Reale Utopien - Erik Olin Wright - E-Book

Reale Utopien E-Book

Erik Olin Wright

0,0
25,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wie weiter mit dem Kapitalismus, jener Gesellschaftsordnung, von der viele meinen, sie sei zerstörerisch für Mensch und Umwelt? Gibt es vielleicht einen Ausweg aus der, zumal nach dem Scheitern der sozialistischen Gegenentwürfe, vielfach als »alternativlos« apostrophierten Situation? Der amerikanische Soziologe Erik O. Wright entwickelt in diesem nun endlich auf Deutsch vorliegenden Werk neue analytische Grundlagen, um die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus anzuleiten. Seine Kernidee ist es, die Dominanz des Kapitalismus dadurch zu brechen, dass innerhalb des bestehenden Systems konkrete emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden, die die Welt, so wie sie sein könnte, aufscheinen lassen und vorwegnehmen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 761

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



2Wie weiter mit dem Kapitalismus, jener Gesellschaftsordnung, von der viele meinen, sie sei zerstörerisch für Mensch und Umwelt? Gibt es vielleicht einen Ausweg aus der, zumal nach dem Scheitern der sozialistischen Gegenentwürfe, vielfach als »alternativlos« apostrophierten Situation? Der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright entwickelt in diesem nun endlich auf Deutsch vorliegenden Werk neue analytische Grundlagen, um die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus anzuleiten. Seine Kernidee ist es, die Dominanz des Kapitalismus dadurch zu brechen, dass innerhalb des bestehenden Systems konkrete emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden, die die Welt, so wie sie sein könnte, aufscheinen lassen und vorwegnehmen.

Erik Olin Wright ist Professor für Soziologie an der Universität von Wisconsin (USA). Seit 1991 arbeitet er am Projekt Envisioning Real Utopias, von dem bisher sieben Bände erschienen sind.

3Erik Olin Wright

Reale Utopien

Wege aus dem Kapitalismus

Aus dem Amerikanischen von Max Henninger

Mit einem Nachwort von Michael Brie

Suhrkamp

4Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Envisioning Real Utopias bei Verso. © Erik Olin Wright 2010

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Der folgende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2192.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2017

© Erik Olin Wright 2010

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Zur Gewährleistung der Zitierbarkeit zeigen die grau gerahmten Ziffern die jeweiligen Seitenanfänge der Printausgabe an.

eISBN 978-3-518-74872-5

www.suhrkamp.de

5Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von 2010

1. Einleitung: Warum Reale Utopien?

2. Die Aufgaben emanzipatorischer Sozialwissenschaft

I. Diagnose und Kritik

3. Was ist so schlimm am Kapitalismus?

II. Alternativen

4. Nachdenken über Alternativen zum Kapitalismus

5. Der sozialistische Kompass

6. Reale Utopien I: Gesellschaftliche Ermächtigung und der Staat

7. Reale Utopien II: Gesellschaftliche Ermächtigung und die Wirtschaft

III. Transformation

8. Elemente einer Theorie der Transformation

9. Transformation durch Bruch

10. Transformation durch Freiräume

11. Symbiotische Transformation

Schluss: Utopien verwirklichen

Nachwort von Michael Brie

Literatur

Register

7Meinen Töchtern, Jenny und Becky

9Vorwort zur deutschen Ausgabe

Reale Utopien wurde vor allem 2007 und 2008 geschrieben und dann im Sommer 2009 abgeschlossen, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in den USA. Das Buch ist nicht in Reaktion auf diese tiefgreifende Krise des Kapitalismus des frühen 21. Jahrhunderts verfasst worden, möglicherweise haben die bewegten Zeiten, in denen es erschienen ist, es jedoch an Bedeutung gewinnen lassen. Gravierende Krisen des Kapitalismus stellen sich stets als historische Momente dar, die neue Möglichkeiten eröffnen. Das liegt nicht allein daran, dass Machtstrukturen in solchen Momenten zuweilen fragiler und für Anfechtungs- und Wiederaufbaubemühungen im großen Maßstab offener werden – obwohl das möglicherweise auch der Fall sein kann –, sondern es hat vor allem damit zu tun, dass gravierende Krisen die scheinbare Naturwüchsigkeit gesellschaftlicher Systeme infrage stellen und der intellektuellen Trägheit entgegenwirken, aus der heraus wir die Verfasstheit solcher Systeme als selbstverständlich ansehen. Die Menschen sind dann nicht nur motiviert, eine Alternative zu den furchtbaren Bedingungen anzustreben, die die Krise schafft, sondern auch, kreativ über eine solche Alternative sowie über den Weg nachzudenken, der zu ihr führen könnte. Das Verlangen nach Alternativen fand tatsächlich Ausdruck in dem wilden Gemenge kraftvoller Proteste, zu denen es 2011 kam: den Protesten der Indignados in Spanien, der Bewegung für »direkte Demokratie« in Griechenland und der Occupy-Bewegung in Nordamerika und anderswo.

Dieses Verlangen mündete jedoch nicht in die Festigung eines positiven Transformationsprogramms, das mit der Vision einer Alternative zum Kapitalismus einhergeht. Die genannten Bewegungen haben zwar oft den Wunsch nach einer weitgehenderen, robusteren Demokratie geäußert, und es hat gelegentlich auch Diskussionen um den Charakter einer Systemalternative gegeben, doch lag der Schwerpunkt der Proteste von 2011 sowie der folgenden Jahre, ebenso wie der jener stärker organisierten politischen Bewegungen (Syriza, Podemos), die aus dem Kontext dieser Proteste hervorgegangen sind, auf der Zurückweisung der Austerität. Der Imperativ, dem diese Bewegungen folgten, war der einer Verteidi10gung von Rechten sowie einer des Widerstands gegen jene massive Beschneidung öffentlich finanzierter Programme, die das Leben so vieler Menschen ruiniert hat. Ideologisches Angriffsziel der Proteste war der Neoliberalismus, und nicht so sehr der Kapitalismus als solcher. Die Menschen, die sich massenhaft an diesen Bewegungen beteiligten, einte eher das, was sie ablehnten, als das emanzipatorische Modell einer gangbaren Alternative zum Kapitalismus.

Das ist vielleicht nicht überraschend. Die großen strategischen Vorschläge des 20. Jahrhunderts, wie auf die Übel des Kapitalismus zu reagieren sei, sind für die meisten Menschen nicht mehr überzeugend. Die sozialdemokratische Hoffnung auf eine Zähmung des Kapitalismus durch eine über gezielte staatliche Interventionen verlaufende Neutralisierung seiner schädlichen Auswirkungen ist zum einen durch die Globalisierung und Finanzialisierung des Kapitals unterlaufen worden, zum anderen dadurch, dass sich die sozialdemokratischen Parteien selbst zu »milden« Varianten des Neoliberalismus bekannt haben. Angesichts der tragischen Folgen der Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben revolutionäre Bestrebungen, den Kapitalismus abzulösen durch eine auf dem Bruch mit bestehenden Verhältnissen beruhende Ergreifung der Staatsmacht, eine erzwungene Auflösung kapitalistischer Institutionen und deren Ersetzung durch eine emanzipatorische Alternative, an Glaubwürdigkeit verloren. Sowohl Reform als auch Revolution – die beiden grundlegenden Transformationsmodelle des 20. Jahrhunderts – scheinen ihre Möglichkeiten erschöpft zu haben.

Was wäre der Ausweg? Die meisten großmaßstäblichen gesellschaftlichen Veränderungen der Menschheitsgeschichte vollziehen sich »hinter dem Rücken« der Menschen, als kumulative Auswirkung unbeabsichtigter Handlungsfolgen. Will man dagegen über eine »Strategie« gesellschaftlicher Veränderung verfügen, dann muss es möglich sein, die gewünschten gesellschaftlichen Veränderungen durch bewusstes, vorsätzliches Handeln herbeizuführen. Das stellt eine besonders große Herausforderung dar, wenn das Ziel der Strategie darin besteht, etwas so Komplexes wie den »Kapitalismus« durch ein alternatives sozioökonomisches System zu ersetzen. Es genügt nicht, die Schwere der Missstände zu benennen, die die Welt in ihrem jetzigen Zustand hervorbringt, und es genügt auch nicht, über vernünftige Gründe für den Glauben an Wünschbarkeit und Gangbarkeit einer Alternative zu verfügen. Es muss dar11über hinaus auch die Möglichkeit geben, im Hier und Jetzt so zu handeln, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Umsetzung der Alternative erhöht. Mein Hauptanliegen war es, zur Klärung dieses Problems beizutragen.

Reale Utopien schlägt eine alternative Konzeptualisierung sowohl des Prozesses der Transformation des Kapitalismus als auch des postkapitalistischen Ziels vor. Anstatt den Kapitalismus durch Reformen »von oben« zu zähmen oder mittels eines revolutionären Bruchs zu zerschlagen, sollte, so der Kerngedanke, der Kapitalismus dadurch erodiert werden, dass in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden und zugleich um die Verteidigung und Ausweitung dieser Räume gekämpft wird. Reale Utopien sind Institutionen, Verhältnisse und Praktiken, die in der Welt, wie sie gegenwärtig beschaffen ist, entwickelt werden können, die dabei aber die Welt, wie sie sein könnte, vorwegnehmen und dazu beitragen, dass wir uns in dieser Richtung voranbewegen.

Um die Argumentation kurz zusammenzufassen: Bestehende Wirtschaftssysteme kombinieren den Kapitalismus mit einer ganzen Reihe anderer Möglichkeiten, die Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen zu organisieren: unmittelbar durch den Staat; innerhalb der intimen Beziehungen der Familie zur Befriedigung der Bedürfnisse der Familienangehörigen; über die auf Grundlage der Gemeinschaft agierenden Netzwerke und Organisationen der sogenannten Sozialwirtschaft oder solidarischen Ökonomie; durch Kooperativen, die sich im Besitz ihrer Mitglieder befinden und von diesen demokratisch verwaltet werden; durch gemeinnützige, marktorientierte Organisationen; durch peer-to-peer-Netzwerke, die sich kooperativen Produktionsprozessen widmen etc. Einige dieser Verfahren zur Organisierung wirtschaftlicher Tätigkeit lassen sich als Mischformen betrachten, da sie kapitalistische mit nichtkapitalistischen Elementen kombinieren, einige sind zur Gänze nichtkapitalistisch, und einige sind antikapitalistisch. Wir bezeichnen ein solches komplexes Wirtschaftssystem dann als »kapitalistisch«, wenn der Kapitalismus die vorherrschende Kraft ist, die die wirtschaftlichen Lebensbedingungen der meisten Menschen und deren Zugang zu den Möglichkeiten des Lebensunterhalts bestimmt. Diese Vorherrschaft ist ungeheuer destruktiv. Eine Art, den Kapitalismus anzufechten, besteht darin, innerhalb dieses 12komplexen Systems bei jeder Gelegenheit demokratische, egalitäre und partizipative Verhältnisse und Organisationen aufzubauen und politisch um die Erweiterung und Verteidigung solcher Räume zu kämpfen, indem man die Spielregeln der kapitalistischen Gesellschaft verändert. Das erfordert wiederum Bemühungen um die Ausweitung des demokratischen und partizipativen Charakters der Staatsmacht. Das Konzept einer Untergrabung des Kapitalismus beinhaltet die Vorstellung, dass diese Alternativen langfristig in der Lage sein werden, sich bis zu dem Punkt auszuweiten, an dem der Kapitalismus seine Vorherrschaft verliert.

