synergetische Intelligenz, „Intelligenz des Herzens“

2 Trauma

2.1 Entwicklung des Gehirns

2.1.1 Aufgaben des Gehirns

2.1.2 Wie unser Gehirn zu unserem Gehirn wird

2.1.3 Rolle der Spiegelneurone im menschlichen Miteinander

2.2 Lebens- und Überlebensmechanismen der Seele

2.2.1 Traumawirkungen auf das Sein

2.2.2 Resilienz

2.2.3 Ressourcen

2.3 Psychische Ebene der Spaltung oder Dissoziation

2.3.1 Konzept der Spaltung

2.3.2 Traumatisierter Anteil

2.3.3 Spaltung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte

2.3.4 Überlebensanteil

2.3.5 Inhärenter gesunder Teil

2.4 Das Wesentliche ist der Mensch im Sein

2.4.1 Das Selbst im Prozess der Entscheidungsfindung

2.4.2 Das verkörperte Selbst in Einheit von Körper und Geist

2.4.3 Therapeutische Resonanz

2.5 Funktionsweise des Gehirns, Nervensystems und Körpers bei Gefahr

2.5.1 Homöostase und Stressregulation

2.5.2 Neurozeption – Erkennen von Gefahr und Sicherheit

2.5.3 Polyvagal-Theorie – adaptive Reaktionen des autonomen Nervensystems

2.6 Traumaformen

2.6.1 Schocktrauma

2.6.2 Entwicklungstrauma

3 Erkennen

3.1 Der Körper als Prozess

3.1.1 Ausdruck des Körpers als beseelter Leib

3.1.2 Annäherung an das Selbst

3.2 Der Tod als diesseitig begrenzender Torwächter

3.3 Anthroposophische Aspekte oder die Sprache der inneren Organe

3.3.1 Blut

3.3.2 Herz

3.3.3 Nieren

4 Benennen

4.1 Sprache

4.1.1 Sprache im Feld der Osteopathie

4.1.2 Schweigen als Mantel der Rede

4.2 Erinnerungen

4.2.1 Erinnern als historische Wahrheit?

4.2.2 Erinnern und Identität

4.2.3 Erinnern und Gedächtnis

4.2.4 Negative oder traumatische Erinnerungen

4.2.5 Therapeutischer Umgang mit Erinnerungen

5 Behandeln

5.1 Techniken

5.1.1 Die therapeutische Beziehung in der Trauma-Arbeit

5.1.2 Verbale Elemente/Tools in der Osteopathie

5.1.3 Nutzung des therapeutischen Trancezustands

5.2 Grundsätzliche Vorgehensweise in der PDO-Behandlung

5.2.1 Anamnese

5.2.2 Handhaltung

5.2.3 Tranceinduktion in drei Schritten

5.3 Empfehlungen zur Nutzung der Sprache bei der osteopathischen Behandlung

5.3.1 Verwendung der Gegenwartsform

5.3.2 Zeitliche Erweiterung

5.3.3 Einbeziehen aller Sinnessysteme

5.3.4 Erleben des Patienten

5.3.5 Weiche, offene oder direktive Formulierungen

5.3.6 Relevanz für den Patienten

5.3.7 Sprachliche Tools zur Ausdehnung von Zeit und Wahrnehmung

5.3.8 Idee? Körperliches Empfinden? Bild?

5.4 Verbale Tools der Behandlung

5.4.1 Doppelte Erscheinung

5.4.2 Dissoziation und Kontrolle von traumatischen Erfahrungen über die Bildschirmtechnik

5.4.3 Innerer Gastgeber, Symptom als parteiischer Botschafter

5.4.4 Vergrößern und Verkleinern eines Bildes/Symbols im inneren Raum

5.4.5 Nachholen nicht gemachter Erfahrungen

5.4.6 Körperliches Pendeln von Symptomen

5.4.7 Mit dem sein, was ist

6 Behandlungsaufbau

6.1 Grundhaltung des Therapeuten

6.2 Anamnese

6.3 Befund und Behandlung

6.3.1 Erkennen

6.3.2 Benennen

6.3.3 Untersuchung

6.3.4 Behandeln

6.3.5 Befreit?

7 Kontraindikationen

8 Literaturverzeichnis

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

1 Grundlagen

Trauma ist so alt wie die Menschheit selbst. Es findet nicht nur statt, wenn man es selbst erlebt, sondern kann auch stattfinden, wenn man Zeuge eines schlimmen Erlebnisses ist. Außerdem ist es in seiner Auswirkung nicht nur beschränkt auf denjenigen, der ein solches Ereignis selbst erlebt hat, sondern teilt sich in seiner Schwingungsfrequenz auch der Umwelt mit – ein traumatisierter Mensch reagiert und interagiert anders.

Es ist etwas, was ein natürlicher Teil unseres Lebens ist. Trauma ist also allgegenwärtig. Auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft sowie nach einem überlebenswichtigen sozialen Netzwerk haben sich Menschen seit Urzeiten immer wieder in solche herausfordernde Situationen, ja sogar Kriege begeben, zumal der Mensch diese Ziele mit vielen Spezies teilt.

Allerdings stammen wir von Menschen ab, die Traumata überlebt haben, d.h., deren Nervensystem einen Weg gefunden hat, damit umzugehen.

1.1 Grundlegendes zur Arbeit mit Traumatisierung

Zuallererst findet ein Trauma im autonomen Nervensystem statt; weder das Bewusstsein im Großhirnbereich noch die emotionale Komponente des limbischen Systems haben hier einen Einfluss. Das autonome Nervensystem schärft in Sekundenbruchteilen alle seine Sinne, um die Quelle der Gefahr ausmachen zu können: „Was ist es? Wo ist es? Ist es gefährlich?“

Die Reaktion des autonomen Nervensystems umfasst Fliehen, Kämpfen oder Totstellen, und es stellt die hierfür notwendigen Transmitter und Botenstoffe zur Verfügung. Die Entscheidung für einen der 3 Mechanismen ist unabhängig von der Ursache des Traumas. Hier können wir über die Psychophysiognomie Rückschlüsse über wahrscheinliche Handlungsimpulse eines Menschen ziehen.

