Reiterhof Dreililien 4 - Der Sommer im Tal - Ursula Isbel - E-Book

Reiterhof Dreililien 4 - Der Sommer im Tal E-Book

Ursula Isbel

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Beschreibung

Spannend und romantisch – vierter Teil der beliebten Pferdebuchreihe!Neue Abenteuer warten auf Nell: Ihr Freund Jörn verlässt den Reiterhof und beginnt mit dem Zivildienst. Helge, der neue Pferdepfleger, ist so gar nicht Nells Typ. Ständig sucht er Streit und ist beleidigt. Was ist nur mit ihm los? Hat er ein Geheimnis? Und warum hat er eine Straftat begangen? Zusammen mit ihren Freunden begibt sich Nell auf Spurensuche in Helges Vergangenheit und findet bald einiges heraus...Mit dem Umzug aufs Land ändert sich Nells Leben komplett: Neue Umgebung, neue Freunde, neue Liebe. Auf dem Reiterhof Dreililien entdeckt der Teenager ihre Leidenschaft für Pferde und findet in Jörn, dem Sohn des Reiterhofbesitzers, ihre erste große Liebe. Im Laufe der zehn Bände, die sich über vier Jahre erstrecken, erlebt Nell so manche Abenteuer, Hindernisse und Turbulenzen auf Dreililien.

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Seitenzahl: 170

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Ursula Isbel

Reiterhof Dreililien 4 – Der Sommer im Tal

Saga

Reiterhof Dreililien 4 – Der Sommer im TalCopyright © 1995, 2019 Ursula Isbel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726219616

1. Ebook-Auflage, 2019 Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Verschwenderisch war der Frühling in unser Tal eingezogen. Schlüsselblumen, Buschwindröschen und Veilchen blühten und verblühten auf den Wiesen. Im Wald gab es Maiglöckchen an heimlichen Stellen, die nur Jörn und Matty kannten, und am Bachufer leuchtete das Gelb wilder Schwertlilien. Aus dem Garten des Kavaliershäusls schickte der Flieder Duftwolken zu meinem Fenster hinauf, und im Wald schrie unermüdlich der Kukkuck.

„Herrje, ist das schön, man hält es fast im Kopf nicht aus“, sagte Jörn eine Woche vor Pfingsten zu mir, als wir gerade ein Stück morschen Koppelzaun ausbesserten, dem der Winter und die regnerischen Apriltage endgültig den Rest gegeben hatten. Er ließ den Hammer sinken und sah zum Waldrand hinüber, wo Trollblumen im hohen Gras blühten und das junge Laub der Buchen in der Sonne leuchtete.

„Ja“, sagte ich träumerisch. „So ungefähr stelle ich mir das Paradies vor – oder die Elysischen Felder, der Ausdruck paßt besser.“

Jörn lachte. „Bloß ohne kaputte Koppelzäune. Und ohne Geldsorgen. Ohne Büffelei fürs Abitur . . . Ach, es müßte vieles anders sein, Nell.“ Jetzt war sein Gesicht wieder ernst – sein schmales Gesicht, das ich so liebte, mit den tiefliegenden blauen Augen unter dem blonden Haar, das vom indianischen Stirnband zurückgehalten wurde.

Schweigend arbeiteten wir weiter. Ich hielt die neuen Pfosten, er trieb sie mit kräftigen Hammerschlägen in die Erde. Dann nagelten wir die Querlatten daran fest.

Ich wußte, wie vieles ihn zur Zeit beschäftigte, daß diese Monate entscheidend für sein weiteres Leben sein konnten. Gerade jetzt stand er mitten im Abitur; er hatte den Wehrdienst verweigert und sollte im Spätsommer als Zivildienstleistender in einem Rosenheimer Krankenhaus zu arbeiten anfangen.

Leise sagte ich: „Wir werden nicht mehr so viel zusammen sein, wenn du deinen Zivildienst machst.“

Wieder ließ Jörn den Hammer sinken. „Ja“, erwiderte er ebenso leise. „Aber das wird doch nichts zwischen uns ändern?“

Ich schüttelte den Kopf. „Für mich bestimmt nicht.“

Eine Drossel sang nicht weit von uns in einem Holunderstrauch. Wir sahen uns an. Plötzlich dachte ich, daß ich eine Menge darum gegeben hätte, wenn unser Leben weiter so verlaufen wäre wie bisher, geteilt zwischen den Pferden und der Schule. Ohne Jörn würde auch Dreililien für mich nicht mehr so sein wie zuvor – nicht mehr jener Ort, der alles in sich vereinte, was ich zum Glücklichsein brauchte.

