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Sie rettet Leben – während ihr eigenes aus dem Takt gerät. Nach ihrem katastrophalen Scheitern in Oxford kehrt Helen Wellburn in ihre Heimat nach London zurück und wagt einen letzten Versuch, ihr Medizinstudium zu beenden. Sie hat genau ein Ziel für ihren Neustart: Die Kontrolle behalten. Alles läuft nach Plan, bis ausgerechnet Simon als Assistenzarzt in ihrer Vorlesung steht. Simon, den sie bei ihrer letzten Begegnung geküsst und danach panisch die Flucht ergriffen hat. Nicht nur, dass er ihr als Chirurg in der Klinik ständig begegnet, auch die Gefühle von damals lassen sich nicht so leicht abschütteln. Zwischen gemeinsamen Vorlesungen und langen Arbeitsschichten kommen sie sich näher. Doch mit jedem Schritt auf Simon zu, werden die Zweifel in Helen immer lauter. Bis sie schließlich aus ihr herausbrechen und drohen, alles zu zerstören. Kann sich Helen ihrer Vergangenheit stellen, ohne dabei Simon oder sich selbst zu verlieren? "Racing Heart" von Annie Eisenhardt ist ein emotionaler New-Adult-Roman mit Medizin-Setting, Slow Burn Romance, Mental Health Representation und Second Chance Love.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Verlag:
Adnew Verlag
Ein Imprint des Zeilenfluss Verlags
Werinherstr. 3
81541 München
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Texte: Annie Eisenhardt
Cover: Zitronenzart Buchdesign
Korrektorat: Dr. Andreas Fischer,
TE Language Services – Tanja Eggerth
Satz: Zeilenfluss
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Alle Rechte vorbehalten.
Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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ISBN: 978-3-69157-004-5
Für den Neuanfang,
die Sterne am Firmament
und ein bisschen weniger Perfektion.
Dieses Buch kann Spuren von körperlichen und psychischen Krankheiten, medizinischen Fachbegriffen und Blut enthalten. Zudem finden sich unverhältnismäßiger Alkoholkonsum, Lügen und gelegentliches Zündeln an Mitmenschen.
Bei Risiken oder Nebenwirkungen halten Sie sich bitte an die Triggerwarnung – oder fragen Sie Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder in Ihrer Buchhandlung.
Coming Home – Diddy-Dirty Money, Skylar Grey
Lucky Day – Sasha
Chasing Cars – Snow Patrol
I Wish I Was James Bond – Scouting For Girls
Voilà – Barbara Pravi
Bad Liar – Imagine Dragons
Somewhere Only We Know – Lily Allen
Mad World – Gary Jules, Michael Andrews
Supergirl – Reamonn
In Your Arms – Stanfour, Jill
»Hey, hättest du vielleicht Lust zu tanzen?«
Überrascht fuhr ich herum. Mein Blick war auf den Ausgang der Scheune gerichtet gewesen, in die Dunkelheit, in die sich mein Cousin Matthew mit einer seiner namenlosen Errungenschaften verdrückt hatte. Irgendwie schaffte er es immer, jemanden abzubekommen. Nicht so wie ich, ich … ich hatte Wasser und jetzt niemanden mehr in meinem Alter, den ich kannte. Außer das Brautpaar, aber die zählten an ihrer eigenen Hochzeit bekanntermaßen nicht. Hastig ließ ich das Glas, das ich bis eben an meine Wange gepresst hatte, sinken.
»Hi?«, fragte ich.
»Komm schon. Es ist schließlich die Hochzeit deines Bruders«, sagte der Mann vor mir und streckte mir seine Hand entgegen.
Doch ich ergriff sie nicht. Stattdessen legte ich den Kopf schief und musterte ihn. Er war groß, hatte braune, wuschelige Haare und ein verschmitztes Lächeln, das eine Spur zu locker fiel.
Es gab sicher Menschen, die auf Hochzeiten von fremden Gästen zum Tanzen aufgefordert wurden, aber dazu gehörte ich nicht. Ich strahlte solch eine Offenherzigkeit nicht aus, auch wenn ich es gern würde. Es musste einen anderen Grund geben, warum er mich zum Tanzen einlud. Nur wollte ich den wirklich wissen?
»Du musst natürlich nicht, wenn du nicht willst«, fügte er an. Aber der Schmollmund, den seine Lippen formten, war unübersehbar. Seine ausgestreckte Hand hing lose in der Luft, als wartete er darauf, dass ich sie umfasste.
Meine Finger zuckten, unsicher, ob sie seine Hand ergreifen sollten. War das nicht der Moment, den ich mir insgeheim gewünscht hatte? Robert würde nur einmal heiraten, und doch fühlte ich mich plötzlich wie eine alte Tante. Meine Füße kribbelten vor Nervosität, aber ich drückte die Schultern zurück und versuchte, nicht wie ein stiller Zuschauer am Rand der Tanzfläche zu wirken.
»Und wer bist du, wenn ich fragen darf?«, wollte ich wissen und biss mir sofort auf die Lippe. Es konnte doch nicht so schwer sein, einmal freundlich und offen zu sein.
»Ich bin Simon, ein Kollege von Robert. Und du heißt Helen, oder?«
»Genau. Robert ist mein Bruder, aber das weißt du ja bereits«, gab ich mit einem leichten Lächeln zurück. Besser!
Doch Simons Augen fixierten mich nicht mehr, sondern streiften belustigt an meiner Schulter vorbei. »Das stimmt allerdings.«
Ich wandte mich zur Tanzfläche um und tatsächlich, mein Bruder stand dort mit seiner Angetrauten und kicherte, als er meinen Blick bemerkte. Da war dann wohl mein lang gesuchter Haken.
»Was hat er dir angeboten, damit du mit mir tanzt?«, fragte ich mit einem nüchternen Tonfall und verfluchte mich innerlich für meine Naivität.
»Zwei Gallen, vier Blinddärme und eine Hemicolektomie«, antwortete Simon schlicht und zwinkerte mir schelmisch zu. Hitze schoss in mein Gesicht, und meine Schultern spannten sich an. Ohne ein Wort ließ ich seine Hand los und verschränkte die Arme vor der Brust, als könnte ich mich so vor seiner Dreistigkeit schützen.
