Rauhnächte - Arno Luik - E-Book

Rauhnächte E-Book

Arno Luik

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Beschreibung

"Gestern war ich noch mitten im Leben, heute bin ich draußen und mit dem konfrontiert, was wir alle wissen, die meisten irgendwie verdrängen. Doch für mich nicht mehr möglich ist, dieses Wissen auszublenden: dass wir alle sterben müssen. Das Mistviech in meinem Körper hämmert mir dieses Wissen ja ohne Unterlass in den Kopf: Ich hab' Dich im Griff! Und ich würde es gerne anbrüllen: Komm raus, Du blödes Viech! Ob Bestrahlung, Chemo es zermürben, erwürgen?" Nach seiner Krebsdiagnose, die Bestseller-Autor Arno Luik im vergangenen Spätsommer bekam, macht er das, was er noch nie tat: Er schreibt ein Tagebuch. Er notiert seine Innenansichten, den Schrecken, die Albträume, seine Sehnsucht nach Leben ? aber plötzlich geht es um viel mehr als das persönliche Drama: um diese zerrissene, malträtierte Welt. Die so schön sein könnte, wenn die Regierenden nicht ?

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ebook Edition

Arno Luik

Rauhnächte

Mehr über unsere Autor:innen und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-98791-021-0

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt / Main 2023

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Inhalt

Titel

MERKWÜRDIGE ZEITEN

Aufgewacht in einer anderen Welt, denn …

EINS

19. September 2022

20. September 2022

22. September 2022

23. September 2022

ZWEI

Königsbronn, 25. September 2022

26. September 2022

DREI

Hamburg, 28. September 2022

29. September 2022

1. Oktober 2022

2. Oktober 2022

3. Oktober 2022

5. Oktober 2022

6. Oktober 2022

7. Oktober 2022

VIER

Königsbronn, 9. Oktober 2022

10. Oktober 2022

FÜNF

Hamburg, 15. Oktober 2022

16. Oktober 2022

17. Oktober 2022

20. Oktober 2022

22. Oktober 2022

SECHS

24. Oktober 2022

25. Oktober 2022

28. Oktober 2022

1. November 2022

3. November 2022

4. November 2022

SIEBEN

Königsbronn, 7. November 2022

8. November 2022

9. November 2022

13. November 2022

ACHT

Hamburg, 14. November 2022

15. November 2022

16. November 2022

17. November 2022

18. November 2022

19. November 2022

NEUN

23. November 2022

24. November 2022

25. November 2022

26. November 2022

27. November 2022

ZEHN

28. November 2022

29. November 2022

30. November 2022

ELF

2. Dezember 2022

3. Dezember 2022

5. Dezember 2022

6. Dezember 2022

7. Dezember 2022

8. Dezember 2022

9. Dezember 2022

ZWÖLF

11. Dezember 2022

12. Dezember 2022

19. Dezember 2022

21. Dezember 2022

24. Dezember 2022

25. Dezember 2022

26. Dezember 2022

27. Dezember 2022

29. Dezember 2022

30. Dezember 2022

31. Dezember 2022

1. Januar 2023

MERKWÜRDIGE ZEITEN

Ein Nachtmahr zum Neuen Jahr, von …

Orientierungspunkte

Titel

Inhaltsverzeichnis

MERKWÜRDIGE ZEITEN

Aufgewacht in einer anderen Welt, denn …

… plötzlich geschah etwas, mit dem ich nie gerechnet hatte – und doch immer Angst davor hatte. Wahrscheinlich auch Sie.