Dieser strategische Rahmen kombiniert Ideen aus früheren revolutionären und reformistischen Traditionen mit einigen Intuitionen des zeitgenössischen Anarchismus. Unter Rückgriff auf die revolutionäre Tradition postuliert er als langfristiges Ziel die Überwindung des Kapitalismus zugunsten einer demokratischen, egalitären, solidarischen Wirtschaft und Gesellschaft; die Vorstellung, dies lasse sich durch einen sofortigen Bruch mit den bestehenden Machtstrukturen erreichen, wird jedoch zurückgewiesen. Auf die anarchistische Tradition geht zurück, dass die Bedeutung des Aufbaus von Alternativen im Hier und Jetzt betont wird: Alternativen, die jetzt bereits, in der Welt, wie sie heute beschaffen ist, emanzipatorische Bestrebungen verkörpern; zurückgewiesen wird jedoch die Vorstellung, ein solcher Aufbau könne vollständig außerhalb des Staates geschehen. Aus der sozialdemokratischen Reformtradition stammt die Betonung der Bedeutung, die staatlicher Politik bei der Förderung fortschrittlicher Ideale zukommt; zurückgewiesen wird jedoch die Vorstellung, dies sei ausschließlich eine Frage des staatlichen, von oben herab betriebenen Einsatzes zentralisierter Macht zur Neutralisierung kapitalistischen »Marktversagens«. Kurzum: Wir benötigen ein gesellschaftliches und politisches Projekt, das im Kampf um reale Demokratie innerhalb von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft verankert ist. Das ist die Vision realer Utopien.

In den sechs Jahren seit der Veröffentlichung dieses Buches habe ich weiterhin auf der ganzen Welt Vorträge über seine Kernthemen gehalten. Meistens bestand das Publikum aus Personen, die im Großen und Ganzen mit den im Buch verkörperten Werten sowie mit seiner Diagnose und Kapitalismuskritik sympathisieren; meistens teilten sie auch den Wunsch nach einer demokratischen, solidarischen und egalitären Alternative. Oft brachten meine Zu13hörer jedoch beträchtliche Skepsis gegenüber der strategischen Vision zum Ausdruck: Die Vorstellung, reale Utopien könnten Grundlage einer Strategie zur Überwindung des Kapitalismus sein, ist zwar ansprechend, scheint aber auch ziemlich weit hergeholt. Sie ist deswegen ansprechend, weil die Möglichkeit der Schaffung realer Utopien nahelegt, dass sich auch dann noch einiges tun lässt, wenn der Staat sich Bemühungen um mehr soziale Gerechtigkeit und emanzipatorische gesellschaftliche Veränderung zu verschließen scheint. Wir können dann weiter daran arbeiten, eine neue Welt aufzubauen, nicht »aus den Ruinen der alten Welt«, sondern in deren Freiräumen. Die Vorstellung ist aber auch weit hergeholt, weil es vielen Menschen alles andere als plausibel scheint, dass die Anhäufung emanzipatorischer Wirtschaftsräume innerhalb einer vom Kapitalismus beherrschten Ökonomie jemals den Kapitalismus verdrängen könnte, insbesondere angesichts der ungeheuren Macht und des ungeheuren Wohlstands großer kapitalistischer Konzerne sowie der Abhängigkeit der meisten Menschen von einem funktionierenden kapitalistischen Markt.

Kern dieser Skepsis gegenüber der Vorstellung einer Überwindung des Kapitalismus durch reale Utopien ist das Argument, der kapitalistische Charakter des Staates verunmögliche eine solche Überwindung: Um bei der Überwindung des Kapitalismus eine nennenswerte Rolle zu spielen, müssten reale Utopien auf verschiedene Weisen staatlich unterstützt werden. Würden sich aber emanzipatorische Formen wirtschaftlicher Tätigkeit und wirtschaftlicher Verhältnisse jemals bis zu dem Punkt entwickeln, an dem sie die Vorherrschaft des Kapitalismus bedrohen, dann würden sie schlichtweg vom kapitalistischen Staat zerschlagen. Darin bestehe ja gerade eine der Kernfunktionen des kapitalistischen Staates: in der Reproduktion des Kapitalismus. Wie kann also der Aufbau realer Utopien, angesichts des Klassencharakters und der Zwangsmittel des Staates, das Herzstück einer Strategie zur Überwindung des Kapitalismus darstellen?

Im Folgenden möchte ich auf diesen Einwand antworten, um dann an einem Beispiel, dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) und seinen möglichen Wirkungen, einen strategischen Ansatz zur Überwindung des Kapitalismus zu skizzieren, der für einen gewissen Optimismus spricht.

Wäre der kapitalistische Staat eine zusammenhängende, in 14sich geschlossene Totalität, deren Strukturen wirksam auf das ausschließliche Ziel hin organisiert sind, die langfristige Vorherrschaft des Kapitalismus zu sichern, dann gäbe es keinerlei Aussicht darauf, dass der Kapitalismus bei der Ausweitung emanzipatorischer Räume eine Rolle spielen könnte. Das ist jedoch nicht die beste Konzeptualisierung des Klassencharakters des Staates und seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft. Zwei Fragen sind hier von besonderer Bedeutung: Zum einen geht es darum, was es genau bedeutet zu sagen, der Staat weise einen spezifischen »Klassencharakter« auf, zum anderen um das, was sich als die umkämpfte, widersprüchliche Funktionalität des Staates bezeichnen lässt.

Sprechen Theoretiker davon, dass es sich beim Staat im Kapitalismus um einen kapitalistischen Staat mit einem besonderen Klassencharakter handelt, dann meinen sie damit Folgendes: Wenn wir beobachten können, dass der Staat den Kapitalismus systematisch stützt, dann liegt das nicht etwa nur an den Präferenzen der Personen, die gerade die Staatsmacht verwalten, sondern an der grundlegenden Struktur des Staates. Diese Aussage lässt sich auf verschiedene Weise erweitern, typischerweise lautet der Gedanke jedoch, dass dem Staat Mechanismen eingeschrieben sind, die in dem Sinne tendenziös sind, dass sie systematisch staatliche Handlungen begünstigen, die den Kapitalismus stützen und den Interessen der kapitalistischen Klasse dienen. Diese allgemeine Aussage lässt sich als Ansatz verstehen, um den kapitalistischen Staat als Idealtyp aufzufassen und dennoch dahingehend zu argumentieren, dass tatsächliche kapitalistische Staaten einen viel weniger kohärenten Charakter aufweisen. Ganz so, wie konkrete kapitalistische Wirtschaftssysteme als hybride Ökosysteme aus verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnissen anzusehen sind, unter denen der Kapitalismus vorherrscht, sollte der kapitalistische Staat als heterogenes System und lose Kopplung von Mechanismen betrachtet werden, unter denen die kapitalistischen in unterschiedlichem Ausmaß vorherrschen. Diese Abweichungen im Gleichgewicht der im Staat verkörperten Interessen sind Ergebnis der jeweiligen Geschichte der Kämpfe um den Staat. Der Entwicklungsverlauf der Kompromisse und Konzessionen, Triumphe und Niederlagen ist der formellen Ausgestaltung politischer Institutionen sowie den in ihnen geltenden Normen eingeschrieben. Das Ausmaß, in dem es sich bei einem bestimmten Staat um einen kapitalistischen handelt 15– in dem Sinne, dass ihm Mechanismen zur Wahrung des Kapitalismus innewohnen –, variiert also zeitlich und örtlich.

Von besonderer Bedeutung für die Einschätzung des unterschiedlichen Klassencharakters verschiedener Staatsapparate ist das Problem der Demokratie. Je robuster der demokratische Charakter der einem bestimmten Apparat eigenen Rechenschaftspflichten, umso weniger kann der Klassencharakter dieses Apparats als rein kapitalistisch gelten. Selbst die herkömmliche parlamentarische Demokratie wies stets einen widersprüchlichen Klassencharakter auf: Es mag zwar der Fall sein, dass die Spielregeln der Wahldemokratie, wie im Allgemeinen von Marxisten behauptet, den allgemeinen Effekt haben, Klassenkämpfe um den Staat auf eine der kapitalistischen Vorherrschaft dienliche Weise einzuhegen und zu zähmen, doch ebenso gilt, dass Wahlen, sofern sie einen genuin demokratischen Wettstreit beinhalten, potenzielle, den Klassencharakter betreffende Spannungen innerhalb legislativer Organe schaffen. In Zeiten der Krise oder einer Mobilisierung der Bevölkerung können diese Spannungen die Grenzen des Möglichen lockern und neue Formen staatlicher Initiative denkbar werden lassen.

Forderungen nach einer Vertiefung und Wiederbelebung der Demokratie lassen sich daher als Forderungen nach einer Abschwächung – nicht etwa: Abschaffung – des kapitalistischen Charakters der Staatsapparate begreifen. Dabei geht es nicht allein um die demokratischen Rechenschaftspflichten, denen die herkömmliche Staatsmaschinerie unterliegt, sondern auch um die vielfältigen parastaatlichen Kommissionen und Organisationen, mit denen alle modernen Staaten interagieren. Die Vertiefung der Demokratie ist nicht nur eine Frage der Demokratisierung zentralisierter Nationalstaaten, sondern es geht dabei auch um die Demokratisierung lokaler und regionaler Staatsapparate. Kämpfe um die demokratische Qualität des lokalen Staates können von besonderer Bedeutung sein, sofern es um ein Nachdenken darüber geht, auf welchen Wegen staatliche Initiativen den Raum für nicht-kapitalistische Wirtschaftsinitiativen erweitern können.

