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Rebecca ist erst Anfang 30, steht aber bereits vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz: Die Partnerschaft mit Paul ist durch Alltagsroutine und fehlendes Verlangen geprägt. Auch in ihrem Job als Lehrerin fühlt sie sich unwohl, da es insbesondere mit den Schülern und Eltern ihrer eigenen 8. Klasse immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt. Um ihr bequemes Leben nicht aufgeben zu müssen, vor allem aber zu feige dazu, einen Schlussstrich unter den verhassten Beruf und die fantasielose Beziehung zu setzen, sucht Rebecca die Nähe zu dem manisch-depressiven Lou. Da sich die Junglehrerin von Anfang an von dem 20-jährigen neuen Schüler ihres Grundkurses magisch angezogen fühlt, entwickelt sich aus den ersten zaghaften Annäherungen binnen Kurzem eine leidenschaftliche Affäre. Während Rebecca noch glaubt, die Kontrolle über die Liaison zu besitzen, muss sie schon bald erkennen, dass sie immer tiefer in einen Strudel aus Selbstlügen hineingezogen wird, dem sie nicht mehr entkommen kann und dass die größte Gefahr von der Unberechenbarkeit ihres psychisch labilen Schülers ausgeht.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2020
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ROMAN
TIRA BEIGE
1. Auflage 2020Copyright © 2020 Tira Beige
Verlag:c/o AutorenServices.deBirkenallee 24, 36037 Fuldatira.bei[email protected]
Umschlaggestaltung: Constanze Kramerwww.coverboutique.de
Bildnachweis:©Viorel sima, ©Pixel-Shot, ©mapo – stock.adobe.com©vnstudio, ©cristi180884, ©banprik, ©wacpan – depositphotos.com
Satz: Constanze Kramerwww.coverboutique.de
Alle Rechte vorbehalten. Das vorliegende Werk darf weder in seiner Gesamtheit noch in seinen Teilen ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Rechteinhaber in welcher Form auch immer veröffentlicht werden. Das betrifft insbesondere jedoch nicht ausschließlich elektronische, mechanische, physische, audiovisuelle oder anderweitige Reproduktion oder Speicherung und oder Übertragung des Werkes sowie Übersetzungen. Davon ausgenommen sind kurze Auszüge, die zum Zwecke der Rezension entnommen werden.
Warnhinweis
Der nachfolgende Roman thematisiert an etlichen Stellen ernstzunehmende Themen: Mobbing, sexuelle Gewalt, psychische Störungen bzw. Depression sowie Suizid. Dies könnten einige Leser/innen beunruhigend oder verstörend finden.
Lesen auf eigene Gefahr und erst ab 18 Jahren.
[…]
Polizist:
Wie bist du auf die ganze Sache aufmerksam geworden?
Alicia:
So wie jeder andere. Er brachte irgendwie bei dem Schulfest das Mikrofon an sich. Keine Ahnung, wie er Philipp aus der Zwölften überredet hat. Der achtet normalerweise immer darauf, dass er sich um die Technik allein kümmern darf.
Und dann stand er da, auf der Bühne. Er machte einerseits den Eindruck, als wisse er nicht so recht, wohin mit sich, aber seine Worte waren absolut klar. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er anfing zu sprechen. Wir wussten zuerst gar nicht, warum er da überhaupt stand, haben uns angesehen und gelacht. So wie wir uns öfter über ihn lustig gemacht haben.
Aber was danach kam, das schockierte uns alle! Und dann schauten wir nur noch auf sie.
Anziehend
»Machst du jetzt etwa einen auf Domina?« »Du sahst gerade so aus, als würdest du darauf stehen …« Rebeccas Fuß ruhte auf der Brust ihres Freundes, während ihr der warme Wasserdampf ins Gesicht schlug. Paul lag auf dem Rücken lang gestreckt in der Badewanne, lächelte süffisant und schaute an ihrem nackten, schlanken Körper hinauf. Ein letztes Mal kreuzten sich ihre Blicke, bevor Rebecca ihren Fuß anhob und aus der Badewanne stieg.
»Morgen werde ich wieder die Schüler dominieren«, sagte sie. Pauls Grinsen verzog sich zu einer spöttischen Grimasse. »Warum lachst du so boshaft?«, entfuhr es ihr. »Mal sehen, wer wen dominieren wird«, amüsierte er sich. »Idiot!«
Rebecca griff mit einer blitzartigen Bewegung zu ihrem flauschigen weißen Handtuch und trocknete sich ab. »Ach komm schon, Beccy, war doch nicht so gemeint.« Was für ein unbesonnener Satz! Sie drehte sich demonstrativ weg. Reichte es nicht, dass sie selbst schon genug an sich zweifelte?
Vom Spiegel aus beobachtete sie, wie Pauls Blick von ihrem Oberkörper nach unten zu ihrem Po wanderte. Dann tauchte er, auf dem Rücken liegend, seinen Kopf in das warme Badewasser, um sich die Haare zu waschen.
Rebecca drehte sich um und warf einen letzten Blick in die Wanne, wobei ihr die langen braunen Haare gegen die Wange klatschten und eine feuchte Strähne dort kleben blieb.
Pauls untersetzter Oberkörper wippte bei jeder Bewegung, die er unter Wasser an seinem Kopf vollzog, leicht auf und ab. Vor sieben Jahren sah er noch besser aus. Ihre Liebe zu ihm auch.
Ihre trockenen Füße trugen Rebecca ins gegenüber vom Bad gelegene Schlafzimmer, wo sie sich ein frisch duftendes Nachthemd überwarf. Nichts konnte die Angst überdecken, der sie sich unweigerlich stellen musste, wenn sie morgen wieder die Schule betrat. Mal sehen, wer wen dominieren wird. Pauls lose daher gesprochenen Worte waren gar nicht so abwegig; machten sie Rebecca doch auf das Problem aufmerksam, wer die wirkliche Autorität im Klassenraum besaß. Sein unüberlegter Satz traf einen wunden Punkt in ihr, den sie am liebsten ausradiert hätte. Warum musste er sie immer wieder darauf hinweisen?
Im Vergleich zu den letzten zwei erholsamen Winterferienwochen löste bereits der kleinste Gedanke an den Unterricht morgen und an den in den kommenden fünf Wochen bis zu den Osterferien Gruselgefühle in Rebecca aus. Sie sah schon jetzt die nervtötenden Siebtklässler, ihre unberechenbaren Achter und die langweiligen Oberstufenschüler aus Klasse 11 vor sich.
Mit dem Nachthemd am Körper verließ sie das Schlafzimmer und sank ermattet auf das Sofa in der Wohnstube nieder. »Oh man …«, flüsterte sie vor sich hin, als sie den Fernseher einschaltete, kein passendes Abendprogramm fand und wahllos durch die Fernsehkanäle zappte. Den Ellenbogen legte sie auf der Lehne ab und stützte den Kopf schwer lastend in die Handfläche.
Nach zweimaligem Durchschalten blieb sie bei einer Reisesendung hängen. Die Moderatorin schlenderte an irgendeinem fernen Ort über weißen Sand. Rebecca verzog neidisch den Mund, als sie die Frau betrachtete, die weit weg von jeglichem Alltagsstress aller Sorgen frei am Strand entlangspazierte. Im Hintergrund rauschte das Meer vor der Küste. Es musste bereits später Nachmittag sein, denn das warme Licht umfing die blonden Strähnen ihres Haares und ließ es in der Sonne wie goldenes Stroh aufblitzen.
Erinnerungen an den ersten Urlaub mit ihrem Freund bildeten sich vor Rebeccas innerem Auge ab, verschwanden aber sofort wieder, als sie Paul im Bad rufen hörte: »Beccy? Kannst du mir mal neues Shampoo holen?«
Sie rennt über den Gang. Geräuschlos. Der viele Sand, der in kleinen weichen Dünen aufgeschichtet vor ihr liegt, erschwert das Fortkommen. Weiter hechten. Vorwärts. Aber der feine weiße Strandsand liegt vor den Türen und es bleibt nur ein Springen von Düne zu Düne übrig. Fast hätte sie die Decke des Gebäudes berührt. Noch ein großer Sprung. Das Klassenzimmer der Siebener. Svenja, Steven, Mona und Jonas laufen gegenüber der Tür in einer Nische über ein aufgeschüttetes Eiland. In der Hand halten sie Eisbecher, Cocktails und Sonnenschirme. Wo sie das herhaben, will sie von den Kindern wissen. Aus La Reunion. Von außen fällt gleißendes Licht in das Gebäude, sodass die blonden Haare von Svenja fast weiß erscheinen. Mechanisch mit herabgesenkten Köpfen laufen sie stur hintereinander im Kreis das Eiland der Nische ab. Noch rechtzeitig den Klassenraum erreicht. Stimmengewirr ertönt.
Sie öffnet die Tür und steht bereits mit beiden Beinen im Wasser. Die Tische stehen wüst durcheinander. Nackte und halbnackte Schüler drängen sich in dem Raum, planschen in dem auf dem Boden befindlichen Wasser. Robert liegt auf dem Rücken, während Natalie in Siegerpose über ihm steht und ihm den Fuß auf seine Brust drückt. Da sind auch Martin und Ellen aus der achten Klasse, die eng beieinanderstehen und über etwas lachen. Ein Junge aus der elften Klasse hält aufreizend eine Siebtklässlerin im Arm. So viel Wasser unter ihren Füßen. Der Schulhof ist das Meer. An die Außenwand des Gebäudes schlagen hohe Wellen an. Und doch steht Paul mit einer Badehose bekleidet am Fenster und will nach draußen springen. »Auf La Reunion gibt es Haie, Paul, das weißt du doch. Schwimm’ nicht zu weit.« Doch er hört nicht. Ruckartig springt er vom Fensterbrett des Klassenraums in den Ozean hinein. Piep Piep Piep Piep Piep Piep. 5:00 Uhr morgens. Rebecca richtete sich schlaftrunken im Bett auf, um den gellenden Apparat auf dem Nachttisch auszuschalten.