Seit ein paar Jahren, seit ich Rentner bin, antworte ich auf die Frage »wie geht es dir?« stets: »So gut wie seit meinen Kindertagen nicht mehr, keine blöden Konferenzen mehr, keine Begegnungen mit eitlen Politikern und machtversessenen Wirtschaftsbossen, also mit Menschen, die primär nur an sich interessiert sind, bei denen sich fast alles um diese Fragen dreht: ›Wie war ich? War ich gut?‹«

Aber stets machte ich bei meiner heiteren Antwort diesen Zusatz: »Alles kann sich ändern, von einem Tag auf den anderen, alles ist möglich.«

Nun etwas Persönliches, es ist tief in mir, Tag und Nacht, ich bin mir unsicher, ob ich es mit Ihnen teilen soll oder nicht. Warnung: Es wird traurig.

Neulich war ich auf dem Weg zum Arzt, ich traf vor der Praxis einen alten Kollegen, und der fragte mich, wir hatten uns lange nicht gesehen, wie es mir so gehe? Meine Antwort, siehe oben.

Achtzig Minuten später, nach der ärztlichen Untersuchung, bin ich, um Annalena Baerbocks Worte zu benutzen, »in einer anderen Welt aufgewacht«. Diagnose: Darmkrebs.

Vor vielen Jahren habe ich den Kinderpädagogen Wolfgang Bergmann zu einem Gespräch getroffen, er hatte Knochenkrebs im Endstadium, es war ein offenes, freimütiges, mich damals erschütterndes Gespräch, das unter dem Titel »Gibt es am Ende nur einen Schrei?« erschien.

»Ich akzeptiere«, sagte er, der vom nahen Tod gezeichnet war, bloß noch kaum hörbar reden konnte, »dass ich nicht mehr, wie Freud es nennt, ›Herr im eigenen Haus‹ bin. Bis vor Kurzem war ich noch einer der angesehensten Kinderpädagogen in diesem Land. Ein gefragter Mensch. Erfolgreich. Verblüfft blicke ich auf diese Zeit zurück, staune, was mir alles wichtig war und wie unwichtig nun alles ist.«

Auch ich schaue nun verblüfft auf jene unbeschwerten Tage zurück, die gar nicht so lange her sind und mir jetzt doch irreal vorkommen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Ob ich Angst habe, wen ich und was ich verlassen muss?

Nochmals Bergmann: »Der Mensch ist ja zum Quietschen komisch. Er braucht gar nicht viel. Ich hab alles hinter mir gelassen, Bücher, Praxis, Wohnung – ohne Bedauern. Nun liege ich hier. Ich atme, ich spüre die Luft, ich freue mich, wenn die Sonne scheint, ich ärgere mich, wenn ich einen Tropfen auf die Nase kriege.«

Ich fragte ihn, wie es war, als er die Diagnose bekam. Seine Antwort: »Mit der Diagnose leben geht. Dass alle Hoffnungen nur Illusionen sind, ahnt man ja ein Leben lang. Am Anfang war die Krankheit scheinbar weit weg. Und der letzte Sommer war der schönste meines Lebens, voll unwillkürlicher Lebensfreude. Dann kommt die Verzweiflung, die Schatten kommen auf dich zu, sie sind jetzt immer an der Wand, niemand kann sie mir wegnehmen, da ist das Gefühl, die Krankheit bricht mich allmählich.«

Bin ich seit meiner Diagnose ein anderer Mensch geworden? Du siehst so bedrückt aus, sagte vor Kurzem jemand zu mir. Ich versuche, meinen Zustand, meine latente Traurigkeit zu verbergen, es gelingt offenbar nicht. Dass mir auch noch eine Sehne im Fuß gerissen ist – gestern hätte mich das überaus geärgert, heute ist der schmerzhafte Abriss ein fast willkommenes Ablenkungsprogramm.

Ich merke, dass das, was mir gestern noch so wichtig war, plötzlich sehr unwichtig ist. Politische Diskussionen? Gutes Essen? Wein? Der Krieg in der Ukraine? Die wachsende Armut? Die Ungewissheit, wie das bloß wird – mit Inflation, vielleicht kaltem Winter, explodierenden Preisen? Dieser ganze Wahnsinn, der uns Tag für Tag umgibt, die Reden der Politiker, ihre Phrasen, mit denen sie ihre Hilflosigkeit oder ihr Unvermögen zu verbergen suchen – mir gerade ziemlich egal, das alles. Ich beobachte die allgemeinen Aufgeregtheiten mit Verblüffung; irgendwie ist da eine Schranke zwischen mir und der anderen Welt – und diese Schranke geht nicht hoch.

