Rechte Esoterik - Matthias Pöhlmann - E-Book

Rechte Esoterik E-Book

Matthias Pöhlmann

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Beschreibung

Sie sind auf den "Querdenken"-Demonstrationen zu finden und überfluten mit ihren Botschaften die sozialen Netzwerke. Sie haben ihre eigenen Kirchen, ihre eigenen Bauernhöfe und ihre eigene "Germanische Neue Medizin". Von der Anastasia-Bewegung bis zu QAnon: Rechte Esoteriker gewinnen immer mehr Zulauf. Nicht nur in Deutschland. Der Weltanschauungsexperte Matthias Pöhlmann, exzellenter Kenner der Szene, nennt die historischen Wurzeln und zeigt: Was auf den ersten Blick als harmlose Spinnerei erscheint, birgt immensen gesellschaftlichen Sprengstoff.

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Matthias Pöhlmann

Rechte Esoterik

Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2021

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rohrdorf

Umschlagmotiv: © artdock / shutterstock

E-Book-Konvertierung: ZeroSoft, Timisoara

ISBN E-Book (E-Pub) 978-3-451-82532-3

ISBN E-Book (E-PDF) 978-3-451-82601-6

ISBN Print 978-3-451-39067-8

Dr. med. Florian Pöhlmann (geb. 1990),

meinem Sohn

Inhalt

Vorwort

Das Verschwimmen der Grenzen

Im Nebel der Pandemie

Esoterischer Verschwörungsglaube

Corona-Proteste als Hotspots für Verschwörungsmythen

Im Sog der „Plandemie“

Anthroposophische Überwisser

Meditation und Esoterik als spiritueller Widerstand

Schulterschluss von Yogis, Querdenkern und rechten Esoterikern

„Deutschland, wach auf!“ als Esoterik-Mantra

Nicht jede Esoterik ist rechts – oder: Was ist Esoterik?

Alltagsphänomen Esoterik

Esoterik als höhere Erkenntnis

Fluide Spiritualität, Popularität und marktorientierte Konformität

Kennzeichen rechtsesoterischer Verschwörungsideologie

Vernetzungen von Querdenkern und Esoterikern in der Corona-Krise

Raffinierte Affinitäten

Querdenken-Bewegung und (rechts-)esoterische Vernetzungen

Michael Ballweg – Meditation, Quantenheilung, Energiefelder

Heterogene „Misstrauensgemeinschaft“

Querdenker und Esoterik: Ergebnisse einer Befragung

Im Visier des Verfassungsschutzes

Die Besserwisser

Rechtsesoterische Superspreader

Verbreitungswege und Vernetzungen

Digitale Echokammern rechter Esoterik

Rechtsesoterische Weltanschauungsproduzenten und Verlage

Kopp-Verlag: Plattform für rechte Esoterik und Verschwörungsmythen

Michaels Verlag: Zwischen Esoterik, Verschwörungsglaube und Alternativmedizin

Argo Verlag: Rechte Esoterik und Reichsbürgerideologie

All-Stern-Verlag: Rechte Ufologie zwischen Schwarzer Sonne und Vril-Symbolik

Amadeus Verlag: Der rechtsesoterische Profiteur der Corona-Krise

Gestreute Verunsicherung und angebliche Umsturzpläne

Unzensiert und antidemokratisch

Heiko Schrang – alternativ-medial, esoterisch und rechtsoffen

Antimoderne Gegenwelten – Eine Motivgeschichte rechter Esoterik

„Verwissenschaftlichung“ und „Verweltanschaulichung“ der Esoterik

Verschwörungserzählungen

Freimaurer als Satanisten? Der „Taxil-Schwindel“

Die Protokolle der Weisen von Zion

Flucht in höhere Welten

Wurzelrassen und kosmischer Evolutionismus – Theosophie und Theosophische Bewegung

Höheres Wissen und zeitbedingte Irrtümer – Anthroposophie

Antisemitische Verschwörungsmythen und Siedlungsprojekte in der Völkischen Bewegung

Rassismus in esoterischem Gewand – Ariosophie

Von Armanen und Herrenmenschen – Guido von List

Kampf der Rassen – Jörg Lanz von Liebenfels

Nachwirkungen und Rezeption

Reichsflugscheiben und Nazi-Okkultismus – Rechtsextreme Tendenzen in der Ufologie

Im Zeichen der Schwarzen Sonne

NS-Mythen und die Vril-Gesellschaft

Geheimorte esoterischer NS-Ufologie: Neuschwabenland, Hohle Erde, Aldebaran

New Age und Esoterik

Rechte Esoterik und Extremismus

Geheimgesellschaften und Nazi-Ufos: Jan Udo Holey alias Jan van Helsing

Vernetzt im Kampf gegen die Neue Weltordnung: Jo Conrad

Sasekismus – Die gezielte Strategie der Verunsicherung

Automechaniker, Laienprediger, radikaler Verschwörungstheoretiker

Digitale und multimediale Verschwörungswelt und Vernetzungsstrategien

Knotenpunkte und Umschlagplätze rechter Esoterik

Regentreff: Prä-Astronautik, Ufologie, rechte Verschwörungsideologien

Abschaffung des Bargeldes und „The Great Reset“

Chiemgautreff: Alternative Energie und altes, höheres Wissen

Neue Weltkirche des Christus (Universale Kirche, Bruderschaft der Menschheit)

Die Internetkrieger von AllatRa

Alexander Dugin – Rechtsextremer Esoteriker, Ideengeber und Neoeurasier

Germanische Neue Medizin / Germanische Heilkunde / Neue Medizin

Rechte Esoterik und Reichsbürger

Rechte Verschwörungsesoterik, Antisemitismus und Reichsbürgerideologie

Peter Fitzeks Königreich Deutschland

Verbindungen zur Initiative Querdenken

„Burgos von Buchonia“: antisemitische Reichsbürger-ideologie im Druidengewand

Das „Große Erwachen“ – QAnon und rechte Esoterik

Verschwörungskult

„Sturm auf den Reichstag“

Tiefer Staat, Satanisten und Kinderblut

QAnon als Weltanschauungsextremismus

Die Anastasia-Bewegung: ökologisch, esoterisch und rechtsextrem

Anastasianismus

Antidemokratisch, antisemitisch und rassistisch

Familienlandsitz als Zauberwort

Impfkritik und neue „Volksmedizin“

Freies Lernen: „Laising“, Schetinin-Pädagogik und „School of Bliss“

Problematische Vernetzungen

Urahnenerbe Germania

„Akademie Engelsburg“

Distanzierungen

Rechtsesoterische Vernetzungs- und Querfrontstrategien

Querdenker und „Wahrheitsforscher“

Verschwörungsideologe und rechter Esoteriker

Hambacher Kulturförderverein und Vernetzungsinitiative Friedensweg

„Nikolaikirche ist überall!“ – Initiativen in der Corona-Krise

Die Initiativen Menschen machen Mut und Mutigmacher

Esoterik als Trojanisches Pferd für rechtsextremes Denken

Antiaufklärerische Besser- und Überwisser

Überwissen als Protest und Provokation

Motor für eine Unkultur des Misstrauens und der gesellschaftlichen Spaltung

Hyperindividualisierung und Entsolidarisierung

Rechte Esoterik als soziale Emigration

Gefahr der Radikalisierung

Einschätzungen aus christlicher Sicht

Dialog und Unterscheidung

Engagement für eine Kultur der Barmherzigkeit

Plädoyer für eine Ethik des Mitgefühls

Adressen für Information und Beratung

Zum Umgang mit Verschwörungstheorien und Verschwörungsgläubigen

Informations- und Beratungsstellen zu rechter Esoterik und Verschwörungsideologien