Ihr blieb nicht viel Zeit, die wirren Eindrücke im Kopf zu sortieren. Gähnend schleppte sie sich ins Badezimmer, wo die kurze Nachtruhe unaufhörlich ihren Tribut forderte. Unter der Dusche stehend überzog sich ihr Körper mit Gänsehaut und nur mühsam konnte sie die Augen offen halten, während die Ausschnitte aus dem Traum noch einmal vor ihrem inneren Auge vorbeizogen.
Als Rebecca das Schlafzimmer wieder betrat, schlummerte Paul zunächst noch friedlich vor sich hin, verbarg dann jedoch sein Gesicht unter der Bettdecke, als er das eingeschaltete Licht bemerkte. Ein Gefühl der Eifersucht durchflutete Rebecca. Neid auf den Partner, der erst in wenigen Stunden aufstehen musste.
Trotz Schlafdefizit ließ sie keine Hektik zu: Aufstehen, Duschen, Anziehen, eventuell Haare waschen, föhnen, essen, Toilette, Zähne putzen, die mitzunehmenden Schulmaterialien noch einmal kontrollieren, Tasche einräumen, nach draußen zum Auto gehen. Das war angesichts der Gewohnheit normalerweise in weniger als einer Stunde möglich. Außer heute Morgen.
Um nicht zu sehr die Augen zukneifen zu müssen, dimmte Rebecca vorsorglich die Deckenbeleuchtung in der Küche. Schummrig vollzog sie die routinierten Schritte, um halbwegs Normalität nach den zwei Wochen Ferien herzustellen.
6:05 Uhr. Die über zwanzig Kilometer Fahrt zwischen Zuhause und der Arbeitsstelle wurden heute, am ersten Schultag nach den Winterferien, zu einer gedankenverlorenen Angelegenheit. Gelbe und weiße Lichter kamen auf der anderen Straßenseite entgegen. Sie blieben anonym und farblos, die Fahrer hatten kein Gesicht. Helle Lichter fuhren in Ketten vorbei und wurden im Rückspiegel zu roten, kleiner werdenden Punkten. Manchmal überholte ein gelbes Licht und wurde zu zwei roten Punkten vor dem Auto. Bisweilen fuhr eine ganze Kette roter Lichter vor ihr her.
Es war noch immer finster, als Rebecca wie fast jeden Morgen als eine der Ersten auf dem Parkplatz der Schule eintraf. Das nächste routinierte Morgenprogramm musste durchgezogen werden: Kopieren, Lochen, E-Mails checken und Klassenbuch kontrollieren. Kopien für die Siebtklässler waren anzufertigen.
Während sie gähnend vor dem Kopierer auf dessen Einsatzbereitschaft wartete, betrat Harald das Lehrerzimmer und begrüßte sie mit einem lang gezogenen »Guten Morgen. Bist ja wieder zeitig heute da.« Erneutes Gähnen. »Morgen Harald. Na, hattest du ein paar schöne Ferien?« Das übliche Bla Bla, wenn man sich zwei Wochen nicht gesehen hatte.
Harald gehörte zu Rebeccas engerem Freundeskreis im Kollegium, unterrichtete genau wie sie Deutsch. Seine schlohweißen Haare glänzten in der morgendlichen Beleuchtung des Lehrerzimmers.
»Angela und ich waren zu Hause. Ich habe ein paar Arbeiten kontrolliert und mich erholt. Nichts Aufregendes.«
Im Gegensatz zu ihm war Gelassenheit für Rebecca zum Fremdwort geworden. Was auf Arbeit passierte, musste mit nach Hause genommen und dort noch einmal ausladend erörtert werden, selbst wenn es nichts mehr zu ändern gab. Wenn sie im gleichen Tempo wie bisher weiterarbeitete, würde irgendwann ein Herzinfarkt unausweichlich sein. Dass sie noch über dreißig Jahre arbeiten gehen musste, erzeugte einen Widerwillen in ihr, der ihr Angst bereitete.
»Hast du einen anstrengenden Tag vor dir? Wirkst etwas genervt«, stellte Harald fest. »Hm«, brummte Rebecca vor sich hin. »Freue mich auf das Mittagessen.« Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben und ein gekünsteltes Grinsen blieb zurück. Der Blick sah offenbar gequälter aus, als er sein sollte, denn Harald sagte: »Das wird schon« und klopfte ihr ermutigend lächelnd auf die Schulter.
Wenn es bloß mit ein paar motivierenden Worten getan wäre! Davon wurde ihre seit Jahren bestehende Unfähigkeit, Kinder in ihrer Eigenart zu verstehen, nicht behoben. Heute waren es »bloß« die Siebtklässler, bei denen Rebecca gleich Deutsch unterrichten würde. Mehr noch graute ihr vor ihrer eigenen unberechenbaren achten Klasse.
Wenn sie an den langweiligen Grundkurs in Deutsch dachte, besserte sich ihre Laune ebenfalls nicht. Dabei sollte gerade er das Herzstück ihres Unterrichtsalltags werden: Als sie vor den Sommerferien erfahren hatte, dass sie zum ersten Mal in ihrer Berufslaufbahn einen Kurs bekommen würde, kannte die Freude darüber keine Grenzen: Endlich ruhiger Unterricht, motivierte Schüler, anregende Diskussionen über literarische Texte. Das waren ihre spontanen Gedanken, als sie über das neue Schuljahr nachdachte.
Doch dann das: schleppender Unterricht, fehlende Mitarbeit. Man konnte nicht behaupten, dass die zwölf Schüler störten, im Gegenteil. Sie bearbeiteten, was man ihnen auftrug. Sie lasen, wenn sie lesen sollten, sie schrieben, wenn sie schreiben sollten. Aber sie redeten einfach nicht.
So in Gedanken versunken, hätte Rebecca beinah einen neuen Zettel übersehen, der am Schwarzen Brett des Lehrerzimmers aushing. Der Oberstufenberater hatte ihn vermutlich kurz vor den Ferien ausgehängt und am oberen rechten Rand mit einem roten Stift eine Art Blitz daraufgemalt. Unter dem in Großbuchstaben geschriebenen Namen ELOUAN KLAGE erkannte sie seinen Stundenplan. »Ist das ein neuer Schüler?« Harald rückte seine Brille auf der Nase zurecht und betrachtete eingehend das Geschriebene. »Nein, ich kenne …«, redete er langsam vor sich hin. »Elouan war schon einmal vor einigen Jahren bei uns. Ich kann dir ja heute beim Essen mehr über ihn erzählen, wenn du magst.«
Rebeccas Blick ging erneut zum Stundenplan. Der neue Schüler würde die elfte Klasse besuchen und dienstags und donnerstags bei ihr im Grundkurs Deutsch haben. Ob Elouan wohl zu größerer Mitarbeit in der Lage war als seine Mitschüler?
Mittlerweile erreichte die Lautstärke im Lehrerzimmer ein für Rebeccas Ohren ungekanntes Höchstmaß, das ihre in den Ferien so hart erkämpfte Stille beendete. Immer mehr Kollegen strömten hinein und tauschten sich schnatternd über ihre Ferienwochen aus. Was für eine oberflächliche Kommunikation! Das laute Getratsche erzeugte einen Tsunami im Kopf und sie beschloss, sich auf den Weg Richtung Klassenzimmer der 7a zu machen.
Schon beim Öffnen der Tür rollte ihr eine Wolke aus abgestandener, muffiger Luft entgegen. Trotz winterlicher Kälte öffnete Rebecca die seit zwei Wochen geschlossenen Fenster, stellte ihre Tasche auf den Boden ab und setzte sich auf den Lehrerstuhl. In zehn Minuten würden die ersten Schüler kommen. Eine erquickliche Ruhe vor dem Sturm legte sich über den Raum. Ihr Blick richtete sich nach draußen, wo es gerade wieder angefangen hatte zu schneien. Langsam glitten die Flocken vom Himmel in den großen Schulhof herab. Einige Unterrichtsräume, die sie von ihrem aus überblicken konnte, waren ebenfalls beleuchtet: Kollegen, die einen Tafelanschrieb vornahmen, auf die Schüler wartende Lehrer.
Rebecca erhob sich wieder und begab sich an die Heizung. Die wohlige Wärme, die entströmte, arbeitete sich ihren Rücken hoch. Ein letztes Mal Ruhe, gleich war es vorbei damit, denn auf dem Gang hörte sie die ersten Stimmen und Schuhgetrappel. Die Stimmen kamen näher. Anspannung. Mit einem Ruck flog die Tür auf. Marcus, ein ruhiger Schüler, betrat als Erster den Raum. Ein kurzes Nicken in Richtung Heizung. Nach ihm erschienen drei weitere Jungen, die Rebecca mit einem teilnahmslosen »Morgen, Frau Peters!« begrüßten und sich dann zu ihren Plätzen begaben, um ihre Unterrichtsmaterialien auszupacken.
Zwei pubertierende Mädchen, lachend und zu aufreizend gestylt, johlten ein freches »Guten Moooorgen!« in den Klassenraum hinein. Natürlich! Damit jeder mitbekam, dass die zwei Diven da waren. Eins der Mädchen, Natalie, gackerte besonders laut, um die Aufmerksamkeit ihrer männlichen Mitschüler auf sich zu ziehen. Mit Erfolg. Nachdem die Dreizehnjährige ihre Jacke an die Garderobe des Klassenraums gehängt hatte, richtete sie ihr knappes rosa Shirt zurecht, das für die Jahreszeit deutlich zu dünn war. Ihr Po wurde durch eine blaue, sehr eng sitzende Röhrenjeans passend zur Geltung gebracht. Ganz schön gewagt für eine Teenagerin ihres Alters. Würde Rebecca, wenn sie Kinder hätte, ihre Tochter so aus dem Haus gehen lassen?