Oder vielleicht doch? Ich hoffe es.

Manchmal, nachts, die Stunden verstreichen unendlich langsam, denke ich: Wie doof doch der Mensch ist. Warum kloppt er sich ständig? Es gibt doch Wichtigeres, als sich in der Ukraine oder im Jemen oder Armenien oder Mali oder Syrien oder anderswo, also in viel zu vielen Ländern auf dieser eh schon geschundenen Erde zu malträtieren, zu erschießen, zu vergewaltigen, zu zerbomben, zu verletzen, zu verstümmeln, zu töten, zu morden.

Das Leben kann so schön sein – für ein paar Jahre durfte ich es, siehe oben, sehr schön genießen.

Aber nun, Terror des Zufalls, Diagnose Krebs, Ungewissheit vor der Zukunft, ist die Leichtigkeit dahin, die Unbeschwertheit weg. »Wissen Sie«, sagte vor knapp 20 Jahren der Frankfurter Soziologieprofessor Helmut Dubiel zu mir, »nach meiner Parkinson-Diagnose fühlte ich mich so: Ich stehe mit rund tausend Leuten auf einem Schulhof, und plötzlich werde ich – als Einziger – ohne Erklärung, ohne Hoffnung auf Erlösung, ohne Trost, ohne Begründung aus der Ansammlung herausgegriffen. Plötzlich gehöre ich zu einer Gruppe von Menschen, die nicht mehr einfach über ihren Körper verfügen können. Das Leben ist viel krummer als früher.«

EINS

19. September 2022

Spätestens heute soll ich, so hat es der Arzt versprochen, die Befunde der Gewebeproben bekommen, ob der Tumor gutartig ist oder nicht, ob man mich sofort operieren kann oder ob die quälende Abfolge weiterer Untersuchungen nötig ist.

Ich warte und warte.

Ein alter Freund sagte vorhin am Telefon, du klingst so fröhlich, man merkt deiner Stimme diese Diagnose nicht an. Es stimmt. Wenn ich mit Freunden oder Bekannten telefoniere, agiere ich wie ein altes Zirkuspferd, das sich in die Manege schleppt, aber dort, wenn der Applaus kommt, die vertrauten Gerüche in die Nüstern steigen, losgaloppiert wie ein junges Fohlen.

Vorhin hat ein Techniker angerufen, es ging um ein Kochfeld. Ich musste das Gespräch fast tränenerstickt abbrechen, konnte nur noch sagen: »Es tut mir leid, ich habe gerade keinen Kopf für Herde und Kochfelder, ich habe vergangene Woche die Diagnose …« Weiter kam ich nicht.

12 Uhr 15: Noch keine Meldung des Arztes.

Gestern im Fernsehen »Sounds of Silence«, ein Lied, das ich immer gern hörte. Plötzlich musste ich weglaufen, bei dieser Zeile:

»Fools« said I, »You do not knowSilence like a cancer grows«

Tausendmal diese Zeile »Silence like a cancer grows« mitgesungen, nie nix dabei gedacht. Aber nun habe ich diesen Krebs, diesen Feind in meinem Körper. Nun wirft mich der Song um, ich muss weglaufen, zum ersten Mal mit Tränen in den Augen.

Um 13 Uhr ruft der Arzt an. Gute Nachrichten. Schlechte Nachrichten. Die gute Nachricht: Wir haben den Krebs sehr früh erwischt. Die schlechte Nachricht: Es kann sein, dass der bösartige Krebs schon ausstrahlt – in die Leber.

Wenn ich nicht wüsste, dass ich krank bin, wäre ich gesund – so fühle ich mich. 