Alles nur, um den Drang zu unterdrücken, auf die Tanzfläche zu gehen und dem Bräutigam eine zu knallen.
»Allerdings habe ich dankend abgelehnt und gesagt, dass deine Gesellschaft mir Belohnung genug wäre«, fuhr Simon, von meiner Reaktion unbeeindruckt, fort.
»Wieso glaube ich dir das nicht?«, erwiderte ich zähneknirschend.
»Wieso hast du auf der Hochzeit deines eigenen Bruders noch kein einziges Mal getanzt?«
»Pff.« Ich wollte mich schon abwenden, da sah ich seinen hoffnungsvollen Blick.
Er wirkte nicht wie die Sorte Mann, die keine Wahl bei der Suche nach einer Tanzpartnerin hatte. Sonnengebräunte Haut, hohe Wangenknochen, diese funkelnden Augen … Unter Kates Cousinen gab es sicher genug Frauen, die sich um einen Tanz mit einem gutaussehenden Chirurgen rissen.
Nur stand dieser jetzt vor mir und lächelte mich mit diesem verschmitzten Grinsen an, das vermutlich jede Frau dazu brachte, ihm all seine Wünsche zu erfüllen. Dieses Lächeln war eine Waffe, und ich war mir absolut sicher, dass Simon wusste, wie man sie einsetzte.
»Also, erweist du mir die Ehre?« Wieder streckte er die Hand aus, und entgegen jeder Vernunft ergriff ich sie.
Mein Lieblingspartybuddy war gegangen, und ich wollte Spaß haben. Einmal dazugehören, wenn auch nur für einen kurzen Moment.
So viele Menschen auf einem Haufen kosteten mich schon mehr als genug Kraft, und wenn ich meinem Bruder damit eine Freude bereiten konnte, noch besser. Es war typisch für ihn, sich auf diese Weise in mein Leben einzumischen. In solcherlei Dingen handelte Robert schon immer ein bisschen unbedarft. Aber wenn selbst mein Bruder bemerkte, dass etwas nicht stimmte, dann sollte ich vielleicht wirklich tanzen. Heute war seine Hochzeit, und als kleine Schwester war es meine Aufgabe, all seine Marotten über mich ergehen zu lassen, allerdings nur heute. Morgen würde er meine Meinung darüber schon noch zu hören bekommen.
Simon zog mich auf die Tanzfläche, und bevor ich mich versah, lag seine Hand an meinem Rücken, und wir begannen die ersten Schritte eines … Discofox?
»Was ist das für ein Tanz?«, fragte ich, als ich bereits das zweite Mal mit seiner Fußspitze kollidierte.
Simon zuckte mit den Schultern und warf mir das nächste makellose Lächeln zu. Obwohl das hier eine Hochzeit war, strahlte er eine unnatürlich hohe Menge an guter Laune aus. Bestimmt war Simon ein Morgenmensch. Na ja, das war ich ebenfalls, aber ich hatte dabei keine gute Laune. Wenn mir dieses Dauergrinsen morgens jemals begegnete, würde ich definitiv Reißaus nehmen.
Schmerz wallte in meinem Fuß auf, als ich erneut gegen seine Lederschuhe stieß. »Sag mal, kannst du überhaupt tanzen?«
Als Antwort darauf lachte Simon laut auf und schwang mich in eine Drehung. Dann in eine zweite und eine dritte …
»Jeder kann tanzen, man muss es nur probieren.« Plötzlich fand ich mich in seinen Armen wieder. Mein Magen zog sich zusammen, und ich schloss für einen Moment die Augen, bis sich das Karussell in meinem Kopf wieder verlangsamte.
»Ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl, dass du wirklich tanzen kannst«, sagte ich laut, immer noch regungslos an ihn gepresst.
»Aber was tun wir dann hier?«, flüsterte er an meinem Ohr und schob mich zurück in einen Grundschritt, der mindestens fünf Takte langsamer war als das Lied, das wir gerade hörten.
»Ich weiß nicht, unkoordiniert mit unseren Füßen wackeln?«, antwortete ich und bemerkte, wie Simon schmerzverzerrt das Gesicht verzog, als ich mit meinen Absätzen seinen Fuß traf. Ups.
Vielleicht bestand diese Aktion zu zwanzig Prozent aus Kalkül und zu achtzig Prozent aus der Disharmonie unserer Schritte. Simon senkte seinen Kopf herab, sodass ich ihn bei der lauten Musik besser verstehen konnte. Das Lächeln in seinem Gesicht bedeutete dann wohl, dass ich nicht fest genug getroffen hatte.
»Die eigentliche Frage ist, ob es dir Spaß macht?«
Ein kurzes, unkontrolliertes Lachen entwich mir, als meine Füße ein weiteres Mal den Rhythmus verfehlten. Er drehte mich, und unsere Schritte gerieten völlig durcheinander, sodass ich stolperte und beinahe gegen ihn prallte.
»Gut, vielleicht ein kleines bisschen, aber –«
Er ließ mich meinen Satz nicht zu Ende sprechen, sondern drehte mich erneut fort von sich. Das hier war Absicht.
Er wollte nicht, dass ich ihn weiter kritisierte, also sorgte er einfach dafür, dass mir wieder schwindelig von den ganzen Drehungen wurde.
Simon wusste genau, was er hier tat. Seltsamerweise störte mich das nicht mal. Er hatte recht, es machte mir Spaß. Bumm. Ich prallte viel zu hart gegen seinen Körper und taumelte. Hastig griff Simon nach mir, damit ich nicht zu Boden ging, und zog mich an seine Brust.
Diesmal konnte ich nicht umhin zu lächeln. Jap, ›tanzen‹ durfte man das, was wir taten, wirklich nicht nennen.
»Na endlich.«
»Was, na endlich?«
»Du lächelst.«
Verwirrt hob ich die Augenbrauen. »Ja, und?«
»Du hast den ganzen Abend kein einziges Mal gelächelt. Ich dachte schon, du kannst es gar nicht. Aber anscheinend besitzt du doch die Fähigkeit dazu, und offen gestanden sieht es genauso schön aus, wie ich es mir vorgestellt habe.«
Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Eine Anmache. Natürlich. Wie hätte es auch anders sein können? Die Wahrscheinlichkeit, dass er keine Hintergedanken bei seiner Aufforderung gehabt hatte, war nahezu verschwindend gering gewesen. Besonders, wenn mein lieber Bruder involviert war.