Natalies lange, hellbraune Haare fielen ihr in Locken geschmeidig über die Schultern. Wie beabsichtigt richteten sich die Blicke der bereits anwesenden, pubertierenden Jungen auf das adrett gekleidete Mädchen.
Mit dem Auffüllen des Klassenraums maximierte sich die Lautstärke. Noch drei Minuten bis zum Stundenbeginn. Rebecca trottete am Lehrertisch auf und ab. Ein letztes Mal sortierte sie ihre Unterlagen, überprüfte, ob genug Kreide bereitlag, legte ihr Lehrbuch griffbereit hin, schaute auf die Armbanduhr, glich sie mit der Wanduhr ab. Dann ertönte ungehalten das Klingelzeichen. Ein kräftiges Ziehen an der Tür sollte signalisieren: Jetzt kann es losgehen! Doch die Schüler verharrten an ihren Plätzen und tauschten sich über die Ferien aus.
»Es hat geklingelt!«, brüllte Rebecca. Den Erwartungen gemäß reagierte nur ein Teil der Jugendlichen auf ihre Worte. »Es hat geklingelt, Herrschaften!« Ihre lauter gewordene Stimme zwang zumindest einen Teil der eben noch unaufmerksamen Schüler dazu, sich von ihren Plätzen zu erheben.
»Wir haben viel Zeit. Wir können auch länger machen.« Sie könnte sich sofort selbst ohrfeigen für diese zwei unbedacht ausgesprochenen Sätze, die die Unruhe beheben sollten. Die Siebtklässler belächelten müde den Versuch. Sie wussten natürlich aus Erfahrung, dass die Androhung selten durchgezogen wurde.
Rebecca musste erkennen, dass die Ferienidylle schon nach den ersten Minuten dem harten Schulalltag gewichen war.
Nach anstrengenden fünf Minuten konnte endlich die Begrüßung erfolgen, auch wenn immer noch einzelne Schüler sich umdrehten oder miteinander tuschelten. »Guten Morgen!«, ertönte ihre strenge Lehrerstimme. Unmotiviert murmelte die Klasse ihre Begrüßung entgegen.
Mit einer Abbildung zum Thema Zeichensetzung sollte die Aufmerksamkeit der Pubertierenden auf den neuen Unterrichtsinhalt gelenkt werden. »Svenja, beschreibe bitte die Karikatur!«, forderte Rebecca am Overheadprojektor stehend die Schülerin auf, die so kurz nach Stundenbeginn bereits wieder mit Natalie im Gespräch versunken war. Vermutlich mussten die beiden bequatschen, wie lange Natalie in den Ferien Netflix geschaut oder mit wem Svenja wilde Nachrichten auf WhatsApp ausgetauscht hatte.
»Was?«, fragte die Jugendliche geistesabwesend. Einige Mitschüler stöhnten und erklärten der Störerin die Aufgabe. »Na ja, ich sehe einen Jungen, der nicht weiß, ob er ein Komma setzen soll.« Rebecca kam nicht umhin, einen schweren Seufzer auszustoßen und den Kopf sinken zu lassen, bevor sie erklärte: »Karikaturen habt ihr sicherlich im Geschichtsunterricht behandelt …« Lautstärke brandete auf. Heikles Thema. Sie selbst hatte schon Probleme genug, Disziplin in diese Schulklasse zu bringen. Aber der Geschichtslehrer war ein rotes Tuch. Einige Schüler lachten oder winkten ab. »Bei Herrn Gläser lernen wir nichts, Frau Peters«, rief Basti von der hinteren Bankreihe nach vorn. »Der kann nicht erklären«, ergänzte ein weiterer Schüler ganz vorn.
Weitere Siebtklässler schalteten sich in die Diskussion ein. Plötzlich ging es nicht mehr um die Karikatur, sondern nur noch um den Lehrer, der von den Schülern heruntergeputzt wurde. Die Situation drohte Rebecca wie so oft in dieser Klasse zu entgleiten. »Okay! Okay! Ruhe jetzt! Ist ja gut!«, rief sie verzweifelt in die grölende Menge hinein.
Als es leiser geworden war, erklärte sie die Methode und nahm anschließend eine stille Schülerin dran, die das Bild souverän beschrieb. Drei Minuten sollte diese Einstiegsphase dauern – verstrichen waren zehn.
Selbst danach drang Rebecca nicht zu den Jugendlichen durch, die ihren Unmut lautstark kundtaten: »Wozu müssen wir das denn schon wieder behandeln?« »Ja, das machen wir seit der Klasse 5!« Einfach unbeirrt weitermachen und die Diskussionen unterbinden, so wie es im Referendariat gelehrt wurde. Aber das war leichter gesagt als getan.
Kurzerhand ignorierte Rebecca die Störer, ermahnte zur Ruhe und zog das Tempo an. »Leute, ihr macht die meisten Fehler im Bereich der Kommasetzung. Ihr braucht dringend eine Wiederholung! Außerdem müsst ihr Kommas setzen können, wenn ihr zum Beispiel Bewerbungen schreibt oder einen förmlichen Brief. Versteht doch, dass …«
Bis auf wenige Ausnahmen hörte ihr niemand der dreiundzwanzig Schüler zu. Einige Jugendliche schauten gelangweilt an die Tafel und bekamen zumindest einen Teil der Übungen und Erklärungen mit. Andere redeten mit dem Banknachbarn oder malten auf ihren Unterlagen herum.
Endlich – das Klingelzeichen nach einer Dreiviertelstunde Schwerstarbeit. Die Schüler verließen angeregt quasselnd den Raum, während Rebecca wie erschossen in ihren Stuhl zurücksank und angesichts der anstehenden zwei Freistunden nun meinte, abschalten zu können. Ruhe. Sie schaute zuerst nach draußen, beschloss aber, dem trostlosen Winterwetter kurzerhand gedanklich zu entfliehen.
Die gestrige Reisesendung und ihr Traum waren die ersten kontrastreichsten Gedanken, die ihr in den Sinn kamen. Sie flogen hinaus aus der Schule, hin zum ersten gemeinsamen Sommerurlaub mit Paul vor sechs Jahren auf La Reunion. Neben endlos schönen Wanderungen zu den noch jungen Vulkanen der Insel erinnerte sich Rebecca zurück an einen sehr schönen Abend am Strand. Paul und sie kamen gerade vom Abendessen aus einem Restaurant und wollten den Sonnenuntergang genießen. Die Wellen umspülten ihre nackten Füße beim Spaziergang am Strand von Saint Denis. Der Blick reichte bis tief auf das Meer hinaus, wo am Horizont langsam die Sonne unterging und als noch halbrunde Kugel das tiefblaue Wasser überwölbte.
Unerwartet zog ihr Freund sie vom Ufer weg, hin zu einem kleinen Wäldchen, was sich in Ufernähe befand. Da es an diesem Tag furchtbar heiß gewesen war, trug Rebecca an ihrem verschwitzten Körper lediglich ein leichtes rotes Sommerkleid, das ihr Paul mit seiner damals noch überschwänglichen Leidenschaft über den Kopf streifte. Nun stand sie halbnackt in einem pinkfarbenen Bikini da, den sie während des Tages am Meer angehabt hatte.
Im Gegensatz zu heute sah Paul in den ersten Jahren ihrer Beziehung durchaus ansehnlich aus: Er besaß einen flachen Bauch, den er durch regelmäßigen Sport in Form hielt. Von daher konnte es Rebecca kaum erwarten, ihrem frischgebackenen Freund nun ihrerseits die kurze Hose sowie das Shirt auszuziehen. Genüsslich knöpfte sie seine Hose auf, auf der sich bereits die Wölbung seiner Leidenschaft abzeichnete. Vermutlich machte ihn die Vorstellung an, gleich im Freien Sex zu haben.
Rebecca streifte ihm sinnlich die Hose über den Po. Anschließend zog sie ihm das Shirt über den Kopf. Während sie Paul langsam entkleidete, folgte ein ausgiebiger feuchter Zungenkuss. Ihre Küsse von damals waren leidenschaftlich und innig, so wie man sie austauscht, wenn man sich sehr vertraut ist.
Pauls erigiertes Glied presste sich zusehends stärker an Rebeccas Oberschenkel. Weil er nicht gleich das Bikinioberteil zu öffnen bekam, musste sie ihm helfen. Panik brandete plötzlich in ihr auf: Könnten Besucher am Strand sein und sie in der leichten Dämmerung sehen? »Mach dir keine Gedanken, da ist niemand mehr«, raunte Paul ihr zu, sodass sie ihre Scheu ablegte. Insgeheim aber machte auch sie die Vorstellung geil, beim Vögeln erwischt zu werden.
Elegant streifte sie sich ihr Bikinihöschen über ihren Po, sodass es sachte auf den Sandboden glitt. Als auch Paul nackt vor ihr stand, rieb Rebecca mit ihren Fingern über die pralle Eichel.
Ob sich die Kleidung achtlos hingeworfen auf dem schäbigen Sandboden befand, war ihr egal. Es zählte nur, den Moment mit allen Sinnen zu genießen.
Wie berauscht hörte sie dem Meer zu, das sich im Hintergrund seinen Weg ans Ufer suchte und sich dort in Wellen brach. Auf der anderen Seite nahm sie leise Geräusche wahr, die aus Richtung des Waldes kamen. Vogelstimmen, Grillen und das Rascheln der Echsen im Laub begleiteten sie akustisch bei dem nun folgenden Liebesspiel.
Sie ließen sich auf den noch warmen Sandboden gleiten. Rebecca kniete sich vor ihren Freund hin, während Paul stehen blieb und seinen Unterleib nun langsam in Richtung ihres Mundes schob. Zärtlich umfing sie die Eichel mit ihren vollen Lippen und ließ sie sanft über die Spitze seines Lustzentrums gleiten. Hin und wieder stöhnte Paul leicht auf, wenn sie die Eichel aus der Umklammerung löste, mit den Händen am Schaft rieb oder die Hoden knetete und dabei mit der Zunge sanft nachhalf.