Die aus diesem Erlebnis möglicherweise nach Jahren entstehende Symptomatisierung sagt jedoch nichts über die Ursache des Traumas aus; diese gilt es feinfühlig und empathisch zu erforschen.

Wir unterscheiden verschiedene Arten von Trauma (Kap. ▶ 2.6). Das eine ist das Schocktrauma, gekennzeichnet durch ein Erleben von „zu viel“, „zu plötzlich“ und „völlig überwältigend“, das andere sind Entwicklungstraumata. Diese finden sehr langsam statt und entstehen z.B. durch Ausbleiben der Bedürfnisbefriedigung oder Überforderung, die gekennzeichnet sind durch die Diskrepanz zwischen dem kindlichen Entwicklungsstand und seinen unreifen neuronalen Netzwerken einerseits und den an das Kind gestellten Anforderungen und Bedingungen andererseits. Missbrauch in seinen verschiedenen Schattierungen, so er über einen längeren Zeitraum stattfindet, wäre hier einzuordnen, kann aber beim Vorliegen von sexuellem Missbrauch auch als Schocktrauma erlebt worden sein.

Dabei ist nicht das Ereignis selbst das Trauma, sondern es wird erst dann zum Trauma, wenn das Nervensystem einer Person nicht angemessen damit umgehen konnte. So kann ein und dasselbe Ereignis auf die eine Person traumatisierend wirken, für eine andere jedoch völlig ohne Bedeutung sein. Hier ist es wesentlich, dass wir nicht in Relation zu etwas außerhalb von uns empfinden und reagieren. Zum Zeitpunkt eines Traumageschehens gibt es erst einmal die Reaktion unseres Reptiliengehirns, und es helfen keine kognitiv aufmunternden Vergleiche, die das derzeitige Erleben mit dem Grauen der Welt in Beziehung setzen: Unser inneres Empfinden beruhigt sich nicht durch das kognitive Wissen, dass es einen Völkermord in Ruanda gegeben hat.

Eine Traumadefinition von Judith Herman ( ▶ [91], S. 33) ist hier sehr hilfreich:

„Traumatische Ereignisse sind außergewöhnlich, nicht, weil sie selten vorkommen, sondern weil sie die normalen Anpassungsmechanismen des Menschen an das Leben überwältigen. […] Der gemeinsame Nenner eines psychologischen Traumas ist ein Gefühl intensiver Angst, Hilflosigkeit und drohender Vernichtung.“

In diesem Zusammenhang sprechen wir von Resilienz, von der Widerstandskraft einer Person; und der Begriff der Resilienz ist deutlich zu unterscheiden vom Begriff der Ressource. Resilienz meint im Wortsinn „Zurückgehen in die Ausgangsform“. Dies lässt sich an folgendem Beispiel verdeutlichen: Würde man versuchen, ein Eisen zu verbiegen, bis es bricht, ginge es nicht um Resilienz, auch wenn es hernach nur verbogen wäre. Würde das Eisen aber wieder in seine Ausgangsform zurückkehren, dann spräche man von Resilienz (Kap. ▶ 2.2.2).

Bei Tieren in der Steppe kann man diese Vorgänge tagtäglich beobachten. Obgleich ein Tier aus ihren Reihen gejagt und erlegt wurde und die ganze Herde in Aufruhr war, legt sich die Aufregung sehr schnell, das Nervensystem der einzelnen Tiere normalisiert sich wieder, sie grasen nach kurzer Zeit wieder friedlich weiter. Im Nervensystem findet also ein Rhythmus von Aktivierung und Deaktivierung statt.

Ein Kind zu Beginn seines jungen Lebens kann eine Regulation noch nicht selbst aufbauen, es ist angewiesen auf die Regulation/Modulation durch die Mutter. Daher ist eine gute Bindung ein wesentlicher Baustein für den späteren Umgang mit Stress und den Aufbau der Impulsregulationskontrolle. In dieser Phase der vollkommenen Abhängigkeit und fehlenden Selbstwirksamkeit ist ein Kind extrem vulnerabel, und Entwicklungstraumata sind relativ häufig.

Merke

Jede Arbeit mit Traumatisierung bedeutet eine Arbeit mit der Grenze, da diese bei Traumaerleben zerstört worden ist.

Des Weiteren spielt der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle. Zum Zeitpunkt des Traumas ist das Erlebnis als zu schnell, zu plötzlich empfunden worden, daher ist es bei der Arbeit mit dem Patienten jetzt enorm wichtig, mit ausgedehnter Zeit zu arbeiten, damit das Erleben im limbischen System differenziert wahrgenommen werden kann. Uns kommt die Aufgabe zu, diesen Prozess zu begleiten und zu gestalten.

Und zu guter Letzt spielt der Kontakt zum Therapeuten eine entscheidende Rolle. Natürlich ist dieser Kontakt eine Bindung im Sinne der therapeutischen Beziehung, er empfindet jedoch in ihrer Bedingungslosigkeit und Wertfreiheit eine ideale Mutter-/Vater-Kind-Beziehung im Erleben des Patienten nach, in dessen Schutz und mit dessen Hilfe er wieder lernen kann, sich selbst zu regulieren.

Die Arbeit mit traumatisierten Menschen setzt voraus, dass der Therapeut in der Lage ist, eine sichere, den Patienten stützende Bindung aufzubauen. Der Therapeut ist hierbei ein sichtbares und spürbares Gegenüber, an dem sich der Patient in der Auseinandersetzung mit seinem Trauma orientieren kann. Dieses Sichtbarwerden des Therapeuten unterscheidet sich grundlegend von der eher subtil oder integrativ begleitenden Biodynamik oder der Kraniosakraltherapie. Statt des direkten Weges hinein in die Gesundheit oder das universell Heilende – ohne Bewusstheit des Patienten in diesem Prozess – führt der Weg der psychodynamischen Osteopathie über das bewusste Erleben und Integrieren durch den Patienten.