Der Vorstellung, der Staat habe die »Funktion«, den Kapitalismus zu reproduzieren, wohnt die implizite Annahme inne, es gebe ein kohärentes Verfahren, durch das der Staat die vielen unterschiedlichen Bedingungen der Reproduktion des Kapitalismus erfüllen könne. Es gibt jedoch viele Kontexte, in denen dies 16schlichtweg nicht der Fall ist. So kann es insbesondere zu einer Diskontinuität kommen zwischen den relativ kurzfristigen Reproduktionswirkungen staatlicher Handlungen und ihren langfristigen, dynamischen Konsequenzen. Die Reproduktionswirkungen, die staatliche Handlungen in Hinblick auf die vorherrschenden Wirtschaftsstrukturen entfalten, sind Ergebnis von Handlungen, die vor allem auf unmittelbar vorliegende Bedingungen und Herausforderungen reagieren. Das ist der Grund, weshalb beispielsweise der Feudalstaat den Handelskapitalismus beförderte, obwohl dessen Dynamiken langfristig eine Zersetzung feudaler Verhältnisse nach sich zogen. Der Handelskapitalismus trug zur Lösung unmittelbar vorliegender Probleme der feudalen Herrscherklasse bei, und das war ausschlaggebend.

Auf ähnliche Weise hat der kapitalistische Staat Mitte des 20. Jahrhunderts die Entwicklung jener lebhaften Öffentlichkeit und staatlichen Regulierung des Kapitalismus befördert, die mit der Sozialdemokratie einhergehen. Die Sozialdemokratie trug zur Lösung einer Reihe von Problemen innerhalb des Kapitalismus bei – sie war also der Reproduktion des Kapitalismus dienlich. Gleichzeitig erweiterte sie die Räume für verschiedene sozialistische Elemente innerhalb des wirtschaftlichen Ökosystems: teilweise Entkommodifizierung der Arbeitskraft durch die staatliche Absicherung eines wesentlichen Anteils der materiellen Lebensbedingungen der Arbeiter; Ausweitung der gesellschaftlichen Macht der Arbeiter innerhalb kapitalistischer Betriebe sowie auf dem Arbeitsmarkt; demokratische Regulierung des Kapitals, um die gravierendsten negativen Externalitäten anzugehen, die das Verhalten von Investoren und Unternehmen auf kapitalistischen Märkten nach sich zieht (Umweltverschmutzung, gefährliche Produkte und Arbeitsbedingungen, räuberisches Marktverhalten, Marktvolatilität und so weiter). Zwar mögen viele Kapitalisten diese staatlichen Initiativen nicht begrüßt und sie sogar als Bedrohung wahrgenommen haben, der sozialdemokratische Staat trug dennoch zur Lösung praktischer Probleme bei und wurde daher toleriert.

Die Tatsache, dass eine Reihe staatlicher Handlungen Mitte des 20.Jahrhunderts zur Stabilität des Kapitalismus beitrug, wird zuweilen als Indiz dafür gedeutet, dass diese Maßnahmen keinerlei nicht-kapitalistischen Charakter hatten und jedenfalls nicht als den Kapitalismus zersetzend angesehen werden können. Das ist 17jedoch eine Fehleinschätzung. Es ist durchaus möglich, dass eine Form staatlicher Intervention den unmittelbaren Effekt hat, für den Kapitalismus Probleme zu lösen und den Kapitalismus sogar zu stärken, nichtsdestotrotz aber eine Dynamik in Gang setzt, die das Potenzial hat, die Vorherrschaft des Kapitalismus im Laufe der Zeit zu erodieren. Tatsächlich ist es ebendiese Eigenschaft sozialdemokratischer Initiativen, die letztlich die unter dem Banner des Neoliberalismus geführten Angriffe auf den sozialdemokratischen Staat nach sich zog, sobald die kapitalistische Klasse den expansiven Staat als Urheber zunehmend suboptimaler Bedingungen der Kapitalakkumulation anzusehen begann.

Die Welt der ersten Dekaden des 21.Jahrhunderts sieht ganz anders aus als zu der Zeit, in der die Sozialdemokratie gedieh. Die Globalisierung des Kapitalismus hat es Kapitalisten beträchtlich erleichtert, ihre Investitionen in Erdteile zu verschieben, in denen weniger reguliert wird und Arbeitskräfte billig sind. Die Drohung einer solchen Kapitalverschiebung hat in Verbindung mit einer Vielzahl technologischer und demografischer Veränderungen zu einer Fragmentierung der Arbeiterklasse und einer Schwächung der Arbeiterbewegung geführt, sodass die Arbeiterklasse heute weniger befähigt ist, Widerstand zu leisten und sich politisch zu mobilisieren. In Verbindung mit der Globalisierung hat die Finanzialisierung des Kapitals zu einer enormen Ausweitung der Wohlstands- und Einkommensgefälle geführt, was wiederum den politischen Einfluss der Gegner des sozialdemokratischen Staates gesteigert hat. Möglicherweise waren die Jahrzehnte des sogenannten »goldenen Zeitalters« lediglich eine historische Anomalie, eine kurze Zeit, in der günstige Strukturbedingungen und die robuste Macht der Bevölkerung die Möglichkeit eröffneten, die Vorherrschaft des Kapitalismus zu begrenzen. Vor jener Zeit war der Kapitalismus ein gieriges System, und unter dem Neoliberalismus ist er es erneut geworden, damit zur herkömmlichen Beschaffenheit kapitalistischer Wirtschafts-Ökosysteme zurückkehrend. Möglicherweise lässt sich die Vorherrschaft des Kapitalismus langfristig schlichtweg nicht erodieren. Fürsprecher des Konzeptes revolutionärer Brüche mit dem kapitalistischen Staat haben stets behauptet, die Vorherrschaft des Kapitalismus lasse sich durch Reformen nicht nachhaltig abschwächen; entsprechende Bemühungen würden nur ablenken von der Aufgabe des Aufbaus einer politischen Bewegung zum Sturz des Kapitalismus.

18Die Frage, die sich für den Kapitalismus des 21.Jahrhunderts stellt, lautet also, ob die Art von Diskontinuität, die in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu beobachten war, innerhalb des kapitalistischen Staates möglich bleibt. Gibt es staatliche Interventionen, durch die der Kapitalismus seine eigenen drängenden Probleme lösen kann, während diese Interventionen zugleich das Potenzial haben, langfristig die Räume zu erweitern, in denen sich demokratische und egalitäre Wirtschaftsverhältnisse entwickeln können?

Eine berühmte Aussage Gramscis lautet, wir bräuchten einen Pessimismus des Intellekts bei gleichzeitigem Optimismus des Willens. Um den Optimismus des Willens zu erhalten, benötigen wir aber zumindest auch ein wenig Optimismus des Intellekts. Es gibt zwei Trends, die Anlass zu Optimismus geben hinsichtlich der zukünftigen Möglichkeit jener Art von staatlicher Initiative, die Dynamiken einer langfristigen Erosion der kapitalistischen Vorherrschaft entfesseln könnte.

Zunächst einmal ist es wahrscheinlich, dass der Klimawandel das Ende des Neoliberalismus einläuten wird. Die notwendigen Anpassungen an den Klimawandel werden, ganz abgesehen vom Problem einer Milderung der Erderwärmung durch den Übergang zur fossilfreien Energieproduktion, eine massive Ausweitung staatlich bereitgestellter öffentlicher Güter erfordern. Der Markt wird schlichtweg keine Dämme bauen, um Manhattan zu schützen. Die für solche staatlichen Interventionen benötigten Ressourcen könnten ohne weiteres das aus den großen Kriegen des 20.Jahrhunderts bekannte Ausmaß erreichen. Kapitalistische Unternehmen werden von der Produktion solcher Infrastrukturgüter zwar ungeheuer profitieren – ganz so, wie sie in Kriegszeiten von der militärischen Produktion profitieren –, doch die Finanzierung solcher Projekte wird auch erhebliche Steuererhöhungen sowie ideologische Bemühungen um die Rehabilitierung der wachsenden Rolle des Staates bei der Bereitstellung öffentlicher Güter erfordern. Finden diese Entwicklungen im Rahmen einer kapitalistischen Demokratie statt, dann dürfte diese Wiederbelebung des Staates in seiner Rolle als Bereitsteller öffentlicher Güter neue politische Spielräume für umfassendere, sozial orientierte staatliche Interventionen eröffnen.

Der zweite Trend, dem sich der kapitalistische Staat im Laufe des 21.Jahrhunderts wird stellen müssen, betrifft die langfristigen 19Beschäftigungseffekte der mit der Informatikrevolution einhergehenden technologischen Veränderungen. Natürlich gibt jede Welle technologischer Veränderung Anlass zu Spekulationen über die Vernichtung von Arbeitsplätzen und die daraus sich ergebenden Folgen weitverbreiteter Marginalisierung und nachhaltiger struktureller Erwerbslosigkeit. Im Falle früherer Wellen schuf das Wirtschaftswachstum jedoch letztlich genügend Arbeitsplätze in neuen Sektoren, um das Beschäftigungsdefizit zu kompensieren. Die dem digitalen Zeitalter eigenen Formen der Automatisierung, die zurzeit tief in den Dienstleistungssektor eingreifen, lassen es viel unwahrscheinlicher erscheinen, dass zukünftiges Wirtschaftswachstum, vermittelt über den kapitalistischen Markt, hinreichende Beschäftigungsmöglichkeiten erzeugen wird. Das Problem wird durch die Globalisierung der kapitalistischen Produktion noch verschärft. Diese Probleme werden im Verlauf des 21.Jahrhunderts nur schlimmer werden, und kein spontanes Wirken der Marktkräfte wird sie lösen. Das Ergebnis wird die wachsende Prekarisierung und Marginalisierung eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung sein. Dieser Trend dürfte, von Erwägungen über soziale Gerechtigkeit einmal abgesehen, gesellschaftliche Instabilität und kostspielige Konflikte nach sich ziehen.

Zusammengenommen stellen diese beiden Trends den kapitalistischen Staat vor ernsthafte neue Herausforderungen: die Notwendigkeit einer massiven Ausweitung der Bereitstellung öffentlicher Güter, um auf den Klimawandel zu reagieren, und die Notwendigkeit neuer Politiken, um die durch den technologischen Wandel verursachte umfassende wirtschaftliche Marginalisierung und Unsicherheit anzugehen. Dies ist der Kontext, innerhalb dessen die Mobilisierungen und Kämpfe der Bevölkerung eine gewisse Aussicht darauf haben, neue Formen staatlicher Intervention hervorzubringen, die wiederum die Ausweitung verstärkt demokratisch-egalitärer Formen wirtschaftlicher Tätigkeit neben dem Kapitalismus und innerhalb des hybriden wirtschaftlichen Ökosystems befördern könnten.