Vor ein paar Tagen, vor meiner Diagnose, traf ich meine Hausärztin, sie sah traurig aus. Ein Bekannter von ihr war sehr krank, sie untersuchte ihn, konnte nichts feststellen, sie fragte ihn: »Hast du mal einen Covid-Test gemacht?« Er schüttelte den Kopf, sie machte einen Schnelltest mit ihm und, sagte sie, habe noch nie erlebt, dass ein Test so rasend schnell rot geworden ist. Sie gab ihm sofort eine Paxo … ah, mir fällt der Name gerade nicht ein, diese Tablette, für die Lauterbach wirbt. Fünf Tage danach: Hirnschlag, Todesgefahr, Intensivstation – aber er kommt durch. Meine Frage an sie: »Wie viele Covid-Tote hast du in deiner Praxis zu beklagen?« Sie: »In diesen zweieinhalb Covid-Jahren? Keinen.« Ich: »Was?!?« Sie: »Ja.« Sie hat, sagt sie, 15 000 Patienten in ihrer Kartei. Ich: »Wie viele Krebstote?« Sie: »Das weiß ich nicht. Es sind zu viele, Dutzende, viele Dutzend.«

20. September 2022

Ein wunderschöner Frühherbstmorgen. Heute ist in der Hamburger Isestraße Markt, direkt vor unserer Wohnung. Auf dem Markt merke ich, dass ich mich jetzt anders bewege: Ich schaue stur nach vorne, Blick eher nach unten, ich schaue, was ich sonst immer tat, den Menschen nicht mehr ins Gesicht. Würde ein Bekannter mir nun entgegenkommen, ich würde einfach an ihm vorbeistiefeln. Ich bewege mich auch viel langsamer.

Nach ein paar Metern Markt verlasse ich ihn, ich kann hier nix einkaufen, es geht nicht. Komme an einem kleinen Laden vorbei. Davor ein Werbereiter mit dem Quatschslogan: »Spread your love!« In mir ist ein Spreader, der alles andere als Liebe versprüht.

Internetrecherche: Darmkrebs. Macht nur Angst.

Ein Gedanke knallt plötzlich ins Gehirn und geht nicht mehr weg: Bekomme ich eine Chemo – soll ich mir dann eine Perücke machen lassen? Einen Afrolook, Angela-Davis-like, frage ich meine Frau. Das geht in diesen merkwürdigen Zeiten nicht, sagt sie, das würde als kulturelle Aneignung interpretiert. Gedanken, die ins Nichts führen.

Heute Abend hätte ich als – wie ich häufig medial apostrophiert werde – Bahnexperte für einige Bahn-Bürgerinitiativen eine Videokonferenz. Ich sage wegen meiner Erkrankung ab, Se­kunden später kommt die Antwortmail: Macht nichts, wir haben einen Ersatz für Sie. Kein Wort des Mitgefühls. Noch nie habe ich so direkt erlebt, wie ersetzbar man ist. Wie überflüssig.

Helmut Dubiel beschreibt das so: »Eine Zeitlang träumte ich, ich sei von einem Vergnügungsdampfer heruntergefallen ins Meer, und ich sehe, wie das Schiff in der Dunkelheit verschwindet. Ich höre die Leute noch lachen und tanzen, sie sind glücklich, aber ich bleibe im Wasser zurück und ersaufe.«

Am Abend erreicht mich nochmals eine Mail von einem anderen Mitglied dieser Bürgerinitiative: »Lieber Arno Luik, mit ganz viel guter Energie und kraftvollen Gedanken bin ich bei Ihnen. Menschen wie Sie sind so wichtig, um unsere Gesellschaft zu ändern. Bleiben Sie bitte mutig und zuversichtlich!«

22. September 2022

Gestern ein langer Krankenhaustag, Untersuchungen von 8 Uhr 30 bis 14 Uhr 30. Die Befunde sind nicht schön. Sie sind katastrophal.

