Rache oder Wahnsinn - Manuela Kusterer - E-Book

Rache oder Wahnsinn E-Book

Manuela Kusterer

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Beschreibung

Lea Sonntag ermittelt Ein neuer Fall nimmt das Schömberger Polizeiteam voll und ganz in Anspruch. Eine Frau wird in ihrem Bett mit einem Kissen erstickt und ein Mann in seinem Haus erstochen. Ist es Zufall, dass die beiden demselben Freundeskreis angehören? Befindet sich der Mörder vielleicht unter ihnen? Hauptkommissarin Lea Sonntag ist überfordert, denn sie fühlt sich krank und antriebslos. Sie kämpft dagegen an und stürzt sich verbissen in die Ermittlungen. Doch ein unachtsamer Moment bringt sie in große Gefahr.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Daniel.

Inhaltsverzeichnis

Montag

Schömberg

Dienstag

Polizeirevier

Langenbrand

Polizeirevier

Schömberg

Langenbrand

Polizeirevier

Katharina

Schömberg

Katja

Mittwoch

Lea

Polizeirevier

Langenbrand

Polizeirevier

Kathi

Lea

Alex

Donnerstag

Polizeirevier

Schömberg

Polizeirevier

Lea

Freitag

Polizeirevier

Langenbrand

Felix

Langenbrand

Langenbrand

Polizeirevier

Langenbrand

Pforzheim

Langenbrand

Pforzheim

Samstag

Polizeirevier

Montag

Polizeirevier

Matthias

Polizeirevier

Conny

Polizeirevier

Matthias

Schömberg

Dienstag

Stammheim

Polizeirevier

Oberlengenhardt

Pforzheim

Schömberg

Pforzheim

Polizeirevier

Mittwoch

Donnerstag

Polizeirevier

Epilog

Montag

Schömberg

Fröstelnd zog Lea Sonntag die Schultern hoch. Es war nur ein Katzensprung von der Dienststelle bis zu ihrer Wohnung, aber sie war zu leicht angezogen für diese Jahreszeit. Für November war es ungewöhnlich kalt.

Der Kurort Schömberg befand sich auf sechshundert Höhenmetern. Lea konnte sich nicht erinnern, dass es zu diesem Zeitpunkt jemals so eiskalt gewesen war. Oder lag es nur an dem Wind, der ihr ins Gesicht peitschte?

Mit gesenktem Kopf, um sich vor der Kälte zu schützen, beeilte sie sich nach Hause zu kommen.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, hätte sie doch fast eine Frau umgerannt.

»Entschuldigung«, murmelte sie vor sich hin.

»Das gibt es doch gar nicht«, rief die Frau erfreut aus. »Lea bist du das? Was machst du denn hier?«

Lea schaute genauer hin und lächelte.

»Hallo Nina, schön dich zu sehen. Du wohnst also wieder hier? Und hast dich überhaupt nicht verändert«, fügte sie hinzu.

»Nicht ganz, ich wohne jetzt in Langenbrand. Mich zieht es einfach immer wieder hierher zurück.« Nina lachte.

Lea wusste, dass Nina in Schömberg aufgewachsen und dort mit ihren Eltern gelebt hatte, bis sie zum Studieren nach Heidelberg gegangen war.

Als Lea auf der Polizeischule in Bruchsal gewesen war, hatte sie die junge Frau bei einem Ausflug kennengelernt. Sie hatten sich im Café eines Buchladens zufällig getroffen und angefreundet.

Nina hatte Psychologie studiert und war Lea von Anfang an sympathisch gewesen. Sie fühlte sich sofort von ihrer fröhlichen, lebenslustigen Art angezogen.

Eigene Freunde hatte Lea damals keine gehabt. Sie war eher ein zurückhaltender Mensch. Das genaue Gegenteil von Nina. Die Freundin schaffte es immer wieder, Lea zu irgendwelchen verrückten Sachen zu überreden, und sie war allem und jedem gegenüber offen. Nach ihrem Studium ließ Nina so manches gebrochene Männerherz in Heidelberg zurück.

Leider hatten sie sich dann aus den Augen verloren. Umso mehr freute sich Lea nun, Nina wiederzusehen.

