Rap Beef - Mr Rap - E-Book

Rap Beef E-Book

Mr Rap

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Beschreibung

Beef gehört zum Rap wie die Faust zum Boxen. Der öffentliche Streit zwischen Rappern bewegt sich zwischen werbewirksamem Wortgefecht, enttäuschter Freundschaft und handgreiflicher Eskalation. Los gings in den 1990er-Jahren in den USA mit dem Beef zwischen den Rappern der East Coast und West Coast, inzwischen stehen die deutschen Kollegen ihren amerikanischen Wegbereitern in nichts nach. Mr Rap und Mr Beatz gehören mit ihrer "Rapschau" auf YouTube zu den neuen Stars des deutschen Rap-Journalismus. In ihrem Buch erklären sie, wie sich der Beef hierzulande entwickelte, wem er geschadet und wem er genutzt hat. Von den zaghaften Anfängen mit Moses Pelham oder Azad über den Beef-Evergreen Bushido und Fler, ganze Labelkriege mit Disstracks, Beleidigungen, gesprengten Konzerten, Anzeigen, Bedrohungen und Messerattacken bis zu den legendären "Da Vinci Code"-Verarschungsvideos von Al-Gear erzählt das Buch die wechselvolle Geschichte des deutschen Rap-Beefs und seiner Protagonisten. Am Ende ist nur eines sicher: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2020

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RAP BEEP

MR RAP UND MR BEATZ

RAP BEEP

Von Freestyle Battle bis Attentat – Deutschrap von Bushido bis 187

Originalausgabe

1. Auflage 2020

© 2020 by Yes Publishing – Pascale Breitenstein & Oliver Kuhn GbR

Nymphenburger Straße 86, D-80636 München

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Ivan Kurylenko (hortasar covers)

Layout und Satz: Christiane Schuster, www.kapazunder.de

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-96905-014-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96905-015-6

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96905-016-3

INHALT

Es war einmal in Amerika

Sie hören von meinem Anwalt

Musikalischer Schlagabtausch

Fake oder real?

Optik Tik Boom!

Berliner Schnauze

Das große Disstrack-Promo-Feuerwerk

Seitenwechsel

Nicht mehr die einzige Hauptstadt

Konkurrenzkampf mit Aggro Berlin

Hetzjagd im Netz

Auf und Ab und endlich vorbei

Aus Feinden werden Freunde

Der Da Vinci Code

Der Tag des Jüngsten Gerichts

Der Anfang vom Ende von EGJ

Schüsse vor der Shisha-Bar

Tiefe Wunden

Historische Verflechtungen

David gegen Goliath

Die große Enttäuschung

Der Merchandise-Beef

Er hat auf mich geschossen!

Kain und Abel

Keiner kommt klar mit ihm

Narben der Vergangenheit

Trio Infernale

Das Finale

Die Zukunft des Beefs

Die Autoren

ES WAR EINMAL IN AMERIKA

Es ist 1985. Wenig hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Brooklyn, Harlem oder der Bronx zum Positiven entwickelt. Eher im Gegenteil – die Straßen in den New Yorker Stadtteilen werden von Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewalt, Drogen und rivalisierenden Gangs beherrscht. Wer es sich leisten kann, ist längst weggezogen. Zurück bleibt eine abgeschottete Gettowelt, deren Bewohner von der weißen Wohlstandsgesellschaft, der Unterhaltungsindustrie und der Party in der restlichen Metropole ausgeschlossen bleiben.

Die Stimmung auf den Straßen ist trist und grau, und für viele Menschen in den Gettos ist es an der Zeit, wieder etwas Farbe ins Leben zu bringen. Unter dem Einfluss der jamaikanischen Sound Systems entwickelt sich über die Jahre eine ganz eigene Musik- und Jugendkultur. Auf illegalen und spontanen Partys, die in alten und verlassenen Fabrikgebäuden oder unter freiem Himmel stattfinden, legen die DJs ihre Musik auf und treten dabei in einen Wettbewerb um die lauteste Reaktion der Zuschauer. Dadurch, dass die DJs bei diesen ersten Battles immer längere Texte über die laufende Musik sprechen, wird nun also der Grundstein für Rap gelegt.