Aber das hier? Der Spruch klang zu gut, um nicht spontan zu sein. Allein die Tatsache, dass mir eine bissige Erwiderung fehlte, machte ihn zu etwas Besonderem. Normalerweise verschlug es mir nicht die Sprache. Normalerweise tanzte ich aber auch nicht mit wildfremden Männern, egal wie sympathisch sie lächelten.
Plötzlich wechselte das Lied, und es wurde ruhiger auf der Tanzfläche, beinahe passten jetzt sogar unsere Schritte zum Rhythmus der Musik.
Irgendwie gefiel es mir, mich unter die Hochzeitsgesellschaft, deren Teil ich längst sein sollte, zu mischen. Es hatte etwas beruhigend Anonymes. Besonders mit Simon, da fühlte ich mich beinahe zugehörig.
Doch je länger wir tanzten, desto heißer wurde es in der Scheune. Und damit meinte ich nicht die erotische Art von Wärme. Simon rannen Schweißtropfen über die Stirn, und auch bei mir sammelte sich eine unerträgliche Hitze unter meinen Haaren im Nacken. Ich hätte sie hochstecken sollen, aber wer rechnete schon mit tausend Grad im April?
Simon hatte es noch schlimmer getroffen. Im Gegensatz zum Großteil der anderen Gäste trug er noch sein dunkelgraues Jackett. Ihm musste unfassbar warm darunter sein.
Ich selbst bereute schon seit Stunden, mein langes Kleid angezogen zu haben. Aber Kate hatte darauf bestanden, dass ich eines der altrosa Kleider der Brautjungfern trug. Laut ihr waren sie die perfekte Ergänzung zu meiner hellen Haut und den weißblonden Haaren. Tatsächlich sah das Kleid auch ganz gut aus, nur war es furchtbar warm. Zumindest der Rückenausschnitt schenkte meiner Haut etwas Platz zum Atmen.
Unsere Schritte gerieten für einen Moment aus dem Takt, und ich bremste Simon in seiner Bewegung, damit wir wieder richtig einsteigen konnten. Überrascht musterte er mich, folgte aber meinen Schritten. Immerhin beschwerte er sich nicht, dass ich die Führung übernahm. Definitiv ein Pluspunkt. Nicht, dass das wichtig wäre …
»Also, Helen, wieso hast du auf der Hochzeit deines Bruders kein einziges Mal gelächelt?«
Er hob fragend eine feine Braue. Seine braunen Augen funkelten, wirkten jedoch eine Spur ernster als zuvor.
Ich drehte den Kopf zur Seite, starrte wieder zu der Tür, hinter der mein Cousin verschwunden war, und versuchte, den Stich zu ignorieren, den mir das Gefühl seiner Abwesenheit versetzte. Schnell wandte ich den Blick zur Bar, wo mein Bruder mit einem Kumpel zusammen Shots kippte. Na super. Robert gab sich auf seiner eigenen Hochzeit die Kante. Kate kam mit wehendem Kleid auf die beiden zugerannt und riss Robert von seinem Glas weg. Immerhin einer passte auf den Bräutigam auf.
»Ich habe gelächelt. Die ganze Zeremonie über«, sagte ich geistesabwesend. Als Matthew da gewesen war, hatte ich mich auch nicht einsam gefühlt, wie ich es sonst immer tat, wenn ich mich in einer fremden Menschenmenge befand.
Mein Cousin konnte mit unserer Familie genauso wenig anfangen wie ich. Nur betäubte er seine Gefühle mit Frauen. Etwas, was mir dank meines Mangels an Charme nicht möglich war.
Ein Finger streichelte kurz über meinen nackten Rücken und hinterließ dort eine Gänsehaut. Ich versteifte mich. Plötzlich war ich wieder zurück. Auf der Tanzfläche, in den Armen eines Fremden, und tanzte falsch zur Musik in meinen Ohren.
»Wieso ist es dir überhaupt aufgefallen? Hast du etwa den ganzen Abend nichts anderes gemacht, als mich zu beobachten?« Ich zwang mich zu einem meines Erachtens sehr gut aussehenden Augenaufschlag und fügte mit tieferer Stimme an: »Wer bist du, dass du so etwas tust?«
Flirten. Angriff. Matthew machte es doch auch immer so.
Wieder lächelte Simon. Ich sah es an den Mundwinkeln, die sich leicht hoben, und den Grübchen, die sich in seinen Wangen bildeten. Sie waren mir bis eben noch nicht aufgefallen. Kleine Grübchen, die ihm etwas Jungenhaftes verliehen. Süße Grübchen. Verdammt.
Simon lehnte seinen Kopf nach vorne, sodass unsere Wangen einander beinahe berührten. Mein Hals schnürte sich zu.
»Wieso willst du wissen, wer ich bin?«, flüsterte er leise. Ich schluckte schwer, doch der Kloß in meinem Hals verschwand nicht. Das hier war viel zu schnell viel zu intensiv. Mit belegter Stimme sagte ich: »Ich muss doch wissen, mit wem ich hier tanze.«
»Mit mir, Simon Livston.«
»Das ist nicht besonders aussagekräftig.«
»Ach ja?«
Erneut streichelte sein Finger über meinen Rücken. Irgendwie war er näher gekommen. Ich spürte die Hitze seines Körpers, die sich ganz anders anfühlte als die stickige Hitze in diesem Raum. Er wirkte irgendwie … heißer.
»Also? Erzähl etwas über dich, damit wir uns kennenlernen können!« Ich räusperte mich leicht, und er rückte ein Stück von mir ab. ›Tanzen‹ konnte man unser Wiegen auf der Stelle nun wirklich nicht mehr nennen.
»Nur für dich.« Simon zögerte, wirkte fast ein bisschen verlegen, dann fuhr er fort. »Ich bin achtundzwanzig Jahre alt und ein Kollege deines Bruders. Ehm.« Er lachte verlegen. »Ich kann offensichtlich nicht tanzen, und ich habe den ganzen Abend über versucht, den Mut zusammenzukratzen, um dich anzusprechen.«
Ich wollte schon resigniert den Kopf schütteln, da verstand ich die Bedeutung hinter seinen Worten.