Eine junge hübsche Ärztin untersucht mit Geräten, die ich nicht beschreiben will, meinen Darm. Verblüffend, wie rasch der Gedanke an Scham das Gehirn verlässt. Ich sitze da, betrachte meinen Körper wie ein Auto, an dem herumgeschraubt wird. Diese Ärztin gibt mir eine düstere Prognose, die mich auf ein eventuelles Leben vorbereitet, das mir nicht mehr lebenswert scheint. Das fast einem Todesurteil gleichkommt. Sie relativiert ein wenig: Wichtig seien auch noch die nachfolgenden Untersuchungen.

Nach dem Aufwachen heute im Kopf ein Wirbelstrom von Gedanken: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft bekämpfen, umarmen sich. Eine Abfolge von nicht zu stoppenden Geschichten, Erinnerungen, Kindheit, Studienzeit, neulich noch unbeschwert im Main geschwommen, so viele Pläne, und nun dreht sich im Kopf eine Liedzeile von Hannes Wader, »jetzt denke ich nur noch daran, wie ich mir, wie ich mir noch einen guten Abgang verschaffen kann«. Im Garten habe ich eine tödliche Pflanze, Eisenhut, Giftpflanze des Jahres 2005 – ob es im Internet ein Rezept gibt, wie man diesen Eisenhut zubereitet? essen & trinken.de? Chefkoch.de? Giftkoch.de?

Nachher habe ich ein Treffen, so eine Art Konzil, interdisziplinärer Untersuchungsausschuss mit Ärzten aus diversen Fachrichtungen, bei dem aufgrund aller Untersuchungen festgelegt wird, wiewannob es mit mir weitergeht. »Bringen Sie Ihre Frau mit«, ist mir gesagt worden. Und sie stellt dann die Fragen, die zu stellen ich nicht mehr in der Lage bin.

Bei einem Interview habe ich neulich gesagt, dass mein jetziges Leben als Rentner großartig sei, auch weil ich zum Beispiel »keine blöden Konferenzen« mehr erleben müsse. Und nun muss ich zu einer Konferenz, die allerblödeste Konferenz meines Lebens, eine Konferenz, die ich nie erleben wollte, die ich niemandem wünsche, sie nennt sich: Tumorkonferenz.

Im Warteraum ein großer Bildschirm, ntv-Nachrichten. Man sieht ohne Ton den hasserfüllten Putin, darunter die durchlaufende Zeile: Teilmobilmachung von 300.000 russischen Soldaten. Ich hier mit meinem persönlichen Drama und da eine Ankündigung, die – fast absehbar – im ganz großen Drama enden kann. Alles unwirklich. Und doch so real.

Ergebnis dieser Tumorkonferenz: Der Krebs hat nicht in andere Organe ausgestrahlt. Ich komme wahrscheinlich, na, vielleicht an der gefährlichen OP vorbei! Man werde nun versuchen, den Tumor zu bestrahlen, ihn gleichzeitig mit einer Chemo zu bekämpfen, »ein Spaziergang« werde das alles nicht, sagen die Ärzte.

Sie gehen davon aus, dass gute Heilchancen bestehen. Ich spüre, wie Leben und Lust und Freude (wenn auch verhalten) in mich zurückkommen. Deshalb stelle ich an die Konferenzteilnehmer diese Frage: Soll ich mir für die Chemotherapie eine Perücke machen lassen? Nein, sagt ein junger Arzt bei dieser plötzlich so schönen Konferenz, ein Arzt mit vollem, blonden Haar, der Hauptdarsteller in einer Ärzteserie sein könnte: »Bei dieser Chemo gehen Ihnen die Haare nicht aus!«

Auf dem Weg vom Krankenhaus zurück in unsere Wohnung – Barbara kauft eine Flasche Champagner.