Die therapeutische Entscheidung für diesen Weg findet zumeist statt, wenn man z.B. Wiederholungstendenzen, Vermeidungsstrategien oder eine Somatisierung beim Patienten bemerkt. Diese Strategien im Patienten weisen darauf hin, dass er die Themen entweder bewusst oder unbewusst nicht ablegen kann und versucht, sie auf einer anderen Ebene (oft erfolglos) zu lösen. Hier eignet sich der Weg des Bewusstseins. Dieser Weg setzt zwingend eine gute, reflektierte therapeutische Haltung voraus. Wenn sich der Therapeut der Position des Gegenübers entzieht, steht der Patient wiederum alleine davor und eine Retraumatisierung ist ein mögliches Resultat.

Ein guter Weg, bei sich und beim anderen zu sein, ohne von Eindrücken des Patienten oder Wahrnehmungen vielgestaltiger Art überschwemmt zu werden, ist das Tetraedermodell.

1.2 Tetraedermodell der Intelligenzen (Synergie-Modell)

Dieses Modell wurde von Dr. Hans Hein ▶ [85] entwickelt und bietet eine wunderbare (therapeutische) Grundhaltung, um bei sich und gleichzeitig beim anderen zu sein. Mit Synergie bezeichnet man das Zusammenwirken von verschiedenen Kräften, Elementen und Teilen, die durch ihr Zusammenwirken mehr ermöglichen, als es nach den Eigenschaften der einzelnen Beteiligten möglich wäre. Ein gutes Beispiel von Synergien ist das Nervensystem.

Stellen Sie sich zu Beginn vor, Sie sitzen in einem tetraedischen Körper, der Spitzpol liegt in Ihrem Rücken, nach vorn links und rechts öffnen sich die beiden Schenkel ( ▶ Abb. 1.1). Dann folgen Sie seinen Schenkeln und versuchen Sie, diese isoliert wahrzunehmen.

Abb. 1.1 Tetraedermodell der Intelligenzen.

(Dr. Hans Hein, Hannover)

Beginnen werden wir mit dem Schenkel vorn rechts, der rationalen Intelligenz. Stellen Sie sich vor, Sie würden vollständig in diesen Pol eintauchen, nur rationale Intelligenz sein. Er wird auch in Ihrer rechten Körperhälfte repräsentiert, wer also mit dem Tetraeder Schwierigkeiten hat, begibt sich einfach in die isolierte Wahrnehmung seiner rechten Körperhälfte.

1.2.1 Rationale Intelligenz

Dazu gehören:

Handeln, Ausführung/Umsetzung, Bewegung

Ideen des Handelns, Planen, Erfinden, Entdecken

Struktur des Handelns/Gebrauchsanweisung

Überprüfen/Checken/Imitation

Diese Form der Intelligenz, eine wunderbare Kompetenz übrigens, ist eine uns wohl bekannte. Wer kennt es nicht: Der Patient berichtet über sein Symptom, und wir legen die Instrumente zurecht, ziehen Schlüsse, ohne dass wir den Patienten auch nur auf die Ursache untersucht hätten, und stürzen uns ins Gefecht, sobald der Patient auf der Behandlungsliege liegt. Diese Kompetenz mussten wir mühsam hintanstellen, als wir die Osteopathie erlernt haben, und konnten es kaum aushalten, erst einmal nichts zu machen, eben nicht in eine blinde Aktion zu verfallen. Wir mussten lernen, die Hände und den Geist stillzuhalten, dieser rationalen Intelligenz für eine kleine Weile zu entsagen, damit das Gewebe sprechen konnte und wir seiner Richtung lauschen lernten. Wenn ich unterrichte und ein Teilnehmer danach fragt, wie oft man dies oder jenes tun müsse, dann weiß ich sehr genau, dass der Teilnehmer gerade seinen rechten unteren Ast beflügeln will, einen Ast, der uns schon oft im Leben Sicherheit suggeriert hat und der wie bekanntes Terrain im Angesicht des großen Unbekannten, des Traumas, scheint.

Wir kennen diesen Ast der rationalen Intelligenz auch zu Beginn unseres Lernens der Osteopathie, wenn zuverlässig alle vier Ebenen durchschritten werden müssen, bevor wir etwas wirklich können. Wir sprechen von den vier I: Imitation, Inkorporation, Identifikation und Integration.

Das Lernen von Techniken oder Denkebenen wird eingeleitet durch die Imitation. Meine Hände machen genau das, was der Lehrer vorgemacht hat – und dennoch erzielen sie nicht das gleiche Resultat, sie imitieren zuerst nur. Es ist also pures Handeln ohne Verknüpfung und nur zufällig begleitet von belastbaren Aussagen über das Ertastete.

Die nächste Stufe ist die Inkorporation oder freier formuliert: „Der Lehrer wird einverleibt.“ Ich will alles wissen und erfahren, lasse keine seiner Bewegungen außer Acht, belege ihn mit Fragen, sobald ich seiner habhaft werden kann.

Die Inkorporation wird abgelöst von der Identifikation: „Ich bin er.“ Und das, was er erzählt hat, identifiziere ich nicht mehr als fremd und von außen zu mir gekommen, sondern mache es zu meinem; der eigentliche Autor verschwindet.

Erst auf der Stufe der Integration, dem vierten I, existieren wieder das Andere und ich. Hier wären wir dann im Bereich der strukturellen Intelligenz (Kap. ▶ 1.2.3). Aber dazwischen wollen wir der Ordnung halber noch die emotionale Intelligenz näher betrachten.