»Ist das dein Ernst?«, fragte ich.
Wieder zuckten seine Mundwinkel und er schubste mich in die nächste Drehung, jede Spur von Unsicherheit war bereits verschwunden.
»Ich finde, das reicht fürs erste Kennenlernen. Lass uns einfach ein bisschen Spaß haben und tanzen!«
Aber genau darin lag das Problem. Ich liebte Spaß. Nur konnte der mir allzu schnell gefährlich werden.
Acht Meilen laufen. Duschen. Schminken. Frühstück. Uni. Routine bedeutete alles. Während meiner Zusammenbrüche hatte nur diese Routine mich zum Weitermachen bewegt. Laufen. Jeden Tag. Immer.
Auch wenn ich zwischendurch nicht gelebt hatte, eingeschlafen, verloren und zugepumpt mit Medikamenten war, die Routine blieb und mit ihr ein Anker zurück in mein Leben. Kontrolle darüber und über mich.
Zusammenbruch um Zusammenbruch hatte ich hinter mich gebracht, Rückfälle gemeistert und Neuanfänge begonnen. Und heute? Heute war ich eine andere. Ich hatte mich verändert, nur die acht Meilen waren geblieben. Kontrolle. Das war die Lösung, und jetzt besaß ich sie endgültig.
* * *
Acht Meilen gelaufen. Duschen, Schminken, Frühstück, Uni.
Das Wasser fühlte sich wie Balsam auf meiner Haut an. Ich verteilte die Schaumdusche auf meinen Körper, spürte das Prickeln der einzelnen Bläschen und genoss das Gefühl der Reinheit. Jeder Tag war ein neuer Tag. Ein Tag mehr, der mich von der Vergangenheit entfernte. Auch wenn ich zurück war. In meiner alten Heimat. London.
Meine Haare tropften noch, als ich sie mit einem Handtuch trocken rubbelte und anschließend über die Bürste gekämmt föhnte. Dann trat ich an meinen Schminkspiegel heran und begann, die übliche Dosis an Pudern und Schattierungen auf meinem Gesicht zu verteilen.
Acht Meilen gelaufen, für den Tag vorbereitet.
Zum Frühstück gab es eine Schüssel voll mit Haferflocken und frisch geschnittenem Apfel. Gesund und vitalisierend.
Während ich aß, musterte ich zufrieden meine neue Wohnung. Bis gestern tief in die Nacht hatte ich noch Kisten ausgepackt und aufgeräumt. Jetzt endlich stand alles an Ort und Stelle, und das letzte bisschen Chaos war beseitigt.
Der ideale Start in das neue Semester, in einen Neuanfang.
Draußen schien die Sonne. Der Frühling hatte sich endlich dazu entschieden, den Winter zu verdrängen, und gab sich alle Mühe, die Erwartungen zu erfüllen. Mit einem tiefen Atemzug sog ich die klare Luft in meine Lungen und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Atmete aus und wieder ein. Dann begab ich mich auf den Weg Richtung Tube.
Menschen eilten geschäftig vorbei, einige Fahrradfahrer fuhren erschreckend zielgenau auf einzelne Fußgänger zu. Ein Schulkind stolperte über die Pflastersteine und wurde von seinen Mitschülern ausgelacht. Es schien, als sirrte die Luft voller Energie und erweckte die Lebensgeister bei allen Menschen. Der Frühling war da. Endlich.
* * *
Der Vorlesungssaal wirkte bereits voll, als ich ihn betrat. Egal in welchem Semester und an welcher Uni man sich befand, der erste Tag war immer der schlimmste.
In Oxford waren es die Blicke gewesen. Die Blicke der anderen Studenten, die einen mit Skalpellen durchbohrten, wenn man im Seminar eine Frage richtig beantwortete. Jeder wollte dort der Beste sein, und dafür wurden allen anderen Steine in den Weg gelegt. Ich hatte diesen Druck gehasst.
Diesen Druck, der mich irgendwann zu ersticken gedroht und in ein Loch geworfen hatte, bis ich die Vorlesungen nicht mehr besucht hatte. Bis alles den Bach runtergegangen war.
Doch jetzt stand ich hier. In der Medical School des University College, London.
Ein neuer Versuch, meine zweite und letzte Chance.
Bereits heute wirkten die Studenten für mich entspannter, irgendwie normaler. London war anders. Weniger Hemden, dafür einige Pullover. Menschen wie ich und doch anders. Erneut schloss ich die Augen, nahm einen tiefen Atemzug. Alles ist gut, Helen. Du schaffst das.
Als ich sie wieder öffnete, hatte sich der fast volle Vorlesungssaal zu einem brechend vollen Raum gewandelt. Hastig quetschte ich mich auf einen der Sitze in der vorletzten Reihe, zwischen eine zierliche Frau, die arg nach Rauch stank, und einen Studenten, der kaum von seinem Handy aufblickte. Sie wirkten nicht direkt unsympathisch, aber auch nicht sonderlich begeistert von meiner Anwesenheit. Dann wurde es plötzlich still.
Ein Professor hatte den Saal betreten. Er lächelte kurz die Studenten an und nickte dann jemandem in der hintersten Reihe zu. Es knackste, und das Headset, das er sich aufgesetzt hatte, tat seinen Dienst.
»Guten Morgen. Es freut mich, dass sich eine Vielzahl von Ihnen zu dieser frühen Stunde aus dem Bett gequält hat, um meiner Vorlesung beizuwohnen. Wer es noch nicht weiß: Ich bin Professor Harris und Leiter der Chirurgischen Klinik des London Health Center. Da oben steht einer meiner lieben Assistenten, Doktor Livston, der sich um die technischen Aspekte der Vorlesung kümmern wird.«
Alle Köpfe drehten sich nach hinten um, um den Mann im weißen Kittel zu mustern. Dieser hob seine Hand und winkte einmal, lächelte die ihn umgebenden Studenten, die panisch ihr Handy wegpackten, verschmitzt an.
Dieses Lächeln.
Ich kannte es.
Scheiße.
Mein Herz drohte einen Moment auszusetzen. Simon Livston. Natürlich. Wenn der Chef meines Bruders die Vorlesung hielt, dann war es natürlich auch zu erwarten, dass einer seiner Kollegen ihm dabei assistieren würde.
