Rebeccas Schüler - Tira Beige - E-Book

Rebeccas Schüler E-Book

Tira Beige

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Beschreibung

Rebecca ist erst Anfang 30, steht aber bereits vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz: Die Partnerschaft mit Paul ist durch Alltagsroutine und fehlendes Verlangen geprägt. Auch in ihrem Job als Lehrerin fühlt sie sich unwohl, da es insbesondere mit den Schülern und Eltern ihrer eigenen 8. Klasse immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt. Um ihr bequemes Leben nicht aufgeben zu müssen, vor allem aber zu feige dazu, einen Schlussstrich unter den verhassten Beruf und die fantasielose Beziehung zu setzen, sucht Rebecca die Nähe zu dem manisch-depressiven Lou. Da sich die Junglehrerin von Anfang an von dem 20-jährigen neuen Schüler ihres Grundkurses magisch angezogen fühlt, entwickelt sich aus den ersten zaghaften Annäherungen binnen Kurzem eine leidenschaftliche Affäre. Während Rebecca noch glaubt, die Kontrolle über die Liaison zu besitzen, muss sie schon bald erkennen, dass sie immer tiefer in einen Strudel aus Selbstlügen hineingezogen wird, dem sie nicht mehr entkommen kann und dass die größte Gefahr von der Unberechenbarkeit ihres psychisch labilen Schülers ausgeht.

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Seitenzahl: 602

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Anziehend, verboten und gefährlich

RO­MAN

TIRA BEI­GE

Impressum

1. Auf­la­ge 2020Co­py­right © 2020 Tira Bei­ge

Ver­lag:c/o Au­to­ren­Ser­vices.deBir­ke­n­al­lee 24, 36037 Ful­datira.bei­[email protected]

Um­schlag­ge­stal­tung: Con­stan­ze Kra­merwww.co­ver­bou­tique.de

Bild­nach­weis:©Vio­rel sima, ©Pi­xel-Shot, ©mapo – stock.ad­o­be.com©vn­stu­dio, ©cris­ti180884, ©ban­prik, ©wacpan – de­po­sit­pho­tos.com

Satz: Con­stan­ze Kra­merwww.co­ver­bou­tique.de

Alle Rech­te vor­be­hal­ten. Das vor­lie­gen­de Werk darf we­der in sei­ner ­Ge­samt­heit noch in sei­nen Tei­len ohne vor­he­ri­ge schrift­li­che Zu­stim­mung der Recht­e­in­ha­ber in wel­cher Form auch im­mer ver­öf­fent­licht wer­den. Das be­trifft ins­be­son­de­re je­doch nicht aus­schließ­lich elek­tro­ni­sche, me­cha­ni­sche, phy­si­sche, au­dio­vi­su­el­le oder an­der­wei­ti­ge Re­pro­duk­ti­on oder Spei­che­rung und oder Über­tra­gung des Wer­kes so­wie Über­set­zun­gen. Da­von aus­ge­nom­men sind kur­ze Aus­zü­ge, die zum Zwe­cke der ­Re­zen­si­on ent­nom­men wer­den.

Warnhinweis

Der nachfolgende Roman thematisiert an etlichen Stellen ernstzunehmende Themen: Mobbing, sexuelle Gewalt, ­psychische Störungen bzw. Depression sowie Suizid. Dies könnten einige Leser/innen beunruhigend oder ­verstörend finden.

Lesen auf eigene Gefahr und erst ab 18 Jahren.

Prolog

Mit­schnitt aus der Ver­neh­mung der Zeu­gin Ali­cia He­ger

[…]

Po­li­zist:

Wie bist du auf die gan­ze Sa­che auf­merk­sam ge­wor­den?

Ali­cia:

So wie je­der an­de­re. Er brach­te ir­gend­wie bei dem Schul­fest das Mi­kro­fon an sich. Kei­ne Ah­nung, wie er Phil­ipp aus der Zwölf­ten über­re­det hat. Der ach­tet nor­ma­le­r­wei­se im­mer dar­auf, dass er sich um die Tech­nik al­lein küm­mern darf.

Und dann stand er da, auf der Büh­ne. Er mach­te ei­ner­seits den Ein­druck, als wis­se er nicht so recht, wo­hin mit sich, aber sei­ne Wor­te wa­ren ab­so­lut klar. Alle Au­gen wa­ren auf ihn ge­rich­tet, als er an­fing zu spre­chen. Wir wuss­ten zu­erst gar nicht, war­um er da über­haupt stand, ha­ben uns an­ge­se­hen und ge­lacht. So wie wir uns öf­ter über ihn lus­tig ge­macht ha­ben.

Aber was da­nach kam, das scho­ckier­te uns alle! Und dann schau­ten wir nur noch auf sie.

Teil 1

An­zie­hend

Ka­pi­tel 1

»Machst du jetzt etwa einen auf Do­mi­na?« »Du sahst ge­ra­de so aus, als wür­dest du dar­auf ste­hen …« Re­bec­cas Fuß ruh­te auf der Brust ih­res Freun­des, wäh­rend ihr der war­me Was­ser­dampf ins Ge­sicht schlug. Paul lag auf dem Rü­cken lang ge­streckt in der Ba­de­wan­ne, lä­chel­te süf­fi­sant und schau­te an ih­rem nack­ten, schlan­ken Kör­per hin­auf. Ein letz­tes Mal kreuz­ten sich ihre Bli­cke, be­vor Re­bec­ca ih­ren Fuß an­hob und aus der Ba­de­wan­ne stieg.

»Mor­gen wer­de ich wie­der die Schü­ler do­mi­nie­ren«, sag­te sie. Pauls Grin­sen ver­zog sich zu ei­ner spöt­ti­schen Gri­mas­se. »War­um lachst du so bos­haft?«, ent­fuhr es ihr. »Mal se­hen, wer wen do­mi­nie­ren wird«, amü­sier­te er sich. »Idi­ot!«

Re­bec­ca griff mit ei­ner blitz­ar­ti­gen Be­we­gung zu ih­rem flau­schi­gen wei­ßen Hand­tuch und trock­ne­te sich ab. »Ach komm schon, Bec­cy, war doch nicht so ge­meint.« Was für ein un­be­son­ne­n­er Satz! Sie dreh­te sich de­mon­s­tra­tiv weg. Reich­te es nicht, dass sie selbst schon ge­nug an sich zwei­fel­te?

Vom Spie­gel aus be­ob­ach­te­te sie, wie Pauls Blick von ih­rem Ober­kör­per nach un­ten zu ih­rem Po wan­der­te. Dann tauch­te er, auf dem Rü­cken lie­gend, sei­nen Kopf in das war­me Ba­de­was­ser, um sich die Haa­re zu wa­schen.

Re­bec­ca dreh­te sich um und warf einen letz­ten Blick in die Wan­ne, wo­bei ihr die lan­gen brau­nen Haa­re ge­gen die Wan­ge klatsch­ten und eine feuch­te Sträh­ne dort kle­ben blieb.

Pauls un­ter­setz­ter Ober­kör­per wipp­te bei je­der Be­we­gung, die er un­ter Was­ser an sei­nem Kopf voll­zog, leicht auf und ab. Vor sie­ben Jah­ren sah er noch bes­ser aus. Ihre Lie­be zu ihm auch.

Ihre tro­ckenen Füße tru­gen Re­bec­ca ins ge­gen­über vom Bad ge­le­ge­ne Schlaf­zim­mer, wo sie sich ein frisch duf­ten­des Nacht­hemd über­wa­rf. Nichts konn­te die Angst über­de­cken, der sie sich un­wei­ger­lich stel­len muss­te, wenn sie mor­gen wie­der die Schu­le be­trat. Mal se­hen, wer wen do­mi­nie­ren wird. Pauls lose da­her ge­spro­che­nen Wor­te wa­ren gar nicht so ab­we­gig; mach­ten sie Re­bec­ca doch auf das Pro­blem auf­merk­sam, wer die wirk­li­che Au­to­ri­tät im Klas­sen­raum be­saß. Sein un­über­leg­ter Satz traf einen wun­den Punkt in ihr, den sie am liebs­ten aus­ra­diert hät­te. War­um muss­te er sie im­mer wie­der dar­auf hin­wei­sen?

Im Ver­gleich zu den letz­ten zwei er­hol­sa­men Win­ter­fe­ri­en­wo­chen lös­te be­reits der kleins­te Ge­dan­ke an den Un­ter­richt mor­gen und an den in den kom­men­den fünf Wo­chen bis zu den Os­ter­fe­ri­en Gru­sel­ge­füh­le in Re­bec­ca aus. Sie sah schon jetzt die nerv­tö­ten­den Siebt­kläss­ler, ihre un­be­re­chen­ba­ren Ach­ter und die lang­wei­li­gen Ober­stu­fen­schü­ler aus Klas­se 11 vor sich.

Mit dem Nacht­hemd am Kör­per ver­ließ sie das Schlaf­zim­mer und sank er­mat­tet auf das Sofa in der Wohn­stu­be nie­der. »Oh man …«, flüs­ter­te sie vor sich hin, als sie den Fern­se­her ein­schal­te­te, kein pas­sen­des Abend­pro­gramm fand und wahl­los durch die Fern­seh­ka­nä­le zapp­te. Den El­len­bo­gen leg­te sie auf der Leh­ne ab und stütz­te den Kopf schwer las­tend in die Hand­flä­che.

Nach zwei­ma­li­gem Durch­schal­ten blieb sie bei ei­ner Rei­se­sen­dung hän­gen. Die Mo­de­ra­to­rin schlen­der­te an ir­gend­ei­nem fer­nen Ort über wei­ßen Sand. Re­bec­ca ver­zog nei­disch den Mund, als sie die Frau be­trach­te­te, die weit weg von jeg­li­chem All­tagsstress al­ler Sor­gen frei am Strand ent­lang­spa­zier­te. Im Hin­ter­grund rausch­te das Meer vor der Küs­te. Es muss­te be­reits spä­ter Nach­mit­tag sein, denn das war­me Licht um­fing die blon­den Sträh­nen ih­res Haa­res und ließ es in der Son­ne wie gol­de­nes Stroh auf­blit­zen.

Er­in­ne­run­gen an den ers­ten Ur­laub mit ih­rem Freund bil­de­ten sich vor Re­bec­cas in­ne­rem Auge ab, ver­schwan­den aber so­fort wie­der, als sie Paul im Bad ru­fen hör­te: »Bec­cy? Kannst du mir mal neu­es Sham­poo ho­len?«

Sie rennt über den Gang. Ge­räusch­los. Der vie­le Sand, der in klei­nen wei­chen Dü­nen auf­ge­schich­tet vor ihr liegt, er­schwert das Fort­kom­men. Wei­ter hech­ten. Vor­wärts. Aber der fei­ne wei­ße Strandsand liegt vor den Tü­ren und es bleibt nur ein Sprin­gen von Düne zu Düne üb­rig. Fast hät­te sie die De­cke des Ge­bäu­des be­rührt. Noch ein gro­ßer Sprung. Das Klas­sen­zim­mer der Sie­be­ner. Sven­ja, Ste­ven, Mona und Jo­nas lau­fen ge­gen­über der Tür in ei­ner Ni­sche über ein auf­ge­schüt­te­tes Ei­land. In der Hand hal­ten sie Eis­be­cher, Cock­tails und Son­nen­schir­me. Wo sie das her­ha­ben, will sie von den Kin­dern wis­sen. Aus La Re­uni­on. Von au­ßen fällt glei­ßen­des Licht in das Ge­bäu­de, so­dass die blon­den Haa­re von Sven­ja fast weiß er­schei­nen. Me­cha­nisch mit her­ab­ge­senk­ten Köp­fen lau­fen sie stur hin­ter­ein­an­der im Kreis das Ei­land der Ni­sche ab. Noch recht­zei­tig den Klas­sen­raum er­reicht. Stim­men­ge­wirr er­tönt.

Sie öff­net die Tür und steht be­reits mit bei­den Bei­nen im Was­ser. Die Ti­sche ste­hen wüst durch­ein­an­der. Nack­te und halb­nack­te Schü­ler drän­gen sich in dem Raum, plan­schen in dem auf dem Bo­den be­find­li­chen Was­ser. Ro­bert liegt auf dem Rü­cken, wäh­rend Na­ta­lie in Sie­ger­po­se über ihm steht und ihm den Fuß auf sei­ne Brust drückt. Da sind auch Mar­tin und El­len aus der ach­ten Klas­se, die eng bei­ein­an­der­ste­hen und über et­was la­chen. Ein Jun­ge aus der elf­ten Klas­se hält auf­rei­zend eine Siebt­kläss­le­rin im Arm. So viel Was­ser un­ter ih­ren Fü­ßen. Der Schul­hof ist das Meer. An die Au­ßen­wand des Ge­bäu­des schla­gen hohe Wel­len an. Und doch steht Paul mit ei­ner Ba­de­ho­se be­klei­det am Fens­ter und will nach drau­ßen sprin­gen. »Auf La Re­uni­on gibt es Haie, Paul, das weißt du doch. Schwimm’ nicht zu weit.« Doch er hört nicht. Ruck­ar­tig springt er vom Fens­ter­brett des Klas­sen­raums in den Oze­an hin­ein. Piep Piep Piep Piep Piep Piep. 5:00 Uhr mor­gens. Re­bec­ca rich­te­te sich schlaf­trun­ken im Bett auf, um den gel­len­den Ap­pa­rat auf dem Nacht­tisch aus­zu­schal­ten.