Politische Bildung

Faktencheck

Filmdokumentation zu rechter Esoterik

Weiterführende Literatur

Personen- und Sachregister

Anmerkungen

Vita

Vorwort

Im Frühsommer 2021 zeigten sich die Sicherheitsbehörden in Deutschland besorgt. Die seit 18 Monaten anhaltende Pandemie habe, wie es hieß, die Szene der Rechtsextremen deutlich gestärkt. Bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes 2020 sprach Bundesinnenminister Horst Seehofer Mitte Juni 2021 von „einem Alarmzustand“ und „einer besonderen Sicherheitslage, die ein dickes Problem“ sei. Besonders über die Corona-Proteste hätten Rechtsextreme Anschluss an das „bürgerliche Spektrum“ gefunden. Insgesamt sei das Personenpotenzial im Rechtsextremismus erneut leicht angestiegen und liege nun bei rund 33 000 Personen – über 13 000 davon seien gewaltorientiert. Rechtsextremistische Straftaten hätten sich um fünf Prozent erhöht.

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen legte im Juni 2021 erstmals einen „Sonderbericht zu Verschwörungsmythen und Corona-Leugnern“ vor. Darin wurde auf die ernste Gefahr für Gesellschaft und Demokratie hingewiesen. Betroffen sei besonders die Mitte der Gesellschaft, die von allen Seiten „online“ angegriffen werde, von rechts ebenso wie von links, von Corona-Leugnern und von Islamisten. Erschreckend sei die Massivität von Verschwörungsmythen, Falschnachrichten, Wissenschaftsfeindlichkeit, Homophobie und Misstrauen. Teile der Corona-Leugner-Szene befänden sich demzufolge in einem Prozess der Radikalisierung, was sich besonders in den Diskursen und in den von der Szene ausgehenden Handlungen ausdrücke: „Veranstaltungen und Kundgebungen werden genutzt, um aggressiv gegen Sicherheitskräfte und Medienvertreter vorzugehen. Politiker und Wissenschaftler werden in den sozialen Netzwerken in massiver Art und Weise verunglimpft. Durch einzelne Akteure werden sie sogar zu ‚Feinden‘ und ‚Verrätern‘ erklärt, die man töten dürfe. […] Die Szene ist heterogen und befindet sich in dynamischen Veränderungsprozessen. Es wird deutlich, dass sich die ursprüngliche Skepsis gegen staatliche Pandemiemaßnahmen mehr und mehr zu einer grundlegend demokratiefeindlichen und sicherheitsgefährdenden Haltung entwickelt hat.“[1]

Die ebenfalls im Juni 2021 präsentierte „Mitte“-Studie der Universität Bielefeld, die seit vielen Jahren im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung rechtsextremse und demokratiefeindliche Einstellungen untersucht, konnte hingegen Erfreulicheres berichten: So habe das Vertrauen in die Demokratie insgesamt zugenommen, doch gebe es Graubereiche, in denen sich die gesellschaftliche Mitte nicht eindeutig positioniere oder abgrenze. Die Autoren sehen in ihr vielmehr – so der Titel der Studie – „die geforderte Mitte“.[2] Zwar sehe sie sich mit einem antidemokratischen Populismus konfrontiert, doch lasse sich beobachten, dass die Ablehnung des Antisemitismus insgesamt abgenommen habe. Im Blick auf die Corona-Demos stellte Andreas Zick, Co-Herausgeber der Studie, fest: „In den Zeiten der Pandemie kommen auch Hetze und Gewalt aus den Reihen von Anticoronademonstrationen dazu. Es sind Demonstrationen, die für esoterische, sektiererische, fundamentalistisch friedensorientierte, selbst ernannte quer denkende, impfgegnerische, rechtspopulistische, rechtsextremistische und andere Gruppen durch Verschwörungserzählungen einen Hort des Widerstandes bieten.“[3]

Verschwörungsmythen gewinnen in Krisen- und Übergangszeiten an Konjunktur. Sie sind kein neues Phänomen. Sie sind Symptom wie auch Reaktion inmitten einer müden wie wütenden „Corona-Gesellschaft“.[4]

Im Nebel der Pandemie kamen vielfältige Verschwörungsmythen in Umlauf. „Rechtsalternative Medien“ von Ken Jebsen (KenFM), Boris Reitschuster und Esoteriker Heiko Schrang (Schrang TV) konnten zu Beginn der Pandemie enorme Zuwachsraten verzeichnen. Rechtsesoterische Verlage wie der Amadeus Verlag zählten ebenfalls zu den Profiteuren der Corona-Krise.

Die staatlich verordneten Corona-Maßnahmen trieben seit Frühjahr 2020 viele Menschen auf die Straße. So fand landauf, landab eine Vielzahl von Hygiene-Demonstrationen statt, begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot. Die Motive der Demonstranten waren oft unterschiedlich, sodass schon bald von einer bunten Misstrauensgemeinschaft die Rede war. In der Tat offenbarte sich das Spektrum der Teilnehmer als sehr heterogen: Beim näheren Hinsehen fiel auf, dass unter den Demonstrierenden neben vielen unzufriedenen Bürgern, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern, Rechtsextremen und Reichsbürgern auch Esoteriker auszumachen waren.

Esoterik und Extremismus – wie passt das zusammen? Die Esoterikszene gilt herkömmlich eher als unpolitisch. Esoteriker, so die landläufige Auffassung, lassen sich meist einem linken, alternativ-spirituellen Spektrum zuordnen. Doch der Schein trügt. Es gilt zu differenzieren.

Der Journalist Andreas Speit diagnostiziert in der Bundesrepublik derzeit eine „neue Lebensreformbewegung“, die er nach der ersten (Mitte des 19. Jahrhunderts) und zweiten (ab den 1960er Jahren) als die dritte kennzeichnet: „Sie sucht nach alternativen Wegen und geht sie auch: Nachhaltigkeit, recyceln, aufarbeiten und sharen sind im Trend.“[5] Die weltanschaulich-religiöse und esoterikaffine Orientierung dieses alternativ-spirituellen Milieus kommen in Speits Buch Verqueres Denken mit Anthroposophie und Anastasia-Bewegung in den Blick. Die Berührungsflächen von Esoterik und rechtsextremen Einstellungen reichen – wie sich zeigen wird – jedoch weit darüber hinaus.

Esoterische Weltdeutungen neigen zu Verschwörungstheorien und einem Schwarz-Weiß-Denken. Sie sind gegenüber einem rational bestimmten Weltverhältnis kritisch eingestellt. Esoterik war von jeher technik-, fortschritts- und institutionenkritisch geprägt. Heutige Esoterik ist Ausdruck einer Sehnsucht nach Verzauberung inmitten einer als rational, kalt empfundenen und geheimnisentleerten Welt. Die Offenheit gegenüber stark antiaufklärerischem Gedankengut und die dezidiert „antidogmatische“ Haltung der Esoterikszene schaffen Einfallstore für extremistisches Gedankengut.