Schnell sank ich tiefer auf meinem Platz nach unten. Bestimmt hatte er mich nicht bemerkt. Wie auch bei der Menge an Studenten? Wahrscheinlich konnte er sich gar nicht mehr an mich erinnern, während sich dieser Abend nur zu gut in mein Gedächtnis gebrannt hatte. Tinnitus setzte in meinen Ohren ein und übertönte alle mich umgebenden Geräusche.
Wir hatten miteinander getanzt, eine Nacht verbracht und dann einander nie wieder gesehen.
Simon Livston. Mir hätte klar sein müssen, dass ich ihm in London begegnen würde.
Nur musste es denn so bald schon geschehen, so … unerwartet? Ich hasste Überraschungen, besonders die schlechten. Dabei gab es nichts, das ich ihm vorwerfen konnte, und nichts, das er mir vorwerfen durfte. Oder etwa doch?
Der Drang, mich umzudrehen, fühlte sich beinahe übermächtig an. Nur war Selbstbeherrschung so etwas wie meine Spezialität. Zumindest hatte ich die letzten Jahre nichts anderes trainiert als das.
Also kniff ich die Augen zusammen und heftete stattdessen meinen Blick auf die Vorlesungsfolien vor mir.
Professor Harris sprach schon eine ganze Weile, und ich hatte ihm kein bisschen zugehört.
»Und wir werden auch Liveschaltungen in den OP vornehmen, sofern es sich einrichten lässt«, beendete er seinen Satz. Na toll. Ich hatte alle essenziellen Themen verpasst. Die Literaturvorschläge und ob die PowerPoint-Folien der Präsentation zum Lernen zur Verfügung gestellt würden.
Professor Harris fuhr bereits damit fort, über die Wundheilung und deren verschiedene Phasen zu referieren, welche er anhand der Abbildung erläuterte.
Alle im Saal schienen mehr oder weniger gespannt seinem Vortrag zu lauschen, aber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren. Nicht mit Simon in meinem Nacken.
* * *
Als die Vorlesung endlich zu Ende war, blieb ich extra lange sitzen, bis ich sicher sein konnte, dass auch Simon den Raum verlassen hatte. Neben mir befand sich nur noch eine weitere Person im Saal. Der junge Mann, der die ganze Vorlesung über auf seinem Handy herumgetippt hatte und jetzt anscheinend eingeschlafen war.
»Hey!« Ich stupste ihn vorsichtig an. »Zeit aufzustehen. Ich glaube, wir müssen langsam gehen, die Vorlesung ist vorbei.«
»Was?« Der Mann setzte sich kerzengerade auf und starrte mich mit rot geränderten Augen an. Er schien einen Moment zu brauchen, um sich zu orientieren. »Oh. Danke.«
»Kein Problem. Nicht, dass du hier noch schläfst, wenn die nächste Vorlesung beginnt.«
Verlegen strich er sich die langen Haare zurück. Er hatte tatsächlich lange, dunkelbraune Haare, die ihm bis auf die Schulter hinabfielen, bevor er sie zu einem Dutt zusammenknotete. In Oxford trug niemand Frisuren dieser Art. Da war alles steif und zurechtgeschnitten, beinahe kalt. Er jedoch wirkte wirr und chaotisch, und das machte ihn irgendwie sympathisch. Nicht, weil das Eigenschaften waren, die ich sehr schätzte, sondern weil sie anders waren. Leicht.
»Also dann.« Ich wollte aufstehen, da hielt der Mann mich am Arm zurück.
»Du bist neu, oder? Dein Gesicht kenne ich gar nicht. Ich bin Alex.«
»Helen.« Ich schüttelte die mir hingehaltene Hand rasch. »Ich bin erst seit diesem Semester in London, war davor in Oxford.«
Alex zog scharf die Luft ein. »Oxford? Was verschlägt dich hierher?«
Bei seinem Tonfall zuckte ich zusammen. Sofort spürte ich wieder diesen Druck auf meiner Brust, der mir die Luft zum Atmen abschnürte. Oxford. Mit welcher Ehrfurcht die Leute diesen Namen aussprachen. Als wäre ich besonders, eine Heilige oder ein Superhirn, da ich in Oxford studiert hatte. Dabei war ich nichts anderes als gescheitert.
»Ich wollte näher bei meiner Familie sein.«
Zumindest zum Teil entsprach das der Wahrheit. Ich brauchte meine Familie. Ich brauchte diesen Neustart in einem sicheren Hafen.
»Cool, cool. Dann hast du jetzt auch die anderen Vorlesungen mit uns?«
»Ich denke schon, zumindest dieses Semester. Danach muss ich mal schauen, dass ich die fehlenden Kurse nachhole, weil ich einiges noch nicht hatte, was bei euch wohl bereits früher dran war.«
Alex nickte geistesabwesend, während er über den Bildschirm seines Handys scrollte. Dann blickte er kurz auf.
»Soll ich dich zum nächsten Vorlesungssaal mitnehmen? Du kennst dich bestimmt nicht aus, oder?«
Erleichtert lächelte ich ihn an. »Ja, sehr gern.«
* * *
Draußen vor der Tür standen noch einzelne Studenten, deren Gesichter ich aus der Vorlesung kannte, unter anderem meine andere Sitznachbarin, mit einer Zigarette im Mund. Sie nickte mir höflich zu, beachtete mich aber sonst nicht weiter. Etwas unsicher folgte ich Alex, welcher mich zu einer kleinen Gruppe führte, bei der auch zwei Mädels genüsslich an ihren Zigaretten zogen. Seit wann war Nikotin wieder in?
»Hey Leute. Das hier ist Helen, sie ist dieses Semester aus Oxford hierhergewechselt und war im Gegensatz zu euch so freundlich, mich zu wecken.«
Die beiden Mädchen musterten mich abschätzend von oben bis unten. Sie hätten mich auch durch ein CT fahren können, das wäre genauso angenehm gewesen. Eine der beiden hatte lange braune, gelockte Haare und strahlend blaue Augen, die andere hingegen war klein, hatte eine große, runde Brille und dazu einen blondem Wuschelafro.
»Das hier ist Emily.« Alex deutete auf die Braunhaarige. »Hannah.« Er deutete auf den blonden Afro. »Und das da drüben ist Marven.«
Ein zwei Meter großer Typ mit einem Bizeps wie ein Baumstumpf grinste mich an. Zumindest er wirkte von meiner Anwesenheit einigermaßen begeistert.