Ihr blieb nicht viel Zeit, die wir­ren Ein­drü­cke im Kopf zu sor­tie­ren. Gäh­nend schlepp­te sie sich ins Ba­de­zim­mer, wo die kur­ze Nacht­ru­he un­auf­hör­lich ih­ren Tri­but for­der­te. Un­ter der Du­sche ste­hend über­zog sich ihr Kör­per mit Gän­se­haut und nur müh­sam konn­te sie die Au­gen of­fen hal­ten, wäh­rend die Aus­schnit­te aus dem Traum noch ein­mal vor ih­rem in­ne­ren Auge vor­bei­zo­gen.

Als Re­bec­ca das Schlaf­zim­mer wie­der be­trat, schlum­mer­te Paul zu­nächst noch fried­lich vor sich hin, ver­barg dann je­doch sein Ge­sicht un­ter der Bett­de­cke, als er das ein­ge­schal­te­te Licht be­merk­te. Ein Ge­fühl der Ei­fer­sucht durch­flu­te­te Re­bec­ca. Neid auf den Part­ner, der erst in we­ni­gen Stun­den auf­ste­hen muss­te.

Trotz Schlaf­de­fi­zit ließ sie kei­ne Hek­tik zu: Auf­ste­hen, Du­schen, An­zie­hen, even­tu­ell Haa­re wa­schen, föh­nen, es­sen, Toi­let­te, Zäh­ne put­zen, die mit­zu­neh­men­den Schul­ma­te­ri­a­li­en noch ein­mal kon­trol­lie­ren, Ta­sche ein­räu­men, nach drau­ßen zum Auto ge­hen. Das war an­ge­sichts der Ge­wohn­heit nor­ma­le­r­wei­se in we­ni­ger als ei­ner Stun­de mög­lich. Au­ßer heu­te Mor­gen.

Um nicht zu sehr die Au­gen zu­knei­fen zu müs­sen, dimm­te Re­bec­ca vor­sorg­lich die De­cken­be­leuch­tung in der Kü­che. Schumm­rig voll­zog sie die rou­ti­nier­ten Schrit­te, um halb­wegs Nor­ma­li­tät nach den zwei Wo­chen Fe­ri­en her­zu­stel­len.

6:05 Uhr. Die über zwan­zig Ki­lo­me­ter Fahrt zwi­schen Zu­hau­se und der Ar­beits­stel­le wur­den heu­te, am ers­ten Schul­tag nach den Win­ter­fe­ri­en, zu ei­ner ge­dan­ken­ver­lo­re­nen An­ge­le­gen­heit. Gel­be und wei­ße Lich­ter ka­men auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te ent­ge­gen. Sie blie­ben an­onym und fa­rb­los, die Fah­rer hat­ten kein Ge­sicht. Hel­le Lich­ter fuh­ren in Ket­ten vor­bei und wur­den im Rück­spie­gel zu ro­ten, klei­ner wer­den­den Punk­ten. Manch­mal über­hol­te ein gel­bes Licht und wur­de zu zwei ro­ten Punk­ten vor dem Auto. Bis­wei­len fuhr eine gan­ze Ket­te ro­ter Lich­ter vor ihr her.

Es war noch im­mer fins­ter, als Re­bec­ca wie fast je­den Mor­gen als eine der Ers­ten auf dem Park­platz der Schu­le ein­traf. Das nächs­te rou­ti­nier­te Mor­gen­pro­gramm muss­te durch­ge­zo­gen wer­den: Ko­pie­ren, Lo­chen, E-Mails che­cken und Klas­sen­buch kon­trol­lie­ren. Ko­pi­en für die Siebt­kläss­ler wa­ren an­zu­fer­ti­gen.

Wäh­rend sie gäh­nend vor dem Ko­pie­rer auf des­sen Ein­satz­be­reit­schaft war­te­te, be­trat Ha­rald das Leh­rer­zim­mer und be­grüß­te sie mit ei­nem lang ge­zo­ge­nen »Gu­ten Mor­gen. Bist ja wie­der zei­tig heu­te da.« Er­neu­tes Gäh­nen. »Mor­gen Ha­rald. Na, hat­test du ein paar schö­ne Fe­ri­en?« Das üb­li­che Bla Bla, wenn man sich zwei Wo­chen nicht ge­se­hen hat­te.

Ha­rald ge­hör­te zu Re­bec­cas en­ge­rem Freun­des­kreis im Kol­le­gi­um, un­ter­rich­te­te ge­nau wie sie Deutsch. Sei­ne schloh­wei­ßen Haa­re glänz­ten in der mor­gend­li­chen Be­leuch­tung des Leh­rer­zim­mers.

»An­ge­la und ich wa­ren zu Hau­se. Ich habe ein paar Ar­bei­ten kon­trol­liert und mich er­holt. Nichts Auf­re­gen­des.«

Im Ge­gen­satz zu ihm war Ge­las­sen­heit für Re­bec­ca zum Fremd­wort ge­wor­den. Was auf Ar­beit pas­sier­te, muss­te mit nach Hau­se ge­nom­men und dort noch ein­mal aus­la­dend er­ör­tert wer­den, selbst wenn es nichts mehr zu än­dern gab. Wenn sie im glei­chen Tem­po wie bis­her wei­ter­a­r­bei­te­te, wür­de ir­gend­wann ein Herz­in­farkt un­aus­weich­lich sein. Dass sie noch über drei­ßig Jah­re ar­bei­ten ge­hen muss­te, er­zeug­te einen Wi­der­wil­len in ihr, der ihr Angst be­rei­te­te.

»Hast du einen an­stren­gen­den Tag vor dir? Wirkst et­was ge­nervt«, stell­te Ha­rald fest. »Hm«, brumm­te ­Re­bec­ca vor sich hin. »Freue mich auf das Mit­tag­es­sen.« Ihre Mund­win­kel zo­gen sich nach oben und ein ge­küns­tel­tes Grin­sen blieb zu­rück. Der Blick sah of­fen­bar ge­quäl­ter aus, als er sein soll­te, denn Ha­rald sag­te: »Das wird schon« und klopf­te ihr er­mu­ti­gend lä­chelnd auf die Schul­ter.

Wenn es bloß mit ein paar mo­ti­vie­ren­den Wor­ten ge­tan wäre! Da­von wur­de ihre seit Jah­ren be­ste­hen­de Un­fä­hig­keit, Kin­der in ih­rer Ei­gen­art zu ver­ste­hen, nicht be­ho­ben. Heu­te wa­ren es »bloß« die Siebt­kläss­ler, bei de­nen Re­bec­ca gleich Deutsch un­ter­rich­ten wür­de. Mehr noch grau­te ihr vor ih­rer ei­ge­nen un­be­re­chen­ba­ren ach­ten Klas­se.

Wenn sie an den lang­wei­li­gen Grund­kurs in Deutsch dach­te, bes­ser­te sich ihre Lau­ne eben­falls nicht. Da­bei soll­te ge­ra­de er das Herz­stück ih­res Un­ter­richt­s­all­tags wer­den: Als sie vor den Som­mer­fe­ri­en er­fah­ren hat­te, dass sie zum ers­ten Mal in ih­rer Be­rufs­lauf­bahn einen Kurs be­kom­men wür­de, kann­te die Freu­de dar­über kei­ne Gren­zen: End­lich ru­hi­ger Un­ter­richt, mo­ti­vier­te Schü­ler, an­re­gen­de Dis­kus­si­o­nen über li­te­ra­ri­sche Tex­te. Das wa­ren ihre spon­ta­nen Ge­dan­ken, als sie über das neue Schul­jahr nach­dach­te.

Doch dann das: schlep­pen­der Un­ter­richt, feh­len­de Mit­a­r­beit. Man konn­te nicht be­haup­ten, dass die zwölf Schü­ler stör­ten, im Ge­gen­teil. Sie be­a­r­bei­te­ten, was man ih­nen auf­trug. Sie la­sen, wenn sie le­sen soll­ten, sie schrie­ben, wenn sie schrei­ben soll­ten. Aber sie re­de­ten ein­fach nicht.

So in Ge­dan­ken ver­sun­ken, hät­te Re­bec­ca bei­nah einen neu­en Zet­tel über­se­hen, der am Schwa­r­zen Brett des Leh­rer­zim­mers aus­hing. Der Ober­stu­fen­be­ra­ter hat­te ihn ver­mut­lich kurz vor den Fe­ri­en aus­ge­hängt und am obe­ren rech­ten Rand mit ei­nem ro­ten Stift eine Art Blitz dar­auf­ge­malt. Un­ter dem in Groß­buch­sta­ben ge­schrie­be­nen Na­men ELOU­AN KLA­GE er­kann­te sie sei­nen Stun­den­plan. »Ist das ein neu­er Schü­ler?« Ha­rald rück­te sei­ne Bril­le auf der Nase zu­recht und be­trach­te­te ein­ge­hend das Ge­schrie­be­ne. »Nein, ich ken­ne …«, re­de­te er lang­sam vor sich hin. »Elou­an war schon ein­mal vor ei­ni­gen Jah­ren bei uns. Ich kann dir ja heu­te beim Es­sen mehr über ihn er­zäh­len, wenn du magst.«

Re­bec­cas Blick ging er­neut zum Stun­den­plan. Der neue Schü­ler wür­de die elf­te Klas­se be­su­chen und diens­tags und don­ners­tags bei ihr im Grund­kurs Deutsch ha­ben. Ob Elou­an wohl zu grö­ße­rer Mit­a­r­beit in der Lage war als sei­ne Mit­schü­ler?

Mitt­ler­wei­le er­reich­te die Laut­stär­ke im Leh­rer­zim­mer ein für Re­bec­cas Oh­ren un­ge­kann­tes Höchst­maß, das ihre in den Fe­ri­en so hart er­kämpf­te Stil­le be­en­de­te. Im­mer mehr Kol­le­gen ström­ten hin­ein und tausch­ten sich schnat­ternd über ihre Fe­ri­en­wo­chen aus. Was für eine ober­fläch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on! Das lau­te Ge­trat­sche er­zeug­te einen Ts­un­a­mi im Kopf und sie be­schloss, sich auf den Weg Rich­tung Klas­sen­zim­mer der 7a zu ma­chen.

Schon beim Öff­nen der Tür roll­te ihr eine Wol­ke aus ab­ge­stan­de­ner, muf­fi­ger Luft ent­ge­gen. Trotz win­ter­li­cher Käl­te öff­ne­te Re­bec­ca die seit zwei Wo­chen ge­schlos­se­nen Fens­ter, stell­te ihre Ta­sche auf den Bo­den ab und setz­te sich auf den Leh­rer­stuhl. In zehn Mi­nu­ten wür­den die ers­ten Schü­ler kom­men. Eine er­quick­li­che Ruhe vor dem Sturm leg­te sich über den Raum. Ihr Blick rich­te­te sich nach drau­ßen, wo es ge­ra­de wie­der an­ge­fan­gen hat­te zu schnei­en. Lang­sam glit­ten die Flo­cken vom Him­mel in den gro­ßen Schul­hof her­ab. Ei­ni­ge Un­ter­richts­räu­me, die sie von ih­rem aus über­bli­cken konn­te, wa­ren eben­falls be­leuch­tet: Kol­le­gen, die einen Ta­fel­an­schrieb vor­nah­men, auf die Schü­ler war­ten­de Leh­rer.

Re­bec­ca er­hob sich wie­der und be­gab sich an die Hei­zung. Die woh­li­ge Wär­me, die ent­ström­te, ar­bei­te­te sich ih­ren Rü­cken hoch. Ein letz­tes Mal Ruhe, gleich war es vor­bei da­mit, denn auf dem Gang hör­te sie die ers­ten Stim­men und Schuh­ge­trap­pel. Die Stim­men ka­men nä­her. An­span­nung. Mit ei­nem Ruck flog die Tür auf. Ma­r­cus, ein ru­hi­ger Schü­ler, be­trat als Ers­ter den Raum. Ein kur­z­es Ni­cken in Rich­tung Hei­zung. Nach ihm er­schie­nen drei wei­te­re Jun­gen, die Re­bec­ca mit ei­nem teil­nahms­lo­sen »Mor­gen, Frau Pe­ters!« be­grüß­ten und sich dann zu ih­ren Plät­zen be­ga­ben, um ihre Un­ter­richts­ma­te­ri­a­li­en aus­zu­pa­cken.

Zwei pu­ber­tie­ren­de Mäd­chen, la­chend und zu auf­rei­zend ge­stylt, johl­ten ein fre­ches »Gu­ten Moooor­gen!« in den Klas­sen­raum hin­ein. Na­tür­lich! Da­mit je­der mit­be­kam, dass die zwei Di­ven da wa­ren. Eins der Mäd­chen, Na­ta­lie, ga­cker­te be­son­ders laut, um die Auf­merk­sam­keit ih­rer männ­li­chen Mit­schü­ler auf sich zu zie­hen. Mit Er­folg. Nach­dem die Drei­zehn­jäh­ri­ge ihre Ja­cke an die Gar­de­ro­be des Klas­sen­raums ge­hängt hat­te, rich­te­te sie ihr knap­pes rosa Shirt zu­recht, das für die Jah­res­zeit deut­lich zu dünn war. Ihr Po wur­de durch eine blaue, sehr eng sit­zen­de Röh­ren­jeans pas­send zur Gel­tung ge­bracht. Ganz schön ge­wagt für eine Tee­n­a­ge­rin ih­res Al­ters. Wür­de Re­bec­ca, wenn sie Kin­der hät­te, ihre Toch­ter so aus dem Haus ge­hen las­sen?