»Magst du mitkommen und einen Kaffee mit mir trinken? Ich wohne gleich da vorne.« Erwartungsvoll schaute sie die Freundin an und deutete auf das Zweifamilienhaus, in dem sie eine Maisonette-Wohnung gemietet hatte.

»Echt? Du wohnst hier? Na klar, komme ich mit.« Nina strahlte. »Was hat dich denn hierher verschlagen? Die Liebe?«

»Nein, der Beruf.«

»Waaas? Nein.« Nina sah Lea mit aufgerissenen Augen an. »Du bist die Hauptkommissarin hier? Hab schon viel von der Polizeichefin gehört, bin aber gar nicht auf die Idee gekommen, dass du das sein könntest. Niemand hat deinen Namen genannt. Bei allen heißt du nur »die Neue«, druckste sie herum.

»Na, so neu bin ich jetzt auch nicht mehr.«

»Auf jeden Fall haben wir uns eine Menge zu erzählen und sollten diese Gelegenheit nutzen, unsere Freundschaft wieder aufzufrischen. Ich habe dich echt vermisst.« Nina hakte sich bei Lea ein.

Inzwischen hatten sie das Haus erreicht und die Freundin folgte Lea in deren Wohnung.

Nachdem Nina gegangen war, lag Lea entspannt auf ihrem kleinen Sofa. Sie hatten zwei unterhaltsame Stunden miteinander verbracht. Während sie Kaffee gekocht hatte, war Nina im Café Talblick gewesen, um Kuchen zu holen.

Nun hörte sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Alex kam nach Hause. Eigentlich wohnte ihr Freund und Kollege Alexander Wandhoff in Engelsbrand und hatte seine eigene Wohnung, aber er verbrachte die meiste Zeit bei ihr.

Als Lea im Januar zur Kriminalinspektionsleiterin befördert und nach Schömberg versetzt wurde, war Alex alles andere als glücklich darüber gewesen, denn er hatte selbst auf den Posten gehofft. Und das ließ er sie deutlich spüren. Die Zusammenarbeit erwies sich als schwierig, da sie und Alex sich selten einig waren. Zudem knisterte es zwischen ihnen und das hatte sie sich lange Zeit nicht eingestanden. Während der Aufklärung ihres zweiten Falles hatte sie schließlich ihren Gefühlen nachgegeben und eine Beziehung mit ihm angefangen. Allerdings bestand sie darauf, es vorerst vor den anderen Kollegen geheim zu halten. Immerhin gab sie Alex einen Haustürschlüssel zu ihrer Wohnung, damit er ein- und ausgehen konnte, wie er wollte.

»Hallo Maus, du bist ja heute früh nach Hause gegangen. Das kennt man gar nicht von dir«, rief er, während er sich im offenen Eingangsbereich seine Schuhe auszog. Das hatte er sich angewöhnt, weil Lea großen Wert auf Sauberkeit und Hygiene legte und er es leid war, ständig darüber zu diskutieren.

»Hallo, ich bin nicht deine Maus.« Lea schüttelte den Kopf und blickte ihn mit funkelnden Augen an. »Gewöhne dir das endlich ab.«

Inzwischen hatte Alex sich bei Lea auf dem Sofa niedergelassen und küsste sie.

»Du siehst blass aus. Geht es dir nicht gut? Muss ich mir Sorgen machen?«

»Doch, alles gut. Ich habe zwei wunderbare Stunden mit meiner alten Freundin Nina verbracht. Allerdings bin ich zurzeit etwas müde, darum bin ich auch so früh nach Hause gegangen. Wir haben im Moment eh nicht viel zu tun.«

»Nina, wer ist Nina?« Alex runzelte die Stirn. »Du hast nie etwas von ihr erzählt?«

»Nein, ich glaube nicht. Wir hatten auch lange keinen Kontakt. Wir haben uns in einem Café in Heidelberg kennengelernt und viel zusammen unternommen. Das war in der Zeit, als wir in der Ausbildung waren«, antwortete sie auf seine Frage. Alex kannte Lea von der Polizeischule, war aber nicht mit ihr befreundet gewesen. Damals hatte er den Eindruck, dass sie eingebildet sei, und konnte sie nicht einmal gut leiden, was er heute nicht mehr verstehen konnte.