„Ohne dich wird alles anders sein“, sagte ich schwer.

Jetzt lächelte er. „Du tust ja, als würde ich nach Australien auswandern. Ich werde doch abends nach Hause kommen, und wenn ich Wochenenddienst oder Nachtdienst machen muß, kriege ich dafür freie Tage. Und mittags, wenn du mit der Schule fertig bist und ich Pause habe, können, wir uns treffen. Aber erst muß ich mal das Abitur schaffen.“

Er schnitt ein grimmiges Gesicht und schlug so heftig auf einen Pfosten ein, daß auf der angrenzenden Koppel die Pferde verwundert die Köpfe hoben und zu uns herübersahen.

„Und die Pferde“, sagte ich. „Die Reitschule! Was sollen wir ohne dich machen?“

Jörn nahm eine Holzlatte vom Leiterwagen und erwiderte: „Wir werden schon eine Lösung finden. Die Reitschule müßte jetzt so viel abwerfen, daß wir einen Ganztags-Pferdepfleger einstellen können. Vielleicht jemanden wie Mikesch, der bereit ist, für wenig Geld zu arbeiten, weil ihm der Job Spaß macht.“

„Einen wie Mikesch finden wir nicht noch einmal“, sagte ich voller Überzeugung. „Er ist ein einmaliger Glücksfall.“

Jörn grinste. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er auf meine Bewunderung für unseren Reitlehrer sauer reagiert; doch das war vorbei. Er wußte jetzt, daß ich für Mikesch nichts als Freundschaft empfand.

„Ja“, sagte er. „Mikesch ist einmalig. Wir müssen schon froh und dankbar sein, wenn wir jemanden finden, der Pferde mag und sie gut versorgt und der mit einem kleinen Gehalt zufrieden ist.“

„Einer, der gern auf dem Land lebt, statt dauernd das Gefühl zu haben, an einem gottverlassenen Ort begraben zu sein“, fügte ich hinzu.

Jörn sah mich von der Seite an. „So wie du, als du herkamst?“

„Ja, aber da kannte ich euch noch nicht! Außerdem bin ich in der Stadt aufgewachsen. Ein Mensch, der immer nur in der Großstadt gelebt hat und im Vorfrühling aufs Land kommt, wenn alles noch kahl ist und wenn’s wie aus Eimern gießt, wird wohl nicht gleich in Frohlocken ausbrechen und rundherum alles für total paradiesisch halten!“

Er griff in die Brusttasche seiner Latzhose und holte eine Portion Nägel heraus. „Du brauchst dich nicht zu verteidigen. Das war kein Vorwurf.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Aber ich verstehe mich heute selbst nicht mehr so recht.“

Es lag nun schon über ein Jahr zurück. Im Vorfrühling war es gewesen, als ich zum erstenmal nach Dreililien kam, widerstrebend und voller Vorurteile gegen das Landleben, vor allem aber gegen Kirsty, die Freundin meines Vaters. Sie hatte das kleine Haus im Tal von Dreililien von ihrer Tante Karen geerbt, das „Kavaliershäusl“, wie es hier jeder nannte. Vor langer Zeit hatte es zu dem mächtigen Vierseithof Dreililien gehört, auf dem Jörn und Matty Moberg mit ihren Eltern lebten.

Damals hatte ich mir nicht träumen lassen, daß dieses abgeschiedene Tal im Chiemgau einmal meine Heimat werden sollte, daß hier ein ganz neues Leben mit neuen Freunden auf mich wartete, mit Vater und Kirsty und meiner Schwester Kathrinchen, die erst vor vier Monaten zur Welt gekommen war. Ein Leben mit Matty und Mikesch, mit den Pferden – vor allem aber mit Jörn.

„Seltsam . . . zu denken, daß das alles nicht passiert wäre, wenn Vater Kirsty nicht kennengelernt hätte“, murmelte ich.

„Du könntest vielleicht genauso gut überlegen, was alles nicht passiert wäre, wenn du nicht geboren worden wärst“, meinte Jörn. Er richtete sich auf und beschattete die Augen mit der Hand. „Da drüben kommt Matty angeritten. Er war wohl mal wieder beim Postkasten in Mariabrunn, um die Nachmittagsleerung nicht zu verpassen.“

Ich spähte über die blühenden Wiesen. Zwischen den Alleebäumen sah ich eine Schimmelstute mit einem blonden Reiter auftauchen und gleich darauf hinter dem verwilderten Gutspark von Dreililien verschwinden.