Na­ta­lies lan­ge, hell­brau­ne Haa­re fie­len ihr in Lo­cken ge­schmei­dig über die Schul­tern. Wie be­ab­sich­tigt rich­te­ten sich die Bli­cke der be­reits an­we­sen­den, pu­ber­tie­ren­den Jun­gen auf das adrett ge­klei­de­te Mäd­chen.

Mit dem Auf­fül­len des Klas­sen­raums ma­xi­mier­te sich die Laut­stär­ke. Noch drei Mi­nu­ten bis zum Stun­den­be­ginn. Re­bec­ca trot­te­te am Lehrer­tisch auf und ab. Ein letz­tes Mal sor­tier­te sie ihre Un­ter­la­gen, über­prüf­te, ob ge­nug Krei­de be­reit­lag, leg­te ihr Lehr­buch griff­be­reit hin, schau­te auf die Arm­band­uhr, glich sie mit der Wand­uhr ab. Dann er­tön­te un­ge­hal­ten das Klin­gel­zei­chen. Ein kräf­ti­ges Zie­hen an der Tür soll­te si­gna­li­sie­ren: Jetzt kann es los­ge­hen! Doch die Schü­ler ver­harr­ten an ih­ren Plät­zen und tausch­ten sich über die Fe­ri­en aus.

»Es hat ge­klin­gelt!«, brüll­te Re­bec­ca. Den Er­war­tun­gen ge­mäß re­a­gier­te nur ein Teil der Ju­gend­li­chen auf ihre Wor­te. »Es hat ge­klin­gelt, Herr­schaf­ten!« Ihre lau­ter ge­wor­de­ne Stim­me zwang zu­min­dest einen Teil der eben noch un­auf­merk­sa­men Schü­ler dazu, sich von ih­ren Plät­zen zu er­he­ben.

»Wir ha­ben viel Zeit. Wir kön­nen auch län­ger ma­chen.« Sie könn­te sich so­fort selbst ohr­fei­gen für die­se zwei un­be­dacht aus­ge­spro­che­nen Sät­ze, die die Un­ru­he be­he­ben soll­ten. Die Siebt­kläss­ler be­lä­chel­ten müde den Ver­such. Sie wuss­ten na­tür­lich aus Er­fah­rung, dass die An­dro­hung sel­ten durch­ge­zo­gen wur­de.

Re­bec­ca muss­te er­ken­nen, dass die Fe­rie­n­i­dyl­le schon nach den ers­ten Mi­nu­ten dem har­ten Schulall­tag ge­wi­chen war.

Nach an­stren­gen­den fünf Mi­nu­ten konn­te end­lich die Be­grü­ßung er­fol­gen, auch wenn im­mer noch ein­zel­ne Schü­ler sich um­dreh­ten oder mit­ein­an­der tu­schel­ten. »Gu­ten Mor­gen!«, er­tön­te ihre stren­ge Leh­rer­stim­me. Un­mo­ti­viert mur­mel­te die Klas­se ihre Be­grü­ßung ent­ge­gen.

Mit ei­ner Ab­bil­dung zum The­ma Zei­chen­set­zung soll­te die Auf­merk­sam­keit der Pu­ber­tie­ren­den auf den neu­en Un­ter­richts­in­halt ge­lenkt wer­den. »Sven­ja, be­schrei­be bit­te die Ka­ri­ka­tur!«, for­der­te Re­bec­ca am Over­head­pro­jek­tor ste­hend die Schü­le­rin auf, die so kurz nach Stun­den­be­ginn be­reits wie­der mit Na­ta­lie im Ge­spräch ver­sun­ken war. Ver­mut­lich muss­ten die bei­den be­quat­schen, wie lan­ge Na­ta­lie in den Fe­ri­en Net­flix ge­schaut oder mit wem Sven­ja wil­de Nach­rich­ten auf Whats­App aus­ge­tauscht hat­te.

»Was?«, frag­te die Ju­gend­li­che geis­tes­ab­we­send. Ei­ni­ge Mit­schü­ler stöhn­ten und er­klär­ten der Stö­re­rin die Auf­ga­be. »Na ja, ich sehe einen Jun­gen, der nicht weiß, ob er ein Kom­ma set­zen soll.« Re­bec­ca kam nicht um­hin, einen schwe­ren Seuf­zer aus­zu­sto­ßen und den Kopf sin­ken zu las­sen, be­vor sie er­klär­te: »Ka­ri­ka­tu­ren habt ihr si­cher­lich im Ge­schichts­un­ter­richt be­han­delt …« Laut­stär­ke bran­de­te auf. Hei­k­les The­ma. Sie selbst hat­te schon Pro­ble­me ge­nug, Dis­zi­plin in die­se Schul­klas­se zu brin­gen. Aber der Ge­schichts­leh­rer war ein ro­tes Tuch. Ei­ni­ge Schü­ler lach­ten oder wink­ten ab. »Bei Herrn Glä­ser ler­nen wir nichts, Frau Pe­ters«, rief Bas­ti von der hin­te­ren Bank­rei­he nach vorn. »Der kann nicht er­klä­ren«, er­gänz­te ein wei­te­rer Schü­ler ganz vorn.

Wei­te­re Siebt­kläss­ler schal­te­ten sich in die Dis­kus­si­on ein. Plötz­lich ging es nicht mehr um die Ka­ri­ka­tur, son­dern nur noch um den Leh­rer, der von den Schü­lern her­un­ter­ge­putzt wur­de. Die Si­tua­ti­on droh­te Re­bec­ca wie so oft in die­ser Klas­se zu ent­glei­ten. »Okay! Okay! Ruhe jetzt! Ist ja gut!«, rief sie ver­zwei­felt in die grö­len­de Men­ge hin­ein.

Als es lei­ser ge­wor­den war, er­klär­te sie die Me­tho­de und nahm an­schlie­ßend eine stil­le Schü­le­rin dran, die das Bild sou­ve­rän be­schrieb. Drei Mi­nu­ten soll­te die­se Ein­stiegs­pha­se dau­ern – ver­stri­chen wa­ren zehn.

Selbst da­nach drang Re­bec­ca nicht zu den Ju­gend­li­chen durch, die ih­ren Un­mut laut­stark kund­ta­ten: »Wozu müs­sen wir das denn schon wie­der be­han­deln?« »Ja, das ma­chen wir seit der Klas­se 5!« Ein­fach un­be­irrt wei­ter­ma­chen und die Dis­kus­si­o­nen un­ter­bin­den, so wie es im Re­fe­ren­da­ri­at ge­lehrt wur­de. Aber das war leich­ter ge­sagt als ge­tan.

Kur­zer­hand igno­rier­te Re­bec­ca die Stö­rer, er­mahn­te zur Ruhe und zog das Tem­po an. »Leu­te, ihr macht die meis­ten Feh­ler im Be­reich der Kom­ma­set­zung. Ihr braucht drin­gend eine Wie­der­ho­lung! Au­ßer­dem müsst ihr Kom­mas set­zen kön­nen, wenn ihr zum Bei­spiel Be­wer­bun­gen schreibt oder einen förm­li­chen Brief. Ver­steht doch, dass …«

Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men hör­te ihr nie­mand der drei­und­zwan­zig Schü­ler zu. Ei­ni­ge Ju­gend­li­che schau­ten ge­lang­weilt an die Ta­fel und be­ka­men zu­min­dest einen Teil der Übun­gen und Er­klä­run­gen mit. An­de­re re­de­ten mit dem Ban­knach­barn oder mal­ten auf ih­ren Un­ter­la­gen her­um.

End­lich – das Klin­gel­zei­chen nach ei­ner Drei­vier­tel­stun­de Schwerst­a­r­beit. Die Schü­ler ver­lie­ßen an­ge­regt quas­selnd den Raum, wäh­rend Re­bec­ca wie er­schos­sen in ih­ren Stuhl zu­rücksank und an­ge­sichts der an­ste­hen­den zwei Frei­stun­den nun mein­te, ab­schal­ten zu kön­nen. Ruhe. Sie schau­te zu­erst nach drau­ßen, be­schloss aber, dem trost­lo­sen Win­ter­wet­ter kur­zer­hand ge­dank­lich zu ent­flie­hen.

Die gest­ri­ge Rei­se­sen­dung und ihr Traum wa­ren die ers­ten kon­tras­t­reichs­ten Ge­dan­ken, die ihr in den Sinn ka­men. Sie flo­gen hin­aus aus der Schu­le, hin zum ers­ten ge­mein­sa­men Som­mer­ur­laub mit Paul vor sechs Jah­ren auf La Re­uni­on. Ne­ben end­los schö­nen Wan­de­run­gen zu den noch jun­gen Vul­ka­nen der In­sel er­in­ner­te sich Re­bec­ca zu­rück an einen sehr schö­nen Abend am Strand. Paul und sie ka­men ge­ra­de vom Abend­es­sen aus ei­nem Re­stau­rant und woll­ten den Son­nen­un­ter­gang ge­ni­e­ßen. Die Wel­len um­spül­ten ihre nack­ten Füße beim Spa­zier­gang am Strand von Saint De­nis. Der Blick reich­te bis tief auf das Meer hin­aus, wo am Ho­ri­zont lang­sam die Son­ne un­ter­ging und als noch halb­run­de Ku­gel das tief­blaue Was­ser über­wölb­te.

Un­er­war­tet zog ihr Freund sie vom Ufer weg, hin zu ei­nem klei­nen Wäld­chen, was sich in Ufer­nä­he be­fand. Da es an die­sem Tag furcht­bar heiß ge­we­sen war, trug Re­bec­ca an ih­rem ver­schwitz­ten Kör­per le­dig­lich ein leich­tes ro­tes Som­mer­kleid, das ihr Paul mit sei­ner da­mals noch über­schwäng­li­chen Lei­den­schaft über den Kopf streif­te. Nun stand sie halb­nackt in ei­nem pink­fa­r­be­nen Bi­ki­ni da, den sie wäh­rend des Ta­ges am Meer an­ge­habt hat­te.

Im Ge­gen­satz zu heu­te sah Paul in den ers­ten Jah­ren ih­rer Be­zie­hung durch­aus an­sehn­lich aus: Er be­saß einen fla­chen Bauch, den er durch re­gel­mä­ßi­gen Sport in Form hielt. Von da­her konn­te es Re­bec­ca kaum er­war­ten, ih­rem frisch­ge­ba­cke­nen Freund nun ih­rer­seits die kur­ze Hose so­wie das Shirt aus­zu­zie­hen. Genüss­lich knöpf­te sie sei­ne Hose auf, auf der sich be­reits die Wöl­bung sei­ner Lei­den­schaft ab­zeich­ne­te. Ver­mut­lich mach­te ihn die Vor­stel­lung an, gleich im Frei­en Sex zu ha­ben.

Re­bec­ca streif­te ihm sinn­lich die Hose über den Po. An­schlie­ßend zog sie ihm das Shirt über den Kopf. Wäh­rend sie Paul lang­sam ent­klei­de­te, folg­te ein aus­gie­bi­ger feuch­ter Zun­gen­kuss. Ihre Küs­se von da­mals wa­ren lei­den­schaft­lich und in­nig, so wie man sie aus­tauscht, wenn man sich sehr ver­traut ist.

Pauls eri­gier­tes Glied press­te sich zu­se­hends stär­ker an Re­bec­cas Ober­schen­kel. Weil er nicht gleich das Bi­ki­ni­o­ber­teil zu öff­nen be­kam, muss­te sie ihm hel­fen. Pa­nik bran­de­te plötz­lich in ihr auf: Könn­ten Be­su­cher am Strand sein und sie in der leich­ten Däm­me­rung se­hen? »Mach dir kei­ne Ge­dan­ken, da ist nie­mand mehr«, raun­te Paul ihr zu, so­dass sie ihre Scheu ab­leg­te. Ins­ge­heim aber mach­te auch sie die Vor­stel­lung geil, beim Vö­geln er­wi­scht zu wer­den.

Ele­gant streif­te sie sich ihr Bi­ki­nihös­chen über ih­ren Po, so­dass es sach­te auf den Sand­bo­den glitt. Als auch Paul nackt vor ihr stand, rieb Re­bec­ca mit ih­ren Fin­gern über die pral­le Ei­chel.

Ob sich die Klei­dung acht­los hin­ge­wor­fen auf dem schä­bi­gen Sand­bo­den be­fand, war ihr egal. Es zähl­te nur, den Mo­ment mit al­len Sin­nen zu ge­ni­e­ßen.

Wie be­rauscht hör­te sie dem Meer zu, das sich im Hin­ter­grund sei­nen Weg ans Ufer such­te und sich dort in Wel­len brach. Auf der an­de­ren Sei­te nahm sie lei­se Ge­räu­sche wahr, die aus Rich­tung des Wal­des ka­men. Vo­gel­stim­men, Gril­len und das Ra­scheln der Ech­sen im Laub be­glei­te­ten sie akus­tisch bei dem nun fol­gen­den Lie­bes­s­piel.

Sie lie­ßen sich auf den noch war­men Sand­bo­den glei­ten. Re­bec­ca knie­te sich vor ih­ren Freund hin, wäh­rend Paul ste­hen blieb und sei­nen Un­ter­leib nun lang­sam in Rich­tung ih­res Mun­des schob. Zärt­lich um­fing sie die Ei­chel mit ih­ren vol­len Lip­pen und ließ sie sanft über die Spit­ze sei­nes Lust­zen­trums glei­ten. Hin und wie­der stöhn­te Paul leicht auf, wenn sie die Ei­chel aus der Um­klam­me­rung lös­te, mit den Hän­den am Schaft rieb oder die Ho­den kne­te­te und da­bei mit der Zun­ge sanft nach­ha­lf.