Zwei staatliche Antworten auf diese Zwänge könnten das hybride wirtschaftliche Ökosystem in nennenswertem Ausmaß einige der Pfade des sozialistischen Kompasses beschreiten lassen, die in Kapitel 5 erörtert werden. Erstens könnten diese ideologischen Umbrüche und politischen Zwänge die Ausweitung des Sektors 20unmittelbar staatlich bezuschusster, mit der Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen befasster Beschäftigung befördern – also die etatistisch- und partizipativ-sozialistischen Pfade. Wohlhabende Länder können sich zweifellos einen großen staatlich bezuschussten Beschäftigungssektor leisten; das Problem ist eines der politischen Bereitschaft, zu diesem Zweck den Steuersatz anzuheben, nicht eines der wirtschaftlichen Zwänge, die mit einer solchen Maßnahme einhergehen. Zweitens könnte der Staat ernsthaft die Möglichkeit erwägen, das Verhältnis zwischen Einkommen und Arbeit auf grundsätzlichere Weise zu verändern: durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Es handelt sich um einen politischen Vorschlag, der in der zweiten Dekade des 21.Jahrhunderts bereits vermehrt öffentlich diskutiert wird.

Das BGE ist eine mögliche Form staatlicher Intervention, die auf die beträchtlichen Herausforderungen reagiert, vor denen der kapitalistische Staat angesichts des Verlustes hinreichender Beschäftigungsmöglichkeiten auf kapitalistischen Märkten steht. Es handelt sich um eine exemplarische symbiotische Reform, da sie ein Problem innerhalb des Kapitalismus löst und zugleich den Spielraum für gesellschaftliche Ermächtigung erweitert. Vom Standpunkt der Reproduktion des Kapitalismus aus betrachtet würde das BGE drei Dinge leisten. Erstens würde es die schlimmsten Auswirkungen der aus der Marginalisierung erwachsenden Ungleichheit und Armut mildern und damit zur gesellschaftlichen Stabilität beitragen. Zweitens würde es ein anderes Modell der Erwerbsarbeit stützen: die Aufnahme selbständiger Beschäftigung als Mittel zur Generierung verfügbaren Einkommens. Durch das BGE würde ein breites Spektrum marktorientierter selbständiger Beschäftigungsformen Menschen auch dann noch attraktiv erscheinen, wenn die selbständige Beschäftigung nicht genug Geld erwirtschaftet, um davon leben zu können. Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass mehr Menschen Interesse daran hätten, Kleinbauern oder professionelle Gärtner zu werden, wenn sie über ein BGE verfügten, das ihre Lebenshaltungskosten deckt. Drittens würde das BGE den Verbrauchermarkt für die kapitalistische Produktion stabilisieren. Als Produktionssystem stehen die automatisierten Fertigungsverfahren kapitalistischer Firmen ihrem Wesen nach vor dem Problem, dass sie insgesamt nicht genug Personen beschäftigen, um die produzierten Güter absetzen zu können. Das BGE schafft nun aber eine 21breit gestreute Nachfrage nach elementaren Konsumgütern. Aus diesen Gründen könnte das BGE für die kapitalistischen Eliten zu einer attraktiven politischen Option werden, insbesondere im Kontext einer sich angesichts der Wiederherstellung eines aktiv regulierenden Staates einstellenden Erschöpfung der neoliberalen Ideologie.

Wenn das BGE eine attraktive Lösung der Probleme darstellt, vor denen der Kapitalismus steht, wie kann es dann zugleich zur Untergrabung des Kapitalismus beitragen? Eine zentrale Eigenschaft des Kapitalismus besteht in dem, was Marx als doppelte Trennung der Arbeiter bezeichnet hat: ihre gleichzeitige Trennung von den Produktions- und von den Subsistenzmitteln. Das bedingungslose Grundeinkommen hebt die Trennung der Arbeiter von den Subsistenzmitteln wieder auf, obgleich die Trennung von den Produktionsmitteln erhalten bleibt; auf diese Weise modifiziert es unmittelbar die grundlegenden Klassenverhältnisse des Kapitalismus. Ein steuerfinanziertes, staatlich bereitgestelltes und bedingungsloses Grundeinkommen würde es Arbeitern erlauben, kapitalistische Beschäftigung abzulehnen, um sich stattdessen allen möglichen nicht-kapitalistischen Wirtschaftstätigkeiten zu widmen, einschließlich der durch gesellschaftliche Macht geschaffenen.

Beispielsweise würden Arbeiterkooperativen einiges an wirtschaftlicher Tragfähigkeit hinzugewinnen, wenn die Kooperativmitglieder, unabhängig vom kommerziellen Erfolg ihres Betriebs, über ein garantiertes Grundeinkommen verfügten. Das Grundeinkommen würde auch zur Lösung der Probleme beitragen, mit denen Arbeiterkooperativen gegenwärtig auf den Kreditmärkten zu kämpfen haben, denn Darlehen an Kooperativen würden für Banken attraktiver werden: Solche Darlehen wären mit einem Schlag weniger riskant, da der von einer Kooperative generierte Einkommensfluss nicht den Unterhalt der Kooperativmitglieder abdecken müsste. Das BGE würde ein Aufblühen der Sozialwirtschaft und solidarischen Ökonomie, der nicht-kommerziellen darstellenden Künste, des Gemeinschaftsaktivismus und vieler anderer Dinge befördern und so den Spielraum für nachhaltige, das heißt gesellschaftlich ermächtigte Wirtschaftsverhältnisse erweitern.

Hinzu kommt, dass eben die technologischen Entwicklungen, die das Problem der Marginalisierung erzeugen, ironischerweise 22auch einen robusteren Rahmen für die Ausweitung und Vertiefung jener wirtschaftlichen Tätigkeiten schaffen könnten, die auf stärker demokratische, egalitäre und solidarische Weise organisiert sind. Eine der materiellen Produktionsbedingungen, die den Kapitalismus zu verankern helfen, sind die steigenden Skalenerträge der Industrieproduktion: Wenn die Stückkosten eines Produkts viel niedriger ausfallen, sofern dieses hunderttausendfach und nicht etwa nur in geringer Zahl hergestellt wird, dann wird es für kleinmaßstäblich wirtschaftende Produzenten viel schwieriger, auf dem Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Massive Skalenerträge sind das Kennzeichen des industriellen Zeitalters kapitalistischer Entwicklung. Die neuen Technologien des 21.Jahrhunderts sind in vielen Sektoren im Begriff, die Skalenerträge dramatisch zu senken, wodurch eine kleinmaßstäbliche, lokalisierte Produktion gangbarer wird. Im Grunde verhält es sich so, dass die Produktionsmittel, über die man verfügen muss, um auf dem Markt konkurrenzfähig zu sein, in der digitalen Welt mit einer immer geringeren Kapitalmenge erworben werden können. Das verspricht wiederum, sozialwirtschaftliche und auf den Prinzipien der solidarischen Ökonomie beruhende Unternehmen und Arbeiterkooperativen tragfähiger zu machen, arbeiten diese doch effektiver, wenn sie vergleichsweise kleinmaßstäblich wirtschaften und sich an lokalen Märkten ausrichten. In klassisch marxistischer Diktion formuliert: Der Wandel der Produktivkräfte erweitert das Potenzial für neue Produktionsverhältnisse.

Andere staatliche Maßnahmen, von denen sich viele auf lokaler Ebene organisieren ließen, könnten weiter dazu beitragen, einen dynamischen nicht-kapitalistischen Sektor zu stabilisieren. Ein Hindernis, das vielen Varianten der sozialen Produktion entgegensteht, ist der Mangel an Raum: Gemeinschaftsgärten und -höfen fehlt Land, für kundenangepasste Fabrikation fehlen die Werkstätten, Designern fehlen Büros und Studios, darstellenden Künstlern die Bühnen und so weiter. Hätte ein lokaler Staat ein Interesse daran, solche verstärkt demokratisch-egalitären Formen der Wirtschaftstätigkeit durch eine für sie förderliche Infrastruktur zu unterstützen, dann könnte er solche Räume als öffentliche Einrichtungen bereitstellen. Kommunale Landfonds könnten die städtische Landwirtschaft absichern; öffentlich bereitgestellte oder subventionierte Kreativräume, die mit digitalen Fertigungstechno23logien ausgestattet sind, könnten bestimmte Arten von materieller Produktion unterstützen; Bildungseinrichtungen könnten spezielle Ausbildungen anbieten, die sich Fragen der kooperativen Verwaltung und Sozialproduktion widmen.

Die Kombination eines BGE, das Menschen den Ausstieg aus dem kapitalistischen Wirtschaftssektor erleichtert, sowohl mit neuen Technologien, die die Entwicklung nicht-kapitalistischer Produktionsformen begünstigt, als auch mit einem wohlwollenden lokalen Staat, der die entsprechenden Initiativen mit einer besseren Infrastruktur versorgt, hätte zur Folge, dass der durch gesellschaftliche Macht organisierte Wirtschaftssektor im Laufe der Zeit tiefere Wurzeln schlagen und auf bislang unvorhergesehene Weise expandieren könnte. All das würde – und es ist wichtig, das zu betonen – innerhalb des Kapitalismus geschehen, sodass die nicht-kapitalistischen Produktionsformen unweigerlich Wege finden müssten, auf positive Weise an die Imperative des Kapitalismus anzuschließen. Produzenten aus dem nicht-kapitalistischen Sektor würden, genauso wie die der Staat, einen wesentlichen Teil ihrer Konsumgüter von kapitalistischen Betrieben beziehen. Selbst nach Stabilisierung dieser neuen Konfiguration wäre der Staat immer noch der Aufseher einer Wirtschaft, in der der Kapitalismus eine herausragende Rolle spielt; aller Wahrscheinlichkeit nach wäre diese Wirtschaft nach wie vor vom Kapitalismus beherrscht. Die Vorherrschaft des Kapitalismus wäre aber insofern verringert, als die Unterhaltsbestreitung weniger stark von ihm bestimmt wäre, und es würden sich neue Möglichkeiten für dauerhafte Kämpfe zur Erweiterung der gesellschaftlichen Macht innerhalb der Wirtschaft ergeben.

Das BGE steht somit in einem paradoxen Verhältnis zum Kapitalismus. Einerseits kann es zur Lösung einer Reihe realer Probleme innerhalb des Kapitalismus sowie zur Vitalität der Kapitalakkumulation beitragen, zumindest in einigen Sektoren. Andererseits hat es das Potenzial, zur Entfesselung einer Dynamik beizutragen, die die gesellschaftliche Macht derart stärkt, dass die Vorherrschaft des Kapitalismus abgeschwächt wird und das wirtschaftliche Ökosystem auf eine über ihn hinausweisende Bahn gelenkt wird. Wenn sich also ein großzügig berechnetes bedingungsloses Grundeinkommen durchsetzen und verteidigen ließe, dann könnte es sowohl die Vorherrschaft des Kapitalismus innerhalb des wirtschaftlichen Gesamtsystems erodieren als auch die Bedingungen der Kapitalakku24mulation innerhalb jener reduzierten Räume erleichtern, in denen der Kapitalismus weiterwirkt.