23. September 2022

11 Uhr 30: Komme von der Therapiebesprechung zurück. Wieder war ich fast unfähig, wirkliche Fragen zu stellen, das macht wieder Barbara. Ich sitze da, beobachte die Szene von außen, drei Menschen in einem kleinen Raum, zwei sind sehr traurig, und die dritte Person möchte helfen. Und muss doch die Dinge erzählen, die auf mich zukommen können: Durchfall, Müdigkeit, Depression, Leistungsabfall, Erbrechen, die Bestrahlung kann auch Schäden im Genitalbereich auslösen. Ich höre zu und vergesse, versuche, alles zu vergessen. Muss diese Sitzung verdauen. Die Freude von gestern macht sich davon. Barbara und ich schieben sehr langsam unsere Räder an der Außenalster entlang. Das hilft.

Die nächsten Monate werden hart. Achterbahn. Vielleicht komme ich in eine medizinische Studie? Die Therapie, die bei mir angewendet wird – das machen die Ärzte erst seit gut einem Jahr. Es geht mit Chemo los, ein ziemlich heftiger Cocktail, dem folgt ein Mix aus Chemo und Bestrahlung. Die Ärzte hoffen, dass sie damit den Tumor wegschießen, komplett wegschießen können. Wenn nicht, wird es schrecklich für mich. Der Krebs hat sich an der unmöglichsten Stelle festgekrallt. Kommenden Donnerstag geht es los mit der Behandlung. Morgen fahren wir nach Königsbronn. In meinen Geburtsort auf der Schwäbischen Alb, wo Barbara und ich das Haus meiner Eltern übernommen haben.

Nachtrag: Alle zwei Wochen, drei Monate lang, mindestens, krieg ich einen Infusionsbeutel fest an meinen Körper geschnallt.

ZWEI

Königsbronn, 25. September 2022

Auf der Fahrt nach Königsbronn regnet es ununterbrochen von Hamburg bis fast nach Kassel. Und wie der Scheibenwischer den Regen wegwischt, versuchen meine Augenlider, meine feuchten Augen trocken zu halten. Barbara und ich reden wenig, wir wollen Musik hören – aber verblüffend viele Lieder haben nun Inhalte, die meine Traurigkeit unvermutet vergrößern, etwa »Yesterday« von den Beatles:

Yesterday

All my troubles seemed so far awayNow it looks as though they’re here to stayOh, I believe in yesterday

SuddenlyI’m not half the man I used to beThere’s a shadow hanging over meOh, yesterday came suddenly

Oder schon allein die rau-knarzige Stimme von Tom Waits bringt mich fast zum Heulen, Abhilfe dann, als Barbara »Help!« singt:

I need somebody(Help) not just anybody(Help) you know I need someone, help

So much younger than today (I never need) I never needed anybody’s help in any way(Now) but now these days are gone (these days are gone)I’m not so self-assured (…)

Help me if you can, I’m feeling downAnd I do appreciate you being ’roundHelp me get my feet back on the groundWon’t you please, please help me

(…)

Help me if you can, I’m feeling downAnd I do appreciate you being ’roundHelp me get my feet back on the groundWon’t you please, please help me, help me, help me

Vor ein paar Jahren haben wir die Musikkomödie »Yesterday« gesehen. Wer den Film noch nicht kennt: unbedingt angucken. Und da singt der Hauptdarsteller eine Version von »Help!« in einer beklemmenden Intensität und mit großer emotionaler Wucht. Barbara schafft es auf dieser Fahrt in unserem Auto, dieses Lied in einer ähnlichen Intensität zu interpretieren: »And I do appreciate you being ’round! Help me get my feet back on the ground!«

Je näher wir nach Königsbronn kommen, desto trauriger werde ich, ich kann mich nicht dagegen wehren. In Würzburg essen wir in dem kleinen Restaurant mit dem lustig-programmatischen Namen »Glouglou«, und, gluckgluck, zu dem Essen trinken wir eine Flasche Wein, für Momente ist die alte Unbeschwertheit wieder da.