Um sich auf das Rauschen des Meeres und auf Pauls Phallus in ihrem Mund zu konzentrieren, schloss Rebecca die Augen. Sie liebkoste den Penis nun auf immer innigere Art und Weise. Härter sog sie daran und je tiefer und anzüglicher sie ihren Mund um ihn schloss, desto tiefer keuchte Paul auf. Dann hielt sie inne, schaute zu ihm auf. Lustvoll flüsterte sie: »Ich will dich noch spüren, bevor du kommst.«
Er glitt zu ihr nach unten auf die Erde, küsste sie wieder heftig, während er mit seiner Hand ihre Brüste massierte. Seine Finger berührten sanft ihre Brustwarzen und die Nippel richteten sich auf. Dann drückte Paul sie mit seinem Oberkörper nach unten auf die Erde, wo Rebecca auf dem Rücken zum Liegen kam. Trotz des weichen Sands überraschte sie die ungeahnte Härte des Erdbodens. Sie hielt ihn zurück, sodass er noch nicht in sie eindringen konnte. »Halt, warte. Es ist zu hart.« Sie kniete sich hin und drehte ihm den Rücken zu.
In dem dunklen Wald, in den sie nun hineinschaute, konnte sie gar nichts mehr erkennen. Dann spreizte Rebecca ihre Beine. Ihre Hand umfing seinen Penis, als er versuchte, in sie einzudringen. Paul musste noch ein wenig ausharren. Sie rieb die Eichelspitze über ihren Kitzler, wieder und wieder, um sich selbst weiter zu stimulieren. Paul stöhnte dabei lustvoll in die Nacht hinein. Mit einem intensiven Stoß glitt er in sie hinein. Temperamentvoll bewegte sich Rebecca wie eine Amazone vor und zurück.
Paul hielt sich an ihrer Hüfte fest und mit jedem Stoß wurde das Gefühl, ihn in sich zu spüren, deutlicher und tiefer wahrnehmbar …
»Frau Peters?«, ertönte plötzlich eine Mädchenstimme. Rebecca schreckte aus ihren unanständigen Gedanken hoch. »Sie sind ja noch da. Entschuldigen Sie bitte, ich habe mein Biologiebuch vergessen«, murmelte Sarah, eine der Siebtklässlerinnen. Der Blick auf die Uhr verriet Rebecca, dass gute zehn Minuten vergangen waren, seit es zur zweiten Stunde geklingelt hatte. Sarah schwebte flink zu ihrem Platz, zog ein Buch unter ihrer Bank hervor und verschwand dann, einen musternden Blick zum Lehrertisch werfend, aus dem Klassenraum.
Rebecca spürte die Lust in ihrem Inneren aufgrund der eng übereinandergeschlagenen Oberschenkel. Sie sehnte sich danach, die alte Leidenschaft in ihrer Beziehung wieder aufleben zu lassen, aufregendem Sex nachzugehen, so wie am Beginn ihrer Partnerschaft mit Paul.
Für mehr Gedanken fehlte die Zeit. Ein kurzer Griff zu den Schulmaterialien, die noch einsortiert werden mussten. Dann machte sie sich auf den Weg Richtung Lehrerzimmer. Die schwere Tasche zog ihre Schultern nach unten und ließ sie den Blick starr auf den nackten, grauen Boden richten.
Im Lehrerzimmer angekommen, fand sie einen Notizzettel der Sekretärin in ihrem Fach vor: »Frau Kresser wünscht Rückruf wegen Martin«. Die Festnetznummer hatte Frau Schneider mit Rot daruntergeschrieben.
Rebecca stöhnte laut auf. Martin war der Schüler in ihrer Klasse, der ihr die meisten Probleme bereitete: Seine Leistungen waren miserabel. Bisher hatte es jedoch jedes Schuljahr geradeso gereicht, um den Anforderungen zu genügen und nicht sitzenzubleiben. Aber nun schien die Situation ausweglos.
Rebecca ahnte bereits, dass Frau Kresser mit ihr einen Termin vereinbaren wollte, um sich über die Leistungen ihres Jungen zu informieren und um Möglichkeiten zur Verbesserung zu erörtern. Neben den unterdurchschnittlich schlechten schulischen Leistungen hatte Martin darüber hinaus massive Probleme damit, sich an Regeln und Absprachen zu halten. Er kommentierte permanent die Entscheidungen der Lehrkraft, störte, mischte den Unterricht und seine Mitschüler auf oder sorgte in den Pausen für lautstarke Auseinandersetzungen mit seinen Klassenkameraden. An ein ruhiges Arbeiten mit ihm im Unterricht war nicht zu denken. Rebecca wünschte insgeheim, dass er die Schule am Schuljahresende verließ und sie ihn nie mehr wiedersehen musste.
Es schneite immer noch leicht, als sie sich auf den Weg ins Sekretariat begab. An den Fenstern des Schulgebäudes perlten die Tropfen ab. Das trostlose Wetter und die trist auf der Straße fahrenden Autos, die wie graue Mäuse über den Asphalt huschten, spiegelten ihre eigene desolate Gefühlslage wider.
Rebecca klopfte an die Tür zum Sekretariat an und trat ein. »Frau Schneider, Sie haben mir einen Zettel ins Fach gelegt. Ich möchte den Anruf gleich erledigen.« Die Sekretärin nickte und wies ihr den Platz gegenüber ihrem Schreibtisch zu. Nach der Übergabe des Telefons wählte Rebecca die auf dem Zettel vermerkte Nummer. Es klingelte, aber niemand hob ab. »Komisch. Ich weiß, dass die Mutter daheim ist. Ich warte kurz und versuche es dann noch mal.«
Sie fiel in den Stuhl zurück, dessen weiche Lehne sich an ihren Rücken anschmiegte. Für einen kurzen Moment der Ruhe stützte sie den Ellenbogen auf dem Tisch ab und legte eine Hand an die Wange.
Die Sekretärin hatte sich inzwischen dem Computer zugewandt und begann damit, etwas einzutippen. Die Zeit strich dahin und Rebecca richtete ihren Blick abermals aus dem Fenster hinaus, wo sie noch immer das grau-graue Winterwetter vorfand.
Ein erneuter Griff zum Telefon brachte wieder nicht den gewünschten Erfolg. »Seltsam«, murmelte sie vor sich hin, als erneut nur das Freizeichen kam, aber niemand am Ende der Leitung abnahm. Sie ließ den Hörer zurück auf seine Verankerung gleiten.
Auf einmal ertönte ein lautes Öffnen der Tür hinter ihr und Rebecca zuckte zusammen. Schulleiter Tannenberger trat mit einem Mann, einer Frau und einem Jugendlichen heraus. »Also, wenn etwas sein sollte, Sie können sich jederzeit bei mir melden, wir finden einen Termin«, sagte der Direktor in gewohnt freundlichem Ton und gab den Dreien förmlich die Hand. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er Rebecca auf dem Stuhl im Sekretariat erblickte.
Sie schaute zu den drei aus dem Büro heraustretenden Personen, die sich am Tresen des Sekretariats befanden und im Begriff waren, den Raum zu verlassen.
Nur flüchtig streifte Rebecca der Blick des etwa zwanzigjährigen Mannes, der aber sofort wegsah. Er griff in seine dunkelbraunen, fast schwarzen Haare und sah nach unten auf den Boden, wirkte angespannt.
In dem kurzen Moment, in dem Rebecca sein ebenmäßiges Gesicht wahrnehmen konnte, durchfuhr sie eine ungeahnte Sehnsucht, dieses näher zu ergründen. Auch sein Körper wirkte alles andere als jugendlich. Unter dem schwarzen Pullover zeichnete sich ein gut trainierter Körper ab. Als die Familie das Sekretariat verließ, erwischte sich Rebecca dabei, wie sie dem jungen Mann auf seinen wohlgeformten Hintern starrte, der sich unter der eng anliegenden Hose abzeichnete.
»Frau Peters, wollen Sie zu mir?«, fragte der Schulleiter, der noch immer im Türrahmen stand. Rebecca drehte sich ruckartig zu ihm herum. »Wie bitte?« Er lachte auf. »Ich dachte, Sie wollen zu mir, weil Sie hier warten.« »Nein, ich muss jemanden anrufen, aber die Mutter geht nicht ans Telefon«, erwiderte sie knapp. »Ach so, gut.« Tannenberger verschwand, die Tür hinter sich zuschlagend, in seinem Büro.
»Sagen Sie, Frau Schneider: Kennen Sie die Familie, die eben beim Schulleiter war? Ich habe die Leute noch nie vorher gesehen.« Die Sekretärin schaute im Terminkalender des Direktors nach. »Familie Klage«, meinte sie ohne vom Kalender aufzublicken. »Ihr Sohn Elouan wird ab morgen hier zur Schule gehen.« Rebecca musste bei der Vorstellung, ihrem zukünftigen Schüler ungeniert auf den Po gestarrt zu haben, schmunzeln.