Die Entwicklungen und Angebote in der Esoterikszene habe ich seit Beginn der Pandemie intensiv und aufmerksam verfolgt. Als teilnehmender Beobachter besuchte ich mehrere Corona-Demos in München – begleitet von einem inneren Unbehagen: Die Teilnehmer dieser Querdenker-Demos hielten den Sicherheitsabstand oft nicht ein und trugen keinerlei Mund-Nasen-Schutz. Größere Protestveranstaltungen wie in Berlin und Leipzig konnte ich über mehrere, oft parallel verlaufende Live-Streams verfolgen. Zuletzt war ich am 1. August 2021 bei der groß angekündigten, von den Gerichten untersagen Querdenker-Demonstration in Berlin, wo sich 5000 Protestierende mit 2200 Polizisten ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel in den Straßenzügen lieferten.

Für aufmerksame Beobachter war von Anfang an die bunte Mischung von Esoterikern, Verschwörungsideologen und Rechtsextremisten stark irritierend, die über Transparente, Symbole und Fahnen ihrem Unmut freien Lauf ließen. Unter den Teilnehmern befanden sich auch besorgte Bürger, Eltern mit Kindern und Personen, die sich keiner der zuvor genannten Szenen zuordnen ließen. Über die Hintergründe dieses offensichtlich neuartigen Schulterschlusses von Esoterikern, Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremen wurde viel gerätselt. Es handelt sich keineswegs um ein neues oder überraschendes Phänomen. Seit mehreren Jahren lassen sich personelle Vernetzungen und Querfrontstrategien rechter Esoteriker beobachten, die jetzt in gewisser Weise Früchte tragen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Verschwörungsideologen, die in den vergangenen Monaten zunehmend das öffentliche Bild bestimmten. Kirchlichen und staatlichen Fachstellen zufolge ist der Beratungsbedarf zu Verschwörungstheorien während der Corona-Krise enorm gestiegen. Im Mai 2021 berichtete die Bundesstelle für Sektenfragen in Wien über ihre Beratungsarbeit und konstatierte dabei, dass die Betroffenen sich bereits zuvor für Esoterik und entsprechende Praktiken interessiert hätten. Manche seien darüber intensiv mit Verschwörungstheorien in Berührung gekommen. Die Bundesstelle vermutete: „Es scheint große Überschneidungen dieser Felder zu geben.“[6]

Über die Gründe für solche Überschneidungen soll es in diesem Buch gehen. Inzwischen ist eine Vielzahl an Veröffentlichungen zu Verschwörungstheorien und zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen erschienen.[7] Der Fokus wird in dieser Publikation ein anderer und auf die Berührungspunkte zwischen beiden Bereichen gerichtet sein. Infolge einer zunehmenden verschwörungsideologischen Politisierung alternativ-spiritueller Weltdeutungen ergeben sich zahlreiche Vernetzungen, Überschneidungen und Querfrontstrategien rechter Esoterik.

Rechte Esoterik ist kein neues Phänomen. Seit der Pandemie befindet sie sich wieder im Aufwind. Seit der Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 nahmen die Überlappungen zwischen der Esoterik- und der rechten Szene deutlich zu. Daran haben Verschwörungsmythen einen wichtigen Anteil. Sie bilden den Kitt zwischen rechtspopulistischen, antidemokratischen, antisemitischen Auffassungen, die, oft in codierter Sprache, verbreitet werden. Inzwischen gibt es mehrere einzelne Akteure und Gruppen, die auf dem Wege einer alternativen Spiritualität verschwörungsideologisches und rassistisches Gedankengut verbreiten. Mit der Corona-Pandemie haben sich für rechte Esoteriker neue Knotenpunkte, Allianzen sowie vielfältige Anschluss- und Verbreitungsmöglichkeiten ergeben, die von außen oft nicht zu durchschauen sind.

Dieses Buch ist aus der Perspektive eines evangelischen Theologen geschrieben. Neben Darstellung, Analyse und Kritik sollen am Ende aus christlicher Sicht orientierende und praktische Hilfestellungen zur Sprache kommen. Wie kommt es zum Schulterschluss zwischen Esoterikern und Rechtsextremen? Was verbindet sie? Welche Ziele verfolgen sie? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Kirchen, für unsere Gesellschaft und für die Demokratie?

Die vorliegende Publikation nimmt die wichtigsten Akteure in den Blick und geht den Vernetzungen und Querfrontstrategien nach. Daraus ergibt sich ein facettenreiches wie auch erschreckendes Panorama einer Gedankenwelt von esoterischen „Überwissern“, die sich innerlich vom demokratischen Konsens verabschiedet haben und mit einer Strategie der Verunsicherung das Vertrauen in demokratische Institutionen und deren Repräsentanten nachhaltig zu erschüttern suchen. Rechtsesoterischen Verschwörungsideologen sollte nicht das Feld öffentlicher Deutungen überlassen werden. Hierzu bedarf es Information, Widerspruch und nachhaltiges Engagement für eine wehrhafte Demokratie. Es wäre falsch verstandene Toleranz, teilnahmslos dabei zuzusehen, wenn rechte Esoteriker über Vernetzungen und weitgehend unbemerkt Seit’ an Seit’ mit Demokratiefeinden das „verhasste System“ stürzen wollen.

Die Corona-Pandemie ist kein Fake, keine geheime „Plandemie“, sondern harte Realität. Daher ist dieses Buch meinem Sohn Dr. med. Florian Pöhlmann (geb. 1990) gewidmet. Er hat in dieser schweren Zeit, wie auch viele Einsatzkräfte des medizinischen und pflegerischen Personals, im Dienst an Corona-Erkrankten Übermenschliches, oft bis an den Rand der Erschöpfung, geleistet.

München, im August 2021

Matthias Pöhlmann

Das Verschwimmen der Grenzen

Im Nebel der Pandemie

2020/2021 – die Jahre der weltweiten Pandemie, der großen Zumutung für die Bevölkerung: Drei Lockdowns gab es allein in Deutschland. Das Covid-19-Virus und seine Mutanten hatten die Welt seit Frühjahr 2020 fest im Griff. Die Zeit damals war geprägt von harten Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie mit Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen in einem bislang nie gekannten Ausmaß. Doch schon bald regte sich Widerstand: Eine kleine, aber lautstarke Minderheit opponierte stark gegen die staatlichen Hygienemaßnahmen: Die Corona-Rebellen und Querdenker organisierten in verschiedenen Städten Deutschlands Demonstrationen. Die größeren davon fanden in Stuttgart, Berlin, München und Leipzig statt. Die sich formierende heterogene Misstrauensgemeinschaft vereinte unterschiedliche Gruppen, Akteure und Milieus. In Deutschland gab es seither knapp vier Millionen Infizierte, rund 90 000 Todesfälle und unterschiedliche, zeitlich versetzte Lockdown-Regelungen. Politiker mussten angesichts eines gefährlichen Virus verantwortliche Entscheidungen treffen, über die viel gestritten wurde. Virologen wurden zu besonders gesuchten Gesprächspartnern und Ratgebern. Daneben gab es Wissenschaftler, die Außenseiterpositionen vertraten, aber von Corona-Leugnern und Querdenkern zu maßgebenden Experten erklärt wurden. Eine alternative Gemeinschaft von „Besserwissern“ begann sich unter den Corona-Kritikern herauszubilden.