Um sich auf das Rau­schen des Mee­res und auf Pauls Phal­lus in ih­rem Mund zu kon­zen­trie­ren, schloss Re­bec­ca die Au­gen. Sie lieb­kos­te den Pe­nis nun auf im­mer in­ni­ge­re Art und Wei­se. Här­ter sog sie dar­an und je tie­fer und an­züg­li­cher sie ih­ren Mund um ihn schloss, des­to tie­fer keuch­te Paul auf. Dann hielt sie inne, schau­te zu ihm auf. Lust­voll flüs­ter­te sie: »Ich will dich noch spü­ren, be­vor du kommst.«

Er glitt zu ihr nach un­ten auf die Erde, küss­te sie wie­der hef­tig, wäh­rend er mit sei­ner Hand ihre Brüs­te mas­sier­te. Sei­ne Fin­ger be­rühr­ten sanft ihre Brust­wa­r­zen und die Nip­pel rich­te­ten sich auf. Dann drück­te Paul sie mit sei­nem Ober­kör­per nach un­ten auf die Erde, wo Re­bec­ca auf dem Rü­cken zum Lie­gen kam. Trotz des wei­chen Sands über­rasch­te sie die un­ge­ahn­te Här­te des Erd­bo­dens. Sie hielt ihn zu­rück, so­dass er noch nicht in sie ein­drin­gen konn­te. »Halt, war­te. Es ist zu hart.« Sie knie­te sich hin und dreh­te ihm den Rü­cken zu.

In dem dunk­len Wald, in den sie nun hin­ein­schau­te, konn­te sie gar nichts mehr er­ken­nen. Dann spreiz­te Re­bec­ca ihre Bei­ne. Ihre Hand um­fing sei­nen Pe­nis, als er ver­such­te, in sie ein­zu­drin­gen. Paul muss­te noch ein we­nig aus­har­ren. Sie rieb die Ei­chel­spit­ze über ih­ren Kitz­ler, wie­der und wie­der, um sich selbst wei­ter zu sti­mu­lie­ren. Paul stöhn­te da­bei lust­voll in die Nacht hin­ein. Mit ei­nem in­ten­si­ven Stoß glitt er in sie hin­ein. Tem­pe­ra­ment­voll be­weg­te sich Re­bec­ca wie eine Ama­zo­ne vor und zu­rück.

Paul hielt sich an ih­rer Hüf­te fest und mit je­dem Stoß wur­de das Ge­fühl, ihn in sich zu spü­ren, deut­li­cher und tie­fer wahr­nehm­bar …

»Frau Pe­ters?«, er­tön­te plötz­lich eine Mäd­chen­stim­me. Re­bec­ca schreck­te aus ih­ren un­an­stän­di­gen Ge­dan­ken hoch. »Sie sind ja noch da. Ent­schul­di­gen Sie bit­te, ich habe mein Bio­lo­gie­buch ver­ges­sen«, mur­mel­te Sa­rah, eine der Siebt­kläss­le­rin­nen. Der Blick auf die Uhr ver­ri­et Re­bec­ca, dass gute zehn Mi­nu­ten ver­gan­gen wa­ren, seit es zur zwei­ten Stun­de ge­klin­gelt hat­te. Sa­rah schweb­te flink zu ih­rem Platz, zog ein Buch un­ter ih­rer Bank her­vor und ver­schwand dann, einen mus­tern­den Blick zum Lehrer­tisch wer­fend, aus dem Klas­sen­raum.

Re­bec­ca spür­te die Lust in ih­rem In­ne­ren auf­grund der eng über­ein­an­der­ge­schla­ge­n­en Ober­schen­kel. Sie sehn­te sich da­nach, die alte Lei­den­schaft in ih­rer Be­zie­hung wie­der auf­le­ben zu las­sen, auf­re­gen­dem Sex nach­zu­ge­hen, so wie am Be­ginn ih­rer Part­ner­schaft mit Paul.

Für mehr Ge­dan­ken fehl­te die Zeit. Ein kur­z­er Griff zu den Schul­ma­te­ri­a­li­en, die noch ein­sor­tiert wer­den muss­ten. Dann mach­te sie sich auf den Weg Rich­tung Leh­rer­zim­mer. Die schwe­re Ta­sche zog ihre Schul­tern nach un­ten und ließ sie den Blick starr auf den nack­ten, grau­en Bo­den rich­ten.

Im Leh­rer­zim­mer an­ge­kom­men, fand sie einen No­tiz­zet­tel der Se­kre­tä­rin in ih­rem Fach vor: »Frau Kres­ser wünscht Rü­ck­ruf we­gen Mar­tin«. Die Fest­netz­num­mer hat­te Frau Schnei­der mit Rot dar­un­ter­ge­schrie­ben.

Re­bec­ca stöhn­te laut auf. Mar­tin war der Schü­ler in ih­rer Klas­se, der ihr die meis­ten Pro­ble­me be­rei­te­te: Sei­ne Leis­tun­gen wa­ren mi­se­ra­bel. Bis­her hat­te es je­doch je­des Schul­jahr ge­ra­de­so ge­reicht, um den An­for­de­run­gen zu ge­nü­gen und nicht sit­zen­zu­blei­ben. Aber nun schien die Si­tua­ti­on aus­weg­los.

Re­bec­ca ahn­te be­reits, dass Frau Kres­ser mit ihr einen Ter­min ver­ein­ba­ren woll­te, um sich über die Leis­tun­gen ih­res Jun­gen zu in­for­mie­ren und um Mög­lich­kei­ten zur Ver­bes­se­rung zu er­ör­tern. Ne­ben den un­ter­durch­schnitt­lich schlech­ten schu­li­schen Leis­tun­gen hat­te Mar­tin dar­über hin­aus mas­si­ve Pro­ble­me da­mit, sich an Re­geln und Ab­spra­chen zu hal­ten. Er kom­men­tier­te per­ma­nent die Ent­schei­dun­gen der Lehr­kraft, stör­te, misch­te den Un­ter­richt und sei­ne Mit­schü­ler auf oder sorg­te in den Pau­sen für laut­star­ke Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den. An ein ru­hi­ges Ar­bei­ten mit ihm im Un­ter­richt war nicht zu den­ken. Re­bec­ca wünsch­te ins­ge­heim, dass er die Schu­le am Schul­jah­res­en­de ver­ließ und sie ihn nie mehr wie­der­se­hen muss­te.

Es schnei­te im­mer noch leicht, als sie sich auf den Weg ins Se­kre­ta­ri­at be­gab. An den Fens­tern des Schul­ge­bäu­des perl­ten die Trop­fen ab. Das trost­lo­se Wet­ter und die trist auf der Stra­ße fah­ren­den Au­tos, die wie graue Mäu­se über den As­phalt husch­ten, spie­gel­ten ihre ei­ge­ne de­so­la­te Ge­fühl­sla­ge wi­der.

Re­bec­ca klopf­te an die Tür zum Se­kre­ta­ri­at an und trat ein. »Frau Schnei­der, Sie ha­ben mir einen Zet­tel ins Fach ge­legt. Ich möch­te den An­ruf gleich er­le­di­gen.« Die Se­kre­tä­rin nick­te und wies ihr den Platz ge­gen­über ih­rem Schreib­tisch zu. Nach der Über­g­a­be des Te­le­fons wähl­te Re­bec­ca die auf dem Zet­tel ver­merk­te Num­mer. Es klin­gel­te, aber nie­mand hob ab. »Ko­misch. Ich weiß, dass die Mut­ter da­heim ist. Ich war­te kurz und ver­su­che es dann noch mal.«

Sie fiel in den Stuhl zu­rück, des­sen wei­che Leh­ne sich an ih­ren Rü­cken an­schmieg­te. Für einen kur­z­en Mo­ment der Ruhe stütz­te sie den El­len­bo­gen auf dem Tisch ab und leg­te eine Hand an die Wan­ge.

Die Se­kre­tä­rin hat­te sich in­zwi­schen dem Com­pu­ter zu­ge­wandt und be­gann da­mit, et­was ein­zu­tip­pen. Die Zeit strich da­hin und Re­bec­ca rich­te­te ih­ren Blick aber­mals aus dem Fens­ter hin­aus, wo sie noch im­mer das grau-graue Win­ter­wet­ter vor­fand.

Ein er­neu­ter Griff zum Te­le­fon brach­te wie­der nicht den ge­wünsch­ten Er­folg. »Selt­sam«, mur­mel­te sie vor sich hin, als er­neut nur das Frei­zei­chen kam, aber nie­mand am Ende der Lei­tung ab­nahm. Sie ließ den Hö­rer zu­rück auf sei­ne Ver­an­ke­rung glei­ten.

Auf ein­mal er­tön­te ein lau­tes Öff­nen der Tür hin­ter ihr und Re­bec­ca zuck­te zu­sam­men. Schul­lei­ter Tan­nen­ber­ger trat mit ei­nem Mann, ei­ner Frau und ei­nem Ju­gend­li­chen her­aus. »Also, wenn et­was sein soll­te, Sie kön­nen sich je­der­zeit bei mir mel­den, wir fin­den einen Ter­min«, sag­te der Di­rek­tor in ge­wohnt freund­li­chem Ton und gab den Drei­en förm­lich die Hand. Ein klei­nes Lä­cheln husch­te über sein Ge­sicht, als er Re­bec­ca auf dem Stuhl im Se­kre­ta­ri­at er­blick­te.

Sie schau­te zu den drei aus dem Büro her­aus­tre­ten­den Per­so­nen, die sich am Tre­sen des Se­kre­ta­ri­ats be­fan­den und im Be­griff wa­ren, den Raum zu ver­las­sen.

Nur flüch­tig streif­te Re­bec­ca der Blick des etwa zwan­zig­jäh­ri­gen Man­nes, der aber so­fort weg­sah. Er griff in sei­ne dun­kel­brau­nen, fast schwa­r­zen Haa­re und sah nach un­ten auf den Bo­den, wirk­te an­ge­spannt.

In dem kur­z­en Mo­ment, in dem Re­bec­ca sein eben­mä­ßi­ges Ge­sicht wahr­neh­men konn­te, durch­fuhr sie eine un­ge­ahn­te Sehn­sucht, die­ses nä­her zu er­grün­den. Auch sein Kör­per wirk­te al­les an­de­re als ju­gend­lich. Un­ter dem schwa­r­zen Pull­over zeich­ne­te sich ein gut trai­nier­ter Kör­per ab. Als die Fa­mi­lie das Se­kre­ta­ri­at ver­ließ, er­wi­sch­te sich Re­bec­ca da­bei, wie sie dem jun­gen Mann auf sei­nen wohl­ge­form­ten Hin­tern starr­te, der sich un­ter der eng an­lie­gen­den Hose ab­zeich­ne­te.

»Frau Pe­ters, wol­len Sie zu mir?«, frag­te der Schul­lei­ter, der noch im­mer im Tür­rah­men stand. Re­bec­ca dreh­te sich ruck­ar­tig zu ihm her­um. »Wie bit­te?« Er lach­te auf. »Ich dach­te, Sie wol­len zu mir, weil Sie hier war­ten.« »Nein, ich muss je­man­den an­ru­fen, aber die Mut­ter geht nicht ans Te­le­fon«, er­wi­der­te sie knapp. »Ach so, gut.« Tan­nen­ber­ger ver­schwand, die Tür hin­ter sich zu­schla­gend, in sei­nem Büro.

»Sa­gen Sie, Frau Schnei­der: Ken­nen Sie die Fa­mi­lie, die eben beim Schul­lei­ter war? Ich habe die Leu­te noch nie vor­her ge­se­hen.« Die Se­kre­tä­rin schau­te im Ter­min­ka­len­der des Di­rek­tors nach. »Fa­mi­lie Kla­ge«, mein­te sie ohne vom Ka­len­der auf­zu­bli­cken. »Ihr Sohn Elou­an wird ab mor­gen hier zur Schu­le ge­hen.« Re­bec­ca muss­te bei der Vor­stel­lung, ih­rem zu­künf­ti­gen Schü­ler un­ge­ni­ert auf den Po ge­st­arrt zu ha­ben, schmun­zeln.