Dann griff sie zum Telefonhörer und wählte erneut. Diesmal war Martins Mutter am anderen Ende der Leitung. »Guten Tag, Frau Kresser, hier ist Rebecca Peters.« »Schön, dass Sie zurückrufen.« »Kein Problem, ich habe gerade eine Freistunde.«
Die Schleimerei nötigte Rebecca jetzt schon alles ab. »Was kann ich für Sie tun?« »Ich denke, wir sollten in diesem Halbjahr Martins Leistungen, vor allem die in den Fremdsprachen, von Anfang an im Blick behalten. Bisher haben wir uns ja lediglich unterhalten, wenn die Noten auf 5 standen und seine Versetzung gefährdet war«, holte die Mutter aus. »Ich finde, wir sollten uns in regelmäßigen Abständen zusammensetzen, um über seine Leistungen und sein Verhalten zu sprechen. Was halten Sie davon?«
Rebecca fehlten angesichts der resoluten Stimme am anderen Ende der Leitung, die ihr den Takt der Unterhaltung vorgab, die Worte. Am liebsten hätte sie in den Hörer gebrüllt, dass sie von der Vorstellung, diese Frau ab jetzt ständig zu sehen, so gar nichts hielt. Trotzdem antwortete Rebecca gekünstelt euphorisch: »Eine fabelhafte Idee. Welche Abstände haben Sie denn da im Blick?« Hoffentlich nur alle zwei Monate! »Sagen wir, alle zwei Wochen?« »Ist in Ordnung«, musste Rebecca zurückgeben und versuchte gleich zu entschärfen: »Lassen Sie uns aber erst gegen Mitte März beginnen. Bis jetzt sind noch keine Noten vergeben worden. Ich denke …« »Frau Peters«, wurde sie schroff unterbrochen. »Genau das ist das Problem: Wenn wir Martin nur auf seine Leistungen reduzieren, wird er nie Selbstvertrauen entwickeln. Daher sollten wir sofort mit den Gesprächen beginnen und ihn beim Lernen unterstützen. Er muss merken, dass wir beide an einem Strang ziehen, verstehen Sie?«
Eine peinliche Pause durchströmte den Telefonhörer. Rebecca musste verdauen, dass sie eben in unangemessener Art und Weise zurechtgestutzt worden war. »In Ordnung. Wann schlagen Sie den ersten Termin vor?«
Rebecca biss sich auf die Unterlippe. »Diesen Freitag.« »Das ist zu kurzfristig. Da habe ich einen Arzttermin«, log sie. »Gut, dann nächste Woche. Ich würde mich noch mal telefonisch melden und eine Uhrzeit mit Ihnen vereinbaren«, sagte Frau Kresser resolut. Um ihre Ruhe zu haben, willigte Rebecca ein und legte nach einem kurzen »Ja, auf Wiederhören« auf. Frau Schneider lächelte mitleidsvoll. »Anstrengende Eltern?« Rebeccas Augenrollen musste Antwort genug sein.
Bis kurz vor dem Mittagessen kreisten die Gedanken in Rebeccas Kopf. Unzureichend konnte sie sich auf die Zehntklässler konzentrieren, bei denen sie bis kurz vor der großen Pause Deutsch unterrichtet hatte. Trotz des zeitigen Schulschlusses am Montag wollte sich nur bedingt Freude darüber in ihr breitmachen.
Um für einen Moment allein zu sein und sich den Eindrücken des ersten Schultags hinzugeben, beschloss Rebecca, im leeren Klassenzimmer der Zehntklässler die Pause abzuwarten und danach essen zu gehen.
Gedankenverloren stand sie am Fenster und starrte in den Schulhof hinab, in dem sich die Schüler trotz der winterlichen Kälte tummelten. Der Wind hatte aufgefrischt und es schneite jetzt etwas kräftiger. Die bunten Gestalten auf dem Hof trotzten der Kälte, warfen sich Schneebälle ins Gesicht, seiften sich gegenseitig ein oder formten kleine Figuren.
Die große Buche, die Rebecca vom Fenster aus sah, wirkte wie ein tausende Jahre altes Bollwerk inmitten der ständig wechselnden Jahreszeiten und Gesichter, auf die sie Tag für Tag, Jahr ein Jahr aus herabblickte. Sie würde die Zeiten überdauern und auch in hundert Jahren noch behütend über den Kindern wachen.
Aber Gott, was war das heute für ein Tag! Und das war nur einer von vielen! Wo würde sie in zehn, zwanzig oder mehr Jahren stehen? Würde sie dann endlich die Lehrerin sein, die sie sein wollte – respektiert und geachtet? Würden die Korrekturen weniger werden, würde sie mehr freie Zeit haben?
Während sie noch darüber nachdachte, leerte sich der Schulhof zum Ende der Pause. Rebecca griff nach ihrer schwarzen Schultasche, holte die Jacke aus dem Lehrerzimmer und ging in Richtung Mensa. Schreiende, aufgeregte Scharen von Pubertierenden kreuzten ihren Weg.
In der Mensa saß bereits Harald am Tisch. Er hatte einen Teller Nudeln mit Tomatensoße und Wurststückchen vor sich stehen und kaute langsam auf ihnen herum. An der Essensausgabe stehend, winkte Rebecca ihrem Deutschkollegen zu und wartete darauf, ebenfalls das Nudelgericht zu erhalten. Als sie mit dem Tablett auf dem Arm zum Tisch ging, sah sie Freddy den Raum betreten.
»Und wie war dein erster Tag?«, wollte Harald wissen, als sie sich hinsetzte. Rebecca atmete tief durch. »Ging. Die Siebener haben erwartungsgemäß gestört. Morgen habe ich die Elfer, da ist es ruhiger«, sagte sie leicht lächelnd und schob sich einen Happen Nudeln in den Mund.
Ihr war bewusst, dass die Oberstufenschüler ihre Ruhe haben wollten und daher nicht störten. »Ach siehst du, da fällt mir ein: Ich habe doch einen neuen Schüler bei mir im Kurs sitzen: Elouan Klage. Er und seine Eltern waren heute beim Schulleiter. Ich war zufällig im Sekretariat und habe sie gesehen. Du sagtest doch«, an Harald gewandt, »du würdest ihn kennen.« Der ältere Mann räusperte sich, machte eine kleine Kunstpause. »Elouan Klage war schon einmal bei uns.« »Ach so? War er ein Jahr im Ausland und kommt jetzt wieder oder was?« Wieder ein Räuspern.
Er legte die Gabel beiseite, beugte sich leicht nach vorn und sagte dann bestimmt: »Nein, Elouan war vor …«, überlegte er, »drei oder vier Jahren bei uns an der Schule. Ich glaube Mitte der elften Klasse war er plötzlich weg. Niemand wusste so genau, was mit dem Jungen war, aber …«, unterbrach er seinen Satz, um sich mit fragendem Gesicht Freddy zuzuwenden, der sich inzwischen auch zu ihnen gesellt hatte.
»Weißt du noch, was damals genau vorgefallen ist? Immerhin war er doch in deinem Lateinunterricht, oder?« Freddy nickte vielsagend. Dann legte auch er die Gabel zur Seite und sprach, als empfände er es als ein großes Privileg, Rebecca in ein Geheimnis einzuweihen: »Mitten im zweiten Halbjahr war er auf einmal nicht mehr da. Erst von der damaligen Klassenlehrerin erfuhren wir, dass der Junge psychische Probleme hatte und daher in eine Nervenheilanstalt gekommen war. Aber so genau … Hm, so genau weiß ich das auch nicht. Ist schon eine ganze Weile her. Müsste aber in den Unterlagen noch alles zu finden sein.«
»Verstehe.« Rebecca überlegte kurz. »Wenn er nach drei Jahren in die Klasse 11 einsteigt, dann ist er ja …« »Auf alle Fälle bereits volljährig«, grinste Freddy. »Mal sehen, wie er sich diesmal anstellt …«
Er nahm seine Gabel wieder in die Hand und aß weiter. »Was meinst du damit?« Freddys mehrdeutige Aussage und sein Schmunzeln erschlossen sich Rebecca nicht.
»Nun ja, Elouan«, sagte Harald, »war ein cleveres Kerlchen, aber mit seiner verrückten Art hat er sich keine Freunde gemacht. Trat auf, als wäre er der Schulleiter hier, klebte am Lehrer dran, mischte sich ein, während Erwachsene sprachen.«
Schweigen legte sich über sie. Die Worte der Kollegen hallten in Rebeccas Kopf nach. Auf sie wirkte er ganz normal.
Mit der Wurststulle in der Hand stand Rebecca am Dienstag vor dem Vertretungsplan des Lehrerzimmers, als Heidi, Elouans Tutorin, den Raum betrat. »Und, hattest du schon Deutsch bei Lou?«
Rebecca, die gerade dabei war, das Gewirr an Zetteln am Schwarzen Brett zu sortieren, erschrak und schaute Heidi ins Gesicht. Wen meinte die Biologiekollegin?
»Du unterrichtest doch Deutsch in meinem Kurs. Hast du Elouan schon kennengelernt?« Rebecca schüttelte den Kopf. »Nein, die kommende Stunde erst. Aber sag mal, Heidi, wo du gerade da bist … Ich habe mich gestern mit Harald und Freddy unterhalten. Sie haben mir einiges über Elouan erzählt.« Heidi lachte auf. »Bestimmt haben ihn die beiden für verrückt erklärt.« Rebecca nickte.
»Du solltest dir ein eigenes Urteil bilden. Bei einem Kollegen ist er so, beim anderen so. Ich kann mir vorstellen, dass ein Schüler wie Elouan nicht unbedingt viel von Latein hält. Er ist ein sehr emotionaler Mensch«, sagte seine Tutorin.
»Wie alt ist er?« »Zwanzig.« Heidi schaute auf die Uhr, die auch Rebecca daran erinnerte, dass der Unterricht in zehn Minuten beginnen würde. »Wir reden mal, wenn wir ungestört sind, ja?«
Rebecca schulterte ihre Schultasche und verließ zusammen mit ihrer Kollegin das Lehrerzimmer, das inzwischen zu einem Stall voller wild gewordener Hennen und aufgeblasener Hähne mutiert war. Im Gegensatz dazu herrschte auf dem leeren Gang eine angenehme Stille vor. Nur die Absätze von Rebeccas Stiefel erzeugten einen harten Takt, der an den Wänden des Gebäudes widerhallte.
Am Kursraum angekommen, schloss sie die Tür auf, um anschließend das Deutschbuch und ihre Unterlagen für die heutige Stunde auszupacken. Vorfreude erfüllte sie angesichts des nun anstehenden Kennenlernens mit dem ihr noch unbekannten, aber höchst interessant erscheinenden Schüler.
Während die letzten Stimmen auf dem Schulhof verschwanden, betraten bereits einige Elftklässler den Raum. Einer nach dem anderen ging zu seinem gewohnten Platz, packte die Schulsachen aus und wartete auf das nahende Klingelzeichen. Bis auf Elouan waren alle Jugendlichen im Zimmer.