Betrachten wir wieder das Tetraedermodell: Verlassen Sie nun den rechten Schenkel und gehen Sie vollständig in den linken hinein. Versuchen Sie diesen linken Schenkel oder wahlweise die linke Körperhälfte isoliert und ausschließlich in Ihre Aufmerksamkeit zu nehmen. Der linke Pol ist repräsentiert durch die emotionale Intelligenz.

1.2.2 Emotionale Intelligenz

Dazu gehören:

Fühlen

Mitgefühl, Mitleid

Auch mit dieser Form der Intelligenz und Kompetenz ist die Mehrzahl der Therapeuten schon in Berührung gekommen. Hier ist das Fühlen, aber auch das Mitgefühl und die stufenbildende Form, das Mitleid, verortet. Hiermit ist nicht nur die rein emotionale Ebene gemeint, sondern auch die Ebene der Körperempfindungen und Sinneswahrnehmungen. Zusammenfassend könnte man sagen, dass man sich hier auf dem Wahrnehmungsschenkel des Tetraeders befindet, eigener und fremder Wahrnehmungen.

Die Körperempfindungen umfassen sowohl die Areale der Körperoberfläche wie auch das Körperinnere in Form bewusster Wahrnehmungen, von z.B. Farben, Geräuschen, Wärme, Kälte, Anspannung oder Kribbeln. Diese können durch den Therapeuten selbst hervorgerufen sein, z.B. in Reaktion auf Erzähltes und Anklang an seine eigene Geschichte; oder aber der Therapeut reagiert im Sinne der Übertragung ohne Bezug zum eigenen System auf das Erzählte. Das Erlernen dieser Differenzierung ist unumgänglich, damit man sich nicht im Strudel der Identifikation mit dem Patienten wiederfindet.

Das bewusste Wahrnehmen und Erleben von Affekten wie Freude, Traurigkeit, Wut, Eifersucht und anderen Gefühlen gehört ebenso in den linken, unteren Schenkel des Tetraeders wie das Mitgefühl mit dem Patienten.

Indem ich von der stufenbildenden Form des Mitgefühls spreche, dem Mitleid, mache ich bewusst einen Unterschied zwischen beiden, obwohl sie im Sprachgebrauch oft synonym benutzt werden. Jedoch erschafft das Mitleid eine Ebenenungleichheit. Derjenige, der Mitleid hat, erhebt sich – bewusst oder unbewusst – über den anderen. Bei dem Erleben des Mitgefühls stimme ich mich auf der gleichen Wellenlänge ein, auf der mein Gegenüber ist, wissend, dass es sein Wasser und sein Ozean sind, und bin mir meiner eigenen Identität vollkommen bewusst.

Zurück zum Tetraedermodell: Nun gleiten Sie mit der Aufmerksamkeit zu dem Spitzpol hinter sich. Wenn Sie sitzen, dürfen Sie auch vom Steißbein aus ein Lot nach unten fällen. Hier ist die strukturelle Intelligenz verortet.

1.2.3 Strukturelle Intelligenz

Dazu gehören:

Regeln

Naturgesetze

Werte/Ökonomie

Gesetze

Die strukturelle Intelligenz scheint unspektakulär und schafft gleichzeitig Sicherheit par excellence. Wir wissen oftmals nicht einmal um das hier Abgespeicherte, so sehr ist es Struktur geworden, und wir müssen uns bei Nachfragen verwundert die Augen reiben, wenn das Assoziativgedächtnis aus irgendwelchen Strukturhinterhöfen das gewünschte Wissen unverstaubt zutage fördert.

Hier sind gesellschaftliche Werte verortet und die Form, in der diese Werte ihre Niederschrift und Verbindlichkeit finden: die Gesetze. Naturgesetze wie Ebbe und Flut, Tages- und Jahreszeiten, Generationenunterschiede und der selbstverständliche Umgang damit, z.B. indem Erwachsene die Verantwortung für Kinder übernehmen, finden hier Raum. Es ist der hintere Schenkel des Tetraeders. Gleichfalls liegt hier die Ökonomie, d.h. das, worüber ich im ökonomischen Sinne verfügen kann: meine Wohnung, die Nahrung, meine Arbeitsstelle.

Regeln, über die wir nicht mehr nachdenken müssen, z.B. die Deklination von lateinischen Wörtern oder was immer sich bei Ihnen auf Ihrer höchsteigenen Strukturebene unwiderruflich eingebrannt hat, sind recht unterschiedlich. Hierzu gehören Gedichte, alte Kinderlieder oder das Vaterunser, das inkorporierte Wissen wie Fahrradfahren etc. Weckte jemand Sie nachts um vier Uhr, fragte Sie nach etwas Bestimmten, und es wäre auch im Halbwachzustand abrufbar: Herzlichen Glückwunsch, das ist die Struktur.

Folgen Sie nun im Tetraedermodell mit Ihrer Wahrnehmung einer inneren Mittellinie nach oben, bis Sie im Kopfpol und ein Stück darüber hinaus auf der Scheitelebene landen, die sich nach oben öffnet. Hier befindet sich der Punkt der inspirativen Intelligenz.

1.2.4 Inspirative/spirituelle Intelligenz

Dazu gehören:

Denken

automatisiertes Denken/Grübeln

Affektlogik

strategisches Denken

Erkenntnis

Eingebung/Inspiration

Kreativität

Die inspirative oder auch spirituelle Intelligenz ist im Kopfpol verortet und bildet folgerichtig den oberen Pol des Tetraeders.

Auch diesen Teil kennen wir als Osteopathen nur zu gut. Er wird im Studium gefordert, indem sämtliche anatomische Gegebenheiten irgendwann verstanden, gewiss aber platziert werden sollten, Zusammenhänge erkannt werden müssen und schlussendlich alle Teilgebiete, beispielsweise Embryologie, Anatomie, Physiologie, Pathologie, Pharmakologie und Radiologie, zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden. Erst dieses umfassende Wissen macht die Osteopathie zu einer ganzheitlichen Medizinform!