„Er schreibt ihr noch immer jeden Tag“, sagte ich. „Ob Maja wohl in den Pfingstferien kommt?“

Jörn musterte mich erstaunt. „Das weiß ich doch nicht. Hat er es dir denn nicht gesagt? Er vertraut dir doch sonst immer alles an.“

„Nicht, wenn’s um Maja geht“, sagte ich, während wir uns daranmachten, die letzten Querlatten anzunageln. „Da ist er verschlossen wie eine Auster. Aber ich denke schon, daß sie’s irgendwie schafft, ihren Willen durchzusetzen und zu kommen, sogar wenn ihre Eltern dagegen sind. Wenn Maja sich etwas vorgenommen hat, führt sie’s auch durch.“

Maja – „das Mädchen mit den Pfefferkuchenaugen“, wie wir sie alle nannten – war während der Weihnachtsferien im vergangenen Winter zum erstenmal zum Reiten nach Dreililien gekommen. Damals hatte sie mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in der Nähe von Frankfurt gewohnt. Inzwischen war sie nach Aschaffenburg umgezogen. Sie und Matty hatten sich auf Anhieb ineinander verliebt und schrieben sich regelmäßig. In den Osterferien, als auf Dreililien die zweiten Reiterferien abgehalten wurden, war Maja wiedergekommen; und nun hoffte Matty auf Pfingsten . . .

Ich sah ihn mit Emily hinter dem Gutshof auftauchen, und es ging mir wieder einmal durch den Sinn, wie leid es mir tat, daß seine erste Liebe so schwierig sein mußte, daß sie nur aus Briefen, kurzen Begegnungen und langen Trennungen bestand.

Matty hatte uns offenbar ebenfalls bemerkt, denn er lenkte Emily über den Verbindungsweg, der zur Südweide führte. Dann schwang er sich aus dem Sattel, ließ die Stute mit schleifenden Zügeln am Wegrand zurück, wo sie eifrig an den Grasbüscheln zupfte, und kam auf uns zu.

Eine Weile blieb er neben uns stehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und beobachtete, wie Jörn die letzten Nägel einschlug. Ich musterte Matty von der Seite. Daß ihn etwas bedrückte, war klar. Er konnte sich nicht verstellen, selbst wenn er es gewollt hätte. Ich hatte ihn so gern; er war wie ein Bruder für mich, dem man Achtung und Vertrauen entgegenbringt. Auf Matty konnte man sich verlassen wie auf kaum einen anderen Menschen. Er war immer da, wenn man ihn brauchte – und ich hätte ihm so gern geholfen, wenn ich es nur gekonnt hätte. Doch ich stellte keine Fragen; ich wußte, daß ich ihn nicht drängen durfte.

Schließlich sagte er: „Die ganzen Zäune müßten neu gemacht werden. Das ewige Flickwerk bringt auch nicht viel.“

Jörn seufzte. „Was müßte nicht alles gemacht werden . . . Wenn’s danach ginge, müßten wir den ganzen Hof abreißen und neu aufbauen.“

„Den Hof abreißen?“ Ich starrte ihn an. „Das würdest du doch nie tun, oder? Ich meine, wenn du plötzlich Geld erbst oder im Lotto gewinnst, würdest du doch Dreililien nicht abreißen lassen?“

Er lachte. „Nimm doch nicht gleich alles so wörtlich! Ich würde den Hof schon so lassen, wie er ist; aber er müßte von Grund auf renoviert werden. Im übrigen brauchen wir uns gar nicht darüber zu unterhalten, weil Leute wie wir sowieso nie zu Geld kommen.“

Matty machte ein finsteres Gesicht. „Immer die gleiche Scheiße!“ sagte er. „Dauernd hängt alles vom Geld ab!“

Das war es also. Ich ließ alle vornehme Zurückhaltung fallen und platzte damit heraus: „Kann Maja zu Pfingsten nicht kommen? Geben ihr ihre Eltern das Geld für die Reiterferien nicht?“

Matty starrte zu Boden. „Sie geben es ihr nicht, weil sie’s nicht haben“, erwiderte er. „Ihr Vater hat seinen Job verloren. Die Firma, für die er arbeitet, hat pleite gemacht.“

Jörn musterte ihn. „Oh, verdammt“, sagte er nur.