Die Elftklässler wärmten die Stühle an und starrten gelangweilt vor sich hin oder redeten mit dem Banknachbarn. Es klingelte. Leise murmelten die Teenager ihre Begrüßung entgegen und ließen sich dann in ihren Sitz fallen.
»Wir bekommen heute einen neuen Schüler. Hat ihn schon jemand gesehen?«, fragte Rebecca in die lustlose Runde. Alicia, ein recht cleveres, gut aussehendes Mädchen meldete sich und bejahte die Frage.
»Weiß Elouan, wo er jetzt Unterricht hat?« Die Schülerin zuckte, mit einem fragenden Gesicht versehen, die Schultern.
»Ich sehe mal nach«, sagte Rebecca und öffnete behutsam einen Spalt der Klassenzimmertür. Ihr Blick schweifte nach draußen auf den menschenleeren Gang. Niemand zu sehen. Sie trat hinaus aus der Tür, um sich umzuschauen. Aber so wie sie den Schritt aus dem Türrahmen wagte, stand auf einmal ein schlanker junger Mann vor ihr und lächelte sie freundlich an. Er war Rebecca so nahe, dass sie sein männlich herbes Parfum riechen konnte. Er verströmte eine magische Aura, der sie sich nicht entziehen konnte. Ob er ihre Schüchternheit spürte? Rebecca fühlte die aufsteigende Wärme in ihrem Inneren. Ihre Wangen mussten glühen!
»Guten Tag«, sagte er freundlich, aber bestimmt. Seine Stimme war jugendlich kräftig. Sie strahlte Männlichkeit, aber auch Sanftmut aus. »Ich bin Frau Peters.« »Elouan.« Wie lyrisch weich er seinen ungewöhnlichen Namen aussprach. »Nennen Sie mich doch bitte Lou.« Dabei schüttelte er ihr die Hand. Der Griff war zwar fest, aber noch nicht so kernig wie bei alten Männern. Da war dieses vollkommene Gesicht, in das Rebecca eintauchte … Der Moment dehnte sich. Der Händedruck war etwas zu lang, genau wie der Augenkontakt. Seine blauen Iriden schienen ihre braunen Pupillen zu durchbohren und für sich einnehmen zu wollen. Den Kampf hatte sie bereits jetzt verloren.
Mit einem Male fielen Rebecca die Schüler im Zimmer ein, die auf die Fortsetzung der Unterrichtsstunde warteten. »Komm rein. Such’ dir einen Platz aus«, sagte sie mit gesenktem, hochrotem Kopf. Die Wärme seiner Berührung durchflutete sie noch immer.
Elouan packte seine Unterrichtsutensilien aus und sah sich nach den Mitschülern um. Einen intensiveren Blick widmete er der hübsch anzusehenden Alicia, die er freundlich anlächelte. Dann begann für Rebecca die erste Unterrichtsstunde mit ihrem neuen Schüler.
Elouan zog es vor, allein zu sitzen. Abseits von ihm: die übrigen Elftklässler. Der erwachsen wirkende, mysteriöse neue Schüler befremdete sie und wirkliche Freunde schien der Neuankömmling in der Runde des lustlosen Deutschkurses ebenfalls nicht gefunden zu haben. Neuerdings betrat er zwar zusammen mit Alicia den Raum, setzte sich dann jedoch nicht neben sie. Rebecca interessierte, worüber sich die beiden austauschten, konnte jedoch nie Wortfetzen auffangen.
Während die Jugendlichen arbeiteten, schaute sie sich im Kurs um und sah, wie Lou zu seiner Mitschülerin Alicia schaute. Der Grundkurs bestand zum überwiegenden Teil aus Jungen. Nur vier Mädchen saßen Rebecca gegenüber. Davon zog die leistungsstarke, hübsch anzusehende Alicia die größte Aufmerksamkeit von Elouan auf sich.
In Einzelarbeitsphasen nutzte Rebecca die Gelegenheit, sich Lou aus der Nähe anzusehen. Mit seinen zwanzig Jahren stach er aus der Masse der anderen Jugendlichen deutlich hervor: Sein markantes Kinn mit den robusten schwarzen Bartstoppeln ließ sein Gesicht abgeklärter und reifer wirken als das mancher anderer Jugendlicher in diesem Kurs. Mal kam er frisch rasiert in die Schule, mal trug er einen gepflegten Dreitagebart.
Seine blauen Augen lugten des Öfteren von dem Deutschbuch auf und schauten sich im Klassenraum um. Unvermittelt trafen sie auf die von Rebecca. »Frau Peters, könnten Sie bitte zu mir kommen, ich habe eine Frage«, sagte er übertrieben höflich. »Sicher, was gibt es denn?«
Das aktuelle Thema hob die meisten Jugendlichen nicht sonderlich an, aber Lou schien daran Gefallen zu finden, Reden auseinanderzunehmen.
Inzwischen stand Rebecca an seinem Platz, beugte sich über seine Schulter, um zu schauen, was er ihr zeigen wollte. »Ich komme an dieser Stelle hier nicht weiter. Weizsäcker sagt, nach dem Zweiten Weltkrieg …«
Ihre Augen wanderten zu seinen dunklen, kurzen Haaren, hinab zu seinem blauen, eng anliegenden Jeanshemd und von dort wieder hoch zu seinem Gesicht. Ihr fielen seine tadellos gerade Nase sowie seine leicht geschwungenen Lippen auf. Ihr Verstand wurde zusätzlich durch das männlich herbe Parfum getrübt, das sie schon öfter an Elouan gerochen hatte und das eine ganz eigene Stärke ausstrahlte.
»Und was denken Sie darüber? Kann man mit dem, was der Autor hier sagt, mitgehen?« Seine Worte waren zur Nebensache geworden. »Ich muss das … kurz überfliegen …« Trotz Rebeccas unprofessionellem Stammeln und der wirren Antwort schien Lou mit dem Gesagten zufrieden zu sein, denn er schrieb eifrig auf, was ihm Rebecca mitteilte; wie ein gelehriger Schüler, der Eindruck zu hinterlassen suchte.
Die übrigen Elftklässler waren in ihre Einzelarbeit vertieft und sahen daher nicht, wie sie ihre Augen unablässig auf Elouan richtete, während sie im Raum herumlief und vorgab, sich das Geschriebene der Mitschüler anzusehen. In Wahrheit galten Lous Hinterkopf sowie die schlanke Silhouette, die sich unter seinem engen Hemd abzeichnete, ihrem Interesse. Seinen Anblick in sich aufsaugen, ihm nah sein, seine Präsenz spüren, einzig diese Gedanken begleiteten Rebecca, als sie den Raum durchschritt.
Es wurde unruhig. Die meisten Schüler hatten die Einzelarbeit abgeschlossen und warteten nun darauf, die Analyse des Redetextes vorgesetzt zu bekommen. Normalerweise war Alicia die einzige Schülerin, die aktiv mitarbeitete. Nun nahm Elouan einen Platz neben ihr ein.
»Gut, dann fasse bitte die Aussagen des Textes zusammen.« Die Inhaltsangabe gelang ihm problemlos.
Für den nächsten Teilschritt der Redeanalyse nahm Rebecca eine stille Schülerin dran. Während das Mädchen redete, beugte sich Lou nach links und betrachtete sie aufmerksam. Rebeccas Augen schweiften zwischen Elouan und ihr hin und her und eine ungekannte Eifersucht durchflutete sie. Warum?
Lou meldete sich erneut, doch Rebecca konnte ihn nicht permanent drannehmen. »Max?« Elouan funkelte sie böse an. Da Max kaum ergiebige Fakten lieferte, forderte Rebecca: »Lou, ergänze doch bitte.« Doch seine Deutungen gingen in eine komplett verkehrte Richtung.
»Überlege noch mal, ob das wirklich richtig sein kann.« Die Ermutigungen zogen nicht und Elouan fiel resigniert in den Stuhl zurück. Er blieb bis zum Ende der Stunde stumm und verließ den Deutschraum beinah beleidigt, wortlos. Warum hat ihn das so aus der Fassung gebracht?
Zu Hause angekommen, schob sich die Autotür genauso widerwillig auf, wie sich Rebeccas Körper aus dem Wagen bewegte. Die ganze Last der wenigen Schultage trug sie bereits jetzt auf den Schultern. Dabei wollte sie sich doch mit der Aussicht trösten, dass es nur wenige Wochen bis zu den Osterferien waren.
Beim Aussteigen nahm sie sofort die Schneewehen wahr, die sich in der Einfahrt zu kleinen Dünen aufgetan hatten. In den letzten zwei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit. Es handelte sich um sehr nassen, schweren Schnee, weshalb die Straßen zwar frei waren; aber über der Einfahrt zum Haus hatte sich ein dichter Mantel aus weißem Samt gelegt. Rebecca stapfte durch die Schneedecke, öffnete die Haustür und zog ihre nassen Schuhe aus, die sie zum Trocknen etwas abseits stellte.
Da Paul erst gegen sieben nach Hause kam, musste sie sich in der Zwischenzeit um alles allein kümmern: Schnee wegräumen, den stehen gebliebenen Aufwasch erledigen und Unterricht vorbereiten. Am liebsten hätte sich Rebecca jetzt ins Bett verkrochen, die Decke über den Kopf gezogen und geschlafen. Noch lieber säße sie in genau diesem Moment in einem Flugzeug – irgendwohin, bloß weit weg von der Schule.
Doch es nutzte nichts. Um sich trübsinnigen Gedanken hinzugeben, blieb keine Zeit. Sie verstaute ihre Schultasche im Arbeitszimmer, zog sich hohe Stiefel an und trottete nach draußen in die Kälte. Ihre Pelzmütze hatte sie tief ins Gesicht geschoben, da ein eisiger Wind wehte. Der März war bereits zum Greifen nah. Aber an einem so traurigen Wintertag wie dem heutigen, an dem sich die Sonne nicht blicken ließ, wurde es bereits kurz nach halb fünf finster. Sie musste sich beeilen, dass sie den Schnee in der Einfahrt noch vernünftig beseitigte, bevor Paul nach Hause kam.