Neben Peace- und US-Südstaatenflaggen waren auch viele Reichskriegsfahnen in Berlin und Leipzig zu sehen. Sie standen für äußerst unterschiedliche Anliegen. Alt-Hippies, Impfgegner, Esoteriker, Verschwörungsgläubige, Reichsbürger und Hooligans: Wie kam es zu dieser seltsamen Melange? Warum marschierten Esoteriker neben Rechtsextremisten und Reichsbürgern? Was vereinte diese unterschiedlichen Gruppen? Die Feindbilder „Regierung“ und „Staat“ dürfte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Einen entscheidenden gemeinsamen Nenner stellten Verschwörungstheorien dar. Unterstellt wurde immer wieder, es gebe geheime Organisationen im Hintergrund, die ihre „Weltregierungspläne“ unentdeckt verfolgen. Ins Fadenkreuz der Proteste gerieten die angebliche Pharmalobby sowie Einzelpersonen, die für die Pandemie verantwortlich gemacht wurden, wie z. B. der Microsoft-Gründer Bill Gates sowie der ungarische Philanthrop und Holocaustüberlebende George Soros.

Durch die hohe Teilnehmerzahl an den Corona-Protesten bestätigte sich der Befund der Leipziger Autoritarismus-Studie 2020, „wie weitverbreitet die antidemokratische Orientierung in der Gesellschaft ist, auch wenn die Menschen keiner rechtsextremen Partei oder Organisation angehören“.[8]

Am 29. August 2020 lief in Berlin eine dieser Demonstrationen völlig aus dem Ruder: Beim sogenannten Sturm auf den Reichstag spielte Tamara Kirschbaum, Heilpraktikerin, Esoterikerin und Anhängerin des umstrittenen Yoga-Gurus Heinz Grill eine Schlüsselrolle. Sie rief auf der Bühne von Staatenlos.info, einer Reichsbürger-Vereinigung, die rund 300 Demonstranten, die überwiegend dem rechtsextremen und verfassungsfeindlichen Spektrum zuzuordnen waren, dazu auf, die Treppen des Reichstages in Besitz zu nehmen:

„Wir schreiben heute hier in Berlin Weltgeschichte. Guckt euch um, die Polizei hat die Helme abgesetzt. Vor diesem Gebäude [gemeint ist der Reichstag; MP], und Trump ist in Berlin. Die ganze Botschaft ist hermetisch abgeriegelt, wir haben fast gewonnen. Wir brauchen Masse. Wir müssen jetzt beweisen, dass wir alle hier sind. Wir gehen da drauf und holen uns heute, hier und jetzt unser Hausrecht. Wir werden gleich diese komischen kleinen Dinger brav niederlegen und gehen da hoch und setzen uns friedlich auf die Treppe und zeigen Präsident Trump, dass wir den Weltfrieden wollen und dass wir die Schnauze gestrichen voll haben. Wir haben gewonnen.“[9]

Kurz darauf setzten sich die Anwesenden in Bewegung und erklommen schnell die Treppe vor dem Reichstagsgebäude. Ganz vorne mit dabei waren der antisemitische und rechtsextreme „Volkslehrer“ Nikolai Nerling und das Mitglied der Organischen Christus Generation (OCG), Matthäus Westfal. Beide Videoblogger filmten die dramatischen Ereignisse vor dem Reichstag.

Verschwörungsideologien bieten Berührungspunkte und Überschneidungen von rechtsesoterischem Gedankengut mit extremistischen Haltungen. Als Extremismus werden in der Regel Einstellungen und Bestrebungen bezeichnet, die sich am äußersten Rand des politischen Spektrums bewegen und den demokratischen Verfassungsstaat ablehnen. Wichtige Kennzeichen sind:[10] ein Freund-Feind-Denken, ein stark ausgeprägter ideologischer Dogmatismus und ein hohes Missionsbewusstsein, das Meinungspluralität und unterschiedliche Interessenslagen ablehnt. Ein wichtiges Kennzeichen für eine extremistische Haltung ist auch die Akzeptanz von Verschwörungstheorien. Auf dem Feld des gefühlten und öffentlich lautstark artikulierten Unbehagens lassen sich mehrere Akteure beobachten. Sie unterscheiden sich im Blick auf Professionalität und Vehemenz. So verbreitet der Sasekismus – d. h. Ivo Saseks Initiativen wie Organische Christus Generation und Kla.TV – seit Jahren Verschwörungstheorien. Mittlerweile haben dessen Vernetzungsaktivitäten stark zugenommen, die Hintergrundarbeit wurde systematisch ausgebaut. Dabei greift Sasek auf Elemente von QAnon zurück, eine digital auftretende Konspirationsbewegung aus den USA, in der eine Vielzahl unterschiedlicher antisemitischer Verschwörungsnarrative gebündelt wird. Hinzu kommen einzelne Protagonisten rechter Esoterik, die personell gut vernetzt als verschwörungsgläubige Superspreader in Erscheinung treten. Mit den Aktivitäten der Querdenker-Bewegung wurden Verbindungslinien sichtbar, die zuvor in der Öffentlichkeit unbemerkt blieben.

Die rechte Esoterik und ihr querfrontstrategischer Einfluss wurde in der Medienberichterstattung und in der Politik bis vor der Corona-Krise meist unterschätzt. Spätestens seit den Anti-Corona-Demonstrationen und nicht zuletzt durch die Querdenker-Bewegung lassen sich unter den wichtigen Akteuren personelle Vernetzungen zwischen Esoterik und Extremismus beobachten.[11] Dort zeigte sich eine ebenso seltsame wie bislang nicht gekannte Mischung. So versammelten sich „Corona-Rebellen“ in München zu sogenannten Meditations-Demonstrationen. Unter den Teilnehmern fanden sich Waldorflehrer, 5G-Mobilfunk-Kritiker, Impfgegner, Heilpraktiker, Esoteriker und Yogalehrer: „Der vermeintlich harmlose Eindruck wird überschattet von Verschwörungstheorien und rechtem Gedankengut, die von den Teilnehmenden der ‚Hygiene-Kundgebungen‘ verbreitet werden.“[12]

Mit Beginn der Corona-Pandemie hat, besonders in den sozialen Medien, die Verbreitung antisemitischer Verschwörungsmythen stark zugenommen. Selbst Menschen, die zuvor nicht verschwörungsideologisch eingestellt waren, teilten solche Einstellungen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Bayern berichtet:

„Laut einer repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses (WJC) von 2019 behaupten 28 Prozent der sogenannten Elite (laut Studie Hochschulabsolvent:innen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100 000 Euro), Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft. 26 Prozent attestieren Juden ‚zu viel Macht in der Weltpolitik‘. Fast die Hälfte von ihnen (48 Prozent) behauptet, Juden verhielten sich loyaler zu Israel als zu Deutschland. Der WJC ließ dafür zweieinhalb Monate vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an Yom Kippur 2019 1300 Menschen befragen.“[13]

Welchen Einfluss und welche Wirkungen Verschwörungserzählungen auch in sozialen Medien haben, konnten wissenschaftliche Untersuchungen nachweisen. Fast 40 Prozent der Kommunikation der rechtspopulistischen Akteure bei Facebook und Telegram weisen nach einer Passauer Studie[14] während der Pandemie einen Bezug zu Verschwörungsmythen um das Coronavirus auf. So erzeugen sie ein gut vernetztes Paralleluniversum. Viele befürchten die Etablierung einer neuen Diktatur, die Abschaffung der Grundrechte und die totale Überwachung und Kontrolle über den Einzelnen. Etliche der Äußerungen sind antisemitisch, antikommunistisch und gegen die Freimaurer gerichtet. Leitend bei solchen Haltungen ist eine ablehnende Haltung zur Pandemie und zum Coronavirus, das über die Hälfte der untersuchten Nutzerbeiträge als „künstlich gezüchtetes Kontrollinstrument“ betrachtet. Damit würde, so die Folgerung, die Regierung die Menschen einer totalen Überwachung und für Regierungshandeln gefügig machen wollen.