Weiter ist der inspirativen Intelligenz eine ordnende Rolle im situativen Erlebnisfluss des Lebens zuzuschreiben. Zeitliche Ereignisse in eine Reihenfolge zu bringen, sich zu erinnern, aus einem bewusst gewählten Abstand heraus etwas zu betrachten oder eine Zukunftsperspektive zu entwickeln – all dies gehört in diese Region.

Die Kreativität auch großer Denker, Dichter und künstlerisch Schöpfender fußt zumeist auf fundierter Sachkenntnis, einem großen Erfahrungsschatz und lange bewegten Gedankengängen. Die ständige, leidenschaftliche Beschäftigung mit einem Thema lässt das Gehirn nicht ruhen, und so scheinen selbst mutmaßlich einzigartige Ideen oft Ergebnis einer treuen Dienstleistung des Gehirns zu sein. Dieses kommt dabei in der tiefen Beschäftigung auch ohne Anwesenheit der Bewusstwerdung darüber aus, sodass das Ergebnis einer Problemlösung selbst seinen Schöpfer manchmal vollkommen unvorbereitet überrascht. Der bekannte Soziologe Max Weber fasst das in seinem Vortragstext „Wissenschaft als Beruf“ zusammen ▶ [262]:

„Es ist in der Tat richtig, daß die besten Dinge einem […] bei der Zigarre auf dem Kanapee, […] , jedenfalls aber dann, wenn man sie nicht erwartet, einfallen, und nicht während des Grübelns und Suchens am Schreibtisch. Sie wären einem nur freilich nicht eingefallen, wenn man jenes Grübeln am Schreibtisch und wenn man das leidenschaftliche Fragen nicht hinter sich gehabt hätte.“

Die inspirative Intelligenz verlangt aber mehr von uns als das schlichte Verknüpfen angesammelten Wissens und Ordnens. Das wirkliche Sein zu erahnen, vielleicht zu erfassen, verlässt irgendwann die Denkebene und geht auf einen ebenfalls dem Geist zugeordneten Bereich, der Intuition. Wenn das Denken als solches still geworden ist, vielleicht weil wir wie in einer Urexpedition bekannte und damit erdenkbare und von anderen erdachte Pfade verlassen müssen, selbst eine Machete ergreifen und uns durch unbekannten Urwald begeben, begeben wir uns diese eine Stufe höher und erhalten Informationen wie Eingebungen, deren Verfasser nicht klar ist.

Der Intuition haftet oftmals der Geruch des Unverstandenen an, da sie sich Erklärungen entzieht, Expertenwissen überwindet und dem drängenden produktiven Wollen gänzlich unempfindlich gegenübersteht – sie verschließt sich schlicht dem Forschen oder Grübeln. Den zensierenden Instanzen des Verstandes setzt sie ihre Blitzartigkeit entgegen, mit der sie elegant die Gültigkeit der Gesetzmäßigkeiten zwischen dem, was wir für möglich, und dem, was wir für unmöglich halten, aufhebt. Auch verwischt die Intuition die Grenzen zwischen Gefühl und Verstand, indem sie sich mittels eines Gefühls, das in den Verstand sickert, ausdrückt. Jede andere Sinnespforte, deren sich das Gefühl normalerweise bedient, scheint verschlossen, und so wird die Herkunft der Ahnung gänzlich verschleiert. Auf diese Weise verschmelzen beide und die schmerzliche Unterordnung des einen unter den anderen entfällt in Gegenwart der Intuition. Auf diese Weise fegt die Intuition Befürchtungen beiseite, lässt neue Ordnungen entstehen und erlaubt vollkommen neue Handlungsentwürfe. Manchmal birgt dies – wie in vielen Lebensläufen der Physiker – erkenntnisreiche Elemente, manchmal hält sie aber auch ganz lebenspraktische Lösungen bereit und manchmal sogar lebensrettende. Der schwedische Naturwissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg (1688–1772) hatte im Jahre 1759 eine Vision des im 450 km entfernten Stockholm ausgebrochenen Feuers und auch davon, wo die Feuerlinie zum Stillstand kam. Ein eintreffender Bote bezeugte diese Vision. Zeitgenössische Quellen belegen die Glaubwürdigkeit. Das ist Intuition, die nicht mehr mit logischem Denken zu erklären ist.

Im Unterschied zum guten Bauchgefühl braucht Intuition bzw. Inspiration kein direktes Gegenüber. Es ist eben nicht der Instinkt, den wir hiermit beschreiben, sondern die viel schwerer greifbare Instanz des Darüberliegenden. Die Ahnung, dass diese Idee, diese Energie, nicht einfach nur von ungefähr kommt, kann man dann schnell in die Spiritualität übersetzen. Wenn ich vermehrt solche Erfahrungen mache, einfach offen bin für diese innere Stimme unbekannter Genese, wird das ein natürlich gelebter Teil, dem in seiner Selbstverständlichkeit sämtliche Dramatik abgeht – es ist eben nicht „esotöricht“, sondern zutiefst spirituell.

Albert Einstein hat mit einem Ausspruch die Intuition geadelt (zitiert in ▶ [68], S. 1):

„Alles, was wirklich zählt, ist die Intuition. Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ihr treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“

Ich bin trotzdem eine Verfechterin davon, möglichst alle Kompetenzen an Bord zu haben, daher folge ich gern Hans Hein in die 5. Ebene ▶ [85].

1.2.5 Synergetische Intelligenz, „Intelligenz des Herzens“

Dazu gehören:

das Nichts

absichtsloses Beobachten

Zufriedenheit

Hingabe

Flexibilität

Gelassenheit

Achtsamkeit mit sich und anderen

Einmal durch das Tetraeder unserer Kompetenzen gereist und sich ihrer bewusst geworden, kommen wir zur Ruhe: Wir gelangen zum frei schwebenden Punkt in der Mitte, der Intelligenz des Herzens. Bildlich finde ich die Vorstellung hilfreich, man sitze in seinem eigenen Herzen im Schneidersitz und nehme die Punkte der anderen Eckpunkte des Tetraeders aus der Ferne wahr. Zu keiner gehe ich hier explizit hin, keine befrage ich gesondert, weder die Emotion noch die Ratio, nicht die Struktur und auch nicht die Inspiration. Und dennoch ist mir die Existenz dieser Kompetenzen bewusst und ich könnte sie isoliert anhören, wenn es vonnöten wäre.