»Wieso wechselst du von Oxford nach London?«, fragte Emily und nahm einen langen Zug von ihrer Zigarette. Ihr Blick war durchdringend und ließ mich unwillkürlich frösteln. Ich wusste, dass ein Wechsel ungewöhnlich war, besonders mitten im Studium und dann noch von Oxford aus. Keiner tat so etwas. Keiner außer mir.
»Meine Familie braucht mich hier«, sagte ich schlicht und fühlte mich wie eine Betrügerin. Der erste Tag und ich hatte bereits zwei Personen angelogen. Andererseits würde ich ihnen sicher nicht meine privaten Probleme berichten. Emily hustete trocken, und ein unangenehmes Schweigen legte sich über uns.
»Wie fandet ihr die Vorlesung?«, fragte das blonde Mädchen mit den wild in alle Richtungen stehenden Locken. Sofort durchströmte mich Dankbarkeit. Im Gegensatz zu der Brünetten schien sie mich nicht gleich in die Oxford-Elite-Streber-Schublade gesteckt zu haben, oder sie ließ es sich nicht anmerken.
»Es ging. So richtig viel Chirurgie haben wir ja noch nicht gesehen. Ich bin gespannt auf die Praktikumsrotationen dieses Semester, das könnte ziemlich genial werden«, antwortete Alex.
Hannah lachte bei seinen Worten. »Du hast sicher nicht viel Chirurgie gesehen. Dir ist schon bewusst, dass du zumindest wach sein solltest, wenn du schon in die Vorlesung gehst.«
Emily nickte bestätigend. »Du hast vor allem die Highlights der ersten Reihe verpasst.«
Hannah stöhnte genervt auf und schlug sich die Hand gegen den Kopf.
»Habt ihr gesehen, wie die sich drinnen wieder aufspielen?«, fragte der große Hüne neben mir. »Adam hat binnen fünf Minuten drei Seiten mitgeschrieben und jede Folie einzeln abfotografiert.«
Ich runzelte die Stirn und fragte: »Sind die Folien nicht in einem Skript online verfügbar?«
Emily schüttelte den Kopf. »Wir sind hier nicht in Oxford, Süße. Die Folien gibt es meistens, aber ein Skript kannst du dir dann selbst daraus basteln. Am besten fragst du Adam, der macht das sicher liebend gern, wenn du ihm dafür Zugang zu einer Eliteuni verschaffst.«
Ich unterdrückte ein Zähneknirschen und setzte stattdessen ein kühles Lächeln auf. »Ich glaube, da werde ich ihm keine große Hilfe sein. Oxford und ich sind ein abgeschlossenes Kapitel.«
Ich wusste nicht, wie ich es noch deutlicher formulieren konnte, ohne zu viel von mir preiszugeben. Die Augenbrauen meiner Studienkolleginnen schossen in die Höhe, doch niemand erwiderte etwas.
Emily drückte ihre Kippe in einen kleinen, metallenen Aschenbecher aus, den sie aus ihrer Tasche zauberte, und hielt ihn den anderen hin.
»Warum fotografiert er die Folien, wenn sie online verfügbar sind?«, fragte ich, weil ich diese unangenehme Stille nicht weiter ertragen konnte.
»Adam ist ein notorischer Besserwisser. Er schreibt sich alles auf, immer. Und wenn ein Professor seinen eigenen Worten später irgendwie widerspricht, dann führt er seine Bilder und Notizen als Beweise vor. Er fotografiert sogar die Notizen«, erzählte Hannah mit gespenstischer Stimme, bevor sie ebenfalls ihre Zigarette in Emilys Becher ausdrückte.
»Bitte was?«
Zum ersten Mal sah ich so etwas wie ein ehrliches Lächeln über Emilys Gesicht huschen. Es war jedoch schon wieder verschwunden, als ich genauer hinschaute.
»Er ist eben Damn Adam«, rief Marven.
Die anderen lachten, und ich kniff die Lippen fest aufeinander. Ich mochte es nicht, wenn ich Insiderwitze nicht verstand. Dann fühlte ich mich außen vor, und dieses Gefühl hasste ich. Ich hatte es bereits zu oft verspürt. Auch das war eine Sache, die ich mit diesem Neubeginn ändern würde. Ich wollte Kontakt zu den anderen Studenten haben, nicht nur, weil es mir das Studium erleichtern würde, sondern weil ich auch etwas anderes wollte. Ich wollte Freundschaft.
Diese hier schienen allerdings so gar nicht darauf aus zu sein. Und um ehrlich zu sein, wusste ich nicht, ob ich mit ihnen überhaupt Umgang pflegen wollte, wenn sie so über ihre Mitstudenten herzogen.
Jemand stupste mich an der Schulter, dann vernahm ich Alex’ Stimme an meinem Ohr. »Wir sind eigentlich nicht so gemein, aber Adam hat sich ziemlich unbeliebt gemacht, nachdem er letztes Semester mehrere Prüfungsfragen mit einem Anwalt anfechten ließ, damit er eine bessere Note bekommt. Dadurch sind einige Kommilitonen von uns nachträglich noch durch die Klausur gerasselt.«
Nachdenklich zog ich meine Augenbrauen zusammen und nickte ihm dankbar zu. Das erklärte einiges. Adam hätte sich tatsächlich in Oxford sehr wohlgefühlt. Hoffentlich waren die anderen Studenten nicht auch so.
Ein lauter Klingelton riss mich aus meinen Gedanken. Hastig kramte ich in meiner Tasche danach. Auf dem Display strahlten mich die grünen Augen meiner lieben Schwägerin an. Rasch entfernte ich mich von der Gruppe.