Generell sind diese Partys der Beginn der Hip-Hop-Kultur. Die DJs legen Musik auf, zu der die MCs reimen und die Breaker tanzen. Nach und nach entwickeln sich Cliquen und Crews – viele Menschen wollen raus aus den kriminellen Gangs und schließen sich den vergleichsweise friedlichen und partyorientierten Gruppen an. Afrika Bambaataa, einer dieser DJs, versucht bereits seit Mitte der 1970er-Jahre seinen eigenen Weg zu gehen. Er gehört selbst der größten Gang der South Bronx an, den Black Spades, verlässt diese aber, als infolge der Rivalitäten ein guter Freund von ihm getötet wird. Bambaataa gründet die Zulu Nation, ein Kollektiv aus Rappern, Breakern und Sprühern, die sich zum Ziel gesetzt haben, die gewalttätigen Konflikte der Straße in die Kunst zu überführen und so zu entschärfen.

Und so kommt es 1985 zum ersten Mal tatsächlich zu einer rein musikalischen Konfrontation. Die in Queensbridge ansässigen Marley Marl und MC Shan bringen den Track »The Bridge« heraus, der zumindest so verstanden werden kann, als sei allein Queensbridge der Geburtsort der Hip-Hop-Musik. Das sieht man in der South Bronx natürlich anders. Ein Jahr später veröffentlichen KRS-One und Boogie Down Productions den Track »South Bronx«, in dem sie MC Shan direkt attackieren. Seine Reime seien ja wohl schlecht, außerdem wäre er ein toter Mann, hätte er in der Bronx zu behaupten gewagt, der Geburtsort des Hip-Hops liege in Queensbridge.

Was folgt, ist ein wahres Feuerwerk gegenseitig aufeinander Bezug nehmender Tracks. Nachdem auch andere Rapper sich einmischen, entstehen ganze 14 Lieder, in denen jeweils die eine oder andere Seite angegriffen wird.

Ohnehin wird Rap zu dieser Zeit in den USA immer größer und erfolgreicher. Die Musikindustrie wendet sich dem neuen Stil zu, immense Erfolge werden eingefahren. Anfangs beschränkt sich die Entwicklung allein auf New York, doch das ändert sich bald – und der wohl größte und folgenschwerste Konflikt in der Rap- und Musikgeschichte nimmt seinen Lauf.

Der Rap an der Westküste des Landes entwickelt sich so stark, dass 1991 der aus der Bronx stammende Tim Dog seinem Ärger darüber Luft macht. Seiner Meinung nach beschäftigen sich die Plattenfirmen viel zu ausschließlich mit den West-Coast-Künstlern. Er veröffentlicht den Track »Fuck Compton« und feuert darin gegen die Rap-Szene in Los Angeles.

Es folgen erste Antworten, unter anderem von Dr. Dre und Snoop Dogg, bevor vier Jahre später der Konflikt endgültig eskaliert. An der East Coast hat sich das große Label »Bad Boy Entertainment« von Puff Daddy mit Künstlern wie Notorious B.I.G. etabliert. Dem gegenüber steht an der West Coast das Label »Death Row Records« von Suge Knight und Dr. Dre, auf dem Snoop Dogg und Tupac veröffentlichen. Die Feindschaft zwischen den beiden Labels wird öffentlich, als am 30. November 1994 von Unbekannten fünf Schüsse auf Tupac abgegeben werden. Der Rapper wird unter anderem am Kopf getroffen, überlebt jedoch. Er beschuldigt seinen ehemaligen Freund Notorious B.I.G. und das Bad-Boy-Umfeld, für den Anschlag verantwortlich zu sein.

Nur wenig später veröffentlicht B.I.G. den Track »Who Shot Ya«. Er selbst widerspricht, trotzdem interpretiert Tupac den Titel als Disstrack und legt nun ebenfalls so richtig los. Immer wieder richtet er seine Zeilen gegen B.I.G. und Bad Boy.

Kurz darauf greift Suge Knight, Boss von Death Row Records, bei den Source Awards auf offener Bühne Puff Daddy für dessen Eitelkeit verbal an – ohne den Namen des Rappers ausdrücklich zu nennen. Es weiß trotzdem jeder, wer gemeint ist.