Esoterischer Verschwörungsglaube

Eine wichtige Brücke für milieu- bzw. szeneübergreifendes Gedankengut sind Verschwörungsmythen. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist zu Recht problematisiert worden. Die Literatur zum Thema ist kaum mehr zu überblicken. Im Folgenden wird im Anschluss an Nocun und Lamberty[15] der Begriff „Verschwörungsmythen“ für abstrakte Narrative verwendet. „Verschwörungsideologie“ bzw. „Verschwörungsglaube“ soll die „individuelle Tendenz, die Welt voller Verschwörungen wahrzunehmen“[16], bezeichnen. Darin gibt sich meist ein geschlossenes Denk- und Weltdeutungssystem zu erkennen, das stark vom Misstrauen geprägt ist und quasireligiöse bzw. „versektete“ Muster erkennen lässt. Der Begriff „Verschwörungsglaube“ eignet sich, um den für die Anhänger solcher Überzeugungen ideologischen, quasi-religiösen, sinnstiftenden Kern aufzuzeigen. Verschwörungsglaube erlebt gerade in Übergangs- und gesellschaftlichen Krisenzeiten eine Konjunktur und weist erkennbar ersatzreligiöse Funktionen auf. Er ist Ausdruck einer Sehnsucht nach einfachen Antworten (Komplexitätsreduktion) und nach Kontingenzbewältigung. Der Verschwörungsglaube kann auch als Versuch verstanden werden, dem in der Covid-19-Pandemie widerfahrenen Kontrollverlust durch die Berufung auf ein höheres Wissen jenseits des „Mainstream“ zu begegnen. Gepaart ist dies mit einem elitären Selbstverständnis, das sich gegenüber der großen Masse, den Nichtwissenden – den „Schlafschafen“ – abgrenzt. Er ist geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Politik, Medien und Religion sowie einer dualistischen Weltsicht. Er ist untrennbar mit Sündenbocktheorien verbunden, die den Schuldigen, d. h. hier die eigentlichen Feinde und Drahtzieher des Unglücks, klar benennen zu können glauben: aktuell lebende reiche Einzelpersonen (insbesondere die US-amerikanischen Unternehmer Bill Gates und George Soros), die „Finanzelite“, die Pharmaindustrie, tatsächlich existierende (Geheim-)Organisationen (Freimaurer, Bilderberger) bzw. fiktive Gruppen (Illuminaten, Graue, Reptiloiden) oder – als gängiges antisemitisches Stereotyp – „die Juden“.

Nach einer im Juni 2021 veröffentlichten Studie glaubt rund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland an Verschwörungsmythen.[17] Jeder Fünfte, das sind rund 23 Prozent der Befragten, geht von einem großen Einfluss geheimer Organisationen auf politische Entscheidungen aus. Ebenfalls jeder Fünfte (20,5 Prozent) meint, Politiker und andere Entscheidungsträger seien Marionetten dahinterstehender Mächte, oder Medien und Politik machten gemeinsame Sache. Besonders interessant ist der Befund, wonach knapp ein Drittel (32,3 Prozent) der Befragten eine wissenschaftsfeindliche Haltung vertritt und angibt, den eigenen Gefühlen mehr zu vertrauen als sogenannten Experten. Frauen glauben etwas mehr als Männer an Verschwörungserzählungen. Besonders Erwachsene zwischen 31 und 60 Jahren (26,6 Prozent) und über 60-Jährige (24,8 Prozent) glauben an Verschwörungen; Ostdeutsche (32,8 Prozent) sind für Verschwörungsmythen empfänglicher als Westdeutsche (20,3 Prozent). Lamberty und Rees betonen, dass infolge der Pandemie die Zahl derer, die an Verschwörungen glauben, in den beiden vergangenen Jahren nicht eklatant gestiegen sei. Es könne „aber sein, dass sich der Glaube an Verschwörungserzählungen in einzelnen Gruppen verstärkt hat und für sie handlungsleitender geworden ist“.[18] Ebenso sei die Bereitschaft gewachsen, Gewalt bis hin zu Terrorakten als legitimes Mittel im Kampf gegen die angeblich bedrohlichen Mächte anzuwenden.

Neuere Studien haben die Verbindungslinien zwischen Esoterik und Verschwörungsmythen herausgearbeitet. Es sind im Anschluss an Barkun[19] vor allem drei Grundannahmen, von denen Esoteriker und Verschwörungsgläubige gleichermaßen ausgehen:

„Nichts passiert durch Zufall.“

„Nichts ist, wie es scheint.“

„Alles hängt mit allem zusammen.“

Hinzu kommen strukturelle und inhaltliche Übereinstimmungen: Vertreter der modernen Esoterik sind häufig anti-institutionell eingestellt, was ihr Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Medizin, Religion und Politik verstärkt. Sie neigen zu einem ausgeprägten Irrationalismus, indem sie sich auf ein vermeintliches, auf intuitivem Wege gewonnenes Überwissen[20] berufen, was zu einer verschwörungsesoterischen Weltsicht führt. Daraus ergeben sich Analogien zum Verschwörungsglauben:

Beide Positionen wollen Antworten auf die Frage nach dem tieferen Sinn des Weltgeschehens geben.

Das Verhältnis zur Welt ist distanziert und von Misstrauen geprägt.

Leitend ist der Anspruch, über ein spezielles geheimes oder höheres Wissen zu verfügen (Neo-Gnosis).

Mit diesem höheren, elitären Erkenntnisanspruch grenzen sich beide von der angeblich nichterwachten, „schlafenden“ Masse ab.

Daraus resultiert in beiden Fällen eine dualistische Weltsicht, die klare Trennlinien zwischen innen und außen zieht.

Das Dunkle, Böse, Bedrohliche wird als Resultat des Nicht-Erwachtseins gedeutet.

Beide sind offen gegenüber parawissenschaftlichen, angeblich von Interessengruppen oder vom „Mainstream“ unterdrückten, geheimen und alternativen Wirklichkeitsdeutungen.

[21]

Sie entfalten im persönlichen wie weiteren Umfeld missionarische Aktivitäten.