»Hey, was gibt’s, Kate?«
»Hi Helen. Und wie ist die Uni? Erster Tag, oder? Hat sich Harris gut gemacht in der Vorlesung?«
»Ehm … ja. Ich denke schon? Wieso rufst du an?«
»Du, ich müsste dich um einen Gefallen bitten. Wir ziehen ja nächstes Wochenende um, und irgendwie sind wir doch recht wenige Helfer für das Wochenende. Also eigentlich nur Robert, Matthew und ich. Matthew hat jetzt unsere Kisten begutachtet und meinte, wir sollten noch nach Leuten suchen. Irgendwie sind es mehr als gedacht … Deswegen wollte ich fragen, ob du, na ja, dieses Wochenende vielleicht Lust hast, Kisten zu tragen? Robert meint, ich soll dich nicht fragen, aber er hat auch gedacht, wir schaffen das nur zu dritt.«
Ich lachte laut auf. Man hörte Kate an, wie unangenehm es ihr war, um Hilfe zu bitten. Zumal wir uns im Grunde kaum kannten. Vor ihrer Hochzeit mit Robert hatte ich sie vielleicht fünf- oder sechsmal gesehen. Wenig für eine Schwägerin. Nach der Hochzeit hatte ich weiß Gott mehr mit mir zu tun gehabt als mit meiner frisch angetrauten Schwägerin. Aber das würde sich hoffentlich bald ändern. Kate war schwanger, und ich wollte eine gute Tante werden.
»Okay. Ich kann kommen.«
»Was? Wirklich? Danke, Helen, du rettest uns, wirklich!«
Ich grinste. »Sag mir einfach, wann ich da sein soll, okay?«
Ich musste nicht erwähnen, dass Mum und ich schon vor einigen Tagen besprochen hatten, den Umzugstag meines Bruders sicherheitshalber freizuhalten. Robert war vieles, aber keineswegs gut organisiert.
Es war anzunehmen gewesen, dass mein Geizkragen von Bruder zu spät auf die Idee kam, ein Umzugsunternehmen zu beauftragen, und sicher nicht genug Helfer für die Menge an Kisten einer Vierzimmerwohnung vorsah. Leider schien Kate in diesem Punkt auch nicht sonderlich begabt. In Sachen Organisationstalent hatten sich die beiden definitiv gefunden. Keiner konnte dem anderen seine Unzulänglichkeiten vorwerfen. Allein, dass Kate dachte, sie könnte schwanger so viele Kisten tragen, bewies mal wieder die Weitsicht der beiden.
»Kommst du?«
Hastig blickte ich von meinem Handy auf. Emily musterte mich wieder mit dieser eisigen Maske aus Gleichgültigkeit. Trotzdem formten sich ihre roten Lippen zu einem höflichen Lächeln.
»Ja, natürlich«, sagte ich und folgte ihr. Auch wenn ich die Leute nicht kannte, ohne sie würde ich sicher nicht den Weg zum Hörsaal finden.
Wer zur Hölle packte seine Umzugskartons so voll, dass sie nach unten hin durchbrachen? Schmerz wallte durch meinen Fuß und hinterließ ein dumpfes Pochen, als der Anatomieatlas von meinem Fußrücken zu dem Haufen an restlichen Büchern daneben glitt. Ein Fluch lag mir auf den Lippen, doch ich schluckte ihn hinunter. Zerknickt und am Rücken gebrochen lagen die Bücher bunt durcheinandergewürfelt zu meinen weiterhin schmerzenden Füßen. Es war bemerkenswert, dass der Karton zumindest bis hinauf vor die Wohnungstür gehalten hatte. Doch noch unglaublicher war es, wie viele Bücher in diese winzige Kiste gepasst hatten.
»Alles in Ordnung?« Livs Stimme ließ mich zusammenzucken. Sie stand hinter mir, und in ihren Händen trug sie das gleiche braune Exemplar, welches sich auch in meinen befand. Nur war ihres stabil und der Inhalt noch innerhalb seiner Verpackung.
Livs Blick wanderte zu den Büchern auf meinen Füßen. »Oh mein Gott. Ist der Karton kaputtgegangen? Alles gut bei dir? Ich glaube, die sind durch den Regen alle ein wenig zu sehr eingeweicht.«
Sie stellte ihre Ladung ab und fischte nach den Büchern auf dem Boden. Auch ich kniete mich jetzt hin. Mein Fuß fühlte sich mittlerweile taub an.
»Roberts Bücher mussten mehr leiden als ich.«
»Ach, das sind nur – oh verdammt – nicht der Prometheus.«
Liv strich bestürzt die zerknitterten Seiten glatt. »Toll, jetzt hat der Samenleiter einen Knick, und das kann man definitiv als Skrotalhernie bezeichnen.«
Sie prustete los, und auch ich begann zu kichern, während wir auf die zerrissenen und gequetschten Geschlechtsorgane des Menschen starrten.
»Aha, da seid ihr also. Ich würde ja auch gern Pause machen, aber da unten stehen noch eine ganze Menge an Kisten. Tut euch keinen Zwang an.«
Wir blickten auf. Matthew stand hinter uns. Der beste Freund meines Bruders und … mein Cousin. Zumindest offiziell. Nicht, dass dieses Wort ansatzweise ausreichen würde, um unsere Beziehung zu beschreiben. Aber mir fiel ehrlich gesagt auch kein besserer Begriff für das ein, was Matthew für mich verkörperte.
Es gab Orte, Personen, Situationen, die all die Gefühle in mir hervorholten, die ich normalerweise gern unter Verschluss hielt. Und mit Matthew hatte alles begonnen. Trotz der Therapie und der vielen Stunden an Analysen, die mir verdeutlicht hatten, dass er nicht der Auslöser für meine Krankheit war, konnte ich ihn nicht als etwas anderes wahrnehmen. Er war der Anfang.
Matthew lugte auf uns herab, und seine Augenbrauen zogen sich sorgenvoll zusammen, als er das Buch in unseren Händen betrachtete.
»Wie alt seid ihr nochmal?« Kopfschüttelnd stemmte er die beiden Kartons in seinen Armen etwas höher und stapfte an uns vorbei.
»Ich nehme mir eben Zeit für die Lehre bei unseren Studenten, Herr Oberarzt«, rief Liv ihm tadelnd hinterher. Matthew war Unfallchirurg und arbeitete in einer anderen Abteilung, was vermutlich der einzige Grund war, weshalb sich Liv so einen frechen Tonfall erlaubte. Oder die beiden schliefen miteinander, da war ich mir nie so ganz sicher. Im London Health Center gab es komplexere Beziehungen als in so mancher Datingshow. Und Matthews Frauengeschichten waren über das London HC hinweg bekannt.