In Königsbronn ist es ziemlich kalt, im Haus hat es gerade noch elf Grad, draußen aber ist der Garten wegen des Regens zum grünen Dschungel explodiert; es gibt Tomaten ohne Ende, Zucchini, Äpfel, Birnen. Schade, dass wir das nun nicht alles ernten können. Nachbar Dietmar wird das in den kommenden Wochen tun.

Weil es im Haus so kalt ist, gehe ich zu meiner Verwandten Andrea; ihre Familie hat, wie es bei uns in Königsbronn heißt, »einen Schlag im Wald«, also Holz. Ich frage sie, ob sie ein paar Holzscheite für meinen Kaminofen hat.

Am nächsten Morgen ist bei uns im gelben Hüttle fein säuberlich, total perfekt, eine Holzbeige hochgewachsen. Heimlich hat das Ulrich, Andreas Mann, gemacht – mich bringt das zum Weinen. Hilflose Dankbarkeit.

Zum letzten Mal habe ich geheult, als ich miterlebte, wie meine kleine Schwester Doro, sie hatte ALS, starb.

Ihr Sterben hat mich aus der Bahn geworfen. In den Minuten, als sie starb, war ich bei ihr im Krankenhaus, sie konnte nicht mehr schlucken, nichts mehr essen, plötzlich quoll weißer Schaum aus ihren Ohren, ihrem Mund, ihrer Nase, ihren Augen, in mir schrie es, ich bat die Ärzte: »Drehen Sie den Morphiumdiffusor höher, Sie sehen doch, wie sie leidet, tun Sie was! Helfen Sie ihr, bitte. Bitte.«

Ich kann nicht, sagte eine Ärztin, ich darf nicht. Dann, sagte ich, »bringe ich meine Schwester um«. Die Ärztin ging, ich legte ein Kissen über das Gesicht meiner Schwester, die Ärztin kam zurück, sah mich, erschrak, ging zum Morphiumdiffusor und sagte: »Nun gehe ich über das hinaus, was ich darf.«

»Danke«, sagte ich.

Drei Tage später war die Beerdigung; es war, wenn man das so sagen darf, eine schöne Beerdigung – dank der vielen Freunde von Doro, Musik von ihnen, es war berührend, bewegend.

Ich hielt die Grabrede:

Liebe Mama, lieber Rudi, liebe Anneliese, liebe Barbara, liebe Chantal, liebe Trauergemeinde, ach, ich sage jetzt einfach: liebe Freunde.

Ich weiß nicht, ob ich diese Rede durchstehe. Dass ich hier stehe, das war im Plan nicht vorgesehen. Unser Plan war der: dass Dorothee, die Jüngste von uns, mal die Blumen auf unseren Gräbern gießen sollte. Das wäre der normale Lauf der Geschichte gewesen, das war unser Wunsch, unsere Hoffnung.

Aber die Natur ist unberechenbar, sie geht einfach über uns hinweg.

(…)

Als sich die ersten Zeichen ihrer Krankheit zeigten, das, was sie »Schlappfuß« nannte, dass sie keine Kontrolle über ihren linken Fuß mehr hatte – es ist gerade mal zwei Jahre her, so richtig ernst nahmen wir das nicht, dachten, das wird schon wieder okay. Und auch Doro, so schien es mir, nahm erst kaum Notiz von diesen seltsamen Sachen, die da in ihrem Körper passierten. Ist ja nicht so wichtig, das bin ja nur ich.

Doro wollte nie ein Aufheben um sich. Nie im Mittelpunkt stehen, das vor allem nicht. »Immer habe ich andere trösten müssen. Als ich vom Hund gebissen wurde, habe ich Mutter getröstet. Als ich vom Auto angefahren wurde, habe ich die Fahrerin getröstet.« Das war Doro, und so war es auch sehr schwer für sie, Hilfe anzunehmen. Das hat sie erst spät, Schritt für Schritt, mit der Krankheit gelernt.