Alex kratzte sich am Kinn. »Nein, ich habe dich immer nur alleine gesehen und außerhalb der Ausbildungszeiten hast du dich ja sowieso ziemlich rargemacht«, meinte er schmunzelnd.

»Ich bin eben schon immer eher eine Einzelgängerin gewesen.« Lea seufzte.

»Auf jeden Fall haben wir vorhin Kaffee getrunken und über alte Zeiten geplaudert. Das war schön, aber jetzt bin ich schon wieder müde.«

»Du solltest zum Arzt gehen.«

»Ich kenne hier überhaupt keinen Arzt«, entgegnete Lea.

»Hier im Ort gibt es den Dr. Burfeind. Der hat einen guten Ruf. Da gehst du morgen hin und wenn ich dich hinschleppen muss«, sagte Alex in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

»Wir werden sehen«, entgegnete sie ausweichend.

Nach einem Moment des Schweigens äußerte sich Alex: »Wann möchtest du eigentlich mal unsere Kollegen darüber informieren, dass wir zusammen sind? Ich bin es langsam leid, immer so zu tun, als ob ich morgens von Engelsbrand angefahren komme.«

»Können wir uns das nicht ein anderes Mal überlegen, wenn es mir wieder bessergeht.«

Alex registrierte, dass Lea genervt die Augen verdrehte.

»Du hast aber auch immer wieder Ausreden. Manchmal glaube ich, dass du es gar nicht ernst mit uns meinst.«

Alex presste die Lippen aufeinander. Er fühlte, wie sein Kopf heiß wurde. Bestimmt war er vor lauter Ärger knallrot im Gesicht.

Wie so oft in letzter Zeit, drohte deswegen ein Streit auszubrechen.

»So langsam verstehe ich, warum die Beziehung zu deinem Gerichtsmediziner gescheitert ist«, fügte er hinzu. Seine Verärgerung konnte er nicht mehr verbergen.

»Das muss ich mir nicht anhören.« Mit diesen Worten sprang Lea vom Sofa auf. Sie starrte Alex an. Auf ihrer Haut im Gesicht und am Hals hatten sich rote Flecken gebildet. »Vielleicht ist es besser, wenn du heute zu Hause übernachtest, dann brauchst du morgen schon nicht nur so zu tun, als ob du von dort kommst.«

Das ließ sich Alex nicht zweimal sagen und verließ das Haus, indem er die Tür laut zuknallte.

Das war der erste große Streit in ihrer dreimonatigen Beziehung.

Dienstag

Polizeirevier

Das Polizeiteam hatte sich um den länglichen Tisch im Besprechungszimmer versammelt.

Lea saß neben Alex auf der einen Seite, mit dem Rücken zum Fenster, und Rudolf Engel - von allen nur Rudi genannt - hatte zusammen mit Katja Augenstein auf der anderen Seite Platz genommen.

Lea wollte gerade mit der täglichen Besprechung beginnen, als die Tür aufgerissen wurde und Saskia, die Sekretärin, in letzter Minute hereinstürmte.

Lea legte großen Wert darauf, dass die Sekretärin daran teilnahm.

Nach dem gestrigen Streit mit Alex war ihre Laune nicht die beste, deshalb begrüßte sie Saskia dementsprechend.

»Ich erwarte, dass du morgens pünktlich hier erscheinst, sonst kannst du das nächste Mal gleich vorne im Empfangsbereich bleiben. Und wenn das öfters vorkommt, dann wird es Konsequenzen haben.«

Lea sah an Saskias Blick, dass sie etwas irritiert war. Die Sekretärin sagte aber nichts und setze sich leise an die Stirnseite des Tisches.