Im Punkt des Herzens kommt es nun ganz darauf an, still zu werden. Hier ist der Punkt absichtslosen Beobachtens, der Punkt innerer Gelassenheit bei gleichzeitiger Präsenz.

Eventuell sich aufbäumende muntere Tatbereitschaft oder Problemlösungsverhalten werden sanft wieder in ihre Schenkel des Tetraeders zurückgeschickt, auch die Emotion, das Mitleiden, kann sich nicht Raum verschaffen und wird so zum Mitgefühl, bei dem der Therapeut sich bewusst ist, dass nicht er es ist, der das Geschehen, das der Patient ihm erzählt, erleidet.

Wir wühlen auch nicht in den Instrumentarien dessen, was wir bisher in der Osteopathie gelernt und im Punkt der strukturellen Intelligenz hoffentlich abgelegt haben. Das wäre, als würden wir, während der Patient uns seine Geschichte erzählt (nonverbal-geweblich und/oder verbal), gleich einem Chirurgen, der in einem Entwicklungsland ohne OP-Schwester agieren muss, unsere Instrumente säubern und ordnen und wären nur mit halber Aufmerksamkeit beim Patienten, der ohnedies im nächsten Moment von der Narkose verschluckt werden wird.

Und wir verschwinden auch nicht im Punkt der Inspiration und verlassen so das direkte Gegenüber.

Wir stellen hier über das bewusste Verlassen der genannten Punkte des Tetraeders und das bewusste Einlassen auf den Bereich des Herzens eine Herzkohärenz her.

Gerade in der Arbeit mit Traumata ist es wichtig, von der Herzensebene her zu agieren. Dies bewahrt Sie davor, Ideologien oder Kochrezepte zu verfolgen, die aus der kognitiven Vorwegnahme durch Konzepte resultieren können. Trauma ist so vielschichtig, Sie wissen nicht, was sich hinter der nächsten Wendung verbirgt.

Sie wissen einzig, dass der Patient, was auch immer er durchlebt hat, überlebt hat und dass er in dem jetzigen Moment in Ihrer Praxis sicher ist. Dirigiert aus Impulsen, die das eigene Herz Ihnen vorgibt, können Sie einen Prozess begleiten, der sich ganz dicht am Erleben des Patienten orientiert, und haben daher ein inneres Wissen über das Tempo oder die Intensität der Behandlung.

Phänomenologisch können wir uns jetzt als geistig klar (ohne Gedankenaktivität), wach, präsent und gleichermaßen emotional offen sowie entspannt empfinden. Meist stellt sich eine gewisse Weite im Brustbereich ein, begleitet von Wärme. Und erst jetzt nehmen wir physischen Kontakt zum Gewebe auf und platzieren die Hände.

Über diese Vorübung, die ich in den Kursen therapeutische Grundhaltung nenne (ich setze dann regelmäßig um das Wort „therapeutische“ Klammern und erkläre es zu einer Lebensgrundhaltung), wird ermöglicht, dass ich mich weder von Gefühlen überschwemmen lasse noch in Aktionismus verfalle, noch in einen Bereich des Dösens gerate oder von Abgrenzungsproblemen getrieben werde.

Viele der Osteopathiestudenten schildern auf die Frage, was ihnen am meisten Probleme mache, dass dies ihr großes Fühlvermögen sei und die Unmöglichkeit der Abgrenzung. Sind wir aber als Therapeuten ständig darum bemüht zu spüren, ob man den Patienten jetzt innerlich noch loswerden könne oder ob es bereits zu viel sei, verstellt sich uns der Blick für das Wesentliche, und es kann sein, dass damit die Aufgeschlossenheit gegenüber allen Feinheiten, die der Patient uns durch alle Sinnespforten mitteilt, verloren geht.

Die Übung, sich das Tetraedermodell immer wieder zu vergegenwärtigen, ermöglicht es dem Therapeuten, ein bewusstes Gegenüber zu werden, ein präsenter Teil der sich entwickelnden therapeutischen Beziehung, und versetzt ihn so in die Lage, eine phänomenologische Haltung einzunehmen, in die hinein sich der Patient öffnen kann.

Vielleicht ist es vergleichbar mit einem Musiker, der in einem Konzert zunächst einmal innehält, bevor der erste Ton erklingen darf, er wartet, sammelt sich. Das Ungeordnete, vom Alltag besetzte Leben wird so aus dem Konzertsaal verbannt. Und auch im Publikum stellt sich über diese Haltung eine Stille, eine Bereitschaft zum Einlassen auf die Musik ein; diese Stille öffnet einen Raum, in dem die Seele bereit ist, sich berühren zu lassen.

Eine emotionale Offenheit und Flexibilität im Bezug auf die noch nicht bekannte Geschichte des Patienten kann der Therapeut nur erlangen, wenn er sich einerseits mit seiner eigenen Geschichte auseinandergesetzt hat, sodass keine Abwehr entsteht, und andererseits eine gute Präsenz mit dem Bewusstsein über das eigene Dasein entwickelt hat. Dem Therapeuten ist zu jedem Zeitpunkt klar, dass er eine andere Seinsform hat als sein Patient. So kann er zum Bademeister werden, der nicht auch Wasser schluckt, wenn der Schwimmschüler dies tut, ein Bademeister, der vom Rand aus sichere Anweisungen geben kann, sehen kann, wie er den Schwimmenden unterstützen muss, und zur Not mit hineinspringt, wenn der Schwimmende unterzugehen droht, dabei aber sehr wohl weiß: Er selbst kann schwimmen. Und er kann dem Schwimmenden Hilfestellung leisten. Das gibt ihm eine sichere, zuversichtliche Ausstrahlung, in deren Schutz der Schwimmende spürt, dass ihn das Wasser trägt.