Eines meiner letzten Worte zu ihr, sie selbst konnte schon nicht mehr sprechen, im Krankenhaus in München war: »Doro, jetzt stehsch im Mittelpunkt, aber dass du dich so dafür anstrengsch, des hätt ned sei missa.« Sie lächelte, drückte meine Hand.

(…)

Doro schaffte manchmal Wundersames.

Das Wunder ihrer Heilung von dieser so hundsgemeinen und so heimtückischen Krankheit, das hat sie nicht geschafft.

(…)

Am 12. Dezember 2009 war ich in Königsbronn, es ist bis heute einer der traurigsten Tage meines Lebens. Barbara rief mich am Nachmittag aus Hamburg an, sie klang bedrückt, weinte leise, konnte kaum reden. Ja, José, ein Arzt und Freund von uns, Spezialist für Nervenkrankheiten, hatte sich Doros medizinische Befunde angeschaut, Befunde, die kein Arzt – weder in München noch in Tübingen – Doro erklärt hatte. Seine Diagnose: Dorothee hat ALS, kaum Zweifel für ihn. Die schlimmste Diagnose.

Soll ich der Mutter was sagen? Oder ihr alles verschweigen? Bei dir in der Familie wird immer offen geredet, meinte Barbara, sag es ihr.

Ich setz mich zu Mutter an den Tisch, ich will es ihr sagen. Meine Stimme bricht weg, ich fang an zu weinen, erklär ihr dann – verschwommen, ungenau – die Diagnose, will es abmildern, aber mein Weinen, das erste Mal seit vielen, vielen, vielen Jahren, zeigt ihr, was ich befürchte. Doro – der Mensch, anders als ich, nie polarisierend, wie gesagt: ausgleichend, immer freundlich, immer hilfsbereit – Doro soll nun diese furchtbare Krankheit haben.

Abends Telefonat mit José. Er klingt sehr bestimmt, ihm ist bewusst, was er mit der Diagnose anrichtet, meint, die Doro muss für sich eine behindertengerechte Wohnung finden, ziemlich schnell, so rasant wie sich bei Doro die Symptome entwickelt haben, werde die Krankheit sehr rasch und aggressiv vorangehen. Nein, einen spontanen Stopp gebe es nicht, diese Krankheit sei schlimmer als Krebs, die Ärzte können nichts machen, gar nichts, es gebe nicht die tröstende Illusion von Hilfe, man kann nichts wegschneiden, keine Chemo, man sei völlig hilflos. Das Ende sei absehbar, ein paar Jahre allenfalls blieben Dorothee noch, immer schlimmer werde es, Atembeschwerden, Schluckbeschwerden, Bewegungslosigkeit, alles werde absterben, alles – bis aufs Gehirn.

Anfang März im vergangenen Jahr ist Doro am Telefon, sie stehe gerade in ihrem Zimmer vor ihren Regalen, sie möchte wissen, ob ich meine Bücher wiederhaben möchte, oder sonst irgendwas, sie sortiere nun alles Unwichtige aus. »Klick«, sagt sie, habe es gerade bei ihr gemacht, klick habe es gemacht, sie sagt: »Ich muss loslassen können.«

Wir können uns kaum ausmalen, wie die vergangenen Monate für Doro waren. Morgens um halb acht in den Rollstuhl gehievt, abends um halb neun rausgehievt, dann ins Bett gebracht. Die langen Nächte. Mit den rasenden Gedanken. Der Angst. Und fast jeder Tag ein weiterer Rückschlag, fast jeden Tag musste sie Selbstverständliches, Liebgewordenes aufgeben. Jeder Tag eine neue Einschränkung, jeder Tag ein schrecklicher Verlust.

(…)

Seit ein paar Jahren gibt es in unserer Familie in Königsbronn ein schönes Ritual: Dorothee und ich kochen für unsere Mutter, unseren Döte, für Andrea, für Ulrich und die Kinder ein Weihnachtsmenü. Zum letzten Mal machten wir das 2009 – und es kostete viel Kraft.