»Da es im Moment glücklicherweise nicht allzuviel zu tun gibt und es auch keine größeren Vorfälle gegeben hat, schlage ich vor, dass jeder seine Aufgaben, die ich gestern verteilt habe, bearbeitet«, fuhr Lea fort. »Außerdem könntet ihr euch überlegen, euren restlichen Urlaub für dieses Jahr zu nehmen, natürlich abwechselnd. Dazu wäre jetzt die richtige Zeit. Also, dann bis später.«

Lea erhob sich, um den Raum zu verlassen, hielt sich aber am Tisch fest, weil ihr schwindelig wurde. Sie hatte es bis zu diesem Zeitpunkt vermieden, Alex anzuschauen.

Nun sprang er auf, eilte zu Lea und meinte: »So, es reicht! Du gehst zum Arzt. Jetzt! Ich bringe dich hin!«

Sie war gerade im Begriff etwas dagegen zu erwidern, als das Telefon klingelte.

Rudi nahm das Gespräch entgegen. »Polizeirevier Schömberg, Sie sprechen mit Rudolf Engel.«

Für Lea hörte sich alles, was Rudi sagte, weit entfernt an. Inzwischen hatte sie sich wieder hingesetzt und nahm wie durch einen Nebel wahr, wie er am Telefon sagte: »Ja, in Ordnung, wir kommen sofort.«

Nachdem Rudi aufgelegt hatte, wandte er sich an die Kollegen: »In Langenbrand ist eine junge Frau in ihrem Haus tot aufgefunden worden. Im Turmweg neununddreißig. Es sieht nach Mord aus.«

Erneut wurde es Lea schummrig. »Da wohnt doch Nina«, stammelte sie, dann sackte sie auf dem Stuhl zusammen.

Alex gelang es gerade noch sie aufzufangen, damit sie nicht auf den Boden fiel.

Sie schien das Bewusstsein nicht verloren zu haben, denn sie bekam mit, dass Alex sie mit Rudis Hilfe in den Gang schleppte, in dem direkt vor der Tür zum Vernehmungszimmer ein kleines Sofa stand.

Vorsichtig legten sie Lea dort hin. Sie schlug die Augen auf, schaute ihre Kollegen an. »Was macht ihr denn da?«, fragte sie und setzte sich auf, abwehrend mit der Hand wedelnd.

»Du warst kurz ohnmächtig«, antwortete Alex und versuchte, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen.

»Blödsinn! Ich habe doch alles mitbekommen. Die Tote, das ist Ninas Adresse. Wir müssen da sofort hin!«

»Du musst gar nirgendwo hin«, antworteten Alex und Rudi wie aus einem Munde.

Katja, die sich bis jetzt zurückgehalten hatte, meinte nun: »Ich kann doch mit Lea zum Arzt gehen.«

Sie wussten alle, dass Katja keine Leichen sehen konnte. Wenn die Kollegin sich nochmals für einen Beruf entscheiden müsste, würde sie niemals mehr den Polizeiberuf wählen, das war ihnen klar. Allerdings würde Lea nur ungern auf die junge Frau in ihrem Team verzichten. Die Kollegen bemühten sich, Katja den Anblick von Leichen am Tatort zu ersparen, wann immer es ging. Lea hatte das durchaus bemerkt, schwieg dazu aber. Sie war froh, dass sich die drei Polizeibeamten so gut ergänzten und zusammenhielten. Glücklicherweise passierten hier in ihrem zuständigen Bereich nicht so viele Morde.

Schließlich traf Alex eine Entscheidung. »Okay, du gehst mit Lea zu Dr. Burfeind. Ich werde mit Rudi nach Langenbrand fahren. Wir müssen zunächst mal klären, ob es sich überhaupt um einen Mordfall handelt.«

Katja saß im Wartezimmer von Dr. Burfeind. Während sie auf ihre Chefin wartete, hing sie ihren Gedanken nach. Schon wieder eine Leiche. Da passierte jahrelang überhaupt nichts in dem kleinen Kurort und dieses Jahr gab es gleich drei Tote. Und dann ging es auch noch Lea schlecht. Hoffentlich war sie nicht ernsthaft krank.

Katja sah ihre Chefin aus dem Behandlungszimmer kommen. Die sieht ja noch blasser aus als vorher, stellte sie erschrocken fest.