Dann griff sie zum Te­le­fon­hö­rer und wähl­te er­neut. Dies­mal war Mar­tins Mut­ter am an­de­ren Ende der Lei­tung. »Gu­ten Tag, Frau Kres­ser, hier ist Re­bec­ca Pe­ters.« »Schön, dass Sie zu­rück­ru­fen.« »Kein Pro­blem, ich habe ge­ra­de eine Frei­stun­de.«

Die Schlei­me­rei nö­tig­te Re­bec­ca jetzt schon al­les ab. »Was kann ich für Sie tun?« »Ich den­ke, wir soll­ten in die­sem Halb­jahr Mar­tins Leis­tun­gen, vor al­lem die in den Fremd­spra­chen, von An­fang an im Blick be­hal­ten. Bis­her ha­ben wir uns ja le­dig­lich un­ter­hal­ten, wenn die No­ten auf 5 stan­den und sei­ne Ver­set­zung ge­fähr­det war«, hol­te die Mut­ter aus. »Ich fin­de, wir soll­ten uns in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den zu­sam­men­set­zen, um über sei­ne Leis­tun­gen und sein Ver­hal­ten zu spre­chen. Was hal­ten Sie da­von?«

Re­bec­ca fehl­ten an­ge­sichts der re­so­lu­ten Stim­me am an­de­ren Ende der Lei­tung, die ihr den Takt der Un­ter­hal­tung vor­gab, die Wor­te. Am liebs­ten hät­te sie in den Hö­rer ge­brüllt, dass sie von der Vor­stel­lung, die­se Frau ab jetzt stän­dig zu se­hen, so gar nichts hielt. Trotz­dem ant­wor­te­te Re­bec­ca ge­küns­telt eu­pho­risch: »Eine fa­bel­haf­te Idee. Wel­che Ab­stän­de ha­ben Sie denn da im Blick?« Hof­fent­lich nur alle zwei Mo­na­te! »Sa­gen wir, alle zwei Wo­chen?« »Ist in Ord­nung«, muss­te Re­bec­ca zu­rück­ge­ben und ver­such­te gleich zu ent­schär­fen: »Las­sen Sie uns aber erst ge­gen Mit­te März be­gin­nen. Bis jetzt sind noch kei­ne No­ten ver­ge­ben wor­den. Ich den­ke …« »Frau Pe­ters«, wur­de sie schroff un­ter­bro­chen. »Ge­nau das ist das Pro­blem: Wenn wir Mar­tin nur auf sei­ne Leis­tun­gen re­du­zie­ren, wird er nie Selbst­ver­trau­en ent­wi­ckeln. Da­her soll­ten wir so­fort mit den Ge­sprä­chen be­gin­nen und ihn beim Ler­nen un­ter­stüt­zen. Er muss mer­ken, dass wir bei­de an ei­nem Strang zie­hen, ver­ste­hen Sie?«

Eine pein­li­che Pau­se durch­ström­te den Te­le­fon­hö­rer. Re­bec­ca muss­te ver­dau­en, dass sie eben in un­an­ge­mes­se­ner Art und Wei­se zu­recht­ge­stutzt wor­den war. »In Ord­nung. Wann schla­gen Sie den ers­ten Ter­min vor?«

Re­bec­ca biss sich auf die Un­ter­lip­pe. »Die­sen Frei­tag.« »Das ist zu kurz­fris­tig. Da habe ich einen Arzt­ter­min«, log sie. »Gut, dann nächs­te Wo­che. Ich wür­de mich noch mal te­le­fo­nisch mel­den und eine Uhr­zeit mit Ih­nen ver­ein­ba­ren«, sag­te Frau Kres­ser re­so­lut. Um ihre Ruhe zu ha­ben, wil­lig­te Re­bec­ca ein und leg­te nach ei­nem kur­z­en »Ja, auf Wie­der­hö­ren« auf. Frau Schnei­der lä­chel­te mit­leids­voll. »An­stren­gen­de El­tern?« Re­bec­cas Au­gen­rol­len muss­te Ant­wort ge­nug sein.

Bis kurz vor dem Mit­tag­es­sen kreis­ten die Ge­dan­ken in Re­bec­cas Kopf. Un­zu­rei­chend konn­te sie sich auf die Zehnt­kläss­ler kon­zen­trie­ren, bei de­nen sie bis kurz vor der gro­ßen Pau­se Deutsch un­ter­rich­tet hat­te. Trotz des zei­ti­gen Schul­schlus­ses am Mon­tag woll­te sich nur be­dingt Freu­de dar­über in ihr breit­ma­chen.

Um für einen Mo­ment al­lein zu sein und sich den Ein­drü­cken des ers­ten Schul­tags hin­zu­ge­ben, be­schloss Re­bec­ca, im lee­ren Klas­sen­zim­mer der Zehnt­kläss­ler die Pau­se ab­zu­war­ten und da­nach es­sen zu ge­hen.

Ge­dan­ken­ver­lo­ren stand sie am Fens­ter und starr­te in den Schul­hof hin­ab, in dem sich die Schü­ler trotz der win­ter­li­chen Käl­te tum­mel­ten. Der Wind hat­te auf­ge­frischt und es schnei­te jetzt et­was kräf­ti­ger. Die bun­ten Ge­stal­ten auf dem Hof trotz­ten der Käl­te, wa­r­fen sich Schnee­bäl­le ins Ge­sicht, seif­ten sich ge­gen­sei­tig ein oder form­ten klei­ne Fi­gu­ren.

Die gro­ße Bu­che, die Re­bec­ca vom Fens­ter aus sah, wirk­te wie ein tau­sen­de Jah­re al­tes Boll­werk in­mit­ten der stän­dig wech­seln­den Jah­res­zei­ten und Ge­sich­ter, auf die sie Tag für Tag, Jahr ein Jahr aus her­abblick­te. Sie wür­de die Zei­ten über­dau­ern und auch in hun­dert Jah­ren noch be­hü­tend über den Kin­dern wa­chen.

Aber Gott, was war das heu­te für ein Tag! Und das war nur ei­ner von vie­len! Wo wür­de sie in zehn, zwan­zig oder mehr Jah­ren ste­hen? Wür­de sie dann end­lich die Leh­re­rin sein, die sie sein woll­te – re­spek­tiert und ge­ach­tet? Wür­den die Kor­rek­tu­ren we­ni­ger wer­den, wür­de sie mehr freie Zeit ha­ben?

Wäh­rend sie noch dar­über nach­dach­te, leer­te sich der Schul­hof zum Ende der Pau­se. Re­bec­ca griff nach ih­rer schwa­r­zen Schul­ta­sche, hol­te die Ja­cke aus dem Leh­rer­zim­mer und ging in Rich­tung Men­sa. Schrei­en­de, auf­ge­reg­te Scha­ren von Pu­ber­tie­ren­den kreuz­ten ih­ren Weg.

In der Men­sa saß be­reits Ha­rald am Tisch. Er hat­te einen Tel­ler Nu­deln mit To­ma­ten­so­ße und Wurst­stü­ck­chen vor sich ste­hen und kau­te lang­sam auf ih­nen her­um. An der Es­sens­aus­ga­be ste­hend, wink­te Re­bec­ca ih­rem Deutsch­kol­le­gen zu und war­te­te dar­auf, eben­falls das Nu­del­ge­richt zu er­hal­ten. Als sie mit dem Ta­blett auf dem Arm zum Tisch ging, sah sie Fred­dy den Raum be­tre­ten.

»Und wie war dein ers­ter Tag?«, woll­te Ha­rald wis­sen, als sie sich hin­setz­te. Re­bec­ca at­me­te tief durch. »Ging. Die Sie­be­ner ha­ben er­war­tungs­ge­mäß ge­stört. Mor­gen habe ich die El­fer, da ist es ru­hi­ger«, sag­te sie leicht lä­chelnd und schob sich einen Hap­pen Nu­deln in den Mund.

Ihr war be­wusst, dass die Ober­stu­fen­schü­ler ihre Ruhe ha­ben woll­ten und da­her nicht stör­ten. »Ach siehst du, da fällt mir ein: Ich habe doch einen neu­en Schü­ler bei mir im Kurs sit­zen: Elou­an Kla­ge. Er und sei­ne El­tern wa­ren heu­te beim Schul­lei­ter. Ich war zu­fäl­lig im Se­kre­ta­ri­at und habe sie ge­se­hen. Du sag­test doch«, an Ha­rald ge­wandt, »du wür­dest ihn ken­nen.« Der äl­te­re Mann räus­per­te sich, mach­te eine klei­ne Kunst­pau­se. »Elou­an Kla­ge war schon ein­mal bei uns.« »Ach so? War er ein Jahr im Aus­land und kommt jetzt wie­der oder was?« Wie­der ein Räus­pern.

Er leg­te die Ga­bel bei­sei­te, beug­te sich leicht nach vorn und sag­te dann be­stimmt: »Nein, Elou­an war vor …«, über­leg­te er, »drei oder vier Jah­ren bei uns an der Schu­le. Ich glau­be Mit­te der elf­ten Klas­se war er plötz­lich weg. Nie­mand wuss­te so ge­nau, was mit dem Jun­gen war, aber …«, un­ter­brach er sei­nen Satz, um sich mit fra­gen­dem Ge­sicht Fred­dy zu­zu­wen­den, der sich in­zwi­schen auch zu ih­nen ge­sellt hat­te.

»Weißt du noch, was da­mals ge­nau vor­ge­fal­len ist? Im­mer­hin war er doch in dei­nem La­tein­un­ter­richt, oder?« Fred­dy nick­te viel­sa­gend. Dann leg­te auch er die Ga­bel zur Sei­te und sprach, als emp­fän­de er es als ein gro­ßes Pri­vi­leg, Re­bec­ca in ein Ge­heim­nis ein­zu­wei­hen: »Mit­ten im zwei­ten Halb­jahr war er auf ein­mal nicht mehr da. Erst von der da­ma­li­gen Klas­sen­leh­re­rin er­fuh­ren wir, dass der Jun­ge psy­chi­sche Pro­ble­me hat­te und da­her in eine Ner­ven­heil­an­stalt ge­kom­men war. Aber so ge­nau … Hm, so ge­nau weiß ich das auch nicht. Ist schon eine gan­ze Wei­le her. Müss­te aber in den Un­ter­la­gen noch al­les zu fin­den sein.«

»Ver­ste­he.« Re­bec­ca über­leg­te kurz. »Wenn er nach drei Jah­ren in die Klas­se 11 ein­steigt, dann ist er ja …« »Auf alle Fäl­le be­reits voll­jäh­rig«, grins­te Fred­dy. »Mal se­hen, wie er sich dies­mal an­stellt …«

Er nahm sei­ne Ga­bel wie­der in die Hand und aß wei­ter. »Was meinst du da­mit?« Fred­dys mehr­deu­ti­ge Aus­sa­ge und sein Schmun­zeln er­schlos­sen sich Re­bec­ca nicht.

»Nun ja, Elou­an«, sag­te Ha­rald, »war ein cle­ver­es Kerl­chen, aber mit sei­ner ver­rück­ten Art hat er sich kei­ne Freun­de ge­macht. Trat auf, als wäre er der Schul­lei­ter hier, kleb­te am Leh­rer dran, misch­te sich ein, wäh­rend Er­wach­se­ne spra­chen.«

Schwei­gen leg­te sich über sie. Die Wor­te der Kol­le­gen hall­ten in Re­bec­cas Kopf nach. Auf sie wirk­te er ganz nor­mal.

Mit der Wurst­stul­le in der Hand stand Re­bec­ca am Diens­tag vor dem Ver­tre­tungs­plan des Leh­rer­zim­mers, als Hei­di, Elou­ans Tu­to­rin, den Raum be­trat. »Und, hat­test du schon Deutsch bei Lou?«

Re­bec­ca, die ge­ra­de da­bei war, das Ge­wirr an Zet­teln am Schwa­r­zen Brett zu sor­tie­ren, er­schrak und schau­te Hei­di ins Ge­sicht. Wen mein­te die Bio­lo­gie­kol­le­gin?

»Du un­ter­rich­test doch Deutsch in mei­nem Kurs. Hast du Elou­an schon ken­nen­ge­lernt?« Re­bec­ca schüt­tel­te den Kopf. »Nein, die kom­men­de Stun­de erst. Aber sag mal, Hei­di, wo du ge­ra­de da bist … Ich habe mich ges­tern mit Ha­rald und Fred­dy un­ter­hal­ten. Sie ha­ben mir ei­ni­ges über Elou­an er­zählt.« Hei­di lach­te auf. »Be­stimmt ha­ben ihn die bei­den für ver­rückt er­klärt.« Re­bec­ca nick­te.

»Du soll­test dir ein ei­ge­nes Ur­teil bil­den. Bei ei­nem Kol­le­gen ist er so, beim an­de­ren so. Ich kann mir vor­stel­len, dass ein Schü­ler wie Elou­an nicht un­be­dingt viel von La­tein hält. Er ist ein sehr emo­ti­o­na­ler Mensch«, sag­te sei­ne Tu­to­rin.

»Wie alt ist er?« »Zwan­zig.« Hei­di schau­te auf die Uhr, die auch Re­bec­ca dar­an er­in­ner­te, dass der Un­ter­richt in zehn Mi­nu­ten be­gin­nen wür­de. »Wir re­den mal, wenn wir un­ge­stört sind, ja?«

Re­bec­ca schul­ter­te ihre Schul­ta­sche und ver­ließ zu­sam­men mit ih­rer Kol­le­gin das Leh­rer­zim­mer, das in­zwi­schen zu ei­nem Stall vol­ler wild ge­wor­de­ner Hen­nen und auf­ge­bla­se­n­er Häh­ne mu­tiert war. Im Ge­gen­satz dazu herrsch­te auf dem lee­ren Gang eine an­ge­neh­me Stil­le vor. Nur die Ab­sät­ze von Re­bec­cas Stie­fel er­zeug­ten einen har­ten Takt, der an den Wän­den des Ge­bäu­des wi­der­hall­te.

Am Kurs­raum an­ge­kom­men, schloss sie die Tür auf, um an­schlie­ßend das Deutsch­buch und ihre Un­ter­la­gen für die heu­ti­ge Stun­de aus­zu­pa­cken. Vor­freu­de er­füll­te sie an­ge­sichts des nun an­ste­hen­den Ken­nen­ler­nens mit dem ihr noch un­be­kann­ten, aber höchst in­ter­es­sant er­schei­nen­den Schü­ler.