Im September 1995 schießen Unbekannte einen engen Freund von Suge Knight nieder, worauf dieser Bad Boy als Drahtzieher bezichtigt.

Zwei Monate später knallt es abermals. Bei einem Videodreh in Manhattan fallen mehrere Schüsse auf den von Snoop Dogg bewohnten Wohnwagen. Im später veröffentlichten Video sieht man, wie die Künstler von Death Row in Riesengröße New York zerstören.

Nach und nach fokussiert sich der Beef – so nennt man eine Auseinandersetzung im Rap inzwischen – vor allem auf Tupac und Notorious B.I.G. Auch von den Medien wird die Rivalität immer wieder aufgegriffen und ausgeschlachtet. 1996 veröffentlicht Tupac seinen Track »Hit ’Em Up«, in dem er hart gegen B.I.G. vorgeht und behauptet, Sex mit dessen Ehefrau gehabt zu haben. B.I.G. antwortet wenig später in Jay-Zs Track »Brooklyn’s Finest«.

Bei den Soul Train Awards in Miami schließlich prallen die beiden Crews aufeinander. Es kommt zu einer handfesten Auseinandersetzung. Der Beef schaukelt sich immer weiter hoch, bis im September 1996 Tupac in Las Vegas erschossen wird. Ein halbes Jahr später wird auch B.I.G. in Los Angeles ermordet. Erst nachdem die beiden Galionsfiguren der East-Coast-West-Coast-Feindschaft infolge einer im Rap nie da gewesenen Eskalation ihr Leben gelassen haben, wird der Beef beendet.

SIE HÖREN VON MEINEM ANWALT

Und in Deutschland? Natürlich breiten sich Hip-Hop und Rap nicht nur von der Ostküste der USA zur Westküste des Landes aus, sondern werden bald auch über den Atlantik geschwemmt. In Deutschland blicken wir heute auf über zwanzig Jahre Rap zurück – und damit auf über zwanzig Jahre Beef. Es gibt eine Rivalität, die sich mit der Konstellation East Coast vs. West Coast vergleichen lässt, da sich der Ruhrpott des Öfteren mit der Rap-Hochburg Berlin anlegt. Es gibt diverse gewalttätige Eskalationen, Schlägereien nach oder bei den Auftritten, Hausbesuche und vieles mehr. Und selbstverständlich gibt es auch in Deutschland einen ersten großen und medienwirksamen Beef.

Zwei Jahre bevor Tupac und B.I.G. erschossen werden, also etwa neun Jahre nach den ersten Beefs in Amerika, geht es auch bei uns los. Die Szene ist 1994 in Deutschland noch weitestgehend homogen. Es gibt zwar unterschiedlichste Rap-Formationen, aber in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden nur Künstler, die sich nah an der kommerziellen Popwelt bewegen und mit den ursprünglichen Straßengangs und der Gewalt in den amerikanischen Gettos nur wenig zu tun haben. Die Rapper, die im Mainstream bekannt und erfolgreich werden, sind etwa die Fantastischen Vier oder Blumentopf. Gruppierungen also, die für fröhliche und seichte Texte stehen.

In der – durchaus existierenden – Untergrundszene sorgen diese »soften« Aushängeschilder des deutschen Raps mit ihrer poppigen, angepassten Art für deutlichen Missmut. Einer der Ersten, die dieser weichen Art von Deutschrap öffentlich etwas entgegensetzen können, ist Moses Pelham. Zusammen mit seinem Gefährten Thomas Hofmann bildet er das Rödelheim Hartreim Projekt, das nicht umsonst noch heute als Meilenstein der Entwicklung gilt. Viele Rap-Größen, die später Berühmtheit erlangen, haben über das RHP ihre erste Berührung mit deutschsprachigem Rap und können sich mit der Musik überhaupt erstmals identifizieren.

Moses Pelham und Thomas Hofmann bringen 1994 den Track »Reime« heraus. In dem zugehörigen Video geht es der etablierten und weichgewaschenen Deutschrap-Szene an den Kragen. Es hatte im Jahr zuvor bereits hier und da einen Diss gegeben, beispielsweise von Äi-Tiem auf dem Track »Erbarmungslos« oder von Rick Ski & Future Rock auf »Ohne Warnung«. Eine wirklich breite Aufmerksamkeit erfährt der Beef in Deutschland aber erst mit »Reime«.