Eine neuere sozialpsychologische Untersuchung erblickt in der modernen Esoterik einen „Motor für Verschwörungserzählungen“.[22] Die Autorinnen Nocun und Lamberty konstatieren in Einzelfragen, vor allem im Umgang mit sozialen Problemen, wichtige Übereinstimmungen zwischen verschwörungsgläubigen und esoterischen Denkmustern.[23] In der Frage des Umgangs mit der bedrohlichen Außenwelt zeigt sich jedoch ein Unterschied: Während Esoteriker von höheren Mächten, Energien und Kräften ausgehen, die man mit individueller spiritueller Bewusstseinsarbeit im kosmischen Prozess zu steuern meint, messen Verschwörungsgläubige innerweltlichen Akteuren übermenschliche Kräfte zu, deren Macht durch Erkenntnis ihrer dunklen Machenschaften eingedämmt oder ganz genommen werden kann. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten entspringt dem wachsenden Unbehagen an einer unüberschaubar gewordenen Welt:

„Die überfordernde Komplexität des gesellschaftlichen Lebens lässt sich mit einem manichäischen Weltbild reduzieren – also indem man eine eindeutige Aufteilung in Gut und Böse vornimmt. Im Verschwörungsdenken ist das Böse allerdings durch Projektion auf bestimmte Gruppen personifiziert, während es im Esoterischen […] eher als allgemeines Prinzip verstanden wird, das auf die ‚böse deformierende‘ Gesellschaft – im Gegensatz zur ‚guten Natur‘ oder zum Schicksal – projiziert wird. Vor allem (neu-)rechte esoterische Strömungen pflegen zudem das Narrativ einer modernitätskritischen, teilweisen gegenkulturellen Opposition zu einem ‚Establishment‘, das – getrennt von jeglicher Verbindung zu ‚alten Werten und Weisheiten‘ – nur noch der Vernunft verfallen ist.“[24]

Esoterik und Verschwörungsmythen sind ein Zwillingspaar. In beiden artikuliert sich ein Unbehagen an der Realität. Treffen Esoterik und Verschwörungsmentalität an Orten wie den Protesten gegen Covid-19-Maßnahmen aufeinander, erwächst ein Gefahrenmoment. Das geteilte, hoch emotionalisierte Unbehagen wird regressiv und autoritär bearbeitet, womit eine „Querfront“ gebildet wird. Daraus kann sich infolge der weltanschaulich-religiösen Vermischung des Anliegens eine nicht unerhebliche problematische Konsequenz ergeben: „Die geteilten Grundüberzeugungen ‚Nichts passiert durch Zufall‘, ‚Nichts ist, wie es scheint‘ und ‚Alles ist miteinander verbunden‘ könnten dann politisch aufgeladen und im Sinne von antidemokratischen, rechtsextremen oder antisemitischen Denkmustern interpretiert werden. Die Rebellion gegen Covid-19-Maßnahmen wäre dann keine demokratische, widerständige oder antiautoritäre, sondern lediglich eine pseudoantiautoritäre Rebellion.“[25] Das Wiederaufleben von Verschwörungsglaube und rechter Esoterik kann auf gesellschaftliche Dissonanzerfahrungen von Menschen zurückgeführt werden.[26] Angesichts beschleunigter Veränderungsprozesse finden Verheißungen von Harmonie und Eindeutigkeit deshalb große Resonanz, weil gelernte Ansprüche und Erwartungen der Menschen durch die Wirklichkeit infrage gestellt werden. Dies führt dazu, dass Informationen zurückgewiesen und Beweise abgestritten werden, die die eigene Sichtweise verunsichern könnten: „Es liegt im Mechanismus der Vermeidung von Dissonanzerfahrungen begründet, dass Verschwörungstheorien (‚der große Austausch‘), Feindlichkeit gegen Fakten, Medien und Wissenschaft (‚Lügenpresse!‘), ‚alternative‘ Medien und alternative politische Angebote größeren Zulauf erfahren. Die Anomischen [sc. die gesellschaftlich nicht Integrierten; MP] weisen die Gegenwart zurück, um den Glauben an die Erwartungen der Vergangenheit aufrechterhalten zu können.“[27]

Dazu dienen innerhalb der Esoterik „alternative esoterische Fakten“ sowie die Berufung auf ein höheres, absolutes Wissen, das angeblich unmittelbar, unverfälscht durch sensitive Personen übermittelt werde. Oder aber durch den individuellen Durchbruch zur Innenwelt, weil „die Wahrheit da draußen“ als uneindeutig, kompliziert und zutiefst verunsichernd empfunden wird. Als alternative, dezidiert esoterische „Wissensgeschichte“ schafft man sich so einen eigenen Überzeugungskosmos, der durch immer neue esoterische Erkenntnisse und alternativ-spirituelle Wissensgeschichten selbstreferenziell ausgestaltet wird.

Corona-Proteste als Hotspots für Verschwörungsmythen

Besonders deutlich kam dies bei den verschiedenen Corona-Protesten 2020/2021 zum Ausdruck. Sie erwiesen sich schnell als Hotspot für antisemitische Verschwörungserzählungen, die unterschiedliche Inhalte und angebliche Drahtzieher im Hintergrund präsentierten:

Der Große Austausch:

Neonazis und die Identitäre Bewegung verbreiten diese rassistische Verschwörungserzählung,

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wonach die Regierung die weiße einheimische Bevölkerung durch Migranten und Flüchtlinge austauschen bzw. ersetzen wolle. Verantwortlich dafür seien Verschwörer, die die Migration und die daraus entstehende „Durchmischung“ gezielt betreiben würden.

George Soros, Familie Rothschild:

Diese antisemitisch chiffrierte Verschwörungserzählung sieht in Einzelpersonen und im Familienverband der jüdischen Bankiersfamilie heimliche Drahtzieher für die Massenmigration in Europa. Diese Verschwörungserzählung verbreitet das

Compact-Magazin

des Verlegers Jürgen Elsässer. Seit März 2020 wird die Compact-Magazin GmbH als Herausgeberin der monatlich erscheinenden Zeitschrift

Compact – Magazin für Souveränität

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vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ einer rechtsextremistischen Bestrebung eingestuft.

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Pharma-Industrie und Impfkartelle:

Verschwörungserzählungen entspringen einem tiefen Misstrauen und sind vor allem im Milieu alternativ-medizinischer Anhänger, in der Yogalehrer-

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und Esoterikszene verbreitet. Hinzu kommen noch verschwörungsideologische Frontstellungen gegen den Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes und der Künstlichen Intelligenz.

Das Aufkommen der Verschwörungsmentalität hängt mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zusammen. Der enorme jährliche Wissenszuwachs der Menschheit führt zwar zu Fortschritt. Doch es gibt eine Kehrseite: Menschen, die hinter diesen wissenschaftlichen und kulturellen Veränderungen zurückbleiben: „Dadurch entstehen Spannungen, die das Ressentiment entfesseln. Hinter dem antiaufklärerischen Backlash stehen die Verklärung der Vergangenheit, der irrationale Hang zur Mystik und das rücksichtslose Einfordern der eigenen Interessen und Privilegien auf Kosten anderer.“[32]

Im Sog der „Plandemie“

Mit den Protesten in der Corona-Pandemie, die von vielen Demonstranten als „Plandemie“, d. h. als inszeniertes Schauspiel gedeutet wird, hat sich gezeigt, wie fließend die Übergänge zwischen Esoterik, rechtsoffenen Überzeugungen und verschwörungsideologischem Denken sein können.