An einer solchen Entwicklung ist natürlich nichts zwangsläufig. Es gibt gewiss keine Garantie, dass ein großzügig berechnetes Grundeinkommen jemals eingeführt werden wird, und auch keine dafür, dass es im Falle seiner Einführung mit staatlichen Initiativen zur Schaffung einer Infrastruktur einhergeht, die die Ausweitung demokratischer, gesellschaftlich ermächtigter Formen der Wirtschaftstätigkeit befördert. Es gibt auch gewiss keine Garantie, dass die Empfänger des bedingungslosen Grundeinkommens dieses einsetzen würden, um ermächtigte wirtschaftliche Strukturen zu entwickeln. Das BGE lässt sich auch ausschließlich für den privaten Konsum nutzen. Wie Philippe Van Parijs in seinem Buch Real Freedom For All schreibt:[1] Das BGE sorgt für eine Umverteilung »realer Freiheit« und befähigt damit leidenschaftliche Sonnenbadende ebenso wie Arbeiterkooperativen und die Sozialwirtschaft. Der Hinweis auf die Gefahr, Schmarotzer könnten Arbeitende ausbeuten, ist eines der schlagkräftigsten moralischen Argumente gegen das BGE, und solche Argumente könnten zweifellos politische Bemühungen um die Einführung des BGE blockieren oder zumindest dazu führen, dass der Anspruch aufs BGE an wenig wünschenswerte Zugangsbeschränkungen gekoppelt wird.

Hinzu kommt Folgendes: Ein bedingungsloses Grundeinkommen, das hinreichend großzügig berechnet wäre, um eine dynamische Ausweitung nicht-kapitalistischer Wirtschaftstätigkeit in Gang zu setzen, wäre kostspielig, wenngleich nicht jenseits der fiskalischen Möglichkeiten kapitalistischer Staaten. So ist es wahrscheinlich, dass das BGE im Falle seiner Einführung unterhalb der zur Einhaltung eines kulturell respektierten Lebensstandards nötigen Höhe liegen würde. Das würde jedoch auch das Potenzial des BGE untergraben, eine langfristige Untergrabung des Kapitalismus zu bewirken. Das BGE ist daher, was sein emanzipatorisches Potenzial angeht, weitgehend abhängig von den politischen und ideologischen Bedingungen, unter denen es eingeführt und entwickelt wird.

Wenn die aus dem kapitalistischen Charakter des Staates sich ergebenden Grenzen des Möglichen so eng gesteckt sind, dass 25staatliche Handlungen, die eine Entwicklung nicht-kapitalistischer Wirtschaftsprozesse begünstigen, ausgeschlossen sind, dann gibt es kaum Aussicht darauf, den Kapitalismus zu untergraben. Ist aber ein Gefälle zwischen gegenwärtiger Problemlösung und zukünftigen Folgen möglich und kommt es zu einer Mobilisierung gesellschaftlicher Kräfte auf der Grundlage eines politischen Programms zur Festigung alternativer Wirtschaftsräume, dann könnte die Ausweitung einer demokratische, egalitäre und solidarische Werte verkörpernden Wirtschaftstätigkeit möglich sein. Das würde wiederum die Grundlage für einen möglichen Entwicklungsverlauf darstellen, der über den Kapitalismus hinausweist. Dies begründet meinen Optimismus des Intellekts.

Erik Olin Wright, Madison, Wisconsin, im April 2016

27Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von 2010

1970, als die Chance bestand, dass ich während des Vietnamkriegs zum Militärdienst eingezogen werden würde, besuchte ich die Thomas-Starr-King-Amtsschule, ein unitarisch-universalistisches Priesterseminar in Berkeley, Kalifornien. In Priesterseminaren eingeschriebene Studierende wurden vom Militärdienst zurückgestellt, sodass die Zahl solcher Einschreibungen Ende der 1960er Jahre dramatisch anstieg. Im Rahmen meiner Ausbildung veranstaltete ich einen von Studierenden geleiteten Kurs namens »Utopie und Revolution«. Zehn Wochen lang traf ich mich mit etwa einem Dutzend anderer Studenten aus den verschiedenen Seminaren des Theologischen Graduiertenverbands Berkeley (Berkeley Graduate Theological Union), um die Prinzipien und Perspektiven einer revolutionären Transformation der amerikanischen Gesellschaft sowie der übrigen Welt zu diskutieren. Wir waren jung und voller Ernst bei der Sache, angetrieben vom Idealismus der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen sowie der gegenkulturellen Strömungen, die sich dem Wettbewerbsindividualismus und Konsum entgegenstellten. Wir diskutierten die Perspektiven eines revolutionären Umsturzes des amerikanischen Kapitalismus und die Einzelheiten der »Diktatur des Proletariats« sowie die Möglichkeit einer gegenkulturellen Zersetzung bestehender Macht- und Herrschaftsstrukturen durch die Praxis alternativer Lebensweisen.

Um unsere Diskussionen in diesem Kurs zu erleichtern, nahm ich die Sitzungen auf Band auf und fertigte wöchentlich eine Transkription an, die ich dann sämtlichen Teilnehmern aushändigte. Während der ersten Sitzung diskutierten wir darüber, was wir jeweils unter »Utopie« verstanden. Gegen Ende der Sitzung schlug ich Folgendes vor:

Ich glaube, es wäre nicht wünschenswert, den Entwurf einer Vorstellung von Utopie, wie er uns hier beschäftigt, als Versuch zu begreifen, abschließende institutionelle Antworten auf verschiedene Probleme zu finden. Wir können vielleicht bestimmen, welche Art gesellschaftlicher Institutionen unsere Ziele negieren und welche Art von Institution sich zumindest auf diese Ziele zuzubewegen scheint, aber es wäre unmöglich, detaillierte Blaupausen tatsächlicher Institutionen zu entwickeln, die sämtliche unserer 28Ideale vollständig verkörpern würden. Unsere wirkliche Aufgabe besteht im Versuch, Institutionen zu konzipieren, die selbst zu dynamischer Veränderung fähig sind, die auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren und sich entsprechend entwickeln können, und nicht etwa Institutionen, die dermaßen perfekt sind, dass sie keiner weiteren Veränderung bedürfen.

Bald darauf wurde das System zur Rekrutierung junger Männer für den Militärdienst auf ein Losverfahren umgestellt. Ich hatte Losglück, sodass ich 1971 mein Studium der Soziologie an der University of California in Berkeley aufnehmen konnte.

Über die nächsten zwei Jahrzehnte drehte sich meine Arbeit um das Problem einer Rekonstruktion des Marxismus und insbesondere des theoretischen Rahmens, dessen er sich zur Klassenanalyse bediente. Das Problem des Sozialismus und der Alternativen zum Kapitalismus kam gelegentlich auf, stand aber nie im Mittelpunkt meiner Forschungs- und Publikationstätigkeit.

1992 widmete ich mich erneut der Frage der Utopie und der emanzipatorischen Transformation. In Berlin war es zum Mauerfall gekommen, die Sowjetunion war zerfallen. Neoliberalismus und Marktfundamentalismus beherrschten die Regierungspolitik der kapitalistischen Demokratien. Aufgrund des Untergangs und der Diskreditierung der zentralisierten Planwirtschaften glaubten viele Menschen, Kapitalismus und liberale Demokratie seien die einzige mögliche Zukunft der Menschheit. Das »Ende der Geschichte« wurde ausgerufen.[1]

Das war der Kontext, in dem ich Anfang der 1990er Jahre das Real Utopias Project begann – der Versuch, die ernsthafte Diskussion der Alternativen zu bestehenden Macht-, Privilegien- und Ungleichheitsstrukturen zu vertiefen. Das Projekt war von dem Gedanken getragen, auf spezifische Entwürfe zur grundlegenden Umgestaltung verschiedener Bereiche gesellschaftlicher Institutionen zu fokussieren anstatt auf die allgemeine, abstrakte Formulierung ehrgeiziger Entwürfe oder kleine, unmittelbar umsetzbare Reformen bestehender Praktiken. Es ist schwierig, diese Art von Diskussion rigoros zu führen. Über konkrete Möglichkeiten zu sprechen, an den bestehenden Verhältnissen herumzuflicken, ist viel einfacher, als plausible Entwürfe eines radikalen Neuaufbaus zu formulieren. Marx hatte recht, als er feststellte, dass detailrei29che Blaupausen alternativer Ordnungen oft sinnlose Fantastereien sind. Was ich und meine Kollaborationspartner im Real Utopias Project erreichen wollten, war die klare Ausarbeitung tragfähiger institutioneller Prinzipien, die in emanzipatorische Alternativen zur bestehenden Welt einfließen können. Dieses Ziel nimmt eine Mittelstellung ein zwischen der bloßen Diskussion jener moralischen Werte, die uns zu dem ganzen Unterfangen veranlassen, und den genaueren Details der Eigenschaften von Institutionen.

Bis zum Jahr 2003 waren aus dem Projekt vier Bücher hervorgegangen (seitdem sind noch zwei weitere erschienen). Das schien ein guter Zeitpunkt, von spezifischen Entwürfen Abstand zu nehmen und zu versuchen, das Projekt in einen umfassenderen analytischen Rahmen einzubetten.[2] Zeitgleich nahm ich mit Michael Burawoy die Arbeit an einem (bislang unabgeschlossenen) Buchprojekt auf, das wir Sociological Marxism (Soziologischer Marxismus) nannten. Wir hatten bereits einen gemeinsamen Beitrag dieses Namens zu einem Handbuch soziologischer Theorien verfasst und hielten es für eine gute Idee, dieses Paper zu einem Buchmanuskript zu erweitern.[3] Die Kernthese des ursprünglichen Artikels lautet, dass die Klassenanalyse den robustesten und dauerhaftesten Bestandteil der marxistischen Tradition darstellt und dass es möglich ist, davon ausgehend einen umfassenden soziologischen Marxismus zu entwickeln. In dem von uns geplanten Buch wollten wir die historischen Ursprünge des soziologischen Marxismus in der marxistischen Tradition nachzeichnen – dafür sollte vor allem Burawoy verantwortlich sein – und dessen theoretische Fundamente gründlicher entwickeln – dafür sollte vor allem ich zuständig sein. Ich begann, eine erste Fassung meines Teils 30des Manuskripts zu schreiben, dessen Schlusskapitel die Idee eines Entwurfs realer Utopien entwickelte. Dann wurde Burawoy allerdings zum Präsidenten des amerikanischen Soziologenverbands (American Sociological Association) gewählt und schlug in seinem Denken und Schreiben eine neue Richtung ein, indem er sich dem Thema der »Öffentlichkeitssoziologie« (public sociology) widmete, sodass unser Buchprojekt aufs Nebengleis geriet. Burawoy ermutigte mich aber, die von mir verfassten Schlusskapitel zum Kernstück eines anderen Buches zu machen. So entstand Reale Utopien.Wege aus dem Kapitalismus.