Moses Pelham feuert einige Spitzen in Richtung der Fantastischen Vier ab, macht sich über deren Track »Die Da!?!« lustig und nennt die Rapper unter anderem lächerlich und spastisch. Die Fantastischen Vier reagieren mit dem Song »Was geht«, in dem sie sich selbst als die Deutschrap-Pioniere darstellen, dabei aber ihrer gewohnt fröhlichen Art treu bleiben. Aus diesem ersten Zwist entwickelt sich in den folgenden Jahren ein großes Hin und Her an gegenseitigen Disses und Verspottungen. Dieser erste Zusammenstoß zwischen dem Pop-Rap und dem Untergrund zieht eine Schneise durch die Deutschrap-Szene, und die Fans der beiden Lager stehen sich lange unerbittlich gegenüber.

Erst nach vielen Jahren geben Thomas D und Moses Pelham ein gemeinsames Interview. Es ist quasi die öffentliche Versöhnung. Wie herauszuhören ist, haben die beiden des Öfteren miteinander telefoniert und Thomas hatte Moses sogar zu dessen Soloalbum gratuliert.

Nachdem sich RHP und Fanta Vier also versöhnt haben, erklärt Moses P in einem Interview, lediglich vom Manager der Fanta Vier überheblich behandelt worden zu sein. Er habe daraufhin »Reime« geschrieben und zeigen wollen, dass man mit dem RHP so eben nicht umgehen könne.

Nach diesem ersten Beef beginnt für RHP eine durchaus erfolgreiche Zeit. Auch im Mainstream sind sie immer öfter ein Thema, insbesondere bei Stefan Raab, der die Gruppe in seinen Sendungen Vivasion und Ma’ kuck’n regelmäßig durch den Kakao zieht. Raab macht seine Witze über Moses Pelham, verarscht den Rapper in Interviews und Videoclips und bezeichnet ihn sogar als »Möschen«. Im Anschluss an die Echo-Verleihung kommt es am 6. März 1997 dann zu einem Aufeinandertreffen der beiden.

Raab geht aus dieser Begegnung mit einer gebrochenen Nase und einem Schmerzensgeld von 10 000 Mark hervor, Moses Pelham mit einer zusätzlichen Strafzahlung in Höhe von 40 000 Mark. Seine Verurteilung will Moses Pelham allerdings nicht einfach hinnehmen, weshalb er auch im Nachhinein noch öffentlich gegen Raab stichelt. VIVA reagiert, indem sämtliche Produktionen von Moses Pelham vorübergehend boykottiert werden.

Die Gewalt von Moses Pelham gegen Stefan Raab sorgt für etliche Schlagzeilen (»Rapper schlug Raab: 50 000 Mark«) und führt sogar zu einem Disstrack gegen Pelham. Die Kölner Rap-Crew Creme de la Creme, bestehend aus Professor Te, DJ Dr. Chris und Future Rock, nimmt den Vorfall zum Anlass, eine EP mit dem Namen Bitte hau mich nicht herauszubringen. Das Cover ziert ein Bild des Rappers Gianni, der Moses Pelham erstaunlich ähnlich sieht. Auf der EP findet sich ein Track mit eben diesem Titel: »Bitte hau mich nicht«.

Wenn auch aus heutiger Sicht weder der gitarrenlastige Beat noch die eher gesungene Vortragsart als Rap bezeichnet würden, gilt der Song trotzdem als Diss. »Bitte hau mich nicht« ist textlich gewissermaßen ein Manifest des Pazifismus: Moses Pelham wird direkt angesprochen und dafür kritisiert, dass er zwar hart und stark sei, es ihm dafür aber an Niveau und Intellekt mangele. Eine solche Bewertung der gebildeten Mittelklasse von oben herab, wie sie sich sowohl Creme de la Creme als auch Stefan Raab gegenüber den »bösen Rappern« erlauben, soll für viele Jahre der Standard innerhalb des Mainstreams bleiben.