„Dann soll sie eben herkommen, ohne was zu bezahlen“, fuhr ich dazwischen. „Wir reden mit Mikesch. Er kriegt das schon irgendwie hin.“

Matty zuckte mit den Schultern. „Daran hab ich auch schon gedacht, aber Maja will es nicht. Sie sagt, sie will keine Almosen, und daß wir das Geld auch brauchen und so . . . Ihr kennt sie ja, sie läßt sich nichts schenken.“

„Das braucht sie auch nicht“, sagte Jörn. „Sie soll herkommen und uns bei der Arbeit helfen. Dafür bekommt sie dann Reitunterricht. Wenn sie im Stall mithilft, kann sie dafür bei uns essen und wohnen. Das ist doch ein faires Angebot, oder?“

„Genau“, stimmte ich eifrig zu. „Wir brauchen jetzt sowieso dringend Hilfe, wo Jörn mitten im Abitur steckt, schreib ihr das! Hat sie Geld für die Bahnfahrt?“

Ein Hoffnungsschimmer zeigte sich auf Mattys Gesicht. „Sie wollte ursprünglich mit dem Fahrrad kommen – das war aber, ehe ihr Vater seine Kündigung bekommen hat.“

„Mit dem Fahrrad?“ sagte ich. „Die ganze Strecke von Aschaffenburg bis hierher?“

„Für Maja ist das kein Problem“, erwiderte Matty stolz.“Sie würde zwischendurch einfach in Jugendherbergen übernachten.“ Er sah sich um. „Ich bring Emily jetzt in den Stall, und dann rufe ich Maja gleich an und frage sie.“

Seine warmherzigen Augen hatten wieder das alte Leuchten. Lieber Matty! dachte ich und rief ihm noch nach: „Sag ihr, daß wir sie dringend brauchen, weil Jörn nicht mitarbeiten kann! Sie darf uns nicht im Stich lassen!“

„Den hat’s richtig erwischt“, murmelte Jörn, während er den Werkzeugkasten auf den Leiterwagen lud. „Ich hätte nicht gedacht, daß ihm das auch mal passieren könnte – meinem kleinen Bruder Matty.“

Ich sagte: „Dein kleiner Bruder Matty ist nicht mehr klein, merkst du das nicht? Er ist im Winter ein ganzes Stück gewachsen, und sein Gesicht hat sich verändert. Matty ist nur drei Monate jünger als ich. In ein paar Wochen wird er sechzehn.“

Der Kuckuck schrie aus dem Wald. Aus dem Dorf kamen verwehte Glockenklänge zu uns herüber – das Vesperläuten, wie es die Bauern hier nannten. Wir griffen nach der Deichsel des Leiterwagens und zerrten den Wagen den steinigen Pfad entlang zum Kreuzweg. Im Rattern und Knirschen der alten Wagenräder gingen alle anderen Geräusche unter.

Vor uns lag der Hof von Dreililien im Licht der Spätnachmittagssonne – die viereckige Wohnanlage, von einem Torbogen verbunden, der das steinerne Wappen mit den drei Lilien trug, die Dachtraufen in der Form feuerspeiender Drachen, die grauen, schon etwas eingesunkenen Schindeldächer. Der Innenhof mit der Linde und dem Ziehbrunnen war von Licht überflutet. Blühende Fliederbüsche nickten über das alte Gemäuer. Schwalben flogen durch die Stallfenster aus und ein, und unter einem Dachvorsprung nistete ein Wildtaubenpaar.

Wie schon so oft spürte ich auch diesmal den eigenartigen Reiz, der von diesem mächtigen Gutshof ausging. Der Hauch von Verfall schien ihn nur noch anziehender zu machen, war ein Teil von Dreililiens Zauber. Und über allem lag der herbe Geruch von Pferden – jener Geruch, der für mich untrennbar mit Dreililien verbunden war.

Ich blieb stehen und atmete tief ein. Jörn sah mich von der Seite an, lachte und sagte: „Du bist hoffnungslos romantisch, Nell.“

Ich mußte ebenfalls lachen. „Sag bloß nicht, du würdest ihn nicht lieben. Ich weiß, daß du es tust – du und Matty. Ihr liebt den Hof, mehr noch als ich.“

Das Lachen verschwand aus Jörns Gesicht. „Ich glaube schon“, erwiderte er ruhig. „Ich würde wohl immer hierher zurückkehren; ich möchte nie an einem anderen Oft leben. Dreililien ist nicht nur mein Zuhause, der Ort, an den ich gehöre. Manchmal denke ich auch, es ist ein Stück von mir. Verstehst du das?“

Langsam nickte ich. Ja, ich verstand ihn. Doch zugleich verspürte ich auch ein leises Gefühl von Traurigkeit, etwas wie Neid, weil ich selbst eine solche Zugehörigkeit zu einem Haus und einem Stück Land nie gekannt hatte.