Wäh­rend die letz­ten Stim­men auf dem Schul­hof ver­schwan­den, be­tra­ten be­reits ei­ni­ge Elft­kläss­ler den Raum. Ei­ner nach dem an­de­ren ging zu sei­nem ge­wohn­ten Platz, pack­te die Schul­sa­chen aus und war­te­te auf das na­hen­de Klin­gel­zei­chen. Bis auf Elou­an wa­ren alle Ju­gend­li­chen im Zim­mer.

Die Elft­kläss­ler wärm­ten die Stüh­le an und starr­ten ge­lang­weilt vor sich hin oder re­de­ten mit dem Ban­knach­barn. Es klin­gel­te. Lei­se mur­mel­ten die Tee­n­a­ger ihre Be­grü­ßung ent­ge­gen und lie­ßen sich dann in ih­ren Sitz fal­len.

»Wir be­kom­men heu­te einen neu­en Schü­ler. Hat ihn schon je­mand ge­se­hen?«, frag­te Re­bec­ca in die lust­lo­se Run­de. Ali­cia, ein recht cle­ver­es, gut aus­se­hen­des Mäd­chen mel­de­te sich und be­jah­te die Fra­ge.

»Weiß Elou­an, wo er jetzt Un­ter­richt hat?« Die Schü­le­rin zuck­te, mit ei­nem fra­gen­den Ge­sicht ver­se­hen, die Schul­tern.

»Ich sehe mal nach«, sag­te Re­bec­ca und öff­ne­te be­hut­sam einen Spalt der Klas­sen­zim­mer­tür. Ihr Blick schweif­te nach drau­ßen auf den men­schen­lee­ren Gang. Nie­mand zu se­hen. Sie trat hin­aus aus der Tür, um sich um­zu­schau­en. Aber so wie sie den Schritt aus dem Tür­rah­men wag­te, stand auf ein­mal ein schlan­ker jun­ger Mann vor ihr und lä­chel­te sie freund­lich an. Er war Re­bec­ca so nahe, dass sie sein männ­lich her­bes Pa­r­fum rie­chen konn­te. Er ver­ström­te eine ma­gi­sche Aura, der sie sich nicht ent­zie­hen konn­te. Ob er ihre Schüch­tern­heit spür­te? Re­bec­ca fühl­te die auf­stei­gen­de Wär­me in ih­rem In­ne­ren. Ihre Wan­gen muss­ten glü­hen!

»Gu­ten Tag«, sag­te er freund­lich, aber be­stimmt. Sei­ne Stim­me war ju­gend­lich kräf­tig. Sie strahl­te Männ­lich­keit, aber auch Sanft­mut aus. »Ich bin Frau Pe­ters.« »Elou­an.« Wie ly­risch weich er sei­nen un­ge­wöhn­li­chen Na­men aus­sprach. »Nen­nen Sie mich doch bit­te Lou.« Da­bei schüt­tel­te er ihr die Hand. Der Griff war zwar fest, aber noch nicht so ker­nig wie bei al­ten Män­nern. Da war die­ses voll­kom­me­ne Ge­sicht, in das Re­bec­ca ein­tauch­te … Der Mo­ment dehn­te sich. Der Hän­de­druck war et­was zu lang, ge­nau wie der Au­gen­kon­takt. Sei­ne blau­en Iri­den schie­nen ihre brau­nen Pu­pil­len zu durch­boh­ren und für sich ein­neh­men zu wol­len. Den Kampf hat­te sie be­reits jetzt ver­lo­ren.

Mit ei­nem Male fie­len Re­bec­ca die Schü­ler im Zim­mer ein, die auf die Fort­s­et­zung der Un­ter­richts­stun­de war­te­ten. »Komm rein. Such’ dir einen Platz aus«, sag­te sie mit ge­senk­tem, hoch­ro­tem Kopf. Die Wär­me sei­ner Be­rüh­rung durch­flu­te­te sie noch im­mer.

Elou­an pack­te sei­ne Un­ter­richt­s­u­ten­si­li­en aus und sah sich nach den Mit­schü­lern um. Einen in­ten­si­ver­en Blick wid­me­te er der hübsch an­zu­se­hen­den Ali­cia, die er freund­lich an­lä­chel­te. Dann be­gann für Re­bec­ca die ers­te Un­ter­richts­stun­de mit ih­rem neu­en Schü­ler.

Ka­pi­tel 2

Elou­an zog es vor, al­lein zu sit­zen. Ab­seits von ihm: die üb­ri­gen Elft­kläss­ler. Der er­wach­sen wir­ken­de, mys­te­ri­öse neue Schü­ler be­frem­de­te sie und wirk­li­che Freun­de schien der Neu­an­kömm­ling in der Run­de des lust­lo­sen Deutsch­kur­ses eben­falls nicht ge­fun­den zu ha­ben. Neu­er­dings be­trat er zwar zu­sam­men mit Ali­cia den Raum, setz­te sich dann je­doch nicht ne­ben sie. Re­bec­ca in­ter­es­sier­te, wor­über sich die bei­den aus­tausch­ten, konn­te je­doch nie Wort­fet­zen auf­fan­gen.

Wäh­rend die Ju­gend­li­chen ar­bei­te­ten, schau­te sie sich im Kurs um und sah, wie Lou zu sei­ner Mit­schü­le­rin Ali­cia schau­te. Der Grund­kurs be­stand zum über­wie­gen­den Teil aus Jun­gen. Nur vier Mäd­chen sa­ßen Re­bec­ca ge­gen­über. Da­von zog die leis­tungs­star­ke, hübsch an­zu­se­hen­de Ali­cia die größ­te Auf­merk­sam­keit von Elou­an auf sich.

In Ein­zel­a­r­beits­pha­sen nutz­te Re­bec­ca die Ge­le­gen­heit, sich Lou aus der Nähe an­zu­se­hen. Mit sei­nen zwan­zig Jah­ren stach er aus der Mas­se der an­de­ren Ju­gend­li­chen deut­lich her­vor: Sein mar­kan­tes Kinn mit den ro­bus­ten schwa­r­zen Bart­stop­peln ließ sein Ge­sicht ab­ge­klär­ter und rei­fer wir­ken als das man­cher an­de­rer Ju­gend­li­cher in die­sem Kurs. Mal kam er frisch ra­siert in die Schu­le, mal trug er einen ge­pfleg­ten Drei­ta­ge­bart.

Sei­ne blau­en Au­gen lug­ten des Öf­te­ren von dem Deutsch­buch auf und schau­ten sich im Klas­sen­raum um. Un­ver­mit­telt tra­fen sie auf die von Re­bec­ca. »Frau Pe­ters, könn­ten Sie bit­te zu mir kom­men, ich habe eine Fra­ge«, sag­te er über­trie­ben höf­lich. »Si­cher, was gibt es denn?«

Das ak­tu­el­le The­ma hob die meis­ten Ju­gend­li­chen nicht son­der­lich an, aber Lou schien dar­an Ge­fal­len zu fin­den, Re­den aus­ein­an­der­zu­neh­men.

In­zwi­schen stand Re­bec­ca an sei­nem Platz, beug­te sich über sei­ne Schul­ter, um zu schau­en, was er ihr zei­gen woll­te. »Ich kom­me an die­ser Stel­le hier nicht wei­ter. Weiz­sä­cker sagt, nach dem Zwei­ten Welt­krieg …«

Ihre Au­gen wan­der­ten zu sei­nen dunk­len, kur­z­en Haa­ren, hin­ab zu sei­nem blau­en, eng an­lie­gen­den Jeans­hemd und von dort wie­der hoch zu sei­nem Ge­sicht. Ihr fie­len sei­ne ta­del­los ge­ra­de Nase so­wie sei­ne leicht ge­schwun­ge­nen Lip­pen auf. Ihr Ver­stand wur­de zu­sätz­lich durch das männ­lich her­be Pa­r­fum ge­trübt, das sie schon öf­ter an Elou­an ge­ro­chen hat­te und das eine ganz ei­ge­ne Stär­ke ausstrahl­te.

»Und was den­ken Sie dar­über? Kann man mit dem, was der Au­tor hier sagt, mit­ge­hen?« Sei­ne Wor­te wa­ren zur Ne­ben­sa­che ge­wor­den. »Ich muss das … kurz über­flie­gen …« Trotz Re­bec­cas un­pro­fes­si­o­nel­lem Stam­meln und der wir­ren Ant­wort schien Lou mit dem Ge­sag­ten zu­frie­den zu sein, denn er schrieb eif­rig auf, was ihm Re­bec­ca mit­teil­te; wie ein ge­leh­ri­ger Schü­ler, der Ein­druck zu hin­ter­las­sen such­te.

Die üb­ri­gen Elft­kläss­ler wa­ren in ihre Ein­zel­a­r­beit ver­tieft und sa­hen da­her nicht, wie sie ihre Au­gen un­ab­läs­sig auf Elou­an rich­te­te, wäh­rend sie im Raum her­um­lief und vor­gab, sich das Ge­schrie­be­ne der Mit­schü­ler an­zu­se­hen. In Wahr­heit gal­ten Lous Hin­ter­kopf so­wie die schlan­ke Sil­hou­et­te, die sich un­ter sei­nem en­gen Hemd ab­zeich­ne­te, ih­rem In­ter­es­se. Sei­nen An­blick in sich auf­sau­gen, ihm nah sein, sei­ne Prä­senz spü­ren, ein­zig die­se Ge­dan­ken be­glei­te­ten Re­bec­ca, als sie den Raum durch­schritt.

Es wur­de un­ru­hig. Die meis­ten Schü­ler hat­ten die Ein­zel­a­r­beit ab­ge­schlos­sen und war­te­ten nun dar­auf, die Ana­ly­se des Re­de­tex­tes vor­ge­setzt zu be­kom­men. Nor­ma­le­r­wei­se war Ali­cia die ein­zi­ge Schü­le­rin, die ak­tiv mit­a­r­bei­te­te. Nun nahm Elou­an einen Platz ne­ben ihr ein.

»Gut, dann fas­se bit­te die Aus­sa­gen des Tex­tes zu­sam­men.« Die In­halts­an­ga­be ge­lang ihm pro­blem­los.

Für den nächs­ten Teil­schritt der Re­de­ana­ly­se nahm Re­bec­ca eine stil­le Schü­le­rin dran. Wäh­rend das Mäd­chen re­de­te, beug­te sich Lou nach links und be­trach­te­te sie auf­merk­sam. Re­bec­cas Au­gen schweif­ten zwi­schen Elou­an und ihr hin und her und eine un­ge­kann­te Ei­fer­sucht durch­flu­te­te sie. War­um?

Lou mel­de­te sich er­neut, doch Re­bec­ca konn­te ihn nicht per­ma­nent dran­neh­men. »Max?« Elou­an fun­kel­te sie böse an. Da Max kaum er­gie­bi­ge Fak­ten lie­fer­te, for­der­te Re­bec­ca: »Lou, er­gän­ze doch bit­te.« Doch sei­ne Deu­tun­gen gin­gen in eine kom­plett ver­kehr­te Rich­tung.

»Über­le­ge noch mal, ob das wirk­lich rich­tig sein kann.« Die Er­mu­ti­gun­gen zo­gen nicht und Elou­an fiel re­si­gniert in den Stuhl zu­rück. Er blieb bis zum Ende der Stun­de stumm und ver­ließ den Deut­sch­raum bei­nah be­lei­digt, wort­los. War­um hat ihn das so aus der Fas­sung ge­bracht?

Zu Hau­se an­ge­kom­men, schob sich die Au­to­tür ge­nau­so wi­der­wil­lig auf, wie sich Re­bec­cas Kör­per aus dem Wa­gen be­weg­te. Die gan­ze Last der we­ni­gen Schul­ta­ge trug sie be­reits jetzt auf den Schul­tern. Da­bei woll­te sie sich doch mit der Aus­sicht trös­ten, dass es nur we­ni­ge Wo­chen bis zu den Os­ter­fe­ri­en wa­ren.

Beim Ausstei­gen nahm sie so­fort die Schnee­we­hen wahr, die sich in der Ein­fahrt zu klei­nen Dü­nen auf­ge­tan hat­ten. In den letz­ten zwei Ta­gen hat­te es un­un­ter­bro­chen ge­schneit. Es han­del­te sich um sehr nas­sen, schwe­ren Schnee, wes­halb die Stra­ßen zwar frei wa­ren; aber über der Ein­fahrt zum Haus hat­te sich ein dich­ter Man­tel aus wei­ßem Samt ge­legt. Re­bec­ca stapf­te durch die Schnee­de­cke, öff­ne­te die Haus­tür und zog ihre nas­sen Schu­he aus, die sie zum Trock­nen et­was ab­seits stell­te.

Da Paul erst ge­gen sie­ben nach Hau­se kam, muss­te sie sich in der Zwi­schen­zeit um al­les al­lein küm­mern: Schnee weg­räu­men, den ste­hen ge­blie­be­nen Auf­wasch er­le­di­gen und Un­ter­richt vor­be­rei­ten. Am liebs­ten hät­te sich Re­bec­ca jetzt ins Bett ver­kro­chen, die De­cke über den Kopf ge­zo­gen und ge­schla­fen. Noch lie­ber säße sie in ge­nau die­sem Mo­ment in ei­nem Flug­zeug – ir­gend­wo­hin, bloß weit weg von der Schu­le.