Eine im Rap angemessene Reaktion wäre es nun eigentlich gewesen, hätte Moses Pelham einen Antworttrack auf Creme de la Creme veröffentlicht. Der Rapper aus Frankfurt-Rödelheim hat jedoch andere Pläne. Er antwortet nicht musikalisch auf den Disstrack, fühlt sich nicht kreativ herausgefordert, sondern lässt die Sache auf rechtlichem Weg klären. Creme de la Creme bekommen nach dem Release von »Bitte hau mich nicht« umgehend Post von Pelhams Anwalt. Der Verkauf der EP wird nach der ersten Auflage gerichtlich gestoppt.

Hiermit endet die erste Beef-Geschichte im Deutschrap. Leider wird die Auseinandersetzung nicht auf künstlerischer Ebene weitergeführt, sondern abrupt von einem Richter unterbunden. Für die Rap-Fans ist das schade, aber es wird in der Zukunft noch häufig vorkommen.

MUSIKALISCHER SCHLAGABTAUSCH

Vier Jahre nach dem Skandal um Moses Pelham gibt es im Untergrund weiterhin ein starkes Bedürfnis nach hartem Rap, wie er in den Staaten zu finden ist. Jemand, dem dieses Bedürfnis nicht fremd ist und der wie kein Zweiter für roughe Texte steht, ist Azad. Der Rapper macht zu dieser Zeit mit seinen ersten Veröffentlichungen auf sich aufmerksam.

Azad, der in Frankfurt am Main lebt, findet in seiner Jugend als kurdisches Flüchtlingskind schwer Anschluss in Deutschland, einziger Bezug für ihn ist die Hip-Hop-Kultur. Er beginnt bereits im Alter von 14 Jahren mit der Musik und wird spätestens mit seinem Musikvideo zu »Napalm« und den Bildern von Sturmmasken, Waffen und Kampfhunden landesweit bekannt.

Der Ruf nach einem authentischen Rap ist damals fast gleichbedeutend mit einer Ablehnung der Mainstream- und Popmusikkultur. Angefeindet werden auch Rapper, die nicht ganz so poppig-fröhliche Musik machen wie die Fanta Vier. Rund vier Jahre nach der Auseinandersetzung zwischen Moses P. und Creme de la Creme sorgt diese Antihaltung gegenüber dem Mainstream, die auch von Azad vehement vertreten wird, für den nächsten großen Beef. Und diesmal wird nicht ein Anwalt als Stellvertreter des Künstlers sich der Sache annehmen, sondern ein neues Phänomen präsentiert sich dem Publikum: Diss und Gegen-Diss.

Niemals unter die Gürtellinie – Azad vs. Samy Deluxe

Im Jahr 2001 stehen sowohl Azad als auch Samy Deluxe kurz vor dem Release ihres Solo-Debütalbums. Während Azad straight den Straßen-Film fährt, bewegt sich Samy Deluxe aus Sicht der Untergrund-Szene zielstrebig in Richtung Mainstream. Spätestens nachdem Samy mehrfach im Fernsehen zu sehen ist, werden die Sellout-Vorwürfe lauter. In einer Zeit, in der die einzig wirklich kommerziell erfolgreichen Rapper eher für kommerzielle Popmusik als für authentischen Straßen-Rap stehen, ist jede noch so kleine Annäherung an den Mainstream zu viel für die Szene.

In einer Vorabveröffentlichung aus seinem anstehenden Album rechnet Azad in dem Track »Gegen den Strom« mit der Mainstream-Szene ab. Er feuert einige Spitzen in Richtung Deichkind, DJ Thomilla oder MC Rene – wobei er keine Namen nennt, sondern stattdessen Samples aus den Liedern der von ihm kritisierten Künstler einspielt oder die dazugehörigen Liedtitel aufzählt. Ausdrücklich kritisiert wird der Track »Ladys and Gentlemen« von Samy Deluxe. Azad spielt die Hook des Liedes ein und rappt dazu, ihm sei das alles zu lapidar.

Auf diesen Seitenhieb reagiert Samy Deluxe nun nicht, indem er wie Moses P – über dessen Label »3p« übrigens das Debütalbum von Azad erscheinen wird – zum Anwalt rennt. Er veröffentlicht viel mehr ein Gegenstück, einen Disstrack. Ganz offensichtlich ist es also auch in Deutschland möglich, einen Beef mit künstlerischen Mitteln auszutragen.