Anthroposophische Überwisser

Die esoterische Anthroposophie Rudolf Steiners (1861–1925) und ihr Praxisfeld, die Waldorfpädagogik, gerieten während der Pandemie in die Kritik. Im April 2021 berichtete Die Zeit über Abgrenzungsprobleme von Waldorfschulen gegenüber verschwörungsgläubigen Haltungen: „Dass ein Teil der anthroposophisch geprägten Lehrer und Eltern Einstellungen pflegen, die konträr zu naturwissenschaftlichen Fakten stehen und demokratische Entscheidungsprozesse nicht anerkennen, wurde selten so deutlich wie in den Monaten der Pandemie.“[33] Die Nähe des esoterischen, anthroposophischen „Überwissens“, das Steiner als „Geisteswissenschaft“ bezeichnet hatte, führe zu stark wissenschaftskritischen Haltungen: „Die Pandemie hat Waldorfschulen an vielen Orten zu einem Kampfplatz gemacht. Staatliche Vorgaben stoßen hier nicht selten auf erbitterten Widerstand. Eltern, die sich verantwortungsvoll verhalten und ihre Kinder von der Notwendigkeit der Hygiene- und Schutzmaßnahmen überzeugen, sehen sich plötzlich Menschen gegenüber, die ihnen mit einer kruden Mischung aus esoterischer Wissenschaftsfeindlichkeit, anthroposophischem Karmadenken, Biologismus und rechtsaffinen Verschwörungserzählungen begegnen.“[34] Dabei wird auch auf Waldorflehrer verwiesen, die als Sprecher bei Querdenker-Demos auftreten, sowie auf netzwerkförmige Verbindungen von anthroposophischen Pädagogen zu Querdenker-Initiativen wie Anwälte für Aufklärung und Klagepaten. Schon vor Jahren wurde auf Verbindungslinien und personelle Überschneidungen zwischen anthroposophischer Orientierung und rechtsaffinem Verschwörungsglauben hingewiesen.[35] Bei der öffentlichen Impfkritik übt die Anthroposophie, die auch Elemente der Lebensreformbewegung aufgenommen hat, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Querdenken-711 aus. Darauf hat der Journalist Dietrich Krauss unter dem originellen Titel „Wir können alles außer Impfen – Warum ‚Querdenken‘ eine Stuttgarter Vorwahl hat“[36] hingewiesen. In Baden-Württemberg ist die Impfquote gegen Masern gering. Daran habe auch die Anthroposophie maßgeblichen Anteil. Im Fall der Masern-Impfkritik wird weltanschaulich argumentiert, ein Kind müsse die Krankheiten durchstehen, womit sein Immunsystem gestärkt und die kindliche Entwicklung gefördert werde. „Dahinter verbirgt sich jedoch eine viel abgründigere These: Nach Steiner inkarniert sich das Ich des Menschen im Lauf der Zeit immer wieder in neue Leiber. Deshalb müsse man es dem Kind in den ersten Lebensjahren ermöglichen, sich durch fieberhafte Masernerkrankung quasi in seinem Leib einzurichten und diesen zu individualisieren.“[37]

Meditation und Esoterik als spiritueller Widerstand

Eine deutliche esoterische und verschwörungsgläubige Note lässt sich beim Filmprojekt Empty – Der weiße Schatten und der schwarze Schwan des Fotografen und Künstlers Kai Stuht beobachten: Stuht, der bei Querdenken-Veranstaltungen[38] auftritt, hat den dreistündigen Dokumentarfilm im Frühjahr 2021 veröffentlicht. Der Film soll „dokumentarisch“ sein, doch zeigen sich im Blick auf die Auswahl der Gesprächspartner und die erkennbare Intention des Autors nicht unerhebliche „Nebenbotschaften“: Stuht trat bei Querdenken-Veranstaltungen als Initiator der Corona-Meditationen auf.

Er bezeichnet sie in Corona-Zeiten als „Ignorance Meditation“, denn sie solle sich gegen die „Ignoranz der Politik“ richten, aber auch gegen die Ignoranz in jedem Einzelnen.[39] Im Trailer von Empty ist auch die Rede von einem angeblich kommenden neuen spirituellen Zeitalter. Im kostenlos per Stream zu sehenden Film nehmen u. a. Querdenken-711-Gründer Michael Ballweg, Ken Jebsen, der HNO-Arzt und Querdenker Bodo Schiffmann, der emeritierte Professor für Mikrobiologie und Epidemiologie sowie Mitautor des Buches Corona Fehlalarm? Sucharit Bhakdi, der Filmemacher und Autor Clemens Kuby sowie der Anastasia-Protagonist Robert Briechle[40] Stellung, der darin als „Permakulturist“ auftritt. Der Werbetext zum Film will nach eigenen Angaben Vertreter und Kritiker der Corona-Maßnahmen zu Wort kommen lassen. Tatsächlich bedient er herkömmliche Klischees einer „Meinungsdiktatur“:

„Das Virus und die politischen Maßnahmen spalteten die Gesellschaft und ließen Millionen von Menschen in ganz Europa auf die Straße gehen. Es entstand ein tiefer Graben in der Gesellschaft. Kritiker wurden als Covidioten, rechtsoffene Verschwörungstheoretiker und vieles mehr beschimpft. Es wurde zensiert und Debattenräume verengten sich. Eine Propagandamaschinerie aus Pharma-Lobbyismus fräste eine tiefe Schneise in die angstvolle Bevölkerung. Es gab nur noch ein Narrativ: Lockdown und Impfung! Alle anderen Möglichkeiten wurden diskussionslos weggewischt. […] Für die Einen eine notwendige Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie und für die Anderen der Beginn einer autokratischen Politik, gesteuert durch Großkonzerne und vielleicht auch durch Eliten wie Bill Gates. […] Trotzdem ist dieser Dokumentarfilm ein zeitgeschichtliches Werk und zeigt auf, wie das erste Jahr Corona die alte Zeit weggewischt und ein neues Zeitalter eingeleitet hat. Es wird sich zeigen, ob die Gesellschaft bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, um die kränkelnde Demokratie wieder aufzubauen und zu verbessern, oder ob wir in ein düsteres, autokratisches, digitales Zeitalter gleiten.“[41]

Stuht meditiert eigenen Angaben zufolge seit seinem 22. Lebensjahr, nachdem er von einem Guru ein Mantra erhalten habe.[42] Schon seit längerem arbeitet er mit dem verschwörungsideologischen Publizisten und Betreiber von KenFM, Kayvan Soufi-Siavash alias Kai Jebsen,[43] zusammen. Am 28. Mai 2021 teilte der Berliner Verfassungsschutz mit, dass er die Medienplattform KenFM beobachtet. Zur Begründung heißt es, dort würden Desinformation und Verschwörungsmythen verbreitet und damit die Szene der Querdenker weiter radikalisiert.[44]

Das Verschwimmen der Grenzen wird auch bei Stuhts Internet-Projekt „Ignorance“ augenfällig.[45] Ruft man im Internet die entsprechende Seite auf, so zeigt sich das Video „2021: Unsere Botschaft an die Welt“. Darin sind unter dem Motto „Die große Veränderung hat begonnen“ u. a. der Sänger und Verschwörungsideologe Xavier Naidoo, der Arzt und Esoteriker Ruediger Dahlke, Querdenker Samuel Eckert, Querdenken-Moderator Nana Domena Lifestyler, der Rechtsesoteriker Jo Conrad sowie der Verschwörungsideologe Heiko Schrang mit seinem Logo und seinem Leitspruch zu sehen: „erkennen – erwachen – verändern“. Stuhts neuestes Projekt heißt „One Million – nur der geeinte Widerstand kann die Politik verändern“: Er will ein Bündnis schmieden, das „die Demokratie neu inspirieren“ soll. Dafür sucht er eine Million Unterstützer, um eine basisdemokratische Bewegung ins Leben zu rufen.