Da kam Lea auch schon ins Wartezimmer, nickte ihr zu, ging zur Garderobe, riss ihre Jacke vom Bügel und marschierte leicht schwankend nach draußen. Katja folgte ihr.

»Was ist los? Was hat Dr. Burfeind gesagt?«, fragte sie, als sie bei Lea ankam.

»Nix, alles in Ordnung«, murmelte ihre Chefin und lief weiter Richtung Apotheke.

»Soll ich dir etwas aus der Apotheke holen?«, bot Katja ihr an.

Abrupt blieb Lea stehen. Katja wäre fast auf sie drauf geprallt.

»Du bleibst hier, ich mach das alleine«, antwortete Lea in schroffem Ton. Und schon war sie hinter der Tür verschwunden.

Katja schaute ihr kopfschüttelnd hinterher.

In letzter Zeit war die früher oft launische Lea eigentlich ganz umgänglich gewesen. Was war nur mit ihr los?

Saskia, die Sekretärin, mit der Katja sich angefreundet hatte, vermutete, dass die Chefin ein Verhältnis mit Alexander Wandhoff hatte. Diesen Gedanken hatte sie ihr anvertraut. Sicher war sich die Freundin allerdings nicht.

Langenbrand

Alex betrat, gefolgt von seinem Kollegen Rudi, das Haus in Langenbrand, in dem Nina Berends wohnte. Als Alex den Gerichtsmediziner Hans-Peter Balbach entdeckte, konnte er sich ein paar spöttische Gedanken nicht verkneifen. Immer, wenn es hier in ihrem Zuständigkeitsbereich eine Leiche gab, schien Dr. Balbach Dienst zu haben. Alex vermutete, dass der Gerichtsmediziner das so einrichtete, weil er Lea sehen wollte, mit der er ein paar Wochen liiert war. Da hat er sich heute allerdings geschnitten, dachte Alex nicht ganz ohne Schadenfreude.

Balbach riss ihn aus seinen Gedanken. »Guten Morgen«, murmelte der meistens etwas brummige Gerichtsmediziner und schaute sich suchend um.

Rudi schien das ebenfalls zu bemerken. »Frau Sonntag ist heute nicht dabei. Es geht ihr nicht gut. Unsere Kollegin, Frau Augenstein ist mit ihr zum Arzt gegangen«, sagte er deshalb zu Balbach.

Hans-Peter Balbach sah Rudi mit aufgerissenen Augen an. »Hoffentlich nichts Ernstes?«

»Das hoffe ich auch«, meinte Alex und sein Kollege nickte.

Als sich Balbach anscheinend wieder gefangen hatte, begann er zu berichten: »Also bei der Toten handelt es sich um Nina Berends, achtunddreißig Jahre alt, alleinstehend. Sie wurde eindeutig im Schlaf erstickt. Todeszeitpunkt war ungefähr zwischen zwei und vier Uhr morgens. Das Kissen lag noch auf ihrem Gesicht. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie sich gewehrt hat. Das lässt darauf schließen, dass sie tief und fest geschlafen hatte, als der Täter oder die Täterin ihr das Kissen aufs Gesicht drückte.«

»Ach herrje«, äußerte sich Alex betroffen. »Das ist eine Freundin von Lea. Wie soll ich ihr beibringen, dass es sich tatsächlich um Nina handelt. Sie haben sich gestern nach langer Zeit wieder getroffen und ein paar nette Stunden miteinander verbracht.«

Nun wirkte auch Balbach betroffen. Seine sonstige arrogante Ausstrahlung hatte sich vollkommen verflüchtigt.

»Dann kann man also nicht sagen, ob es eine männliche oder eine weibliche Person war, die Frau Berends umgebracht hat«, wollte Rudi nun wissen.

»Nein, das kann man nicht, denn einer schlafenden Person ein Kissen auf das Gesicht zu drücken, dazu braucht man nicht sehr kräftig sein.«

Alex ging zu einem der Kollegen von der Spurensicherung und erfuhr, dass die Haustür zu dem kleinen Einfamilienhaus, das Nina Berends alleine bewohnte, keinerlei Einbruchsspuren aufwies. Der Täter hatte also einen Schlüssel oder wurde von Nina Berends, bevor sie ins Bett gegangen war, hereingelassen.