Das Modell des Tetraeders als sichere, kompetente Basis ist eine praktische Übung zum Erlernen einer solchen Haltung, die ich sehr schätze. Und im Resultat des täglichen Praktizierens liegt nichts weniger als eine wunderschöne Präsenz.

Fallbeispiel

Fallbeispiel Johannes

Johannes wird mir von einer Kollegin überwiesen. Er ist, als ich ihn kennenlerne, 8 Jahre alt.

Die eigentliche Verbindung zwischen Johannes und mir findet in Bruchteilen von Sekunden gleich zu Beginn unserer 1. Sitzung ihren Anfang. Ich begleite ihn und seine Mutter aus dem Warte- in das Behandlungszimmer. Da es die 1. Sitzung ist, gehe ich voraus und schließe, als auch Johannes gefolgt ist, die Tür. In diesem winzigen Moment, als ich ihn durch die Tür lasse und ihn dabei ansehe, trifft mich ein unglaublich prüfender Blick von diesem Kind, beinahe taxierend, als wolle er einschätzen, ob dies eine Hilfe sein könne.

Als die beiden nun vor mir sitzen, beginne ich die Sitzung damit, zu fragen, ob Johannes denn wisse, weshalb er hier sei.

Klar und deutlich antwortet er, wieder mit diesem festen, prüfenden Blick: „Weil ich aggressiv und hyperaktiv bin.“ Innerlich notiere ich die Diskrepanz zwischen diesem ruhig dasitzenden, beinahe herausfordernd dreinschauenden Kind und meinem Erfahrungsbild eines real hyperaktiven Kind, das wenigstens mit den Beinen wippt oder den Blick unstet durch das Zimmer schweifen lässt oder sonst irgendwelche Zeichen der ja nicht ohne Grund genannten Hyperaktivität zeigt. Oder aber den durch Medikamente getrübten Blick eines so behandelten Kindes. Nichts dergleichen finde ich bei Johannes. Vielmehr leuchtet mir neben dem Taxieren eine wache Intelligenz aus den Augen dieses Kindes entgegen, eine Aufmerksamkeit, der nichts zu entgehen scheint. „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich deine Mama dazu ein bisschen befrage?“, frage ich ihn. Als er bejaht, antwortet sie schlicht: „Ja, das ist so. In keiner Unterrichtsstunde sitzt er still oder hört zu, er schlägt und prügelt sich und ist ganz schnell reizbar. Zu Hause bringt er mich auch sofort zur Weißglut, er ist einfach überhaupt nicht ausgeglichen. Und nun soll er schon wieder die Schule wechseln, die kommen auch nicht mit ihm klar. Wir haben bereits seit Jahren Kinderpsychotherapie gemacht – aber es ändert sich nichts.“

„Stimmt das für dich auch, was die Mama da erzählt?“, frage ich ihn. „Ja.“ „Warum machst du das?“, frage ich ihn freundlich. Hyperaktivität, die durch tatsächlichen Katecholaminüberschuss entsteht, kann man kaum willentlich beeinflussen, daher macht dieses kleine Wort „machst“ klar, dass ich finde, dass er es macht, und nicht, dass er es hat. Ich will sehen, wie er mit dieser Herausforderung umgeht. Er nimmt sie an und bleibt weiter mit seinem Blick fest bei mir: „Mein Bruder ist bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Deswegen mache ich das.“ Blitzschnell gleiche ich die Reaktionen der beiden ab, die der Mutter wie die von Johannes. Beide wirken, als hätten sie diese Situation schon hundertmal durchgespielt, und keiner von beiden reagiert auf emotionaler Ebene sichtbar.

„Wir waren deshalb schon seit seinem 3. Lebensjahr in verschiedenen Psychotherapien, u.a. Verhaltenstherapie, haben uns so oft mit Jarons Tod beschäftigt – nichts hat geholfen. Nun sagte uns einer der Ärzte, es sei Hyperaktivität, und will Johannes Medikamente geben.“ (Gemeint ist mit dem Medikament Methylphenidat, z.B. Ritalin.) „Davor habe ich ein bisschen Angst und dachte, man könnte vielleicht osteopathisch etwas machen“, berichtet die Mutter.

Die weitere Anamnese am Schreibtisch wird mir zu heikel, da ich nicht weiß, wie sie beide das Unglück verarbeitet haben, und ich beschließe, die restlichen Fragen an der Behandlungsbank zu stellen, wenn ich Johannes in meinen Händen habe und genau spüren kann, wann sein Körper auf welches Thema vegetativ reagiert.

Die Kollegin, die mir Johannes überwiesen hatte, ist eine sehr geschätzte Osteopathin, die jedoch weiß, dass ich mich auf die Behandlung psychischer Traumata spezialisiert habe. Daher erwarte ich osteopathisch keine allzu großen Dysfunktionen mehr, mache mich aber dennoch an eine genaue osteopathische Untersuchung. Nichts besonders Augenfälliges springt mir entgegen und auch seine Midline scheint er gut gefunden zu haben. Ratlos lasse ich sein Gewebe eine Weile auf mich wirken.

Dann wende ich mich der Mutter zu, die neben der Bank auf einem Stuhl sitzt. Ich frage sie, ob es in Ordnung ist, wenn ich mich noch mal ein wenig mit dem Bruder beschäftige und vertiefend frage. Wie schon vermutet, haben beide schon so oft davon erzählt in all den Therapien, dass es beiden nichts ausmacht, so versichert sie, auch Johannes’ Körper verrät keinerlei Alarmzeichen.