Schulterschluss von Yogis, Querdenkern und rechten Esoterikern

Während der Corona-Pandemie hat sich ein Teil der Yoga-Szene radikalem Gedankengut und rechten Verschwörungsmythen geöffnet. Seither ist sie gespalten: „Auf der einen Seite stehen Menschen, die gesünder, gelenkiger und ausgeglichener sein wollen, gerade in diesen Zeiten. Auf der anderen steht eine laute Minderheit, die immer radikalere Meinungen vertritt. Einflussreiche Lehrer agitieren mit Verschwörungsmythen gegen die Schutzmaßnahmen, andere rufen fast unverhohlen zum Widerstand auf.“[46] So überrascht es wenig, wenn Yoga-Lehrer als Sprecher auf Corona-Demos zu finden sind, wie etwa der umstrittene Yoga-Guru Heinz Grill am 23. Mai 2020 in Heidenheim.[47] In der Yoga-Szene ist die Überzeugung von der Allverbundenheit aller Dinge leitend, wonach alles mit allem zusammenhänge. Diese Vorstellung kann wiederum gut an rechtsideologische Verschwörungstheorien anknüpfen.

Wie eng die Verbindung von Querdenken mit Vertretern der Yoga-Szene ist, dokumentieren mehrere Auftritte eines Yoga-Gurus und seiner Anhänger bei Demonstrationen in Stuttgart und Berlin. Es handelt sich um die guruistisch-neureligiöse Gruppierung Grenzenlos Menschlich, die ihr spirituelles Zentrum Ananda Ashram im württembergischen Wolfegg betreibt. Auf ihrer Internetseite wirbt sie mit Yoga- und Meditationskursen. Sie bietet dort entsprechende Ausbildungen und ein „Führungstraining“ an. Zu den Inhalten heißt es: „In dem Führungstraining lernst du, in deinem innersten Selbst zu verweilen, deiner Welt zu dienen und andere auf dem Pfad des universalen Wohls zu führen. Du lernst, deinen Geist und deine Gefühle zu kontrollieren, Menschen und Dinge tief zu verstehen, kompetent zu führen und vieles mehr.“[48]

Bei den Querdenker-Demos boten sie Meditationen und Mantra-Singen mit Michael Moritz alias Dada Madhuvidyananda an. Mit ihm brach der Fotograf Kai Stuht am 1. Mai 2021 von München aus zu einer mehrwöchigen „Meditationstour“, einer „spirituellen Wanderung“, nach Berlin auf.[49] Das entsprechende Werbevideo wurde über den Videokanal von Querdenken verbreitet.

„Dada“ bezeichnet sich als Schüler des Yoga-Meisters Prabhat Ranjan Sarkar alias Shrii Shrii Anandamurti (1921–1990), der 1955 die guruistisch-neureligiöse Gemeinschaft Ananda-Marga in Indien gegründet hat. Die deutsche Vereinigung Ananda Marga Pracaraka Samgha e. V. distanziert sich auf Nachfrage jedoch von „Dada“ und betont, dass es keinerlei Kooperation, weder mit der internationalen Bewegung von Ananda Marga noch mit deren deutschem Zweig, gebe.

„Dada“ ist Yoga- und Meditationslehrer sowie auch Gründer und Leiter der Kleinstpartei Menschliche Welt[50] mit Sitz in Berlin. Sie soll insgesamt 600 Mitglieder weltweit zählen. Weltanschaulich setzt sich die Partei nach eigenen Angaben für einen „allumfassenden Humanismus“ ein, insbesondere „für Friedenspolitik, die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und eine Gemeinwohlwirtschaft“. Die Partei machte sich in ihrem Wahlprogramm von 2019 u. a. für die starke Förderung von „alternativen Heilverfahren wie Akupunktur und Homöopathie“ sowie von „Vorbeugungs- und Gesundheitsprogrammen wie z. B. Yoga und Qi Gong“ stark.[51] Den Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes lehnt sie ebenso ab wie die gebührenpflichtige Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Partei „Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklichsein aller“ trat 2019 bei der Europawahl an und erreichte in Deutschland lediglich 0,1 Prozent. Abenteuerliche historische Vergleiche sowie ein typisches Freund-Feind-Denken scheinen für die Mitglieder des Ananda Ashrams kein Problem zu sein. Am 29. April 2021 sah sich Dominik Laur in einer ähnlichen Situation wie vor dem Untergang der DDR:

„Heute, etwa 30 Jahre später, befinden wir uns wieder in einer Phase der Verlangsamung. Unsere Gesellschaft wurde buchstäblich und gezielt Richtung Stillstand geführt. Schädliche Kräfte haben sich während der vergangenen Jahrzehnte bedeckt gehalten und ihre Kräfte gesammelt. Nun sind sie in Bewegung und wir, die fortschrittlichen Kräfte, verharren in scheinbarem Stillstand. Der eine Fuß steht, während sich der andere bewegt. Nun ist die Zeit für uns gekommen, um unsere Kräfte zu sammeln für den Tag, an dem sich die Bewegung der Gegenseite erschöpft und ihre Geschwindigkeit abnimmt. Dieser Tag wird kommen, er muss kommen. Das Leben verläuft nie gradlinig und je länger und intensiver eine Bewegung ausfällt, desto stärker wird ihre Gegenbewegung. Der nächste Schritt wird unser Schritt. Unsere Gegner wollen uns Richtung völligem Stillstand zwingen, unsere Antwort wird die völlige Befreiung sein. Der nächste Schritt wird entscheidend, und er wird kommen. Er muss.“[52]

Solche Deutungen passen zum Weltempfinden rechter Esoteriker. Nicht zuletzt deshalb hatte Jo Conrad den deutschen Leiter „Dada“ mehrmals (2014 und 2019) in die Sendung bei Bewusst.tv eingeladen, wo er ausgiebig seinen spirituellen Ansatz und die entsprechende Praxis vorstellen durfte.

Die Versprechen der Yoga-Ausbildungen im Ananda Ashram klingen deutlich überzogen: Darin könne man angeblich „das unendliche, göttliche Bewusstsein in sich und allem erkennen“. So erlerne man auch, „Krankheiten und Beschwerden selbst zu heilen“, „Leiden zu beseitigen“ und die eigene „Welt konkret zu verbessern“.[53] Bei der Querdenken-Großdemo am 3. April 2021 in Stuttgart boten Mitglieder von „Dadas“ Ashram zu Beginn auf der Bühne eine Meditation mit Mantra-Rezitation an. Sie sollte, wie Mitglied Dominik Laur auf offener Bühne erklärte, dabei helfen, alle gesetzten Ziele zu erreichen: „Das reine Bewusstsein in uns, die unendliche Güte in uns, hat die Kraft, alles zu erreichen, was wir uns vornehmen. Mit ihr haben wir diese Kraft.“[54]

Dieses Omnipotenz-Mantra ist Ausdruck und Symptom vieler hyperindividualisierter Querdenker, denen es vorrangig um ein ichbezogenes Freiheitsdenken geht. Verantwortung gegenüber anderen, Rücksichtnahme und echte Mitmenschlichkeit gegenüber Corona-Gefährdeten finden dagegen in diesen rein selbstbezogenen Meditationen keinen Platz.

„Deutschland, wach auf!“ als Esoterik-Mantra