Im Herbst 2004 präsentierte ich eine erste Fassung der Kernthese des Buches in Form eines Vortrags, »Taking the ›Social‹ in Socialism Seriously« (»Das ›Soziale‹ im Sozialismus ernst nehmen«), den ich auf der Jahresversammlung des amerikanischen Soziologenverbands und der Gesellschaft zur Förderung der Sozioökonomie (Society for the Advancement of Socio-Economics) hielt. Die These schien bei den Teilnehmer beider Versammlungen gut anzukommen. Anschließend hielt ich den Vortrag auf der Versammlung der Analytical Marxism Group, eines Zusammenschlusses von Akademikern, die sich seit etwa 1980 fast jährlich zur Diskussion ihrer jeweiligen Arbeitsvorhaben trafen.[4] Den Mitgliedern der Gruppe gefiel mein Vortrag nicht sonderlich. Sie stießen sich insbesondere an meinem Versuch, verschiedene Wirtschaftssysteme anhand der in ihrer wirtschaftlichen Organisation jeweils »vorherrschenden« Machtform zu unterscheiden. Wir führten eine lange, intensive (und ein Stück weit frustrierende) Diskussion um das Problem, wie die »Vorherrschaft« eines bestimmten Elements innerhalb eines komplexen Beziehungsgeflechts zu bestimmen sei. Niemand hatte 31sonderlich konstruktive Vorschläge, und ich fühlte mich am Ende des Treffens etwas zermürbt.

In den Monaten nach dem Treffen dachte ich weiter nach und gelangte zu dem Schluss, dass es sich bei dem in der Diskussion angesprochenen analytischen Problem zwar um ein reales handelt, Kern und Stoßrichtung meiner Herangehensweise aber nicht ernsthaft davon beeinträchtigt werden (ich gehe in Kapitel 5 auf diese Fragen ein). Ich setzte mich also erneut an den Vortrag und unterzog ihn 2005 einer gründlichen Überarbeitung. Das Vortragsmanuskript, das die Kerngedanken darstellt, die in diesem Buch ausführlicher entwickelt werden, wurde schließlich 2006 in der New Left Review als Artikel veröffentlicht.[5]

Im Frühjahr 2005 glaubte ich über eine belastbare Kernthese zu verfügen, aber ich war mir noch nicht sicher, wie ehrgeizig mein Buch angelegt sein sollte. Sollte es sich dabei im Wesentlichen um eine bescheidene Ausarbeitung des Beitrags für die New Left Review handeln? Sollte ich versuchen, die spezifischen Argumentationslinien zum Entwurf realer Utopien in ein umfassenderes Programm emanzipatorischer Gesellschaftstheorie einzubetten? Sollte ich mich unmittelbar mit dem Marxismus auseinandersetzen, sowohl um die Stellung meiner Argumentation innerhalb der marxistischen Tradition zu verdeutlichen als auch um aufzuzeigen, wo sie sich von bestimmten Aspekten dieser Tradition entfernt? Ich gelangte zu dem Schluss, dass die beste Weise, solche Fragen zu klären, darin bestand, die Gedanken des Buches so häufig wie möglich öffentlich zu diskutieren, und dass ich also jede mich erreichende Einladung, einen Gastvortrag zu halten, annehmen sollte. Das würde es mir erlauben, die Argumente in einem dialogischen Prozess zu entwickeln, und es würde mir gleichzeitig eine genauere Vorstellung davon vermitteln, wie sinnvoll es wäre, die Agenda des Buches zu erweitern.

So begannen für mich vier Jahre, in denen ich um die Welt 32reiste, um Vorträge zu halten und Seminare und Workshops anzubieten. An einigen Orten hielt ich ausgedehnte Vortragsreihen über das Buchmanuskript – an Universitäten, auf Konferenzen und anderswo. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es schließlich mehr als fünfzig Vorträge in 18 Ländern sein würden.

2005: Universität von Arizona; Universität Umea, Schweden (vier Vorträge); Karlsuniversität, Prag; Seminar im tschechischen Parlament, Prag; Universität Trient, Italien; Kroatischer Soziologenverband, Zagreb; Universität Zagreb; Konferenz über moralische Ökonomie, Universität Lancaster; Schule für Sozialökologie, Universität von Kalifornien in Irvine; Schule für Sozialjustiz am University College Dublin.

2006: Soziologiefakultät der Universität Princeton; Konferenz über Hegel, Marx und Psychoanalyse in Sarajevo, Bosnien; London School of Economics; Universität von Kalifornien in Berkeley (sechs Vorträge); Midwest Social Forum, Milwaukee; Universität Toronto, Kanada.

2007: New York University (vier Vorträge); Columbia University; Haverford College; Wheaton College; Universität Tohuku in Sendai, Japan; Kyushu-Universität in Fukuoka, Japan; Kwansai-Gakuin-Universität in Osaka, Japan; Kyoto-Universität, Japan; Universität Tokio; Universität von Buenos Aires, Argentinien; Diego-Portales-Universität in Santiago, Chile; Renmin-Universität in Peking; Tsinghua-Universität in Peking; Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften in Peking; Sun-Yat-Sen-Universität in Guangzhou; Universität Nanking; Universität Fudan, Shanghai; Universität Witwaterstrand in Johannesburg, Südafrika (vier Vorträge); Universität Johannesburg; Führungskräfte-Workshop der COSATU-Gewerkschaft in Johannesburg,; Universität Kalifornien in Berkeley (acht Vorträge und Seminare); Universität Trondheim, Norwegen (drei Vorträge); Technische Hochschule des Nahen Ostens in Ankara, Türkei (vier Vorträge); Universität Boğazici in Istanbul, Türkei; Universität Minnesota.

2008: Universität Barcelona, Spanien; Universität Mailand, Italien; Universität Siena, Italien; Universität des Baskenlandes in Bilbao, Spanien; Universität Sciences Po in Paris, Frankreich; Collegio de Mexico in Mexiko-Stadt, Mexiko; Universität Lancaster, Großbritannien.

Man könnte meinen, dass es bei so vielen Vorträgen schließlich 33zu einem abnehmenden intellektuellen Ertrag kommen würde. Das war jedoch nicht der Fall. Jeder Schub an Vorträgen und Diskussionen erfolgte im Kontext neu vorgenommener Überarbeitungen und Umformulierungen, und einige der wichtigsten Verbesserungen wurden von Diskussionen angeregt, die zu einem sehr späten Zeitpunkt stattfanden.[6] Während der Vortragsveranstaltungen machte ich mir sorgfältig Notizen zu den Diskussionen, und in einigen Fällen machte ich Tonbandaufnahmen und transkribierte diese.[7] Anhand der im Laufe der vier Jahre angefertigten Aufzeichnungen häufte ich einen Bestand an Problemen, ungeklärten Fragen und Änderungsvorschlägen an. Ich überarbeitete das Manuskript mehr oder weniger fortlaufend und stellte die jeweils aktuellste Fassung der Kapitel ins Internet. Wenn ich Vorträge hielt, hatten manche Teilnehmer oft bereits Teile davon gelesen und vorab Kommentare formuliert.

Bei der Planung meiner so weitläufigen, mich in so viele Erdteile führenden Vortragsreisen hatte ich erwartet, an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Reaktionen zu erhalten. Sicherlich würden die Menschen in China andere Fragen stellen als in Norwegen. Der frappierendste Eindruck, den die Diskussionen an diesen Orten bei mir hinterließen, war jedoch der, dass die gleichen Fragen angesprochen, die gleichen Kritiken und Bedenken vorgetragen, aber auch die gleiche allgemeine Begeisterung für das von mir skizzierte Programm zum Ausdruck gebracht wurde. Überall schienen die Menschen den institutionellen Pluralismus der von mir vorgeschlagenen Konzeption des Sozialismus ebenso zu schätzen wie die von mir vertretene moralische Auffassung sozialer Gerechtigkeit. Doch die Menschen waren zugleich überall skeptisch, was die Möglichkeiten anging, eine zivilgesellschaftlich verankerte gesellschaftliche Macht zur Grundlage der Überwindung des Kapitalismus zu machen, insbesondere unter den Bedingungen der Globalisierung. Natürlich stellte mein Publikum stets nur einen genau definierten Ausschnitt der breiteren Öffentlichkeit dar: Bei den 34meisten Personen, die einen Vortrag mit dem Titel »Reale Utopien« besuchen, dürfte es sich um Kritiker der bestehenden Institutionen und um Menschen handeln, die aufgeschlossen sind für ein Nachdenken über emanzipatorische Alternativen. Dennoch war es für mich eine Bestätigung, dass die Menschen, abgesehen von einigen interessanten Ausnahmen, offen waren für die Idee, Demokratie und gesellschaftliche Macht ins Zentrum des Problems der Transformation des Kapitalismus in eine emanzipatorische Alternative zu rücken und die institutionell heterogenen Wege zu erkunden, über die sich eine solche Transformation praktisch umsetzen lassen könnte. Ich hatte den Eindruck, Teil eines globalen Gesprächs über die Dilemmata unserer Zeit zu sein, und obgleich sich viele Personen nicht von der Umsetzbarkeit realer Utopien überzeugen ließen, stieß die von mir vorgelegte Analyse dennoch auf Resonanz.

In den Zeiträumen zwischen diesen vielen Reisen veranstaltete ich 2005 und 2008 je ein Doktorandenseminar über reale Utopien an der Universität Wisconsin. Im Frühjahrssemester 2008 gestaltete ich dieses Seminar auf der Grundlage des damals vorliegenden Buchentwurfs: Die Studierenden lasen und kommentierten wöchentlich ein Buchkapitel. Das Seminar beinhaltete außerdem eine wöchentliche Videokonferenz mit einer Gruppe von Studierenden der Soziologie an der Universität Buenos Aires, die meine dort im Mai 2007 gehaltenen Vorträge besucht hatten und an dem Seminar in Wisconsin teilnehmen wollten.[8] Am Ende des Semesters kamen die Studierenden aus Argentinien zu einer zweitägigen Mini-Konferenz über den Entwurf realer Utopien nach Madison und trafen sich dort mit den Studierenden aus Wisconsin sowie mit einigen weiteren Studierenden aus Berkeley, von der New York University und aus Minnesota, die sich ebenfalls an Vortragsveranstaltungen und Seminaren beteiligt hatten, die ich an ihren Universitäten gehalten hatte. Die endgültige Fertigstellung und Überarbeitung des Buches erfolgte unmittelbar nach diesem intensiven und (zumindest für mich) außergewöhnlich produktiven Seminar.