Doch es nutz­te nichts. Um sich trüb­sin­ni­gen Ge­dan­ken hin­zu­ge­ben, blieb kei­ne Zeit. Sie ver­stau­te ihre Schul­ta­sche im Ar­beits­zim­mer, zog sich hohe Stie­fel an und trot­te­te nach drau­ßen in die Käl­te. Ihre Pelz­müt­ze hat­te sie tief ins Ge­sicht ge­scho­ben, da ein ei­si­ger Wind weh­te. Der März war be­reits zum Grei­fen nah. Aber an ei­nem so trau­ri­gen Win­ter­tag wie dem heu­ti­gen, an dem sich die Son­ne nicht bli­cken ließ, wur­de es be­reits kurz nach halb fünf fins­ter. Sie muss­te sich be­ei­len, dass sie den Schnee in der Ein­fahrt noch ver­nünf­tig be­sei­tig­te, be­vor Paul nach Hau­se kam.

Ein Kampf zwi­schen dem Schie­ber und dem nas­sen Schnee­matsch zeich­ne­te sich ab, doch Re­bec­ca ge­wann. Eine Schnee­we­he nach der an­de­ren ver­schwand mü­he­voll vom Hof.

Erst 19:15 Uhr nahm sie von ih­rem Ar­beits­zim­mer aus die Schein­wer­fer von Pauls Auto wahr. Ob­wohl sie schon längst Fei­er­abend ha­ben woll­te, saß sie im­mer noch über ih­rem Rech­ner und be­rei­te­te den Un­ter­richt in den mor­gi­gen Klas­sen vor.

Paul brach­te eine un­an­ge­neh­me Käl­te ins Haus hin­ein. Er be­grüß­te Re­bec­ca mit ei­nem leich­ten Kuss auf die Lip­pen. »Machst du schon wie­der so lan­ge?«, frag­te er be­sorgt. »Hm, än­dert sich ein­fach nichts dar­an, dass ich viel zu tun habe. Hast du ge­se­hen, dass ich Schnee ge­scho­ben habe?« Er ver­ließ das Zim­mer. »Ja«, hör­te sie ihn bei­läu­fig mur­meln. Re­bec­ca konn­te nur müde lä­cheln. Ob er wirk­lich re­gis­triert hat­te, wie viel Ar­beit sie auf sich ge­nom­men hat­te?

Sei­ne feh­len­de An­er­ken­nung mach­te ihr ein­mal mehr be­wusst, was für ein igno­ran­ter Typ ihr Freund ge­wor­den war. Die Frus­tra­ti­on stei­ger­te sich noch an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass es in der Vor­be­rei­tung auf die Stun­de mit ih­ren Acht­kläss­lern Pro­ble­me gab. Re­bec­ca fand ein wich­ti­ges Ar­beits­blatt nicht, das sie für eine Ko­pie be­nö­tig­te. We­der in der Abla­ge noch im Ord­ner für die­se Klas­sen­stu­fe war es auf­zu­trei­ben. »So ein Mist«, fluch­te sie vor sich hin.

Paul hör­te da­von nichts. Nach­dem er sei­nen Man­tel aus­ge­zo­gen hat­te, ver­schwand er ins Schlaf­zim­mer. In der Re­gel lag er dort etwa eine hal­be Stun­de, be­vor er zum Es­sen in die Kü­che zu­rück­kehr­te. »Wo zum Hen­ker …« Die Flü­che lie­ßen das Ar­beits­blatt nicht ver­ängs­tigt un­ter dem Blät­ter­sta­pel her­vor­tre­ten. Es blieb ver­schwun­den.

Re­bec­ca schal­te­te ih­ren Lap­top an, um nach­zu­se­hen, ob es dort in­mit­ten der zahl­rei­chen, wild ge­spei­cher­ten Do­ku­men­te auf­tauch­te. Un­ter den ver­mu­te­ten Da­tei­n­amen: Kein Su­ch­er­geb­nis. Viel­leicht das Spei­cher­da­tum? Wann hat­te sie es zu­letzt ge­braucht? Im Re­fe­ren­da­ri­at? Kein Su­ch­er­geb­nis. Ihr blieb kei­ne an­de­re Wahl, als das Ar­beits­blatt noch ein­mal zu er­stel­len, in der Hoff­nung, es an­nä­hernd so zu kon­zi­pie­ren wie ehe­dem.

Wäh­rend sie ge­nervt auf der Ta­s­ta­tur her­um­tipp­te, nä­her­te sich der di­cke Zei­ger der Uhr im­mer mehr der Acht. Ent­spre­chend fiel das Er­geb­nis aus.

Wie ge­rä­dert wach­te Re­bec­ca am kom­men­den Mitt­woch­mor­gen auf. Vor al­lem ihre ei­ge­ne ach­te Klas­se be­rei­te­te ihr be­reits am Früh­stücks­tisch Kopf­zer­bre­chen, wäh­rend sie am Kaf­fee nipp­te.

Wann trat end­lich das Wun­der ein, auf das sie schon so lan­ge Zeit war­te­te und das sie end­lich zu ei­ner re­spek­tier­ten Per­sön­lich­keit her­an­rei­fen las­sen wür­de? Heu­te zu­min­dest kam es nicht zu­stan­de.

Es war die zwei­te Stun­de. Die ner­vi­gen Siebt­kläss­ler la­gen hin­ter Re­bec­ca. Jetzt blie­ben ihr we­ni­ge Mi­nu­ten, um den Raum zu wech­seln und in ih­rer ei­ge­nen ach­ten Klas­se zwei Stun­den Kunst zu ge­ben.

Es hat­te be­reits zur Stun­de ge­klin­gelt, aber weil sie nicht pünkt­lich den Raum der Siebt­kläss­ler ab­schlie­ßen konn­te, war sie zu spät dran und muss­te über den Gang ren­nen, um noch pünkt­lich den Kuns­t­raum zu er­rei­chen. Eine un­an­ge­neh­me, pein­li­che Si­tua­ti­on, die sie auf dem Gang wild vor sich hin flu­chen ließ. Sie kam nie zu spät!

Schon von Wei­tem hör­te sie eine auf­ge­brach­te Meu­te durch die Gän­ge des Kunst­flü­gels ru­fen und grö­len. »Aus­fall!«, rie­fen sie und »Kommt die Alte heu­te etwa nicht?« Wahr­schein­lich ver­ri­e­ten sie die Ab­sät­ze ih­rer Schu­he, die laut auf dem Fuß­bo­den auf­schlu­gen. Zu­min­dest wur­de es et­was lei­ser, als sich Re­bec­ca dem Raum nä­her­te.

Ab­ge­ar­bei­tet und er­schöpft er­reich­te sie die Schü­ler­hor­de, fand aber in der Eile ih­ren Schlüs­sel nicht, mit dem sie mein­te, so­eben den Raum der Siebt­kläss­ler ab­ge­schlos­sen zu ha­ben. Wie irr wühl­te sie in der – ihr in die­sem Mo­ment über­pro­por­ti­o­nal groß er­schei­nen­den – Ta­sche.

Die Un­ru­he bran­de­te wie­der auf und schon schau­te Kol­le­gin Fröh­lich aus ih­rem Raum her­aus, wer die Laut­stär­ke auf dem Gang ver­ur­sach­te.

Nach ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit des Su­chens be­merk­te Re­bec­ca, dass sie den Schlüs­sel gar nicht in der Schul-, son­dern in ih­rer Ho­sen­ta­sche hat­te, aus der sie ihn nun um­ständ­lich her­vor­kra­men muss­te.

Ge­nervt schloss sie den Raum auf und wälz­te ihre schier end­los er­schei­nen­den Un­ter­la­gen, die aus Bü­chern und A 3-Blät­tern be­stan­den, um­ständ­lich auf dem Lehrer­tisch ab.

Eine schüch­ter­ne Schü­le­rin kam nach vorn ge­lau­fen und ent­fal­te­te einen Zet­tel. Da­für hat­te sie ge­ra­de eben gar kei­nen Nerv! »Was ist denn, Su­san­na?« Durch den ei­si­gen Ton­fall blieb dem Mäd­chen vor Schreck der Mund of­fen ste­hen. »Ich habe einen …«, stam­mel­te sie vor sich hin, wäh­rend sie ein Stück Pa­pier auf und zu fal­te­te, »… Kran­ken­schein, den ich Ih­nen ge­ben woll­te.« »Ja gut, leg’ ihn auf den Tisch.« Su­san­na tat wie an­ge­kün­digt und schlich ein­ge­schüch­tert da­von.

War­um muss­te ihre mie­se Lau­ne über das Zu­sp­ät­kom­men aus­ge­rech­net die falschen Kin­der tref­fen? Die Un­ru­he wur­de nicht we­ni­ger und nun fehl­te auch noch das Lehr­buch der Acht­kläss­ler!

Als Re­bec­ca für einen kur­z­en Au­gen­blick auf­schau­te, nahm sie wahr, dass noch im­mer nicht alle Ju­gend­li­chen ihr Schul­zeug aus den Ta­schen und Ran­zen ge­holt hat­ten. »Packt bit­te zü­gig aus, wir fan­gen heu­te mit ei­nem neu­en Kunst­pro­jekt an; da­für braucht ihr viel Zeit!«, brüll­te sie in die nicht zu­hö­ren wol­len­de Schü­ler­meu­te.

Der ein­zi­ge Schü­ler, der of­fen­bar Mit­leid emp­fand, war der Klas­sen­spre­cher, der vor Re­bec­cas Tisch stand und frag­te: »Kann ich Ih­nen hel­fen, Frau Pe­ters?« »Nett von dir, aber …« Wie­der ent­fuhr ihr ein Stöh­nen, weil sie noch im­mer nicht das Lehr­buch ge­fun­den hat­te, das of­fen­bar un­ter den Un­ter­la­gen, die sie acht­los auf den Tisch ge­knallt hat­te, be­gra­ben lag.

»Marc, viel­leicht könn­test du dei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den sa­gen, dass sie lei­ser sein sol­len, wir wol­len gleich an­fan­gen.« Er nick­te, dreh­te sich zu den Mit­schü­lern um, pfiff ein­mal laut und rief aus vol­ler Brust: »Seid jetzt alle lei­se!«

Die Mäd­chen dreh­ten sich nach ihm um. Auch die Jungs ver­stumm­ten kurz­zei­tig, schnat­ter­ten dann aber et­was we­ni­ger laut­stark wei­ter. »Gut so!«, sag­te er selbsti­scher.

Dan­kend lä­chel­te ihm Re­bec­ca zu, war aber nach wie vor frus­triert, weil das Lehr­buch auch un­ter dem Blät­ter­sta­pel nicht auf­zu­fin­den war.

Nach ei­ner wei­te­ren ge­fühl­ten Ewig­keit hat­te sich die Klas­se in­so­weit be­ru­higt, dass der Un­ter­richt be­gin­nen konn­te. Zehn Mi­nu­ten und mit ih­nen die gute Lau­ne von Re­bec­ca wa­ren ver­stri­chen.

»Okay. Wie ihr wisst, be­gin­nen wir heu­te mit ei­nem neu­en Kunst­pro­jekt. Es geht um Ta­ges­zei­ten und ihre Dar­stel­lung in der Kunst. Wir wol­len uns ein paar sol­cher Wer­ke an­se­hen und be­schrei­ben. Ihr fin­det sie im Lehr­buch, Sei­te …«

Sie ging an den mitt­le­ren Tisch in der vor­ders­ten Rei­he, an dem ihr »Lieb­lings­schü­ler« Mar­tin saß. »Sei­te 139«, sag­te sie zü­gig, die eben ein­kehr­te Ruhe aus­nut­zend.

Doch schon hat­te El­len einen dum­men Spruch pa­rat, mit dem sie Re­bec­ca aus der Fas­sung brin­gen konn­te. »Frau Pe­ters hat ihr Lehr­buch nicht mit. Jetzt be­kommt sie einen Ein­trag ins Haus­auf­ga­ben­heft«, gei­fer­te sie, da­bei sie­ges­si­cher zu ih­rer Cli­que schau­end, die aus Jule, Mar­tin und Andy be­stand. El­len hob eine Hand nach oben, um High-Five zu si­gna­li­sie­ren und lach­te Jule dre­ckig an.

Die Schü­le­rin wuss­te schein­bar nicht so recht, ob sie sich ge­trau­en soll­te, eben­falls einen Kom­men­tar los­zu­las­sen und un­ter­ließ es lie­ber. Weil Re­bec­ca nichts auf El­lens Wor­te er­wi­der­te, keim­te die Un­ru­he wie­der auf.

»Su­san­na«, über­ging sie El­lens Kom­men­tar, »lies uns doch bit­te auf Sei­te 139 den Ein­gangs­text zu den Dar­stel­lun­gen in der Kunst vor.« Böse fun­kel­te Re­bec­ca El­len an, de­ren La­chen ersta­rb. Für heu­te si­gna­li­sier­te sie Stand­haf­tig­keit, aber ins­ge­heim wuss­te sie: Der Kampf zwi­schen ihr und den Ju­gend­li­chen war noch lan­ge nicht vor­bei.

Nach neun­zig Mi­nu­ten er­tön­te das Klin­gel­zei­chen, das Re­bec­ca er­lös­te. End­lich gro­ße Pau­se. Sie at­me­te er­leich­tert auf, als die Tee­n­a­ger den Raum ver­lie­ßen. Ei­ni­ge der pu­ber­tie­ren­den Mäd­chen wa­ren noch im Zim­mer und be­gan­nen plötz­lich zu fei­xen und rot zu wer­den.

Re­bec­ca blick­te zu den Schü­le­rin­nen auf, die fas­zi­niert den Tür­rah­men zu be­gut­ach­ten schie­nen. Dort stand Elou­an. »Frau Pe­ters?« Ver­dutzt trat Re­bec­ca an ihn her­an. »Was gibt es?« Er war tat­säch­lich da. In der Hand hielt er das Ar­beits­blatt der Re­de­ana­ly­se der ver­gan­ge­nen Stun­de.

