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Rapunzel lebt in einem Land, das seit Jahren mit dem Nachbarreich im Zwist lebt. Als ein Krieg droht und sie in die Hände der Gegner fällt, gibt sie sich als ihr gefürchteter Bruder aus ... doch ihr Häscher durchschaut ihre Notlüge und in seiner Gegenwart scheinen sowohl ihre Haare als auch ihr Herz ein Eigenleben zu entwickeln, so dass Rapunzel bald alle "Haare" zu tun hat, sich nicht Hals über Kopf in den Feind zu verlieben.
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Seitenzahl: 49
Veröffentlichungsjahr: 2014
www.Elysion-Books.com
ORIGINALAUSGABE© 2012 BY ELYSION BOOKS GMBH, GELSENKIRCHENALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinertwww.dreamaddiction.de
FOTO: © Fotolia/ Maksim ToomeFRONTISPIZ: Hanspeter Ludwigwww.imaginary-world.de
eISBN 978-3-945163-50-4
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Rapunzel
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Es war still im Schloss. Ganz und gar unheimlich. Gähnend leer waren die Gänge. Kein Klappern drang aus der Küche, denn die Köche und Gehilfen waren allesamt entlassen worden. Kein Kichern kam aus den Zimmern, denn Mägde gab es ebenfalls keine mehr. Keine Münze lag in den Schatzkammern, umgestoßen und zertreten waren die Truhen. Was das Heer an Lohn verlangte, zahlte das Volk mit einer abermals erhöhten Steuer, die seinen Unmut schürte. Doch die Soldaten würden bleiben, solange König Gregor auf dem Thron saß. Waren sie doch seine einzige Hoffnung, wieder zu Reichtum zu kommen. Er gierte danach, war besessen von dem Gedanken, blind und taub für alles andere, das nicht dem Erreichen seines Ziels diente.
Blind und taub war er auch für seine Tochter, Rapunzel, die ihm die Gemahlin genommen hatte, weil sie auf die Welt gekommen war. Seine ganze Aufmerksamkeit hatte seither seinem Sohn, ihrem älteren Bruder, gegolten, doch vor zwei Wintern hatte er den Kampf gegen ein Fieber verloren und war ebenfalls von ihm gegangen. Prinz Radosts Tod war ein vom König gut gehütetes Geheimnis. Er wollte kein sohnloser Herrscher sein, da er sich ohne männlichen Thronfolger verletzbar fühlte. Seine offizielle Erklärung besagte deshalb, dass der Prinz einen Feldzug gegen ein fernes, feindlich gesinntes Land führte und bald siegreich heimkehren würde. Im Volk betete man, dass diese Heimkehr ausbleiben würde, denn Radost war grausam gewesen und nicht nur wahnsinnig, wie sein Vater.
Außerdem hoffte man, der alte Regent würde bald das Zeitliche segnen, damit die Herrschaft an Rapunzel fiel, der man das freundliche Wesen zusprach, für das schon ihre Mutter bekannt gewesen war. Oft sah man sie in den Siedlungen, bei den Bauern und Handwerkern. Konnte sie auch nicht viel ausrichten, so war es für die Menschen doch wichtig, dass Rapunzel sie besuchte und sich mit ihnen unterhielt. Sie lauschte ihren Sorgen, fand Worte des Trostes und versprach, auf ihren Vater einzuwirken – was sie tatsächlich versuchte. Er sollte die eingenommenen Steuern sinnvoll anlegen, statt sie für seinen Kampf ausgeben. Allerdings ahnte jeder im Land, dass König Gregor sein Vorhaben, seinen vollkommen irren Plan, im Leben nicht aufgeben würde. Dabei hatte er einen Gegner gewählt, der ihm die Stirn mit Tücke statt mit Waffen bot und der sich stets nur verteidigte, niemals angriff.
Kam Rapunzel in die Siedlungen, so trat sie nie als Prinzessin auf. Sie fuhr nicht in einer Kutsche, vor der man einen Teppich ausrollen musste, sondern ritt auf ihrem schwarzen Hengst und machte sich nichts aus den Schlammlöchern, in denen ihre Füße nach einem heftigen Regenguss manchmal versanken. Statt farbenfrohen Kleidern und zierlichen Schuhen, trug sie Hemden, Ledermäntel, Reiterhosen und Stiefel. Ihr strohblondes Haar war recht kurz und wurde im Nacken zu einem kleinen Zopf zusammengehalten, aus dem sich eigenwillige Strähnen lösten. Schmal war ihr Gesicht und frei von jedem Puder, ihre grauen Augen blickten selten verträumt, sondern meist wachsam. Sie besaß keine weiblichen Rundungen, kicherte nicht und sprach mit der Vernunft eines Mannes, weshalb sie gut und gern für einen gehalten werden konnte. Ihr etwas dunkler Humor, brachte die Menschen in den Siedlungen zum Lachen; galt er doch nicht selten den Bemühungen des Königs, die – wie Rapunzel sich ausdrückte – Weltherrschaft an sich zu reißen, indem er ein winziges Königreich einnahm. Durch den Einsatz von ein bisschen Verstand wäre ihm das inzwischen vielleicht sogar gelungen, doch er kannte diesbezüglich nur rohe Gewalt und kehrte, wenn ein neuer Versuch misslungen war, vor Zorn schäumend in seine heruntergekommene Burg zurück, um die kargen Mauern anzuheulen und dem Gegner, der ihn nicht einmal mehr hörte, mit dem Tag zu drohen, an dem Prinz Radost vom Feldzug heimkehrte.
Das Ziel von Rapunzels Vater war das Diamantene Königreich. So nannte man den kleinen Staat, der unmittelbar an sein Land angrenzte und aus nicht mehr als einer Stadt bestand. Keine sanft fließenden Hügel und hohen Berge gab es dort, keine Seen und Siedlungen, keine Weizenfelder und Wälder. Auf nur wenigen Hektar wuchsen Türme in den Himmel, die hauptsächlich von Kauf- und Bergmännern sowie Architekten bewohnt wurden. Wie ein schützender Wall schlossen sich diese Gebäude um das Herz der Stadt: dem Schloss von König Philip, dessen aus kostbarstem Material gefertigte Spitzdächer und Zinnen golden im Sonnenlicht und silbern im Schein des Mondes glitzerten. Dasselbe Material war vereinzelt bei den Türmen der Stadt verwendet worden, weshalb sie ein spektakulär funkelndes, jedermann faszinierendes Bild abgab.
Was König Gregors Interesse seit vielen Jahren wachhielt und ihn zu immer neuen Versuchen der Übernahme bewegte, befand sich allerdings nicht über der Erde, sondern darunter. Direkt unter dem Schloss lag, viele hundert Meter in den Erdboden reichend, eine Diamantmiene. Ein Herankommen von außerhalb war aufgrund des sie umgebenden Granits unmöglich; der einzige Zugang befand sich in der Stadt. Ein ausgeklügeltes und kostspielig errichtetes Bergwerksystem erlaubte allein den Bewohnern des Diamantenen Königreiches den Zugriff auf die Schätze, die rechtmäßig ohnehin ihnen gehörten.