Azad wird bereits im Intro von »Rache ist süß« direkt angesprochen. Samy Deluxe wirft ihm vor, den Diss nur veröffentlicht zu haben, um sich am Erfolg der Konkurrenz hochzuziehen und Promo für sein eigenes Album zu machen. Außerdem habe Azad in der Vergangenheit bei einem persönlichen Treffen Samy Deluxe noch Props gegeben. Natürlich behauptet Samy auf dem Track, er könne sowieso viel besser rappen als Azad, auch zahlreiche Beleidigungen werden eingestreut.

Zu dieser Zeit gibt es – anders als heute – noch eine klare Grenze, die in den Battletracks nicht überschritten wird. Es fallen während des ganzen Beefs weder von Samy Deluxe noch von Azad Beleidigungen unter die Gürtellinie, beispielsweise gegen die Familie des Kontrahenten. Das ist insofern wichtig, als dass es typisch für die damalige Stimmung ist und den früheren Beef von späteren Eskalationsstufen unterscheidet.

Azad wiederum kontert mit dem Track »Samy de Bitch«, der später auch auf dem Album Leben enthalten sein wird. Den Vorwurf von Samy, der Diss sei lediglich Promo, will Azad nicht auf sich sitzen lassen. Er wirft Samy den endgültigen Sellout vor: Er solle mal schön weiter bei Interaktiv sitzen, einer Show auf VIVA, sich dort um seine stetig wachsende Fangemeinde kümmern und immer brav noch mehr verkaufen. Azad hingegen werde ganz sicher auf das alles scheißen.

Und wer geht als Gewinner aus der Auseinandersetzung hervor? Wie immer in einem Streit zwischen zwei bekannten Rappern positionieren sich die Fans eindeutig auf der Seite »ihres« Idols. Selbstverständlich ist der eigene Mann der Beste! Der Beef zwischen Azad und Samy Deluxe verläuft in den kommenden Jahren nach und nach im Sand. Azad spricht 2007 in einem Interview mit dem Online-Rap-Magazin 16bars über Samy und sagt, der damalige Streit sei lediglich ein künstlerisches Ding gewesen. Heutzutage könne er seinen Abtörn auf Samy Deluxe nicht mehr ganz nachvollziehen.

Anfang 2009 wird der Beef schließlich auch auf musikalischer Ebene zu den Akten gelegt, denn mit dem Track »Der Bozz und der Baus« erscheint eine musikalische Zusammenarbeit zwischen Azad und Samy Deluxe. Noch etwas später versuchen die beiden Kontrahenten in der Rückschau die Frage nach dem Gewinner des Battles zu klären. Samy erklärt in einem Interview mit 16bars, der Track von Azad sei rapmäßig der bessere gewesen. Azad seinerseits entgegnet auf Twitter, Samy habe damals sauberer und mehr on point gerappt. Seinen eigenen Track könne er heutzutage nicht mehr anhören.

Die bessere Punchline – Azad vs. MC Rene

Der Beef mit Samy Deluxe ist nicht der einzige, den Azad mit seinem Track »Gegen den Strom« auslöst. Aus seinen Anfeindungen gegen MC Rene entwickelt sich ein Hin und Her, das über Jahre hinweg anhalten soll.

Zunächst reagiert MC Rene auf »Gegen den Strom« mit einer heutzutage undenkbaren öffentlichen Aktion. Bei einem Splash!-Auftritt von Azad im Jahr 2001, bei dem unter anderem Jonesmann und Jeyz auf der Bühne stehen, taucht plötzlich MC Rene in der Crowd vor der Bühne auf. Er ist mit einem Megafon bewaffnet und scheint zu allem entschlossen. Während einer Pause zwischen zwei Liedern beginnt er sich lautstark über Azad lustig zu machen. Er bezeichnet Azad durch sein Megafon als »Studiorapper« und behauptet, auf seinen eigenen Shows gehe die Crowd deutlich mehr ab.