Die Acht­kläss­le­rin­nen husch­ten scheu mit ge­röte­ten Wan­gen an dem Ober­stu­fen­schü­ler vor­bei, der ih­nen ein zar­tes Lä­cheln schenk­te. Auf dem Gang hör­te Re­bec­ca, wie sie sich an­ge­regt un­ter­hiel­ten, sich nach ih­nen um­dreh­ten und dann lach­ten.

»Ges­tern sag­ten Sie mir, dass ich falsch lie­gen wür­de mit mei­ner Deu­tung. Kann ich mei­ne Ge­dan­ken noch ein­mal aus­füh­ren? Ich glau­be, ich lie­ge gar nicht so ver­kehrt da­mit.«

Un­fass­bar, dass sich ein Ju­gend­li­cher über die Un­ter­richts­stun­de hin­aus frei­wil­lig mit dem Stoff be­schäf­tig­te. Lou fal­te­te das zer­knit­ter­te Ar­beits­blatt mit der Rede von Weiz­sä­cker aus­ein­an­der.

Er stand so dicht ne­ben ihr, dass sein sanf­ter Atem über ihre lin­ke Wan­ge strich und sein Duft ihr in die Nase stieg. Die Nähe und der Kör­per­kon­takt sorg­ten da­für, dass Re­bec­ca kei­nen kla­ren Ge­dan­ken fas­sen konn­te und wie schon in der Deutsch­stun­de auch dies­mal nicht in der Lage war, den Aus­füh­run­gen ih­res Schü­lers auf­merk­sam zu fol­gen. Le­dig­lich ver­schwom­me­ne Wor­te dran­gen an ihr Ohr.

»Und, was sa­gen Sie dazu? Bril­lant, oder? Zu­mal die­ses sprach­li­che Mit­tel hier«, wo­bei er auf eine x-be­lie­bi­ge Text­stel­le zeig­te, »mei­ne The­se noch un­ter­mau­ert, nicht wahr?«

Sei­ne Au­gen strahl­ten, ge­nau wie sein Mund, der ein di­ckes Grin­sen zeig­te. Da er an­schei­nend Be­stä­ti­gung von ihr ver­lang­te, sag­te Re­bec­ca: »Du hast recht. Wenn du es mir ges­tern ge­nau­so er­klärt hät­test, dann hät­te ich dir auch zu­stim­men kön­nen.«

Was er wirk­lich ge­sagt hat­te, wür­de ihr für ewig ver­bor­gen blei­ben. Ob sie in kla­rem Zu­stand sei­nen Wor­ten über­haupt zu­ge­stimmt hät­te? Egal. Was zähl­te war, dass Elou­an wie­der strahl­te und dies er­zeug­te eine tie­fe in­ne­re Zu­frie­den­heit in ihr. Wie lan­ge schon konn­te sie nicht mehr zu sich selbst sa­gen: »Heu­te habe ich einen Schü­ler glü­ck­lich ge­macht.«

Er fal­te­te den Zet­tel zu­sam­men und ging, in sich hin­ein grin­send, da­von. »Lou?« Kurz be­vor er den Raum ver­ließ, dreh­te sich Elou­an noch ein­mal zu Re­bec­ca her­um. »Ja, Frau Pe­ters?« Sie ver­rin­ger­te den Ab­stand zu ihm. »War­um hast du mich auf­ge­sucht?« Er zog die Stirn in Fal­ten. Of­fen­bar ver­wirr­te ihn die Fra­ge. »Ich be­ste­he gern auf mei­ner Mei­nung.«

Ein kur­z­er Mo­ment der Ruhe kehr­te ein und ein Au­gen­kon­takt, der ein we­nig zu lang war, ent­stand. »Ach so. Na gut, dann bis mor­gen«, sag­te sie und lä­chel­te Lou flüch­tig an. Das reich­te, um ein klei­nes Lä­cheln von ihm zu­rück­zu­er­hal­ten.

Noch am Nach­mit­tag be­seel­te Re­bec­ca das win­zi­ge Lä­cheln von Lou bei ih­rer Un­ter­richts­vor­be­rei­tung für die Elft­kläss­ler. Mor­gen soll­ten die ge­stal­te­ri­schen Mit­tel ei­ner Re­de­ana­ly­se ver­tieft wer­den.

Wäh­rend sie am Lap­top saß und das Ar­beits­blatt für die mor­gi­ge Stun­de ent­wa­rf, drif­te­ten mit ei­nem Male ihre Ge­dan­ken weg. Sie sah ih­ren Schü­ler in sei­ner gan­zen Prä­senz vor sich. Un­will­kür­lich press­te Re­bec­ca die zu­sam­men­ge­schla­ge­n­en Bei­ne fes­ter an­ein­an­der, so­dass ein Druck in den Ober­schen­keln ent­stand, der sich wei­ter nach oben hin fort­s­etz­te. Da­bei spann­te sie die Be­cken­bo­den­mus­ku­la­tur an, schloss, wäh­rend sie im Dreh­stuhl zu­rücksank, die Au­gen und be­gann zu fan­ta­sie­ren, als plötz­lich das Te­le­fon läu­te­te.

Sie eil­te nach oben ins Wohn­zim­mer. »An­onym« stand auf dem Ap­pa­rat. Be­stimmt die blö­de Kres­ser! Im­mer­hin woll­te sie sich noch ein­mal mel­den. »Pe­ters.« »Kres­ser hier. Sie er­in­nern sich an un­ser Ge­spräch letz­te Wo­che?« Ohne, dass Re­bec­ca Zeit zum Ant­wor­ten blieb, führ­te Mar­tins Mut­ter aus: »Ich woll­te einen zeit­na­hen Ter­min zum Ge­spräch mit Ih­nen ver­ein­ba­ren. Sie wis­sen doch noch: Un­ser re­gel­mä­ßi­ger Tur­nus. Wir woll­ten uns über mei­nen Sohn Mar­tin und sei­nen Leis­tungs­stand ver­stän­di­gen. Ich wür­de mich be­reits in die­ser Wo­che das ers­te Mal mit Mar­tin und Ih­nen zu­sam­men­set­zen.«

»Sie mei­nen wirk­lich, dass es klug ist, schon so zeit­nah mit der Un­ter­hal­tung an­zu­fan­gen? Ich hat­te Ih­nen, glau­be ich, ge­sagt, dass noch kei­ne No­ten …« »Frau Pe­ters«, wur­de Re­bec­ca forsch un­ter­bro­chen. »Für Sie als Leh­re­rin zäh­len of­fen­bar nur die Leis­tun­gen. Ich bin aber an der Ge­samt­ent­wick­lung mei­nes Soh­nes in­ter­es­siert.« Was für eine Ent­wick­lung? Zu­rück ins Kin­der­gar­te­n­al­ter? »Wenn Sie ei­ge­ne Kin­der ha­ben, wer­den Sie ver­ste­hen, dass El­tern mehr wol­len, als nur eine Ein­schät­zung des No­ten­spie­gels. Also, wann passt es Ih­nen die­se Wo­che? Mor­gen?« »Am Don­ners­tag­nach­mit­tag? Das geht nicht. Da habe ich …« Eine Aus­re­de, schnell, eine Aus­re­de! »… da fin­det mei­ne Ar­beits­ge­mein­schaft statt.« »Ich könn­te da­nach kom­men, das ist kein Pro­blem.«

Eine an­ge­neh­me Stil­le brei­te­te sich im Hö­rer aus, als Frau Kres­ser nicht sprach. Dann führ­te sie wei­ter aus: »Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, Frau Pe­ters. Ich fin­de, wir soll­ten Mar­tin si­gna­li­sie­ren, wie ernst die Lage ist.« »Sie möch­ten einen Ter­min? Schnellst­mög­lich?« »Rich­tig.«

Re­bec­ca nahm die Fern­seh­zei­tung, die auf dem Tisch ne­ben dem Te­le­fon­ho­cker lag und tat so, als blät­ter­te sie im Leh­rer­ka­len­der. Da­bei muss­te sie wie­der ein­mal fest­stel­len, dass nichts Ge­schei­tes im TV lief.

»Wie wäre der nächs­te Don­ners­tag, 10. März?«, schlug Re­bec­ca kur­zer­hand vor. »Ein­ver­stan­den. Wann?« »15:30 Uhr.« Frau Kres­ser über­leg­te nicht lan­ge. »Ist in Ord­nung. Ich schla­ge vor, dass Mar­tin mit­kommt.« Re­bec­ca ver­dreh­te die Au­gen. »Ja, das ist bes­ser so. Wenn wir schon über ihn re­den, soll er we­nigs­tens da­bei sein.«

Sie hoff­te, dass die re­so­lu­te Per­son am an­de­ren Ende der Lei­tung nun end­lich auf­leg­te, aber dem war nicht so: »Frau Pe­ters«, über­leg­te Frau Kres­ser, »ich muss noch auf eine et­was un­an­ge­neh­me Sa­che zu spre­chen kom­men … Mar­tin er­zähl­te mir, dass er sich schlecht kon­zen­trie­ren kann und nicht ge­nü­gend ler­nen könn­te, weil es so laut in der Klas­se ist. Im Üb­ri­gen sind die Schü­ler vor al­lem laut, wenn sie bei Ih­nen Un­ter­richt ha­ben.« Un­fass­bar!

Und Mar­tin selbst? Hat­te er auch er­zählt, dass er der­je­ni­ge war, der die Laut­stär­ke ver­ur­sach­te? Um sich den zy­ni­schen Kom­men­tar zu ver­knei­fen, biss sich Re­bec­ca auf die In­nen­sei­te ih­rer Wan­ge. »Hm«, sag­te sie nur. »Ha­ben Sie sich Ge­dan­ken ge­macht, was Sie … in Ih­rem Un­ter­richt …«

Re­bec­ca ahn­te, dass Frau Kres­ser auf ihre In­kom­pe­tenz an­spre­chen woll­te, ohne ihr da­bei weh zu tun. »Ich mei­ne … wie Sie … da­für sor­gen wol­len, dass …«, stam­mel­te die Mut­ter pein­lich be­rührt in den Hö­rer hin­ein.

Das war ge­nug! »Hat Ih­nen Mar­tin er­zählt, wel­che Rol­le er selbst bei der Ver­ur­sa­chung der Un­ter­richts­s­tö­run­gen in­ne­hat?« »Ich weiß, dass er kein Mus­ter­kna­be ist. Das müs­sen Sie mir nicht un­ter die Nase rei­ben«, sag­te Frau Kres­ser pam­pig. »Frau Pe­ters. Ich glau­be ehr­lich ge­sagt nicht, dass Mar­tin un­nö­tig Laut­stär­ke ver­ur­sacht, wo er doch weiß, dass er auf­pas­sen muss, um das Schul­jahr zu schaf­fen.«

Re­bec­ca muss­te ein La­chen un­ter­drü­cken, weil sie nicht glau­ben konn­te, dass Mar­tins Mut­ter tat­säch­lich so naiv war. »Frau Kres­ser, wir spre­chen am bes­ten nächs­te Wo­che dar­über. Ich muss jetzt Schluss ma­chen. Mei­ne Nach­ba­rin steht vor der Tür und wird gleich klin­geln.« »Bis nächs­te Wo­che, Frau Pe­ters.« Ei­lig leg­te sie auf, be­vor der Mut­ter wei­te­re un­an­ge­neh­me Din­ge ein­fie­len, die sie ihr an den Kopf knal­len konn­te.

Re­bec­ca ließ sich rü­ck­lings auf das Sofa fal­len. Sie griff nach ei­nem wei­chen Kis­sen, das sie sich un­ter den Kopf schie­ben konn­te. Die Se­kun­den ver­stri­chen und mit ih­nen die Wor­te von Frau Kres­ser. Für einen kur­z­en Mo­ment schloss sie die Au­gen. Da ist er. Re­bec­ca führ­te ihre Hand un­ter den Pull­over, schob den BH bei­sei­te und be­rühr­te zärt­lich ihre Brust­wa­r­zen mit ge­wohn­ten Be­we­gun­gen und ei­nem fes­ten, war­men Griff. Ihre Hän­de san­ken tie­fer, dies­mal in Rich­tung Schoß. Sie öff­ne­te den Reiß­ver­schluss der Jeans und schob sanft die rech­te Hand in ih­ren Slip, bis sie an ih­ren Schamlip­pen an­kam, die sie zart mit den Fin­ger­kup­pen strei­chel­te und dann an ih­rer Per­le den Druck ver­stärk­te.

Da ist er wie­der. In der Schu­le, ge­nau­er ge­sagt im Raum, in dem ihr Deutsch­un­ter­richt statt­fin­det. Doch statt den Elft­kläss­lern, die nor­ma­le­r­wei­se in dem Kurs sind, wer­den die Plät­ze ein­zig durch Mäd­chen aus der elf­ten Klas­se be­legt. Lou ist der ein­zi­ge männ­li­che Schü­ler un­ter ih­nen. Er ist kaum fä­hig sich zu kon­zen­trie­ren. Im­mer wie­der glei­ten sei­ne Bli­cke durch die Rei­hen der an­sehn­li­chen Schü­le­rin­nen, die in ih­ren en­gen kur­z­en Rö­cken, knap­pen Klei­dern oder nacken­frei­en Tops vor und ne­ben ihm sit­zen.