Ein Kampf zwischen dem Schieber und dem nassen Schneematsch zeichnete sich ab, doch Rebecca gewann. Eine Schneewehe nach der anderen verschwand mühevoll vom Hof.
Erst 19:15 Uhr nahm sie von ihrem Arbeitszimmer aus die Scheinwerfer von Pauls Auto wahr. Obwohl sie schon längst Feierabend haben wollte, saß sie immer noch über ihrem Rechner und bereitete den Unterricht in den morgigen Klassen vor.
Paul brachte eine unangenehme Kälte ins Haus hinein. Er begrüßte Rebecca mit einem leichten Kuss auf die Lippen. »Machst du schon wieder so lange?«, fragte er besorgt. »Hm, ändert sich einfach nichts daran, dass ich viel zu tun habe. Hast du gesehen, dass ich Schnee geschoben habe?« Er verließ das Zimmer. »Ja«, hörte sie ihn beiläufig murmeln. Rebecca konnte nur müde lächeln. Ob er wirklich registriert hatte, wie viel Arbeit sie auf sich genommen hatte?
Seine fehlende Anerkennung machte ihr einmal mehr bewusst, was für ein ignoranter Typ ihr Freund geworden war. Die Frustration steigerte sich noch angesichts der Tatsache, dass es in der Vorbereitung auf die Stunde mit ihren Achtklässlern Probleme gab. Rebecca fand ein wichtiges Arbeitsblatt nicht, das sie für eine Kopie benötigte. Weder in der Ablage noch im Ordner für diese Klassenstufe war es aufzutreiben. »So ein Mist«, fluchte sie vor sich hin.
Paul hörte davon nichts. Nachdem er seinen Mantel ausgezogen hatte, verschwand er ins Schlafzimmer. In der Regel lag er dort etwa eine halbe Stunde, bevor er zum Essen in die Küche zurückkehrte. »Wo zum Henker …« Die Flüche ließen das Arbeitsblatt nicht verängstigt unter dem Blätterstapel hervortreten. Es blieb verschwunden.
Rebecca schaltete ihren Laptop an, um nachzusehen, ob es dort inmitten der zahlreichen, wild gespeicherten Dokumente auftauchte. Unter den vermuteten Dateinamen: Kein Suchergebnis. Vielleicht das Speicherdatum? Wann hatte sie es zuletzt gebraucht? Im Referendariat? Kein Suchergebnis. Ihr blieb keine andere Wahl, als das Arbeitsblatt noch einmal zu erstellen, in der Hoffnung, es annähernd so zu konzipieren wie ehedem.
Während sie genervt auf der Tastatur herumtippte, näherte sich der dicke Zeiger der Uhr immer mehr der Acht. Entsprechend fiel das Ergebnis aus.
Wie gerädert wachte Rebecca am kommenden Mittwochmorgen auf. Vor allem ihre eigene achte Klasse bereitete ihr bereits am Frühstückstisch Kopfzerbrechen, während sie am Kaffee nippte.
Wann trat endlich das Wunder ein, auf das sie schon so lange Zeit wartete und das sie endlich zu einer respektierten Persönlichkeit heranreifen lassen würde? Heute zumindest kam es nicht zustande.
Es war die zweite Stunde. Die nervigen Siebtklässler lagen hinter Rebecca. Jetzt blieben ihr wenige Minuten, um den Raum zu wechseln und in ihrer eigenen achten Klasse zwei Stunden Kunst zu geben.
Es hatte bereits zur Stunde geklingelt, aber weil sie nicht pünktlich den Raum der Siebtklässler abschließen konnte, war sie zu spät dran und musste über den Gang rennen, um noch pünktlich den Kunstraum zu erreichen. Eine unangenehme, peinliche Situation, die sie auf dem Gang wild vor sich hin fluchen ließ. Sie kam nie zu spät!
Schon von Weitem hörte sie eine aufgebrachte Meute durch die Gänge des Kunstflügels rufen und grölen. »Ausfall!«, riefen sie und »Kommt die Alte heute etwa nicht?« Wahrscheinlich verrieten sie die Absätze ihrer Schuhe, die laut auf dem Fußboden aufschlugen. Zumindest wurde es etwas leiser, als sich Rebecca dem Raum näherte.
Abgearbeitet und erschöpft erreichte sie die Schülerhorde, fand aber in der Eile ihren Schlüssel nicht, mit dem sie meinte, soeben den Raum der Siebtklässler abgeschlossen zu haben. Wie irr wühlte sie in der – ihr in diesem Moment überproportional groß erscheinenden – Tasche.
Die Unruhe brandete wieder auf und schon schaute Kollegin Fröhlich aus ihrem Raum heraus, wer die Lautstärke auf dem Gang verursachte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des Suchens bemerkte Rebecca, dass sie den Schlüssel gar nicht in der Schul-, sondern in ihrer Hosentasche hatte, aus der sie ihn nun umständlich hervorkramen musste.
Genervt schloss sie den Raum auf und wälzte ihre schier endlos erscheinenden Unterlagen, die aus Büchern und A 3-Blättern bestanden, umständlich auf dem Lehrertisch ab.
Eine schüchterne Schülerin kam nach vorn gelaufen und entfaltete einen Zettel. Dafür hatte sie gerade eben gar keinen Nerv! »Was ist denn, Susanna?« Durch den eisigen Tonfall blieb dem Mädchen vor Schreck der Mund offen stehen. »Ich habe einen …«, stammelte sie vor sich hin, während sie ein Stück Papier auf und zu faltete, »… Krankenschein, den ich Ihnen geben wollte.« »Ja gut, leg’ ihn auf den Tisch.« Susanna tat wie angekündigt und schlich eingeschüchtert davon.
Warum musste ihre miese Laune über das Zuspätkommen ausgerechnet die falschen Kinder treffen? Die Unruhe wurde nicht weniger und nun fehlte auch noch das Lehrbuch der Achtklässler!
Als Rebecca für einen kurzen Augenblick aufschaute, nahm sie wahr, dass noch immer nicht alle Jugendlichen ihr Schulzeug aus den Taschen und Ranzen geholt hatten. »Packt bitte zügig aus, wir fangen heute mit einem neuen Kunstprojekt an; dafür braucht ihr viel Zeit!«, brüllte sie in die nicht zuhören wollende Schülermeute.
Der einzige Schüler, der offenbar Mitleid empfand, war der Klassensprecher, der vor Rebeccas Tisch stand und fragte: »Kann ich Ihnen helfen, Frau Peters?« »Nett von dir, aber …« Wieder entfuhr ihr ein Stöhnen, weil sie noch immer nicht das Lehrbuch gefunden hatte, das offenbar unter den Unterlagen, die sie achtlos auf den Tisch geknallt hatte, begraben lag.
»Marc, vielleicht könntest du deinen Klassenkameraden sagen, dass sie leiser sein sollen, wir wollen gleich anfangen.« Er nickte, drehte sich zu den Mitschülern um, pfiff einmal laut und rief aus voller Brust: »Seid jetzt alle leise!«
Die Mädchen drehten sich nach ihm um. Auch die Jungs verstummten kurzzeitig, schnatterten dann aber etwas weniger lautstark weiter. »Gut so!«, sagte er selbstischer.
Dankend lächelte ihm Rebecca zu, war aber nach wie vor frustriert, weil das Lehrbuch auch unter dem Blätterstapel nicht aufzufinden war.
Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit hatte sich die Klasse insoweit beruhigt, dass der Unterricht beginnen konnte. Zehn Minuten und mit ihnen die gute Laune von Rebecca waren verstrichen.
»Okay. Wie ihr wisst, beginnen wir heute mit einem neuen Kunstprojekt. Es geht um Tageszeiten und ihre Darstellung in der Kunst. Wir wollen uns ein paar solcher Werke ansehen und beschreiben. Ihr findet sie im Lehrbuch, Seite …«
Sie ging an den mittleren Tisch in der vordersten Reihe, an dem ihr »Lieblingsschüler« Martin saß. »Seite 139«, sagte sie zügig, die eben einkehrte Ruhe ausnutzend.
Doch schon hatte Ellen einen dummen Spruch parat, mit dem sie Rebecca aus der Fassung bringen konnte. »Frau Peters hat ihr Lehrbuch nicht mit. Jetzt bekommt sie einen Eintrag ins Hausaufgabenheft«, geiferte sie, dabei siegessicher zu ihrer Clique schauend, die aus Jule, Martin und Andy bestand. Ellen hob eine Hand nach oben, um High-Five zu signalisieren und lachte Jule dreckig an.
Die Schülerin wusste scheinbar nicht so recht, ob sie sich getrauen sollte, ebenfalls einen Kommentar loszulassen und unterließ es lieber. Weil Rebecca nichts auf Ellens Worte erwiderte, keimte die Unruhe wieder auf.
»Susanna«, überging sie Ellens Kommentar, »lies uns doch bitte auf Seite 139 den Eingangstext zu den Darstellungen in der Kunst vor.« Böse funkelte Rebecca Ellen an, deren Lachen erstarb. Für heute signalisierte sie Standhaftigkeit, aber insgeheim wusste sie: Der Kampf zwischen ihr und den Jugendlichen war noch lange nicht vorbei.
Nach neunzig Minuten ertönte das Klingelzeichen, das Rebecca erlöste. Endlich große Pause. Sie atmete erleichtert auf, als die Teenager den Raum verließen. Einige der pubertierenden Mädchen waren noch im Zimmer und begannen plötzlich zu feixen und rot zu werden.
Rebecca blickte zu den Schülerinnen auf, die fasziniert den Türrahmen zu begutachten schienen. Dort stand Elouan. »Frau Peters?« Verdutzt trat Rebecca an ihn heran. »Was gibt es?« Er war tatsächlich da. In der Hand hielt er das Arbeitsblatt der Redeanalyse der vergangenen Stunde.