2

Kathrinchen bekam Zähne und schrie täglich stundenlang in den jämmerlichsten Tönen. Kirsty und Vater konnten kaum noch schlafen, und ich löste das Problem, indem ich mir nachts Watte in die Ohren steckte.

„Der Mensch ist ein geplagtes Tier“, sagte Frau Hopfwieser philosophisch, die jetzt zweimal wöchentlich ins Kavaliershäusl kam, um Kirsty im Haushalt zu helfen. „Zuerst plagen einen die Zähne, wenn sie kommen, und dann plagen sie einen, bis sie wieder draußen sind.“ Und sie sah mit einem tiefsinnigen Seufzer ins Abwaschwasser.

Ich fragte: „Sie kommen doch in den Pfingstferien wieder nach Dreililien und versorgen die Reitschüler, Hopfi?“

„Ja, freilich. Hab’s schon mit dem Herrn Mikesch ausgemacht.“ Sie warf Kirsty, die im Schaukelstuhl saß und Kathrinchen stillte, einen besorgten Blick zu. „Hoffentlich können’s die zwei Wochen ohne mich auskommen.“

„Es wird schon gehen“, sagte Kirsty. „Dann ist’s eben mal nicht so sauber bei uns. Herr Alois wird selig sein, wenn er seine Knochen wieder einige Zeit unter dem Teppich vergraben kann, ohne daß sie gleich jemand findet.“

Herr Alois, Kirstys wuscheliger brauner Hund, kam unter dem Tisch hervor, als er seinen Namen hörte. Er machte ein unschuldiges Gesicht; so, als wüßte er überhaupt nicht, was ein Knochen ist, und als wäre ihm die Möglichkeit völlig fremd, irgend etwas unter einem Teppich zu verstecken.

Ich mußte lachen. „Wenn sie zu stinken anfangen, merken wir’s schon“, sagte ich.

Hopfi rümpfte die Nase. „Hunde gehören nicht ins Haus“, predigte sie. Aber keiner achtete darauf, weil sie das immer mindestens fünfmal sagte, wenn sie bei uns war. Plötzlich hörte Kathrinchen zu trinken auf, verzog das Gesicht und begann zu heulen. Ihre rechte Backe war feuerrot. Sie schrie so jämmerlich, daß es einen richtig fertigmachen konnte.

„Das arme Geisterl“, sagte Frau Hopfwieser, als Kathrinchen eine kurze Pause einlegte. Sie nannte Kinder oft „die kleinen Geisterl“. Herr Alois kratzte an der Küchentür. Wahrscheinlich wollte er in den Garten, um seine Ohren zu schonen.

Ich ließ ihn hinaus, setzte mich für eine Weile auf die Treppe vor der Haustür, Kathrinchens Jammergeschrei in den Ohren, und ließ mir die Sonne aufs Gesicht scheinen. Die Klematissterne blühten unglaublich blau an der Hauswand wie auf dem Bild eines alten Poesiealbums, und der Wind rauschte und flüsterte in der Eiche. Von Ferne schrie der Kuckuck; die Lerchen schwirrten wieder über den Koppeln wie im vergangenen Jahr. Der Sommer stand vor der Tür, mit seinem ganzen Reichtum, seiner Fülle.

Ich dehnte mich und hatte mit einemmal das Gefühl, daß dieser Sommer wie ein unermeßliches Geschenk, wie eine Kiste voller Schätze vor mir lag; mit Jörn und Matty und Mikesch, den Pferden, mit dem Heu auf den Wiesen, dem warmen Wasser des Waldteichs, den Lesestunden in der Hängematte.

Ich schleuderte meine Sandalen von den Füßen und ging barfuß durch das Gras des Gartens, das noch naß vom Morgentau war. Die erste Grille zirpte eindringlich zwischen den Apfelbäumen, und die Knospen des Kletterrosenstrauches, der sich bis zu meinem Fenster emporrankte, wurden schon dicker.

Herr Alois, der gerade im Obstgarten herumstöberte, hob den Kopf und bellte. Dann raste er mit fliegenden Ohren zur Gartenpforte. Ich drehte mich um. Diana, die gefleckte Jagdhündin von Dreililien, streckte den Kopf über den Zaun.