Bei einem solchen Vorgehen ist es sehr schwierig, exakt zu wissen, woher genau nun all die neuen Ideen und Verbesserungen stammen. Die akkurateste Aussage dazu ist wohl, dass sie aus dem 35erweiterten Dialog stammen, an dem ich mich so lebhaft beteiligte. Es ist natürlich immer der Fall, dass Ideen gesellschaftliche Erzeugnisse sind und nicht einfach das Ergebnis individueller, aus innerer Reflexion hervorgegangener Vorstellungskraft. Was dieses Buch angeht, sind die Ideen aber nicht nur ein gesellschaftliches, sondern ein kollektives Erzeugnis, geschaffen durch die Zusammenarbeit hunderter Menschen aus aller Welt, mit denen ich die entsprechenden Argumente diskutiert habe. Ich bin den vielen Personen dankbar, die sich an diesen Diskussionen beteiligt und ihre Gedanken zu dem gemeinschaftlichen Prozess beigetragen haben, durch den die Ideen in diesem Buch entwickelt wurden.

Ich zögere, bestimmte Personen zu nennen, da ich mir sicher bin, dass ich jemanden unerwähnt lassen werde, der mit seiner Skepsis, seinem treffenden Kommentar oder seiner Anregung bei der Weiterentwicklung der in dem Buch dargelegten Argumente eine wichtige Rolle gespielt hat. Es gibt dennoch einige Personen, denen ich namentlich danken muss. Michael Burawoy war sowohl mein beständigster Kritiker als auch einer meiner beiden beständigsten Unterstützer. Er ist rückhaltlos begeistert von der Idee realer Utopien und ebenso rückhaltlos kritisch, was viele Einzelheiten meiner Analyse angeht. Mehr als irgendwer sonst hat er die Bedeutung des Wortes »gesellschaftlich/sozial« (social) betont, und es ist unseren (vor allem während Radtouren und Wanderungen in Nordkalifornien geführten) Diskussionen zu verdanken, dass sich die spezifische terminologische Konvention herausgebildet hat, vom »Sozialen« im »Sozialismus« zu sprechen. Meine Frau Marcia Kahn Wright war die andere beständigste Unterstützerin dieses Werks und hat mein Engagement für das Real Utopias Project nicht nur fortlaufend erneuert und geduldig die durch meine Reisen bedingten Unterbrechungen in Kauf genommen, sondern sie hat das Buch im Zuge unserer regemäßigen nächtlichen Diskussionen bestimmter Probleme und Themen auch um wesentliche und wichtige Ideen bereichert. Harry Brighouse ist in den letzten Jahren die Person geworden, mit der ich das Problem realer Utopien und seine philosophischen Grundlagen am meisten besprochen habe. Die spezifische Ausarbeitung der Konzeptionen sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Entfaltung, auf die sich die normative Fundierung dieses Buches stützt, verdankt unseren Diskussionen viel. Zwei meiner Studierenden, Gianpaolo Baiocchi 36und Amy Lang, haben ihre Doktorarbeiten über spezifische Probleme realutopischer institutioneller Innovationen verfasst, und ich habe von ihnen ungeheuer viel gelernt über die Feinheiten der von ihnen untersuchten Fälle und über das, was sie für das umfassendere Problem einer Vertiefung der Demokratie bedeuten. Meine Zusammenarbeit mit Archon Fung beim Verfassen des grundlegenden Essays im vierten aus dem Real Utopias Project hervorgegangenen Buch, Deepening Democracy, war grundlegend für mein Verständnis der Demokratie als Kernproblem der Überwindung des Kapitalismus. Meinen früheren Arbeiten hatten die Zentralität der Ausbeutung im Kapitalismus betont, und die Ausbeutung ist natürlich ausschlaggebend für die Funktionsweise des Kapitalismus. Die zentrale Achse der Kapitalismusüberwindung ist jedoch die Demokratie. Joel Rogers ist auf verschiedene Weise von Anfang an am Real Utopias Project beteiligt gewesen. Tatsächlich war er es, der den Namen des Projekts Anfang der 1990er Jahre während eines unserer wöchentlichen, sonntagmorgendlichen Spaziergänge mit meinem Golden Retriever vorschlug, als wir mit der Planung der Konferenz über assoziative Demokratie befasst waren, die schließlich zum Ausgangspunkt des ersten aus dem Projekt heraus veröffentlichten Buches werden sollte. Mein ehemaliger Student Vivek Chibber hat mich wiederholt daran erinnert, dass Klassenkampf und Klassenpolitik im Mittelpunkt unserer Bemühungen um die Transformation und Überwindung des Kapitalismus stehen müssen, auch wenn er mir (wie ich glaube) mittlerweile widerwillig darin zustimmt, dass auf der Vorstellung eines Bruchs beruhende Logiken der Kapitalismusüberwindung in unserer heutigen Welt wenig plausibel sind. Die Mitglieder der Analytical Marxism Group – G.A. Cohen, Philippe Van Parijs, San Bowles, Josh Cohen, Hillel Steiner, Robert Brenner, John Roemer und Robert van der Veen – mögen sich zwar entmutigend verhalten haben, als ich ihnen 2004 die erste Fassung der in diesem Buch entwickelten Argumentation vorlegte, schlussendlich war ihre Reaktion der Weiterentwicklung meiner Auseinandersetzung mit dem Problem aber zweifellos förderlich. Wichtiger noch ist, dass mein Verständnis philosophischer Ideen über Gleichheit und die Bedingungen ihrer Verwirklichung sich weitgehend durch die Diskussionen entwickelt hat, die ich mit Mitgliedern der Gruppe im Laufe eines Vierteljahrhunderts geführt habe. Schließlich möchte ich auch den Studierenden an 37den Graduiertenseminaren in Berkeley und Wisconsin danken, die Kapitel meines Buches gelesen und für jede Diskussionsrunde provokante Fragen formuliert haben. Ihre Bereitschaft, hinsichtlich vieler meiner Formulierungen scharfe Kritik und Skepsis zu äußern, hat zu vielen Überarbeitungen des Textes und zur Ergänzung zahlreicher Fußnoten geführt, in denen ich auf die in den Seminar vorgetragenen Einwände antworte.

Eine Bemerkung über die Leser, für die dieses Buch verfasst ist

Zu Beginn der Arbeit an diesem Buch hatte ich ein breites, relativ allgemeines Publikum im Sinn. Ich hatte die Hoffnung, mich ernsthaft mit diesen schwierigen theoretischen und politischen Fragen auseinanderzusetzen und dabei aber gleichzeitig ein Buch zu schreiben, das für Menschen ohne Vorkenntnisse in radikaler Gesellschaftstheorie oder Marxismus zugänglich und ansprechend sein würde. Als sich das Buch entwickelte und ich mit Kritiken konfrontiert wurde, auf die ich meinte antworten zu müssen, wurde mir klar, dass ich mich tatsächlich im Dialog mit einem relativ stark vorgebildeten Publikum befand. Es ist eine charakteristische Eigenschaft »akademischer« Texte, dass darin auf mögliche Einwände reagiert wird, die den meisten Lesern nicht in den Sinn gekommen wären. Ich wollte dennoch, dass das Buch für Menschen, die sich nicht in akademische Debatten vertieft haben, zumindest lesbar bleibt. Ich habe versucht, dieses Problem dadurch zu lösen, dass ich die eher akademischen Differenzierungen und Antworten auf Einwände in die Fußnoten verbannt habe; der Haupttext ist auch ohne diese verständlich.

Es gibt noch eine weitere Spannung hinsichtlich des Publikums, das ich mir für dieses Buch gewünscht habe. Ich möchte, dass das Buch sowohl für Menschen relevant ist, die intellektuell und politisch fest sozialistisch links verankert sind, als auch für Menschen, die zwar ein allgemeines Interesse an den Dilemmata und Möglichkeiten einer gerechteren und humaneren Welt haben, die marxistische Tradition jedoch nicht als ausschlaggebende Quelle von Ideen und als Diskussionsrahmen ansehen. Auch in diesem Zusammenhang ist es schwierig, eine gemeinsame Klammer zu finden. Trägt man das Problem einer radikalen Überwindung des Kapitalismus an Menschen heran, die mit dem Marxismus sympathisieren, dann ist es wichtig, die Frage revolutionärer Transformation und 38die Grenzen der traditionellen marxistischen Geschichtstheorie anzusprechen. Menschen, die sich der marxistischen Tradition auf keinerlei Weise verbunden fühlen, dürften solche Diskussionen jedoch als weitgehend irrelevant ansehen. Auch die Verwendung des Begriffs »Sozialismus« zur Bezeichnung der strukturellen Eigenschaften der emanzipatorischen Alternative zum Kapitalismus verweist auf diese Spannung: Für Menschen, die mit der marxistischen Tradition sympathisieren, schließt mein Versuch, anhand der Begriffe gesellschaftlicher Macht und radikaler Demokratie eine neue Sozialismuskonzeption zu entwickeln, an alteingesessene Themen an. Nichtmarxisten mag der Begriff »Sozialismus« dagegen antiquiert erscheinen und trotz meiner definitorischen Beteuerungen zu sehr an zentralisierten Etatismus denken lassen.

Die Spannung, die sich daraus ergibt, dass man sowohl für Menschen schreibt, die sich irgendwie mit dem Marxismus identifizieren, als auch für solche, die dem Marxismus gegenüber gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen, wird noch verschärft durch meinen Wunsch, dass das Buch für Personen aus unterschiedlichen Ländern relevant sein möge, in denen »Marxismus« und »Sozialismus« sehr unterschiedlich konnotiert sind. In den USA liegt der Begriff »Sozialismus« völlig außerhalb des politischen Mainstreams, während er in vielen europäischen Ländern als Sammelbegriff für progressive politische Strömungen dient, die sich auf demokratisch-egalitäre Werte berufen.

Ich weiß nicht, ob ich diesen mit meinem Zielpublikum zusammenhängenden Schwierigkeiten gerecht geworden bin. Meine Strategie bestand darin, verständlich zu schreiben, alle von mir gebrauchten Schlüsselbegriffe zu definieren und die verschiedenen Argumentationsschritte sorgfältig und in logischer Folge darzulegen. Ich hoffe, dass dies den Text dem Leser unabhängig vom Grad seiner Vertrautheit mit Diskussionen dieser Art zugänglich macht.