Azad wird auf MC Rene aufmerksam und reagiert sichtlich amüsiert. Noch bevor er seinen nächsten Track spielen kann, entwickelt sich ein kleiner verbaler Schlagabtausch. MC Rene fordert Azad durch sein Megafon zum Live-Battle auf der Bühne auf, die Crowd ist hörbar begeistert und stimmt in einen »Battle«-Sprechchor ein. Azad verkündet, ach, da sei ja »der süße MC Rene«, der unbedingt ein wenig Aufmerksamkeit wolle. Auf die Herausforderung zum Battle allerdings geht er nicht ein, sondern sagt stattdessen, man spreche sich nach der Show. Er macht sich über MC Rene lustig, der offensichtlich zwei Bodyguards mitgenommen hat, um sich in die Menge zu stellen und von dort mit Azad zu sprechen. MC Rene reagiert abermals durch sein Megafon und nennt Azad einen Feigling und den »größten Fake der Deutschrap-Geschichte«.

Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland zu dieser Zeit eine Rap-Battle-Szene. Beispielsweise im Royal Bunker oder zum Rap am Mittwoch in der ufa-Fabrik in Berlin treffen sich seit 1997 regelmäßig MCs (viele davon werden später sehr berühmt), um sich auf der Bühne gegenseitig zu batteln – alles immer in einem sportlich und nicht ernst gemeinten Kontext. Und nicht nur in Berlin entstehen immer öfter solche Cyphers, auch im Ruhrpott veranstaltet Out4Fame ab den Nullerjahren immer wieder das 1on1 Freestyle-Battle, wovon später sogar zahlreiche DVDs verkauft werden. Dass allerdings ein Rapper auf seinem eigenen Auftritt einem spontanen Freestyle-Battle gegen einen Kontrahenten zustimmt, mit dem er wirklich im Beef steht – das gab es in Deutschland noch nicht und wird es auch in den darauf folgenden 20 Jahren nicht geben.

Nach diesem also wenig erfolgreichen Zusammentreffen veröffentlicht MC Rene den Track »Gegen den Gnom«. Es ist ein Disstrack gegen Azad, eine Antwort auf dessen Sticheleien in »Gegen den Strom«. Darüber hinaus geht MC Rene auf das verweigerte Battle auf dem Splash! ein und sagt, Azad habe seine Fans um eine Revanche betrogen.

Azad lässt sich nach »Gegen den Gnom« nicht lange bitten und reagiert auf seinem zweiten Album Faust des Nordwestens wiederum mit dem Track »MC U Reen«. Während MC Rene in diesem Beef eher die Hip-Hop-Schiene fährt und Azad vorwirft, nicht die wahren Werte zu vertreten, kommt Azad mit weitaus härteren und eingängigeren Punchlines um die Ecke. Dennoch bleibt alles auf einer musikalischen Ebene. Das ist, was die Beefs der damaligen Zeit noch immer von den heutigen Auseinandersetzungen unterscheidet: Es geht vor allem um die besseren Reime, den besseren Flow, die besseren Punchlines.

Die Kriterien sind typisch für das klassische Rap-Battle. Es gewinnt derjenige, der den Gegner mit den Mitteln der Kunst besiegen kann und das Publikum irgendwie auf seine Seite zieht. Dies kann durch einen geschickten Konter geschehen, durch besonders lustige Zeilen, die dafür sorgen, dass plötzlich das gesamte Publikum den Gegner auslacht. Es kann auch über außergewöhnlich harte und einschüchternde Texte funktionieren oder über die technischen Fähigkeiten im Reim und Flow, welche die Möglichkeiten des Gegners übersteigen. Kein Battle und kein Rapper ist so wie der andere. Es gibt kein Patentrezept. Nur eine Sache gilt grundsätzlich für das klassische Battle: Es geht um die Kunst an sich.

Sehr bald wird im Deutschrap auch das Drumherum wichtiger werden. Der Beef wird sich vom klassischen Battle-Rap entfernen, es werden persönliche Stories des Gegners genüsslich im Interview ausgeschlachtet und jede Angriffsmöglichkeit auch abseits der Kunst genutzt. Der Beef wird sich zu einer öffentlichen Schlammschlacht entwickeln, die mit den Jahren immer seltener überhaupt noch mit der Musik zu tun hat.

FAKE ODER REAL?