„Wie alt warst du, als dein Bruder starb?“, frage ich ihn zunächst. Hier antwortet nun die Mutter: „Anderthalb Jahre alt.“ Keine Gewebereaktion bei Johannes hierauf. „Und dein Bruder?“ – wieder stelle ich ihm direkt die Frage. „Zwölf“, antwortet nun Johannes, immer noch ohne jede autonome Gewebereaktion. Beinahe plaudernd fährt er fort, welchen Fußballverein sein Bruder Jaron gehabt hatte und was für ein cooles T-Shirt, das er selbst nun trage. Er kennt sein Lieblingsessen und seine Lieblingsband. Und bleibt bei alldem vollkommen ruhig wie auch die Mutter, die ich allerdings nur beobachten und nicht geweblich spüren kann.

Ich frage nun nach dem großen Altersunterschied zwischen beiden Kindern und erfahre, dass der Ältere der beiden Jungen aus einer ersten Beziehung stammt und folglich ein Halbbruder von Johannes ist. Ich frage, ob Jaron hauptsächlich bei ihnen gewohnt hat oder ob er auch viel beim Vater war. Wie in vielen Patchworkfamilien teilten sich beide Eltern das Sorgerecht und somit auch die Tage der Woche.

Mittlerweile schweift Johannes ein bisschen ab, schaut sich die Bilder und die Vorhänge an und ist geweblich weiter völlig ruhig.

Ich wende mich an ihn: „Johannes, ich glaube nicht, dass du ausschließlich wegen Jaron so reagiert hast.“ Irritiert blickt er mich an. Und auch die Mutter schaut aus ihrem beinahe gleichförmigen Erzählfluss auf und hält inne.

„Weißt du, Johannes, ich behandele so viele Kinder in so vielen Altersstufen. Und was ich ganz sicher gelernt habe, ist, dass sich zwölfjährige Jungen für alles Mögliche interessieren, aber doch sehr wenig für kleine Krabbelkinder. Die haben andere Dinge im Kopf. Oder war das bei euch anders?“ Mit dieser Frage wende ich mich wieder an die Mutter: „War Jaron eines der wenigen Kinder, die ihre rare Zeit in der neuen Familie der Mutter mit ihrem kleinen Geschwisterchen verbringen?“ Die Mutter verneint und bestätigt, dass sich Jaron tatsächlich um alles andere gekümmert hat und auch Streite zwischen ihr und Jaron ausgefochten wurden. All die Heiligtümer, Jarons T-Shirt und auch die Platte der Rockband, die Johannes aufbewahrt, zeugen nicht wirklich von der innigen Beziehung der beiden Brüder, sondern vielmehr von einer Erinnerungskultur, die womöglich seinerzeit nicht einmal durch das Kleinkind initiiert worden ist. Der große Altersunterschied lässt in Zeiten der Kindheit auch noch keine Beziehung auf Augenhöhe zu. Und dennoch gibt es natürlich eine systemisch vorhandene Beziehung, eine Bruderliebe, in die Johannes eingebunden ist und die auch nicht endet, wenn das Geschwisterkind verstirbt.

Jedoch gibt es diese auffällige, als hyperaktiv deklarierte Verhaltensweise von Johannes, die immer noch anhält, jedem intensiven Behandlungsversuch bisher getrotzt hat und mit der er nun wiederum riskiert, das zweite Mal von einer Schule gewiesen zu werden.

Sanft wende ich mich der Mutter zu und frage sie, ob es ihr möglich sei, mir den Unglückstag noch einmal zu beschreiben. „Ja klar“, antwortet sie leichthin. Auf dieses Terrain wage ich mich, eben weil beide schon diverse Therapien gemacht haben.

So berichtet sie mir von dem Tag, da sich ihr Leben so drastisch änderte und ihr älterer Sohn zu einem Rundflug in eine kleine Propellermaschine stieg, die später abstürzte.

Sehr konzentriert folge ich ihrer Erzählung und gleiche diese mit der Reaktion in Johannes’ Körper ab. Er liegt die ganze Zeit ruhig auf der Bank und hat auch keinerlei Berührungsängste. Die Diagnose Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) habe ich in Gedanken schon längst gestrichen, auch grundlose Aggressivität finde ich schwer vorstellbar, da er zwar über die Energie verfügt, jedoch in völlig harmonischem Dialog und in Beziehung zu mir ist und folgerichtige Reaktionen zeigt.

Die erste Reaktion in Johannes’ Gewebe kommt heftig, als sie an der Stelle angelangt ist, an der sie berichtet, sie selbst habe eigentlich ebenfalls in die Maschine steigen wollen, habe aber, weil sie sich zu sehr mit Jaron stritt, ihren Mann gebeten, mitzufliegen.

„Der Stiefvater von Jaron? Johannes’ Vater?“, hake ich nach. „Ja“, antwortet sie leise und nun sehe ich auch das erste Mal in ihren Zügen einen Hauch inneren Erlebens. Undeutlich, nur zu erahnen. „Und was geschah mit ihm?“, frage ich. „Er überlebte als Einziger schwer verletzt und lag über Monate auf einer Intensivstation mit schwersten Brandverletzungen.“ Johannes fügt nun beinahe überdreht hinzu: „Der sieht heute immer noch ganz gruselig aus.“

Eine Möglichkeit für seine heftige Reaktion könnte darin liegen, dass auch sein Vater akut bedroht war. Leise und einfühlsam frage ich die Mutter: „Das muss der schwerste Moment in Ihrem Leben gewesen sein, nicht wahr? Mann und Sohn in einem Flugzeug zu wissen, das über Ihnen sichtbar außer Kontrolle geraten ist und schließlich abstürzt.“

Sie nickt starr und tonlos. Und Johannes wird stocksteif in meiner Hand!

„Haben Sie selbst je Therapie gehabt danach?“, frage ich sie nach einer Weile, in der die Stille eine warme Verbindung zwischen uns dreien schafft.

„Ja, diverse Gesprächseinheiten und auch Körperpsychotherapie.“