Die Achtklässlerinnen huschten scheu mit geröteten Wangen an dem Oberstufenschüler vorbei, der ihnen ein zartes Lächeln schenkte. Auf dem Gang hörte Rebecca, wie sie sich angeregt unterhielten, sich nach ihnen umdrehten und dann lachten.
»Gestern sagten Sie mir, dass ich falsch liegen würde mit meiner Deutung. Kann ich meine Gedanken noch einmal ausführen? Ich glaube, ich liege gar nicht so verkehrt damit.«
Unfassbar, dass sich ein Jugendlicher über die Unterrichtsstunde hinaus freiwillig mit dem Stoff beschäftigte. Lou faltete das zerknitterte Arbeitsblatt mit der Rede von Weizsäcker auseinander.
Er stand so dicht neben ihr, dass sein sanfter Atem über ihre linke Wange strich und sein Duft ihr in die Nase stieg. Die Nähe und der Körperkontakt sorgten dafür, dass Rebecca keinen klaren Gedanken fassen konnte und wie schon in der Deutschstunde auch diesmal nicht in der Lage war, den Ausführungen ihres Schülers aufmerksam zu folgen. Lediglich verschwommene Worte drangen an ihr Ohr.
»Und, was sagen Sie dazu? Brillant, oder? Zumal dieses sprachliche Mittel hier«, wobei er auf eine x-beliebige Textstelle zeigte, »meine These noch untermauert, nicht wahr?«
Seine Augen strahlten, genau wie sein Mund, der ein dickes Grinsen zeigte. Da er anscheinend Bestätigung von ihr verlangte, sagte Rebecca: »Du hast recht. Wenn du es mir gestern genauso erklärt hättest, dann hätte ich dir auch zustimmen können.«
Was er wirklich gesagt hatte, würde ihr für ewig verborgen bleiben. Ob sie in klarem Zustand seinen Worten überhaupt zugestimmt hätte? Egal. Was zählte war, dass Elouan wieder strahlte und dies erzeugte eine tiefe innere Zufriedenheit in ihr. Wie lange schon konnte sie nicht mehr zu sich selbst sagen: »Heute habe ich einen Schüler glücklich gemacht.«
Er faltete den Zettel zusammen und ging, in sich hinein grinsend, davon. »Lou?« Kurz bevor er den Raum verließ, drehte sich Elouan noch einmal zu Rebecca herum. »Ja, Frau Peters?« Sie verringerte den Abstand zu ihm. »Warum hast du mich aufgesucht?« Er zog die Stirn in Falten. Offenbar verwirrte ihn die Frage. »Ich bestehe gern auf meiner Meinung.«
Ein kurzer Moment der Ruhe kehrte ein und ein Augenkontakt, der ein wenig zu lang war, entstand. »Ach so. Na gut, dann bis morgen«, sagte sie und lächelte Lou flüchtig an. Das reichte, um ein kleines Lächeln von ihm zurückzuerhalten.
Noch am Nachmittag beseelte Rebecca das winzige Lächeln von Lou bei ihrer Unterrichtsvorbereitung für die Elftklässler. Morgen sollten die gestalterischen Mittel einer Redeanalyse vertieft werden.
Während sie am Laptop saß und das Arbeitsblatt für die morgige Stunde entwarf, drifteten mit einem Male ihre Gedanken weg. Sie sah ihren Schüler in seiner ganzen Präsenz vor sich. Unwillkürlich presste Rebecca die zusammengeschlagenen Beine fester aneinander, sodass ein Druck in den Oberschenkeln entstand, der sich weiter nach oben hin fortsetzte. Dabei spannte sie die Beckenbodenmuskulatur an, schloss, während sie im Drehstuhl zurücksank, die Augen und begann zu fantasieren, als plötzlich das Telefon läutete.
Sie eilte nach oben ins Wohnzimmer. »Anonym« stand auf dem Apparat. Bestimmt die blöde Kresser! Immerhin wollte sie sich noch einmal melden. »Peters.« »Kresser hier. Sie erinnern sich an unser Gespräch letzte Woche?« Ohne, dass Rebecca Zeit zum Antworten blieb, führte Martins Mutter aus: »Ich wollte einen zeitnahen Termin zum Gespräch mit Ihnen vereinbaren. Sie wissen doch noch: Unser regelmäßiger Turnus. Wir wollten uns über meinen Sohn Martin und seinen Leistungsstand verständigen. Ich würde mich bereits in dieser Woche das erste Mal mit Martin und Ihnen zusammensetzen.«
»Sie meinen wirklich, dass es klug ist, schon so zeitnah mit der Unterhaltung anzufangen? Ich hatte Ihnen, glaube ich, gesagt, dass noch keine Noten …« »Frau Peters«, wurde Rebecca forsch unterbrochen. »Für Sie als Lehrerin zählen offenbar nur die Leistungen. Ich bin aber an der Gesamtentwicklung meines Sohnes interessiert.« Was für eine Entwicklung? Zurück ins Kindergartenalter? »Wenn Sie eigene Kinder haben, werden Sie verstehen, dass Eltern mehr wollen, als nur eine Einschätzung des Notenspiegels. Also, wann passt es Ihnen diese Woche? Morgen?« »Am Donnerstagnachmittag? Das geht nicht. Da habe ich …« Eine Ausrede, schnell, eine Ausrede! »… da findet meine Arbeitsgemeinschaft statt.« »Ich könnte danach kommen, das ist kein Problem.«
Eine angenehme Stille breitete sich im Hörer aus, als Frau Kresser nicht sprach. Dann führte sie weiter aus: »Verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Peters. Ich finde, wir sollten Martin signalisieren, wie ernst die Lage ist.« »Sie möchten einen Termin? Schnellstmöglich?« »Richtig.«
Rebecca nahm die Fernsehzeitung, die auf dem Tisch neben dem Telefonhocker lag und tat so, als blätterte sie im Lehrerkalender. Dabei musste sie wieder einmal feststellen, dass nichts Gescheites im TV lief.
»Wie wäre der nächste Donnerstag, 10. März?«, schlug Rebecca kurzerhand vor. »Einverstanden. Wann?« »15:30 Uhr.« Frau Kresser überlegte nicht lange. »Ist in Ordnung. Ich schlage vor, dass Martin mitkommt.« Rebecca verdrehte die Augen. »Ja, das ist besser so. Wenn wir schon über ihn reden, soll er wenigstens dabei sein.«
Sie hoffte, dass die resolute Person am anderen Ende der Leitung nun endlich auflegte, aber dem war nicht so: »Frau Peters«, überlegte Frau Kresser, »ich muss noch auf eine etwas unangenehme Sache zu sprechen kommen … Martin erzählte mir, dass er sich schlecht konzentrieren kann und nicht genügend lernen könnte, weil es so laut in der Klasse ist. Im Übrigen sind die Schüler vor allem laut, wenn sie bei Ihnen Unterricht haben.« Unfassbar!
Und Martin selbst? Hatte er auch erzählt, dass er derjenige war, der die Lautstärke verursachte? Um sich den zynischen Kommentar zu verkneifen, biss sich Rebecca auf die Innenseite ihrer Wange. »Hm«, sagte sie nur. »Haben Sie sich Gedanken gemacht, was Sie … in Ihrem Unterricht …«
Rebecca ahnte, dass Frau Kresser auf ihre Inkompetenz ansprechen wollte, ohne ihr dabei weh zu tun. »Ich meine … wie Sie … dafür sorgen wollen, dass …«, stammelte die Mutter peinlich berührt in den Hörer hinein.
Das war genug! »Hat Ihnen Martin erzählt, welche Rolle er selbst bei der Verursachung der Unterrichtsstörungen innehat?« »Ich weiß, dass er kein Musterknabe ist. Das müssen Sie mir nicht unter die Nase reiben«, sagte Frau Kresser pampig. »Frau Peters. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Martin unnötig Lautstärke verursacht, wo er doch weiß, dass er aufpassen muss, um das Schuljahr zu schaffen.«
Rebecca musste ein Lachen unterdrücken, weil sie nicht glauben konnte, dass Martins Mutter tatsächlich so naiv war. »Frau Kresser, wir sprechen am besten nächste Woche darüber. Ich muss jetzt Schluss machen. Meine Nachbarin steht vor der Tür und wird gleich klingeln.« »Bis nächste Woche, Frau Peters.« Eilig legte sie auf, bevor der Mutter weitere unangenehme Dinge einfielen, die sie ihr an den Kopf knallen konnte.
Rebecca ließ sich rücklings auf das Sofa fallen. Sie griff nach einem weichen Kissen, das sie sich unter den Kopf schieben konnte. Die Sekunden verstrichen und mit ihnen die Worte von Frau Kresser. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Da ist er. Rebecca führte ihre Hand unter den Pullover, schob den BH beiseite und berührte zärtlich ihre Brustwarzen mit gewohnten Bewegungen und einem festen, warmen Griff. Ihre Hände sanken tiefer, diesmal in Richtung Schoß. Sie öffnete den Reißverschluss der Jeans und schob sanft die rechte Hand in ihren Slip, bis sie an ihren Schamlippen ankam, die sie zart mit den Fingerkuppen streichelte und dann an ihrer Perle den Druck verstärkte.
Da ist er wieder. In der Schule, genauer gesagt im Raum, in dem ihr Deutschunterricht stattfindet. Doch statt den Elftklässlern, die normalerweise in dem Kurs sind, werden die Plätze einzig durch Mädchen aus der elften Klasse belegt. Lou ist der einzige männliche Schüler unter ihnen. Er ist kaum fähig sich zu konzentrieren. Immer wieder gleiten seine Blicke durch die Reihen der ansehnlichen Schülerinnen, die in ihren engen kurzen Röcken, knappen Kleidern oder nackenfreien Tops vor und neben ihm sitzen.