Madison, Wisconsin, im Juli 2009

391. Einleitung: Warum Reale Utopien?[1]

Es war einmal eine Zeit – es ist noch gar nicht lange her –, da glaubten sowohl Kritiker als auch Verteidiger des Kapitalismus, dass »eine andere Welt möglich« sei. Sie wurde allgemein als »Sozialismus« bezeichnet. Während die Rechte den Sozialismus der Verletzung individueller Rechte auf Privateigentum und der Entfesselung monströser Formen staatlicher Unterdrückung bezichtigte, schien er der Linken neue Perspektiven auf gesellschaftliche Gleichheit, genuine Freiheit und die Entfaltung menschlichen Potenzials zu eröffnen. Beide hielten eine grundsätzliche Alternative zum Kapitalismus für möglich.

Heute glauben die meisten Menschen, vor allem diejenigen in den wirtschaftlich entwickelten Regionen, nicht länger an diese Möglichkeit. Der Kapitalismus erscheint ihnen als Teil der natürlichen Ordnung der Welt, und der Pessimismus hat jenen Optimismus des Willens ersetzt, den Gramsci einmal als wesentlich für die Veränderung der Welt bezeichnete.

Dieses Buch soll beitragen zur Wiederherstellung eines Eindrucks von der Möglichkeit emanzipatorischer gesellschaftlicher Veränderung, und zwar durch Erkundung der Realisierbarkeit radikal anderer Arten von Institutionen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die das Potenzial haben, uns jenen demokratisch-egalitären Zielen näher zu bringen, die historisch an die Idee des Sozialismus gekoppelt waren. Diese Untersuchung wird teilweise empirisch sein und Fälle institutioneller Neuerung betrachten, die auf die eine oder andere Weise emanzipatorische Alternativen zu den herrschenden Formen gesellschaftlicher Organisation verkörpern. Teilweise wird die Untersuchung auch eher spekulativen Charakter haben und theoretischen Entwürfen nachgehen, die noch nicht umgesetzt worden sind, aber auf realistische Fragen der Institutionsgestaltung und gesellschaftlichen Machbarkeit antworten. Ziel 40ist es dabei, eine empirische und theoretische Grundlage für radikaldemokratische, egalitäre Entwürfe einer anderen gesellschaftlichen Welt zu schaffen.

Vier Beispiele, die in späteren Kapiteln ausführlich zu erörtern sein werden, können einen Eindruck davon vermitteln, worum es dabei geht.

1. Partizipative städtische Haushaltsplanung

In den meisten von einer irgendwie gearteten Lokalregierung verwalteten Städten dieser Welt wird der städtische Haushalt von technischen Fachkräften erarbeitet, die der obersten Führungskraft – meistens einem Bürgermeister – unterstehen. Verfügt die Stadt darüber hinaus auch über einen gewählten Stadtrat, dann wird der bürokratisch erstellte Haushaltsplan diesem wahrscheinlich zur Überarbeitung und Absegnung überreicht. Die Grundzüge des Haushalts sind vom politischen Programm des Bürgermeisters und anderen herrschenden politischen Kräften bestimmt, in Zusammenarbeit mit Volkswirten, Ingenieuren und anderen Technokraten. So stellt sich die Situation in unserer aktualen Welt dar.

Stellen wir uns nun folgende alternative mögliche Welt vor: Anstatt dass der Haushalt von oben nach unten formuliert wird, wird die Stadt in eine Reihe von Vierteln aufgeteilt, von denen jedes eine partizipative Haushaltsversammlung abhält. Nehmen wir weiter an, dass es eine Reihe stadtweiter Haushaltsversammlungen gibt, auf denen verschiedene Fragen diskutiert werden, die die Stadt als ganze betreffen: Kulturfeste etwa, oder auch der öffentliche Nahverkehr. Die partizipativen Haushaltsversammlungen haben das Mandat, konkrete Haushaltsentwürfe zu formulieren, insbesondere mit Bezug auf Infrastrukturprojekte der einen oder anderen Art, um diese dann einem stadtweiten Haushaltsrat vorzulegen. Jeder Bürger der Stadt kann an den Versammlungen teilnehmen und über die Entwürfe abstimmen. Die Versammlungen funktionieren ähnlich wie Stadtversammlungen in New England, nur dass sie über mehrere Monate hinweg regelmäßig tagen, sodass es genug Zeit gibt, um Entwürfe zu formulieren und zu überarbeiten, bevor sie zur Ratifizierung eingereicht werden. Nachdem sie den allgemeinen Stadtteilhaushalt und die Einzelhaushalte für bestimmte 41Bereiche ratifiziert haben, wählen die Versammlungen Delegierte, die einige Monate lang an der stadtweiten Haushaltsversammlung teilnehmen, bis es zur Verabschiedung eines fertigen, kohärenten städtischen Haushalts kommt.

In der brasilianischen Stadt Porto Alegre entspricht dieses Modell tatsächlich der Realität. Bevor es 1989 eingeführt wurde, hätte kaum jemand gedacht, dass ein partizipativ erarbeiteter Haushalt in einer relativ armen Stadt mit mehr als anderthalb Millionen Einwohnern funktionieren könnte, noch dazu in einem Land mit schwachen demokratischen Traditionen, geplagt von Korruption und politischer Vetternwirtschaft. Es handelt sich um eine Form direkter, partizipativer Demokratie, die zum herkömmlichen Allokationsverfahren gesellschaftlicher Ressourcen in Städten in einem fundamentalen Gegensatz steht. Wir werden uns in Kapitel 6 detaillierter mit diesem Fall auseinandersetzen.

2. Wikipedia

Wikipedia ist eine riesige, sich frei entwickelnde Internet-Enzyklopädie. Mitte 2009 enthielt sie mehr als 2,9 Millionen englischsprachige Einträge und war damit die umfangreichste Enzyklopädie auf Erden. Sie steht allen Menschen auf der Welt zur Verfügung, die Zugang zum Internet haben. Da das Internet mittlerweile selbst in sehr armen Ländern über Bibliotheken zugänglich ist, steht dieser gewaltige Wissensschatz im Prinzip kostenlos allen zur Verfügung, die ihn benötigen. Im Jahr 2009 wurde Wikipedia monatlich von etwa 65 Millionen Menschen abgerufen. Die Einträge wurden von mehreren hunderttausend ehrenamtlich arbeitenden Redakteuren verfasst. Jeder Eintrag kann von Redakteuren überarbeitet werden, und auch die Überarbeitungen können wiederum überarbeitet werden. Zwar sind, wie wir in Kapitel 7 sehen werden, eine Reihe von Regeln zum Umgang mit inhaltsbezogenen Meinungsverschiedenheiten erarbeitet worden, dennoch hat sich Wikipedia mit einem absoluten Minimum an Aufsicht und gesellschaftlicher Kontrolle entwickelt. Und zur Überraschung der meisten Leute ist die Enzyklopädie im Allgemeinen von ziemlich hoher Qualität. Laut einer Studie, über die in der Zeitschrift Nature berichtet wurde, entsprach die Fehlerquote einer Auswahl wis42senschaftlicher Einträge bei Wikipedia in etwa der Fehlerquote der Enyclopedia Britannica.[2]

Es handelt sich bei Wikipedia um eine zutiefst antikapitalistische Methode der Wissensproduktion und -verbreitung. Sie basiert auf dem Grundsatz: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« Niemand wird für die Tätigkeit als Redakteur entlohnt, und niemand zahlt für den Zugang. Wikipedia ist egalitär und basiert auf der Grundlage horizontaler Wechselseitigkeit und nicht etwa hierarchischer Kontrolle. Im Jahr 2000, bevor Wikipedia gegründet wurde, hätte niemand – die Gründer eingeschlossen – diese Entwicklung für möglich gehalten.

3. Die selbstverwalteten Mondragón-Kooperativen

Der unter Ökonomen vorherrschenden Ansicht zufolge sind Betriebe, die Eigentum ihrer Beschäftigten sind und von diesen verwaltet werden, innerhalb einer Marktwirtschaft nur unter bestimmten Bedingungen existenzfähig. Sie müssen klein und die Arbeiterschaft muss relativ homogen sein. Sie können vielleicht innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaft eine Nische finden, aber sie werden nicht in der Lage sein, mit kapitalintensiven Technologien und auf Grundlage einer komplexen Arbeitsteilung hochentwickelte Produkte herzustellen. Hohe Komplexitätsgrade verlangen nach hierarchischen Macht- und kapitalistischen Eigentumsverhältnissen.

Mondragón ist ein Konglomerat aus selbstverwalteten Kooperativen im spanischen Baskenland. Es wurde in den 1950er Jahren unter der Franco-Diktatur gegründet und ist mit 40000 Arbeitern, die zugleich Eigentümer sind, mittlerweile der siebtgrößte Handelskonzern Spaniens und der größte im Baskenland.[3] Der Mischkonzern besteht aus rund 250 unabhängigen Kooperativen, die jeweils Eigentum ihrer Beschäftigten sind – es gibt keine Beschäftigten, die nicht zugleich auch Eigentümer sind. Diese Betriebe bieten ein breites Spektrum von Produkten und Dienstleistungen 43an: Es handelt sich um Hersteller von Waschmaschinen und Autoteilen, um Banken, Versicherungen oder Lebensmittelgeschäfte. Wie wir in Kapitel 7 sehen werden, sieht sich Mondragón auf dem heutigen globalisierten Markt vor beträchtliche Herausforderungen gestellt. Dennoch wird die Leitung des Konzerns weiterhin von den Beschäftigten gewählt, und wichtige Konzern-Entscheidungen werden von einem Vorstand, der die Mitglieder vertritt, oder aber von einer Vollversammlung der Beschäftigten getroffen.

4. Das bedingungslose Grundeinkommen

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) ist recht einfach: Jede legal im entsprechenden Land lebende Person erhält monatlich einen Geldbetrag, der ein Leben oberhalb der »Armutsgrenze« ermöglicht. Nennen wir das den »schmucklosen, aber kulturell akzeptablen Lebensstandard«. Der Betrag wird bedingungslos ausgezahlt, es wird also keine Arbeitsleistung oder sonstige Gegenleistung erwartet, und er ist allgemein: Reiche erhalten ihn ebenso wie Arme. Er wird an Individuen ausgezahlt, nicht an Haushalte. Eltern verwalten die Beträge, die ihren minderjährigen Kindern ausgezahlt werden (die niedriger als die an Volljährige gezahlten Beträge sein können).