Erst jetzt bemerkte Alex die junge Frau, die wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl im Esszimmer saß, und fragte leise den Kollegen: »Und wer ist das?«

»Das ist die Freundin der Toten. Sie waren zum Frühstück verabredet gewesen. Nachdem Nina Berends nicht aufgemacht hat, holte sie sich den Schlüssel, der unter einem Stein im Garten versteckt war, und konnte so ins Haus gelangen. Nachdem sie mehrfach gerufen hatte, ist sie dann ins Schlafzimmer gegangen und hat ihre Freundin gefunden. Sie steht unter Schock. Ich habe psychologische Betreuung angefordert. Die müsste eigentlich jeden Moment eintreffen.«

»Okay, dann werde ich mich solange um sie kümmern«, entgegnete Alex und ging gefolgt von Rudi, der sich inzwischen zu ihnen gestellt hatte, auf die etwa vierzigjährige Frau zu.

»Guten Tag, Kriminalpolizei Schömberg. Mein Name ist Alexander Wandhoff und das ist mein Kollege Rudolf Engel«, stellte Alex sich vor.

Aber die Frau machte keinerlei Anstalten ebenfalls ihren Namen zu nennen. Sie schien durch Alex hindurchzuschauen. Da griff Rudi ein, er schob seinen Kollegen zur Seite, zog sich einen zweiten Stuhl heran, und setze sich direkt neben sie.

Nach einem kurzen Moment sprach er sanft auf sie ein: »Ich weiß, dass das ein Schock für sie ist. Ich versichere Ihnen, dass wir alles tun werden, um den Mörder von Frau Berends zu finden. Dazu brauchen wir aber Ihre Hilfe. Nicht jetzt gleich, aber in den nächsten Tagen. Würden Sie mir Ihren Namen verraten?«

Erst jetzt schien sie aus ihrer Schockstarre zu erwachen und blickte Rudi an. »Cornelia Ahrend«, antwortete sie knapp.

Alex musste mal wieder feststellen, dass es mit seiner Einfühlsamkeit bei Frauen nicht so weit her war. Dafür bewunderte er seinen Kollegen.

Das war es dann aber auch schon, Frau Ahrend war wieder in sich zusammengesunken. Rudi zog die Augenbrauen hoch und machte gerade Anstalten, aufzustehen, als Frau Ahrend leise stammelte: »Ich bin schuld, dass Nina jetzt tot ist.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Alex, der immer noch neben ihr stand.

Cornelia Ahrend hob den Kopf, schaute ihn mit verzweifeltem Blick an und meinte: »Nina fühlte sich bedroht und wollte heute Nacht eigentlich bei mir übernachten, aber ich hatte eine Verabredung, die mir wichtig war und sagte zu ihr, dass sie sich das bestimmt nur einbilden würde und doch lieber zu Hause schlafen solle. Weil ich die Hoffnung hatte, dass ich die Nacht nicht alleine in meiner Wohnung verbringen würde.« Cornelia Ahrend schlug die Hände vors Gesicht, schluchzte auf und weinte hemmungslos.

Alex sah Rudi auffordernd an, um ihm zu signalisieren, dass er die Unterhaltung aufrechterhalten solle. Der Kollege wollte gerade etwas zu Frau Ahrend sagen, als ein Mann und eine Frau von der Notfallseelsorge den Raum betraten und auf sie zukamen.

Die beiden stellten sich vor. Die Frau bat Rudi, aufzustehen, und setzte sich selbst neben Cornelia Ahrend, wartete einen Moment, legte dann die Hand auf ihren Arm und sprach leise und auf sie ein.

Alex sah ein, dass sie da heute nicht mehr weiterkommen würden, deshalb legte er seine Visitenkarte auf den Tisch und sagte: »Bitte kommen Sie morgen, wenn es Ihnen etwas bessergeht, zu uns aufs Revier, wir müssen dringend mit Ihnen sprechen.«

Cornelia Ahrend sah ihn kurz an und nickte.

»Ich kümmere mich darum«, äußerte sich die