Wo Diana war, konnte Jörn nicht weit sein. Sie folgte ihm meist wie ein Schatten. Ich lief durchs Gras und auf den Kiesweg und merkte kaum, daß sich die kleinen Steine in meine Fußsohlen bohrten. Herr Alois zwängte sich durch die Pforte; er zeigte sich von seiner nettesten Seite. Er scharwenzelte um Diana herum, warf auffordernd den Kopf zurück und scharrte mit den Hinterpfoten, daß Gras und Steine flogen, doch sie kümmerte sich gar nicht um ihn. Sie sprang zur Begrüßung an mir hoch, und da tauchte auch Jörn zwischen den Haselnußsträuchern auf.

Ich ging ihm entgegen. „Servus, Nell“, sagte er, und als wir uns umarmten, merkte ich, wie unruhig und angespannt er war. „Heute geht’s zu Hause mal wieder rund. Meine Eltern sind in Frasdorf, und die Theres muß auf eine Beerdigung. Ich hab versprochen, schnell ins Dorf zu fahren und einzukaufen. Matty hilft Mikesch bei den Reitstunden. Kommst du mit?“

Ich hatte fast vergessen gehabt, daß heute Samstag war; an den Wochenenden gab es auf Dreililien wegen der Reitschüler immer doppelte Arbeit. Jörn hatte heute lernen wollen, das wußte ich, aber irgendwie kam fast immer etwas dazwischen, was ihn davon abhielt.

„Kann ich nicht mit dem Fahrrad fahren und für euch einkaufen?“ fragte ich hastig.

Er legte den Arm um meine Schultern. „Das ist lieb von dir“, erwiderte er, „aber du hast ja keine Ahnung, welche Riesenmengen wir brauchen. Du würdest das Zeug gar nicht aufs Fahrrad bringen. Außerdem muß ich noch schnell beim Lagerhaus vorbeischauen und fragen, ob das Kraftfutter schon geliefert worden ist. Am besten nehmen wir den Traktor und den Anhänger, dann können wir die Säcke gleich mitnehmen, falls sie da sind.“

Ich sagte: „Du, wir teilen uns die Arbeit, dann geht’s rascher. Ich kaufe ein, während du zum Lagerhaus fährst. Dann holst du mich beim Laden ab. In Ordnung?“

„Damit könnten wir eine halbe Stunde sparen, ja.“ Jörn sah sich seufzend um. „Die Erlenwiese müßte dringend gemäht werden. Hoffentlich kommt der Sepp heute noch. Im Moment hat er allerdings wohl mit seiner eigenen Heuarbeit genug zu tun.“

Sepp half auf Dreililien stundenweise als Stallknecht aus. Er hatte in der Nähe seinen eigenen kleinen Bauernhof, der jedoch nicht genug einbrachte, daß er und seine Familie davon leben konnten.

Überall nichts als Arbeit – man weiß gar nicht, wo man anfangen soll!“ sagte Jörn düster. Zuwenig Geld und zuviel Arbeit – das war das ewige Problem auf Dreililien, auch jetzt, wo das Gestüt zur Reitschule erweitert worden war. Da die Pferdezucht nicht mehr genug abwarf, hatte Herr Moberg vor fast einem Jahr beschlossen, die Pferde zu verkaufen; und um das zu verhindern, war die Idee mit der Reitschule entstanden . Nun kam regelmäßig jeden Samstag und Sonntag ein ganzer Schwung junger Leute zum Reitunterricht nach Dreililien. Diese regelmäßigen Einnahmen von den Wochenend-Reitstunden und den Reiterferien brachten gerade so viel ein, daß man auf Dreililien jetzt einigermaßen um die Runden kam. Reichtümer ließen sich dabei allerdings nicht verdienen. Es reichte nach wie vor nur für ein winziges Gehalt für Mikesch, und die längst fälligen Reparaturen an den Gebäuden mußten immer wieder verschoben werden.

Doch unser wichtigstes Ziel hatten wir erreicht: Die Pferde mußten nicht verkauft werden. Es war schlimm genug, daß Friedrich Horkheimer, der Pferdehändler, von Zeit zu Zeit auf dem Hof erschien und eines von den Fohlen mitnahm . . .

Ich murmelte: „Ich hole nur schnell meine Schuhe und sag Kirsty Bescheid. Vielleicht braucht sie auch etwas aus dem Dorf.“

Jörn nickte. „Ist gut. Ich fahre inzwischen den Traktor aus der Scheune. Wir treffen uns dann am Kreuzweg.“