Trotzdem. Selbst Livs Anwesenheit hätte die frühere Generation an Ärzten wohl zum Haareraufen gebracht. Liv war eine von Roberts Assistenzärztinnen, und eine Freundschaft über die Hierarchie hinweg hatte es damals nicht gegeben. Zu ihrer Verteidigung musste man allerdings sagen, dass sie kurz nach Robert am London HC angefangen hatte und sie sich kannten, bevor er zum Oberarzt befördert wurde.
»Außerdem bin ich verletzt!«, fügte ich an. Aber er war sicher schon außer Hörweite.
»Wieso? Was ist los?«
Der nächste Mann, beladen mit Kartons und keuchend, eilte an uns vorbei. Diesmal der Verursacher dieses Desasters. Mein geliebter Bruder, Robert Wellburn.
Besorgt lugte er über die drei Kartons in seinen Händen zu mir und lief dabei prompt gegen den Türrahmen. Liv und ich hasteten vor und rissen ihm die Kisten aus den Händen, bevor das Chaos in der Wohnungseingangstür noch überhandnahm. Doch auch einer von Roberts Kartons hatte beschlossen, es dem meinen gleichzutun. Ein Schwall aus Besteck ergoss sich auf den Boden, dicht gefolgt von einem großen blauen Kuschelkissen.
»Scheiße«, fluchte Robert und brachte seine restliche Ladung fluchtartig in Sicherheit. Liv und ich blickten ihm schmunzelnd nach, dann brachen wir in Gelächter aus.
»Ich fürchte, ihr hättet die Sachen nicht unten im Regen stehen lassen sollen, Rob.«
Die tiefe Stimme hinterließ ein leichtes Kribbeln in meinem Nacken. Das konnte doch nicht wahr sein, ich kannte diese Stimme. Als wäre ich darauf programmiert, ihn noch im lautesten Rattern der Tube auszumachen. Langsam drehte ich mich um.
Hinter zwei kleinen Kartons lugte ein brauner Haarschopf hervor. Simon.
Zweimal in einer Woche. Das Schicksal verhöhnte mich offensichtlich. Frustriert schüttelte ich den Kopf. Es hätte mir klar sein müssen, dass er heute bei dem Umzug dabei sein würde. Wenn Kate mich schon verzweifelt anrief, dann würde Robert auch seine Kollegen fragen.
Simons Augen funkelten leicht, während er sich über den Haufen Bücher beugte. Sein Mundwinkel hob sich kaum merklich, als sein Blick auf mir ruhte – ein stilles Amüsement, das er sich nicht anmerken ließ, aber ich deutlich spürte.
Da waren diese verdammten Grübchen. Grübchen, von denen ich nächtelang geträumt hatte. Gerade konnte man sie lediglich erahnen, aber sie waren da. Seine Haare wirkten kürzer als bei unserer letzten Begegnung und der Blick klarer. Nur das feine Lächeln auf seinem Gesicht war unverändert windschief.
Mein Magen zog sich unwillkürlich zusammen. Es war nicht so, dass ich Angst vor Simon hatte. Das Problem lag eher in den Gefühlen, die er in mir auslöste. Das letzte Mal, als ich ihm zu nahe kam, war kurz darauf mein ganzes Leben in Oxford den Bach runtergegangen. Doktor Butler sagte zwar, es hätte nichts mit ihm zu tun. Trotzdem erinnerte es mich nur zu gut an die Sache mit Matthew. Vielleicht gab es einfach Menschen, die einen innerlich aufwühlten. Meine Begegnung mit Simon hatte zu einem Kontrollverlust geführt, der mich letztlich hierher katapultiert hatte. In ein Treppenhaus, in dem mich seine bloße Anwesenheit zu einem Eisklotz erstarren ließ. Liv drängte an mir vorbei und zog Simon in eine freudige Umarmung.
»Simon!!! Du hast es geschafft, sehr schön. Helen, das ist Simon, ein Kollege von mir.« Sie deutete auf ihn, während dieser mich – ich war mir nun ganz sicher – belustigt musterte.
»Das heißt, wir haben noch etwas Verstärkung erhalten. Gott sei Dank. Diese Kartons fallen alle auseinander, sobald man sie nur schief ansieht!« Sie hob ihr Exemplar wieder auf und ging durch die Wohnungstür Matthew hinterher.
»Wie viele sind es noch?«, fragte ich Robert, welcher bereits wieder zur Wohnungstür zurückgekehrt war und Simon mit einem umständlichen Handschlag begrüßte.
Dann stöhnte er theatralisch. »Zu viele.«
»Wo ist Kate? Sie hat sich hoffentlich von allem Schweren ferngehalten?«, fragte ich mit bedeutungsschwangerem Blick.
»Ich habe sie ins Badezimmer eingeschlossen«, schallte Livs Stimme durch die Wohnungstür zu uns. »Putzen kann sie ja zumindest.«
»Wenn Liv so effizient tragen würde, wie sie lauschen kann, wären wir hier im Handumdrehen fertig«, flüsterte Robert. Dann stakste er wütend zurück in die Wohnung. Das Besteck ließ er kreuz und quer auf dem Boden verteilt liegen. »Liv! Du kannst meine Frau nicht im Badezimmer einschließen!«
»Deine hochschwangere Frau wollte eine dreißig Pfund schwere Kiste schleppen, da musste ich intervenieren«, verteidigte sich Liv laut.
»Sie hat sie nicht wirklich eingeschlossen, Robert«, mischte sich nun Matthew ein. »Kate meinte selbst, dass sie lieber putzt und sich dann um die Pizza kümmert.«
Simon und ich sahen einander lange an, während die anderen lautstark diskutierten. Er grinste immer noch, und es wirkte kein bisschen aufgesetzt.
»Bei dir alles gut so weit?«, fragte er.
Smalltalk. Na wunderbar.
»Ja, danke … Mein Fuß hat nur etwas abbekommen und ist jetzt vermutlich auf die doppelte Größe angeschwollen. Wer weiß, ob ich jemals aus den Schuhen wieder herauskomme.«
»Soll ich mal nachsehen?«
Das Lächeln auf Simons Gesicht wurde breiter, und mir schoss die Hitze ins Gesicht. Ja, er war sich seiner Wirkung auf mich nur zu bewusst. Das war er sich schon letztes Jahr gewesen.