Zu der Zeit von »Gegen den Strom« ist im Deutschrap-Untergrund also vor allem die Abgrenzung vom Mainstream ein Thema. Mit dem Aufkommen von Künstlern, die einen ausgeprägten Hang zum Battle-Rap und eine deutliche Nähe zur Straße pflegen, kommt dann eine weitere Debatte ins Game. Es geht um Realness.

In Berlin spielt das Thema bereits Ende der 1990er-Jahre eine nicht unerhebliche Rolle. In der Hauptstadt bildet sich um das von Marcus Staiger gegründete Label »Royal Bunker« eine eigene Community, die lokalen Rappern eine Plattform bietet. Man trifft sich im Keller des Royal Bunker, um gegeneinander zu batteln. Auch wenn die Texte meist sehr hart daherkommen, sind die Künstler selbst eher Rap-Nerds als Gangster. Zu ihnen zählen Kool Savas, Fumanschu, Justus Jonas (zusammen den Masters of Rap – M.O.R.).

Anders stellt sich das rund um die Crew Berlin Crime (BC) dar, deren Protagonisten zu dieser Zeit tatsächlich auf den Straßen Berlins aktiv sind. Zu ihnen zählen MOK, MC Basstard, Frauenarzt und etliche weitere.

Masters of Rap veröffentlichen 2001 ihr Tape NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren). Darauf beziehen sie Stellung gegen die Mainstream-Szene und Pop-orientierte Künstler à la Samy Deluxe. Dennoch stellen M.O.R selbst zwischen dem damaligen Mainstream auf der einen und dem harten Straßen-Rap auf der anderen Seite eher ein Zwischending dar. Sie produzieren zwar harten und unangepassten Rap, sind aber keine wirklich harten Kerle von der Straße. Und genau diese fehlende Realness sorgt im Anschluss an die Veröffentlichung von NLP für zahlreiche Kredibilitätsdebatten, die schließlich in dem Fick M.O.R.-Tape von MOK gipfeln.

Grenzen werden überschritten – BC vs. M.O.R.

Auf immerhin neun Tracks dissen Frauenarzt, MC Basstard, Mach One, Vork und andere gegen M.O.R. und den Royal Bunker – und zwar hart und schonungslos. Zum ersten Mal wird auf dem Fick M.O.R.-Tape die bis dahin bestehende Anstandsgrenze im Battle-Rap überschritten. Die Beleidigungen zielen unter die Gürtellinie, richten sich gegen die Familien der Royal-Bunker-Künstler. Generell wird jede nur mögliche Angriffsfläche bis aufs Äußerste genutzt, was wohl dem Ton der sehr harten und tabulosen Berliner Untergrundszene entspricht.

Erstmals droht sich innerhalb dieses Beefs die Eskalation zudem nicht nur musikalisch abzuspielen. So soll beispielsweise MOK regelmäßig beim Royal Bunker angerufen und angekündigt haben, er wolle »vorbeikommen«. Mehrere Jahre nach Veröffentlichung des Tapes gerät eine Story an die Öffentlichkeit, nach welcher es tatsächlich zu einer körperlichen Auseinandersetzung rund um den Beef gekommen sein soll. In einem Interview mit Mixeryrawdeluxe.tv erzählt MOK davon, wie Marcus Staiger nach dem Hören von Fick M.O.R. ausgerastet sei. Später sollen sich MOK und Staiger sogar zu einem Käfigkampf getroffen und sich geprügelt haben. Staiger soll MOK gegen den Hals geschlagen haben, woraufhin MOK nach eigener Aussage Staiger mit einem Messer bedroht habe und Staiger geflohen sei.

Markus Staiger, zur Zeit des Interviews von MOK nicht mehr Chef von Royal Bunker, sondern Chefredakteur bei Rap.de, veröffentlicht ein eigenes Statement zu dem Vorfall. Er habe die CD von MOK überhaupt nicht gehört, sondern gleich in den Müll geworfen. Aufgeregt habe er sich natürlich trotzdem. Auch sei es tatsächlich zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen, hierbei habe er MOK aber nicht am Hals getroffen, sondern ihm einen Tritt gegeben. MOK sei bei der Auseinandersetzung nicht allein gewesen, sondern in Begleitung von Frauenarzt und Ming. Zu Letzterem habe MOK dann gesagt: »Stich ihn ab.« Woraufhin Staiger vernünftigerweise abgehauen sei.